^ ^ ^     > > >   

4  Etwas von »postmaterialistischem« Klima ...

 

63-84

Was ist eigentlich dran am Postmaterialismus?

Materialistische Wertehaltungen werden von einer fortschrittlichen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft, also von mehr Wohlstand, von postmaterialistischen Wertelagen abgelöst. Das ist der Kern der Postmaterialismus-Theorie von Roland Inglehart.34 An sich sollte man besser von einer Postmaterialismus-These sprechen, denn eine umfassende Theorie zur Gesellschaft hat er dazu nicht abgeliefert. Macht jedoch nichts, denn seine Ausführungen zu den eher stillen Veränderungen in den westlichen Gesellschaften waren dennoch bedeutsam und erhellend.

Inglehart hat erkannt, dass es offenbar einen langsamen, kontinuierlichen Werte-Wandel in den westlichen Industrieländern gibt und konnte das mit Ergebnissen aus vielen empirischen Erhebungen absichern. Im Wesentlichen ist Postmaterialismus eine Beschreibung des Phänomens immaterieller Lebensqualität und veränderter Partizipationsstrukturen der Öffentlichkeit an der Politik. Wenn die materiellen Bedürfnisse, also Wohnen, Essen, Kleidung, ein dauerhafter Arbeitsplatz, Geld auch für Freizeit und etwas Vergnügen, halbwegs gesichert sind, dann geht es den Menschen um eine angenehmere Umwelt, um persönliche Anerkennung, um Gehörtwerden und Partizipation. Im Einzelfall vielleicht nicht in dieser Reihenfolge, aber so ungefähr im Großen und Ganzen.35

  • 34 Ronald Inglehart: Kultureller Umbruch. Wertwandel in der westlichen Welt. Campus-Verlag 1989.
    Ausgangspunkt war Ronald Inglehart: The Silent Revolution, Princetown (New Jersey), 1977.   wikipedia  Ronald_Inglehart *1934 in Milwaukee-2021

Inglehart konnte in der Europäischen Union und ihrem Vorläufer viele Umfragen durchführen, offenbar sah man in der Bürokratie jene sich anbahnenden Werteänderungen ziemlich skeptisch. Wenn Menschen sich tendenziell vom Konsum abwenden, löst das natürlich die Alarmanlagen der Wirtschaft aus — und daher war man an guten Daten dazu interessiert. Klar war es, um in die Essenz der Ergebnisse etwas einzutauchen, dass nach dem Erwachsenwerden von Menschen deren Wertelagen stets ziemlich stabil bleiben. Der Schwenk vom Materialismus zum Postmaterialismus war damit in erster Linie eine Generationenfrage. Jüngere, im Wohlstand aufgewachsene Menschen sind postmaterialistischer orientiert als die älteren Generationen, so die Ausgangsvorstellung. Ein weit verbreiteter Fehler der Rezeption der Inglehartschen Ergebnisse und Daten war jedoch, diese zeitliche Entwicklung als ein Umbrechen von materiellen zu postmateriellen Haltungen misszuverstehen. Nämlich anstelle der herkömmlichen Interessen an materiellen Gütern und Infrastrukturen, also Konsum, nun eine Zuwendung zu nicht an Güter gebundenen Sachen zu unterstellen. So als wären die Menschen, die Jüngeren vor allem, nun bescheidener geworden und hätten Konsum gewissermaßen hinter sich gelassen.

  • 35  ngleharl orientiert sich liier an der Maslowschen KedürInishierarchie oder Bedürfnispyra mide. Diese versucht, eine Abfolge oder Rangordnung der menschlichen Bedürfnisstruktui darzustellen: den ganz grundsätzlichen physiologischen Bedürfnissen folgten Sicherheits-bedüri'nissc (also Sicherung der Krhallung der Befriedigung), dann die Bedürfnisse nach sozialer Zugehörigkeit und I liebe, weiters nach sozialer Präsentation und schließlieh das Bedürfnis nach Selbstdarstellung, was recht rnissversiiindlich als Selbstverwirklichung bezeichnet wird. Wichtig ist, die Erscheinungsformen dieser Bedürfnisse sind unendlich groll, sie hoicn nicht irgendwann auf. Des ist insofern ganz ossenziell, da dies durch das sich ausdifferenzierende Knnsumgüterangebot in einer Konsumgesellschaft nahezu unendlich ausnützbar wird. Abraham 11. Maslow: Motivation and Personality, New York, Evanston. London 1954, 1970.

64


Nein — es war eine additive Entwicklung: auf der Basis eines materiell guten Lebens ging es nun um mehr Mitbestimmung und persönliche Gestaltungsmöglichkeiten. Mit anderen Worten, hat man halbwegs guten Wohlstand, kann man beim Zuwachs etwas Pause machen, man braucht ihn nicht immer noch besser und größer, sondern jetzt kann es um gutes Gewissen beim Konsum und um mehr Einfluss auf die Wirklichkeit, um eine Art von Selbst­verwirklichung gehen.

Wichtig ist hier festzuhalten: die Menschen hatten gerade die 68er-Aufbruchsjahre erlebt, oder sind, um dies aus anderer Perspektive auszudrücken, dabei entgleist. Alte Vorstellungen von Moral oder Verhalten, von Musik­geschmack und Kultur sind in ihrer Penetranz inzwischen delegitimiert, es gibt nun ebenso ganz Anderes. Selbst die mühsam sich ausgebildet habende Nachkriegsdemokratie autoritärer Parteiorganisationen ist längst schon infrage gestellt. Ein Leben jenseits von Konsumzwängen wird ebenso ansatzweise sichtbar; »Flower Power« und Drogen etwa. Alles, die neuen Lebensstile im Kleinen, der technische Fortschritt im Großen, Stichwort Mondlandung, befindet sich in einem Aufbruch — selbst für passive Zuseher und solche Menschen, die das alles nicht recht verstehen können.

Das zusammen schafft neue mögliche Bahnen, selbst wenn man nicht unmittelbar in das breite Spektrum der 68er-Bewegung eingebunden war. Man konnte mit manchen neuen Dingen sympathisieren, Mitläufer oder typisch menschlich nur Trittbrettfahrer sein.

   Postmaterialisten  

Postmaterialisten sind herkömmliche Materialisten plus Individualisierung, Selbstverwirklichung und Mitbestimmung.

65


Sie bauen auf dem gewohnten Wohlstand auf, gehen jedoch nicht den traditionellen Weg eines, sein Leben im »Mehr vom Gleichen« sehenden Individuums. Nämlich größere Wohnung, größeres Auto, luxuriöseres Essen, teurere Kleidung, bessere Freizeit. Sie wollen nun - ohne auf ihren Wohlstand verzichten zu müssen - eine schönere Umwelt und überhaupt eine bessere Welt. So stimmt der Ausdruck Post-Materialismus, wenn er eben nicht als frugaler, bescheidener, sparsamer Anti-Materialismus missverstanden wird. Das jedoch war vielfach die ausdrückliche oder unterschwellige Lesart des Begriffs: Postmaterialisten wären als Verzichter zu verstehen, als Kostverächter der Konsumgesellschaft sozusagen — ein grundfalsches Verständnis. Wenngleich es tatsächlich bewusst suffizient lebende Menschen stets gegeben hat, allerdings ist, das ein extremes Minderheitenprogramm. Sehen wir uns in der Alltagswelt etwas näher um.

Heute (im Jahr 2016 gab es die letzte Erhebung dazu) sind in Deutschland 52 Prozent der Bevölkerung ausgeprägte und weitere 30 Prozent »weiche« Postmaterialisten. Ihnen stehen 53 Prozent »weiche« und 6 Prozent ausgeprägte Materialisten gegenüber. Summarisch also 62 Prozent Postmaterialisten, die 39 Prozent Materi alisten gegenüberstehen (101 Prozent, da hier gerundete Zahlen).5" Im gleichen Jahr und in derselben Erhebung schätzen sich übrigens 55 Prozent der Befragten als (politisch) links ein und 45 Prozent als rechts. Wobei die extremen Linksausprägungen (2 von 10) 6,6 und bei den extremen Bechtsausprägungen (2 von 10, auf der anderen Seite der Skala) 1,7 Prozent notieren ließen.

  • 36 GESIS: ALLBUS Variable Reports 2017/10, ALLBUS 2016, Köln 2017, S 168. Die heute und auch in der Quelle verwende!e Postmaterialismus-Skala von Roland [nglehart ist ein relativ einfaches Maß (obsehon zuverlässigkeitsgetestet mit ausführlicheren Skalen): ^as ist der hauptsächliche kritische Einwand ZU diesem Krhebungsinstrurnent. Die Verben »atisgeprägt« und »weicher« sind eine aus Anschaulichkcilsgt ünden gewählte Bezeichnung bzw. Interpretation des Autors.

66


52 Prozent fanden sich in den beiden mittleren (leicht links, leicht rechts) Ausprägungen. Im Jahr 1980 waren es für Deutschland-West 13 Prozent ausgeprägte Postmaterialisten und daneben 17 Prozent weiche Postmaterialisten, denen 31 Prozent weiche Materialisten und 38 Prozent ausgeprägte Materialisten gegenüberstanden. Summarisch waren das damit 30 Prozent Postmaterialisten gegenüber 69 Prozent Materialisten.37

Schleichende Veränderung

Man sieht, die per Inglehart-Skala erhobenen, mehrheitlichen Wertorientierungen haben sich bei den Deutschen innerhalb von 35 Jahren komplett umgedreht. In Osterreich ist die Datenlage wesentlich schlechter. Eine begonnene Erhebungsserie wurde ab 2012 eingestellt. Immerhin zeigt sich über 14 Jahre, von 1997 bis 2011, dass die postmaterialistische Werteausprägung in der Bevölkerung stabil stets halb so groß ist wie in Deutschland.

Im Jahr 2011 waren es für Österreich 10 Prozent ausgeprägte Postmaterialisten und dazu 24 Prozent weiche Postmaterialisten, diesen gegenüber 31 Prozent weiche Materialisten und 35 Prozent ausgeprägte Materialisten. Zusammengefasst standen damit dann 34 Prozent Postmaterialisten zu 66 Prozent Materialisten.38

Die Veränderungen sind auf die längere Perspektive gesehen letztlich langsam vor sich gegangen, obschon es zwischendurch

67


gelegentlich Ausreißer gegeben hat. Man kann also mit halbwegs gutem Gewissen davon ausgehen, dass sich inzwischen noch nicht Dramatisches geändert hat. Bemerkenswert hingegen ist, im wirtschaftlich für die Menschen mittlerweile an sich deutlich besser dastehenden Österreich: Geht man etwa von den durchschnittlichen Konsumausgaben (Konsumbudgets der Haushalte, Haushaltsausstattung) aus, dann müsste die Ausprägung von Postmaterialismus entwickelter sein als sich das empirisch darstellt.

Erwerbsarbeit und der lange Marsch

Die veränderte Wertehaltung hatte freilich auch ihre sozio-öko-nomische Grundlage, auch das eigene Leben betreffend. Denn irgendwann stand die 68er-Jugend vor der Frage, wie sich im Kapitalismus seinen Lebensunterhalt verdienen? Die allerwenigsten hatten, obschon aus der Mittelschicht kommend, soviel Reichtum zur Verfügung, dass sie tun und lassen konnten, was sie wollten. Einige verzogen sich in die Boheme, ein kleiner Teil schaffte einen künstlerischen Durchbruch. Einige versuchten sich in Alternativen, etwa einer Landkommune, einige begannen NGOs für einen guten Zweck, etwa der Obdachlosenhilfe, zu gründen. Der überwiegende Teil musste sich jedoch eine traditionelle Arbeitsstelle suchen oder vorher schon das Studium danach ausrichten. Man war mit annähernder Vollbeschäftigung großgeworden, aber die Auswirkungen der Ölkrise (1973/74)1 ihre Wiederholung dann ein paar Jahre später, und insbesondere die Gleichgesinnten, die ebenfalls in den Arbeitsmarkt eintreten wollten, beendeten diese in den 1970er-Jahren.

Etwas Individualität, soziale Wirksamkeit und ein kleines Stück Selbstverwirklichung sollte die Berufsarbeit jedoch enthalten.

68


Tätigkeiten im öffentlichen Sektor (Bildung, Schule, Wissenschaft, aber auch bei Behörden und der Justiz oder im Sozialarbeitsfeld), im kulturellen Bereich, oder bei den Medien, mitunter bei politischen Parteien, boten sich dafür an. Das waren nämlich keine der kapitalistischen Verwertung dienlichen »bösen« Berufe, man konnte sich also etwas aus dem Kapitalismus heraushalten, man machte sich nicht mitschuldig bei der Ausbeutung. Es waren meist irgendwie nützliche, notwendige, sinnvolle Tätigkeiten, die sich oft sogar ein Stückchen ideologisch oder zumindest aufklärerisch gestalten ließen, man konnte im Kleinen etwas Politik machen. Tatsächlich gibt es in den erwähnten Berufsfeldern meist mehr Gestaltungsräume, als im Konstruktionsbüro eines Industriebetriebs oder in der Buchhaltung eines Mittelstandsunternehmens - die Routinen sind da weit enger definiert. Verfügt man über Kreativität und hat Gestaltungswillen, ist man in diesen sozialen, kulturellen und medialen Berufen besser bedient — die Buchhaltung eines Betriebs muss sich nicht kreativ legitimieren, sie hat einfach nur gut zu funktionieren.

Lernen, sich anzupassen

Am Arbeitsplatz riskiert man den erwarteten Verdienst nicht, man passt sich dort an, selbst wenn man in der Freizeit den coolen, unbeeindruckten Typ oder die emanzipierte Frau gibt. An diesen Arbeitsplätzen herrschen in den 1970er-Jahren noch ziemlich konventionelle Verhältnisse, die Kolleginnen und Kollegen sind schon viele Jahre dort und gehen daher mit der Berufsarbeit traditionell u»!. Von Inglehart wissen wir, dass sich mit dem Erwachsenwerden eines Menschen bei seinen Werten, den Einstellungen und Verhaltensweisen dann meist nicht mehr viel ändert.

69


In der Arbeit holte einen also das verpönte Alte, das Konventionelle zuverlässig ein. Mitunter mühsam, gelegentlich recht wach, lernten die jungen Erwerbstätigen sich an diese Gegebenheiten anzupassen. Wohlgemerkt, die typischen »68er« waren eine Minderheit, die nun aus harten und zwingenden Geldgründen ins Erwerbsleben eintropfte, aber ein großer Teil der gleichaltrigen Generation war in gewisser Weise von ihnen, von der modernen Zeit, die sich in den Medien niedergeschlagen hatte, infiltriert. Die anderen Gleichaltrigen waren daher oft Sympathieträger jenes harten Kerns. Natürlich waren sie dann und wann auch Konkurrenten.

Unabhängigkeit von den Eltern

Erwerbsarbeit ist existenziell wichtig, da man Geld verdienen muss, um leben zu können. Diese Peitsche der Erwerbsarbeit wirkte schon lange vor Industrialisierung und Kapitalismus, es sei denn man war durch Erbe wohlhabend, gehörte zum Adel oder zum Klerus. Ein weiterer wichtiger Grund war natürlich die durch eigene Berufstätigkeit gewonnene Unabhängigkeit vom Elternhaus, von der Herkunftsfamilie. Eltern wurden oft abgelehnt, da man sie als reaktionär, als spießig, als hinderlich empfand und da sie einem »dreinredeten«, man sich für dies und das rechtfertigen musste. Emotional war alles andere besser als diese banausenhafte kleine Gruppe, aus der man kam und die in rigide und tröge Verwandtschaftsverhältnisse eingeklemmt war. Die sahen das zwar meist nicht so ablehnend, aber für die 68er und viele ihrer Zeitgenossen war Verwandtschaft und der der damit verbundene Mief meist nur lästig.

Ähnlich verstand und sah man die der Familie sozusagen übergeordnete Gesellschaft - der Staat war nicht nur bei den

70


politischen Jungen ein abzulehnendes Monster, Bürokratien galten (meist zu Recht) als undurchsichtig und mühsam, dazu die Parteien — als altbacken, autoritär und konservativ an, eine freudlose Angelegenheit. Der Staat, die Politik, das Establishment, sie waren verantwortlich für die Gräuel des letzten Kriegs. Meistens mit einer verheimlichten Vergangenheit, in undurchsichtige Machenschaften verstrickt. Die Gesellschaft oder der Nationalstaat, das Establishment, sie waren letztlich alle eines: die großen, mächtigen Verhinderer eines besseren, gewaltfreien, gerechteren, jedenfalls vernünftigeren Lebens.

Die Verachtung der Familie und der Gemeinschaft/des Staats, diese Feindseligkeit zur Herkunft sozusagen, sollten wir in Erinnerung behalten, denn sie wird für die Skepsis der heute neuen multikulturellen Mittelschicht noch bedeutsam sein. Motto dabei: Alles ist besser als das Eigene. Natürlich ist das ein zutiefst pubertärer und unaufgelöster, schwelender Konflikt, unreif, pathologisch. Er hat jedoch deswegen Sprengkraft, da nicht mehr die halbwegs gelungene Auseinandersetzung mit den Eltern (um die Vaterfixiertheit von Freud hier etwas aufzulösen) schlussendlich mit der Zivilisation versöhnen kann, sondern da an Stelle der Eltern nun eine allumfassende Konsumrealität getreten ist. Da gilt: nur wer Geld hat, kann sich entschädigende, tröstende, über alle persönlichen Verrücktheiten hinweghelfende, luxuriöse, einmalige Konsumgüter und Dienstleistungen kaufen. Und praktisch alles ist kaufbar, hat man Geld und/oder Macht, klappt es mit dem Sex, man kriegt schöne Partner ab - gegenüber solchen Erfahrungen lst das, was von den Eltern kommt, nur bescheiden, banal, falsch, Verlogen und antiquiert.

Modernität, Fortschritt ist zweifellos ein wesentlicher Wert für die nun in die Erwerbsarbeit verstrickte 68er-Generation.

71


Für die 68er kam dazu, dass sich eine Alternativkultur entwickelt hatte, in die man flüchten konnte — zur konventionellen Konsumgesellschaft gab es aridere Wahlmöglichkeiten. Bei der Musik, bei der Bekleidung, bei der Reflexion über die alte Gesellschaft und für religiöse, transzendente oder esoterische Erfahrungen, ebenso beim Lebensstil. Statt Alkohol zur Entspannung nun Haschisch und andere lockere Typen, mit denen sich einer relativ umstandslos verstehen konnte.

Veränderungen in den Familien

Zwei die Familien betreffende Entwicklungen kommen hinzu. Zum einen wurden die Kinder weniger, die Geburtenraten und damit die Familiengrößen sanken. Gab es i960 noch 2,7 Geburten pro gebärfähiger Frau in Österreich und 2,4 in Deutschland, so sind es 1980 1,7 Geburten in Österreich und 1,6 in Deutschland.'" Um die Jahrtausendwende sind es in beiden Ländern dann 1,4. Zusehends gibt es mehr »Einzelkinder«. Zum zweiten änderte sich auch der Erziehungsstil. Bestrafung wurde verpönt und später dann gesetzlich verboten, generell sollten moderne Eltern auf Bestrafung verzichten und stattdessen mit Motivation arbeiten. Erziehung wandelte sich von einem Nebenbei-Ergebnis aus einem problemlosen Mitleben des Kindes mit den Geschwistern, Eltern, Nachbarn und Verwandten zu einer Erziehungsarbeil, die von schriftlichen und medialen Ratgebern und Experten unterstützt wurde. Nicht nur im Staat, auch in den Familien sollte es demokratisch zugehen. Mithin ein sanftes Modell der »anti-autoritären Erziehung«. Nun, für die meisten jungen Leute galt

59 Eurostat, Statisük kungefant, 15/2001. Steigende Geburtetnahlen sind auf luziehende Migr«ntenfiuniÜra »urUckiuführen.

72


dies in den 1960er- und 1970er-Jahren erst ansatzweise — Eltern wollten damals noch keine besten Freunde ihres Kindes sein, allerdings zeichnete sich dennoch ein Umbruch des gängigen, eher harschen Erziehungsstils ab, vor allem in den Mittelschichten.

Anpassung — mit etwas Freiflächen

Mit der geregelten Berufsarbeit, Teilzeit war in den 1970er-Jahren tatsächlich noch ein Fremdwort, folgt Schritt für Schritt langsam die Anpassung, die Domestizierung der (hauptsächlich rhetorisch) wilden 68er-Jungen. Diese Angleichung geht langsam, meist von den Betroffenen selbst nicht bemerkt und beachtet, vor sich. Sie ergibt sich eben einfach so. Der Grund dafür ist ziemlich simpel. Man verbringt jeden Werktag acht Stunden am Arbeitsplatz und das über viele, viele Jahre. Ist also zeitlich umfassender in diesen Mikrokosmos eingesperrt, als man Zeit mit dem Partner oder der Partnerin verbringt. Die mitunter zu hörende Floskel: 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Freizeit, 8 Stunden Schlaf, ist dabei übrigens nichts anderes als grober und dummer Unfug. Für viele kommen oft sogar gern geleistete (da mehr Lohn erzielbar) Überstunden dazu, Fahrtwege zur und von der Arbeit; für das private Leben, für den eigenen Haushalt muss, gerade wenn ein Kind vorhanden ist, in beträchtlichem Ausmaß und natürlich unentlohnt gearbeitet werden: Wohnungs- und Wäschereinigung, Kochen, Abwaschen, Einkaufen und Besorgungen macht bei den meisten eben keine Haushälterin. Feministinnen fordern gerne eine Entlohnung dieser angeblich nur von Frauen gemachten Hausarbeit. Nur, wer sollte das bezahlen?

Übrigens. Fasst man Erwerbsarbeit und Hausarbeit zusammen Und betrachtet das nach Männern und Frauen, dann zeigt sich, dass

73


heutzutage beide Geschlechter gleich viel arbeiten. Statistisch, im Mittelwert, nicht in jedem Einzelfall. Und halt etwas unterschiedlich verteilt, zur Teilzeitarbeit kommen wir gleich. Kalendertäglich (also Montag bis Sonntag gerechnet) arbeiten Männer 6 Stunden und 23 Minuten, Frauen 6 Stunden und 22 Minuten (Berufsarbeit und Hausarbeit zusammengezählt) in Österreich.40

Arbeitszeiten

Ein Einschub zur Arbeitszeit ist jetzt notwendig, da viele unter uns die letzte Phase der Arbeitszeitverkürzung, die immerhin rund 45 Jahre her ist, nicht selbst berufstätig miterlebt haben. Mitte der i97oer-Jahre war die Einführung der 40 Stunden-Arbeitswoche abgeschlossen. Dafür hatten Gewerkschaften und sozialdemokratische Parteien seit den 1950er-Jahren politisch gekämpft. Aus den üblichen 48 Stunden einer Sechstagewoche wurden 45 und später dann 40 Stunden. In Deutschland wurde sie von den Kollektivvertragsbranchen branchenweise zeitlich gestaffelt eingeführt, in Österreich wurde die wöchentliche Arbeitszeit über Jahre hinweg gestaffelt von 45 auf 40 Stunden verkürzt. Die 40-Stundenwoche war übrigens in den USA schon 50 Jahre früher üblich gewesen.

Seither hat sich, was die Arbeitszeit anlangt, außer einem verbesserten Urlaubsanspruch (4 beziehungsweise 5 Wochen) nicht viel Bedeutendes mehr getan. Ja, in einigen Branchen gilt die 38,5-Stunden-Woche, jedoch die großen Würfe, wie etwa eine Verkürzung auf 32 oder 25 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit, die gelegentlich angedacht wurden, blieben bislang aus. Gewerkschaften und sozialdemokratische Parteien sind dafür zu schwach oder zu konsensuell mit den Unternehmen verbunden.

74


In Teilzeit arbeiten

Aber es hat einen großen Trick gegeben, um die Last der Berufsarbeit, dieser im marxistischen Verständnis entfremdeten Zwangstätigkeit der Menschen, zumindest für große Teile etwas erträglicher zu machen: Teilzeitarbeit. In den 1960er- und 1970er-Jahren und vorher gab es sie gar nicht. Es begann dann vorsichtig und interessanterweise sowohl gegen den Widerstand der Unternehmen, ihres Establishments einerseits und der Gewerkschaften und sozialdemokratischer Parteien andererseits. Es gab viele Gelegenheiten zu unseligen Allianzen und es wird sie wohl auch weiter geben. Progressiv ist die Wirtschaft dort, wo es ihr nützt, Migranten etwa sind willkommen, da sie helfen, die Löhne unten zu halten; die Gewerkschaften sind grundsätzlich konservativ gewesen und geblieben.

Bei den Arbeiterinnen sieht es heute so aus: In Österreich und Deutschland arbeiten mittlerweile knapp 50 Prozent der Frauen und 10 Prozent der Männer in Teilzeit.41 Die Bandbreite in Europa ist groß, in Tschechien sind es etwa 10 Prozent der Frauen und 2 Prozent der Männer, in der Schweiz 60 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer42 und in Holland sogar 75 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer. Gern genannte Gründe für Teilzeit sind kleine Kinder im Haushalt, insgesamt die Familie, Ausbildung oder Studium neben dem Beruf. »85 Prozent der

75


rund 2.000 befragten teilzeitbeschäftigten Frauen finden es (nach einer unveröffentlichten deutschen Studie) demnach >super<, in Teilzeit zu arbeiten.«45 Wobei 75 Prozent auf keinen Fall Vollzeit arbeiten wollen.

Die Bedürfnisse der Menschen sehen daher offensichtlich anders aus als Gewerkschaften und Sozialdemokraten uns weismachen wollen. Letztere argumentieren mit den geringeren Pensions- bzw. Rentenansprüchen dann im Alter und vor allem begäben sich teilzeitarbeitende Frauen damit vollständig in die Abhängigkeit von ihren vollzeitarbeitenden Männern.

Anpassung: zweiter Schritt

Erwerbsarbeit ist eine große Integrationsmaschine. Der Marsch durch die Institutionen ist zu einem guten Teil Anpassung, Akkul turation. Von Montag bis Freitag jeweils acht Stunden Anpassung an Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Kunden, Konsumenten. Selbst wenn man sich nicht mit den anderen identifizieren will, stets spielt bei einem Kontakt mit Kollegen »das Soziale« herein. Kleidung, Sprache, Interessen, Hobbies, Wertungen. Niemand kann sich dem entziehen, Gebote der Höflichkeit müssen beachtet werden, ein gewisses Interesse am Gegenüber wird ebenso erwartet, notfalls muss es geheuchelt werden. Über Monate hinweg ist das ein ganz großes Mahlwerk von Anpassung, dem man unbewusst, gewohnheitsmäßig und mitunter schmerzhaft bewusst ausgesetzt ist. Nur ganz selten versteht man sich als Agent, der seinen Arbeitsplatz infiltrieren und strategisch eigene Absichten umsetzen will-

76


Üblicherweise will man nämlich am Arbeitsplatz mit allen halbwegs gut auskommen, es geht ja um Geldverdienen und ebenso dann um die eigene Reputation. Also Konfliktvermeidung, also soziales Lernen, somit Anpassung. Nach einigen Monaten ist man meist halbwegs integriert. Da die anderen oft freundlich sind und man selbst sich einigermaßen einfügen, nicht störend wirken will. Tatsächlich sollte diese eigene Anpassungsleistung, die oft gar nicht rationalisiert wird, nicht unterschätzt werden: man passt sich der Gruppe an, diese nicht an einen.

Dissonanzvermeidung

Wie erwähnt, vieles läuft hier gar nicht auf der kognitiven Schiene. Aber die menschliche Psyche ist im Normalfall auf Dissonanzvermeidung angelegt. Da man kaum die Einstellungen und Verhaltensweisen der Gruppe, zu der man hinzugekommen ist, in seinem Sinn verändern kann, verändert man im Regelfall die eigenen Einstellungen und Verhaltensformen. Das ist der sozialpsychologische Kern aller Gruppenzugehörigkeit, es ist der Wesenskern ebenso von proletarischem Duckmäusertum und bürgerlichem Gehorsam in Feudalstaaten, von Faschismus und Stalinismus. Oder der politischen Unzufriedenheit in der Gegenwart, »das lass ich bleiben, da misch ich mich nicht ein!«, sagen dann gern Menschen, wenn sie mögliche Nachteile beargwöhnen oder befürchten.

Selbstverständlich ist diese Akkulturation, die schleichende Anpassung, nicht total. Sie lässt etwas, mitunter auch ein wenig ^ehr, an Widerspenstigkeit übrig, jedoch ist diese an die vorgegebnen Strukturen, Verhältnisse angenähert. Gefühlte Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz kann man besser beseitigen, wenn man sich

77


betriebsrätlich engagiert, das eröffnet einem für das persönliche Gemüt, für die eigene Identität neue Optionen. Man legitimiert damit sein Verhalten, kann die eigene Gewordenheit für die persönliche Identität zur Deckung bringen. Bringt sich also selbst »ins Reine«. Oder indem man Vorschläge zur Verbesserung des Betriebsklimas macht, Gedanken zur Geschlechtergerechtigkeit und Frauenförderung beisteuert oder Diversity-Management in der Einrichtung, in der man sein Geld verdient, andiskutiert. Natürlich zum Wohl, zur Effizienzsteigerung, oder zur Imageverbesserung dieser Einrichtung. Es geht ja um beides: Reputation dort, wo man Geld verdient, und Identität für sich selbst.

Positive außerberufliche Aktivitäten

Vor allem Naturschutz, nun Umweltschutz genannt, bietet sich als Thema und als Objekt fürs persönliche Engagement an. Naturschutz ist in der Gesellschaft eine seit langem (genauer: seit der Romantik) wertvolle Sache, obschon er früher gern als konservativ etikettierte Angelegenheit behandelt wurde. Übrigens: Vor der Romantik kämpften die Menschen gegen die Natur, versuchten sie zu domestizieren. Naturschutz ist im Gefälligkeitshorizont unserer Gesellschaften.

Die 68er-Jungen waren damals von der umgebenden Gesellschaft angefeindet worden, sie hatten es mit ihren Herkunftsfamilien schwer, sie taten sich nicht leicht mit dem Geldverdienen in einem als gegnerisch empfundenen System. Vielleicht ahnten sie sogar, dass sie dabei einem Anpassungsprozess unterworfen waren. Der Gesellschaft, der Konsumkultur und der kapitalistischen Industrie eines auszuwischen, blieb aber auf der persönlichen Agenda.

78


Naturschutz/Umweltschutz und Kapitalismus

Tatsächlich, die Idee von Naturschutz und der Rückkehr zu mehr Natürlichkeit, statt dem Leben in mittlerweile versmogten, verschmutzten, industriell zugerichteten großen Städten, beginnt Ende des 19. Jahrhunderts ein großes Thema zu werden. Eine kulturelle Reform anstelle des persönlich oft unverständlichen sozialistischen Revolutionsplans der Arbeiterklasse — die sogenannte »Reformbewegung« (gelegentlich »Lebensreform«) entstand. Das betraf Medizin, Ernährung (vegetarisch), Bekleidung, Wohnen, den Kleingarten, die Freizeitgestaltung, Skepsis gegenüber Genussmitteln, der Ehe, neue Sexualität, FKK (Freikörperkultur), neue (frühalternative) Kultur bis hin zu Literatur und Kunst, Philosophie, Religion und Esoterik, etwa als Anthroposophie des Rudolf Steiner, also letztlich eine Erneuerung des gesamten Lebensstils von Menschen.44

Ein markanter Vertreter dieser Zielsetzungen war Karl Wilhelm Diefenbach, Künstler, Reformer und Philosoph, der Ende des 19. Jahrhunderts in Wien bereits eine alternative Kommune gründete und Initiator der berühmten Schweizer Künstlerkolonie und Kooperative »Monte Veritä« war, die übrigens noch heute erhalten wird.40 Etwas nationalistisch fixiert war das alles und doch irgendwie kosmopolitisch orientiert, wie vieles zu jener Zeit, jedoch immer als Alternative zum Bestehenden.

Die Wandervogel-Bewegung war ein zeittypisches Kind dieser Reformidee. Ebenso waren es die konservativen, faschistischen und sozialdemokratischen, seltener kommunistischen

79


Vereinnahmungen solcher Trends. Die parteilichen Organisationen hatten allesamt eine ordentliche naturschützerische und lebens-reformerische Beimengung. Es gab und gibt diese Umwelt- und Naturschützer in vielen parteipolitischen Varianten übrigens bis heute. Gemeinsam ist ihnen, sie wollen sich allerdings mit ihrer Geschichte nur ungern auseinandersetzen; das ist jetzt überhaupt nicht gehässig oder sonst wie negativ gemeint, sondern versteht sich nur als simple Feststellung. Die Reformbewegung war nicht nur die Urform der heutigen Grünen, sie war ebenso ein wesentlicher Teil der faschistischen Bewegung.46

Die Leute aus den 68er-Jahren hatten also innerbetriebliche und außerbetriebliche Möglichkeiten, sich mit der Gesellschaft kritisch auseinanderzusetzen und sie zu Veränderungen zu motivieren. Eingeschränkt zwar, begrenzt, nicht mehr mit dem alten umfassenden Anspruch, aber in der Lebenspraxis doch halbwegs gut funktionierend. Umweltschutz, Ende des Waldsterbens, Gewässerreinhaltung, all das klappte, zwar langsam und gemächlich, aber dennoch gab es, das ist unbestritten, viele wesentliche Verbesserungen bei Umweltfragen. Man war also wirksam. Gab es ein spezielles Problem, ließen sich neue NGOs gründen, also Vereine, oft hanebüchene Varianten von Vereinen, aber damit konnte man beim Establishment (in den 1970er-Jahren hieß es dann nicht mehr so, auch die Aktivisten waren ziemlich anpassungsfähig) Eindruck machen. Bis heute übrigens, wenn man sich diese kleinen und großen Einsammelmaschinen öffentlicher Fördergelder einmal näher ansieht. Man kann bei ihnen mittun. sie im Handstreich übernehmen, oder eben neue gründen. Nahezu alles ist jetzt möglich.

  • 46   Wollgang Prabel: 1 )et Bausatz des 1 Villen Reiches. Amazon, Kindle Ausgabe 2019.

80


Das neue (alte) Aktionsfeld: das Kind soll es besser haben

In heterosexuellen Paarbeziehungen liegt der Kinderwunsch nahe oder ein Kind passiert einfach. Beim eigenen Kind tut sich für 68er-Alternative ein ganz neues Aktionsfeld auf. Motto ist: das Kind soll nun alles besser haben, als man es selbst hatte. Jetzt wurden, wir reden über die 1970er- und ig8oer-Jahre, die alten lücher aus alternativen Zeiten aus dem Schrank geholt und die knapp hundert Jahre alte Beformbewegung wurde, ohne das zu merken, neu belebt. Eine natürliche, jedenfalls eine bessere Ernährung für den Säugling, keine der von der Industrie angebotenen Wegwerfwindeln aus dem Supermarkt, sondern herkömmliche Mehrwegwindeln, naturnahe Bekleidung und nicht in den klassischen Farben (Buben blau, Mädchen rosa), ergonomisch richtige Trageformen des Säuglings (nämlich am Bauch), eine pädagogisch korrekte Betreuung des kleinen Lebewesens, homöopathische, naturnahe Behandlung, wenig impfen, möglichst wenig Chemie oder Technik und vieles andere mehr.

Mit dem Kind rückte das für ein Kind bessere Umfeld ins Zentrum des Interesses. An sich ein altes Programm. Das wollten schon die Bauern im Jahr 1525, als sie sich zu den Bauernaufständen zusammenrotteten und Krieg gegen die adeligen Ausbeuter führten. Einer der wesentlichen Gründe: sie wollten ihrem Erben eine halbwegs zureichende Lebensgrundlage hinterlassen können. Eltern wollten immer, wenn sie nicht zu versoffen, zu krank oder zu dumm waren, dass es ihren Kindern gut geht, sie es einmal leichter im Leben, eine materiell bessere Zukunft haben. Ab den 1950er- und 1960er-Jahren, als man begriff, dass sozialer Aufstieg Möglich ist, haben ungelernte Arbeiter darauf geachtet, dass ein Kind zumindest einen Lehrabschluss macht, Facharbeiter haben

81/82

nunmehr das dafür geeignetste Kind oder halt den Liebling der Eltern aufs Gymnasium geschickt und etliche konnten, das heißt: durften sogar ein Studium, das bislang ein Privileg, eine ökonomische Möglichkeit erst ab der Mittelschicht aufwärts war, absolvieren. Es schien, die goldenen Jahre begannen.

Kampfzone eigenes Kind

Alles, was mit ihrem Kind zu tun hatte, wurde für die 68er nun zur Kampfzone. Es ging und geht bis heute um wahrgenommene Gerechtigkeit, betuliche kindgerechte und autoritätsfreie Behandlung im Kindergarten. Dann in der Schule, um passende, jedenfalls zureichende Förderung und irgendwie Entfaltungsmöglichkeiten. Bürgerinitiativen wollten kindgerechte Spielplätze im Wohnviertel herstellen, kinderfreundliches Verhalten anderer Gäste und Passagiere wird in Restaurants und öffentlichen Ver kehrsmitteln immer wieder angemahnt. Man scheute natürlich vor der Belehrung von Kinderärzten ebenso wenig zurück wie bei Amtern und Behörden, wo das gesamte Umfeld gern als wenig kinderfreundlich eingestuft wurde. Öffentliche Einrichtungen und Infrastrukturen wurden schließlich kinder- und kinderwagengerecht umgestaltet; wehe, wenn die öffentliche Hand hier nicht spurt. Funktioniert hat das deswegen recht gut, da es allen einsichtig und gerechtfertigt schien - hey, die zahlen ja einmal unsere Renten und Pensionen.

Alles drehte sich um das Kind. Eltern nahmen infantile Sprech weisen auch im Kleinkind- und Schulkindalter an, Verwandte mussten bei Geschenken häufig Rücksprache mit den Eltern führen. Christkind und Osterhase wurden intensiv durchdiskutiert, ständig wollte man sich versichern, was man dem Kind, diesem armen Hascherl, zumuten dürfe oder von ihm fernhalten solle. Dass Kinder naturgegeben eine aggressive Hälfte haben, welche die Nachbarskatze gern quält oder ihre Eltern gern einmal umbringen möchte, fiel zuverlässig unter den Tisch.

Der Mythos, Kinder wären von Natur aus rein und gut, und das gelte es für ihr weiteres Leben sicherzustellen, stand in voller Blüte. Der »Kindbesitz« gab eine umfassende Verwaltungsermächtigung und Verbesserungslegitimation zum Wohl dieses Kindes. Das ist der Ursprung der sogenannten »Helikoptereltern«, die alles in der Umwelt für das Gedeihen ihres Gutes, ihres Kinds überwachen und kontrollieren wollen. Notfalls nötigt man Lehrer per Anwalt oder Gerichtsverfahren, oder - klassische Variante - man schmiert noble US-Universitäten mit Geld, damit das Kind dort unterkommt.

Mit einem Kind, das nach neuen, besseren, kinderfreundlichen Grundsätzen und Verständnissen aufwachsen sollte, war man jedenfalls auch als Alternativer voll in der Gesellschaft angekommen, und wurde von verunsicherten Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und Verwaltungsbeamten ernst genommen. Männer trugen jetzt ihr Kind im Bauchsack mit sich oder schoben den Kinderwagen und kamen sich dabei emanzipiert bis revolutionär vor. Die einstige breit angelegte Alternativkultur, die eine ganz andere Lebensweise wollte, konzentrierte sich von nun an aufs Kind. Das wurde dann mit der Explosion des Atomkraftwerkes Tschernobyl 1986 wiederum etwas anders. Das mitunter affige Etepetete rund ums Kind schlug um in ein allgemeines Bedrohungsgefühl. Nichts war mehr sicher.

82-83

#

 

www.detopia.de      ^^^^ 

Kollmann 2020