|
|
Carl Ameryund andere
Briefe
|
2005 272 Seiten
|
|
|
|
Inhalt:
9 Carl Amery : Von deutlicher Rede - Statt eines Vorworts (9-18)
Grundkurs 21 Andreas Eschbach : An Max Mustermann Zeugt Geld? Arbeitet Geld? Rat für einen ziemlich ratlosen neuen Bankkunden 36 Basilius der Große : Rede an die Reichen
Herz der Finsternis 39 Harald Schumann : An Mr. Gent # Eine Analyse des Vodafone-Skandals 60 Oskar Negt : An Heinrich von Pierer # Von der Wirtschaft gegen den Menschen 85 Freda Meissner-Blau : An den Prinzen Pahlevi # Das Kriminalregister einer jungen Dynastie
Historisches und Kollaterales 111 Karl Gaier # An die Großgrundbesitzer # Der Todeskuss des Kapitalismus für den Wald 129 Harald Grill # An Silvio Berlusconi # Ratschläge aus dem Bayerischen Wald an einen Lebenskünstler 145 Hermann Scheer # An Prof. Dr. Axel Börsch-Supan # Der Platz der »gefälligen Wissenschaft" in der Welt des Reichtums 160 Gottfried Fischborn # An Alberto Vilar # Fallstricke des Mäzenatentums 171 Rupert Neudeck # An Oliver Kahn # Wie ein Millionärs-Entertainer wirklich wichtig werden könnte 181 Ogden Nash # Geht auf meine Rechnung
Therapien 185 Hans Olbrich # An einen jungen Freund # Ermunterung zum Abstand 196 Margrit Kennedy # An eine Erbin # Empfehlung einer höchst praktischen Alternative 216 Ulrich Duchrow # Ein Briefwechsel zwischen Arm und Reich und seine Folgen # Wie kommt ein Kamel durchs Nadelöhr? 258 Christian Morgenstern # Die Probe 259 Carl Amery # An den Bundespräsidenten # Statt eines Nachworts 267 Die Absender # Zu den Autoren
"Die Absicht dieses Buches ist schlicht Aufklärung. Aufklärung über Tatstände des Reichtums, die für das Weiterleben der Menschheit so krisenhaft wichtig sind wie nie zuvor. (...) Die laufende Plünderung des Planeten kritiklos hinzunehmen und Leuten, welche solche Entwicklungen verbrecherisch nennen, Sozialneid vorzuwerfen, zeugt von einer kollektiven Begriffsstutzigkeit, die wir uns nicht leisten können." (im Vorwort)
Kurzbeschreibung Während es über die Probleme der Armut jede Menge Diskussionen gibt, ist es dem Reichtum gelungen, inmitten unserer Gesellschaft sozusagen als verschleiertes Idol zu existieren. Dank der PR-Offensive des Kapitalismus, die jede genauere Nachfrage als Sozialneid disqualifiziert, gibt es überraschend wenig zuverlässige Informationen über Art und Umfang des Reichtums. Die »Briefe an den Reichtum« lüften ein paar Zipfel dieses Schleiers. Die Motivation der Absender ist kein Sozialneid, aber Zorn. Zorn insbesondere, wenn der Brief an die neue Geldaristokratie gerichtet ist. Dieser neue Geldreichtum, der flexibelste und unpersönlichste der Geschichte, hat ältere, oft prunkvollere, aber weniger ertragreiche Formen des Reichtums wie etwa den Grundbesitz an den Rand gedrängt und bildet als »Herz der Finsternis« den Kern des Buches. Aber um ihn herum ist eine Girlande von weiteren Briefen angeordnet, von Grundkursen in Geldwirtschaft bis zu Möglichkeiten der Therapie von der Unbill des Reichtums. Damit kann das Gespräch über den Reichtum in einer neuen Atmosphäre fortgeführt werden, ohne Angstgeruch und ohne Ergebenheit.
|
|
|
Leseberichte
Während es über die Probleme der Armut jede Menge Diskussionen gibt, ist es dem Reichtum gelungen, inmitten unserer Gesellschaft weiterhin gleichsam als verschleiertes Idol zu existieren. Kritik wird nur allzu leicht als Sozialneid disqualifiziert. Carl Amery will mit der Herausgabe von <Briefe an den Reichtum> diese Verschleierung und Verklärung des Reichtums hinterfragen. So erklärt er in seinem Vorwort: "Die Absicht dieses Buches ist schlicht Aufklärung. Aufklärung über Tatstände des Reichtums, die für das Weiterleben der Menschheit so krisenhaft wichtig sind wie nie zuvor. (...) Die laufende Plünderung des Planeten kritiklos hinzunehmen und Leuten, welche solche Entwicklungen verbrecherisch nennen, Sozialneid vorzuwerfen, zeugt von einer kollektiven Begriffsstutzigkeit, die wir uns nicht leisten können." Mit dreizehn prominenten Theoretikern und Autoren (u.a. Oskar Negt, Hermann Scheer, Rupert Neudeck, Margrit Kennedy, Andreas Eschbach) will Amery in seinem jüngsten Buch dem Reichtum ins Gewissen reden. Die dreizehn Briefe an den reichen Jedermann (u.a. Silvio Berlusconi, Mr. Gent, Herr v. Pierer, Oliver Kahn, Alberto Vilar, Carl Christian von Weizsäcker) wollen Anklage, Aufbegehren und Standortbestimmung sein: Wie verhält es sich mit dem Reichtum in unserer Republik? Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand und Verena Walterspiel, Projektleitung
Andreas Vierecke auf Amazon Carl Amery ist ein ernster Mensch. Die Themen, die ihn bewegen, sind bedeutungsschwer. Aber: Carl Amery ist vor allen Dingen auch ein Mann mit Humor. Und ein Mann, müßig dies zu erwähnen, der eine glänzende Feder führt -- und beizeiten eine außerordentlich spitze obendrein! Und weil Carl Amery auch noch viele andere kluge Frauen und Männer des Geistes und des Wortes kennt, hat er als Autoren für die hier versammelten, ebenso ernsten wie heiteren Mahnschreiben an den Reichtum Mitautoren gefunden, die ganz in seinem Sinne souverän decouvrieren, was eigentlich so obszön an unserem heutigen Reichtum ist. Adressaten der klugen Briefe sind unter anderen der uns allen bekannte "Max Mustermann" (den Andreas Eschbach über die wahren Hintergründe der Zinswirtschaft aufklärt, nachdem er hat mit anhören müssen, was ein Bankberater ihm so alles eingeflüstert hat), der Mannesmann-Aufkäufer Chris Gent, der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann oder der frühere Siemens-Chef Heinrich von Pierer (dem Oskar Negt die Leviten liest). Ganz ohne den Kapitalismuskritikern so gerne vorschnell unterstellten Neid zeigen Amery und seine Mitstreiter, wes schwachen Geistes Kind in Wahrheit doch all jene sind, die uns fortwährend weismachen wollen, dass das Leben und die Welt nach einem einzigen Prinzip (und wirklich nur nach diesem) funktionierten, nämlich dem der Kapitalakkumulation. Erstaunlich nicht nur, dass diesen Leuten so viele Menschen Glauben schenken, viel erstaunlicher noch, dass sie selbst ernsthaft zu glauben scheinen, dass sich alles zum Besseren fügte, wären wir nur endlich rückhaltlos bereit, die Welt nach den Notwendigkeiten einzurichten, die sie uns diktieren. Zum Besseren freilich fügt sich so in Wahrheit gar nichts! Das macht jeder einzelne Brief dieses überaus lesenswerten Bandes auf seine Weise deutlich. Bei genauem Hinsehen, so veranschaulicht Carl Amery gleich zu Beginn in seiner "Von deutlicher Rede" überschriebenen Einleitung, hat ja der Reichtum seinen Glanz längst verloren. Das fängt schon damit an, dass es keine echten Schätze mehr gibt und der vormalige Glanz des Goldes einem matten Schimmer gewichen ist: "In dem Maße", so Amery, "in dem sich der Reichtum (und die Begierde nach Reichtum) vom erlebbaren Schauder des Goldes löst, begibt sich der Begriff des Schatzes in die Trostlosigkeit der Bilanzen -- und wird zur knochentrockenen Rennstrecke der Dezimalstellen." Inmitten eben dieser Trostlosigkeit stehen wir hier und heute noch ganz gut da, währenddessen dort, wo die Armut herrscht, auf deren Schultern wir unsere traurig-reiche Existenz gründen, die Not groß und endlos ist. Diesen Zusammenhang ganz und gar unaufgeregt plausibel zu machen, ist das große Verdienst dieses Buches, das wir gerne und von Herzen zur -- angesichts des doch ernsten Themas -- überraschend vergnüglichen Lektüre empfehlen. |
|
Wieder ein
Tabuthema angegangen, 9. März 2005 Armut kennt man auch in unserem immer noch reichen Land. Aber was istReichtum? Das Hundert- Tausend- oder Hunderttausendfache? Oder gar noch mehr?Reichtum entzieht sich. Es gilt geradezu als unanständig, sich damit zubefassen - über Geld spricht man nicht. Als Herausgeber der „Briefe an denReichtum" hat Carl Amery dieses Tabu gebrochen. Im Vorwort schreibt er: „Die Absicht dieses Buches ist schlicht Aufklärung. Aufklärung überTatstände des Reichtums, die für das Weiterleben der Menschheit sokrisenhaft wichtig sind wie nie zuvor. Dabei ist allen, auch den Autoren undAutorinnen der folgenden Texte hinlänglich klar, dass solche Aufklärung nurin sehr begrenztem Maße möglich ist. Zwar ist es dem Reichtum gelungen, sichund seine Wachstumsmethoden seit der Implosion des Sowjetsystems fürschlechthin naturwüchsig zu erklären; dennoch haftet ihm, ob er dies bewusstwill oder nicht, der zwanghafte Drang zur Verschleierung an."
Wer diesen
Schleier lüften will, riskiert den Vorwurf des Sozialneids. Obwohlkeiner
der Autoren in „Briefe an den Reichtum" diesen Eindruckvermittelt,
geht der Herausgeber im Vorwort darauf ein. Er schreibt: Und weiter: „Dies und die laufende Plünderung des Planeten kritikloshinzunehmen und Leuten, welche solche Entwicklungen verbrecherisch nennen,Sozialneid vorzuwerfen, zeugt von einer kollektiven Begriffsstutzigkeit, diewir uns nicht leisten können." |
Mit welchen Themen wenden sich die 13 Autoren an den Reichtum, bzw. an die Reichen? Zu Beginn hat Andreas Eschbach Max Mustermann bei einem Beratungsgespräch in der Bank belauscht. Nun erklärt er ihm, wie das funktioniert, wenn Geld arbeitet und sich vermehrt. Auf diese Weise gerät derGrundkurs über Zins und Zinseszins zu einer vergnüglichen Lektüre. Dieser heitere Ton zieht sich durch fast alle Beiträge.
Da erzählt der Journalist Harald Schumann den Vodaphone Skandal nach
und endet nicht etwa mit einer empörten Moral, sondern mit der -
offensichtlich - nicht ernst gemeinten Aufforderung an Mr. Gent: Auch so kann man ausdrücken, dass die Affäre um die Mannesmannübernahmevielen die Augen geöffnet hat. Auf die gleiche zweifelhafte Weise lobt HaraldGrill Silvio Berlusconi für seine geschickten bis dreistenBereicherungscoups. Trotzdem ist der ernste, ja bedrohliche Hintergrund nichtzu übersehen. Einer der Autoren schreibt sogar unter Pseudonym, weil er sonstum seinen Arbeitsplatz fürchten muss, wie er einleuchtend darlegt. Die letzten drei Briefe an dem Reichtum sind dem Thema Therapien gewidmet. Natürlich sind dort keine Patentlösungen vorgeschlagen, aber Anstöße zum Weiterdenken und Weiterhandeln. Der letzte Brief an den Bundespräsidenten,den Carl Amery statt eines Nachworts geschrieben hat, hat schon Wirkunggezeigt. Im November hat Horst Köhler Amery zu Hause besucht. |
|
ND vom 05.04.05 -- Ins Gewissen geredet -- Carl Amerys »Briefe an den Reichtum« -- Von Sabine Neubert Auch wenn der Titel feuilletonistisch klingt, so handelt es sich doch hier um ein Sachbuch, das Tatbestände faktenreich belegt. Ein Sachbuch allerdings, das – bedauernswerter Weise – auf Buchmessen keinen Preis erhält. Die Gründe dafür kann man direkt oder indirekt dem Buch selbst entnehmen. Viel zu eng sind die Adressaten – konkrete Personen des öffentlichen Lebens – mit Politik, Wirtschaft und meinungsbildenden Institutionen verschwistert. Der Band geht weit über Pauschalsätze oder Schlagworte wie: »Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer«, »Abbau des Sozialstaates« oder »Wir leben auf Kosten künftiger Generationen« hinaus. Dieses Buch ist konkret und zugleich »von deutlicher Rede«, wie Herausgeber Carl Amery sein Vorwort nennt. »Aufklärung über Tatbestände des Reichtums, die für das Weiterleben der Menschheit so wichtig ist wie nie zuvor«, soll geleistet werden, Aufklärung, soweit sie möglich ist angesichts eines »zwanghaften Dranges zur Verschleierung.« Amery erinnert an den doppelten Wortsinn von »Vermögen«. Die Reichen, die Vermögenden sind es, die die moralische Pflicht haben, der Verelendung und Zerstörung Schranken zu setzen – nicht zuletzt auch im eigenen Interesse, denn den Folgen wird keiner entgehen. Der prominente Philosoph und Gründer der Cap Anamur, Rupert Neudeck, bringt es (nicht als einziger übrigens) in einem Brief an Oliver Kahn auf den Punkt: »Der horrende Abgrund zwischen denen hier und denen da unten, die im Dunkeln sind, der produziert auf Dauer Terror. Die zweihundert reichsten Menschen der Welt verdienen genau so viel wie die eine Hälfte, die ärmere, der gesamten Menschheit. Das muss, das kann nur Terroristen produzieren und gebären. Denn natürlich ... werden Mitmenschen nicht als Selbstmordattentäter geboren.« Rupert Neudeck macht Oliver Kahn einen konkreten Vorschlag: nur einen Bruchteil seines Jahresgehaltes von 5 Millionen Euro für eine Schule, eine Wasserleitung, eine Werkstatt und ein kleines Ambulatorium in West Afghanistan zu überweisen, um Menschen dort das Überleben zu ermöglichen: »Was meinen Sie, was diese Dorfmenschen Ihnen für Denkmäler setzen werden!!« |
Dreizehn prominente Autoren von Oskar Negt (Bücher: »Arbeit und menschliche Würde«, »Wozu noch Gewerkschaften«), Hermann Scheer (»Klimawechsel« und »Die Politiker«) bis Rupert Neudeck »reden dem Reichtum ins Gewissen«. Unter dem Titel »Herz der Finsternis« sind drei konkrete Analysen von Skandalen des Reichtums zusammengestellt, Musterbeispiele schamloser Bereicherung: ein Brief an den Top-Manager Mr. Gent beleuchtet die Vodafon-Affäre, ein Brief an Heinrich von Pierer die Milliarden-Betrügereien bei Siemens-Mannesmann, ein Brief an den Prinzen Pahlevi weist Zusammenhänge zwischen Politik, Blut, Öl und Reichtum auf. Es folgen Briefe zum Thema »Historisches und Kollaterales«. Der Forstwirtschaftler Karl Gaier weist hier auf ein öffentlich weniger beachtetes Thema, den Reichtum der Großwaldbesitzer und ihren »Todeskuss ... für den Wald«. Es folgen Briefe an die Herren Silvio Berlusconi und Alberto Vilar. Im dritten Themenkomplex werden »Therapien« angeboten. Es ist wohl keine (beabsichtigte) Ironie, wenn der Herausgeber im letzten Brief an den Bundespräsidenten nochmals ganz konkret wird: Auf keinen Meter ihrer Yacht, auf keinen Gang eines großen Arbeitsessens müssen die Reichen verzichten, wenn sie einen Bruchteil ihres Privatvermögens »verschenken« und nicht an der Steuer vorbei lancieren. Eine Frage, die immer wieder auftaucht und auch ganz »normale« Menschen beschäftigt: Was machen die Reichen eigentlich mit ihrem vielen Geld? Oskar Negt hat einen Vorschlag: zweitausend deutsche Manager sollten zum Salzburger »Jedermann«, eingeladen werden, dem »Spiel vom Sterben des reichen Mannes«. (ND 05.04.05) |
https://www.deutschlandfunk.de/carl-amery-hrsg-briefe-an-den-reichtum-100.html --- Von Frank J. Heinemann | 27.06.2005
Carl Amery (Hrsg.): Briefe an den Reichtum
Vor wenigen Wochen starb der Schriftsteller Carl Amery im Alter von 83 Jahren. 1922 war er als Christian Mayer geboren worden. Er war Mitglied der Gruppe 47 und mischte sich als Kulturkritiker und engagierter Ökologe gerne in die politischen Debatten ein. Auch sein letztes Buch dürfte den Zeitgeist wieder getroffen haben. Die Heuschrecken-Debatte vorausahnend, versammelte Amery darin 13 Briefe an den Reichtum. Die Adressaten reichen von Oliver Kahn bis hin zum Bundespräsidenten.
„Die Absicht dieses Buches ist schlicht Aufklärung; Aufklärung über Tatbestände des Reichtums, die für das Weiterleben der Menschheit so wichtig, so krisenhaft wichtig sind wie nie zuvor ... Die sozialen wie die biosphärischen und kulturellen Verluste tauchen in den Bilanzen des Reichtums nicht auf ... Patriotische oder heimatliche Bande werden immer unwesentlicher, es regiert eine Internationale des korporativen Reichtums. Und die Welt wird ärmer.“
Die meisten der 13 Beiträge sind anregend, teils durch faktenorientierte Wut, teils durch präzise Ironie. Zu den Ironikern gehört der Schriftsteller Andreas Eschbach. Mit seinem Roman „Eine Billion Dollar“ hat er sich als Zinseszins-Kenner ausgewiesen, und nun schreibt er einen Brief an einen „Max Mustermann“, den er angeblich bei einem Gespräch mit einem öligen Finanzberater belauscht hat, der Mustermann riet, sein Geld sich „vermehren“ und „arbeiten“ zu lassen.
„Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie das eigentlich vor sich gehen soll? Wenn man einen Zwanzig-Euro-Schein und einen Zehn-Euro-Schein gemeinsam in einen dunklen Schrank legt, kann es dann vorkommen, dass irgendwann kleine Euromünzen zur Welt kommen? ... Nein, mögen Sie in Erinnerung an das gestrige Gespräch einwenden, so ist das natürlich nicht zu verstehen. Geld vermehrt sich, indem es arbeitet ... Wie, bitte schön, soll Geld arbeiten? Und wann? Und wo? Es scheinen doch heute schon Arbeitsplätze für Menschen rar zu sein ...“
Was Bankberater gern verschweigen: natürlich arbeitet nicht das Geld, sondern der Schuldner, der sich Mustermanns Geld bei der Bank leiht und Zinsen bezahlen muss. Eschbach führt mit viel Witz in die Karussellfahrten des so genannten giralen Geldes ein und erklärt, wie dabei mit möglicherweise gefährlichen Folgen die Geldmenge wächst – ein Ringelspiel, bei dem seltsamerweise Geld sich vermehrt bei den einen, weil andere Schulden machen.
Nicht unbedingt weitergehen muss es mit dem krebsartigen Wachstum von Zins und Zinseszins nach Meinung von Margrit Kennedy. Sie beschreibt die Arbeit von „JAK“, einer kleinen genossenschaftlichen Bank in Schweden, die auf Zinsen verzichtet. Sie verlangt nur relativ geringe Gebühren von ihren Mitgliedern, die zugleich Schuldner und Sparer sind.
Herausgeber Amery hat Kennedys Beitrag unter das Stichwort „Therapie“ gestellt. Schwerpunkt der meisten anderen Beiträge ist freilich die Diagnose. Ein pseudonym auftretender Forstexperte führt mit einem Brief an die Großgrundbesitzer tief ins kapitale Dickicht der Waldwirtschaft; an die nach britischen und us-amerikanischen Öl-Interessen stinkende Geschichte des Iran nach 45 erinnert die österreichische Alt-Grüne Freda Meissner-Blau; ein Brief des Theaterwissenschaftlers Gottfried Fischborn an den kürzlich erneut ins Zwielicht geratenen Opernfreund Alberto Vilar versucht die Ambivalenz des kulturellen Mäzenatentums zu erhellen.
Der Schriftsteller Harald Grill umarmt den Polit-Milliardär Berlusconi auf hinterhältigste Weise, indem er ihm scheinbar gute Ratschläge gibt, wie er Einfluss und Ansehen noch weiter steigern könnte. Vergnügliche Aufklärung in Schwejkscher Manier. Der ehemalige Spiegel-Redakteur Harald Schumann orientiert sich eher an Brecht. Er inszeniert den ehemaligen Vodafone-Manager Gent und dessen erfolgreiche Kaperung des Mannesmann-Konzerns als Lehrstück über den Globalkapitalismus. In seinem Brief „An Mr. Gent“ bedankt er sich dafür, dass dieser überzeugend vorgeführt habe, wie Turbo-Kapitalismus funktioniert. Auch der Anteil einer diensteifrigen Rot-Grünen Regierung an der Geldvermehrung auf den Konten der Bosse sei herrlich klar geworden.
In einem im Vergleich zu Schumanns Brief schwerblütigen Text teilt der Soziologe und Alt-Sozialist Oskar Negt leider nichts darüber mit, warum er seinen gelegentlichen hannoverschen Gesprächspartner Gerhard Schröder nicht davon abbringen konnte, sich als „Genosse der Bosse“ zu betätigen. Negt redet in seinem Brief dem scheidenden Boss des Siemens-Konzerns, Heinrich von Pierer, ins Gewissen.
„Eine Gesellschaft, die nicht mehr im Stande ist, ihren gewaltigen Reichtum der Gesamtheit produktiv zur Verfügung zu stellen, die ihn vielmehr wild wuchern und in Privatschatullen versickern lässt, zehrt allmählich die Bindekräfte auf, die der Überzeugung entwachsen, dass es in den gesellschaftlichen Ordnungen nach Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit zugeht. ... Es gibt eine Managerkaste, die sich dumm und dämlich verdient, ohne auch nur einen Cent in das Gemeinwesen einzuzahlen...“
Negt fordert die finanzstarke Oberschicht dazu auf, freiwillig Geld für Projekte einer ausgleichenden Gerechtigkeit zu stiften. Ähnliches äußert auch Amery zum Abschluss in einem kurzen Brief an den neuen Bundespräsidenten. Horst Köhler solle eine „Zukunftswerkstatt“ gründen, für die die „Millionäre“ ein Prozent ihres Vermögens stiften sollten. In der Präsidentenwerkstatt solle, unbeeinflusst von Tagespolitik, nach radikalen Lösungen für die Weltprobleme gesucht werden. Horst Köhler hat, so wird im Buch mitgeteilt, Amery noch im November 2004 in seinem Haus besucht. Eine freundliche Geste, doch Konsequenzen wird die Visite wohl nicht haben.
Vielleicht hilft wirklich nur noch Beten. Jedenfalls hat ein Gottesmann den radikalsten Text verfasst, der 70-jährige Heidelberger Theologe und Wirtschaftsethiker Ulrich Duchrow. Er wird als „Befreiungstheologe“ vorgestellt, und wenn man seinen Beitrag liest, versteht man, warum der verblichene Papst und sein Großinquisitor Ratzinger die „Befreiungstheologie“ in Lateinamerika stillgelegt haben.Duchrow, Protestant in jeder Beziehung, belegt mit zahlreichen Bibelstellen, warum ein Christ den internationalen Turbo-Kapitalismus nicht gutheißen kann und präsentiert zugleich, als Ökonom, nichtglaubensabhängige Fakten. Wie es in der Realität des etablierten Christenlebens aussieht, konnte man Anfang des Jahres in Köln beobachten. Im Hohen Dom fand ein Gottesdienst für den verstorbenen Kölner Bankier Alfred von Oppenheim statt, ein Protestant, der vor langer Zeit schon aus der Kirche ausgetreten war. Von den Schwierigkeiten eines Reichen beim Eintritt ins Himmelreich war allerdings keine Rede.
In München, beim Luchterhand Verlag, der seit einiger Zeit zum Bertelsmann-Konzern gehört, mag vielleicht angesichts des überraschenden Todes des Bankiers eine gewisse Erleichterung geherrscht haben. Musste doch nun über ein problematisches Manuskript für Amerys Sammelband nicht mehr entschieden werden. Der Kölner Wirtschaftspublizist und Globalisierungs-Kritiker Werner Rügemer hatte, von Amery angeregt, im Sommer 2004 einen „Brief“ an den Bankier Oppenheim geschrieben, einen äußerst kritischen Text. Er wurde zunächst in München abgelehnt, weil man Rügemer, wie dieser sagt, die vorgetragenen Fakten einfach nicht glauben wollte. Der Autor lieferte dann zahlreiche Belege für seine Kritik an den Geschäftspraktiken von Bank und Bankier nach. Die Herausgabe des Buchs verzögerte sich. Als Oppenheim dann im Januar starb, konnte der Verlag auf Rügemers Text verzichten, aus Gründen der Pietät. Trotz Pressionsversuchen konnte der Oppenheim-Kritiker seinen Text kürzlich in der Kölner Fachhochschule vortragen. In den Zeitungen der Millionenstadt, die nahezu ausschließlich vom Verleger Alfred Neven-Dumont herausgegeben werden – mit Oppenheim und seiner Bank vielfältig verbunden –, erschien über diesen Konflikt kein Wort.
Die Realität bestätigt die Thesen eines Buches, das eindrucksvoll beschreibt, wie sich eine Gesellschaft auf den Weg zu einem Neofeudalismus des Geldes begibt.
Frank. J. Heinemann besprach „Briefe an den Reichtum“, herausgegeben von Carl Amery, erschienen im Luchterhand Verlag. Das Buch kostet 18 Euro und hat 269 Seiten.