8 Verdrängte Apokalyptik
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Geschichte und Endzeit im Christentum
Die Frage, wie man die „kanonische" apokalyptische Vernunft zum Maßstab für ihre weitere Wirkungsgeschichte nehmen könne, führt in ein unerwartetes Paradox hinein - das alle bisherigen Versuche einer Unterscheidung der Geister ihrer Geschichte durch den Rückgriff auf ihre Ursprünge stets noch eingeholt hat.1 Die Analytik hat den eschatologisch-apokalyptischen Charakter einer Vernunft herausgestellt, die seit den frühen JHWH-Gläubigen und Propheten Gott nur als Eschaton der Geschichte aus dem Blickwinkel ihrer eigenen Gegenwart zu denken vermag und sich alle übrige Wirklichkeit von diesem intensivsten Punkt her erschließt. Dies erreicht (jedenfalls in der Perspektive des Christentums) seine letzte kanonische Ausprägung in der Reich-Gottes-Ansage Jesu und in der Verkündigung der letzten Zeit der Erlösung durch die Apostel des Neuen Testaments.
Von daher haben alle christlichen Selbstkritiken von den Ursprüngen her in unterschiedlicherweise dieses eschatologische Gott-Denken zum Kriterium für die weitere Entwicklung, für die Unterscheidung zwischen Weg und Abweg genommen. Aber gerade dadurch haben sie sich meist in einen mehr oder minder heftigen Widerspruch zum Mainstream des Christentums ihrer jeweiligen Zeit gebracht. Denn dies ist schon bald nach der neutestamentlichen Zeit durchaus keine apokalyptisch gestimmte und zentrierte Religion mehr - kein Religionswissenschaftler, Historiker oder Soziologe könnte sie in diesem Typ fassen. Apokalyptiker, Naher-wartungs-Eschatologen, messianisch argumentierende Geschichtskritiker und Gegenwarts-Propheten sind eher Außenseiter der christlichen Kirchen- und Theologie-Geschichte. Oft sind sie ausdrücklich als Häretiker Ausgeschlossene, die ihrerseits der Großkirche Verrat an der ursprünglichen Offenbarung vorwerfen. Ist es also deren subversive Perspektive, in die sich eine Analyse der apokalyptischen Vernunft in der Betrachtung des nachbiblischen Christentums zwangsläufig begibt? Ist dann aber der Anspruch, in der apokalyptischen Vernunft das Bewegungszentrum
Ich meine mit dieser Wirkungsgeschichte als Gegenstand des kritischen Unterscheidungsversuches ab jetzt die Geschichte des Christentums. Denn in der nachkanonischen Zeit trennen sich die Wege von Juden und Christen, von ersten und zweiten Erben der apokalyptischen Vernunft. (Später wird sich der Islam als ein dritter religionsgeschichtlicher Erbe noch einstiften). Diese Beschränkung erfolgt zum einen, weil ich die Kritik nur von meinem (christlichen) Standort heute kompetent durchführen kann, also nicht stellvertretend für einen jüdischen (oder islamischen) Parallelversuch. Zum anderen entspricht sie der geschichtlichen Wirk-Mächtigkeit des Christentums, seiner weltgeschichtlichen Folgen und Verantwortlichkeit. Das Judentum wird in den Blick kommen, wo es an dieser Wirkungsgeschichte beteiligt war, mit eigenen Impulsen oder einbezogen, als Opfer. Nicht systematisch diskutieren kann ich also die Stellung des Judentums zu seiner eigenen apokalyptischen Vernunft.
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