7 Endzeitliche Exegese
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Apokalyptische Vernunft im Urchristentum
Ich habe in Kapitel 6 versucht, die Entstehung des Neuen Testaments, der Gründungsurkunde des Christentums, zu begreifen als eine Verarbeitung neuer, als Offenbarungsgeschehen erfahrener Ereignisse mit und um Jesus von Nazareth mit Hilfe der Grundkategorien apokalyptischer Vernunft, wie sie den Zeugen durch die Überlieferungen der Glaubensgeschichte Israels zur Verfügung standen. Das Neue Testament erhebt damit den Anspruch, eschatologische - durch als letzt-gültig begriffene neue Offenbarungs-Ereignisse angestoßene - Exegese des Ersten Testaments zu sein. Die Einheit der beiden Teile der christlichen Bibel besteht demnach darin, dass der Boden der bisher normativen Überlieferungen nicht verlassen wird, was aber inhaltlich bedeutet: dass der Gott Israels auch als Gott Jesu Christi weiter in den Kategorien apokalyptischer Vernunft begriffen wird.
Das Neue Testament ist ein weiterer, die bisherige Auslegungsoffenheit der Schriften Israels allerdings verändernder Schritt prophetischer Theologie. Es behauptet, eine ganz bestimmte eschatologische Zukunft als Erfüllung der alten Verheißungen, eine ganz bestimmte Verifikation Gottes proklamieren zu können. Es behauptet dies aber in den Begründungszusammenhängen der alten prophetischen und apokalyptischen Theologie.'
Folien-Hermeneutik
Das Neue Testament als neue Exegese der apokalyptischen Vernunft im Licht neuer Erfahrungen zu verstehen, stützt sich keineswegs primär auf den ausdrücklichen Gebrauch des Ersten im Neuen Testament, auf direkte Auslegungen oder Zitate oder theologische Wertungen des Alten; obwohl es all das ja gibt, lässt „der neu- ] testamentliche Gebrauch des Alten Testaments ... keine zentralen Kategorien biblischer Theologie begründen".2
Daran ändern auch neue, etwa hellenistische und römische Einflüsse auf die Deutungskategorien des Neuen Testaments grundsätzlich nichts. Schließlich zeigen auch die Schriften des Ersten Testaments je nach Entstehungskontext die Aufnahme immer neuer „Fremdeinflüsse". Die apokalyptische Vernunft ist kein religionsgeschichtlich sauber abgrenzbares Phänomen, sondern das einer in sich konsistenten theo-logischen Verarbeitung der eigenen Geschichte. In einer Analytik apokalyptischer Vernunft liegen die religionsgeschichtlichen Bilder, Symbole und Vorstellungsmuster gewissermaßen auf der Ebene der durch sie geordneten Verstandes-Schemata. 2 Childs, Theologie 1, 100.
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