Prof. Dr. Hans Krah

Weltuntergangs­szenarien
und Zukunftsentwürfe

Narrationen vom <Ende>
in Literatur und Film,
1945-1990

 

 

2004 im Verlag Ludwig, 416 Seiten

 

Prof. Dr. Hans Krah Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe Narrationen vom <Ende> in Literatur und Film 1945-1990

2004

416 Seiten

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Tanja Busse 

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Wuckel-1986

 

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Lesebericht von Löchel: literaturkritik.de/id/7315


Verlag:


Die Studie ist von dem mentalitätsgeschichtlichen Interesse geleitet, dem Phänomen des Untergangs der Menschheit in der medialen Phantasie nachzugehen:

Wie und in welchen Diskursen wird das Denken über einen dezidiert nicht empirischen Sachverhalt ausgedrückt?

Welche ›neuen‹ Weltentwürfe werden propagiert, und in welchem Verhältnis stehen diese zu bestehenden Ideologemen?

Welche Problemkonstellationen werden aufgebaut, welche Bewältigungsstrategien entworfen, welche Sinngebungsmodelle zitiert, adaptiert, verworfen?

Und was heißt es wann, über die zeitliche Periode 1945 bis in die 1980/90er Jahre, konkret, sich eine globale Katastrophe denken und medial präsentieren zu können?

 


Lesebericht Von Rolf Löchel

Vor genau zwanzig Jahren vertrat die feministische Utopieforscherin Elaine Hoffman Baruch bereits die Auffassung, dass die Utopien der Männer die Dystopien der Frauen sein könnten.

Ähnlich, wenn auch ohne die geschlechterdifferente Zuspitzung oder auch nur Bezugnahme auf die feministische Utopieforscherin und ihre altbekannte These, verkündet der Passauer Literaturwissenschaftler Hans Krah in seinem neuen Buch, "[w]as als Utopie, was als Dystopie zu setzen" sei, sei "im Wesentlichen pragmatisch, von der jeweiligen Perspektive des Interpreten abhängig".

 

So unspektakulär diese These ist, so wenig kann es überraschen, dass es ihm ohne weiteres gelingt, sie - etwa anhand von Oskar Maria Grafs Roman "Die Erben des Untergangs" (1959, zuerst 1949 unter dem Titel "Der Eroberung der Welt") - zu verifizieren.

Was Graf als "moderne Utopie" - wie Krah in laxer Formulierung sagt - "verkauft", sei "ein mit den Mitteln totalitärer Diktaturen geschaffener, selbst Totalität/Globalität beanspruchender vormoderner, bäuerlich-patriarchal organisierter Weltentwurf", mithin für Krah eine Dystopie. Eine Bewertung, die sich leicht nachvollziehen lässt.

 

Allerdings sind nicht alle Thesen und Ansätze, die Krah in seiner mit einigen stilistischen Eigenheiten ausgestatteten und nicht immer ganz flüssig zu lesenden Untersuchung der "Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe" in den "Narrationen vom 'Ende' in Literatur und Film" offeriert, derart unspektakulär und so wenig innovativ wie die oben genannte.

So setzt er etwa anstelle des Gegensatzes Utopie/Dystopie denjenigen von "aporetisch-komplexitätsreduzierende[r] Utopie", der die eigentliche Utopie entspricht und der der Dystopie entsprechenden "apodiktisch-restriktive[n] Utopie".

 

Aporetisch-komplexitätsreduzierend nennt er erstere aufgrund ihrer "konstitutive[n] Ideologie des Alle-jeder-ganz-Denkens" und deren "Vereinnahmung sämtlicher Lebensbereiche", wobei der "Ausgleich zwischen Anspruch auf Individualität und Integration (und Unterordnung dieser Individualität) in eine (und als wesentlich gesetzte) Gesamtheit" ein "zentrales Moment" dieser Utopie-Form sei. Die komplexitätsreduzierende "Ideologie des 'Alles'" produziert, wie Krah zeigt, notwendigerweise Aporien und Widersprüche.

 

Weitere Charakteristika der aporetisch-komplexitätsreduzierenden Utopie bestehen darin, dass die "gleichsam unveränderlich[e]" ideale Gesellschaft von den Figuren "verdient" werden muss, obwohl sie in der Narration ebenso "konkurrenzlos" wie "einzigartig" ist und es keine "Alternativkonzept[e]" zu ihr gibt.

....

Inhalt

Einleitung (7)    Gegenstandsbereich (8)   Narrationen vom >Ende<: theoretische Grundlagen (9)

Narrative Raummodelle - Lotmans Grenzüberschreitungstheorie (12)  Zur zeitlichen Abgrenzung  (15)

1. Konstituierung des Diskurses  (18) 

1.1 Oskar Maria Graf, Die Erben des Untergangs - Apokalypse und Utopie, Technik und Religion (18)
Die Katastrophe und der Anfang nach dem Ende (19)   Parameter des Übergangs (26)  Problemlösung >lnnerlichkeit< (40)    Die neue Ordnung: Utopie und Aporien (49)

1.2 Aufbruch aus der Frühen Moderne (62)

1.3 Weltuntergangsszenarien: Bedingung der Möglichkeit - die Katastrophe  (76) 
Lokalität/Globalität (77) Darstellung/Nicht-Darstellung: Histoire/Discours (89)  Weltstiftungsoperationen (94)  Das >Kein-Ende<-Dogma - Schreib-Experimente (100)

2. Konsolidierung des Diskurses: die 50er und frühen 60er Jahre - Raum, Grenzen und Differenzen (105) 

2.1 Das Paradigma The Time Machine  105

2.2 Narration und Genre (119)

1 Die Katastrophe als genrekonstituierende Größe  119

2 Standard-Narration: Das Modell der Grenzüberschreitung von außen nach innen  125

3 Die apodiktisch-restriktive Utopie  128

2.3 Der Akt des Überlebens: wer, wo und wie? K. H. Scheer, Die Großen in der Tiefe   132

1 Die Modalitäten der Katastrophe (133)  2 Utopischer Innenraum und Außenbeziehungen (137)  3 Narration und Problemlösung (148)

2.4 Mutation und Bunkerräume (158)  1 Mutation und Strahlung (158)  2 Bunker, Bunkerräume, Kuppelstädte (166)

3. >Diskurskrisen< und neue Sinnkonstruktionen: die späten 60er und 70er Jahre  (174) 

3.1 Extremisierungen/Dekonstruktionen  174

1 Modalisierungen  174

2 Konstruktion, Dekonstruktion, Krise - Planet of the Apes und <Beneath the Planet of the Apes>  177

3 <The Omega Man> - der Weg in die Zukunft  193

3.2 Lösungsvarianten/Lösungsstrategien im Film der 70er Jahre  (207)

1 Narrationsmuster (207)  2 Expositionen, Katastrophe, Aufbruch (213)  3 Genre-Kombinationen (218)   4 Gewalt und Körpereinsatz - Quintet als Quintessenz  (226)

3.3 Warnung und Selbstrettung: literarische Lösungen der 70er Jahre - das Beispiel Unternehmen Stunde Null 235

1 Schreibakt, >lch< und Katastrophe (236)  2 Räume, Männer, Technik (246)  3 Die aporetisch-komplexitätsreduzierende Utopie (253)

3.4 Sexualität, Geschlechterrollen, Geschlechterspezifik  (263)

1 Sexualitätsdiskurs und Geschlechterrollen in Unternehmen Stunde Null  265

2 Where Latethe Sweet Birds Sang - Schwangerschaft und Mutterschaft  270

3 Mann-Sein: filmische Identitäten im Wandel  276

4. Diskursformationen der 80er Jahre  (283)  

4.1 Filme der 80er Jahre: der Mythos des Kriegers und der Mythos der Schwangerschaft  283

1 Le Dernier Combat - ein letzter Kampf (283)  2 Mad Max Beyond Thunderdome - Paradigmenwechsel (289)  3 Filmische Endzeit - Reinszenierungen (300)

4.2 Realismus, Initiation, Fantasy - Endzeitliteratur der 80er Jahre (312)

1 Ende und Anfang: Anton Andreas Guha, Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg  314

2 Weltrettung: Matthias Horx, Glückliche Reise. Roman zwischen den Zeiten   322

3 Paradigmen der literarischen Verhandlung   332

4.3 Diskurskonstituenten  (338)

1 Diskurskonstituenten: oszillierender Diskurs, begrenzter Diskurs, paradoxer Diskurs  338

2 Diskurskonstituenten und Narration   345

4 Begrenzter Diskurs und filmische Entgrenzungen. Das Ende der 80er Jahre als Ende des Diskurses >globale Katastrophe< (354)

5. Medien und Katastrophe  (364)  

5.1 Sprache, Schrift, (Speicher-)Medien. Medienkonkurrenzen im filmischen Diskurs (364)

5.2 Der filmische Diskurs - Genrestatus (375)   5.3 Literaturverfilmung - Literatur und Film (387)

5.4 Globale Katastrophe - Film und Literatur im Vergleich  (393)

Anhang (399)   Filmographie (399)  Primärtexte (401) 
Weitere Quellentexte (402)   Forschungsliteratur (404)   Begriffsregister (412)

 

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Prof. Dr. Hans Krah  (2004)  Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe