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E.   Kann der Wettlauf mit der Umweltkrise gewonnen werden?

I. Ist der Geist von Rio erloschen?

Ein Beitrag von Hubert Weinzierl, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)

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Im Sommer 1997, fünf Jahre nach dem Erdgipfel von Rio, richtete sich das Augenmerk derer, denen die Zukunftsfähigkeit der Menschen am Herzen liegt, auf die Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen in New York, wo Bilanz gezogen werden sollte über das, was von den Staaten zur nachhaltigen Nutzung des Planeten beschlossen worden war.

Der Geist von Rio schien in New York verweht. Die Bilanz ist ernüchternd, ja sogar erschütternd, wenn man die offiziell vorgetragenen Fakten betrachtet:

  • Die globale Klimaerwärmung ist nicht gestoppt. Im Gegenteil: Die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre hat den höchsten Wert seit 200 000 Jahren erreicht und nimmt weiter zu.

  • Rund 13 Millionen Hektar Waldfläche werden alljährlich vernichtet. Von den tropischen Wäldern wird, so der neueste Bericht der FAO, im Jahre 2010 nur noch ein Viertel der ursprünglichen Fläche vorhanden sein, wenn die derzeitige Zerstörungsorgie andauert.

  • Die Wüsten dehnen sich - durch Einwirkung des Menschen - jährlich um drei Prozent gleich sechs Millionen Hektar aus.

  • 21 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche gehen jährlich durch Bodendegradation verloren.

  • Von den 16 Hauptfischgebieten der Weltmeere sind neun in solchem Maße überfischt, daß eine weitere Nutzung unmöglich ist.

  • Alle 20 Minuten wird eine weitere Pflanzen- oder Tierart ausgerottet.

  • Die Verelendung der ärmsten Entwicklungsländer schreitet weiter voran. Während 25 Prozent der Erdbevölkerung drei Viertel der natürlichen Ressourcen verbrauchen, müssen drei Milliarden Menschen, also die Hälfte der Menschheit, mit weniger als zwei Dollar je Tag auskommen.

  • Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Dr. Hiroshi Nakajina, hat das Wiederaufflackern schwerer Infektionskrankheiten und die Ausbreitung von Epidemien auf Umweltzerstörungen zurück­geführt.

  • 20 Staaten leiden schon heute unter Trinkwasserknappheit; im Jahre 2020 werden es doppelt so viele sein. Für die Sicherung der Trinkwasserversorgung werden die Entwicklungsländer während der nächsten zehn Jahre nach Schätzung der Weltbank ungefähr 600 Milliarden Dollar aufwenden müssen!

Wie kann so etwas geschehen, so fragt man sich, wo doch kurz vor der Konferenz in New York auf dem G 8-Gipfel der mächtigsten Industriestaaten in Denver dieser Beschluß gefallen war:

„Wir sind entschlossen, uns mit den ökologischen Herausforderungen, auch in Verantwortung für künftige Generationen, auseinanderzusetzen und das Bewußtsein der Öffentlichkeit, insbesondere unserer jungen Menschen, dafür zu schärfen, wie wichtig es ist, die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung zu fördern. Wir fordern die Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen nachdrücklich auf, die Verpflichtung von Rio zu bekräftigen und ihnen eine neue Dynamik zu verleihen, Bilanz der Umsetzung seit Rio zu ziehen und vor allem eine zu bewältigende Liste von Prioritäten aufzustellen, die bei der künftigen Arbeit im Bereich nachhaltiger Entwicklung anzugehen sind."

Den Grund für dieses Mißverhältnis zwischen Worten und Taten haben die Entwicklungsländer aufgezeigt:

Die Entwicklungsländer - die G77 und China -, deren Sprecher zur Zeit Tansania ist, erklärten mit allem Nachdruck, die Industriestaaten bzw. die entwickelten Länder hätten ihre Zusage von Rio, 0,7 Prozent ihres Brutto­sozial­produktes für Entwicklungshilfe bereitzustellen, bei weitem nicht erfüllt. Im Gegenteil, der BSP-Anteil sei nun auf 0,32 Prozent gesunken. Angesichts dieser Tatsache seien sie nicht in der Lage und zum Teil wohl auch nicht willens, wirksame Maßnahmen nach den Ziel vorgaben der Agenda 21 durchzuführen. Dazu komme das Überschuldungsproblem. So - ein Beispiel - erklärte der zuständige Minister von Pakistan, sein Land müsse im laufenden Haushaltsjahr die Hälfte seiner Einnahmen für den Schuldendienst aufwenden. Schließlich rügten viele Entwicklungsländer auch die Regelungen des neuen Welthandelsabkommens, die ihnen den Absatz der eigenen Produkte und Rohstoffe auf dem Weltmarkt erschweren würden.

Übrigens haben sich die USA wieder - wie schon in Rio - als mächtige Verhinderer wirkungsvoller Beschlüsse zur Überwindung der globalen Umweltkrise bewiesen. Obgleich die USA nur vier Prozent der Erdbevölkerung beherbergen, verursachen sie 20 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen. Präsident Clinton hat zwar in seiner Rede vor der Vollver-


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sammlung eine Reihe von Maßnahmen zur Verminderung dieser gewaltigen Emissionen angekündigt, es aber peinlichst vermieden, irgendwelche Reduktionsziele und -daten zu nennen. Im Schlußdokument wurde nun die Lösung auf die dritte Vertragsstaatenkonferenz für die Klimarahmenkonvention (die im Dezember 1997 in Kyoto, Japan, stattfand) verschoben: „Alle stimmen darin überein, daß es lebenswichtig ist, dort ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen."

Der Schutz der Wälder ist auf eine Arbeitsgruppe bis 1999 verschoben worden. Es gelang nicht, ein Protokoll zur Biodiversitäts-Konvention zu beschließen, mit einem Netzwerk der allerwichtigsten Schutzgebiete. Es kam nicht einmal eine politische Schlußerklärung dieser Weltkonferenz zustande.

Fürwahr ein mageres Ergebnis; aber das Warten auf 2002, bis zum nächsten Bilanzgipfel bringt uns nicht weiter. Allzu gewaltig sind die Herausforderungen der Klima- und Energiesituation, des Bruchs der Arten-Netzwerke, der Land- und Forstwirtschaft und des Wasserhaushalts für die Überlebensfragen der Menschheit, so daß zur Jahrtausendwende die Fragen nach der Zukunftsfähigkeit, der Nachhaltigkeit, der neuen Wohlstandsmodelle, des Lebensstils und eine Wertediskussion nicht mehr aus der Tagespolitik verdrängt werden können. Denn gnadenlos werden uns die Naturgesetze einholen nach dem Motto: Die Natur kennt keine Probleme, sondern nur Lösungen.

Ich gehöre zu denjenigen, die den Erdgipfel von Rio trotzdem für einen Erfolg halten. Wenn ich mich als Zeitzeuge von 1972 an die erste UN-Umweltkonferenz in Stockholm erinnere, so ist diese überwiegend unbeachtet geblieben, während die Rio-Konferenz - zumindest in der weltweiten Diagnose - einen Durchbruch erzielt hat.

Diese hoffnungsvollen Feststellungen treffe ich selbstverständlich in dem Bewußtsein, daß sich die Lage der Umwelt und der sozialen Situation trotz vieler Aktivitäten seit Rio verschlechtert hat, wie oben dargestellt wurde.

Hinzu kommt eine Verschärfung des Nord/Südgefälles und die Forderung der Entwicklungsländer, immer noch zunächst Wirtschaftswachstum zu betreiben, um danach erst - so wie in den Industrieländern - auf das Nachhaltigkeitsdenken überzuwechseln - ein verständlicher, aber für die Belastbarkeit der Erde verheerender Ablauf!

Dennoch - spätestens seit Rio weiß doch jeder Mensch auf dieser Erde, wie es um die Zukunft des Planeten bestellt ist. Und es kann keiner mehr sagen, er hätte über die Lage der Umwelt nicht Bescheid gewußt. Und die Tatsache, daß sie heute draußen in den Dörfern, Städten und Landkreisen über die Agenda 21 reden können, ist doch schon ein Fortschritt, wenn man an die sonst übliche jahrzehntelange Keimruhe politischer Ideen denkt.


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Es war die leider einmalige Chance, welche die deutsche Umweltpolitik in der Aufbruchstimmung nach Rio verpaßt hat: Damals hätte man diesen Politikbereich auf nationaler Ebene hoffähig machen und den Eingriffs-Ressorts als ebenbürtigen Politikbereich gegenüberstellen können.

Es reicht eben nicht, wenn der Bundeskanzler bei jeder Gelegenheit erklärt, daß "die Bewahrung der Schöpfung Leitlinie seiner Politik sei" und gleichzeitig den Leuten Wachstum vorgaukelt, anstatt ehrlich zu sagen was wächst: Nämlich die Unternehmensgewinne und die Arbeitslosigkeit und die Naturzerstörung.

Wäre da nicht besser etwas mehr Ehrlichkeit angesagt, die da lautet: Ja, wir haben über unsere Verhältnisse gelebt, jetzt müssen wir gemeinsam nach einem neuen Wohlstandsmodell suchen. Die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes wären zu einem solchen Weg bereit.

Die Zeit nach New York ist die Stunde der Wahrheit für die Bundesrepublik Deutschland und den deutschen Bundeskanzler, der nicht nachläßt, immer noch das Reduktionsziel von schädlichen Klimagasen um 25% bis zum Jahr 2005 zu proklamieren. Dabei wissen alle, daß er dieses Ziel genausowenig wie die Halbierung der Arbeitslosenzahlen einhalten kann, wenn nicht dringend fundamentale Änderungen in der Energie-, Steuer- und Verkehrspolitik erfolgen. Und die in Rio zugesagte Anhebung unserer Ausgaben für die Entwicklungsländer auf 0,7 % des Bruttosozialprodukts ist mittlerweile auf jämmerliche 0,28 % abgesunken - kein Ruhmesblatt also für die Bundesrepublik Deutschland.

Diese beiden Beispiele zeigen, daß sich die Bundesrepublik Deutschland zwar in die Rolle eines Musterschülers kleidet, mittlerweile jedoch im internationalen Vergleich auf Mittelmaß abgesunken ist.

Die Bundesregierung hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht und geht in der Klimapolitik total kontraproduktive Wege, wofür die Energie- und Steu-erpolitk herausragende Beispiele sind.

Es gehört daher zu den Schwerpunkten der Umweltpolitik, die ökologische Steuerreform konsensfähig zu machen und gleichzeitig eine Novelle zum Energiewirtschaftsgesetz zu verhindern, welche der Energieverschwendung einen neuen Impuls gibt, die Monopolstellungen fördert und regenerative Energien verhindert. Glücklicherweise stößt dieser unselige Rexrodt-Entwurf, der jeglicher Klimapolitik zuwiderläuft, auf immer mehr Ablehnung, so daß wir Hoffnung schöpfen, einige Korrekturen unterzubringen. Viele Gemeinden und Städte haben wir hier als Bündnispartner.

Leider ist die unselige Atomrechtsnovelle, die von Atomlobby und Atomfans wie Merkel, Stoiber und Schröder vorangebracht wurde, ein weiterer Meilenstein zur Verhinderung regenerativer Energien und zur Aufrechterhaltung der ungelösten Entsorgungsfragen.


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Es wird allerdings die Hardliner der Atomkraftnutzung wenig erfreuen, was das Umweltbundesamt in Berlin dazu in seinem jüngsten Bericht <Nachhaltiges Deutschland> schreibt:

In der Diskussion um den „richtigen" Weg zur Erreichung des CO2-Reduktionsziels wird häufig die Rolle der Kernenergie als „CO2-freiem Energiesystem" betont und die Kernenergie teilweise für unverzichtbar gehalten. Es ist jedoch festzustellen, daß auch die Kernenergienutzung nicht den Handlungsmaximen einer nachhaltigen Entwicklung entspricht:

  • Uran ist ein endlicher geologischer Energieträger, der grundsätzlich nicht regenerationsfähig ist. Seine Reichweite wird zwar durch den Einsatz von Plutonium-Uran-Mischoxid-Brennelementen (MOX) und in noch viel stärkerem Maße durch die Brütertechnologie verlängert, bei Fortführung des heutigen Energieverbrauchswachstums ist sie jedoch selbst dann auf wenige hundert Jahre beschränkt.

  • Auf allen Stufen des kerntechnischen Brennstoffkreislaufs werden radioaktive Stoffe emittiert, die lange Zeit in der Umwelt verbleiben.

  • Vor allem von einem Unfall mit Kernschmelze würden erhebliche Gefahren und Risiken für die menschliche Gesundheit ausgehen.

  • Für die Endlagerung radioaktiver Abfälle muß ein Zeithorizont von mehr als 10.000 Jahren in Betracht gezogen werden.

Zur Erreichung des Klimaschutzziels ist die Kernenergie auf Dauer nicht notwendig. Ein Ausbau der Kernenergie (und dies trifft auch für große Kohlekraftwerke zu) dürfte hingegen gerade die angebotsorientierten Strukturen unserer Energiewirtschaft stabilisieren, die ein Haupthemmnis für die zur Erreichung des Klimaschutzziels unabdingbare Effizienzverbesserung darstellen.

Wer wie diese Bundesregierung seine Politik überwiegend auf wachsweiche Selbstverpflichtung der Industrie baut, muß in der Umweltpolitik scheitern. Und wer nach wie vor das Bruttosozialprodukt und nicht eine umweltökonomische Gesamtbetrachtung als Maß aller Dinge setzt, der wird in der Umweltpolitik ebenso scheitern, wie jene, die nicht bereit sind, endlich die Wohlstands- und Arbeitsplatzfrage von steigendem Energie- und Landverbrauch zu entkoppeln.

Wir haben daher die Bundesregierung und das Parlament aufgefordert, dem Beispiel anderer Staaten zu folgen und endlich einen Nationalen Umweltplan vorzulegen, in dem demokratisch abgestimmte verbindliche Umweltziele festgelegt sind und ein Zeitplan für deren Verwirklichung beschlossen wird, damit sich die Gesellschaft und die Wirtschaft darauf einstellen können.


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Die Erarbeitung Nationaler Umweltpläne ist im übrigen bereits als verbindlicher Auftrag in dem Papier der UN-Sondergeneralversammlung von New York enthalten.

Nationale Umweltpläne machen die Umweltpolitik für Investoren langfristig kalkulierbar. Sie erwiesen sich auch als wichtiges Vehikel einer Basiserweiterung und „Vergesellschaftung" von Umweltpolitik über den Staat hinaus. Die Perspektive moderner Umweltpolitik liegt darin begründet, ökologische Probleme in Verbindung mit anderen Problemen zu lösen. Umweltschutz ist eine ressortübergreifende Aufgabe. Umweltschutz heute umfaßt Aspekte der Wirtschafts- und Finanzpolitik, der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, der Forschungs- sowie der Bildungspolitik.

Eine auf Nachhaltigkeit angelegte Nationale Umweltplanung ist kein beiläufiger Routineakt der Umweltverwaltung, kombiniert mit unverbindlichen Gesprächsrunden. Sie muß als strategische Anstrengung zur Überwindung bisher ungelöster ökologischer Langzeitprobleme begriffen werden.

Im übrigen darf die Politik den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes in Umwelt- und Zukunftsfragen mehr zumuten als sie sich zutraut. Die Gesellschaft ist bereit, über ein anderes Wohlstandsmodell und über einen zukunftsfähigen Lebensstil nachzudenken.

Die vielen Veranstaltungen zum Thema „Zukunftsfähiges Deutschland" oder „Zukunftsfähiges Bayern", die im abgelaufenen Jahr durchgeführt wurden, haben diese Bereitschaft überdeutlich gezeigt, und die Tatsache, daß landauf, landab die Aktivitäten zur Verwirklichung der Agenda 21 voll im Gange sind, beweisen doch, daß wir uns in einer Umbruchphase bewegen. Dies macht Hoffnung.

Vor diesem Hintergrund haben die deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen den Verantwortlichen ein Programm aufgestellt mit den folgenden vorrangigen Forderungen:

  • • DieAgenda21 muß Querschnittsaufgabe der Politik werden, um ein Umsteuern hin zur Nachhaltigkeit zu ermöglichen.

  • • Es müssen kurzfristig die Weichen für einen erfolgreichen Abschluß der 3. Vertragsstaatenkonferenz der Klimakonvention in Kyoto gestellt werden. Wir fordern die Bundesregierung auf, ihr eigenes C02-Reduktions-ziel von 25% bis 2005 (gemessen am Basisjahr 1990) durch eine grundlegende Wende in der Verkehrs- und Energiepolitik fristgerecht umzusetzen, vor allem durch die Förderung öffentlicher Verkehrssysteme und erneuerbarer Energien. Die EU sollte umgehend eine Primärenergiesteuer auf alle nicht-regenerativen Energieträger, die sich am Energiegehalt und der C02-Emission orientiert, auch unabhängig von anderen Industriestaaten einführen.


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  • • Die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit müssen wieder erhöht und die Bekundungen, die Entwicklungshilfe auf 0,7 % des BSP zu erhöhen, endlich umgesetzt werden.

  • • Nachhaltige Entwicklung soll im Welthandelsrecht durch eine Integrati-ons- und Vorrangklausel in der Welthandelsorganisation (WTO) verankert werden. Multilaterale Umweltabkommen müssen grundsätzlich Vorrang vor Handelsrecht genießen. Das Welthandelsabkommen muß dahingehend reformiert werden, daß umweltpolitische Vorreiter keine Wettbewerbsnachteile erleiden.

  • • Die Bundesregierung soll die nationale Strategie, die Leitbilder für den Schutz und die Nutzung biologischer Vielfalt formulieren soll, endlich verabschieden und damit die Umsetzungsdefizite der Konvention angehen. Im Konflikt mit einflußreichen Nutzungsinteressen wie der Intensivlandwirtschaft muß dem Schutz biologischer Vielfalt mehr Gewicht gegeben werden, was die Streichung der „Landwirtschaftsklausel" in einer Neufassung des Bundesnaturschutzgesetzes und ein wirksames Bodenschutzgesetz erfordert.

  • • Die Mitwirkungs- und Informationsrechte von nichtstaatlichen Organisationen müssen ausgebaut werden. Gerade die Bundesrepublik Deutschland hat hierbei großen Nachholbedarf. Es liegt im Sinne des demokratischen Verständnisses, daß endlich die Berührungsängste zwischen dem Staat und seinen um die Zukunft ihres Lebensortes besorgten Bürgerinnen und Bürgern abgebaut werden.

Manche meinen, der Zeitgeist sei dem Naturschutzgedanken entgegengerichtet. Dem möchte ich widersprechen, denn ich registriere gerade in diesen Tagen der Verunsicherung viel Nachdenklichkeit in der Gesellschaft und stellenweise durchaus auch Bereitschaft zu einem ökologischen Aufbruch, worin ich eine große Chance für die Durchsetzung der Modelle von der Nachhaltigkeit und zukunftsfähigen Kreislaufwirtschaften sehe.

4,5 Millionen Arbeitslose, Steuerreform, Rentendebatte und Gesundheitsreform haben nur scheinbar die ökologischen Probleme verdrängt, denn mittlerweile hat sich herumgesprochen, wie sehr soziale Fragen und ökologische Probleme miteinander verknüpft sind und daß die Standortfrage eben nicht allein auf die Wirtschaft beschränkt bleiben kann. Neben einem Industriestandort muß unser Land eben auch noch die funktionsfähige Basis für alles Lebendige bleiben.

Es ist doch offensichtlich, daß durch die derzeitige Art unserer Wirtschaftspolitik und durch die bequeme Globalisierungs-Ausrede massenhaft Arbeitsplätze wegrationalisiert und riesige Gewinne auf dem Rücken von Menschen und von Natur gemacht werden.


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In einer Zeit, in der etwa 400 Milliardäre soviel besitzen wie drei Milliarden Menschen - das ist die Hälfte der Erdbevölkerung - und in der etwa 150 Großbanken und Kapitalgesellschaften die Politik bestimmen, ist auch die Demokratie gefährdet und die Wiedereinsetzung der Politik überfällig.

Es darf doch nicht soweit kommen, daß wir sehenden Auges in die längst aufgestellte Globalisierungsfalle rennen, von der uns coole und zynische Ökonomisten sagen, daß sie zu einer „80 : 20 Gesellschaft" führen wird: Nämlich zu achtzig Prozent Überflüssiger und zu zwanzig Prozent Reichen.

Die Zukunft der Arbeit hängt also eng mit der ökologischen Situation auf der Erde zusammen. Deshalb wird die Frage nach der „Zukunft der Arbeit" künftig auch ein herausragendes Thema für die Umweltpolitik sein. Wir werden uns mit dem Spannungsfeld der globalen Verfügbarkeit von Gütern und Dienstleistungen auf der einen Seite und mit der dezentralen, regionalen, sowie energie- und umweltfreundlicheren Wertschöpfungskette auf der anderen Seite auseinandersetzen müssen.

Die erwähnte 80 : 20 -Relation korreliert aber auch noch geradezu gespenstisch mit einer anderen: Daß 20 % der Menschheit noch immer 80 % der Ressourcen verprassen und die Schere zwischen dem Norden und dem Süden immer weiter auseinanderklafft.

Solange dieser Konflikt nicht ausgetragen ist, wird es keinen Frieden geben unter den Menschen und zwischen den Menschen und der Schöpfung.

Dies darf eben nicht dem Spiel der freien Kräfte oder gar dem Wirtschafts-Darwinismus überlassen bleiben. Hier ist das Gewissen der Menschheit gefordert!

Wer heute unter dem Vörwand der Deregulierung den Abbau von Umweltstandards fordert, der muß wissen, daß nachhaltiges Wirtschaften ohne die Basis der Naturkreisläufe im Boden, im Wasser, in der Luft und in den Ökosystemen der Landschaft nicht möglich ist. Und wer von uns in dieser Situation „Ökorealismus" und Kompromisse fordert, sei an die Binsenweisheit erinnert, daß Naturgesetze nicht kompromißfähig sind und uns gnadenlos einholen, wenn wir sie nicht beachten.

Im übrigen ist nicht ein einziger Fall bekannt geworden, in dem ein Unternehmen den Wirtschaftsstandort Deutschland wegen zu hoher Umweltstandards verlassen hätte.

Die Maxime für eine zukünftige Nationalökonomie sollte sich daher an dem Satz orientieren, der uns vom Erdgipfel von Rio mit auf den Weg gegeben wurde: „Zukünftige Wirtschaft muß die Bedürfnisse der Gegenwart decken, ohne künftigen Generationen die Grundlage für deren Bedürfnisbefriedigung zu nehmen."


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Gute Programme und Untersuchungen gibt es ja weiß Gott in Hülle und Fülle. Es geht bekanntlich nicht um die notwendigen Erkenntnisse, sondern um die Einsicht, die uns den weiten Weg vom Kopf bis zur Hand überwinden läßt.

Ähnlich wie in der Misereor/BUND Studie über ein „Zukunftsfähiges Deutschland" hat sich auch das Berliner Umweltbundesamt mit einer Zukunftsstudie „Nachhaltiges Deutschland" an die Öffentlichkeit gewandt und der Umweltbewegung damit eine weitere wertvolle Handreichung für künftige Energienutzung, Mobilität, Nahrung und Kleidung gegeben. Wörtlich heißt es in der regierungsamtlichen Studie:

Eine nachhaltige Entwicklung ist in Deutschland nur möglich, wenn die technische Effizienz verbessert wird und sich gleichzeitig das Konsumverhalten sowie die rechtlichen und wirtschaftlichen Strukturen verändern. Technischer Fortschritt und ressourcensparendere Produkte sowie Herstellungsprozesse reichen alleine nicht aus, um das auf der UN-Konferenz in Rio 1992 vereinbarte Ziel einer dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung zu verwirklichen. Vielmehr müssen darüber hinaus zur Förderung eines Struktur- und Bewußtseinswandels ordnungsrechtliche, marktwirtschaftliche und bewußtseinsbildende Instrumente gleichermaßen eingesetzt werden. Das Umwelt- und Planungsrecht müssen harmonisiert und fortentwik-kelt, eine ökologische Finanzreform eingeleitet, Umweltabgaben verstärkt eingesetzt, Subventionen unter Umweltschutzgesichtspunkten geprüft und die Umweltpädagogik weiterentwickelt werden. Deutschland sollte aufgrund seiner wirtschaftlichen und politischen Bedeutung eine führende Funktion für die nachhaltige Entwicklung übernehmen.

Nicht zuletzt gibt die Umweltminister-Konferenz in der sogenannten Jenaer Erklärung (1997) Schützenhilfe:

Die Umweltministerkonferenz weist darauf hin, daß die Umweltprobleme in der Zeit der Jahrtausendwende in hohem Maße globaler Natur sein werden. Sie begrüßt die zunehmende Bereitschaft zu einer weltweiten Partnerschaft zur Lösung dieser internationalen Problemstellungen. Sie verweist dabei auf die Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen vom Juni 1992 in Rio de Janeiro, die als Leitbild die nachhaltige Entwicklung vorgegeben hat, das heißt die Verknüpfung der wirtschaftlichen Entwicklung und der sozialen Wohlfahrt mit dem dauerhaften Schutz der Lebensgrundlagen. Dabei trifft die Industriestaaten wegen ihrer überproportionalen Anteile an den globalen Umweltbelastungen besondere Verantwortung.

Die Umweltministerinnen und -minister sowie -Senatorinnen und -Senatoren der Länder bitten den Bund, ein Konzept zu entwickeln, das sowohl


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eine Konkretisierung der weltweiten Aussagen der Agenda 21 und der europaweiten Aussagen des 5. Umweltaktionsprogramms der EU für Deutschland darstellt als auch eine Grundlage für landes weite und kommunale Agenden oder ähnliche Ausarbeitungen bildet. Dabei bleiben die eigenverantwortlichen Adressaten der Agenden 21 unmittelbar aufgerufen, Beiträge zu deren Umsetzung zu leisten.

Die Umweltministerkonferenz sieht in der Europäischen Union einen wichtigen Partner in der internationalen Umweltzusammenarbeit. Die Europäische Union muß unter Beachtung des Subsidiaritätsprinzips weiterhin ein Motor für die Harmonisierung der Umweltanforderungen in Europa mit dem Ziel eines hohen Schutzniveaus bleiben. Hierzu ist auch eine stärkere Integration des Umweltschutzes in alle anderen gemeinschaftlichen Politikbereiche unbedingt erforderlich.

Nachdem wir aber unseren überzogenen Lebensstil sehr gerne auch noch dem Rest der Welt als Exportartikel andienen, läßt sich unschwer errechnen, daß der Globus dies nicht aushält.

Um den Übergang zu einem nachhaltigen Wirtschaften zu erreichen, sollten wir uns also mit einem neuen Wohlstandsmodell befassen, das zu der Erkenntnis kommt, daß Reduktionsziele nichts mit Askese oder Verzicht zu tun haben, sondern daß gut leben gescheiter und zukunftsfähiger ist als viel haben.

Bundespräsident Roman Herzog hat dies so formuliert:

„Umweltgerechtes Verhalten muß im öffentlichen Bewußtsein positiv besetzt sein. Es muß Ansehen und Prestige schaffen. Es muß von den Meinungsführern in Politik, Wirtschaft und Kultur glaubwürdig vorgeführt werden. Alles in allem, die Bürger müssen sehen können: Bei der Nachhaltigkeit geht es nicht um einseitigen Verzicht bei mir selbst, sondern um Gewinn, Vorteil und Lebensqualität für alle, vor allem für unsere Kinder und Enkel."

In diesen Tagen jährt sich zum 25. Mal die Vorlage des Berichts von den „Grenzen des Wachstums" durch den Club von Rom und des „Ökologischen Manifests" durch die Gruppe Ökologie.

25 Jahre danach dürfen wir es wiederum als einen Erfolg werten, daß diese Erkenntnisse mittlerweile zum Bewußtseinsstand der Menschheit zählen und daß die damaligen Forderungen in den aktuellen Konzepten zum „Zukunftsfähigen Deutschland", aber auch in vielen Partei- und Regierungsprogrammen wiederkehren.

Ein Beweis wiederum, daß wir eben für unsere Arbeit den ganz langen Atem brauchen. Das Problem dabei ist, daß wir uns in einem immer dramatischer werdenden Wettlauf mit der Zeit befinden. Kuriosestes Beispiel für


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eine unerträgliche Verzögerungstaktik ist die Feststellung im Bericht der Bundesregierung vom 3. Juni 1997: „Es ist positiv zu bewerten, daß die Verkehrspolitik bei der Sitzung der Kommission für nachhaltige Entwicklung im Jahre 2001 auf der Tagesordnung steht".

Vor diesem Hintergrund würde ich heute die oft gestellte Frage „Hat die Menschheit eine Zukunft?" anders beantworten als vor 25 Jahren.

Damals habe ich manchmal versucht, den ökologischen Beweis zu führen, daß diese Art eben nicht zu retten sei, was aber dem wunderbaren Prinzip des Lebens keinen Abbruch täte.

Heute sehe ich das anders.

Als Angehöriger dieser bedrohten Art möchte ich natürlich, daß wir nicht so schnell aussterben und dabei stelle ich fest, daß die ökologischen Bilanzen zwar immer noch negativ sind, daß aber eine Nachdenklichkeit, eine Verunsicherung, ein Umbruch und eine Denkwende im Gange ist.

Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, daß diese Erde ein gemeinsames Lebewesen ist, in das wir ebenso verwoben sind wie unsere Mitgeschöpfe und daß deshalb jede und jeder, die an dieser Vielfalt teilnehmen, auf eigene kleine Weise auch zum Heilungsprozeß beitragen können. Aber es wird für uns alle auch die größte Anstrengung, den weiten Weg vom Kopf zur Hand endlich zu meistern. Viel leichter ist eine Art auszurotten als eine liebgewordene, aber falsche Gewohnheit!

Aber die vernetzte Kraft und der Überlebenswille können evolutionäre Sprünge vollführen.

Ich bin überzeugt, daß die Menschheit noch in der Gnade zur Umkehr steht, wenn sie sich auf einige Grundsätze verständigt:

  • Industrieländer wie die Bundesrepublik Deutschland ihrer globalen Verantwortung gerecht werden und Reduktionsziele einleiten.

  • Wenn die übrige Welt den Begriff Nachhaltigkeit nicht mit Wachstum verwechselt und alle Fehler der Industrienationen nachmacht.

  • Wenn die demographische Entwicklung der Menschheit stabilisiert wird.

  • Wenn der Zeitfaktor neu bewertet wird (die derzeitigen Zeitabläufe sind nicht evolutionär, sondern ähneln eher Katastrophen).

  • Und wenn uns ein spiritueller Aufbruch gelingt, der die noch immer vorhandenen, aber zumeist verschütteten Naturbezüge als Chance und Vision für das kommende Jahrhundert begreift.

Wahltermine sollten der Enkelverantwortung nachgestellt werden und die „Bewahrung der Schöpfung" darf nicht Kanzler-Lyrik bleiben. Vielmehr sollte eine Umweltethik zum festen Bestandteil zukunftsfähigen Handelns werden. Dann hätte dieser „zähe Planet" auch mit der Art Mensch eine Zukunft.
Das bedeutet, eine längst überfällige Wertediskussion einzuleiten.
Überlassen wir also die Fortentwicklung des Zeitgeistes nicht den ewig Gestrigen, sondern formulieren wir mit unseren Modellen und mit unseren Visionen, was im nächsten Jahrhundert modern ist!

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