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3   Die Ölpreiskrise sprengt den Optimismus —
die zweite Hälfte der 1970er- und die 1980er-Jahre

 

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Diese Ölpreiskrise der Jahre 1973/74 war der Startpunkt für die Ökologiebewegung und eine nun beginnende Umweltorientierung. Die seit Jahren achselzuckend akzeptierte Binnengewässer-Verschmutzung, die Reinhaltung der Flüsse und Seen wurden Thema; ebenso das Ozonloch, später dann der Saure Regen und das Waldsterben. Thematisiert wurden diese Problemlagen von kritischen Wissenschaftern zwar schon früher, aber da war wohl die Zeit für breitere Ökodebatten und vor allem für eine mediale Unterstützung viel zu früh gewesen. Erst die Ölpreiskrise und die in der Folge eingeführten individuellen Einschränkungen (Auto, Energiesparen) schafften einen kulturellen Raum für Widerstand.

Große Teile der an sich kleinen 68er-Bewegung wandten sich nun Öko-Themen zu, gründeten neue lokale und regionale Naturschutzinitiativen und Vereine, bald darauf bundesweite Grünparteien, in Deutschland 1980, in Österreich 1982. Mit diesen wurde die vorher außerparlamentarische Alternativbewegung ökologisch neu eingekleidet und zum Mitspieler auf dem Feld der Parteipolitik und damit schlichtweg eine normale Partei. Immerhin, deren Aktivisten bzw. Mandatare erhalten seither eine gute staatliche Bezahlung und überdies hohe Geldzuströme für ihre Bildungsarbeit (Parteistiftungen, Parteiakademien) sowie für absolvierte Wahlen.

Die Ölpreiskrise als Treibmittel für die Umweltbewegung

Die Ölkrise und die Treibstoffpreisexplosion sowie die Einschränkungen beim Autofahren waren also Zündmittel der späteren Ökologiebewegung, nicht die wissenschaftliche Kritik an der kommunistischen und kapitalistischen Wirtschaftsweise. Beide Wirtschaftsformen sind nicht nur in sozialer Weise menschenverachtend, sondern ebenso in Hinblick auf die Ausbeutung hemmungslos naturverachtend. Ohne die Ölkrise wäre die Studie: »Die Grenzen des Wachstums« des Club of Rome eine randständige Angelegenheit geblieben.19 Nun wurde sie langsam zum Thema und Gegenstand von Kontroversen zwischen Naturbewegten und Wirtschafts­wachstums-Fans, also praktisch für alle Unternehmer, Gewerkschafter und Politiker relevant.

Infolge der Ölkrise und der Diversifizierung sowie des Abeb-bens der 68er-Bewegung formierte sich die kleine alternative Landschaft neu. Künstler blieben jetzt wieder Künstler, aber linke gesellschaftskritische Grüppchen stießen auf konservative, gesellschaftlich unkritische, verschlafene Naturschützer, die es schon längere Zeit gegeben hatte, und bildeten lokal und regional orientierte, lockere Umweltgruppen, Bürgerinitiativen. Atomkritische Veranstaltungen und Proteste gehörten selbstverständlich dazu. War die Ölpreiskrise 1973/74 der erste große Aufschwung für die Umweltbewegung, so gab es mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl im Frühjahr 1986 einen zweiten wirkmächtigen Impuls. Die erhöhte Strahlenbelastung erfasste innerhalb kurzer Zeit nahezu ganz Europa.

  • 19 Dennis Meadows: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. DVA, Stuttgart 1972.
    Es gab dazu später weitere Berichte. Die grundsätzliche Anordnung der Analyse und der Modelle war, obschon danach vielkritisiert, ein Meilenstein.

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Gesundheitsminister belogen Bevölkerungen, da sie größere Unruhen vermeiden wollten; Umweltschutzgruppen fanden Gehör bei den Medien, die Katastrophe machte der gutmütigen, staatsgläubigen Mehrheit deutlich, dass es doch wohl mehr an Umweltschutz brauchen würde.

Werteveränderung hin zum Postmaterialismus

Schon Ende der 1970er-Jahre stellte der nordamerikanische Sozialforscher Ronald Inglehart eine Veränderung in den Wertelagen der Bevölkerung fest.20 Er entwickelte daraus die sogenannte Postmaterialismus-These. Diese bezeichnet Folgendes: Für das traditionelle Milieu einer Bevölkerung ist der materielle Wohlstand und die Sicherheit der eigenen Existenz wichtig. Mit steigendem materiellem Güterbesitz, mit wirtschaftlicher Entwicklung, an der man teilhaben kann, mit Prosperität legt man zunehmend mehr Wert auf immaterielle Güter. Man legt Wert auf ein erfülltes Leben, auf Freiheit und Meinungsfreiheit, sowie lebbarer, also allseits akzeptierter Individ­ualität, auf Umweltverträglichkeit, Harmonie mit der Natur und Frieden mit anderen Menschen. Ein wohlhabendes, gutes, harmonisches, zufriedenstellendes Leben führen — diese Haltung führt zum post­materialistisch orientierten Menschen.

Woher kam diese postmaterialistische Haltung? Klarerweise von der 68er-Bewegung. Die neue alternative Praxis dieser Bewegung, die Demonstrationen und Aufstände in Berkeley, Paris, Berlin und vielen anderen Städten rund um das Jahr 1968 hatten deutliche Spuren hinterlassen. Dazu kam, dass dieses postmaterialistische Denken seit langem im kleinen Milieu der Boheme schon vorhanden war, ebenso als Erinnerung in jenen Teilen

  •  20 Ronald Inglehart: Changing values and the rise of environmentalism in western societies. Wissenschaftszentrum Berlin, International Institute for Environment and Society, 1982.

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der Bourgeoisie (also der traditionellen gehobenen Bürger), die mit der Reformbewegung anfangs des 20. Jahrhunderts vertraut waren. Kleine voneinander getrennte Minderheiten, aber mit ähnlichen Vorstellungen und Zielen, diese bildeten den Kern der Postmaterialisten, und mit der Verbreitung der Individualität und Lockerheit aus den 68er-Jahren diffundierte diese alternative Vorstellungswelt langsam in die gesamte Gesellschaft.

Menschen opponieren gerne gegenüber ihren Heimaten und Behausungen, machen mitunter das Gegenteil von dem, was Eltern sich wünschen oder vorbestimmen wollen. Jugendlicher Protest eben, an sich eine simple und pubertäre Angelegenheit und in der Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse gut bekannt. Es ist eine Rebellion gegen die Vaterfigur, den alten weißen Mann. Die heutigen Genderistlnnen und Feministinnen haben sich bis heute davon nicht emanzipiert.

Im Jahr 1980 gab es in Deutschland ca. 15 Prozent Postmaterialisten in der Bevölkerung. Deren Anteil stieg mit Schwankungen kontinuierlich auf heute nunmehr rund ein Drittel der Bevölkerung,21 In Osterreich interessierte man sich für diese — durchaus kontrovers gesehene - Art der Milieuforschung nicht besonders, die wenigen vorhanden älteren Daten weisen in die Richtung eines etwa halb so großen Anteils »harter« österreichischer Postmaterialisten im Vergleich zu deutschen.

Der Zerfall der kommunistischen Länder

Nach dem Ölpreisschock und der Tschernobyl-Katastrophe war die Auflösung der kommunistischen Ostblockländer der dritte große Schock für empfindsame westliche Gemüter.

  •  21 Nach anderer Art der Zählung, wenn harte und weiche Postmaterialisten zusammengefasst werden, machen sie die 1 lallte der lievolkerung in Deutschland aus.

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Im Herbst 1989 zerfiel die DDR, innerhalb recht kurzer Zeit begann auch in vielen anderen kommunistischen Ostblockländern das Umkippen in kapitalistische Gesellschaften. Hier sollte man aber, wenigstens im Rückblick, halbwegs ehrlich sein. Die Mehrheit in diesen Ländern war nicht sehr an einer parlamentarischen Demokratie oder Parteiendemokratie westlichen Zuschnitts interessiert, sondern in erster Linie an der Konsumgesellschaft und ihren Versprechungen von individueller Konsumfreiheit, etwa was Reisen, Urlaub und Auto anlangte. Die Menschen hatten die Werbung des Westfernsehens, die Familie mit zwei Autos, dem Einfamilienhaus mit Swimmingpool und der zugänglichen Warenvielfalt nebst extravaganten Urlaubsträumen für ernsthafte Beschreibungen der Lebensrealität gehalten. Sie hatten das wörtlich genommen und waren letztlich über ihre eigene Fehleinschätzung fürchterlich enttäuscht.22

Diese Dramatisierung, die drüben haben alles und wir hier haben nichts, stellte sich bei vielen zwangsläufig ein, wenn sie Hollywoodfilme und westliche Fernsehwerbung sahen. Den gleichen Effekt gibt es im Zusammenhang mit der Flüchtlingswelle ab 2015 in den Emigrationsländern des Südens und Ostens. Man will auch am westlichen Wohlstand teilhaben. Besser am Wohlstand partizipieren können, und das ohne Kriminalität und Mord, genau dieses Interesse war bislang die Ursache für den Bildungswillen junger Menschen und ihr Bedürfnis nach beruflichem und damit sozialem Aufstieg. Damit es das Kind einmal besser hat — das brachte etwa Arbeitereltern dazu, ihr Kind in den lgöoer-Jahren auf das Gymnasium zu schicken, zu fördern und zu fordern, selbst dann, wenn jenes eher unwillig war. Sehr schön beschreiben dieses Motiv, diesen Antrieb, Annie Ernaux in Der Platz und Didier Eribon in Rückkehr nach ReirnsP

  •  22 Das waren viele episodische, persönliche Erfahrungen aus den Kontakten mit Menschen aus der Tschechoslowakei, Ungarn und Slowenien nach diesem Umbruch bzw. der Wende.

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Konsumismus statt Kommunismus  

Das Umkippen der kommunistischen Länder in Frühformen demokratischer Staaten, also der eminent rasche Zerfall des Kommunismus, ließ kapitalistische parlamentarische Republiken in den Augen der postmaterial­istischen Biedermenschen gewissermaßen als Monopolmodell erscheinen. Länder wie China, Kuba und Nordkorea wurden nicht erst ernstgenommen. Letztere fungierten als atavistische Überreste des zweiten Teils der ehemals zweigeteilten Welt, China gilt ja bis heute als Sonderfall einer Art von staatlich autoritärem Monopolkapitalismus.

Für die linken politischen Parteien, und ganz generell für linkes gesellschaftspolitisches Denken, hatte diese Entwicklung dramatische Folgen. Es gab nun praktisch nur mehr ein Denk und Lebensmodell, das des fortgeschrittenen Kapitalismus mit seinem inhärenten »militärisch-industriell-politisch-medialen Komplex«. Dieses Netzwerk der Interessen von Eliten aus Militär, Industrie, Politik und Medien wurde schon in den 1950er-Jahren entschlüsselt und es hat sich mittlerweile weiter verflochten und internationalisiert.24

Das alternative kommunistische Modell, auch wenn man es persönlich abgelehnt hat, funktionierte vorher immerhin ganz gut als realistische Erinnerung daran, dass Marktwirtschaft und

  • 23 Annie Ernaux: Der Platz. Suhrkamp, Berlin, 2019 (original 1984). Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Suhrkamp, Berlin 2016.

  • 24 Es gehl zurück auf die Arbeiten von Charles Wright Mills, Die amerikanische Elite: Gesellschaft und Macht, in den Vereinigten Staaten. Hülsten Verlag, Hamburg 1962 (im Original: The Power Elite, 1956). Der Autor hat sich auch für damalige Verhältnisse ziemlich kritisch mit den etablierten Sozialwissenschaften auseinandergesetzt

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Kapitalismus nicht ganz selbstverständlich »das Gelbe vom Ei« sind, dass es eine politische Alternative gibt und sich deshalb das eigene gesellschaftliche System in einer gewissen fortschrittlichen Bewegung halten müsse. Das war eine europäische Sichtweise, denn hier gab es den Kommunismus greifbar.

Daneben, das soll an dieser Stelle nun wirklich nicht unterschlagen werden, regierten in nahezu allen afrikanischen, ebenso in etlichen asiatischen und südamerikanischen Ländern, blanke Despotien, das Militär und fragwürdige Putschisten. Übrigens, viel hat sich daran bis heute nicht geändert.

Verheerende Folgen für die linken Parteien

Der Verlust der grimmigen, herben und insgesamt wenig wünschenswerten Lebensform des Kommunismus in den Ostblockstaaten war auf längere Sicht für rosa, rote und sonstige Linke des alten Westens allerdings verheerend. Ausgenommen davon blieben bislang die grünen Parteien — sie erwiesen sich mit ihrem Öko-Image als die einzig verbliebenen, halbwegs noch »Guten«. Sozialdemokratische und dezidiert Kommunismus-freundliche Parteien, wie die »Linke« in Deutschland, stagnieren, da sie im Wesentlichen das geworden sind, was die 68er-Leute damals der Gesellschaft insgesamt vorgeworfen haben: altbacken, traditionell, feig, wenig scharfsinnig, fade, selbstverliebt, machtversessen, ins System der Parteiendemokratie völlig eingeklinkt.

Marketingorientierte Politik

Politik ist längst zu einer Art von kommerzieller Wählerfang-Veranstaltung verkommen. Sie funktioniert mittlerweile wie Zahnpasta-Multis und andere Konsumgüterindustrien:

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Werbeagenturen als sogenannte Fachleute schlagen die nächsten Politikschritte vor und PR-Berater beraten Politiker, wie sie sich am besten verkaufen können — eine reichlich absurde Angelegenheit, wenn man sich das nüchtern durchdenkt. Menschen, die als Gestalter der politischen Landschaft für ihre Klientel erscheinen wollen, lassen sich von Werbeleuten, die üblicherweise Cola, Joghurt und Chips verkaufen, dabei helfen, wie Politik aussehen soll. Da können nur Worthülsen herauskommen und politische Entwicklungen höchstens sehr kleinschrittig dahintrippeln.

Politik und Marketing vertragen sich nur dann, wenn es der Politik in erster Linie um das Sichern von Pfründen, also um weiter gewählt zu werden geht. Allerdings, Menschen bekommen das langsam mit. Sie sind zuerst unzufrieden, dann zusehends angewidert. Alternativen haben sie jedoch nicht — die Strukturen der repräsentativen Demokratie bleiben. Dazu haben viele Angst, dass es noch schlechter werden könnte als es ist. Das ganze eigene Leben, die schöne Konsumwelt, an der man ein Stück partizipieren darf, scheint bedroht, wenn man nicht murrend die systemtragenden Parteien akzeptiert — und wählt.

Technische und wirtschaftliche Entwicklung nach 1990

Die 1990er-Jahre waren das Jahrzehnt des Internet. Es gab mit viel medialer Begleitung nun in ersten Ansätzen das World Wide Web. Die Universitäten waren hier führend, die Industrie meist eher verschlafen. Hießen die ersten Dienste noch Telnet, FTP (der Abruf von fernen Dateien) und E-Mail, die ziemlich einfach und wenig anmutig gestrickt waren, nämlich mit einzutippenden

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Befehlen, so änderte sich das ziemlich schnell. Gopher war eine erste Benutzeroberfläche, die einem fremde Computer anschaulich dienstbar machte, dann kam das WWW mit hübschen grafischen Oberflächen für den eigenen PC und mit Mausbedienung. Jeder sollte nun mithilfe dieser Softwaren ermächtigt sein, sich international, also grenzenlos und natürlich individuell zu äußern, zu diskutieren, eine Art elektronisches Global Village herzustellen.(25) Eintrittsvoraussetzungen gab es aber — wie immer schon. Man benötigte einen eigenen Computer und einen Anschluss an dieses schöne, neue Medium, das pathetisch als »Cyberwelt«, als globales Dorf, verklärt wurde.

Tatsächlich ist etwa die Entwicklung des Online-Dienstes WELL ein Paradigma für das Anfangsverständnis dieser neuen elektronischen Kommunikationsform. »The Whole Earth 'Lectro-nic Link, normally shortened to The WELL, is one of the oldest Virtual communities in continuous Operation. (...) It is best known for its Internet forums, but also provides email, shell accounts, and web pages. The discussion and topics on The WELL range from deeply serious to trivial, depending on the nature and interests of the participants.« So heißt es in der englischsprachigen Wikipedia dazu.(26) Ein Diskurs ohne behäbige oder subtile Statusmerkmale, die ja immer schon Kommunikation gruppieren, sollte eine neue Welt demokratischer Partizipation ergeben. Als eine Art von Grassroot-Modell elektronischer, interaktiver Kommunikation und vor allem mit einem Gemeinschaftscharakter, der sich hier technisch unterstützt ausbilden sollte.

  • 25 Howard Rheingold: Virtuelle Gemeinschaft - Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers, Bonn usw. 1994.

  • 26 In deutscher Sprache gibt es bei Wikipedia dazu keinen Beitrag, jedoch in der englischsprachigen; https://en.wikipedia.org/wiki/rhe_WKLI..

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Das Internet — ein interaktives Werbefernsehen

Die großen Hoffnungen, die von den kalifornischen Intellektuellen früh in dieses elektronische oder virtuelle »Global Village« hineingedacht wurden, erfüllten sich nicht. Jene hatten - obwohl meist gar nicht wirtschaftsfeindlich — einfach nicht mit der kapitalistischen Realität gerechnet, die mehr oder weniger rasch neue Ideen oder Entwicklungen in das industrielle Verwertungssystem einpasst.27 Bislang war das bei technischen oder kulturellen Entwicklungen stets so. Die erste Suchmaschine des Internet, das seit Mitte der 1990er-Jahre aktive AltaVista, wurde von Google schnell ins Abseits gedrängt. Die Chat-Server und die auch ins WWW transferierten Bulletin Boards (des telefonbasierten Vor-Internet) wurden schließlich von Facebook und ähnlichen Plattformen weitgehend abgelöst. Der sich immer umfassender herausbildende Netzwerk-Effekt im Internet wirkte rnonopolbildend.

Das Militär steht am Beginn

Unser schönes Internet war wie vieles andere, eine militärische Entwicklung der USA, um die interne Kommunikation im Kriegsfall als Netzwerk dezentral und damit mit möglichst geringen Ausfällen abwickeln zu können. Bereits 1968, in den hippen 68er-Jahren also, wurde mit dieser militärischen Entwicklung begonnen. Die DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) arbeitete dabei ganz eng mit einer Reihe von Universitäten zusammen. Dies erklärt, warum das frühe zivile

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Internet an den Universitäten zuhause war und erst von dort aus schließlich in den kommerziellen Bereich einwanderte. Oder von ihm unterwandert wurde.2S Stets recht intensiv begleitet von den nordamerikanischen Geheimdiensten, insbesondere von der NSA (National Security Agency), die als US-Auslandsgeheimdienst die grenzüberschreitende Kommunikation nahezu im Gesamtumfang überwacht. Sie war schon im Vietnamkrieg tätig, die Medien interessierten sich aber erst seit den Snowden-Enthüllungen dafür, als der frühere CIA-Mitarbeiter 2013 deren Aktivitäten öffentlich machte. Diese gigantische Spionage, auch bei deutschen Industriebetrieben übrigens, war zumindest seit 1998 bekannt, wurde sogar im EU-Parlament diskutiert, jedoch von den Medien kaum wahrgenommen.(29) Selbst die Überwachung hochrangiger Politiker, erinnert sei an die Mobiltelefonüberwachung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, und die kontinuierliche, weitreichende Wirtschaftsspionage wurde von der Politik - offenbar um keinen transatlantischen Konflikt aufkommen zu lassen - mit stoischer Gleichmut zur Kenntnis genommen. Europa geriert sich in vielen Belangen wohl nach wie vor als ein Befehlsempfänger der USA.

Blasen

Eine durch die Expansion der Finanzindustrie aufgebaute Immobilienblase — Hypothekarkredite wurden sehr freizügig vergeben, da die Kreditgeber von steigenden Immobilienpreisen ausgingen und sich so der Kauf eines Hauses von selbst zu finanzieren schien

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 — schlug sich im Jahr 2008 im Konkurs der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers nieder. Dies löste die europäische Finanzkrise und in der Folge dann die Eurokrise aus. Vor allem die national hoch verschuldeten Länder Griechenland, Italien, Spanien und Portugal kamen wirtschaftlich ins Trudeln. In der Folge kauften sich US-amerikanische Konzerne in die europäischen Unternehmungen ein und bestimmen bis heute, wo es zur Kapitalverwertung lang geht. Sie greifen dabei natürlich indirekt in die Wirtschaftspolitik der EU-Staaten und der EU ein: »Moody's, Standard & Poor's und Fitch - sie gehören BlackRock & Co - legen gegen hohes Honorar die Kreditkonditionen nicht nur aller großen Unternehmen in der EU fest, sondern auch aller EU-Mitgliedsstaaten.«50 Eine völlig absurde Angelegenheit.

Zurück ins Jahr 2001. Unter dem mit 9/11 hegemonial angloamerikanisch etikettierten Kürzel veränderte sich für halbwegs wache Zeitgenossen die Welt nachhaltig. Fanatisierte Moslems griffen die westliche Welt symbolisch an zentraler Stelle an und brachten rund 3000 Menschen in den Tod. Eine Kriegserklärung, was sonst. Eine, mit der »der Westen« nicht sinnvoll, sondern nur ziemlich hilflos umgehen konnte. Bis heute übrigens zeichnet sich die Reaktion auf islamistischen Terror oder dessen Prävention durch allgemeine Hilflosigkeit, Ignoranz, Behörden- und Geheimdienstversagen, generell durch politische und mediale Beschwichtigung aus. Nur bei der Überwachung der Bevölkerung wurde gewissermaßen auf Durchziehen gesetzt und das dann Schritt für Schritt realisiert. Die Exekution der Führungsfigur dieses und anderer Terrorangriffe kommentierte die deutsche Bundes­kanzlerin Angelika Merkel dann mit »Ich freue mich, dass es gelungen ist, Osama bin Laden zu töten!«31

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Ohne Geschichte ist man verloren

Ohne halbwegs verstehen zu können, wie etwas geworden ist, also die Gegenwart so wurde, wie sie ist, weiß man gar nichts — man ist dann als eine Art von selbstgewählter Ahnungsloser den vielfältigen Beeinflussungs­versuchen (Framing heißt, das heute) der politischen Akteure ausgeliefert. Kein Mensch will allerdings ein solches Manipulationsobjekt sein, trotzdem interessieren sich die meisten Menschen nicht für ihre persönliche Gewordenheit, also dafür, wie sie zu jenem Menschen gemacht wurden, der sie sind. Sie interessieren sich meist nicht einmal für ihre eigene persönliche Geschichte. Die meisten Menschen neigen dazu, alles besser zu wissen, sie verfallen einer oft grandiosen Selbstüberschätzung. Das kennen wir schon seit den Zeiten von Kindergarten oder Schule, da gab es stets etliche Besserwisser und wenige Nachdenkliche. Und die meisten nehmen sich in ihrer Grandiosität gern selbst von dieser Besserwisserei und Großtuerei aus. Man hält meist die Mehrheit der »anderen« für dumm und sich selbst für gescheit.52

Selbstüberschätzung und die eigenen blinden Flecke der Wahrnehmung machen soziales und politisches Leben schwierig, mühsam und schließlich alte Rebellen müde. Die Ausflüge in einige der markanten Gegebenheiten und Ereignisse der letzten Jahrzehnte brauchen wir aber, um sozusagen die klimatischen Veränderungen in unseren Gesellschaften verstehen zu können — hier waren sie als Erinnerung gedacht, nicht als Belehrung (belehrt werden wollen ja die meisten Menschen nicht, eben wegen jener eigenen, uns innewohnenden Selbstüberschätzung). Wenn wir heute in einer oft orientierungslosen, weil ziemlich gespaltenen Gesellschaft leben müssen, hat das seine Gründe.

Individuelle Geschichtsvergessenheit macht es für politische Eliten und die Wirtschaft, nicht zu vergessen die Medien und das Militär, leichter, uns bestimmte Auswahlmuster einzureden. In den 1970er-Jahren war vom militärisch-industriellen Komplex die Rede, korrekt müsste man heute vom industriell-militärisch-politisch-medialen Komplex reden, einem meist im Hintergrund, dem »Tiefen Staat«, agierenden Netzwerk und oft schon global verbundenen Geflecht der Macht. Beeinflussung, Manipulation findet mittlerweile in vielfältiger Weise statt. Gebrauche Deinen eigenen Verstand, das hat uns vor mehr als 200 Jahren Immanuel Kant, als eine der großen Gestalten der europäischen Aufklärung, klarzumachen versucht. Dazu gehört aber auch ein bisschen Grundwissen, wie wir nun zu den Menschen geworden sind, die man aus uns gemacht und eben nicht gemacht hat. Von Seiten der Eltern, des Kindergartens, der Schulen, der Freunde, Nachbarn, Verwandten wie Bekannten und natürlich der Arbeitgeber, Chefs und Kollegen im Beruf. Kant ermutigt, »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«33 Hinzufügen sollte man: und Courage, die eigene und die gesellschaftliche Entwicklung selbstkritisch zu sehen.

  • 32  David Durmingel al.: Why IVopleFail te ReoognieeTheirOwn irieornpetenee, in:Current Directions in Pyschological Science Vol. 12, 3 / June 2003, S 85-87.

  • 33  https://anthrowiki.at/Sapere_aude

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