Über die Schwierigkeit der Ursachenforschung
Grassberger-2019
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X krebserregend sei, dass Medikament Y mehr Nebenwirkungen als Wirkung habe oder dass bis zur Unkenntlichkeit verarbeitete Nahrungsmittel diese oder jene Krankheit fördern oder gar auslösen würden. Die Zusammenhänge seien zu vage, es gebe daher keinen Grund zur Besorgnis, solange die Grenzwerte eingehalten beziehungsweise die gesetzlichen Vorgaben erfüllt würden. Aber wer bestimmt diese Grenzwerte?Alle angeführten chronischen Krankheitsphänomene haben eines gemeinsam: Sie sind nicht auf eine einzige, simple Ursache zurückzuführen, sondern die Folge einer komplexen Kombination von genetischer Ausstattung und der Wechselwirkung des Organismus Mensch mit seiner Umwelt. Und das über Jahrzehnte hinweg, in vielen Fällen beginnend während der embryonalen Entwicklung.
Gerade die Vielfältigkeit an krankheitsverursachenden Mechanismen und deren Kombinations- und Potenzierungsmöglichkeiten sowie die überaus lange Zeitdauer bis zur Manifestation der jeweiligen Erkrankung machen eine befriedigende Erforschung der Auslöser nichtübertragbarer Krankheiten schwierig. Wir können in vielen Fällen nicht einfach Tiere (und schon gar nicht Menschen) einem singulären schädigenden Agens (sei es physikalisch, chemisch oder infektiös) aussetzen, um dann über einen Beobachtungszeitraum von Monaten, Jahren oder gar Jahrzehnten im Vergleich mit einer nicht exponierten Kontrollgruppe zum Beispiel auf seine mögliche Kanzerogenität schließen. Krankheiten, die ein halbes oder ganzes Menschenleben benötigen, um sich zu entwickeln, können in ihrer Komplexität mit gegenwärtigen Mitteln nicht innerhalb kürzester Zeit im Labor schlüssig erforscht werden. Und selbst wenn wir diese Möglichkeit hätten, so reagiert doch jedes Individuum mit seiner einzigartigen genetischen Ausstattung völlig unterschiedlich auf die Vielfalt der sich unter Umständen sogar gegenseitig potenzierenden, schädigenden Umwelteinflüsse. Alles, was die moderne Wissenschaft mit ihren begrenzten Möglichkeiten feststellen kann, sind lediglich Hinweise auf mögliche Zusammenhänge und molekulare Mechanismen.
Gerade diese diffuse Datenlage zur Entstehung aller komplexen Krankheitsbilder wird von den Kritikern der Studien beziehungsweise den Nutznießern des gegenwärtigen Systems (im Wesentlichen die großen finanziellen Profiteure der Agrochemischen Industrie, der Pharmakonzerne und der Lebensmittelindustrie) benutzt, um erfolgreich Zweifel zu säen. Es gebe keinen eindeutigen Beweis, dass Pestizid
Wir kennen zwar einige, in manchen Fällen sogar viele der potenziell schädigenden Mechanismen auf zellulärer beziehungsweise funktioneller Ebene, wissen auch von statistischen Zusammenhängen zwischen Umwelteinflüssen und der Wahrscheinlichkeit, an der Krankheit
X zu erkranken, können aber nicht den schlussendlich sicheren Beweis antreten. Dieses Dilemma wird sich vermutlich nicht so rasch beseitigen lassen.Genetik und Umwelt
Mit Sicherheit können wir sagen, dass sich so gut wie alle oben angeführten nichtübertragbaren Krankheiten erst innerhalb der letzten vier bis fünf Jahrzehnte zu der gegenwärtigen Epidemie hochgeschaukelt haben. Dies ist selbst dann noch zutreffend, wenn wir (korrekterweise) die verbesserte moderne Diagnostik und die erhöhte Sensibilität gegenüber den Krankheiten für einen gewissen Teil der zunehmenden Diagnosen verantwortlich machen.
Beobachten wir genetische Veränderung des Homo sapiens gewissermaßen in Echtzeit? Auch wenn eine gewisse genetische Komponente bei den verschiedenen Krankheiten eine ursächliche Rolle spielt, so kann die beobachtete, zum Teil exorbitante Zunahme nicht auf einen innerhalb weniger Jahrzehnte (das sind maximal zwei menschliche Generationen) stattfindenden genetischen »Verfall« zurückgeführt werden. Genetische Veränderungen im Rahmen evolutionärer Selektionsund Anpassungsprozesse verlaufen erheblich langsamer und machen sich in einer Population erst nach vielen Generationen bemerkbar. Eine Veränderung unseres genetischen Codes scheidet daher aus. Aber was kann sonst als Ursache infrage kommen?
Was viele meiner Studenten der Studienrichtungen Biologie und Medizin, die meisten davon Anfang zwanzig, noch nicht aus erster Hand beobachten konnten, wird jedem aufmerksamen Leser jenseits des vierzigsten Lebensjahres mit Sicherheit aufgefallen sein: Anfänglich noch schleichend, hat sich unsere Umwelt spätestens seit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in besorgniserregendem Tempo verändert.
1962 erschien der Bestseller Silent Spring von Rachel Carson, der auf die Folgen des Raubbaus an Böden und Wäldern, des rücksichtslosen großflächigen Einsatzes von Pestiziden vom Flugzeug aus, der Wirkung von Atomwaffenversuchen und die globale Gefährdung der Umwelt durch menschliche Aktivitäten hinwies.
Das Buch löste eine ökologische Revolution aus und begründete die moderne Umweltbewegung, wodurch der Stein ins Rollen gebracht wurde. Denn der Begriff »Umwelt« umfasst, bezogen auf uns Menschen, weit mehr als die (bereits damals erheblich verschmutzten) Wälder, Flüsse, Seen und Weltmeere.
Die Umwelt, mit der unsere Gene vom Zeitpunkt der Embryonalphase bis ins hohe Alter stets in Wechselwirkung stehen, umfasst vor allem unsere aus dem Boden stammende Nahrung (inklusive Verarbeitung, samt aller chemischer Zusätze), unsere Wohnungen, Arbeitsplätze und Kleidungsstücke, Kosmetika und Pflegeprodukte, die Mikroorganismen, von denen wir in unvorstellbarer Menge umgeben und besiedelt sind und die uns manchmal krank machen. Darüber hinaus zählen auch unsere optischen, akustischen und taktilen Sinneseindrücke, die Interaktionen mit unseren Mitmenschen (privat wie am Arbeitsplatz), die Vielzahl medizinischer Maßnahmen und Medikamente, die mobile elektronische Vernetzung unserer 24-Stunden-Informationsgesellschaft und unser gesamter Lebensstil im weitesten Sinne zu unserer Umwelt.
Unsere unmittelbare Umwelt hat weltweit in den letzten Jahrzehnten eine in der weit über hunderttausendjährigen Geschichte des Homo sapiens beispiellose, fundamentale Veränderung erfahren. Verdeckt von dem Credo des technologischen Fortschrittes und des wirtschaftlichen Wachstums, hat sich der Mensch unbemerkt eine zunehmend lebensfeindliche Umgebung erschaffen, für die er mit seiner evolutionären Ausstattung kaum gewappnet ist.
Über die evolutionären Grundlagen und neuesten Erkenntnisse zur komplexen Wechselwirkung unserer Gene mit unserer Umwelt und die Folgen für Gesundheit und Krankheit wird an anderer Stelle noch zu berichten sein. Zunächst müssen wir uns aber dem Zustand unserer gegenwärtigen Umwelt, insbesondere unserer Nahrung widmen. Denn ohne Nahrung kein Leben. Ohne gesunde Nahrung kein gesundes Leben.
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Unsere Nahrung: Du bist, was du isst
Ist das so? Tatsächlich ist diese Aussage aktueller denn je. Im Zeitalter von Ernährungsmedizin und personalisierter Medizin, von Epigenetik und Mikrobiom kommt der Nahrung des Menschen im neuen Jahrtausend fundamentale Aufmerksamkeit zu. Aber woher wissen wir, was wir essen sollen, welche Nahrung gesund ist und welche wir besser meiden sollten? Hier kommen die Ernährungswissenschaft, die Empfehlungen der nationalen Gesundheitsbehörden und von medizinischen Fachgesellschaften ins Spiel. Bei dem Aufgebot an Forschung und Expertenmeinungen sollten wir am Beginn des 21. Jahrhunderts doch schließlich wissen, welche Ernährung für ein langes und gesundes menschliches Leben die richtige ist. Ich nehme an, dass auch Sie aufgrund der medialen Omnipräsenz von Ernährungs- und Diätgurus mittlerweile im Bilde sind, welche Nahrungsmittel für uns Menschen als gesund und welche als weniger erstrebenswert gelten. Oder sind wir verwirrter als je zuvor?
»Ausgewogen« soll unsere Ernährung sein. Viele kohlenhydratreiche Ballaststoffe in Form von Brot, Nudeln und Reis soll unsere tägliche Nahrung enthalten. Tierische Fette wie Butter und Schmalz sind wegen der Gefahr der »Arterienverstopfung« zu meiden. Besser wären da schon pflanzliche Öle. Aber welche? Der ebenfalls Herzinfarkt und Schlaganfall verheißende erhöhte Cholesterinspiegel sollte stets unter strenger Beobachtung stehen, wobei cholesterinhaltige Nahrungsmittel wie Eier und fettes Fleisch keinesfalls zu viel (wenn überhaupt) genossen werden dürfen. Wegen Herzinfarkt und Schlaganfall. Ist der Cholesterinspiegel einmal zu hoch, sollte er aggressiv medikamentös gesenkt werden.
Kochsalz sollte nur spärlich verwendet werden, da der Blutdruck leidet und das Risiko von Hochdruckassoziierten Krankheiten wie zum Beispiel Schlaganfall zunimmt. Da das sogenannte rote Fleisch neueren Studien zufolge schließlich das Risiko für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen soll, wäre auch dieses am besten gänzlich zu meiden. Mehrmals täglich frisches Obst und Gemüse - Smoothies sind hier der letzte Schrei - wäre zu empfehlen.
So oder in leicht abgewandelter Form lesen sich aktuelle Ernährungsempfehlungen und Richtlinien beziehungsweise lautet der wohlgemeinte Rat der »Experten«. So wird es in den Schulen und an den Unis gelehrt, so steht es in den bunten Zeitungen, Lehr- und Diätbüchern. Berechtigterweise dürfen wir annehmen, dass aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und Grundlagen zu diesen Empfehlungen existieren und mit eindeutigen Ergebnissen aufwarten können.
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Aber gerade hier liegt, das wissen die wenigsten, der wesentliche Denkfehler. Es ist selbst nach Jahrzehnten der angestrengten Forschung nicht eindeutig, was »gesund« und was eher »ungesund« ist. Für fast jede Studie mit »klaren Aussagen« gibt es eine weitere mit gegenteiligem Ergebnis. Der Grund liegt häufig im sogenannten Studiendesign, im Kleingedruckten bezüglich der Untersuchungsmethodik. Aber wer liest das? Und wenn es doch einmal gelesen werden sollte, wer weiß schon, ob das alles so seine Richtigkeit hat?
Nicht wenige Wissenschaftler begehen den Fehler der sogenannten Confirmation Bias, das heißt, sie weisen (bewusst oder unbewusst) nach, wovon sie a priori ausgegangen sind.
Und schließlich gibt es noch die mächtigen Interessenverbände der Nahrungsmittelproduzenten und anderer Industriezweige, dank derer die kostenaufwendige Forschung in vielen Fällen überhaupt möglich, sprich finanziert wird. Auch viele Experten in den Entscheidungsgremien standen oder stehen im Sold mächtiger Industrieverbände. Wer hier an Abhängigkeiten denkt, ist schlicht ein Schelm.
Für die bereitwillig informierenden Medien, Schundblätter und Wissenschaftsredaktionen renommierter Zeitungen und Onlineportale gleichermaßen, spielt dies alles keine große Rolle. Man beschränkt sich auf die Zusammenfassung oder die begleitende Presseaussendung der Studienautoren. Und viele von uns Konsumenten nehmen vorschnell und unkritisch an, was plausibel und gesund klingt. Gestern Atkins, heute Paleo, morgen Vegan. Unser Diätwahn gleicht Religionen - wer nichts weiß, muss alles glauben. Das Alles-oder-nichts-Gesetz, das einfache Schwarz-Weiß-Malen hat einen betörenden Glanz. Was die Medien herausposaunen und was unser trendiges Umfeld tut, scheint richtig zu sein, also machen wir mit.
Dass etwa die gehypten Chiasamen und das sogenannte »Super-food«, die Gojibeeren, aus garantiert kontrolliertem Bioanbau irgendwo aus China stammen, glauben wir unkritisch, der lange Transportweg mit entsprechendem CO2-Abdruck interessiert die wenigsten.
Die gesunde Avocado ist im wahrsten Sinn des Wortes in aller Munde. Weil das Geschäft aufgrund der weltweit rasant steigenden Nachfrage lukrativer wird, sehen sich immer mehr Bauern dazu verleitet, statt traditionellen Feldfrüchten die allseits beliebten Avocados anzubauen. Im schlechtesten Fall kommt die Avocado vom anderen Ende der Erde aus Chile, im besten Fall aus Spanien. In beiden Fällen verschlingt der Anbau von Avocadoplantagen ungeahnte Mengen an Wasser, das gerade in den Anbaugegenden Mangelware ist. Während der Anbau eines Kilos Tomaten im globalen Durchschnitt bereits rund 180 Liter Wasser benötigt, verschlingt ein Kilo der durstigen Avocadopflanzen bis zu tausend Liter.
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Manche Avocadobauern zapfen in den trockenen Anbaugebieten sogar illegal Flüsse an, um ihre Pflanzen zu wässern. Dass dabei ganze Flussläufe versiegen, der Grundwasserspiegel ins Bodenlose fällt und die mittellose Bevölkerung am Trockenen sitzt und mit Tanklastwägen versorgt werden muss, wissen die wenigsten. Hinzu kommen die Emissionen, die beim Transport im Kühlcontainer bis vor unsere Haustüre anfallen. Die wenigsten »ernährungsbewussten« Konsumenten sind sich dieses Dilemmas im Hinterkopf bewusst, wenn sie im Supermarkt ihre nächste »gesunde« Mahlzeit auswählen. Hinter jedem Produkt steckt aber eine Geschichte, oft keine sehr erbauliche. Also blenden wir diese Gedanken aus.
Die Liste an Ernährungs- und Gesundheitstrends ließe sich endlos fortsetzen. Abgesehen von durch und durch gesundheitsbewussten Menschen scharfen es aber die wenigsten, durch ihren regelmäßigen Smoothie mit Spirulina-Algen und fettreduzierte Joghurtdrinks ihren »Speck« dauerhaft loszuwerden. Der sogenannte Jo-Jo-Effekt ist vorprogrammiert.
Dabei wäre es ganz einfach: Weniger Kalorien aufnehmen und mehr Kalorien verbrennen. So die simple Lösung, die uns bei jeder erdenklichen Gelegenheit von Ernährungswissenschaft, Medizin, Politik und den wenigen großen globalen Nahrungsmittelkonzernen vermittelt wird. Schuld an den überschüssigen Zentimetern um die Hüfte und all den damit verbundenen Gesundheitsnachteilen ist also der faule und verfressene Konsument selbst? Gegen diese Sichtweise erhebe ich energisch Einspruch! Denn der Konsument kann eine gesunde Wahl nur treffen, wenn er über die komplexen Zusammenhänge von Ernährung, menschlichem Metabolismus, Umwelt und der schleichenden Ausbildung von Krankheiten in vollem Umfang aufgeklärt worden ist und ihm gesunde Alternativen ausreichend zur Verfügung stehen. Dies ist jedoch nicht der Fall.
Die nachteiligen Entwicklungen in unserer Umwelt, die eng mit der Produktion unserer Nahrungsmittel und damit unserer Gesundheit verquickt sind, lassen sich auf eine gezielte Irreführung durch gewinn-und machthungrige Institutionen wie Agrarkonzerne, die chemische und pharmazeutische Industrie, Fertignahrungsmittelhersteller mit der Unterstützung großer Handelsketten, von Teilen der Medizin und zahlreichen anderen finanziellen Nutznießern in unseliger Verbindung mit willfährigen Politikern zurückführen. Die tatsächliche »Mitschuld« der Bevölkerung? Nichtwissen und Ignoranz sowie Lähmung durch das Gefühl der Machtlosigkeit.
Wer das Denken und Handeln anderen überlässt, in der Hoffnung, Politik (sei es lokal oder auf EU-Ebene) und Medizin würden es schon richten, begibt sich auf dünnes Eis. Weder das Zählen von Schmetterlingen noch das einseitige Politiker-Bashing oder das Knabbern von Bio-Gojibeeren aus China kann und wird die dringend notwendigen Veränderungen bewirken, die uns und auch zukünftigen Generationen gewährleisten, in bestmöglicher Gesundheit und in Frieden leben zu können.
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Wir sind, was wir essen. Von dieser später noch ausführlich zu untermauernden Prämisse ausgehend, müssen wir uns also zunächst einigen Aspekten unserer gegenwärtigen Ernährung zuwenden. Denn unser Essen muss schließlich irgendwie hergestellt beziehungsweise produziert werden. Egal aus welchem Winkel der Erde es kommt, es stammt, abgesehen von einzelnen Ausnahmen, aus der begrenzten Ressource fruchtbarer Böden unserer Erde. Seit der Globalisierung und Liberalisierung der Märkte folgt diese Produktion fast nur mehr wirtschaftlichen Gesichtspunkten. »Just follow the money«, heißt es im Englischen, wenn man sich auf die Suche nach Ursachen und Zusammenhängen machen möchte. »Geld regiert die Welt«, alles andere hat sich unterzuordnen, auch unsere Gesundheit und insbesondere die der nachfolgenden Generationen.
Eine Kalorie ist eine Kalorie?
Äußerst naiv und fernab biochemischer Realität ist die Gleichung, dass bei gleicher Kalorienaufnahme und identem Kalorienverbrauch das Körpergewicht jedes Menschen unverändert bleibt beziehungsweise dass das akribische Kalorienzählen beziehungsweise deren Reduktion, unabhängig von der Nahrungsmittelqualität, zum Abnehmen verhilft. Gerne behaupten die Hersteller zuckerhaltiger Produkte wie Limonaden oder Süßigkeiten, dass ihr Produkt »im Rahmen einer allgemein ausgewogenen Ernährung und eines gesunden, aktiven Lebensstils« kein gesundheitliches Risiko birgt. Gewinnorientierte Abspeckunternehmen, manche sind sogar in den Regalen unserer Supermärkte mit eigenen Produkten vertreten, auf denen ihr wohlklingender Name prangt, haben mit der Verbreitung dieses metabolischen Unsinns, nämlich man könne essen, was man wolle, solange man die Kalorien zähle, im Rahmen ihrer Gewichtsreduktionsprogramme ein Vermögen verdient, während unzählige frustrierte Abnehmwillige kaum langfristig ihr Gewicht reduzieren, geschweige denn ihren Gesundheitszustand nachhaltig verbessern.
Aber wer kann es den Unternehmen verdenken. Abgesehen davon, dass sie ihren Gewinn im Visier haben, genießen sie auch Rückendeckung von namhaften »Experten« aus Medizin und Ernährungswissenschaft. Anfang 2019 habe ich in einem österreichischen Standardlehrbuch der Ernährungsmedizin (neue überarbeitete Auflage aus ebendiesem Jahr) gelesen, dass Fettleibigkeit (und alle damit verbundenen Folgekrankheiten) im Wesentlichen auf eine positive Kalorienbilanz zurückzuführen sei. Also zu viel Nahrungsaufnahme bei zu wenig Bewegung. Betörend einfach. Nur leider in dieser vereinfachten Form weitgehend falsch.
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Wer diesen Unsinn verbreitet, schafft es bisweilen gar auf die Spiegel-Bestsellerliste: So schreibt etwa eine Verhaltenstherapeutin in ihrem Buch Fettlogik überwinden:
»Solange man sich daran hält, weniger Energie aufzunehmen, als verbraucht wird, nimmt man ab. Ob die 1200 oder 1500 oder 1800 kcal in Form von Schokolade, Chips und Burgern konsumiert werden oder in Form von gegrilltem Hühnchen und Brokkoli, ist für das reine Abnehmergebnis sekundär.«
Wer's glaubt, wird selig.
Kann es tatsächlich sein, dass das Dogma »eine Kalorie ist eine Kalorie« falsch ist, also »Calories-in-calories-out« gar nicht funktionieren kann? An beiden Enden des Energieaufnahmespektrums ist dieses Dogma freilich richtig: Wer sich ununterbrochen ohne jegliches Sättigungsgefühl vollstopft, wird an Gewicht, vorwiegend in Form von Körperfett, zunehmen. Wer jegliche Nahrungsaufnahme verweigert, wird selbstverständlich Gewicht verlieren und früher oder später sterben.
Aber wie verhält es sich zwischen diesen Extremen? Vor allem langfristig? Man braucht kein Ernährungswissenschaftler zu sein, um zu verstehen, dass etwa die Aufnahme von hundert Kalorien Gummibärchen oder Cola nicht die gleiche Wirkung auf den menschlichen Organismus haben kann wie die Aufnahme von hundert Kalorien Walnüssen oder Blattsalat. Aha. Klar, werden Sie sagen, bei einem derart krassen Beispiel liegt das Ergebnis auf der Hand. Wer würde schon freiwillig derartige Unmengen an Salat verzehren. Die unangenehme Wahrheit ist, dass dieselben Mechanismen, die diesem Beispiel zugrunde liegen, auf lange Sicht auf alle Nahrungsmittel zutreffen. Ohne Ausnahme. Das heißt, dass wir das Dogma »eine Kalorie ist eine Kalorie« schon aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung hinterfragen müssten.
Tatsächlich kommen noch mehr Irrtümer zum Tragen. Haben Sie sich jemals gefragt, wie die Energieangaben in Joule oder Kilokalorien (kcal) auf den Produkten im Regal zustande gekommen beziehungsweise ermittelt worden sind? Nein? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft von vielen Ärzten, Biologen und Ernährungswissenschaftlern.
Dabei ist es im Prinzip recht einfach. Kalorien werden in einem sogenannten Kalorimeter gemessen. Und das funktioniert vereinfacht folgendermaßen: In einer Probenkammer wird eine definierte Menge eines Stoffes (in unserem Fall des Nahrungsmittels) verbrannt, der daraufhin Wärme (lateinisch calor) abgibt. Die im Rahmen der Verbrennungsreaktion (!) abgegebene Wärme erhöht die Temperatur einer die Probenkammer umgebenden, definierten Flüssigkeitsmenge. Die abgelesene Temperaturerhöhung der Flüssigkeit ist schließlich ein Maß für den Energiegehalt (in Joule beziehungsweise Kilokalorien) der verbrannten Probe beziehungsweise, wissenschaftlich ausgedrückt, die spezifische Wärmekapazität oder den physikalischen Brennwert des Stoffes. Fertig. So einfach ist das.
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Das Ganze hat nur einen gravierenden Schönheitsfehler: Unser Körper funktioniert nicht wie die Brennkammer eines Kalorimeters! Obwohl dieser Umstand auf der Hand liegt und ein physiologisches Faktum darstellt, sehe ich bei medizinisch-naturwissenschaftlichen Diskussionen diesbezüglich immer wieder große Augen und betretene Ratlosigkeit. Obwohl es ein zentraler Punkt in der seit Jahrzehnten geführten Energiebilanzdiskussion ist, scheint sich niemand über diesen grundlegenden Irrtum Gedanken zu machen. Die Energieangaben auf unseren Nahrungsmitteln sind weitgehend sinnlos. Ja, tatsächlich.
Unser Körper ist wie der von anderen Säugetieren das Produkt von Jahrmillionen Evolution. Dementsprechend komplex funktioniert er, insbesondere auf Stoffwechselebene. Verschiedene Nahrungsmittel beziehungsweise deren Bestandteile lösen in unserem Körper nach ihrer Aufnahme ganz unterschiedliche biochemische und hormonelle Reaktionen aus. Dabei ist das noch eine ziemlich simple und, wie wir später noch sehen werden, unvollständige Sichtweise der Dinge. Aber belassen wir es zunächst einmal dabei.
Dass diese biochemischen Stoffwechselprozesse in unserem Organismus nach Aufnahme derselben Energiemenge von Salatblättern und Cremeschnitten nicht ident sein können, bedarf wohl keiner ausführlichen Erklärung. Einfache Zucker wie Glukose und leicht verdauliche Kohlenhydrate wie raffinierte Mehle verursachen eine starke und rasche Insulinausschüttung in den Betazellen unserer Bauchspeicheldrüse. Komplexe Kohlenhydrate wie Salatblätter hingegen kaum. Dennoch: Im Kalorimeter würde in beiden Fällen derselbe Wert abzulesen sein! Auch Sägespäne oder Plastikkügelchen würden im Kalorimeter einen Brennwert aufweisen, bei oraler Aufnahme aber weitgehend unverändert unseren Verdauungskanal am anderen Ende wieder verlassen, ohne dabei unseren Körper mit Energie versorgt zu haben.
Aber zurück zu einfachen Kohlenhydraten.
Die kurzfristigen physiologischen Folgen einer Insulinausschüttung sind weitgehend bekannt, die vielfältigen langfristigen Folgen einer regelmäßig stattfindenden hohen Insulinausschüttung sind hingegen nur teilweise aufgeklärt. Das Netzwerk der langfristigen hormonellen Interaktionen und Angriffsorte dieses Hormons ist hochkomplex, betrifft den ganzen Körper und reicht von einer Abnahme der Insulinrezeptoren auf Körperzellen bis zur Hemmung des Sättigungsgefühls in zentralen Hirnregionen. Die chronische Hemmung eines Enzyms namens hormonsensitive Lipase verhindert zudem den Zugriff auf die Fettdepots des Körpers zur Energiegewinnung.
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Im Großen und Ganzen ist Insulin als Hilfshormon »vorgesehen«, das zusammen mit seinem Gegenspieler Glucagon ursprünglich »dafür gedacht war«, unseren Blutzuckerspiegel in engen Grenzen weitgehend konstant zu halten. Dies ist lebensnotwendig, weil ein hoher Blutzuckerspiegel gefährlich ist, bei einer Ernährung mit nur wenig simplen Kohlenhydraten (wie etwa Zucker) jedoch nur in geringem Ausmaß notwendig. Ist der Blutzuckerspiegel zu niedrig und sind die Glykogenspeicher leer, dann wird im Körper ein Prozess in Gang gesetzt, der sich Gluconeogenese nennt und bei dem aus Aminosäuren Zucker in Form von Glukose synthetisiert wird. Der Körper sorgt selbst für einen ausreichenden Blutzuckerspiegel und ist nicht, wie in unzähligen pseudowissenschaftlichen Abhandlungen zu lesen ist, von einer äußeren Zufuhr einer bestimmten Menge des »lebenswichtigen« Zuckers abhängig!
Spätestens jetzt sollte klar sein, dass Nahrungsmittel, die unseren Insulinspiegel ständig auf hohem Niveau halten, bei vielen Menschen das Körpergewicht und das Essverhalten negativ beeinflussen. Solange Blutzuckerspiegel und Insulinspiegel konstant hoch sind, ist ein Abnehmen kaum möglich. Der kalorische Brennwert ist jedenfalls nur von sehr untergeordneter Rolle.
Um nicht den falschen Eindruck der einseitigen Sichtweise eines »Low-carb-Missionars« zu erwecken, sei der Vollständigkeit halber erwähnt, dass selbstverständlich auch der übermäßige Konsum von manchen Fetten dem Zuckerstoffwechsel abträglich sein kann, vor allem auf lange Sicht. Obwohl Nahrungsfette nach Aufnahme keine wesentliche Insulinausschüttung hervorrufen, dürften sie langfristig, eine entsprechend hohe Aufnahme vorausgesetzt, das Ansprechen der Zellen auf Insulin herabsetzen beziehungsweise eine Insulinresistenz begünstigen. Daher ist eine gleichzeitig stark fett- und zuckerhaltige Ernährung wohl die ungünstigste Variante, wenngleich eine weitverbreitete!
Eine zweite Zuckerform, die bei Aufnahme von vielen zuckerhaltigen Speisen und Getränken in gleichen Mengen anfällt wie Glukose, ist die Fruktose. Der Grund hierfür ist, dass Haushaltszucker (Saccharose) ein Zweifachzucker (Disaccharid) ist, der aus je einem Molekül Glukose und Fruktose besteht. Interessanterweise erhöht Fruktose nicht den Insulinspiegel, sondern wird direkt in der Leber wie Alkohol verstoff-wechselt. Ja, richtig gelesen, wie Alkohol. Erinnern Sie sich noch an die erwähnte Epidemie der nichtalkoholischen Fettleber-Erkrankung? Erhöhter Fruchtzuckerkonsum führt zur Leberverfettung, vergleichbar mit dem Effekt erhöhten Alkoholkonsums. Zucker ist, nach Meinung vieler Wissenschaftler, daher schlicht auch der Alkohol der Kinder.
Warum erwähne ich simple Kohlenhydrate wie Glukose und Fruktose so explizit? Weil in den letzten Jahrzehnten im Rahmen der großen Fett- und Cholesterinhysterie der Geschmacksträger Fett in (Fertig-) Nahrungsmitteln durch große Mengen Zucker ersetzt wurde und sich die Verbindung mit der weltweiten Epidemie chronischer Krankheiten immer eindeutiger darstellt.
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Mit dem weltweit stetig steigenden Konsum von mit leicht verdaulichen Kohlenhydraten angereicherten Nahrungsmitteln hat sich auch die Epidemie der nichtübertragbaren Krankheiten still und heimlich ausgebreitet. Auch der Konsum von stark raffiniertem Weißmehl (dessen Stärke im Körper rasch zu Zucker abgebaut wird und den Blutzucker ansteigen lässt) ist weltweit ungebrochen. Doch dies scheint nur eine Facette der vielfachen Ursachen der laut WHO gegenwärtigen Zeitlupenkatastrophe zu sein. Wir werden die modernen »Grundnahrungsmittel« Zucker und andere simple Kohlenhydrate, ihre verschiedenen Formen und ihre langfristige Wirkung im menschlichen Organismus noch genauer unter die Lupe nehmen.
Das leise Sterben unserer Ernährungs- und Kochkultur
In einer beschleunigten Welt wollen viele Menschen schnell, effizient und billig essen. Selbst gekocht wird kaum. Ein großer Teil der Bevölkerung bezieht seine Nahrungsmittel aus den bunten und immer vollen Regalen der großen Nahrungsmittelketten in Form von rasch zuzubereitendem Convenience-Food. Mit diesem dem Englischen entlehnten Begriff für »bequemes Essen« werden vorgefertigte (teilfertige oder verzehrfertige) Lebensmittel bezeichnet, bei denen der Nahrungsmittelhersteller bestimmte Be- und Verarbeitungsstufen bereits übernommen hat, um die weitere Zubereitung im Haushalt und in der Gastronomie zu erleichtern. Time ist schließlich money.
In den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts noch als Segen für die gestresste Hausfrau einer zunehmenden Wohlstandsgesellschaft gepriesen, wurden spätestens im Laufe der Neunzigerjahre, ausgelöst durch Tests und Untersuchungen von unabhängigen Konsumentenschützern, immer mehr kritische Stimmen laut, die vor allem eines zeigten: Den Herstellern geht es nicht um das Wohl des Konsumenten, sondern ausschließlich um das Geld beziehungsweise ihren Profit. Qualität und Zusammensetzung gingen unter marktwirtschaftlichen Aspekten immer mehr den Bach hinunter. Von Mogelpackungen, die mehr Inhalt vortäuschen, als tatsächlich drinnen ist, über ernährungsphysiologisch fragwürdige, weil qualitativ mangelhafte Bestandteile bis hin zu potenziell gesundheitsschädlichen Nahrungsmittelzusätzen wie Färb- und Konservierungsstoffen, Geschmacksverstärkern und Aromastoffen reichte und reicht die Palette. Im modernen Supermarkt herrscht Verbrauchertäuschung am laufenden Band.
Dass bereits die Primärproduktion der Grundstoffe, vor allem in wenig konsumentenfreundlichen Industrienationen wie den USA, unter extrem bedenklichen Bedingungen stattfindet,
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ist spätestens seit dem Erscheinen des Sachbuches Silent Spring der Öffentlichkeit bekannt. Neben der zentralen Bedeutung eines nachhaltigen ökologischen Gleichgewichts bei der Produktion und der zunehmenden Kontamination von Wasser, Boden und Nahrungsmitteln durch biozide Chemikalien auf den Äckern zeigte Carson, dass sich diese Giftstoffe in der Nahrungsmittelkette tatsächlich anreichern und daher auch die Lebewesen an deren Ende, nämlich die Menschen, langsam vergiften. Die weitreichende Bedeutung dieser Ergebnisse und die Feststellung, dass die Natur nicht allein dem Menschen zu dienen habe, machte ihr Buch zum Begründer der Umweltschutzbewegung.
Küchenfertig, garfertig, aufguss- und anrührfertig, zubereitungsfertig und verzehrfertig soll der Großteil unserer Nahrungsmittel sein. So will es der gestresste Kunde, so liefert es die Industrie. Was drinnen ist, schert die wenigsten, solange verheißungsvolle bunte Bilder und irreführende Angaben vom häufig bedenklichen Inhalt ablenken. Moderne Nahrungsmittel sind das Ergebnis von Labortests, Marktforschung, ausgeklügelter Produktentwicklung und Food Design. Nichts wird dem Zufall überlassen. Neben Verpackungsdesign, Größe, Farbe, Form, Konsistenz und Beißgeräusch wird auch die optimale Anreicherung eines Fertignahrungsmittels mit Zucker, Salz und Fett an Probanden experimentell ermittelt. Produkte mit der optimalen Mischung, der Fachjargon hierfür ist »Bliss Point«, führen zur höchsten Dopaminausschüttung beim Konsumenten und damit zu einer Endorphin-vermittelten Belohnungsreaktion im Gehirn. Auch das Sättigungsgefühl soll durch Reduktion des Ballaststoffanteils so lange wie möglich hinausgezögert werden. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum sie noch einen Burger bestellen, obwohl sie angesichts der bereits verdrückten Menge eigentlich satt sein sollten?
Dabei ist es in österreichischen und deutschen Supermärkten durchwegs das ganze Jahr über möglich, »frisches« Obst und Gemüse aus der ganzen Welt zu kaufen. In Ländern wie Großbritannien und den USA sucht man in vielen Supermärkten vergeblich nach einer Frischeabteilung. Falls doch in Miniaturausführung vorhanden, dann selten mit lokalen Produkten und kaum aus ökologischer Landwirtschaft. Bei uns greift der ernährungsbewusste Kunde nach wunderbar glänzenden Äpfeln aus einem der wichtigsten Apfelanbaugebiete Mitteleuropas, Südtirol. Was offenbar nur wenige wissen: In derartigen riesigen Monokulturen des konventionellen Obstanbaus werden Pestizide in rauen Mengen eingesetzt. Sie müssen eingesetzt werden. Der Schädlingsdruck und der finanzielle Druck der Großabnehmer lassen den Obstbauern kaum eine andere Wahl. 2012 veröffentlichte Greenpeace, dass etwa achtzig Prozent des konventionellen Obstes mit Pestiziden belastet sind. Bei einem Smoothie aus nichtbiologisch angebauten Erdbeeren können Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, auch einen Pestizidcocktail mitzutrinken. Selbst akribisches Waschen ist in vielen Fällen sinnlos, da sich Pestizide auch in der Schale der Frucht anreichern können.
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Fast Food
Die immer schnellere Taktfrequenz unseres täglichen Lebens hat in wenigen Jahrzehnten dazu geführt, dass langwieriges Zubereiten von traditionellen Speisen zu Hause selten geworden ist. Ein Grund unter vielen: In deutschen und österreichischen Städten ist der Anteil der Singlehaushalte in den letzten zwanzig Jahren drastisch angestiegen (gegenwärtig vierzig bis fünfzig Prozent der Haushalte, je nach Quelle), was wiederum dazu geführt hat, dass aufwendiges Kochen und gemeinsames Essen zu Hause zugunsten von Fast Food und Essen außer Haus immer seltener geworden sind. Wer aber nicht selbst kocht, der beschäftigt sich auch nicht mit der Herkunft und der Qualität der konsumierten Lebensmittel.
Verallgemeinerungen sind hier allerdings fehl am Platz. So ist die steigende Zahl der »Foodies« und Feinschmecker, die großen Wert auf Qualität und Zubereitung ihrer Nahrung legen, nicht zuletzt durch den Einfluss sozialer Medien, wo die täglichen Kreationen den Followern den Mund wässrig machen sollen, durchaus ein interessantes Phänomen unserer Zeit.
Dennoch verfolgen immer mehr Menschen paradoxerweise lieber Promiköche und Gourmetshows im Hauptabendfernsehen, während sie zu Hause vor der Glotze aufgewärmte Fertignahrung wie Pizza und Burger aus der Mikrowelle unkritisch in sich hineinschaufeln. Der Umsatz in der Herstellung von Fertiggerichten ist in Österreich von 139 Millionen Euro im Jahr 2008 auf 276 Millionen Euro im Jahr 2014 gestiegen und wird im Jahr 2020 einen prognostizierten Umsatz von 331 Millionen Euro erreichen. Der Trend scheint ungebrochen.
Auch das Phänomen Lieferservice hat sich, einst totgesagt, in wenigen Jahren zu einem Milliardenbusiness entwickelt. Weltweit setzt die Branche laut der Unternehmens- und Strategieberatungsfirma McKin-sey mehr als achtzig Milliarden Euro um. In Großstädten wie Wien und Berlin sieht man an jeder zweiten Ecke emsig strampelnde Fahrradkuriere von Unternehmen wie Foodora und UberEats mit riesigen Boxen auf dem Rücken, um das via Internet im Restaurant bestellte Essen zum kochfaulen Kunden zu liefern. Keine Lust und keine Zeit zu kochen sind die am häufigsten genannten Motive der Kunden.
Der Grundstein für die zu beobachtende, zunehmende Abkehr von ursprünglichen, natürlichen Nahrungsmitteln wird, gefördert durch die
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pfiffigsten Werbetricks der Nahrungsmittelindustrie, bereits bei den Kleinsten unserer Gesellschaft gelegt. Da Geschmack und damit Nahrungsvorlieben bereits früh geprägt werden, spreizen sich bereits viele Kinder, gesunde, aber im Vergleich zu zuckerhaltigen Snacks und Fast Food wenig attraktive Nahrungsmittel überhaupt erst zu kosten. Im Falle von Eltern, die sich selbst hauptsächlich von besonders schmackhaft abgestimmten Fertigprodukten ernähren, kein Wunder. Ernäh-rungsbewusste Eltern hingegen leiden an der permanenten Beeinflussung ihrer Sprösslinge durch Peergroups und Werbung. In beiden Fällen ist das Ergebnis dasselbe: Selbstgemachtes, Gesundes und Abwechslungsreiches verliert gegen das uniforme, geschmacksoptimierte, aber meistens ungesunde Nahrungsmittelangebot der Industrie.
Dabei ist es eigentlich paradox: Kochbücher zählen heute zu den Bestsellern im Buchhandel, geordnet nach Themen, Ländern und Schwierigkeitsgrad. TV-Kochshows, Kochkurse, Erlebnisrestaurants und Gourmetreisen sind so angesagt wie noch nie. Dennoch boomt gleichzeitig der Markt für Fertiggerichte, und wir erleben einen Niedergang unserer traditionellen Koch- und Esskultur. Wie lässt sich das in Einklang bringen?
Laut Umfragen sind »unkritische Fast-Food-Konsumenten« mittlerweile die größte Gruppe (nämlich gut dreißig Prozent) in der Bevölkerung. Weniger als zehn Prozent kochen heute noch traditionell. Anfang der Neunzigerjahre war das mit immerhin gut dreißig Prozent noch die größte Gruppe. Zubereitung von Nahrungsmitteln scheint für die meisten Leute im Alltag zur Nebensache geworden zu sein.
Einhergehend mit der Auflösung konservativer Familienstrukturen und der aus sozialer Sicht selbstverständlich absolut nachvollziehbaren Emanzipierung der Frau weg von der täglich kochenden Hausfrau hin zur gleichberechtigten, erfolgreichen Karrierefrau verlor traditionelles Essen mehr und mehr seinen Wert. Durch ein zunehmend kompetitives Berufsleben gestresste Menschen erleben Essen eher als Frustrationsbekämpfung als die alles entscheidende Grundlage eines gesunden und langen Lebens. Von der sozialen Komponente des gemeinsamen Essens ganz zu schweigen. Bei der Zukunftsgeneration bricht das Wissen über die Grundlagen von Lebensmitteln zunehmend weg. Gerade viele Jüngere wissen nicht mehr, wann welches Obst oder Gemüse Saison hat, geschweige denn wie es heißt. Von der ursprünglichen Sortenvielfalt ist ohnehin kaum etwas geblieben. Von den heute zwanzig bis vierzig Jahre alten Eltern lernen es die Kinder und Jugendlichen nur noch selten. Unter der Woche nehmen sich immer weniger Menschen die Zeit, lange zu kochen. Schnelles und bequemes, fertig verpacktes Essen hat neben Sushi und Burger unseren Nachwuchs fest im Griff.
Es liegt in unserer Verantwortung, jetzt (!) und nicht irgendwann ein neues Bewusstsein für gesunde Nahrungsmittel und deren ökologisch und ethisch verantwortungsvolle Produktion nachhaltig zu fördern. Wissen Sie immer, woher Ihre Nahrungsmittel kommen?
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Woher unsere Nahrung kommt ^^^^
Unsere gesamte Nahrung, egal ob pflanzliche oder tierische Produkte, unabhängig davon, ob selbst gekocht oder als bis zur Unkenntlichkeit verarbeitetes Fertigprodukt, kommt schließlich aus dem Erdboden. Ja, aus dem braunen »Schmutz« unter unseren Füßen. Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht? Unsere gesamten Nahrungsmittel, auch zuckerhaltige Limonade, Hamburger mit Pommes und Gummibärchen, kommen, auf den ersten Blick kaum nachvollziehbar, schlussendlich aus der fruchtbaren obersten Erdschicht unseres Planeten. Ohne Erde kein menschliches Leben. Aber Halt!, wird der eine oder andere bei diesen Zeilen einwenden, nicht alles kommt aus dem Erdboden. Ein verschwindend kleiner Prozentsatz unserer täglichen Nahrung kommt tatsächlich aus den Flüssen, Seen und vor allem den Weltmeeren in Form von Fischen, Meeresfrüchten und Algen. Ein ebenso verschwindender Prozentsatz an pflanzlicher Nahrung wird in Nährstofflösungen in sogenannten hydroponischen Anlagen schwimmend angebaut. Einer UNESCO-Schätzung zufolge handelt es sich bei Nahrungsmitteln, die nicht aus dem Erdboden stammen, um den sehr kleinen Anteil von weniger als 2,5 Prozent.(15)
Das heißt, dass mehr als 97 Prozent unserer, wenn auch bis zur Unkenntlichkeit verarbeiteten Nahrungsmittel tatsächlich ein unmittelbares oder - zum Beispiel im Fall von Fleisch - mittelbares Produkt unserer Böden sind, unabhängig davon, ob das der Acker vor der Haustüre oder die Plantage auf der anderen Seite des Globus ist. Die alles entscheidende biochemische Reaktion, die dabei aus Sonnenlicht, Kohlenstoff und Wasser die Grundlage unseres Lebens bildet, ist die Photosynthese. Ziemlich langweilig und trocken war das damals, als wir diesen Umstand im Biologieunterricht erfahren haben. Sie erinnern sich? Von Chloroplasten und Nährstoffkreisläufen war damals die Rede. Zumindest in meinem Fall dauerte es Jahrzehnte, bis ich begriff, wie zentral dieser simple Prozess der Photosynthese, der im Wesentlichen aus feuchtem Erdboden, Luft und Sonneneinstrahlung komplexe Kohlenstoffverbindungen in Form von Pflanzen entstehen lässt, für unser Leben eigentlich ist. Wer denkt schon daran?
Die Leistungsfähigkeit eines simplen grünen Blattes ist der Nabel der Welt, die Quelle all unserer Nahrung auf diesem Planeten. Es existiert keine andere Quelle der Nahrung. Ohne Sonnenlicht, Erdboden und grüne Blätter ist die Menschheit nicht überlebensfähig. Wie Pflanzen und Boden miteinander verbunden sind beziehungsweise in Wechselwirkung stehen
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und welche Rolle dabei das unsichtbare Bodenleben spielt, werde ich später ausführlicher betrachten. Auch wie es mittlerweile mit der Qualität des Erdbodens als Quelle unseres Lebens steht, werden wir im Verlauf des Buches beleuchten. Zu wichtig ist seine Bedeutung für das Leben und die Gesundheit zukünftiger Generationen auf dieser Erde. Zunächst wollen wir uns jedoch noch kurz den Makro- und Mikronährstoffen in unserer Nahrung zuwenden.
Woraus sich unsere Nahrung zusammensetzt
In Schulbüchern, Diätleitfäden wie auch in den Lehrbüchern aller Studierenden der Medizin und der Ernährungswissenschaften wird unsere Nahrung immer nach dem gleichen Schema zerlegt: So werden zunächst die drei Makronährstoffe Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße (Proteine) aufgelistet. Zu den Mikronährstoffen zählen Vitamine, Mineralstoffe (wie Kalzium oder Magnesium) und Spurenelemente (zum Beispiel Eisen, Chrom, Cobalt, Zink, Selen, Mangan und andere). So weit, so gut. Aber ist es wirklich so simpel, einen spezifischen Mix aus diesen Bestandteilen als gute, »artgerechte« oder eben schlechte Ernährung für den Menschen zu sehen? So und so viel Prozent Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße - und der Organismus funktioniert ohne wesentliche Gebrechen? Klingt wenig glaubwürdig und ist es auch nicht. Dennoch konzentrieren sich beinahe alle Ernährungsstudien, Diätratgeber und Ernährungsempfehlungen auf Angaben zur optimalen Aufnahme dieser drei Makronährstoffe. Ob low-carb/high-fat- oder high-protein/low-fat-Diäten oder was sonst noch alles dazwischen an Kombinationen möglich ist, so werden die einzelnen Makronährstoffe so gut wie immer als homogene Stoffklassen hinsichtlich ihrer Qualität gesehen. Neben der fehlerhaften Annahme, alle Kalorien seien gleich, ist diese Vereinfachung ein weiterer zentraler Trugschluss der allgemeinen Auffassung von Ernährung.
Denn erstens nehmen wir diese Makronährstoffe selten als Reinsubstanzen zu uns, zweitens wirken verschiedene Fette oder Kohlenhydrate ganz unterschiedlich auf den menschlichen Organismus und drittens reagieren verschiedene Menschen auf das gleiche Nahrungsmittel völlig unterschiedlich. Vereinfacht gesagt: Niemand kann im Rahmen von auf Fragebögen basierenden Ernährungsstudien genau angeben, wie viel seine Nahrung von den einzelnen Makrokomponenten enthält, in welcher Form diese genau vorlagen und wie er oder sie individuell darauf stoffwechseltechnisch reagiert hat. Falls sich das alles ziemlich komplex und kaum wissenschaftlich erfassbar anhört, dann völlig zu Recht!
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Und wäre das noch nicht verwirrend genug, so hängt die metabolische Reaktion eines Organismus zusätzlich auch noch von der individuellen Kombination und Zubereitung der verschiedenen, zeitgleich mit der Speise aufgenommenen Makronährstoffe ab. Vor allem auf lange Sicht, und genau darum geht es ja bei der Frage nach einer lebenslang gesunden Ernährung.
Um diese Makronährstoffdiskussion abzukürzen - denn für eine ausführliche Diskussion dieser Materie wäre hier ohnehin zu wenig Platz -, möchte ich Sie mit den beinahe ketzerisch anmutenden Ergebnissen zweier aktueller Studien bekannt machen.
Die erste Studie mit dem komplexen Titel Effect of Low-Fat vs Low-Carbohydrate Diet on u-Month Weight Loss in Overweight Adults and the Association With Cenotype Pattern or Insulin Secretion - The DIETFITS Randomized Clinical Trial erschien 2018 in der angesehenen Zeitschrift der American Medical Association (JAMA). (16)
Sie überprüfte die Hypothese, wonach die genetische Veranlagung und das Vorliegen eines individuellen Insulinresistenzmusters dafür ausschlaggebend sei, wie ein Proband auf zwei unterschiedliche Ernährungsformen, nämlich fettarm oder kohlenhydratarm, reagieren würde. Eine gängige Theorie besagt, dass Menschen mit einer Insulinresistenz (Typ-2-Diabetiker im Extremfall) bei einer kohlenhydratarmen Diät wirksamer abnehmen würden, wohingegen Insulin-empfindliche Probanden mit einem fettarmen Ansatz besser abschneiden würden.
Diese bis dato größte und nach strengsten Kriterien durchgeführte Studie verlief - enttäuschend. Zumindest was die Bestätigung der postulierten Hypothese betraf. Tatsächlich zeigten die Ergebnisse der Studie, dass beide Diäten im Wesentlichen gleichwertig waren und den Probanden zu substanziellem Gewichtsverlust verhalfen. Die eigentliche Sprengkraft der Studie ist aber wieder einmal im Kleingedruckten der Methodik zu finden. Denn alle 600 Teilnehmer hatten während des Untersuchungszeitraumes folgende Vorgaben einzuhalten: Maximierung der Gemüseaufnahme, Minimierung von Zucker, raffiniertem Mehl und Trans-Fetten (als unbedenklich geltende Fette wie Olivenöl waren in beliebigen Mengen erlaubt) und Zubereitung von echten, nicht vorgefertigten Nahrungsmitteln zu Hause, sprich: Sie mussten selber kochen!
Und das Beste kommt zum Schluss: Es gab keinerlei Vorgaben hinsichtlich der aufgenommenen Nahrungsmenge und der Kalorien! Die verordnete Diät der Probanden konzentrierte sich ausschließlich auf die Qualität der Nahrungsmittel und nicht deren Menge. Übrigens ein Umstand, den alle Studienteilnehmer als angenehm empfanden. Tatsächlich verloren fast alle Studienteilnehmer am Ende der zwölf Monate Gewicht, im Schnitt sechs Kilo. Ein gewaltiger Schuss vor den Bug für alle selbsternannten Ernährungsgurus, die kalorienzählende Diätindustrie sowie für die Hersteller von industriell verarbeiteten Lebensmitteln.
Zusammengefasst:
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Menschen, die Zucker, raffiniertes Getreide und stark verarbeitete Lebensmittel meiden und sich dabei darauf konzentrieren, viel Gemüse und Vollwertkost zu sich zu nehmen - ohne sich dabei Gedanken über das Zählen von Kalorien oder die Begrenzung der Portionsgrößen zu machen (!) -, haben im Laufe eines Jahres tatsächlich beträchtliche Mengen an Gewicht verloren und ihren Gesundheitszustand nachhaltig verbessert.
Wird also den Studienteilnehmern keinerlei Restriktion hinsichtlich der Menge aufgenommener Nahrung auferlegt, sondern nur die Vorgabe, eigenständig natürliche (»echte«) Nahrungsmittel zuzubereiten, so spielt der tatsächliche Anteil der verschiedenen Makronährstoffe keine nennenswerte Rolle beim erreichten Gewichtsverlust nach einem Jahr. Anders gesagt: Es ist weitgehend egal, was Sie essen, solange es sich um traditionelle, echte Nahrungsmittel im engeren Sinne handelt und nicht um Fertiggerichte oder Speisen aus industriell stark verarbeiteten Lebensmitteln.
Wie die New York Times treffend titelte: »Der Schlüssel zum Abnehmen ist die Qualität der Ernährung und nicht die Menge.« Fakt ist, dass bei den meisten Studienteilnehmern im Rahmen der Aufnahme natürlicher, selbst zubereiteter Nahrungsmittel das Sättigungsgefühl früher einsetzte und somit auch freiwillig weniger gegessen wurde, obwohl diesbezüglich keinerlei Grenzen gesetzt wurden. Zweifellos wird sich auch diese Studie einiges an Kritik von starrköpfigen und beratungsresistenten »Ernährungsexperten« gefallen lassen müssen. Allein die Autoren dieser bahnbrechenden wissenschaftlichen Publikation können sich eines wesentlichen Umstandes rühmen: Obwohl die Studie ihre Ausgangshypothese widerlegte, folgten sie dennoch nüchtern den erhobenen, objektiven Daten und kamen so zu einer anderen revolutionären Schlussfolgerung. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie Wissenschaft funktionieren sollte.
Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Studie ist schließlich der Umstand, dass es in beiden Gruppen (low-fat und Iow-carb) erhebliche Unterschiede hinsichtlich der erzielten Gewichtsabnahme gab. Während im statistischen Mittel beide Gruppen einen deutlichen Gewichtsverlust verzeichneten, nahmen einzelne Personen erstaunlicherweise an Gewicht zu, während andere sogar bis zu 25 oder 30 Kilo verloren.
Worauf beruhen diese gravierenden Unterschiede? In diesem Zusammenhang könnte eine weitere brisante Studie Aufschluss geben. Diese zweite Studie mit einem ebenso revolutionären Ergebnis wurde von israelischen Wissenschaftlern am Weizmann Institute of Science durchgeführt und bereits 2015 in der renommierten Zeitschrift Cell publiziert.(17)
Die Wissenschaftler untersuchten die Schwankungen des Blutzuckeranstieges nach identen Mahlzeiten bei 800 gesunden, freiwilligen Studienteilnehmern. Den Probanden wurde hierzu während einer ganzen Woche mittels eines neuartigen Messgerätes kontinuierlich der Blutzuckerspiegel gemessen. Mittels einer mobilen App dokumentierten die Studienteilnehmer zeitgleich ihre Aktivitäten (Sport, Schlafen etc.) und ihre Nahrungsaufnahme.
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Zudem wurden Stuhlproben der Teilnehmer gesammelt, um die bakterielle Zusammensetzung ihrer Darmflora zu erheben. Die wesentliche und bahnbrechende Erkenntnis war, dass verschiedene Menschen trotz Aufnahme absolut identer Nahrungsmittel in gleichen Mengen einen gänzlich unterschiedlichen Blutzuckeranstieg verzeichnen. So stieg beispielsweise der Blutzucker bei manchen Individuen nach dem Konsum von Sushi stärker an als nach der Aufnahme von Eiscreme. Was also für den einen aus ernährungsphysiologischer Sicht gut war, konnte für einen anderen durchaus nachteilige Effekte hinsichtlich des Blutzuckeranstiegs haben. Bestechend war die Tatsache, dass die Wissenschaftler den Blutzuckeranstieg der Probanden schlussendlich sogar aus ihren individuellen Parametern vorausberechnen konnten.
Wenn wir essen, werden die Kohlenhydrate aus der Nahrung zu einfachen Zuckern zerlegt, die dann durch unseren Darm in den Blutkreislauf aufgenommen werden. Der Blutzuckerspiegel ist langfristig ein Schlüsselfaktor für die Entwicklung von Krankheiten wie Diabetes, Fettleibigkeit und anderen nichtübertragbaren Krankheiten. Was die Studie zeigte: Was für einen Menschen gesund ist, kann für andere schädlich sein. Denn Menschen unterscheiden sich in ihrer genetischen Ausstattung und in ihrem Lebensstil, aber auch - und das ist der entscheidende Punkt - hinsichtlich ihrer spezifischen Darmbakterienzusammensetzung. Und diese, die wiederum selbst abhängig von der aufgenommenen Nahrung ist, entscheidet offenbar über den individuellen Blutzuckeranstieg nach jeder Speise.
Fazit der Studie: Allgemeine Ernährungsempfehlungen für die gesamte Bevölkerung können nicht funktionieren, weil Menschen extrem unterschiedlich auf diverse Nahrungsmittel reagieren, was wiederum auf deren Lebensstil und langfristige Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen ist. Zeit also, sich mit unserer Ernährung genauer auseinanderzusetzen.
Ernähre ich mich gesund?
Sie möchten wissen, ob Sie sich gesund beziehungsweise für Ihren Konstitutionstyp richtig ernähren? Falls Sie sich nicht gerade unwohl fühlen oder gar an einer der erwähnten chronischen Krankheiten leiden, gibt es eine einfache Möglichkeit, dies herauszufinden. Der tägliche Blick in die Toilettenschüssel gibt Aufschluss. Wenn das, was Sie sehen, nicht Ihren Erwartungen entspricht, sollten Sie Ihre Ernährung umgehend einer kritischen Betrachtung unterziehen und ändern. Weder krankhafte Fettleibigkeit noch extrem übelriechende, halbflüssige Stühle sind dem Homo sapiens angeboren. Jeder besorgte Hundehalter wird die Ernährung seines vierbeinigen Lieblings überdenken, wenn dieser täglich nur braune Sauce von sich gibt.
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Diesen Luxus sollten wir uns selbst auch gönnen. Ein Blick auf die sogenannte Bristol-Stuhlformen-Skala gibt rasch Aufschluss darüber, wie der »Idealstuhl« beschaffen sein sollte (Sie finden diese Skala problemlos im Internet; die Stuhlformen 3 und 4 gelten gewissermaßen als »erstrebenswert«).(18)
Ebenso ist es sicherlich keine verdauungsphysiologische Normalität, wenn Sie nach der Nahrungsaufnahme regelmäßig über Magenbeschwerden, Sodbrennen oder Bauchschmerzen klagen. Dennoch nehmen viele Menschen diese Beschwerden als gegeben hin, weil sie über Jahrzehnte nichts anderes gewohnt sind. Anstatt die eigene Ernährung gründlich zu überdenken, laufen viele lieber zum Arzt. Dort werden dann in aller Regel Symptome bekämpft, nicht die Ursachen. Über die richtige Ernährung werden Ihnen die wenigsten Ärzte sinnvolle und hilfreiche Ratschläge erteilen können, da Ernährung bis heute an den meisten Medizinunis nur in äußerst geringem Umfang gelehrt wird. Grob fahrlässig, wenn man bedenkt, dass sie unseren innigsten Kontakt mit unserer Umwelt darstellt. Vielmehr wird den werdenden Ärztinnen und Ärzten in den medizinischen Kaderschmieden beigebracht, wie die angegebenen Beschwerden rasch und effektiv medikamentös behoben werden können.
In vielen Fällen kein guter Rat, weil neue Probleme geschaffen werden. Beginnen Sie lieber damit, selbst auf Ihre Nahrung zu achten, und legen Sie ein Ernährungstagebuch an. Es lohnt sich. Sie werden erstaunt sein, wie viele chronische Beschwerden und Wehwehchen sich bei einer Ernährungsumstellung im Handumdrehen bessern können. Chronische Gelenkschmerzen, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, chronischer Reizdarm, Übergewicht, diabetische Stoffwechsellage, chronische Entzündungszustände bis hin zu Frühstadien von Demenzerkrankungen können sich durch entsprechende Ernährung erheblich verbessern oder gar vollständig verschwinden.
Die medizinisch-wissenschaftliche Fachliteratur ist voll von diesbezüglich publizierten Erkenntnissen, die aber vor dem übermächtigen Hintergrund der durch die Pharmalobby gesponserten Medikamentenstudien kaum wahrgenommen werden. Mit lokal und nachhaltig von kleinbäuerlich strukturierten Betrieben angebauten, natürlichen und für den Menschen geeigneten, echten saisonalen Nahrungsmitteln sind nun mal keine jährlichen Milliardengewinne für Konzerne verbunden.
Das Pyramidenspiel ^^^^
Wenn Sie zu Ihrem Arzt oder Ernährungsberater gehen, steht die Chance nicht schlecht, dass Sie »gesunde« Ernährungsempfehlungen (häufig in Form eines bunten Folders irgendeiner Fachgesellschaft oder eines Ministeriums) wie diese erhalten:
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»Essen Sie täglich drei Portionen Gemüse oder Hülsenfrüchte, zwei Portionen Obst, vier Portionen Getreide, Brot, Nudeln, Reis oder Kartoffeln, drei Portionen fettarme Milch und Milchprodukte, ein bis zwei Esslöffel pflanzliche Öle, Nüsse oder Samen. Pro Woche ein bis zwei Portionen Fisch, maximal drei Portionen fettarmes Fleisch oder fettarme Wurstware und maximal drei Eier. Streich-, Back- und Bratfette und fettreiche Milchprodukte sollten Sie sparsam konsumieren.«
Das war's. Darüber hinaus erfahren Sie in der Regel recht wenig Brauchbares. Vielleicht werden Sie sich folgende Fragen stellen: Soll ich wirklich Getreide, Brot, Nudeln und Reis zu meinen Grundnahrungsmitteln machen, wo ich doch heute bei jeder Gelegenheit lese, dass diese Nahrungsmittel das Potenzial besitzen, dick zu machen? Was ist mit Gluten? Vertrage ich überhaupt Milchprodukte? Und warum müssen diese fettarm sein? Nur drei Eier pro Woche? Geht es dabei um mein Cholesterin? Sind fettarme Wurstwaren okay, auch wenn sie Nitrit-Pökelsalz enthalten?
Woher der Fisch kommt und ob er tatsächlich aus ökologisch nachhaltiger Aquakultur stammt, wie das Rind oder die Sau gehalten und vor allem gefüttert wurde, ob das Gemüse mit Pestiziden belastet ist, wie lange die Kiwi im Winter unterwegs war, ob Sie eine Getreideunverträglichkeit oder Laktoseintoleranz haben, ob der Bauer für den Liter Milch anständig entlohnt wurde, welche pflanzlichen Öle, Back-und Streichfette gesund sind und welche nicht ... All das und vieles mehr erfahren Sie nicht. Und Sie erfahren auch nicht, was die hieb-und stichfesten wissenschaftlichen Grundlagen für diese Ernährungsempfehlungen sind.
Warum? Weil sie nicht existieren.
Ernährungsempfehlungen ohne entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse? Ja. Man möchte es nicht glauben, aber das gibt es tatsächlich. Die oben erwähnten Ernährungsempfehlungen entstammen der Ernährungspyramide des Österreichischen Bundesministeriums für Gesundheit aus dem Jahr 2010. Ohne Angabe jeglicher wissenschaftlicher Quellen. Die Grundlage dieser und anderer Empfehlungen entspringt wie so oft der Meinung von sogenannten »Experten«.
Ernährungspyramiden gibt es mittlerweile unzählige, und alle sehen ähnlich aus. Bei der ersten Ernährungspyramide des United States Department of Agriculture aus dem Jahr 1992 fanden sich an der Basis der Pyramide überhaupt gleich sechs bis elf Portionen Brot, Cerealien, Reis und Pasta. Auch damals gab es keinerlei stichhaltige wissenschaftliche Grundlagen für diese Empfehlung, und dennoch ereiferten sich so gut wie alle westlichen Länder, dem Vorbild USA zu folgen, und übernahmen die Pyramide und ihre quantitativen wie qualitativen Empfehlungen unkritisch.
Von der Qualität der Produkte und deren ökologisch nachhaltigem Anbau war damals wie heute nur selten die Rede.
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Was zählte, war und ist für viele die Zusammensetzung der Makronährstoffe Kohlenhydrate, Fette und Proteine. Tenor: Kohlenhydrate gut, Fett und Fleisch eher schlecht bis böse. Zu allem Überfluss fanden diese Pyramiden während der Jahrzehnte auch noch Einzug in medizinische und ernährungswissenschaftliche Lehrbücher sowie Wellnessmagazine und werden an den meisten Schulen unterrichtet. Über Jahre und Jahrzehnte haben sich die Empfehlungen dieser Pyramiden in unser kollektives Unterbewusstsein eingegraben, und das, obwohl sie weitgehend ein Produkt erfolgreichen Lebensmittelindustrielobbyings waren und sind.
Unter zunehmend kritischen Stimmen sind die auf der ursprünglichen US-Ernährungspyramide basierenden Empfehlungen mittlerweile umstritten, einerseits, da kein Rückgang der ernährungsbedingten Zivilisationskrankheiten zu verzeichnen ist (sondern das Gegenteil) und auch die Ergebnisse zahlreicher neuerer, unabhängiger (!) biomedizinischer Studien und Langzeituntersuchungen wie etwa die Nurses' Health Study (NHS) in den USA die althergebrachten Ernährungsempfehlungen infrage stellten.
Es kann nicht billig genug sein
Wenn man die Kontrolle über die Nahrungsmittel hat, hat man die Kontrolle über das Volk. Henry Kissinger
In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts begann sich das weltweite Nahrungssystem ausschließlich auf Produktionssteigerung und die Senkung der Nahrungsmittelkosten zu konzentrieren. Während in den 1950er-Jahren noch bis zu 45 Prozent des Haushaltseinkommens für Lebensmittel aufgewendet werden mussten, fließen heute im Schnitt nur noch elf bis dreizehn Prozent des Haushaltseinkommens in die Anschaffung von Lebensmitteln. Für das Auto gibt ein durchschnittlicher österreichischer Haushalt allerdings bereits 16 Prozent, für Freizeit und Hobbys über dreizehn Prozent des Einkommens aus. Dass hier etwas nicht stimmt, ist augenscheinlich. Dennoch kann es dem Kunden nicht »billig« genug sein, wie ein Blick in die bunten Aktionsfolder der Lebensmittelketten zeigt. Ermöglicht werden diese Dumpingpreise durch großindustrielle Produktion mit minderer Qualität und auf Kosten der primären Produzenten, der Bauern. Dass dabei die Umwelt und die Lebensgrundlage zukünftiger Generationen massiv leiden, bleibt oft unbemerkt.
Die industrialisierte Nahrungsmittelproduktion ist geprägt von Globalisierung und Wettbewerb.
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Die Verarbeitung von Lebensmitteln wurde zu einer Wissenschaft, mit dem Ziel, unwiderstehlich schmackhafte, billige und rasch wie praktisch zuzubereitende Lebensmittel zu produzieren. Es wurden ausgeklügelte Produktionsmöglichkeiten erfunden, um Gemüse ohne Erdboden zu kultivieren und Nutztiere unter Inkaufnahme sogenannter Produktionskrankheiten in wirtschaftlich effizienter Massentierhaltung heranzuzüchten, um die steigende Nachfrage nach Billigstfleisch sowie günstigen Eiern und Milchprodukten zu decken.
Die Konsequenzen für Umwelt und menschliche Gesundheit, den Tierschutz und die kleinstrukturierte Wirtschaft ländlicher Gebiete (Stichwort Bauernsterben) sind bekannt, scheinen aber immer nur einen Bruchteil der Bevölkerung und unserer politischen Repräsentanten zu beunruhigen. Was den Großteil der Bevölkerung nicht juckt, damit lässt sich schließlich kein politisches Kleingeld machen.
Die Bedürfnisse des modernen Kunden sind schnell zusammengefasst: große, immer und überall verfügbare Auswahl zu günstigen Preisen, lange Haltbarkeit oder »immer frisch« zu jeder Jahreszeit und vor allem immer mehr billiges Fleisch und günstige Milch. Tja, wie geht das? Die Antwort haben industrielle Landwirtschaft, Nahrungsmittelindustrie und Supermarktketten mit bis zu 40000 Produkten in ihren immer vollen Regalen.
»Faktencheck Zucker«
Wohin man schaut, die Verbrauchertäuschung ist allgegenwärtig. So auch auf der offiziellen Homepage der österreichischen Wirtschaftskammer (WKO), die vor allem die Lebensmittelindustrie vertritt. Ein Eintrag vom November 2018 mit dem Titel Faktencheck Zucker(19) versucht, mit allen Mitteln von der Tatsache abzulenken, dass die aktuelle Studienlage in der chronischen und übersteigerten Aufnahme von Zucker und anderen simplen Kohlenhydraten eine wesentliche Ursache für die aktuelle Epidemie nichtübertragbarer Krankheiten sieht.
»Fundierte Informationen über Lebensmittel sind wichtig, damit die Konsumentinnen und Konsumenten mehr über Qualität, Sicherheit und den Genuss von Lebensmitteln erfahren. Erst dann können Menschen jene Lebensmittel auswählen, die für sie ideal sind. Neben einer ausgewogenen Ernährung ist auch der Lebensstil wichtig. Dazu zählen insbesondere ausreichend Bewegung und eine maßvolle und ausgewogene Ernährungsweise«,
heißt es salbungsvoll in der Einleitung. Haben Sie es bemerkt? Gleich zu Beginn werden die immer wiederkehrenden Floskeln von »ausgewogener Ernährung« und »ausreichender Bewegung« als Kennzeichen des individuellen Lebensstils und damit der eigenen Verantwortung ins Spiel gebracht. Und es geht weiter:
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Zucker liefere die lebensnotwendige Energie für unseren Körper, heißt es da. Argumentativ ein schlauer Schachzug, denn das Zuckermolekül Glukose ist tatsächlich in wichtigen und lebenserhaltenden biochemischen Reaktionen des Körpers zur Energiegewinnung von Bedeutung. Hier wird allerdings das in unzähligen pflanzlichen und tierischen Organismen vorkommende Molekül Glukose mit dem Begriff »Zucker« gleichgesetzt. Wir erinnern uns, wir befinden uns auf der Homepage der Wirtschaftskammer, und hier geht es um das industrielle Produkt »Zucker«. Dichtung und Wahrheit sind hier nahe beieinander. Zwar wird korrekterweise ausgeführt, dass Zucker ein Sammelbegriff für süß schmeckende Saccharide aus der Gruppe der Kohlenhydrate sei, im nächsten Satz wird jedoch gleich festgestellt, dass »bei der Herstellung von Lebensmitteln Zucker seit jeher für den Geschmack oder aus technischen Gründen eingesetzt wird«. Immer schon? Was mit dem vagen Begriff »seit jeher« gemeint ist, bleibt unerklärt und ist eine Irreführung.
Rohrzucker, der seit dem 16. Jahrhundert mithilfe von Arbeitssklaven in der Karibik angebaut und produziert wurde, war jahrhundertelang ein Luxusprodukt, zu dem die Mehrheit der Bevölkerung keinen Zugang hatte. Zucker aus Zuckerrüben wurde erstmals zu Beginn des 19. Jahrhunderts - damals noch sehr ineffizient - hergestellt. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der Zuckerkonsum in der Bevölkerung massiv zugelegt. So wurden 2016 weltweit etwa 277 Millionen Tonnen Zuckerrüben und 1,891 Milliarden Tonnen Zuckerrohr produziert.
Dass Zuckerrohr den begehrten süßen Stoff enthält, ist der Menschheit zwar seit Jahrtausenden bekannt, dennoch war Zucker fast immer Luxusgut für Reiche, Arzneimittel und seltenes Gewürz. Erst innerhalb der letzten hundert Jahre hat sich der Zuckerkonsum zum Beispiel in Österreich auf das Zwanzigfache gesteigert. Insbesondere seit der hysterischen Verunglimpfung von Fett in unseren Nahrungsmitteln, beginnend mit den späten 1950er-Jahren, wurde von der Nahrungsmittelindustrie der Geschmacksträger Fett zunehmend durch Industriezucker ersetzt. Damit es schmeckt, muss nämlich reichlich Süßes reingepackt werden. »Seit jeher« ist eine irreführende Verzerrung der Tatsachen, es sei denn die WKO versteht darunter die letzten Jahrzehnte.
Auch gegen das Märchen vom »versteckten Zucker« wird von den Vertretern der gewerblichen Wirtschaft zu Felde gezogen und geschickt argumentiert, denn der Zuckergehalt sei für jeden ersichtlich auf den verpflichtenden Nährwerttabellen der Fertignahrungsmittel in Gramm deklariert. Ein sehr kreativer Schachzug, allerdings bezieht sich der Begriff vom »versteckten Zucker« auf die Tatsache, dass der Verbraucher gar nicht damit rechnet, mit dem einen oder anderen gesund imponierenden Fertignahrungsmittel hohe Zuckermengen zu sich zu nehmen. Der einfache Konsument greift beim Einkauf zu den Produkten, ohne dabei Nährwerttabellen zu studieren.
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Das Verbrauchermagazin ÖkoTest Ausgabe 2/2019 gibt zum Thema »versteckter Zucker« ein paar Beispiele: So finden sich in 500 Gramm eines »Knusper Joghurt Himbeer Müsli«, das mit dreißig Prozent weniger Fett wirbt, tatsächlich 35 Stück Würfelzucker. 400 Gramm tafelfertiger und als durchaus gesund imponierender Apfelrotkohl enthalten immerhin 15 Stück Würfelzucker. Bei der Joghurt-Schnitte Heidelbeere & Cranberry eines bekannten Herstellers sind die 15 Stück Würfelzucker (nebst reichlich Fett) in nur 140 Gramm des Produktes konzentriert. Statt um einen gesunden Früchtesnack handelt es sich hier um mehr als fünfzig Prozent Zucker und Fett.
Und die Liste ließe sich fortsetzen: »Verdauungsfördernde« Joghurts, Wurstwaren, fettarme Joghurtdrinks, Fertigsalate, Dressings, Trockenfrüchte, Kinder-Frühstücksflocken ... Die meisten industriell hergestellten Fertignahrungsmittel mit bunter Verpackung enthalten Zucker in haarsträubenden Mengen. Das, liebe Wirtschaftskammer-Experten, ist mit »verstecktem Zucker« gemeint, auch wenn sich die Fakten im Kleingedruckten finden. Der Verbraucher wird mit der WKO-Argumentation schlicht für dumm verkauft.
Zucker per se mache weder dick noch krank, ist unter dem nächsten Punkt der Liste zu lesen. Freilich ist Zucker in allen seinen molekularen Erscheinungsformen per se kein Bösewicht. Immerhin ist er ja in der Natur an wichtigen Lebensprozessen beteiligt. Damit Sie nicht lange nachdenken müssen, kommen die Experten der WKO rasch zu der Einsicht: Dass laut österreichischem Ernährungsbericht 2017 bereits 41 Prozent der erwachsenen Bevölkerung übergewichtig beziehungsweise adipös sind, sei die Folge eines »multikausalen Zusammenspiels vieler Faktoren: einseitige und unausgewogene Ernährung, Stress, genetische Disposition, Schlaf- und vor allem Bewegungsmangel«. Ein klassisches Ablenkungsmanöver aus dem PR-Kit der Industrie. Man zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf alle anderen Risikofaktoren, in der Hoffnung, vom zentralen Vorwurf abzulenken. Der bewegungsfaule, gestresste und schlaflose Bürger samt seiner genetischen Ausstattung trage die Schuld, nicht der Zucker. Man beruft sich in diesem Zusammenhang sicherheitshalber auf die International Diabetes Federation. Laut dieser Vereinigung sind die Risikofaktoren für Diabetes mellitus Typ 2 neben der Ernährung, Übergewicht, Adipositas und ernährungsbedingte Erkrankungen wie Bluthochdruck vor allem Bewegungsmangel und soziale, psychologische und genetische Faktoren. Moment mal. Man beruft sich als Argument für die Harmlosigkeit des Nahrungsmittels Zucker auf eine Aussage, die das Gegenteil vertritt? An vorderster Stelle werden hier tatsächlich korrekterweise »Ernährung« und »ernährungsbedingte Erkrankungen« genannt. Gemeint sind damit die industriell hergestellten, mit versteckten Zuckern vollgepackten Fertignahrungsmittel und nicht Naturprodukte wie etwa Gemüse und Obst.
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Worauf es wirklich ankomme, sei die Kalorienbilanz, so die WKO weiter. Dass dieser dumme Stehsatz, der wie alle anderen aufgeführten Punkte auch von der Softdrink-Industrie benutzt wird, immer noch zieht, ist kaum zu glauben. Durch die Blume wird dem Konsumenten mitgeteilt, er verbrauche zu wenige Kalorien, weil er sich zu wenig bewege, also faul sei. Dass zuckerhaltige Nahrungsmittel das Insulinsystem belasten, nicht satt machen und die nächste Hungerattacke vorprogrammieren, wird elegant verschwiegen. Dass Kalorienzählen keine Lösung ist, um aus dem gegenwärtigen Dilemma herauszukommen, habe ich bereits weiter oben ausführlich dargelegt. Das Konzept der Kalorienbilanz ohne Bedachtnahme auf die Zusammensetzung und Qualität unserer Nahrungsmittel ist längst durch entsprechende Studien widerlegt und ein Unfug sondergleichen.
Und das Beste kommt wie immer zum Schluss: »Süßer Geschmack macht nicht süchtig«, ist dort zu lesen. Die Behauptung, Zucker sei eine »Droge« oder mache abhängig, sei falsch, denn die grundsätzliche Präferenz für einen süßen Geschmack sei genetisch bedingt und habe das Überleben der Menschheit gesichert. »Für echte Suchtmittel wie Opiate, Kokain oder Tranquilizer existieren klare internationale Richtlinien«, so die WKO, »und diese treffen auf den Zucker keinesfalls zu.« Tatsächlich? Was sagen die Wissenschaft und die zitierten »klaren internationalen Richtlinien« dazu?
Richtig ist in diesem Zusammenhang lediglich, dass unsere Vorliebe für Süßes (ebenso wie für Fettes) ein evolutionäres Erbe im Sinne eines Überlebensprogrammes sein dürfte, da diese energiereichen, aber eher seltenen Nahrungsmittel in der Vergangenheit unser Überleben sicherten. Durch Herausbildung eines Dopamin-abhängigen Belohnungssystems in unserem Gehirn war quasi evolutionär sichergestellt, dass der Mensch so viel wie möglich zu sich nahm, solange die an sich seltene Ressource vorhanden war. Unser energiehungriges wie einzigartiges Großhirn machte dies nötig. Falsch ist es aber, zu behaupten, eine Zuckersucht gäbe es nicht.
Während die körperliche Abhängigkeit von zuckerhaltigen Nahrungsmitteln wohl nicht direkt mit klassischen Süchten wie Kokain- oder Heroinsucht vergleichbar ist, so gibt es reichlich Belege dafür, dass es sich eher um Abhängigkeitsformen ähnlich wie bei Nikotin handelt. Es gibt aber auch deutliche Hinweise für das Existieren einer Zuckersucht im engeren Sinne, sowohl auf experimenteller als auch auf klinischer Ebene. Von den insgesamt elf Kriterien einer sogenannten Substanzgebrauchsstörung (die früheren Begriffe Missbrauch und Abhängigkeit sind zugunsten dieses neuen Begriffes aufgegeben worden), wie im Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-5) aufgeführt wird, werden zumindest fünf bis sechs von Zucker- beziehungsweise kohlenhydratsüchtigen Personen erfüllt.
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Was man in diesem Zusammenhang auch wissen sollte: Bei Auftreten von zwei Merkmalen innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten gilt die Substanzgebrauchsstörung bereits als erfüllt! Die Störung gilt als schwer, wenn vier oder mehr Kriterien erfüllt sind. Dabei handelt es sich insbesondere um folgende Kriterien:
»Craving«, starkes Verlangen oder Drang, die Substanz zu konsumieren;
fortgesetzter Gebrauch trotz Kenntnis von körperlichen oder psychischen Problemen;
Konsum länger oder in größeren Mengen als geplant (Kontrollverlust);
anhaltender Wunsch oder erfolglose Versuche der Kontrolle;
Toleranzentwicklung gekennzeichnet durch Dosissteigerung oder verminderte Wirkung;
Entzugssymptome oder deren Vermeidung durch Substanzkonsum.
Von der Lebensmittel- beziehungsweise Zuckerindustrie wird darauf hingewiesen, dass zahlreiche Erkenntnisse zum Suchtverhalten in Verbindung mit bestimmten Nahrungsmitteln entweder an Labortieren wie Ratten gewonnen worden sind oder ohnehin in der wissenschaftlichen Welt kontrovers diskutiert werden. Also alles nicht wahr? Was dabei ignoriert wird, ist die Tatsache, dass die kontroverse Diskussion von wissenschaftlichen Ergebnissen das zentrale Wesen der Wissenschaftsdisziplinen und des wissenschaftlichen Diskurses an sich ist. So war es bisher und so wird es immer sein, mit dem Unterschied, dass man heute nicht mehr auf dem Scheiterhaufen landet, wenn man ketzerische, nicht Mainstream-konforme Ansichten äußert. Derzeit zumindest nicht.
Fragen Sie also einen übergewichtigen Patienten mit metabolischem Syndrom, der zahlreiche Abnehmversuche hinter sich hat, aber letztendlich an dem inneren Drang, doch wieder bei Burger, Donuts, Softdrinks oder Süßigkeiten aller Art zuzuschlagen, gescheitert ist, wie er sich fühlt. Fragen Sie ihn auch, ob er nach dem Kontrollverlust ein kurzfristiges Gefühl der Befriedigung oder einen Kick empfunden hat, nur um kurze Zeit später tatsächliche Entzugssymptome und erneuten Heißhunger zu verspüren. Schließlich sind sich viele Übergewichtige ihrer gesundheitlichen Misere schmerzlich bewusst, haben aber aus unterschiedlichsten Gründen aufgegeben und sich mit ihrem Schicksal und dem damit verbundenen Risiko abgefunden. Selbstzweifel, Depression und soziale Isolation inklusive.
Sich angesichts dieses weltweiten täglichen Dramas in Adipositas- und Stoffwechselambulanzen hinzustellen und zu behaupten, es existiere kein Suchtverhalten nach einfach verwertbaren Kohlenhydraten wie Zucker, ist zynisch, um nicht zu sagen kriminell. Immerhin haben es bereits einige Länder geschafft, angesichts der erdrückenden wissenschaftlichen Erkenntnisse analog zu anderen Suchtmitteln wie Alkohol und Nikotin die Substanzgebrauchsstörung eines großen Teils der Bevölkerung mit einer Zuckersteuer in den Griff zu bekommen.
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Wer selbst Kinder hat, wird ohnehin schon beobachtet haben, dass unleidliches Verhalten mit der Verabreichung von zuckerreichen Naschereien zumindest kurzfristig effektiv in den Griff zu bekommen ist. Bis zum nächsten Absinken des Blutzuckerspiegels jedenfalls ... Dass Zucker tatsächlich nicht nur unheimlich beruhigend, sondern sogar schmerzlindernd wirkt, zeigt sich in dem Erfolg eines medizinischen Produktes mit dem Handelsnamen Sweet-Ease®, einer simplen 24-prozentigen sterilen Zucker-Wasser-Lösung. Sie wird zur Beruhigung und Schmerzlinderung von Säuglingen bis zu sechs Monaten vor allem auf pädiatrischen Stationen, im Kinderambulanzbereich und in der Kinderarztpraxis verabreicht, um die Kleinsten der Kleinen bei Untersuchungen und Eingriffen einfacher handhaben zu können. Die Wirkung ist gleichermaßen erstaunlich wie wissenschaftlich belegt.
Aus evolutionärer Sicht müssen wir also das Bedürfnis nach Süßem als ein normales Merkmal betrachten, das es Menschen erlaubte, unter ursprünglich »primitiven« Bedingungen zu überleben, als Nahrungsmittel nicht an jeder Ecke verfügbar waren. Während wir uns aber kulturell weiterentwickelten und seit relativ kurzer Zeit simple Kohlenhydrate wie Zucker in großen Mengen günstig herstellen können, wurden die alten neuronalen Schaltkreise, die an süchtig machenden Verhaltensweisen beteiligt sind, überflüssig beziehungsweise dysfunktional. Anstatt unser Überleben zu sichern, beeinträchtigen sie heute unsere Gesundheit.
Aus diesem Grund und abgeleitet aus den gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO mittlerweile völlig zu Recht, die Aufnahme von freiem Zucker in allen Lebensphasen auf maximal fünf bis zehn Teelöffel (entsprechend zwanzig bis vierzig Gramm) pro Tag zu beschränken. Eine Menge, die unter Umständen mit einem Becher Fruchtjoghurt, mit Sicherheit aber mit 0,5 Liter Cola, Eistee, Apfel- oder Orangensaft aus dem Getränkeautomaten der Schule erreicht ist!
Um es noch einmal in aller Deutlichkeit zu wiederholen: Zucker in seiner reinen Form war zu mehr als 99,99 Prozent der Menschheitsgeschichte kein verfügbares Nahrungsmittel! Selbst natürlich anmutende Nahrungsmittel wie süßes Obst mit hohem Fruktosegehalt oder Tetra Paks mit noch so »gesundem« Orangen- oder Apfelsaft sind das Resultat von relativ rezenten Züchtungen, respektive Produkte der Nahrungsmittelindustrie. Der Zuckergehalt von Apfelsaft ist oft höher als der von Cola. In einem Liter rasch ausgetrunkenem Orangensaft stecken gut zwei Kilo Orangen. Wann haben Sie das letzte Mal zwei Kilo Orangen auf einen Sitz gegessen? Fruchtsäfte gleichen häufig flüssigen Süßigkeiten mit mehr als fraglichen ernährungsphysiologischen Eigenschaften. Von der Ökobilanz der Orangensaftherstellung ganz zu schweigen.
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Die dunklen Machenschaften der Zuckerindustrie ^^^^
Dass seitens der Industrie, egal ob Nahrungsmittel-, Pharma- oder Agroindustrie, Beweise für negative Gesundheitsauswirkungen ihrer Produkte unterdrückt werden, um rücksichtslos satte Profite auf Kosten der Bevölkerung zu machen, ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Schon vor fünfzig Jahren ließ die Zuckerindustrie wissenschaftliche Forschungsergebnisse verschwinden, die auf negative Gesundheitsauswirkungen des Zuckers hinwiesen, und stellte die Finanzierung der diesbezüglichen Forschung ein, als sie die finanziellen Interessen der ganzen Branche beeinträchtigt sah.
Eine weitere Verschwörungstheorie aus sozialen Netzwerken? Mitnichten, wie eine 2017 in dem Wissenschaftsjournal PLOS Biology veröffentlichte Studie zutage förderte.20 Die Autoren fanden im Rahmen ihrer Analyse interner Dokumente schlüssige Beweise dafür, dass die Zuckerindustrie die Wissenschaft manipuliert hat, um kommerzielle Interessen zu schützen und staatliche Regulierungsbehörden und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Laut der Studie finanzierte die Sugar-Research-Foundation (SRF) in einer Projekt 259 genannten Tierversuchsreihe die Auswirkungen von Tafelzucker auf die kardiovaskuläre Gesundheit. Als die Ergebnisse aus dem Projekt darauf hindeuteten, dass Saccharose mit Herzkrankheiten und Blasenkrebs in Verbindung gebracht werden kann, beendete die Stiftung die Forschung, ohne die Ergebnisse zu veröffentlichen oder Hinweise auf mögliche Schäden bekannt zu machen.
Die unter Verschluss gehaltenen Dokumente der Zuckervereinigung belegten zudem bereits 1969, dass nicht alle Kalorien gleich sind. Außerdem zeigten die gefundenen Aufzeichnungen, dass die Zuckerindustrie bereits Mitte der 1960er-Jahre eng mit Ernährungswissenschaftlern zusammengearbeitet hatte, um Fett und Cholesterin als alleinige diätetische Ursachen für Herz- und Gefäßkrankheiten darzustellen und die Rolle des Risikofaktors Zucker herunterzuspielen.
So hat die Sugar Research Foundation im Jahr 1967 sogar heimlich eine Übersichtsarbeit im angesehenen New England Journal of Medicine finanziert, in der Daten, die belegten, dass der Konsum von Tafelzucker mit erhöhten Blutfettwerten und der koronaren Herzkrankheit in Verbindung gebracht werden konnte, unterdrückt wurden. Ein schlaues Manöver, wenn man bedenkt, wie stark der Einfluss des New England Journal of Medicine auf die weltweite medizinische Praxis und Meinungsbildung seit Beginn des 19. Jahrhunderts ist.
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Öffentlich hat die Zuckervereinigung als Exponent der US-amerikanischen Zuckerindustrie immer vehement bestritten, dass Zucker Stoffwechselwirkungen hätte, die mit chronischen Krankheiten in Verbindung stehen und über kalorische Effekte hinausgehen würden. Interessantes Detail am Rande: Bereits damals ahnten die Wissenschaftler, dass vermutlich die Darmbakterien dafür verantwortlich seien, dass der aufgenommene Zucker über bakterielle Fermentierungspro-zesse zu einem Anstieg der Blutfettwerte (Hypertriglyceridämie) führt. Wären die Ergebnisse von Projekt 259 publiziert worden, wäre Tafelzucker wahrscheinlich sogar als potenzielles Karzinogen untersucht worden. Der Seniorautor der PLOS-Biology-Studie, Stanton Glanz, meinte dazu in einem Interview: »Dieser Fall ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Zuckerindustrie wie die Tabakindustrie eine lange Tradition hat, wissenschaftliche Ergebnisse zu unterdrücken, die ihre wirtschaftlichen Interessen nicht unterstützen.« Wenn also unliebsame Forschungsergebnisse den Profit gefährden, sind sich alle einig: Lebensmittelindustrie, Tabakunternehmen, Pharmaunternehmen und die chemische Industrie.
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Bereits ein Jahr zuvor publizierten dieselben Autoren in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine Dokumente, die belegen, dass die Zuckerindustrie Wissenschaftler in den i96oer-Jahren bezahlte, um die Verbindung zwischen Zucker und Herzkrankheiten herunterzuspielen und gesättigte Fette als die wahren Schuldigen anzuprangern.21 Ein Unterfangen, das glückte und die Medizin gut fünf Jahrzehnte lang an der Nase herumführte. Dabei war es ganz einfach: Die Sugar Research Foundation bezahlte drei Wissenschaftler der angesehenen Harvard University, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Eine Vorgangsweise, die heute noch funktioniert, wie zahlreiche journalistische Investigativartikel zeigen. Mehrere Artikel in der New York Times (22) deckten auf, dass unter anderem Coca-Cola, der weltweit größte Hersteller von zuckerhaltigen Getränken, Forschern, die den Zusammenhang zwischen zuckerhaltigen Getränken und Fettleibigkeit herunterspielten, Millionen Dollar zur Verfügung gestellt hatte.
Noch einmal zurück zu den bezahlten Harvard-Wissenschaftlern. Einer der von der Zuckerindustrie bezahlten Herren war Dr. Mark Hegsted, der später zum Leiter der Abteilung für Ernährung des US-Landwirtschaftsministeriums avancierte, wo er 1977 den Vorläufer der nationalen Ernährungsrichtlinien »mitgestaltete«. Eine schicksalshafte Verknüpfung von Ereignissen für Millionen von Menschen weltweit. Für viele darauffolgende Jahrzehnte ermutigten die Gesundheitsbehörden das Volk, ihre Fettzufuhr zu reduzieren, was dazu führte, dass viele Menschen stattdessen fettarme, zuckerreiche Lebensmittel zu sich nahmen. Also jene Nahrungsmittel, die viele seriöse Wissenschaftler heute für die weltweite Adipositas- und Diabetes-Epidemie verantwortlich machen!
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Dr. Hegsted nutzte seine Position, um die Ernährungsempfehlungen der US-Regierung zu beeinflussen, in denen gesättigtes Fett als Treiber für Herzkrankheiten hervorgehoben wurde, während Zucker im Wesentlichen als »leere Kalorien« charakterisiert wurde. Als potenziell negative Seite des Zuckers wurde lediglich seine Rolle bei der Kariesentstehung erwähnt.
Etwa Mitte der 1960er-Jahre deuteten die ersten Studien auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Zuckeraufnahme und der steigenden Rate an Herzkrankheiten hin. Zur gleichen Zeit versuchte der prominente US-Physiologe Ancel Keys, seine Theorie, wonach gesättigte Fette und Cholesterin in der Nahrung das größte Risiko für Herzerkrankungen darstellen, mit fragwürdigen Methoden zu beweisen. Den Vertretern der Zuckerindustrie gefiel diese Sichtweise gut und sie machten gegenüber den bezahlten Harvard-Wissenschaftlern klar, welche Ergebnisse sie erwarteten. Besonders entlarvend für die damaligen Machenschaften der Zuckerindustrie mit den Harvard-Wissenschaftlern ist ihr damals offenbar privater Schriftverkehr, der später aufgedeckt wurde. So beruhigte der Harvard-Wissenschaftler Dr. Hegsted eifrig mit einem Schreiben die Vertreter der Zuckerindustrie mit den Zeilen: »Wir sind uns Ihres besonderen Interesses bewusst und werden dies so gut wie möglich berücksichtigen.«
Nach Übermittlung des fertigen Manuskripts antwortete ein Mr. Hickson von der Zuckerindustrie äußerst zufrieden: »Ich kann Ihnen versichern, dass wir uns das ganz genau so vorgestellt haben, und wir freuen uns auf das Erscheinen in gedruckter Form.« Der Rest ist Geschichte. Die Nachwirkungen dieses schmutzigen Geschäftes finden Sie noch heute, zum Beispiel in Form von fettreduzierten Fasten-Joghurtdrinks mit zugesetztem Zucker (als Geschmacksträger), in jedem Supermarktregal.
Zwischenfazit: Politische Entscheidungsgremien wie staatliche Gesundheitsbehörden sollten endlich bei der Erstellung von Ernährungsempfehlungen beginnen, die von der Lebensmittelindustrie finanzierten Studien kritisch zu sehen beziehungsweise hochoffiziell eigene unabhängige Studien und Bewertungen durch unbestechliche Wissenschaftler durchführen zu lassen.
Von Rübenbauern, »Pflanzenschutz« und »Unkrautregulierung« ^^^^
Ziemlich grotesk mutet in diesem Zusammenhang die regelmäßig wiederkehrende, emotional und wenig rational geführte Diskussion um den Zuckerrübenanbau hierzulande an. Dazu muss man Folgendes vorab wissen: Die Zuckerrübe stellt nicht nur hohe Ansprüche an die Beschaffenheit des Bodens hinsichtlich Nährstoffe, sondern sie benötigt zusätzlich viel Dünger und reichlich »Pflanzenschutz«, sprich Pestizide.
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Da der Anbau von Zuckerrübenmonokulturen den Boden stark auszehrt, sollte der Anbau in mehrjähriger Fruchtfolge (ca. alle fünf bis sieben Jahre auf demselben Schlag) geschehen, damit der Boden sich zwischenzeitlich erholen kann und der Schädlingsdruck, vor allem durch Nematoden, nicht zu hoch wird. Aus dieser Tatsache erschließt sich, dass es den Rübenbauer eigentlich gar nicht gibt. Tatsächlich erwirtschaften alle Bauern, die Zuckerrüben anbauen, auch mit anderen Feldfrüchten ihr Einkommen, da ja zwischen den Jahren des Zuckerrübenanbaus gute fünf Jahre vergehen sollten. »Sollten«, wohlgemerkt, denn hinter vorgehaltener Hand wurde mir schon mehrmals mitgeteilt, dass manche schwarzen Schafe auf derartig lange Wartezeiten pfeifen und in viel geringeren Intervallen Zuckerrüben anbauen, da mit Zuckerrüben bessere Preise erzielt werden können als mit anderen landwirtschaftlichen Kulturen, etwa Weizen oder Mais.
Der Zuckerrübenanbau birgt ähnlich wie Mais zusätzlich ein erhöhtes Risiko für Bodenerosion, Nährstoffauswaschung und Oberflächenabfluss in sich, da der Boden meist erst Mitte Juni durch Blätter bedeckt ist. Nach dem Aufgang wachsen Zuckerrüben zunächst relativ langsam, sodass sie empfindlich gegenüber Konkurrenz durch Unkräuter sind. Der unkrautbedingte Ertragsausfall kann ohne sogenannte »Pflanzenschutzmaßnahmen« im Extremfall bis zu hundert Prozent betragen. Folglich ist eine »Unkrautregulierung« (ein weiterer verharmlosender Ausdruck) durch intensiven Herbizideinsatz zur Ertragssicherung zwingend erforderlich. Zudem entsteht bei der Ernte auf Dauer ein erheblicher Bodenverlust, da Erde mit den Zuckerrüben »mitgeerntet« und abtransportiert wird. Der Anbau von Zuckerrüben ist, vor allem wegen des hohen Dünger- und Pestizideinsatzes, als wenig umweltfreundlich und nicht bodenschonend zu bezeichnen. Glücklicherweise haben sich in den letzten Jahren bodenschonende Maßnahmen wie Winterbegrünung und Mulchsaat auch beim Zuckerrübenanbau immer mehr verbreitet.
Schaut man auf der Homepage der Vereinigung der österreichischen Rübenbauernorganisationen23 nach, möchte man fast meinen, es handle sich bei der Zuckerrübe um die umweltfreundlichste und ökologisch nachhaltigste Feldfrucht überhaupt. »Die Zuckerrübe erfüllt alle Anforderungen, die umweltbewussten Konsumentinnen und Konsumenten wichtig sind: Sie schont die natürlichen Ressourcen und leistet in der Fruchtfolge einen wichtigen Beitrag zu gesunden Böden.« Rübenanbau sei umweltfreundlich, heißt es dort mehrfach. Und: Durch die Verwendung von ganz wenigen ausgewählten »umweltnahen Pflanzenschutzmitteln« (!) ... gewährleisten die österreichischen Rübenbauern eine umweltgerechte Landwirtschaft und ein gesundes Nahrungsmittel: unseren Zucker«.
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Nun, mit der »Gesundheit« des »Nahrungsmittels« Zucker haben wir uns bereits ausführlich beschäftigt. Wortreich wird zudem vor der Aufhebung der EU-Zuckerquote gewarnt. Eine völlige Liberalisierung des Zuckermarktes berge hohe Risken für die »Versorgung der Bevölkerung mit Zucker«, ist da zu lesen. Beinahe hätte man, angesichts dieser pathetischen Wortwahl, das Gefühl, es handle sich um ein lebensnotwendiges Grundnahrungsmittel, um dessen Verfügbarkeit man sich ernsthaft sorgen müsste. Tatsächlich hat sich seit dem Wegfall der Zuckerquote ab dem Jahr 2017 der Preis zwar etwas nach unten entwickelt, dennoch konnte die Agrana AG insgesamt ein deutliches Ergebnis-Plus erreichen und die »Versorgung der Bevölkerung mit Zucker« war gesichert.
Apropos Gesundheit und lebensnotwendig: Klickt man auf die Rubrik »Gesundheit«, scheint man endgültig in einem surrealen Paralleluniversum gelandet zu sein. Mit Selbstsicherheit wird hier tödlicher Unsinn verkündet: »Die ernährungsmedizinisch positive Wirkung des Lebensmittels Zucker ist von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern bestätigt.«
Welche »positiven Wirkungen« darunter zu verstehen sind und um welche Ärzte es sich handelt, wird freilich verschwiegen. Der in unseren Breiten übliche Zuckerkonsum könne nicht für die Entstehung von »lebensstilabhängigen Krankheiten« wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht verantwortlich gemacht werden, ist hier zu lesen. Und weil es schon beinahe fast wieder erheiternd ist, hier noch ein Absatz, der neben bunten Bildern von Zuckerwatte, Torte und Süßigkeiten zu finden ist:
»Nach den heute vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen ist Übergewicht nicht auf hohen Zuckerverzehr zurückzuführen. Unter normalen Ernährungsbedingungen wird Zucker, wie alle Kohlenhydrate, nicht in Körperfett umgewandelt. Hoher Zucker- beziehungsweise Kohlenhydratverzehr wird häufig bei Menschen mit niedrigerem Körpergewicht gefunden. Übergewichtige essen weniger Zucker, aber mehr Fett als Schlanke.«
Die weitere Behauptung, es bestünde ernährungsphysiologisch kein Unterschied zwischen Kristallzucker und Zucker in Früchten, ist natürlich genauso falsch wie die weiter unten getätigten Behauptungen, Karies der Zähne wäre nicht auf Zucker und Kohlenhydrate zurückzuführen oder Diabetiker sollten eigentlich Zucker essen.
Als Quelle für all diese wunderbaren Informationen wird die UNION-ZUCKER Südhannover GmbH angegeben. Eine wahre Schatzkiste an wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Eines muss an dieser Stelle klar gesagt werden: Solange die politisch Verantwortlichen eine derartig verantwortungslose, öffentliche Fehlinformation der Bevölkerung dulden, fehlt dem gesetzlichen Verkaufsverbot von Zigaretten und Alkohol an Kinder und Jugendliche jegliche Glaubwürdigkeit.
In der Anbausaison 2018 beklagten die »Rübenbauern« eine Rüsselkäfer-Epidemie in »biblischem Ausmaß« und machten in bestem Einvernehmen mit den Insektizidherstellern das Verbot bestimmter Neonicotinoide durch die EU und die Aktivitäten von Umweltschutz-NGOs mitverantwortlich. »Gehen die Neonicotinoide als Beizmittel verloren, fehlt der Rübe vor allem in der sensiblen Wachstumsphase der notwendige Schutz gegen Schädlinge«, argumentierte etwa der Obmann der Industriegruppe Pflanzenschutz im Interview mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hielt dagegen, dass es auch bei Zuckerrüben möglich sei, ohne Ackergifte anzubauen. Als Beweis hierfür sei der erfolgreiche Anbau von Biozucker in Österreich anzuführen, der ganz ohne chemisch-synthetische Pestizide auskomme. Und tatsächlich, sogar auf der Homepage von wiener-zucker.at steht es schwarz auf weiß: »Der Bio Zucker von Wiener Zucker steht für ökologischen Anbau, nachhaltige Landwirtschaft und unterliegt einem strengen Kontrollsystem vom Anbau bis zum Endprodukt.« Es geht also auch ohne Gift. Nur: Mit Kunstdünger und Gift geht's halt einfacher, sprich weniger arbeitsintensiv.
Übrigens: Aus wissenschaftlicher Sicht besteht kein Zweifel an der Toxizität von Insektiziden aus der Gruppe der Neonicotinoide, wie zum Beispiel Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Es sind Nervengifte, die das Nervensystem der Insekten attackieren und dabei keinen Unterschied zwischen Schädlingen und Nutzungen machen.
Der wortgewaltige Präsident der Rübenbauern warnte vor dem Hintergrund des »Neonic-Verbotes« emotional wie medienwirksam: »Der Rübenanbau in Österreich ist bedroht und damit die rund 6000 Bauern und ihre Familien.« Tatsächlich? Eher dürfte der Bioanbau der einzige Weg in eine Zukunft mit dem Genussmittel Zucker sein, denn seit dem Verbot der Neonicotinoide wird von vielen Landwirten ohnehin wieder auf ältere, teilweise hinsichtlich Toxizität schlechter untersuchte Pestizide zurückgegriffen. Auch keine Lösung, und zum Teil noch tödlicher für die Bienen. Zudem steht es jedem sogenannten Rübenbauer frei, wie andere Landwirte auch auf alternative Kulturen umzusteigen. Warum diese Fehlinformation? Warum diese verlogene Dramatik? Es ist verrückt, angesichts dessen, was wir über Zucker, seine Wirkung auf den menschlichen Stoffwechsel und die ökologischen Nachteile des Zuckerrübenanbaus wissen, über die Erhaltung von Arbeitsplätzen, Ausnahme- und Notfallregelungen sowie Subventionen zu diskutieren. Zucker muss langfristig wieder das werden, was er vor mehr als hundert Jahren war: ein höherpreisiges Luxusgut, das nur in geringen Mengen verzehrt werden sollte.
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