9 Globalisierte Apokalyptik.
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Christentum und Neuzeit
Bevor ich aus den eben gezeichneten theologiegeschichtlichen Linien Konsequenzen für die Gegenwart formulieren kann (Kapitel 10), ist noch eine Komplizierung einzutragen: Die biblische apokalyptische Vernunft hat ja keineswegs nur eine theologiegeschichtliche Wirkung gehabt, zwischen Vergessen und doch nie still gestellter Virulenz. Mit der weltgeschichtlichen Rolle des Christentums ist auch ihre Wirkungsgeschichte selbst Weltgeschichte geworden. Die konstantinische Wende des Christentums zu einer herrschenden Religion hat nicht nur zur weitgehenden Verdrängung der Apokalyptik an die häretischen Ränder geführt. Sie hat auch eine Umdeutung des Apokalyptischen in die Kategorien einer Geschichtstheologie der Macht mit sich gebracht. Die traditionell oppositionelle Rolle des Apokalyptischen wurde dadurch teilweise gebrochen, teilweise aber auch als eine Art utopisches Restelement mitbewahrt.
Die komplexen Wendungen dieser Wirkungsgeschichte können hier nicht insgesamt verfolgt werden. Es ist jedoch wichtig, einige ihrer Wegmarken wenigstens skizzenhaft anzudeuten. Ansonsten müsste die gegenwärtige Anknüpfung an die apokalyptische Vernunft sich den Vorwurf geschichtlicher Naivität zuziehen. Denn heute lässt sich an diese Vernunft in ihrer biblischen und frühchristlichen Form nicht anknüpfen, ohne die späteren Wendegestalten des Apokalyptischen bewusst mit ins Auge zu fassen. Wenn nämlich apokalyptische Vernunft - wie ich es in Kapitel 10 vertreten möchte - kritisch zur theologischen Analyse der Gegenwart herangezogen werden soll, darf nicht verschwiegen werden, dass eben diese Vernunft in ihrer Wirkungsgeschichte mit der Entstehung unserer Gegenwart, der Moderne, eng verknüpft ist. Die Vernunft, deren theologische Wiederentdeckung ich in Kapitel 8 begrüßt habe, um daran in Kapitel 10 anzuknüpfen, ist unterwegs nicht unschuldig geblieben - falls sie es je war: Denn es sind sicher Strukturelemente dieser Vernunft schon in ihrer biblischen Entstehungsgestalt, an die spätere Umdeu-tungen anknüpfen. Allerdings bleibt die Umdeutung eine Umdeutung oder Umwidmung oder gar „Umkehrung", wie ich in diesem Kapitel zeigen möchte.
Streng genommen gehört zwischen die Ursprungs-Analytik apokalyptischer Vernunft und ihre theologische gegenwärtige Anwendung also eine - im kantischen Sinne - Dialektik apokalyptischer Vernunft. Sie würde zeigen, wie diese Vernunft in ihrer Wirkungsgeschichte sozusagen wider ihre eigene Vernunft angewandt wurde. So wie Kant den falschen, hypostasierenden, vergegenständlichenden Gebrauch reiner Vernunft entwirren wollte, so ginge es darum, dem falschen, der ursprünglichen Intentionalität der apokalyptischen Vernunft nicht entsprechenden, wohl aber die in ihr angelegten Gefahren ausnutzenden Gebrauch dieser Vernunft nachzugehen. Das kann hier in einem Kapitel nicht geleistet werden. Stattdessen möchte ich
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