Start     Weiter 

6    Eine Geschichte für alle Geschichte. Das Pascha Jesu

131-

Auf Jesus zurückkommen

Das Neue Testament ist deshalb keine zuverlässige Quelle über den historischen Jesus, weil es insgesamt aus der Perspektive des Glaubens an Jesus als den auferstandenen Herrn und Messias geschrieben ist, ja weil schon seine schriftlichen und mündlichen Überlieferungs-Quellen aus dieser „nachösterlichen" Perspektive entstanden sind. Die neutestamentlichen Zeugen der Geburtsstunden des späteren Christentums deuteten im Licht ihres Glaubens an den Auferstandenen alles „Jesu-anische" neu. Den Schlüssel zu dieser Deutung lieferten dabei gerade nicht die Verkündigung und die Taten Jesu - so wichtig sie blieben -, sondern die Bedeutung seines Todes und seiner Auferweckung. Erst von da ab tastete man sich rückwärts -wie wir wissen, tatsächlich erst zuletzt zu seiner Kindheit und Herkunft.

Schon diese nachweisbare Rückwärts-Entstehung insbesondere der Evangelien macht es auch historisch unwahrscheinlich, die neutestamentlichen Autoren als verzweifelte Verwalter einer uneingelösten Hoffnung, als Umgestalter einer Erinnerung in einen neuen Mythos abzutun. Das scheint zwar eine nahe liegende Plausibi-litätserklärung, aber „die neutestamentlichen Quellen sagen zu ihr Nein, und nicht nur der Glaubende, auch der Historiker wird hier erkennen müssen, wie wenig die Quellen, an die er gewiesen ist, solche Gedanken bestätigen."' Denn diese Quellen kommen offensichtlich von etwas Neuem her auf Jesus zurück. Gerade am Ende seines Lebens steht ein Offenbarungsereignis, von dem her alles Bisherige in neuem Licht erscheint: So wollen nicht nur die Zeugen ihre Botschaft verstanden wissen, auch ihre Zeugnisse sind ohne diese Voraussetzung historisch und hermeneutisch kaum sinnvoll erklärbar.

Das deutlichste Beispiel dafür sind die Schriften des Paulus: Seine Briefe sind die ältesten Texte des Neuen Testaments und präsentieren den Christus-Glauben eines Zeugen des Auferstandenen, der den irdischen Jesus gar nicht gekannt hat und sich mit den Überlieferungen aus seinem Leben auch kaum befasst - jedenfalls kommen sie in seinen breiten theologischen Ausführungen nur in winzigen Spuren vor. In den ersten Jahrzehnten der Ausbreitung christlicher Gemeinden interessierte sich dieser Apostel - als der anerkannt zu sein er mit seinem Offenbarungserlebnis, mit einer Erscheinung Jesu begründet - fast ausschließlich für die eschatologische Bedeutung des Todes und der Auferweckung Jesu für alle Menschen. „Der Apostel übermittelt keine Geschichten vom irdischen Jesus vergangener Zeiten, auch konstruiert er kein elaboriertes Schema der Heilsgeschichte, sondern er legt vielmehr

Bornkamm, Jesus 159.



 

 

#

 www.detopia.de     ^^^^