Exterminismus

Ein Begriff von
E. P. Thompson
aus dem Jahre 1980

 

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 apokalypse-zur-unterhaltung-kalter-krieg-als-gesellschaftsspiel   10/25 dlf  Ausstellung in Berlin


detopia-2025:
Man kann an E. P. Thompson 1980 anknüpfen und den (seinen) Begriff modernisieren. (Begriff für Hochrüstung, Nuklearrüstung, Feindbild, Atom-Weltkriegsgefahr). Den "Drang zur Auslöschung" also. Drei Jahre später erfand Horstmann dann seinen eigenen Begriff für diesen "Drang": "Antropofugal". Die Menschenflucht von der Erde; als gäbe es eine Art Fliehkraft mit Fluchtgeschwindigkeit.
Ludwig Klages suchte ab 1913 auch nach dem tiefen Drang für die Zerstörungsarbeit des Menschen an der Erdnatur.
Bahro hat 1987 "Exterminismus" dann in einem noch breiterem Sinne benutzt, nämlich für das gesamte Industriesystem ( Industrieideologie). An ihn knüpfe ich an. Irgendein Wort braucht man.
Das neumodische Zeug gefällt mir noch nicht so gut. (Postdoom, Kollapsakzeptanz, usw.). Es kommt fatalistisch und schicksalsergeben rüber. Damit bin ich noch in der Eingewöhnungsphase.
Vielleicht erfindet man 50 Jahre nach 1980 (oder 1983) erneut einen Begriff. Eventuell gibt die Sprache auch keinen her.  "unnötig beschleunigtes Ende"? oder "frühzeitiger Tod nach verdeckter Absicht"?
Sonst sagt man ja immer "Selbstauslöschung". Aber das bringt den Eigenanteil der Denkfaulheit und passiven Hinnahme zu wenig zum Ausdruck. Um diesen Fehler das auszugleichen, wollen wir mit "Aussterbewillen" eine Art unbewusste  Absicht unterstellen - um es uns leichter zu machen, wenn wir den ganzen Unsinn dieser Welt in miterleben bzw. vom früheren Unsinn lesen und uns diesen vergegenwärtigen.


Alles, was sich heute auf diesem Planeten abspielt, ist seit langem vorausgesagt worden; es ist einge­troffen; es ist wissen­schaft­lich dokumentiert; und es wird seit Jahren darüber berichtet — in Büchern, Zeitungen und Zeit­schriften, im Radio und Fernsehen. 

Aber dies alles hat so gut wie nichts bewirkt. — Einige Seen sind sauberer geworden; einige, nicht alle. Der Ausstoß an Fluorchlor­kohlen­wasser­stoffen (FCKW) konnte reduziert werden; reduziert, nicht gestoppt. Einige vom Aussterben bedrohte Arten sind mit ge­waltigem Aufwand vorläufig gerettet worden; einige wenige unter Tausenden. 

Es findet ab und zu ein inter­nation­aler Umweltgipfel statt. Dieser führt mit schöner Regelmäßigkeit zur finsteren Entschlossenheit, daß man "die Ent­wick­lung im Auge behalten" will. Und damit hat sich's. Im übrigen nimmt das Debakel seinen Fort­gang, als sei nichts geschehen. Die Politik, die Medien und die große Mehrzahl der Bürger und Konsum­enten gehen eifrig ihrem Tagesgeschäft nach. Als ginge uns dies alles gar nichts an.

Soll einer sagen, das sei kein interessantes Phänomen. Da schaut die gesamte Population der intelli­gentesten aller existierenden Arten scheinbar teilnahmslos zu, wie ihre eigenen Lebens­grundlagen schrittweise vor die Hunde gehen. Sie macht sich noch lustig über Lemminge oder Schafe, von denen berichtet wird, daß sich schon ganze Herden ins Verderben gestürzt haben. Und scheint nicht zu bemerken, daß sie auf dem besten Wege ist, sich selbst auszurotten — nicht etwa lokal oder regional, nein, gleich weltweit. 
Etwas derart Inter­essantes ruft nach Klärung.  (Lauterburg 1998 s179)


"Drift und Drang in Richtung Dritter Weltkrieg" (C. WRIGHT MILLS, *1916 in Texas bis 1964)


Exterminismus?

Der Begriff wurde im Frühjahr 1980 von dem britischen Historiker und (besonders seither) Aktivisten der Friedensbewegung Edward P. Thompson geprägt. In seinen Arbeiten suchte Thompson die theoretische Debatte in der neuen Friedens­bewegung mit einem undogmatischen Marxismus zu verbinden. Der Sache nach, nicht im Begriff, taucht das Konzept Exterminismus zunächst in dem Pamphlet <Protest and Survive> auf (einer Ironisierung des Titels der amtlichen britischen Schrift zum atomaren Zivilschutz, „Protect and Survive"), die Thompson im Februar 1980 schrieb.

 

Provoziert durch ein "Eingesandt" (Leserbrief) des Oxforder Militärhistorikers Michael Howard an die Times vom 30.1.1980 entgegnet Thompson in einer breit bekannt werdenden Polemik, daß es nach der Aufstellung von Marsch­flug­körpern nicht mehr um einen verbesserten Zivilschutz ginge. Das Problem sei umfassender, wobei Thompson als Essayist von einer Sprachbeobachtung ausgeht: "Mysterien umgeben das Treiben der technologischen 'Alchemisten'. 'Abschreckung' ist nunmehr Normalität, und die Gehirne sind an das Vokabular wechselseitiger Auslöschung (im Original: extermination, U.A.) gewöhnt worden."

 

Unter dem Druck von Nachfragern, was genau gemeint sei, besonders aber im Dialog in der Kampagne END (<European Nuclear Disarmament>, die Abkürzung stand zugleich für das Nein zur Fortsetzung des Wettrüstens), die er im April 1980 mitbegründete, substantiierte Thompson seine Thesen. Diese erscheinen in der Mai/Juni-Ausgabe des <New Left Review> 1980 unter dem programmatischen Titel <Der Exterminismus als letztes Stadium der Zivilisation>.

Es handelt sich erneut deutlich um eine Anspielung, diesmal auf Lenins Imperialismusschrift. Thompson geht es mit seinem Konzept (was dessen rasch einsetzende breite Wirkung erklärt) um weitaus mehr als eine theoretisierende Begründung des Anliegens der Friedensbewegung der achtziger Jahre. Bei der Bildung seines Ansatzes erweist sich Thompson als stark von C. Wright Mills beeinflußt (<The causes of World War III>, 1958), besonders von der These: "Die unmittelbare Ursache des Dritten Weltkrieges ist seine Vorbereitung".

 

Der Exterminismus stellt einen Konkretisierungsversuch dessen dar, was Mills "den Drift und Drang in Richtung Dritter Weltkrieg" nennt. Thompson definiert:

"Der Begriff des Exterminismus kennzeichnet diejenigen Züge einer Gesellschaft - sie können in verschiedenen Graden in ihrer Volkswirtschaft, in ihrer politischen Ordnung und in ihrer Ideologie auftreten - die als Schubkraft in eine Richtung wirken, deren Resultat die Auslöschung riesiger Menschenmassen sein muß. Das Resultat wird die Auslöschung sein, aber es wird nicht zufällig dazu kommen (selbst wenn der endgültige Auslöser zufällig sein mag), sondern es wird aus früheren politischen Handlungen, aus der Anhäufung und Perfektion der Mittel zur Vernichtung und aus der Strukturierung ganzer Gesellschaften auf dieses Ende hin folgen."

Thompson offenbart, sorgsam genau, was ihn zum Begriff des Exterminismus führt: Indikationen von Wahnsinn. Die Binnenlogik (-Ideologie) des von ihm als Wahnsinn empfundenen atomaren Wettrüstens thematisiert er kritisch in seinen Texten.

von Ulrich Albrecht, 1997, Veröffentlicht von Oldenbourg Wissenschaftsverlag 1997
Lexikon der Internationalen Politik, Seite 138   =>> https://doi.org/10.1515/9783486788402-059


Was ist Exterminismus?

1980 schrieb Edward Thompson - der visionäre britische Historiker -, um den Widerstand gegen die <Nach­rüst­ungs>-Pläne zu begründen, seinen Essay über Exterminismus als letztes Stadium der Zivilisation.(8) Im Englischen ist Exterminismus zwar ein neues Wort, aber kein Fremdwort. Wenn man Unkraut vertilgt oder Ungeziefer ausrottet, sagt man exterminate, ähnlich den romanischen Sprachen, aus denen das Verb kommt. 

Es meint die massenhafte Vernichtung von Leben, das wir für unwert befunden haben. In diesem Sinne hat es 1958 auch Gustav Heinemann gebraucht, als er im Bundestag erklärte, man könne die Atombombe nicht eine Waffe mehr nennen: Sie sei ein Ungeziefer­vertilgungsmittel, diesmal angewandt auf Menschen.

Ich empfand gleich, daß Exterminismus nicht nur auf militärischen Overkill - auf solche Erfindungen wie die Neutronen­bombe, die nur Lebendiges vernichtet - paßt, sondern tatsächlich auf die Industrie­zivilisation insgesamt und [zwar] in sehr vielen - nicht nur materiellen - Aspekten, obgleich diese letzteren zuerst ins Auge fallen. 

Es hatte seinen Sinn, daß die Ökopax-Bewegung nicht bei den Atomwaffen, sondern bei den Atomkraftwerken und bei scheinbar noch harmloseren Anknüpfungs­punkten begann. Die Kernkraft ist nur der geile Spitzentrieb eines Krebses, der unserer Gesamt­kultur innewohnt. 

Hinter den verschiedenen Abwehrbewegungen stand unaus­gesprochen schon die allgemeine Erkenntnis: In den Regelkreis, der unsere Gattungs­entwicklung lenkt, hat sich der Tod eingenistet. Thompsons Satz von der »zunehmenden Bestimmtheit des exterministischen Prozesses«, von der »letzten Disfunktion der Menschheit, ihrer totalen Selbst­zerstörung«, kennzeichnet die Lage insgesamt. 

Mit der Verbreitung der Industrie­zivilisation hat die Zahl der Verdammten und Verelendeten unglaublich zugenommen. Es hat nie in der ganzen Geschichte so viele Opfer von Hunger, Krankheit, vorzeitigem Tod gegeben wie heute. Nicht nur ihre Zahl, sondern auch ihr Anteil am Menschheits­körper wächst. Und in untrennbarem Zusammen­hang mit dem militärischen und wirtschaft­lichen Vormarsch sind wir dabei, das nichtmenschliche Leben, d.h. die Biosphäre, die uns hervorgebracht hat, ins Mark zu treffen.     wikipedia  Knochenmark 

Will man die Exterminismus-These in Begriffen von Marx ausdrücken, kann man auch sagen, daß das Verhältnis zwischen Produktiv- und Destruktiv­kräften innerhalb unserer Praxis völlig umgekippt ist. Marx hatte, wie andere auch, die die Geschichte der Zivilisation überblickten, die Blutspur gesehen, die sich hindurchzieht, und daß »die Kultur Wüsten hinter sich zurückläßt«.9

In Mesopotamien haben sie 1500 Jahre gebraucht, um das Land zu versalzen, und es erst spät bemerkt, weil es so langsam vor sich ging. Es gab immer diese destruktive Seite, seit wir produktiven Stoffwechsel mit der Natur betreiben. Und nur weil sie überhand nimmt, sind wir jetzt gezwungen, apokalyptisch zu denken — und nicht aus Kultur­pessimismus als Ideologie. 

Ich möchte auch gleich hervorheben, daß das Problem letztlich nicht in den Perversionen liegt, nicht in den zusätzlichen Unge­heuerlich­keiten von Auschwitz und Hiroshima, von neurotischer Zerstörungslust und genossener Folter an Mensch und Tier. Es liegt in dem quantitativen Erfolg und der Richtung, die unsere Zivilisation in ihren Blütezeiten eingeschlagen hat.

Aus Rudolf Bahro 1987, Seite 27


 

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Begriff: Exterminismus