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Grundkurs
Andreas Eschbach
An Max Mustermann
Zeugt Geld?
Arbeitet Geld?
Rat für einen ziemlich ratlosen neuen Bankkunden
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Sehr geehrter Herr Max Mustermann!
Vielleicht wundern Sie sich, dass ich Ihnen einfach so schreibe; schließlich kennen Sie mich gar nicht. Doch ich kann nicht anders, seit ich gestern in der Bank zufällig Ohrenzeuge des Beratungsgesprächs wurde, das man Ihnen hat angedeihen lassen. Diese Trennwände trennen nicht so richtig, wissen Sie? Sie haben mich nicht gesehen, ich habe Sie nicht gesehen, aber ich habe Sie gehört. Das, was Sie gesagt haben, und vor allem das, was man Ihnen gesagt hat. Was Sie unwidersprochen haben stehen lassen. Dinge, die Sie nicht unwidersprochen hätten stehen lassen dürfen. Deswegen schreibe ich Ihnen. Ihre Adresse, ehe Sie sich wundern, woher ich die habe: Sie haben Sie dem freundlichen Bankberater diktiert, und ich habe mitgeschrieben.
Vielleicht sollte ich lieber »Beratungsgespräch« schreiben, das Wort bewusst in Anführungszeichen setzen. Denn eigentlich war es zuerst die klebrige, scheinbar launige Stimme Ihres Gegenübers, die mir die Nackenhaare aufgestellt hat. So redet jemand, der die Lektionen der entsprechenden Kurse, wie man Dinge an den Mann oder die Frau bringt, schlecht gelernt hat. Und die Inhalte ... na ja. Dazu komme ich jetzt. Sie haben nicht widersprochen, als er Ihnen sagte, Ihr Vermögen müsse sich vermehren. Sie fanden es einleuchtend, ja geradezu selbstverständlich, dass Geld sich vermehrt. Aber haben Sie sich schon einmal überlegt, wie das eigentlich vor sich gehen soll? Wenn man einen Zwanzig-Euro-Schein und einen Zehn-Euro-Schein gemeinsam in einen dunklen Schrank legt, kann es dann vorkommen, dass irgendwann kleine Euromünzen zur Welt kommen? Kleine, braune Cent-Münzen, die im Lauf der Zeit zu messing glänzenden Zehnern und schließlich zu silbrig glänzenden Euros heranwachsen? Aber falls das so ist, warum geschieht das dann nur in den Panzerschränken einer Bank und nicht auch bei mir zuhause? Nein, mögen Sie in Erinnerung an das gestrige Gespräch einwenden, so ist das natürlich nicht zu verstehen. Geld vermehrt sich, indem es arbeitet. Das hat Ihr Bankberater auch gesagt. Ihr Geld müsse arbeiten. Auf dem jetzigen Konto läge es nur faul herum, aber es müsse arbeiten, und das fanden Sie auch höchst einleuchtend.
Entschuldigung, aber ich finde es nicht einleuchtend. Wie, bitte schön, soll Geld arbeiten? Und wann? Und wo? Es scheinen doch heute schon Arbeitsplätze für Menschen rar zu sein, wo also soll man das Geld hinschicken zum Arbeiten? Eigentlich, nicht wahr, weiß man überhaupt wenig darüber, wie das so ist mit dem arbeitenden Geld. Welche Arbeitszeiten gelten da eigentlich? Rund um die Uhr womöglich? Gibt es keine Geldgewerkschaft, die den armen Münzen und Scheinen auch mal eine Atempause verschafft? Und weiter - was arbeitet Geld eigentlich? Bäckt es Brot? Schwer vorstellbar. Die Münzen würden doch im Teig kleben bleiben und die Scheine am Ofen Feuer fangen. Wäscht es Bettlägerige? Wie, da es doch nicht naß werden soll? Baut es Straßen? Ich für meinen Teil habe noch keine Euromünze gesehen, die Asphalt schaufelt, Sie etwa? Eine gewisse Ratlosigkeit mag Sie jetzt befallen. Sie waren noch nie dabei, stimmt's? Sie wissen nicht, was die mit Ihrem Geld hinter Ihrem Rücken machen, wenn sie es angeblich »arbeiten lassen«.
Deshalb muss ich Ihnen erklären, wie das in Wirklichkeit funktioniert.
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Was Sie getan haben, als Sie ein Konto bei Ihrer Bank eröffneten: Sie haben der Bank Ihr Geld geliehen. Die Bank wiederum leiht es an andere Leute aus; darauf beruht ihr Geschäft. Denn immer, wenn Geld verliehen wird, hat derjenige, der es leiht, nicht nur die Pflicht, es wieder zurückzuzahlen, vielmehr muss er auch einen bestimmten zusätzlichen Betrag entrichten, sozusagen als Miete für das geliehene Geld. Diese Miete nennt man Zinsen.
Zinsen, das klingt in unseren Ohren immer nach wenig, nach Bagatellbeträgen, weil wir als erstes in unserem Leben Sparbücher kennenlernen und die Enttäuschung, wenn der Mensch hinter dem Schalter die Zinsen gutschreibt, die über das Jahr aufgelaufen sind, und es jedesmal so lächerlich wenig ist, dass man sich fragt, wozu man sich eigentlich die Mühe macht. Aber Zinsen vom anderen Ende her - also wenn man derjenige ist, der Geld geliehen hat - sind etwas anderes. Zinsen für geliehenes Geld sind richtig heftig. Wenn Sie das noch nicht am eigenen Leib erfahren haben, sollten Sie bei Gelegenheit einmal Ihr Wissen vertiefen und sich den Verlauf eines sogenannten Annuitäten-Darlehens vorrechnen lassen. Mit solchen Darlehen finanziert man beispielsweise den Bau seines Eigenheims. Sie werden feststellen, dass Sie, wenn Sie ein solches Darlehen abzahlen, über die Jahre hinweg manchmal insgesamt mehr als das Doppelte des gesamten geliehenen Betrages zurückzahlen müssen.
Mit anderen Worten: Ihr Geld wächst nicht, und es arbeitet auch nicht. Wenn Sie nach einer gewissen Zeit mehr Geld auf Ihrem Konto vorfinden als am Anfang, stammt dieses »mehr« von anderen Leuten. Die sind es, die dafür gearbeitet haben. Man könnte sagen, diese Leute arbeiten für Sie. Sie zahlen Ihnen Tribut. Ihr Geld ist das Lehen, der Zins der Tribut. (Das ist alles übrigens keine moderne Erfindung, im Gegen-
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teil. Schon in der Bibel werden diese Verhältnisse erwähnt, und schon damals war es nichts Neues. Was nicht heißen muss, dass es nicht auch anders ginge. Auch die Sklaverei war einmal eine altchrwürdige Institution. Altehrwürdigkeit allein besagt noch gar nichts.)
Wohlgemerkt, diese anderen Leute geben Ihnen dieses Geld nicht, weil sie es übrig hätten, und erst recht nicht aus Sympathie. Sie kennen Sie ja überhaupt nicht, genau wie Sie umgekehrt diese Leute, Ihre Tributpflichtigen, nicht kennen. Bis jetzt haben Sie womöglich noch nicht einmal darüber nachgedacht, dass da im Hintergrund Menschen arbeiten müssen, wenn von »arbeitendem Geld« die Rede ist. Nein, diese Menschen geben Ihnen Geld, weil sie müssen. Weil sie keine andere Wahl haben. Sie, Herr Mustermann, haben Geld, das Sie nicht brauchen, und diese anderen Menschen, Ihre Tributpflichtigen, brauchen Geld, das sie nicht haben. Also leihen sie es. Von Ihnen, unter anderem. Und hoffen, dass sie mit den Schulden zurechtkommen und sie irgendwann auch wieder loswerden.
Ihre Bank organisiert das Ganze, was sinnvoll ist, denn es geht ja nicht nur um Ihr Geld, sondern auch um das vieler anderer. Das kommt alles in einen Topf, und am Ende lässt sich nicht mehr feststellen, wessen Geld wohin gelangt ist und wer wessen Kontozinsen bezahlt. Dadurch, dass es durch die Bank läuft - meist läuft es sogar durch mehrere Banken, durch ein abstraktes System, das man »Finanzmarkt« nennt-, wird alles erfreulich anonym, und man kann sich auf der Straße begegnen, ohne sich scheel ansehen zu müssen. Denn Schuldner und Gläubiger kennen einander ja nicht. Natürlich verdient Ihre Bank auch an dieser Vermittlung. Eigentlich sogar mehr als Sie, aber das wird sie Ihnen nicht auf die Nase binden. In einer ruhigen Minute können Sie sich ja
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mal überlegen, wie es kommt, dass große Banken auch dann noch Gewinne in Milliardenhöhe ausweisen können, wenn ringsum die Wirtschaft ächzt und jammert. Eigenartig, nicht wahr? Aber das ist ein anderes Thema, und um das geht es mir hier überhaupt nicht. Hier geht es um Sie, Herr Mustermann. Vielleicht sind Sie bei dem, was ich Ihnen gerade erklärt habe, ein wenig erschrocken. Sicher fragen Sie sich, worauf ich eigentlich hinaus will. Wahrscheinlich vermuten Sie, dass ich Ihnen als nächstes Vorwürfe machen werde, etwa, dass das, woran Sie sich da beteiligen, unmoralisch sei: andere Leute mit Hilfe des eigenen Geldes »in die Zinsknechtschaft zu zwingen«.
Nichts liegt mir ferner. So einfach ist das nämlich nicht. Außerdem haben Schlagworte uns noch nie weitergebracht. Wenn Sie weiterkommen wollen, müssen Sie immer genau hinsehen, müssen mehr verstehen als nur ein Wort. Sehen wir uns die Sache einmal von der anderen Seite aus an und betrachten wir etwa einen Handwerker, einen jungen Schreiner beispielsweise, der gerade ausgelernt und alle nötigen Zeugnisse in der Tasche hat und nun anfangen könnte zu arbeiten. Bloß, um das zu können, braucht er eine ganze Menge Dinge. Werkzeug zunächst, und zwar das gute, professionelle, das teuer ist. Dazu diverse Maschinen. Holz natürlich. Eine Werkstatt muss er mieten, ein Telefon anschließen und Briefpapier drucken lassen und was der Dinge mehr sind. Unterm Strich kommt man auf Summen, die ein junger Mensch am Beginn seines Arbeitslebens einfach nicht hat. Was also soll er tun? Geld verdienen kann er ohne diese Dinge nicht, jedenfalls nicht mit dem, was er gelernt hat, und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ohne eine eigene Werkstatt nützt ihm seine Ausbildung nichts, und die Idee, sich mit allerhand Jobs durchzuschlagen und nebenher das
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Geld dafür zusammenzusparen, kann er bei genauerem Durchrechnen auch vergessen. Selbst wenn nicht alles Geld, das er so verdient, für den bloßen Lebensunterhalt draufginge,wäre er wahrscheinlich siebzig, bis er die benötigte Summe zusammenhätte. Wenn überhaupt jemals, schließlich werden die meisten Dinge im Lauf der Zeit eher teurer. Wäre es nicht viel sinnvoller, jemand würde ihm das benötigte Geld einfach leihen? Dann könnte er anfangen zu arbeiten, könnte richtig gut verdienen und das Geld bequem nach und nach zurückzahlen, bis er irgendwann auf eigenen Beinen steht.
Das ist nicht nur sinnvoll, es geht überhaupt nicht anders. Doch wer leiht ihm das Geld? Angenommen, er hat keine reiche Verwandtschaft und keinen wohlhabenden Freund. Auch solche Leute sollen schließlich leben dürfen. Würde ihm ein Fremder das Geld - und wir reden von viel Geld - leihen? Immerhin, derjenige, der ihm das Geld überlässt, geht ein Risiko ein, und kein geringes. Der junge Betrieb kann auch, anstatt Grundlage einer Existenz zu werden, Pleite gehen. Ob sich der vielversprechende junge Schreiner im Suff die Hand absägt, ob er nicht so zuverlässig ist, wie er sein sollte, oder ob ihm ein Konkurrent das Leben schwer macht, jedenfalls besteht die realistische Möglichkeit, dass die Sache schiefgeht, und dann ist das Geld weg. Auch der Verkauf der gebrauchten Maschinen und so weiter brächte nur einen Teil der investierten Summe wieder herein, den Rest kann der Kreditgeber (denn um einen solchen handelt es sich) in den Schornstein schreiben.
Um einen Fremden dazu zu bringen, ein solches Risiko einzugehen, wird dem jungen Mann nichts anderes übrig bleiben, als dem Geber eine zusätzliche Prämie zu versprechen. Dafür, dass er das Geld zeitweise aus der Hand gibt - was ja
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mit sich bringt, dass er es nicht für sich selber ausgeben kann, nicht einmal, wenn er plötzlich selber in eine Notlage geraten sollte -, bekommt er mehr Geld zurück, als er hergegeben hat. Dann heißt es für den Geber, Risiko und möglichen Gewinn gegeneinander abzuwägen und einzuschlagen oder auch nicht. Es gibt heutzutage auch andere Investitionsmöglichkeiten, als in einen wildfremden jungen Schreinermeister zu investieren. Sie können Ihr Geld beispielsweise dem Staat leihen. Der zahlt seine Schulden zuverlässig und pünktlich zurück, samt Zinsen. Das tut er zwar zunehmend von Geld, das er sich erst wieder anderswo leihen muss, was Sie nicht für seriös halten mögen, aber solange es funktioniert, ist es eine sichere Sache. Sagt Ihr Bankberater. Ich werde Ihnen dazu ein paar Absätze weiter unten noch etwas anderes erzählen. Wozu schreibe ich Ihnen das alles? Nicht, um Sie zu einer bestimmten Handlung zu bewegen oder Sie von einer anderen abzuhalten. Sie können tun, was Sie für richtig erachten. Es ist Ihr Geld. Alles, was ich gerne hätte, ist, dass Sie wissen, was Sie tun, wenn Sie es tun. Dass Sie aufhören, in Märchen und Fabeln zu denken und stattdessen einfach zu den Fakten stehen. Märchen bringen nichts. Wer Ihnen Märchen erzählt, will Ihnen die Wirklichkeit vorenthalten. Die Wirklichkeit bei Investitionen ist, dass Sie jemand anderem Ihr Geld zeitweise zur Verfügung stellen, zum Guten oder zum Schlechten. Akzeptieren Sie es, oder lassen Sie es. Aber ziehen Sie dem Ding kein rosarotes Mäntelchen über.
Was Ihnen beim »Beratungsgespräch« nämlich nicht aufgefallen zu sein scheint, war das eigentümliche Ungleichgewicht in der Kommunikation. Für mich als unbeteiligtem Lauscher an der Sichtschutzwand, der ich den nötigen Abstand zum Geschehen hatte, war es dagegen unüberhörbar. Anfangs war die große Stunde der Allgemeinplätze.
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Abgesehen von Persönlichem, bei dem ich weggehört habe, herrschte das übliche Blabla, dieses »Nun schauen wir mal, wie wir Ihrem Geld Beine machen«, dieses »Da steckt doch mehr drin« und so weiter. Sie waren begeistert, und Ihr Berater muss es auch gewesen sein, als Sie so unternehmungslustig mitgingen. Dann kam er zum Speziellen, zum konkreten Angebot, zu diesem Fonds, zu jener Festanlage, zu dieser Aktie. Und auf einmal... Ist Ihnen das wirklich nicht aufgefallen? Aber Sie erinnern sich daran? Ich hatte den Eindruck, dass Sie in dem Moment plötzlich ein ungutes Gefühl beschlich. Urplötzlich war Fachchinesisch angesagt. Wissen Sie wirklich, was der Unterschied zwischen Agio und Disagio ist? Was eine Wandeloption ist? Ein thesaurierender Fonds? Nein. Und da Ihr Berater Sie kennt - das hat man gemerkt -, heißt das, er muss auch ganz genau gewusst haben, dass Sie es nicht wissen. Trotzdem hat er Sie mit all diesen Ausdrücken förmlich zugeballert. Fragen Sie sich doch mal, warum. Sie sind auf einmal ganz einsilbig geworden, sind wahrscheinlich in Ihrem Sessel zusammengesunken und haben gedacht: »Hoffentlich merkt er nicht, dass ich da gar nicht mitreden kann, wie stehe ich denn sonst da?« Ihr Berater kennt Sie, stimmt's? Er kennt sie gut genug, um zu wissen, dass Sie nicht nach den Details fragen würden. Dass Sie nicht bei ihm Nachhilfe in Banksprech nehmen würden. Der älteste Trick der Welt, wenn Sie mich fragen. Was also ist passiert? Mit Worten, deren Bedeutung Sie nicht wirklich kennen, hat er Ihnen irgendwas erzählt, das gut klang, beeindruckend, womöglich Vertrauen erweckend. In mir hat es, anbei bemerkt, kein Vertrauen erweckt; grundsätzlich schwindet mein Vertrauen, wenn man mir gegenüber Tricks benutzt. Aber ich würde was darauf wetten, dass Sie es in Wirklichkeit nicht verstehen. Allenfalls haben Sie eine schwammige Vorstellung davon.
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Wenn ich Sie jetzt fragen würde, wann Sie wieviel Geld erhalten werden - wüßten Sie es? Wüßten Sie, woher es kommt? Unter welchen Bedingungen Sie mit welchen Verlusten aussteigen können? Und so weiter und so weiter? Nein. Mit anderen Worten, Sie vertrauen Ihr sauer verdientes Geld einer Geschichte an, die Sie nicht verstanden haben. Ist das vernünftig? Ist es vernünftig, dass Sie dem Kauf einer Dose Erbsen mehr Überlegung widmen als dem Investment von Geld, das Sie über Jahre hinweg zusammengespart haben?
Das könnte jetzt alles so klingen, als wolle ich Ihnen sagen, dass Sie beim falschen Finanzberater sind. Aber darum geht es nicht. Die sind alle so. Machen ihren Job und verstehen in Wirklichkeit auch nicht, was vor sich geht. Offen gesagt frage ich mich, ob es überhaupt jemand versteht. Ich behaupte nicht, dass ich es tue. Ich bin in der Welt des Geldes nur ein staunender Tourist. Ich sehe allerhand bunte Fassaden und frage mich, wie es dahinter aussehen mag. Das ist es, was ich tue: Ich frage. Ich wundere mich. Ich stoße auf Sachverhalte und mache mir Gedanken. Einen solchen Sachverhalt will ich Ihnen erzählen. Es ist eine simple, aber merkwürdige Sache, und Banken spielen dabei eine wichtige Rolle.
Es geht um folgendes: Die Wirtschaft unseres Landes wächst jedes Jahr. Mehr oder weniger, meistens weniger und immer zu wenig, wenn es nach der Regierung geht. Aber egal, ob es nun ein Prozent ist oder nur ein halbes oder irgendeine andere Zahl, sie wächst. Das Gleiche gilt für Europa, für andere Länder, für die Weltwirtschaft insgesamt. Im Großen und Ganzen wächst sie, was auch sein muss, weil ja auch die Weltbevölkerung wächst.
Da die Wirtschaft wächst, muss auch die Geldmenge wachsen. Logisch? Logisch. Ist auch so. Wobei man darüber schon
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nichts mehr in den Fernsehnachrichten erfährt. Wirtschaftswachstum ist eine Schlagzeile, die Zunahme der Geldmenge nur eine Zahl im Kleingedruckten der Zeitung. Wenn wir uns soweit einig sind, dann bitte ich Sie, sich einmal zu fragen, woher dieses zusätzliche Geld eigentlich kommt und wie es unter die Leute gelangt. Nicht wahr, das haben Sie sich noch nie überlegt? Und Sie wissen es auch nicht. Vielleicht, könnte man vermuten, wird einfach die benötigte Menge an Geldscheinen gedruckt? Könnte man ja machen; so ein Geldschein kostet schließlich nicht viel. Ein gutes Geschäft also, weshalb es auch verboten ist, das auf eigene Faust und Rechnung zu machen. Aber haben Sie je in Ihrem Leben einen Brief von, sagen wir, der Europäischen Zentralbank bekommen, in dem ein paar Geldscheine lagen und ein Begleitschreiben mit der Bitte, sie schnellstmöglich auszugeben, damit das angesichts des Umfangs der Wirtschaft benötigte Geld in Umlauf gelangt? Ich nicht. Ich kenne auch niemanden, der je so einen Brief bekommen hätte. Und ich wette, Sie auch nicht.
Aber irgendwie muss es geschehen. Irgendwie muss mehr Geld in Umlauf kommen. Auf irgendeine geheimnisvolle Weise muss es bewerkstelligt werden, und sagen Sie selbst, finden Sie es nicht auch extrem merkwürdig, dass wir nichts darüber wissen? Dass man uns das in der Schule nicht beibringt? So viel unnützes Zeug bleut man uns dort ein, aber darüber, wie Geld funktioniert, erfahren wir überhaupt nichts. Und das, obwohl wir den Großteil unseres Lebens damit beschäftigt sind, dahinterher zu sein. Und ein großer Teil unseres Glücks in diesem Leben davon abhängen wird, wie wir damit zurechtkommen, mit diesem geheimnisvollen Phänomen, dem Geld. Sie müssen lange suchen, bis Sie jemanden finden, der Ihnen
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etwas darüber erzählen kann. Selbst im Viktorianischen England gab es mehr Leute, die wussten, woher die Babys kamen, als es heutzutage Leute gibt, die wissen, woher das neue Geld im Wirtschaftskreislauf kommt. Peinlich, wenn Sie mich fragen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass im Gegensatz zu Dingen wie Zeugung und Schwangerschaft und dergleichen alles, was mit Geld zu tun hat, eine rein menschliche Erfindung ist, von A bis Z, jeder noch so kleine Aspekt davon. Nichts davon ist von selber entstanden. Kein Gott hat seine Finger im Spiel, keine Natur hat damit zu tun, kein physikalisches Gesetz wirkt, nichts dergleichen. Geld ist Menschenwerk, Punkt. Es wäre wirklich nur recht und billig, wenn wir alle restlos darüber Bescheid wüßten.
Also, machen wir einen Anfang. Die Vermehrung des Geldes passiert - und das dürfen Sie ruhig jedem weitersagen, den Sie kennen - folgendermaßen: Wann immer jemand einen Kredit aufnimmt, vermehrt er dadurch nebenbei die Geldmenge um genau den Betrag seines Kredites. Das Geld zählt in den Büchern der Bank auf einmal sozusagen doppelt: Einerseits bleibt das Guthaben von dem, der es eingezahlt hat, bestehen, andererseits spaziert jemand mit dem Geld zur Tür hinaus. Wundersame Vermehrung? Nein, reine buchhalterische Logik. Es klingt wie eine kitzlige Situation - denn schließlich, was wird die Bank machen, wenn der Inhaber des Guthabens kommt und sein Geld zurückhaben will? Doch es funktioniert, weil es nicht nur einen, sondern viele, viele Guthaben gibt und deren viele, viele Inhaber im wirklichen Leben nicht alle am selben Tag am Schalter auftauchen und ihr Geld zurückverlangen. (Täten sie es doch - was manchmal vorkommt -, würde die Bank zusammenbrechen. Oder sie schließt einfach vorher ihre Tore und sagt den Leuten, sie sollen ein andermal wiederkommen.)
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Hinzu kommt: In der Praxis tragen die wenigsten Kreditnehmer das Geld tatsächlich zur Tür hinaus, und selbst wenn, dann stecken sie es jedenfalls nicht unter ihre Matratze. In der Regel wird das Geld wieder auf eine Bank gebracht, oder es wird ausgegeben, und dann bringt es der, der es eingenommen hat, zu einer Bank. Dort wird es wieder zu Guthaben, was bedeutet, dass sich das Spiel wiederholen kann. Weil das so wichtig ist, will ich es noch einmal an einer ganz einfachen Situation verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, es gäbe nur einen einzigen Hundert-Euro-Schein, und den hat jemand auf einer Bank eingezahlt. Nun kommen Sie und nehmen einen Kredit in dieser Höhe auf. Man händigt Ihnen besagten Geldschein aus, und in dem Vertrag, den Sie unterschreiben, verpflichten Sie sich, den Kredit über einen bestimmten Zeitraum in monatlichen Raten zu tilgen, ein Annuitätendarlehen also, das unterm Strich darauf hinausläuft, dass Sie sich verpflichten, insgesamt etwa zweihundert Euro zurückzuzahlen. Nun fragen Sie sich vielleicht, wie das überhaupt gehen soll, wenn doch überhaupt nur hundert Euro existieren, oder? Doch ab dem Moment, in dem Sie Ihren Kredit aufgenommen haben, existieren rechnerisch tatsächlich zweihundert Euro. Denn Sie halten einen Hundert-Euro-Schein in der Hand, und jemand anders hat ein Sparbuch, das ihm ein Guthaben von ebenfalls hundert Euro bescheinigt. Macht zusammen zweihundert.
Um herauszufinden, wie es im Einzelnen weitergeht, reicht dieses vereinfachte Modell nicht mehr aus. Da müssten jetzt mehr Konten, mehr Teilnehmer, mehr Geldflüsse ins Spiel kommen, und dieser Brief würde zum Buch. Klar ist aber auf jeden Fall: Sie stehen jetzt unter Druck. Sobald Sie in das Spiel der Geldvermehrung einsteigen, müssen Sie sich mächtig ins Zeug legen und irgendetwas bieten, damit Sie an das
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übrige Geld herankommen, sonst landen Sie im Schuldturm. Und hier schließt sich der Kreis zu dem, was ich Ihnen eingangs versucht habe zu erklären. Sobald Sie nämlich Schulden haben, stehen Sie auf der anderen Seite des Vorgangs, den Ihr Bankberater so blumig als »arbeitendes Geld« umschreibt. Jetzt sind Sie der Tributpflichtige. Jetzt müssen Sie Geld hergeben, damit jemand anders glauben kann, sein Geld vermehre sich.
Und es gibt kein Entkommen. Solange Sie nur von Ihren Bedürfnissen bestimmt wurden, stand Ihnen immer auch noch die Möglichkeit offen, diese zu überdenken, asketischer zu leben oder ihnen sonstwie zu entsagen. Mit Schulden geht das alles nicht mehr. An Schulden ändert sich nicht das Geringste, wenn Sie sich ändern, und sei es, dass Sie vom Sünder zum Heiligen würden. Schulden wird man nur los, indem man sie tilgt.
Verstehen Sie, was das bedeutet? Es bedeutet, dass im Herzen unserer Wirtschaft ein Puls schlägt, der von Schulden getrieben wird. In der Summe handeln die Akteure der Wirtschaft nicht, um Bedürfnisse zu befriedigen, sondern sie handeln, weil sie Schulden tilgen müssen. Das ist ein erbarmungsloser Druck, und im Extremfall sind wir bereit, die Umwelt zu zerstören oder gar andere Menschen, nur um unsere Schulden wieder loszuwerden. Ist es nicht eigenartig, dass dies ein Druck ist, den wir selber geschaffen haben? Weil Geld und alles, was damit zusammenhängt, Menschenwerk ist? Jedenfalls, so vermehrt sich das Geld im Kreislauf: rechnerisch. Buchhalterisch. Bargeld macht nur einen winzigen, fast vernachlässigbaren Teil der gesamten Geldmenge aus. Zum überwiegenden Teil existiert Geld nur in Form von Buchungen auf Konten, in Form von Zahlen, ist, mit anderen Worten, virtuell. (Allerdings ist auch der Wert eines Geldscheins vir-
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tuell, wenn Sie es sich genau überlegen.) Da das Wort »virtuell« jünger als unser Geldwesen ist, ist hierfür der Begriff »girales Geld« gebräuchlich.
Der Prozess der »Geldschöpfung« - wie das, was ich gerade beschrieben habe, heißt - ist in der Praxis noch ein wenig komplizierter. Da spielen Leitzinsen eine Rolle und Kredite, die Banken ihrerseits bei der Zentralbank aufnehmen, da gibt es Regeln, wonach nur ein bestimmter Teil der Einlagen in eine Bank wieder verliehen werden darf und so weiter. Trotzdem enthüllt uns schon dieser erste, flüchtige Einblick ein Grundprinzip giralen Geldes, das Sie sich wahrscheinlich auch noch nie klar gemacht haben. Aus dem eben Geschilderten folgt nämlich, dass jedem Euro auf der Plusseite zwingend ein Euro auf der Minusseite gegenüberstehen muss, ohne Ausnahme, bis zum letzten Cent. Unweigerlich stehen jedem Vermögen Schulden gegenüber, und zwar in exakt der gleichen Größe. Ohne das eine kann das andere nicht existieren. Das schreiben die Gesetze der Buchhaltung vor, und die sind als mathematische Gesetze weder verhandelbar noch änderbar. Wollte man alle Schulden tilgen, müssten sich auch alle Guthaben auflösen.
Das muss man auf sich wirken lassen. Nach einer Weile sieht man viele Dinge in einem ganz anderen Licht. Beispielsweise, wenn der Finanzminister, dieser arme Wicht, dasteht und erklärt, der Staat müsse seine Verschuldung reduzieren, weil der Schuldendienst langsam, aber sicher den Staatshaushalt erdrossele. Er hat ja recht. Bloß - wie will er das machen? Er kann schließlich nicht die Schulden selbst beseitigen, weil sonst Guthaben in gleicher Höhe aus dem Finanzsystem ver-schwänden und die Wirtschaft in die Knie ginge. Das Äußerste, was er hoffen kann, ist, dass jemand anders die Schulden macht. Doch wer soll das sein? Die meisten Firmen haben schon so viel Schulden, wie sie verkraften können, viele auch mehr. Private Haushalte werden sich hüten, in diesen unsicheren Zeiten mehr Schulden zu machen als unbedingt nötig. Außerdem heißt Schulden machen Kredite aufnehmen, und Kredite erhält man nur gegen Sicherheiten. Der Staat ist als Einziger in dem Spiel seine eigene Sicherheit und kann so viel borgen, wie er will. Einstweilen. Kein Wunder also, dass sich nach und nach alle für die Existenz von Vermögen notwendigen Schulden bei ihm versammeln.
Ist das alles höchst seltsam? Ja. Liegt hier womöglich ein grundlegender Konstruktionsfehler des Systems verborgen? Vielleicht. Es gibt viele Menschen, die sich auf übergeordneter Ebene mit diesen Fragen beschäftigen und genau das behaupten. Und diejenigen, die das bestehende System verteidigen müssten, die uns erklären müssten, warum das alles so ist und so sein muss, die etablierten, akademischen Wirtschaftswissenschaftler - sie schweigen dazu, und wenn man sie befragt, tun sie, als verstünden sie die Frage nicht. Was un-sereinem bleibt, ist, sich zu wundern.
Ich will zum Ende kommen. Sie fragen sich sicher immer noch, was ich eigentlich mit meinem Brief bezwecken wollte. Nun, einfach dies: Sie das Geld mit anderen Augen sehen zu lassen. Sie dazu zu bringen, die alten, immer gleichen Sprüche nicht mehr zu akzeptieren. An den Weihnachtsmann glauben Sie doch auch nicht mehr; warum also sollten Sie an das arbeitende, sich vermehrende Geld glauben? Lachen Sie die Plakate Ihrer Bank aus. Beginnen Sie, sich ebenfalls zu wundern und Fragen zu stellen. Und von da aus werden wir sehen, wie es weitergeht.
Mit freundlichen Grüßen Ihr Andreas Eschbach
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Rede an die Reichen
»Diese Güter gehören mir,
habe ich nicht das Recht, sie zu behalten?«
Gehören Sie wirklich dir? Woher hast du sie genommen? Hast du sie von anderswo her in die Welt mitgebracht?
Du verhältst dich wie einer,
der bei jedem Schauspielbesuch das Theaterhaus verriegelt.
Du willst anderen den Eintritt versperren,
damit du dein Vergnügen für dich allein hast.
Es ist so, als würdest du dir
das alleinige Anrecht auf ein Theaterstück nehmen,
das für die Allgemeinheit gespielt wird.
Genau so sind die Reichen:
Sie betrachten die Güter, die allen gehören,
als ihr privates Eigentum,
weil sie sich diese als erste angeeignet haben.
Den Hungernden gehört das Brot, das du für dich behältst;
den Nackten der Mantel,
den du in der Truhe versteckst;
den Armen das Geld, das du vergräbst.
Basilius der Große, 370
Erzbischof von Caesarea
Herz der Finsternis