5 Zwei Propheten - Zwei End-Zeiten
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Johannes der Täufer und Jesus
Die nächsten drei Kapitel wollen zeigen, dass die Schriften des zweiten Teils des christlichen Kanons ihre Einheit untereinander und ihre Besonderheit gegenüber dem Ersten Testament durch ihre neue eschatologische Qualifikation der Gegenwart, also durch einen entscheidenden Schritt prophetischer Theologie im Sinne meiner Definition aus Kapitel 2 erhalten. Trifft dies zu, dann lässt sich das Neue des Neuen Testaments gerade in den Kategorien der apokalyptischen Vernunft erfassen, die ich am Ersten Testament gewonnen habe. Allerdings: „Das Neue Testament ... stellt keinesfalls einfach eine Fortsetzung der Traditionslinien aus dem Alten Testament dar"', und es verhalten sich (wie ein altes christliches Klischee meint) die beiden Testamente auch nicht wie Frage und Antwort zueinander, so als könne das Alte unabgeschlossen gar nicht für sich stehen, weil ihm eine Erfüllung fehle, bzw. so, „als ob das Alte Testament aufgrund unerbittlicher' Gesetze in das Neue Testament hineinfließen würde."2 Das Neue lässt sich also nicht a priori aus den Kategorien der apokalyptischen Vernunft heraus postulieren. Aber es besteht auch nicht in einem Bruch mit der apokalyptischen Vernunft, in einem Vernuft-Wechsel sozusagen. Vielmehr stellt die Trennung zwischen jüdischer und christlicher Offenbarungstheologie, wie sie in neutestamentlicher Zeit beginnt, einen Bruch innerhalb dieser Vernunft dar, einen Streit auf ihrem Boden, - so konsequent, dass auch die ersten Vertreter des Neuen dieses in den Argumentationsformen prophetischer Theologie ausdrücken und begründen.
Mit dieser These wird das Neue des Neuen Testaments im Kern nicht in einer neuen Lehre, einer in Inhalten, Begriffen, Vorstellungswelten neuen Theologie oder gar neuen Religion gesehen: „Das Entscheidende am Neuen Testament ist das Element der Neuheit gegenüber der Vergangenheit"3. Damit diese Feststellung aber nicht reichlich tautologisch bleibt, muss dieses Neue aus den Texten erschlossen, doch außerhalb der Texte gefunden werden, d. h. es muss einem Geschichtsbezug entspringen. Nicht ein neues Denken, sondern eine neue Erfahrung bildet den Ausgangspunkt. Die Erfahrung, die Jünger und erste Gemeinden mit der Geschichte Jesu von Nazareth machen, verarbeiten sie grundsätzlich so, wie prophetische Theologen nicht erwartete Winkelzüge Gottes in der Geschichte Israels verarbeitet haben: mit Hilfe der in der Tradition angelegten Kategorien des JHWH-Glaubens, aber unter In-Frage-Stellung deren gesamter bisheriger Anwendung, d. h. in Revision der bisher gültigen theologischen Qualifikation der Gegenwart.
Childs, Theologie 1,250. Ebd. 3 Ebd. 251.
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