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Landwirtschaft heute

 

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Wer heute aufmerksam durch flache Landstriche Europas fährt, sieht schnell, dass bereits ein Großteil der Bäume und Sträucher, die bis vor wenigen Jahrzehnten in zusammenhängenden Grün- beziehungsweise Wind­schutz­gürteln die Felder umgaben und durchzogen, beseitigt worden sind. Die Anbauflächen sind für den Maschineneinsatz optimiert worden, auf Kosten der letzten Rückzugsgebiete für Wild, Insekten, Reptilien und Vögel. So weit das Auge blicken kann, eintönige Monokulturen und kahle Felder, die mit Unmengen synthetischem Dünger und Pestiziden behandelt werden müssen, um überhaupt Erträge zu liefern. Einst blühende Landschaften sucht man in agrarischen Intensivnutzungsgebieten vergebens. Agrarsteppen findet man, abgesehen von alpinen Hanglagen, beinahe überall.

   Das leise Sterben der Bauern  

Es ging schnell. Während in den 1950er-Jahren ein österreichischer Bauer durchschnittlich nur vier Menschen ernährte, waren es 1970 bereits zwölf Menschen, 2016 kamen dann auf jeden Landwirt durchschnittlich achtzig Österreicher und Österreicherinnen. Dass noch viel mehr geht, zeigt die Bundesrepublik Deutschland. Hier »ernährt« ein Bauer derzeit sogar 145 Menschen. Hinzu kommt der steigende Export.

In Österreich haben seit 2010 19000 Bauernhöfe ihren Betrieb eingestellt. Das heißt, dass derzeit in Österreich täglich (!) fünf bis sieben Landwirte ihren meist über viele Generationen geführten Betrieb aufgeben. Europaweit sind es jährlich gut 350.000 Bauern, die das Handtuch werfen. Allein in den zehn Jahren zwischen 2003 und 2013 hat in Europa ein Drittel aller Bauernhöfe aufgegeben. Ihre Flächen übernahmen andere, häufig Investoren, die von der nachhaltigen Bewirtschaftung fruchtbarer Böden nichts verstehen. Im ehemaligen Osten Deutschlands ist bereits ein Fünftel der Höfe nicht mehr im Besitz von Bauern, sondern wird von landwirtschaftlichen Investoren bewirtschaftet. Ein Bezug zum Boden ist hier nicht mehr gegeben.

In Deutschland hat seit 1990 über die Hälfte der Bauern aufgegeben. Während man im Jahr 2000 in Deutschland noch 450.000 Höfe zählte, sind es mittlerweile weniger als 266.000. Setzt sich dieser Trend fort, wird in den nächsten zwanzig Jahren jeder zweite Bauernhof verschwinden. Heute bewirtschaften etwa drei Prozent aller Betriebe mehr als die Hälfte des europäischen Agrarlandes.

Allein diese Zahlen zeigen deutlich, dass die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union mit ihren flächenbezogenen Direktzahlungen ein verfehltes System darstellt. Wesentliche Änderungen sind auch ab 2020 nicht zu erwarten. Das Sterben wird weitergehen.

Die verbleibenden Landwirte werden immer weiter in eine Sackgasse getrieben, aus der nur schwer zu entkommen ist. Sie müssen immer mehr Dünger und Spritzmittel einsetzen, um das gegenwärtig herrschende Preis­dumping am Lebensmittelmarkt zu überstehen. Immer mehr Geld muss investiert werden, nur um denselben Ertrag zu erwirtschaften. Äcker, die lange mit Kunstdünger und Pestiziden behandelt wurden, verhalten sich wie Suchtkranke: Sie brauchen eine immer größere Dosis, um dasselbe Ergebnis zu erzielen.

Der Trend heißt Uniformität. Obwohl die Welt mehr Lebensmittel als je zuvor produziert, ist sie von wachsenden Monokulturen abhängig. Von 6000 bis 7000 prinzipiell verzehrbaren Pflanzenarten tragen weniger als 200 zur weltweiten Nahrungsmittelproduktion bei. Wirklich besorgniserregend ist vor allem die Tatsache, dass nur neun Pflanzenarten (darunter Zuckerrohr, Mais, Reis, Weizen, Kartoffeln und Sojabohnen) zwei Drittel der weltweiten Produktion ausmachen. Wobei Mais, Reis und Weizen sechzig Prozent der weltweit benötigten Kalorien liefern. Auch innerhalb dieser Arten herrscht immer weniger Zuchtvariation.

Dass ein Verlassen auf wenige Arten und Zuchtsorten, bei denen vor allem der Ertrag und weniger die Widerstandsfähigkeit und Klimaanpassung eine Rolle spielen, höchst anfällig für Katastrophen macht, hat die Geschichte mehrmals eindrücklich gezeigt. Dabei liegt gerade in alten, wenig oder ungenutzten Saatgutsorten das Potenzial, den mit der globalen Klimaveränderung einhergehenden Wetterkapriolen zu trotzen. Wir brauchen einen möglichst großen Genpool, damit die Landwirtschaft sich an die veränderten klimatischen Bedingungen anpassen kann. Der gegenwärtige Trend zur Monokultur, befeuert durch die Interessen der Agrarindustrie und Saatgutpatente, führt unweigerlich dazu, dass die genetische Vielfalt im Agrarsektor stetig schrumpft.

Der ständig zu hörende Leitspruch »Wachse oder Weiche«, der dem gegenwärtigen Strukturwandel in der Landwirtschaft zugrunde liegt, prägt die derzeitige Situation. Obwohl die heimische (österreichische) Landwirtschaft immer noch vergleichsweise kleinstrukturiert ist, zeigen die Zahlen der Hofaufgaben (fünf täglich!) und die zu verzeichnende Steigerung der Betriebsgrößen, dass die globale Agrarkrise mit ihrem Hang zu Gigantismus auch bei uns angekommen ist. Bei denen, die dem Ruf zu wachsen gefolgt sind, kommt es immer mehr zu einer Spezialisierung auf wenige Produkte unter Nutzung immer größerer Flächen. Das Motto »Wachsen statt Weichen« wird dabei allzu oft zu »Wachsen und Weichen«.

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Das Hauptaugenmerk der industriellen Landwirtschaft liegt dabei auf neuen, ertragreicheren Saatgutsorten, effizienteren Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, der Optimierung des Kraftfutters und der Zuchtlinien. Alles folgt dem Diktat der Ökonomie und der Profitoptimierung. Natürliche ökologische Zusammenhänge und biologische Rahmenbedingungen werden dabei ebenso ausgeklammert wie die Folgen für Konsument und Umwelt.

Grundsätzlich ist eine gewisse Optimierung in der landwirtschaftlichen Produktion eine sinnvolle Sache und fand seit Anbeginn von Ackerbau und Viehzucht statt. Aber aus einem anderen Antrieb und auf einem anderen Niveau. So waren es über die Jahrtausende hinweg immer diejenigen Sorten, die unter den lokalen klimatischen Bedingungen und Bodengegebenheiten am robustesten, anpassungsfähigsten und ertragreichsten erschienen, deren Saatgut weiterverwendet wurde. Auch durch Kreuzung verschiedener Arten versuchte man, diese am besten an den vorherrschenden Bedarf anzupassen. Dieser darwinistische Selektionsprozess durch den Menschen hat weltweit zu einer unglaublichen Sortenvielfalt (bei Pflanzen wie bei Nutztieren) geführt, die bis vor gar nicht allzu langer Zeit die Ernährung der Menschen sicherte.

Die biotechnologischen Möglichkeiten der letzten Jahrzehnte haben diesen Prozess der ausschließlich auf Leistungsparameter ausgerichteten Optimierung allerdings teilweise pervertiert. Während früher etwa sogenannte Mehrnutzungsrassen gehalten wurden, also zum Beispiel Hühner, die Eier legten, aber auch als Fleischlieferant geeignet waren, oder Milchkühe, deren Fleisch auch qualitativ hochwertig war, oder Schafe, die Wolle, Fleisch und Milch gaben, ging der moderne Trend in Richtung Optimierung einer einzigen Eigenschaft ohne Rücksicht auf die Folgen.

Turbomilchkühe, die Unmengen an wässriger Milch geben, aber angesichts der Eutergröße kaum noch gehen können, sind ebenso das Resultat wie rapide wachsende Masthühner, die sich in Anbetracht des eigenen Körpergewichtes kaum auf den Beinen halten können. Vor hundert Jahren brachte eine Kuh eine Jahresleistung von 2000 bis 3000 Kilogramm Milch, was den natürlichen Bedarf eines Kalbes von ca. acht Kilogramm täglich deckt. Heute ist bei hochgezüchteten Rassen und entsprechend artfremder Kraftfuttergabe eine Milchleistung von über 8000 Kilogramm Milch pro Jahr möglich. Hohe Produktivität (Milch-, Lege-, Mastleistung, Fettarmut, Fruchtbarkeit) bestimmen heute allein die Zuchtwahl unserer Nutztiere. Billige Koteletts und Milch zu Dumpingpreisen kann es eben nur geben, wenn in der Masse kostengünstig produziert wird und die Leistungen der Tiere immer mehr gesteigert werden.

Negativbeispiele gibt es etliche. So können viele Milchbauern in der EU nach millionenschweren Investitionen bei den derzeitig anhaltend niedrigen Milchpreisen nicht mehr kostendeckend arbeiten. Hinzu kommt die erdrückende Last der Kreditraten. Geraten wurde den Bauern, ihren Viehbestand aufzustocken, um wettbewerbsfähig zu bleiben, und zwar in vielen Fällen von Funktionären der eigenen Landwirtschaftskammer.

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Höfe, die mit 15 Stück Milchkühen über Jahrzehnte halbwegs wirtschaften konnten, wurden in regelmäßigen Abständen dazu bewegt, ihren Bestand zu vergrößern, um »im Rennen zu bleiben«. 15,30,80,100, dann verdoppeln auf 200 Rinder. Aber wann ist Schluss mit dem Wachstum? Vielen Landwirten wird diese Entwicklung nicht ohne Grund zunehmend unheimlich und sie geben auf, um zu retten, was zu retten ist. Die Zahl der immer größer werdenden Tiermastanlagen scheint mit der Zahl der Lebensmittelskandale in den Medien zu steigen. Nach einer Zeit der Wachstumsgläubigkeit vieler Bauern beginnt seit einiger Zeit die Skepsis zu wachsen. Zu viele Betriebe machten, was ihnen geraten wurde, zu wachsen oder zu weichen. Jetzt verschwindet einer nach dem anderen. Die, die in das Wachstum ihrer Höfe massiv investiert haben, verschwinden (oft hoch verschuldet) von der Bildfläche, und zwar zugunsten der immer größer werdenden Agrarindustriemultis.

Doch was ist falsch an einer effizienten industriellen Nahrungsmittelproduktion?

Um zu sehen, wie weit wir uns von ursprünglichen, weitgehend nachhaltigen Praktiken von Ackerbau und Viehzucht verabschiedet haben, muss man nur eine der jährlich in allen Ländern Europas stattfindenden Agrarmessen besuchen. Wer nicht völlig gefühlskalt ist und fernab jeglicher Realität lebt, wird sich angesichts so mancher als Innovation angepriesener Technik auf die kaltschweißige Stirn greifen. Vollautomatische lasergesteuerte Melkroboter, bei denen der Mensch vollständig überflüssig geworden ist, erhält man in der Einstiegsvariante ab 120000 Euro netto. Immerhin erspart sich der Landwirt damit pro Tag gut 1,5 Stunden Melkarbeit. Die dazu passende automatische Waschanlage für die Klauen der Kühe ist im kleinen Einsteigermodell um knapp 30000 Euro zu haben. Spätestens wenn wir uns mit der gegenwärtigen Milchpreispolitik beschäftigen, werden wir uns unweigerlich die Frage nach der Finanzierung stellen müssen. Wie viel Liter Milch muss der Betrieb beim derzeitigen Milchpreis verkaufen, bis sich derartige Investitionen rechnen? Viele Milchbauern legen derzeit sogar noch einige Cent auf jeden Liter Milch drauf. Das können dann je nach Viehbestand Tausende Euro sein. Es ist ein Defizitgeschäft.

Die Werbebotschaft der Industrie ist bei alldem Technikangebot klar: Wer viel investiert, wird später zu den finanziellen Gewinnern gehören. Je größer der Stall, desto größer die Rendite. Und wer finanziert dieses propagierte Wachstum? Klar: die Banken. Das Geld für derartige Investitionen wird von den traditionellen landwirtschaftlichen Großbanken über jährliche Milliardenkredite nur allzu bereitwillig zur Verfügung gestellt. Die Angst, zu den Verlierern zu gehören, bewegt viele Bauern dazu, Millionenkredite aufzunehmen. Welche Sicherheiten verlangen die Banken im Gegenzug für derartige Großkredite? Haus und Hof samt Grund und Boden. Bei oft jahrzehntelanger Laufzeit der Kredite gibt es für den verunsicherten Bauer kein Entrinnen.

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Aber wird sich die Investition rechnen? Wie sieht Angebot und Nachfrage in zehn Jahren aus? Die Antwort steht für gewöhnlich in den Sternen, die Zukunft ist auch in der Landwirtschaft ungewiss. Die Banken hingegen gewinnen immer - so oder so. Und wenn die Banken angesichts von Wirtschaftskrisen aufgrund fragwürdiger Geschäftspraktiken in die Bredouille geraten, darf der Steuerzahler einspringen, ob er will oder nicht.

Auch die Dünger- und Vernichtungsmittelindustrie ist auf landwirtschaftlichen Großmessen in der Regel prominent vertreten. Ganze Hallen werden von den bekanntesten Firmen exklusiv gemietet, um bunt und laut mit militanter Wortwahl um die Gunst der Landwirte zu buhlen. In der Saatgut- und Düngemittelhalle mit Firmen wie Pioneer, Bayer, K+S Kali und Syngenta gibt man alles. Bei gratis Bier und Musik kommt man hier mit dem Zielpublikum ins Gespräch.

Großtraktoren mit vielsagenden, vor allem das männliche Klientel ansprechenden Namen wie Warrior und Titan stehen am Eingang von Hallen mit allen Varianten von Feldspritzen mit bis zu vierzig Meter langen Auslegerarmen und bezeichnenden Aufschriften wie Grass Killer, Target, Ikarus und Striker. Die teilweise zwillingsbereiften, tonnenschweren Ackergiganten mit 350 PS verdichten den Erdboden, auf dem sie ihre Spuren ziehen. Was dem langjährigen Besucher von Agrarmessen auch auffällt: wenige Innovationen hinsichtlich ökologischer, bodenschonender Wirtschaftsweise, sondern hauptsächlich größer werdende, leistungsfähigere Maschinen mit immer raffinierterer Computersteuerung. Viele der hier ausgestellten Ackergiganten können aufgrund von Breite, Höhe und Gewicht auf Dorf straßen gar nicht mehr verkehren. Mit zukunftsfähigen Technologien kommt der durchschnittliche Landwirt hier kaum in Berührung. Regenerative Landwirtschaft? Fehlanzeige.

Sicher, die moderne Landwirtschaft hat Lebensmittel günstig gemacht und die kurzfristige Versorgungssicherheit enorm verbessert, was aber die wenigsten wissen: In Deutschland hat zum Beispiel die Fleischproduktion in den letzten zwanzig Jahren um zwei Millionen Tonnen zugenommen, während gleichzeitig der inländische Verbrauch stetig abgenommen hat. Tatsächlich hat sich, subventioniert mit Milliarden des Steuerzahlers, der Exportanteil dafür fast verdreifacht! Fazit: Die Landschaft verödet, die Tiermast wird industrialisiert, die Gülle bleibt hier und belastet die Böden. Daran verdienen können aber nur wenige Industrielle und Börsenspekulanten.

   Bauernsterben 2.0  

Was den Augen der Öffentlichkeit oft verborgen bleibt, ist die offenbar zunehmende Anzahl an Suiziden in der Landwirtschaft. Da über Selbstmorde in den Medien (aus guten Gründen) nicht ausführlich berichtet wird, handelt es sich dabei um ein leises Sterben par excellence.

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Wie groß das Problem ist, weiß niemand, genaue Zahlen fehlen. Befeuert durch das derzeitige System, nehmen Burn-out und psychische Erkrankungen bei Landwirten drastisch zu. Was der vom Burn-out verschonte Laie nicht weiß: Die Betroffenen leiden häufig nicht (nur) an Arbeitsüberlastung, sondern vor allem an der Sinnlosigkeit ihrer Arbeit. Man verrichtet tagein, tagaus seine Arbeit, ohne die Früchte seines Erfolges zu sehen. Es fehlt die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit, man lebt von Subventionen aus Brüssel. Hinzu kommen die steigenden bürokratischen Anforderungen, erheblicher wirtschaftlicher Druck, sinkende Preise und fehlende Wertschätzung.

Problematisch in diesem Zusammenhang ist auch der Umstand, dass Landwirte ständig als Täter porträtiert werden, schuldig durch ihre landwirtschaftlichen Praktiken, schuldig durch die Verwendung chemischer Produkte. Schlussendlich sind auch sie in vielerlei Hinsicht Opfer eines perfiden Systems geworden, das sie im Würgegriff hält.

In Frankreich nimmt sich einer offiziellen Studie zufolge jeden zweiten Tag ein Landwirt das Leben. Der Studie der französischen Gesundheitsbehörde aus dem Jahr 2013 zufolge ist das Suizidrisiko unter französischen Landwirten gut zwanzig Prozent höher als in der Durchschnittsbevölkerung. Die Problematik betrifft EU- und Nicht-EU-Landwirte gleichermaßen. Einer Studie des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) ergab, dass sich männliche Landwirte in 17 US-Bundesstaaten im Jahr 2012 ca. doppelt so häufig das Leben nahmen als die männliche Durchschnittsbevölkerung. Da die erhobenen Daten mehrere große Agrarstaaten wie Iowa nicht mitberücksichtigen, könnte die tatsächliche Suizidrate höher liegen.

Besonders dramatisch stellt sich die Lage in Indien mit einer ohnehin hohen Suizidrate dar. Nach schwer zu überprüfenden Angaben zufolge sollen in den letzten Jahren weit mehr als 100.000 Bauern aufgrund von Ausweg­losigkeit den Freitod gewählt haben. Manche machen hierfür das genmanipulierte Saatgut (GMOs) der Agrargiganten verantwortlich. Die Kleinbauern nehmen für ihre Verhältnisse große Kredite auf, um das vielver­sprechende Saatgut zu kaufen, und wissen offenbar nicht, dass sie die Samen der Ernte nicht erneut anbauen können. So wird gepflanzt, aber die Saat bleibt tot im Boden liegen. Durch Hybridsaatgut oder die sogenannte Terminator-Technologie (Samensterilität) verlieren die Bauern im schlimmsten Fall eine ganze Ernte. Die finanzielle Bedrängnis und soziale Ehrenkodizes veranlassen so manchen Bauer zu einer Verzweiflungs­tat. Eine der wenigen Studien zu dieser Problematik stammt aus dem Jahr 2017 und wurde in der Wissenschaftszeitschrift PNAS publiziert.24

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Demnach gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Suizidraten und hohen Temperaturen während der Wachstumssaison, die die Erträge zurückgehen lassen. Laut der Studienautorin Tamma Carlton führt bei Temperaturen über zwanzig Grad ein Temperaturanstieg eines einzigen Tages um einen Grad im Durchschnitt zu siebzig Suiziden. Allerdings dürfte der Klimawandel lediglich den ohnehin bestehenden ökonomischen Druck des gegenwärtigen Systems auf Kleinbauern nur noch weiter verschärfen.

Bodenverdichtung

In Europa sind schätzungsweise dreißig Millionen Hektar Ackerland weitgehend irreparabel verdichtet. Die Hauptursachen der Bodenverdichtung sind die intensive Bodenbearbeitung und zunehmende Achslasten der immer schwerer werdenden eingesetzten landwirtschaftlichen Nutzfahrzeuge wie Traktoren, Mähdrescher und Kartoffel- beziehungsweise Rübenerntemaschinen. Die schweren Maschinen erdrücken die unterschiedlichen Lebenszonen des Bodens und verhindern die essenzielle Bodenbelüftung durch Komprimierung der Bodenporen. Die beinahe überall sichtbaren Konsequenzen eines verdichteten Bodens mit geschwächter Bodenstruktur sind Ertragsrückgang, Bodenmüdigkeit, Wassererosionszunahme durch verringerte Wasseraufnahme bis hin zu Überschwemmungsgefahren. - Bis eine feinkrümelige Bodenstruktur wiederhergestellt ist, kann es lange dauern. Versuche auf Lösslehm in Baden-Württemberg haben gezeigt, dass es bei Stilllegung verdichteter Äcker erst frühestens nach zehn Jahren zu einer Wiederauflockerung des Bodens durch natürliche Prozesse kommt.

Pflug

Aufgrund der zunehmenden Bodenverdichtung mit all den einhergehenden Problemen werden große vielscharige Mammutpflüge eingesetzt, um den Boden aufzulockern. Mit vielen PS und unter enormem Energieaufwand in Form fossiler Brennstoffe wird dem verdichteten Boden zu Leibe gerückt. Die dem Umpflügen zugrunde liegende Rationale ist (abgesehen von der Urbarmachung), dass durch das Wenden und Lockern der dichte Boden wieder belüftet wird und so das Wachstum und die Fruchtbarkeit der Kulturpflanzen gewährleistet werden soll. Auch eine effiziente Aussaat, das Einarbeiten des Düngers in den Boden und die Unkrautbekämpfung sollen dadurch bewerkstelligt werden. Durch den Einsatz von immer größeren Maschinen sollen schließlich der personelle und der zeitliche Aufwand verringert werden.

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Für die Bodenlebewesen - über ihre unschätzbare Bedeutung für uns Menschen wird noch ausführlich zu berichten sein - kommt das Umstürzen der Bodenschichten durch Pflügen ohnehin einer Katastrophe gleich. Glück­licherweise entdecken immer mehr Landwirte die katastrophalen Zusammenhänge zwischen Tiefpflügen mit schwerem Gerät und abnehmender Bodenfruchtbarkeit (bei gleichzeitig stark zunehmendem Betriebs­mittelaufwand). Noch ist es eine Minderheit, aber die Revolution, die durch ihre Vorbildwirkung ausgeht, wird unaufhaltsam sein. Davon werde ich im dritten Teil des Buches berichten.

  Perversion im Ackerbau 

Erinnern Sie sich noch an die verklärte Ansicht meines Kollegen Dr. Herrmann, der glaubte, am Land sei alles in Ordnung, weil die Bauern in der auf den ersten Eindruck ach so grünen, ländlichen Umgebung alle lokal benötigten Nahrungsmittel anbauen würden? So wie er denken viele, wenn sie die grünen Felder während der klimatisierten Autobahnfahrt an sich vorüberziehen sehen. Tatsächlich ist aber seit Langem etwas faul im ländlichen Raum. Allein sechzig Prozent der europäischen Ackerflächen sind für die Produktion von Tierfutter reserviert und dienen daher nur auf dem Umweg des gemästeten Rinder-, Sau- oder Hühnermagens der mensch­lichen Ernährung.

Die tatsächliche Perversion ist jedoch, dass der Großteil des Ertrages der verbleibenden vierzig Prozent Anbaufläche nicht einmal auf Umwegen zur menschlichen Ernährung beiträgt. Wir betreiben vielmehr unsere Fernsehgeräte mit Mais. Ja, so ist es. Die blindwütige Förderung sogenannter alternativer oder erneuerbarer Energiequellen wie Raps, Mais, Elefantengras (Miscanthus) und Co. für die »grüne Energiewende« führte dazu, dass immer mehr dieser Energieträger auf den Feldern angebaut werden und zwecks Stromerzeugung in Biogasanlagen beziehungsweise als Brennstoff in Heizungspellets landen. Gemäß dem Motto »Tank statt Teller« wird aus Raps Biodiesel und aus Mais und Soja Bioethanol, wobei »Bio« hier nichts mit biologischem Landbau zu tun hat. Vielmehr werden beim Anbau reichlich Pestizide eingesetzt.

Dass die geernteten »grünen« Energiepflanzen mit fossilen Brennstoffen oft kilometerweit transportiert werden müssen, scheint dabei niemanden zu stören. In Deutschland hat sich zum Beispiel die monokulturelle Maisanbaufläche während des vergangenen Jahrzehnts nahezu verdoppelt, auf etwa ein Siebtel der gesamten landwirtschaftlichen Anbaufläche. Ökologischer Irrsinn. Doch der deutsche Biogas-Boom war fast so schnell vorbei, wie er angefangen hat, als man in Berlin beschloss, die lukrativen Förderungen für den Anbau von

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Energiepflanzen nach zwanzig Jahren abzudrehen. Auch in Österreich stehen unzählige Biogasanlagen wieder vor dem Aus, weil die satten Förderverträge mit einem fixen Stromtarif ablaufen und sich dann der Betrieb nicht mehr rentiert. Auf der Strecke bleiben diejenigen, die durch die Umstellung ihres Betriebes vom Landwirt zum »Energiewirt« (so die Selbstbezeichnung) wurden - langfristige Verbindlichkeiten bei der Bank inklusive. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung kommentierte ein betroffener Energiewirt die reflexartige Ausrichtung der Wirtschaftsweise an Fördergeldern ziemlich treffend: »Geld macht Gier, und Gier frisst Hirn.«

Allerdings ist es allzu menschlich, wenn Landwirte ihre Produktion von echten Lebensmitteln, deren Anbau mühsam ist und noch dazu schlecht bezahlt wird, auf einträglichere und weniger arbeitsintensive Feldfrüchte umstellen. Die gute finanzielle Förderung war schließlich auch der Grund für den jahrzehntelangen intensiven Anbau von Zuckerrüben.

Am Ende jeder Anbausaison werden Tausende Tonnen von Mais in Niederösterreichs Lagerhäusern abgeliefert. Der Hektarertrag ist zufriedenstellend, der Preis für lediglich sieben Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr stimmt (die Flächenausgleichszahlungen kommen schließlich noch dazu), die Stimmung ist heiter. Allein, der Mais ist nicht zum menschlichen Verzehr bestimmt. Was nicht in Tiermägen landet (wo es vor allem im Falle von Wiederkäuern ohnehin von Natur aus nicht hingehört), wird zu Zitronensäure für den Weltmarkt. Ja, mein lieber Dr. Herrmann, kein guter Zuckermais für den Salat, sondern Zitronensäure für Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie, technische Industrie sowie Waschmittelhersteller.

Ähnlich verhält es sich mit der Ernte von vielen Hektar gestreift-sämiger Sonnenblumen. Ihre Kerne landen nicht im Sonnenblumenöl, sondern werden als Vogelfutter über Hunderte Kilometer nach Deutschland gekarrt. Und falls es dich wundert, lieber Dr. Herrmann, warum italienische LKW auf niederösterreichischen Landstraßen unterwegs sind, dann lautet die Antwort: Unser Premium-Durum-Weizen geht nach Italien, da man dort für die Pastaherstellung zu wenig Hartweizenertrag hat. Du kannst ihn nach der Rückkehr von seiner 2000 Kilometer langen Reise in Form von »italienischen« Nudelspezialitäten in unseren Supermärkten erwerben.

Der Bio-hungrige Stadtmensch sollte beginnen, darüber nachzudenken, woher seine Nahrungsmittel kommen, wenn er beim Sonntagsausflug über Österreichs oder Deutschlands grün eingesäumte Landstraßen fährt. Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion sind nämlich nicht automatisch dasselbe.

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