Kollaps­wissen.de

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2023   Timothy Morton - Ökologie ohne Natur    dlf  mit Audio 6 min Lesebericht Buch 2016

 

 absurd-ag.de  -  Eine Blog-Webseite aus Schweden über DL (und den Niedergang).
Scheint ein älterer Hippie zu sein. Leicht verschwörungstheoretisch, aber geht noch. (detopia-2026)

 

 

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Mehr auf detopia

Paul Chefurka  
"Kollapsologe"

Michael Dowd  
"Doompastor"

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"Post-Aufkl.-Ges"

 

 

 

detopia 2025

Das Kollapswissen aus Dresden kümmert sich weniger um die ("detopischen") Autoren, die ihre Leser dazu motivieren (wollen), den Kollaps zu bremsen - sondern mehr um die Autoren, die sich mit dem Kollaps als baldige Realität abgefunden haben - und damit 'umgehen' (lernen) wollen.

Das ist okay. Jeder hat sein's. Ich betrachte Kollapswissen aus Dresden (also aus DL) als Ergänzung zu detopia aus Zwickau. (Beide aus Sachsen, wobei ich dem Hauptstadtwissen der Vortritt gewähre.)

Ich denke, das hat seinen Grund. Dresden ist jünger als Zwickau. Vor 500 Jahren, als Dresden kaum Kleinstadt war, haben in Zwickau schon Luther und Müntzer um die Wette gepredigt   ;-)

wikipe  Dresden - Erste Besiedlung, Stadtgründung und Mittelalter  +  wikipe  Zwickau#Reformation 

Und die Zeiten haben sich gewandelt, ja gewendet - jedoch nicht bewusstseinsgewendet. Es ist heute schwerer (als 1990 als ich anfing, mein Zukunftswissen zu sammeln und zu ordnen) an Zukunft zu glauben, auf sie zu hoffen, gesellschaftlich positiv zu denken, optimistisch zu sein.

Ich fühle mich Kollmann nahe und habe wohl einen ähnlichen 'Wachstumsprozess' mitgemacht/durchlaufen. Kollmann seine Schwerpunkte finde ich richtig und sind meinen sehr nahe. (etwa: keine politische Erwachsenenbildung mehr, obwohl mal vorhanden; Zersetzungskraft der Massenmedien und Zerstreuungsmedien; Aufmerksamkeitsklau; Unterhaltungsakzeptanz; 'Biedermenschen').

Insofern ist der Wandel von detopia zur Kollapsakzeptanz korrekt - und gerecht (Wort im alten Sinne von 'richtig' und 'rechter Weg'.) Insofern freue ich mich über eine neue 'Schwesternseite' (Wort kommt mir richtiger vor als Bruderseite; vielleicht deswegen: aus der detopische Utopie wird die Zukunftsakzeptanz, also weiblich).

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aus wikipedia-2025 zu Servigne:

  • dnb  Pablo+Servigne 
    <Wie alles zusammenbrechen kann : Handbuch der Kollapsologie> / Pablo Servigne, Raphaël Stevens, 315 Seiten, 2022 im Mandelbaum-Verlag in Wien.

  • Pablo Servigne ist ein französischer Agraringenieur, Autor und Redner. Er ist bekannt als Wortschöpfer und Vordenker der "Collapsologie", "Zusammenbruchswissenschaft“.

  • Im Jahr 2002 schloss er sein Studium an der Gembloux Agro-Bio Tech ab, 2008 wurde er zum Docteur en sciences (frz.) an der Freien Universität Brüssel zum Verhalten und zur Ökologie von Ameisen promoviert. In den Folgejahren unterrichtete er an der alternativkulturellen Institution Barricade in Lüttich.

  • Ab 2010 schrieb er Beiträge für Medien. Unter anderem veranstaltete er Treffen nach der von der Umweltaktivistin Joanna Macy vorgestellten Methode „The Work that Reconnects“.

  • Seine Interessen gelten der ökologischen Transition, der Agrarökologie, der collapsologie und der kollektiven Resilienz.

  • Collapsologie
    Gemeinsam mit Raphaël Steven prägte er den Begriff der collapsologie. Diese wird definiert als "transdisziplinäres Studium des Zusammenbruchs unserer industriellen Zivilisation und dessen, was ihr folgen könnte". Der Zusammenbruch wird dabei verstanden als Folge eines Ressourcenverbrauchs, an dessen Ende die Grundbedürfnisse (Wasser, Nahrung, Wohnung, Kleidung, Energie etc.) eines Großteils der Bevölkerung nicht mehr zu einem vernünftigen Preis gedeckt werden können.

  • Servigne hält einen solchen Zusammenbruch bis zum Jahr 2030 für wahrscheinlich, der durch eine Art Domino- oder Schneeball-Effekt eintreten werde, bedingt durch mehrere Effekte zugleich: den Klimawandel, das Ende der Ölressourcen (Peak Oil), den Verlust der Biodiversität sowie die Verletzlichkeit der Finanzsysteme und der Wirtschaft. Auch Ansätze einer Green Economy könnten einen abrupten Wandel des Alltags der Bevölkerung nicht mehr abwenden.

  • Wichtig sei an diesem Punkt vor allem eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung (entraide) und des Altruismus: Überleben würden vor allem diejenigen, die miteinander kooperieren.

  • Servigne sieht Ähnlichkeiten zwischen dem Ansatz der collapsologie und einigen Ansätzen der Survival-Szene, zum Beispiel Permakultur-Projekten dieser Szene. Die collapsologie betone dabei allerdings weniger individuelle als vielmehr gemeinschaftliche Maßnahmen.

  • Servigne und sein Koautor Stevens stellen das Konzept des Kollapses in einen engen Zusammenhang zum Konzept der (gesellschaftlichen) Resilienz.

  • Kritik:

  • Von Kritikern werden die unter dem Begriff collapsologie diskutierten Betrachtungen als eine neue Ideologie interpretiert. Kritik rief auch das von dem ehemaligen Minister und Mitbegründer der französischen Grünen Yves Cochet verfasste Vorwort zu <Comment tout peut s'effondrer> hervor, in dem er zur Lösung des Problems dazu aufrief, weniger Kinder in die Welt zu setzen. Seine „reißerischen neo-malthusianischen Thesen“ stellen Servigne aus Sicht des Wissenschaftshistorikers Jean-Baptiste Fressoz in die Nähe reaktionärer Kräfte, die stets die Notwendigkeit des Kolonialismus mit drohendem Rohstoffmangel begründet hätten.

  • Der Autor Jérémie Cravatte kritisiert, Servigne und andere, die die collapsologie propagieren, würden mit dem Suffix -logie bewusst den Anschein einer Wissenschaft kultivieren, auf Kritik an ihren Grundannahmen im Widerspruch zu wissenschaftlichem Vorgehen aber nicht eingehen. Während sie richtigerweise auf Prozesse wie die Umweltveränderungen aufmerksam machten und Debatten darüber anregten, schlössen sie daraus fälschlicherweise auf einen bevorstehenden alles umfassenden Untergang. Richtig sei vielmehr, dass es immer wieder zu einzelnen Umwälzungen komme.

  • Die Vertreter einer collapsologie würden dazu einladen, einen Trauerprozess zu durchlaufen und zu einer Akzeptanz des vorgeblich Unausweichlichen zu kommen, wobei nicht klar sei, ob sich das auf das Klima, die Biodiversität, auf öffentliche Dienstleistungen oder alles zusammen beziehe. Das Bestehende werde im Rahmen der collapsologie insgesamt als nicht mehr wichtig angesehen. Der Ansatz beinhalte zwar einzelne konstruktive Elemente – etwa die Idee von Ökosiedlungen –, die jedoch nicht in ein Gesamtbild eingefügt würden. - Als positiv unterstreicht Cravatte den Ansatz, sich aus Abhängigkeiten zu lösen und eine auf (Rohstoff-)Raubbau (Extraktivismus) begründete Nationalökonomie zu überwinden.

  • Der Agrarökonom und Autor Daniel Tanuro kritisiert, das Buch <Une autre fin du monde est possible> romantisiere das Leben vormoderner Gemeinschaften und könne so allzu leicht – ohne dass Servigne dies beabsichtige – für reaktionäre Zwecke missbraucht werden. Als Beispiel führt er an, dass Servigne und andere sich unter anderem auf Mircea Eliade und Carl Gustav Jung beziehen würden, diese jedoch mit dem Faschismus sympathisiert hätten.

  • Der Ansatz der collapsologie sei in vierfacher Hinsicht fehlerhaft: er sei verengt auf den Menschen und blende das bereits eingetretenen Artensterben aus; er sei verengt auf reiche Menschen im Okzident und blende das schon jetzt zu beobachtende Leid anderer Menschen aus; er vermische bereits eingetretene Krisen mit dem sich immer weiter verzögernden Zeitpunkt des Peak Oil, und er „entpolitisiere“ die ökologische Krise.

  • Die politische Funktion des Diskurses um den Zusammenbruch sei ungewiss: So könne er Menschen für den Klimaschutz mobilisieren, andererseits aber auch die Atomenergie oder zum Beispiel das Geoengineering stärken.

  • Tanuro hält das Risiko eines Zusammenbruchs zwar für real, kritisiert aber, dass der unter dem Begriff der collapsologie geführte Diskurs die im Kapitalismus begründete Ursache dieses Risikos verschleiere. Zudem werde der Anschein erweckt, dass ein erheblicher Bevölkerungsschwund unvermeidlich sei, was zur Resignation einlade.
    Treffender und radikaler sei es, einiges dessen, was heute für selbstverständlich gehalten werde, grundlegend in Frage zu stellen.

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detopia-2025:
Habe im Netz nach dem Wort Kollapsakzeptanz gegoogt und folgendes gefunden,
aber ich kenne die Adressaten/Szene/Subkultur nicht. Und nicht, ob es eine frühere Diskussion gab.
Und es ist in Jugendsprache, Szenesprache geschrieben, mir der ich fremdele. Aber ganz gut geschrieben.
URL am Schluss.

 

 

23.05.2024   Liebe Leute,  (URL unten)

ein Gespenst geht um in der Klimaszene: das Gespenst der Kollapsakzeptanz. Alle Mächte der alten Ökobewegung haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet: Ampel und Potsdam, Pötter und Unfried, neue Grüne und alte Linke.

Denn das Klima kollabiert – like: jetzt, wir sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jetzt schon im Prozess, der begann, als wir den Makrokipppunkt des globalen Klimasystems überschritten, jenseits dessen ein “instabiler” Zustand des Systems liegt, in dem alle Aussagen a la “wir bleiben dann 17,94 Jahre über 2 Grad, dann saugen wir 560992735 Tonnen CO2 aus der Atmo, und dann wird alles wieder gut!” nur noch wie das verwirrte Gestammel eines schwarzgrünen taz Redakteurs klingen.

Und weil dem so ist, hat sich im grünen, im Klimafeld eine neue Mehrheitsströmung etabliert: die Kollapsleugner*innen. Der Kampf gegen diese neue Strategie der Verdrängungsgesellschaft, die immer mehr unsere Bewegung erfasst, muss eine Kernaufgabe all jener werden, die wissen, dass der Kampf um Klimagerechtigkeit im Klimakollaps umso wichtiger wird.

Zuerst eine kurze Bestandsaufnahme: wo stehen wir denn gerade?

Wir haben: eine gelähmte Klimabewegung die ohne funktionierende Strategie versucht, auf das irrelevante Politikfeld “Klimapolitik” Druck auszuüben, um eine zunehmend irrationale und brutale Gesellschaft dazu zu bringen, sich mit enorm großem Arbeitsaufwand fundamental selbst zu transformieren und dabei noch sehr viele Privilegien aufzugeben.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob wir je eine Chance hatten, hier was zu verschieben. Aber wenn wir sie mal hatten, dass ist dieses Möglichkeitsfenster schon ziemlich lange zu.

Jetzt brettern wir einfach weiter mit voller Fahrt (manchmal bremsen wir etwas, wenn 'ne Pandemie auf der Straße liegt, und wir darum herum oder im Schleichtempo durch sie durch müssen; und manchmal beschleunigen wir noch weiter, wie mit dem LNG-Ausbau) weiter in den Klimakollaps...

Die große Mehrheit aller Klimawissenschaftler ist sich sicher, dass wir nicht in der Lage sein werden, das 2015 in Paris vereinbarte Limit von 1,5 Grad globaler Erwärmung einzuhalten. Außerdem verzichten viele von ihnen (also genau diejenigen, die am besten wissen, welche klimatische Zukunft uns erwartet) darauf, Kinder zu bekommen, weil, Sie wissen schon: Kollaps.

Mehr als 300 Menschen sind bei Sturzfluten in Afghanistan ums Leben gekommen, die Behörden haben den Notstand ausgerufen. Sintflutartige Regenfälle in Brasiliens Rio Grande do Sul führrten zu den schlimmsten Überschwemmungen, die das Land seit 80 Jahren erlebt hat. Es gab viele Todesopfer, tausende von Familien wurden vertrieben. Meeresoberflächentemperaturen haben seit dem 4. Mai 2023 jeden einzelnen Tag Rekordwerte erreicht, und die globalen Durchschnittstemperaturen der letzten 12 Monate waren mit 1,61 °C über dem vorindustriellen Niveau die höchsten seit Beginn der Aufzeichnungen.

Und das waren nur die Nachrichten aus den ersten beiden Maiwochen 2024.

Und die berühmte Energiewende, die uns wegbringen sollte vom destruktiven fossilkapitalistischen Wachstum? Die hängt gerade extrem in den Seilen: ja, es wird immer mehr in erneuerbare Energien investiert und auch immer mehr EE-Kapazität installiert, aber es werden auch enorme Investitionen in fossile Brennstoffe und deren Infrastruktur getätigt:

Im März 2024 wurde der bisher stärkste Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre verzeichnet, was zwar einerseits auf das Klimaphänomen El Nino, aber auch auf den immer weiter steigenden Verbrauch fossiler Brennstoffe zurückzuführen ist. 2023 sah den ersten Anstieg der weltweiten Kohleverbrennungskapazitäten seit 2019. Und die großen Banken der Welt haben seit der Unterzeichnung des Pariser Abkommens Finanzmittel in Höhe von fast sieben Billionen (7000 Milliarden) US-Dollar an die fossile Brennstoffindustrie vergeben.

Kurz: Der Klimakollaps ist entweder bereits im Gange, was bedeuten würde, dass alle Aussagen vom Typ <wir werden in der Lage sein, das Klima bei XYZ Grad Erwärmung zu stabilisieren...> unwirksam sind, denn in einem kollabierenden Klima gibt es keine linearen Effekte mehr, und alle möglichen Kipppunkte werden zwangsläufig überschritten. Oder aber der Klimakollaps steht unmittelbar bevor. In diesem Fall werden das CO2 und das Methan, die sich derzeit in der Atmosphäre befinden (Methan braucht etwa 12 Jahre, um das Klima zu erwärmen, CO2 50 Jahre), zwangsläufig dazu führen, dass wir in den Abgrund fallen, während das Methan und das CO2, die wir derzeit ausstoßen werden, dafür sorgen werden, dass unser Fall eher wie ein bewusster Sprung in den Abgrund aussehen wird.

Nichts davon ist spekulativ: es ist unmöglich, es gibt absolut keine Chance (Null. Nicht eine Null-Punkt-Null-Punkt-Null-Punkt-irgendwas-Chance, sondern Null), den Klimakollaps noch zu “verhindern”.

 

Kollapsleugnen ist das neue Klimaleugnen
In diesem Kontext entsteh ab 2023 eine neue Konfliktlinie, die quer durch das Klimafeld läuft. Nicht die zwischen dem markt- und staatsgläubigen moderaten und dem eher bewegungsgläubigen radikalen Klimaflügel. Die ist im Grunde schon befriedet, weil sich auch der radikale Klimabewegungsflügel in der letzten Analyse als zutiefst staatstragend herausgestellt hat. Beim Gesetzesbruch der Letzten Generation ging es nie um mehr, als die relevanten auctoritates dazu zu zwingen, das richtige zu tun, während die Moderaten halt eher so... davon ausgingen, dass die richtige Partei in der Regierung schon das Richtige tun würde.

 

Die neue Konfliktlinie handelt, wie die ganz alte im Klimafeld – die Klimakrise findet statt: ja/nein – von der Frage der grundsätzlichen Akzeptanz der Realität. Wenn ich die entscheidende Frage, an der sich hier die Geister scheiden in Worte fassen müsste, würde ich sie so formulieren: “Haben wir noch eine (wie auch immer geartete) Chance, den Kollaps des globalen Klimasystems abzuwenden, und so eine (wie auch immer geartete) rationale Planbarkeit einer Zukunft herzustellen, die sich vom Heute vor allem dadurch unterscheiden wird, dass globale Ausbeutung und Überproduktion jetzt erneuerbar-elektrisch und nicht mehr fossil angetrieben werden?”

Diese “Cleavage”, wie die Politikwissenschaft solche Spaltungslinien innerhalb von Gesellschaften gerne nennt, ist interessanterweise eine, die quer durch die Klimabewegung läuft, und genau deswegen denen von uns, die auf die oben gestellte Frage mit “nein” antworten würden, auch die Möglichkeit bietet, mit Menschen außerhalb der Klimabubble zu reden. Denn: “Kollapsakzeptanz” ist eine Frage der emotionalen Arbeit, die geleistet wurde, um die unbequeme Tatsache des notwendigerweise kommenden Klimakollaps anzuerkennen. Mein Ex-ex-ex-Freund zum Beispiel, kein politisch besonders interessierter Mensch, beanwortete die Frage “wo in Deutschland will ich wohnen” (er arbeitet als Mann in der Jugendpädagogik, kann sich also im Grunde aussuchen, wo er hinziehen will) erst, nachdem er sich über Trockenheit, Überflutungspotenzial, etc. seiner potenziellen Wohnorte informiert hatte. Und er hat sich eine Kaminheizung eingebaut, weil er denkt, dass halt Gasnetze auch mal zusammenbrechen können.

Je mehr Wissen, desto mehr Verdrängung
Die Tatsache, dass ich über Kollapsakzeptanz mit vielen Menschen außerhalb der Klimabewegung leichter sprechen kann, als mit solchen, die sich seit Jahren, manchmal seit Jahrzehnten für Klimaschutz einsetzen, macht natürlich zuerst ein Bisschen stutzig. Dann aber denke ich daran, was ich mal über “Verdrängung” verstanden hab: dass man sich Verdrängung wirklich als physikalischen Prozess vorstellen muss. Je mehr ich über das weiß, was ich nicht akzeptieren will, desto mehr muss ich verdrängen, desto mehr vom Inhalt meines Hirns muss ich für meine Suchmaschine “off limits” stellen (denn: das verdrängte Wissen verschwindet ja nicht). Ob man sich das als ein Verstecken oder als ein Aufbauen von Mauern um das zu verdrängende Wissen vorstellt, welche Metapher auch immer wir verwenden: wer mehr weiß, muss mehr verdrängen, also mehr Energie aufwenden, weil mehr Masse verschoben werden muss. Und je mehr von dem, was ich weiß, bestätigt, was ich nicht wissen will, desto größere Bereiche meines Hirns sind dann eben off limits (zumindest, wenn ich effektiv verdränge).

Daraus lässt sich folgende These ableiten: wer einen Großteil seines Lebens in den Kampf für Klimaschutz investiert hat, während dieses Lebens viel Wissen über Klima, Klimaschutz und Energiewende angehäuft, und gleichzeitig (als Politiker*in, Aktivist*in, Journalist*in) enorme zeitliche, emotionale und andere “investments” in dieses Thema getätigt hat, für die wird es ungleich schwieriger, als für solche, die beim Klimaschutz nie “skin in the game” hatten, zu akzeptieren, dass das mit dem Klimaschutz halt nicht klappen wird.

Die nur scheinbar paradoxe Situation ist also: je mehr Menschen über “das Klima” wissen, je mehr Zeit sie in ihrem Leben für Klimaschutz gekämpft haben, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie jetzt anerkennen können, was Sache ist. Dass es keinen Klimaschutz gegeben hat, keinen gibt, und keinen geben wird; und dass der Kollaps entweder schon da, oder unausweichlich ist.
Das bedeutet, dass Kollapsleugnung quer durch das Klimafeld geht, und dieses gerade mit großer Geschwindigkeit intern zerlegt. Sie lässt sich auch nicht entlang klassischer links-rechts-Schemata abbilden, unter anderem, weil Linke seit jeher ein Problem mit der Akzeptanz von Kollaps haben, war “unser” Projekt doch eigentlich immer eines, das mit Hoffnung in die Zukunft blickte: die Idee des “Kollaps” scheint daher vielen Linken nahezulegen, dass halt einfach alles vorbei wäre, wir einfach nach hause gehen und dort heulen könnten

Fear is the mind killer
Kollapsleugnung ist also im Kern das Resultat einer Reihe verdrängter und unerkannter Ängste (btw: “unerkannt” heißt nicht “ungefühlt” - das Gefühl ist da, blockiert werden seine Wahrnehmung und darauf folgende Selbstreflexion): Angst davor, dass das eigene Lebenswerk, ob Kampf für Klimaschutz, Aufbau eines florierendes Handwerksbetriebs im Flutbereich des Ahrtals, oder auch der Aufbau einer eigenen Familie, einfach hinfällig sein könnte, wenn “Alles” den Bach runtergeht. Angst davor, dass die Zukunft nur noch dunkel aussieht, wenn man sich der Realität stellte, Angst davor, was man den eigenen Kindern erzählen soll, und wie darauf reagieren, wenn diese eine realistische Sicht auf ihre zukünftigen Lebenschancen entwickeln.
Und zuletzt natürlich Angst vor “dem Kollaps”, den man sich aufgrund des in industriell-kapitalistischen Gesellschaften existierenden impliziten Kollaps-Bilderverbots überhaupt nicht realistisch vorstellen kann und schon gar nicht will. Woher sonst kämen Aussagen wie die vom klugen Jobst Heitzig vom PIK, der auf die Frage nach dem “Kollaps des Klimasystems” mit einer recht verwirrten Aussage über den “Kollaps der Zivilisation” reagierte, und damit bewies, dass dieser kluge Klimaforscher, der sicherlich mehr über das Klimasystem und seine Kollapsdynamiken weiß, als ich, sich der Diskussion über sein Spezialgebiet verweigert, indem er eine “Aha, da sind sie wieder, die frühneuzeitlich-millenaristischen Apokalypsekulte” Ausweichstrategie fährt. Auch Jim Skea, der Chef des IPCC, war sich nicht zu blöd, dem Spiegel zu sagen, dass beim Überschreiten des 1,5 Grad Limits “die Welt nicht untergehen” würde.

Come on, Jim und Jobst: niemand redet vom bald anstehenden “Ende der Zivilisation” (what does that even mean exactly?), wir “Kollapsologen” sagen auch nicht, dass dann “ALLE STERBEN WERDEN”. Wir reden, erstens, vom Kollaps des globalen Klimasystems, also seinem Übergang von einem stabilen in einen instabilen Zustand; zweitens von verschiedenen Kollapsen in verschiedenen Systemen, die sich zu einer gesellschaftlich zunehmend abgefuckten Situation verdichten werden. Aber bevor wir darüber überhaupt reden können, müssen wir erstmal über Ängste reden...

Denn: der Klimakollaps ist eben nicht die Apokalypse. Apokalypse bedeutet nämlich Katastrophe plus Erleuchtung. Und ich erlebe gerade eher das Gegenteil von Erleuchtung.
Mit kollapsakzeptierenden Grüßen,
Euer Tadzio

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