D. Möglichkeiten und Probleme der Verwirklichung einer Überlebensgesellschaft
I. Einsicht, Vernunft und Widerstände (193)
II. Die Verinnerlichung von Werten und Verhaltensweisen 206
III. Normen und Sanktionen 208
IV. Auf vielen Wegen zum Ziel 210
V. Schlußbemerkungen 214
I.
Einsicht, Vernunft und Widerstände193-214
Im Hinblick auf die hochentwickelte Rationalität des Menschen kann angenommen werden, daß umfangreiche und fortwährende Aufklärung über Umwelt- und Gesundheitsgefahren sowie über Umweltschutzmöglichkeiten Bewußtseinswandel, Umwertungen und Verhaltensänderungen hervorrufen, die dann gleichsam automatisch die Herausbildung einer Überlebensgesellschaft bedingen. Dieses Lösungsmodell fasziniert vor allem Liberale, die der Vernunft des Menschen und seiner Fähigkeit zur Verantwortung große Einfluß- und Gestaltungskraft beimessen.
Erfahrungsgemäß ist nun aber der Mensch - von individuellen Unterschieden ganz abgesehen - keineswegs ein Wesen, daß sich in seinem Verhalten nur von Vernunft, Einsicht und Verantwortung leiten läßt. Hinzu kommt der ernüchternd wirkende Fragenkomplex: Inwieweit beinhaltet die jeweilige Rationalität eine gründlich durchdachte, vernünftig aufgebaute Rangordnung der Werte und Handlungsziele? Auf welchen Bezugsrahmen sind die Rationalität und Verantwortung ausgerichtet? Dieser kann sich von der individuell-egoistischen Nutzenmaximierung über viele Zwischenstufen hinweg bis zu einer altruistisch-kosmopolitischen, stark zukunftsbezo-genen Gemeinwohlorientierung erstrecken. Aufgrund der vorangegangenen Sozialisation in einer je bestimmten soziokulturellen Umwelt ist der innere Bezugsrahmen für Rationalität und Verantwortung, aber auch für Motivationen und Verhaltensweisen so tiefgreifend und stark in der Persönlichkeitsstruktur des Individuums verankert, daß eine Veränderung nur schwer erreichbar ist.
Um nicht der gefährlichen Illusion zu verfallen, die Herausbildung einer Überlebensgesellschaft ließe sich allein schon durch Appelle an Vernunft, Einsicht und Verantwortung ermöglichen, müssen hinsichtlich der Wirklichkeit von vornherein zahlreiche Barrieren angemessen berücksichtigt werden:
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1. Der Mensch hat einen Hang zur Habitualisierung, zur Herausbildung von Gewohnheiten. Diese sind schon deshalb stabil, weil sie den Menschen entlasten: je mehr er sich gewohnheitsmäßig verhalten kann, um so weniger muß er Sucharbeit anstellen, probieren und Entscheidungen treffen. In der Verschwendungsgesellschaft haben sich - unter dem verstärkenden Einfluß der Werbung - Gewohnheiten herauskristallisiert, die sich in starkem Maße umweltschädigend auswirken. Auf dem Wege zur Überlebensgesellschaft bilden solche Gewohnheiten besonders große Widerstände gegenüber notwendigen Verhaltensänderungen.
2. Ein gewaltiges Hindernis für vernunftgeleitete Verhaltensänderungen ist der menschlich-allzumenschliche Hang zur Bequemlichkeit. In der Verschwendungsgesellschaft hat sich eine Lebensweise durchgesetzt und verfestigt, die diesem Hang sehr entgegenkommt. Werbung und Absatzbemühungen für Produkte, die der Bequemlichkeit dienen, sind deshalb - gerade im Rahmen der Verschwendungsgesellschaft - besonders erfolgreich. Die Durchsetzung von umweltgerechten Verhaltensweisen stößt somit auf um so größeren Widerstand, je mehr sie mit Unbequemlichkeiten, mit Verzichten hinsichtlich gewohnter Bequemlichkeit verbunden sind.
3. Die Wahrnehmung des Menschen ist vor allem auf schnelle Vorgänge ausgerichtet. Dementsprechend werden relativ langsam ablaufende, schleichende Prozesse kaum oder überhaupt nicht wahrgenommen. Da Umweltschädigungen und -Zerstörungen eher langsam ablaufen, werden sie nicht ihrer Brisanz und Gefährlichkeit entsprechend registriert. Erschwerend kommt noch hinzu, daß sich Umweltschädigungen oft erst im Verborgenen vollziehen und nur mit technischen Hilfsmitteln feststellbar sind. Technisch ermittelte Daten wirken aber im allgemeinen auf Menschen bei weitem nicht so eindrucksvoll und überzeugend wie direkt wahrgenommene Umweltgefahren und -katastrophen.
4. Die Menschen sind es nicht gewöhnt, in großen vernetzten Zusammenhängen zu denken. Sie sind in ihrem Wahrnehmen, Denken und Handeln vor allem auf ihre nächste, leicht überschaubare alltägliche Umwelt ausgerichtet. Sie leben weitgehend zurückgezogen in ihrem jeweiligen Berufs- und Privatbereich. Dieser bildet gleichsam einen Schutzschild gegenüber der umfassenderen Welt, die sich infolge der Wissensexplosion und Informationsflut immer mehr mit einer überwältigenden Komplexität darstellt. Der Rückzug in den Nahbereich begünstigt die Unterschätzung der Komplexität der umfassenden Gesellschaft, Lebenswelt, Natur, Umwelt. Dementsprechend werden auch die Auswirkungen des eigenen Verhaltens auf die weitere Umwelt vernachlässigt oder sogar ignoriert. Die Erde wird mit ihrer Atmosphäre so riesig groß eingeschätzt, daß sie beliebig belastbar erscheint. So übersteigt das tatsächliche Ausmaß der globalen Umweltbedrohung noch immer in starkem Maße das Vorstellungsvermögen der Menschen: zu Lasten einer ökologisch notwendigen Verhaltensänderung.
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5. Eine große Barriere bildet die weitgehende Einengung der Verhaltensmöglichkeiten durch eingeschliffene Lebensweisen und Verhaltensmuster, die den überkommenen Auffassungen, Werten und Traditionen der eigenen Kultur entspringen und als „selbstverständlich" oder gar als „natürlich" empfunden werden. Dieses kulturelle Erbe trägt erheblich zum Beharrungsvermögen, zur Trägheit eingelebter Verhaltensweisen bei.
6. Gewaltige Brocken auf dem Wege zur Überlebensgesellschaft sind verfestigte Interessen, die vor allem auf materialistisch-wirtschaftliche Ziele und Ansprüche ausgerichtet sind. Solange sich diese einzelnen, teilweise im Widerstreit liegenden Interessen im tatsächlichen Verhalten gegenüber der notwendigen ökologisch-gesellschaftlichen Verantwortung als einflußstärker erweisen, bleibt der Weg zur Überlebensgesellschaft blockiert. Diese Blockade bleibt zusätzlich gefestigt, solange es den Verfechtern solcher Interessen gelingt, als im wirklichen Leben stehende Tatmenschen zu erscheinen und Umweltschützer als lebensferne Idealisten und erfolglose Weltverbesserer lächerlich zu machen.
Verfestigte Interessen sind auf allen Ebenen und in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen anzutreffen: Von einzelnen Personen über Organisationen bis hin zu Staaten und übernationalen Institutionen, vor allem im Wirtschaftsleben und politischen Bereich. Besonders aktiv und engagiert werden Interessen von Inhabern leitender Positionen in Organisationen - einschließlich Unternehmungen und Betriebe - und politisch-staatlichen Einrichtungen vertreten. Solche Führungskräfte und Amtspersonen neigen dazu, sich zu sehr auf die eigene Organisation, Institution oder gar Abteilung zu konzentrieren, die Verflechtung mit dem größeren Zusammenhang zu unterschätzen und die mit dem eigenen Tätigkeitsfeld verbundenen Interessen - womöglich sogar rücksichtslos - durchzusetzen.Die Verantwortung für das eigene Tätigkeitsfeld steht bei weitem im Vordergrund. So ergibt sich eine höchst gefährliche, folgenreiche Aufsplitterung der Verantwortung: zuungunsten der so notwendig gewordenen ökologischgesellschaftlichen Verantwortung.
Besonders schwerwiegend sind die wirtschaftlichen Interessen, die von Regierungen einzelner Staaten vertreten werden: Unter dem starken Einfluß von Unternehmern und Wirtschaftsverbänden vertreten Regierungen hochentwickelter Gesellschaften das vorherrschende Interesse an einem weitergehenden Wirtschaftswachstum, das möglichst wenig durch Umweltpolitik gebremst werden soll.
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Mit zunehmender Arbeitslosigkeit kann sich das Interesse für das Wirtschaftswachstum gegenüber dem notwendigen Umweltschutz noch mehr durchsetzen. Als mächtig erweist sich auch das Interesse, die Wirtschaft des eigenen Landes gegenüber der ausländischen Konkurrenz zu stärken. Überdies wollen Regierungen und herrschende Parteien ihren Rückhalt in der Bevölkerung durch steigenden materiellen Wohlstand festigen. Auch die Regierungen von Entwicklungs- und Schwellenländern - die unter dem Einfluß luxuriös lebender Oberschichten und unter dem Eindruck von Massenarmut stehen - werden von einem Interesse an beschleunigter wirtschaftlicher Entwicklung kommandiert, die nicht durch Umweltschutzmaßnahmen behindert werden soll. Sie machen den wirtschaftlichen Nachholbedarf ihrer Länder gegenüber den hochentwik-kelten Gesellschaften geltend, die zugleich als Hauptverursacher der Um-weltkrise angeprangert werden.
Durch Verknüpfung mit Machtpositionen, Herrschaftsverhältnissen und sozialökonomisch ungleichen Verteilungsstrukturen sind verfestigte Interessen besonders einflußstark, widerspenstig und schwer zu überwinden. Es besteht die Gefahr, daß gegenüber solchen machtvollen Interessen Bestrebungen zu einer Überlebensgesellschaft als Ausdruck eines illusionären Wunschdenkens erscheinen.
7. In der modernen Gesellschaft sind der Individualismus und Egoismus stark ausgeprägt. Immer mehr Menschen neigen dazu, kollektive und auch gemeinschaftliche Bindungen abzuschwächen oder zu meiden. Um so mehr bilden die eigene Person, das eigene Leben, der persönliche Nutzen und Lustgewinn den maßgeblichen Bezugsrahmen für das Denken und Handeln.
Der Individualismus wird fundiert, gerechtfertigt und verstärkt durch individualistisch ausgeprägte Weltanschauungen und wissenschaftliche Richtungen bzw. Theorien: durch den Liberalismus, durch das rationalistisch-mechanistische Menschenbild der Wirtschaftstheorie, ökonomische Rationalprinzip, durch den methodologischen Individualismus, durch austausch-theoretische Ansätze,... Diese Weltanschauungen, Menschenbilder und Theorien vernachlässigen, unterschätzen oder ignorieren umfassende soziale, kulturelle und ökologische Zusammenhänge und gehen mit ihren Betrachtungen, Idealvorstellungen, Erklärungen und Empfehlungen einseitig vom einzelnen Individuum aus. Der Mensch wird reduziert zu einem streng individuell-rational handelnden Gewinn-und Nutzenmaximierer, wobei eigene Beiträge, Leistungen bzw. Kosten möglichst gering bleiben sollen.
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Die Gesellschaft erscheint dann als eine Ansammlung von Individualisten oder gar Egoisten. Diese verhalten sich am vernünftigsten als Trittbrettfahrer: möglichst viel für sich herausholen und möglichst wenig persönlich geben.
Wenn nun auch im alltäglichen Leben die individuell-egoistische Nutzenmaximierung als besonders erstrebenswert gilt, dann ist es aus der Sicht des einzelnen sogar irrational, persönliche Einbußen hinzunehmen, die schwerwiegender erscheinen als eventuelle positive Auswirkungen einer zu schaffenden Überlebensgesellschaft auf die eigene Wohlfahrt.
8. Es dürfte sehr schwer werden, die werblich verstärkte Habsucht und den Hang zu einem unersättlichen Konsum auf ein ökologisch erträgliches Maß zurückzudrängen. Bei zu vielen Menschen ist die Verschwen-dungs- und Wegwerfmentalität zu einem wesentlichen Bestandteil der Persönlichkeitsstruktur geworden. Infolge der Abschwächung oder des Zerfalls von Weltanschauungen und kollektiven Orientierungen wie das Christentum, der Sozialismus und Nationalismus konzentrieren sich Menschen noch mehr darauf, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen, das Leben zu genießen. Dieser Hedonismus ist in der Gegenwart vor allem mit Konsum verbunden. Dementsprechend werden allzu viele Menschen eher allergisch reagieren, wenn der erreichte Lebensstandard und materielle Wohlstand gefährdet erscheinen. Sehr viele Menschen werden kaum oder gar nicht dazu bereit sein, für den Umweltschutz und für die Zukunftssicherung finanzielle Opfer zu bringen und Konsumeinbußen hinzunehmen.
9. Mit wachsenden Wirtschaftsproblemen - die eine steigende Arbeitslosigkeit und eine schrumpfende Finanzierbarkeit des Sozialstaates im Gefolge haben - wird der Weg zur Überlebensgesellschaft länger, steiler und steiniger. Immer mehr Menschen empfinden es dann als vordringlich und vernünftig, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, zu verstärken und Arbeitsplätze zu schaffen - auch wenn der Umweltschutz eingeschränkt werden muß. Hartnäckige Massenarbeitslosigkeit, die Finanzkrise des Sozialstaates, die Wiederkehr des Mangels und die Ausbreitung von Armut verzögern in einem gefährlichen Ausmaß die Herausbildung einer Überlebensgesellschaft.
10. Ein großes Hindernis ist die kurze Zeitperspektive von Menschen und vor allem bei hochrangigen Entscheidungsträgern. In früheren Epochen und in Gesellschaften mit einem technisch einfachen Entwicklungsstand war eine relativ kurze Zeitperspektive für die Lebensbewältigung ausreichend, vor allem hinsichtlich der Vorratshaltung.
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In Gesellschaften, die von der Landwirtschaft abhängig geworden sind, mußte zumindest bis zur nächsten Ernte Vorratshaltung betrieben werden. Im gegenwärtigen Zeitalter hingegen ist es zu einer Frage des Überlebens geworden, daß die Menschheit die Auswirkungen ihrer unterschiedlich gestaltbaren Lebensweise auf die Umwelt und Überlebensbedingungen möglichst weit in die Zukunft hinein antizipiert bzw. gedanklich zu erfassen versucht. Geistige Kurzsichtigkeit ist somit zunehmend gefährlich geworden.
In der heutigen Wirklichkeit versuchen die Menschen allgemein, die Gegenwart zu genießen und für die nächste Zukunft den Lebensgenuß oder zumindest ein erträgliches Leben zu sichern. Darüber hinaus wird versucht, für den eigenen Lebensabend vorzusorgen und sich gegebenenfalls um die Entwicklung der eigenen Kinder zu lebenstüchtigen Individuen zu kümmern.
Mögliche, mit zunehmend größerer Wahrscheinlichkeit eintretende oder sogar sicher voraussagbare künftige Ereignisse, Vorgänge, Probleme, Krisen und Katastrophen, die jenseits des individuellen Lebensbereichs kurzer Zeitabschnitte liegen, werden eher vernachlässigt, unterschätzt, verdrängt oder ignoriert.
Schwerwiegende Auswirkungen des Handelns von Menschen, die womöglich erst in Jahrzehnten akut werden (könnten), übersteigen den sogenannten gesunden Menschenverstand und werden als weit entfernt empfunden. Überdies gibt es ja in der Gegenwart genug Probleme, die einer Lösung bedürfen: nächstliegende Probleme, die mit dem eigenen Leben und dem mitmenschlichen Nahbereich zusammenhängen, z. B. berufliche, wirtschaftliche und finanzielle Probleme, Krankheit, Eheprobleme, Erziehungs- und Schulprobleme der Kinder; aber auch zahlreiche große Probleme, die Millionen von Menschen betreffen, z. B. Arbeitslosigkeit, Armut, Kriege, Hungersnöte und Epidemien. Sollte trotz der weitgehenden Auslastung durch die alltägliche Lebensbewältigung noch Spielraum für Krisen- und Zukunftsangst bestehen, so kann diese bei vielen Menschen den Drang nach gegenwärtigem Lebensgenuß noch verstärken.
Auch viele Menschen mit erhöhtem Informationsstand genießen kurz- oder mittelfristig erreichbare Vorteile, obwohl sie damit rechnen müssen, daß diese wiederum schwerwiegende langfristige Nachteile bedingen könnten.
Die Verkürzung der Zeitperspektive wird durch den Geburtenrückgang und durch die Überalterung in der modernen Gesellschaft verstärkt:
Wenn auf eigene Nachkommen verzichtet werden muß oder wird, wenn Familien schrumpfen und in absehbarer Zeit aussterben bzw. „auslaufen", dann läßt sich ein umweltbelastender Genuß der Gegenwart durch die lebenspraktische Ausschöpfung des zukunftswidrigen Leitspruches „Apres nous la deluge!" („Nach uns die Sintflut") sogar noch steigern.
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Unternehmer und Manager - die dem Prinzip der ökonomischen Rationalität besonders nahekommen - sind mit ihrer Zeitperspektive vor allem darauf konzentriert, kurz- oder mittelfristige Gewinne, Erfolge und Konkurrenzvorteile zu erzielen. Unternehmensgründer und Eigentümerunternehmer sind oft auch besonders daran interessiert, die Unternehmung langfristig zu sichern. Infolge kleinerer Kinderzahlen wird bei Familienunternehmen die Zukunftsorientierung allerdings durch das Fehlen geeigneter Nachfolger aus dem Kreis der Familie verkürzt. Ansonsten spielen gemeinhin langfristige Auswirkungen des unternehmerischen Handelns auf die Umwelt und Gesellschaft eher eine geringe oder gar keine Rolle.
Obgleich gerade Unternehmer besonders folgenreich handeln, fehlt auch ihnen meistens der heutzutage so notwendig gewordene Weitblick. Bei zu vielen Unternehmern und Managern übersteigt die Wertschätzung kurz- und mittelfristiger wirtschaftlicher Erfolge zu sehr die Verantwortung gegenüber den langfristigen ökologisch-gesellschaftlichen Folgen des eigenen Handelns.
Immerhin gibt es aber bereits Unternehmer, die aus eigener Überzeugung und mit großem Engagement - bis hin zum wirtschaftlich Vertretbaren - ökologisch und gesellschaftlich verantwortlich handeln, die sich von einem entsprechenden Weitblick leiten lassen. Sie zeigen in vorbildlicher Weise, daß ein solches „weitsichtiges" unternehmerisches Handeln möglich ist.
Solange aber allzu viele Unternehmer und Manager infolge einer zu kurzen Zeitperspektive und zu schwachen ökologisch-gesellschaftlichen Verantwortung Umweltschutz nur mit Lippenbekenntnissen und schön gefärbter Öffentlichkeitsarbeit zum Ausdruck bringen, bleiben die Chancen einer Verwirklichung der Überlebensgesellschaft gering. Besonders verhängnisvoll für eine von Vernunft und Einsicht getragene Verwirklichung der Überlebensgesellschaft ist eine zu kurze Zeitperspektive vieler bzw. fast aller Politiker.
Es ist schon ein Gemeinplatz, festzustellen, daß sich Politiker im allgemeinen auf die Zeit bis zur nächsten Parlamentswahl konzentrieren. Die Wahrscheinlichkeit einer Wiederwahl versuchen sie durch Erfolge während dieser Zeit zu erhöhen. Unpopuläre, vom Bürger Einbußen und Opfer abverlangende Maßnahmen, die dem Umweltschutz und der Zukunftssicherung dienen könnten, werden eher unterlassen. Langfristige, ökologisch notwendige Projekte werden zurückgestellt oder als nicht durchsetzbar, nicht realisierbar abgestuft.
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So ist auch bei vielen Politikern der Umweltschutz auf Lippenbekenntnisse beschränkt. Statt einer langfristig orientierten Vorsorgepolitik wird vorrangig eine auf Wahlchancen ausgerichtete appeasement- bzw. Beschwichtigungspolitik betrieben, die angesichts der sich zuspitzenden Überlebensprobleme zugleich eine höchst gefährliche Verzögerungspolitik ist. Dadurch wird wiederum die resignative Auffassung gestärkt, daß die Politiker nicht dazu fähig und bereit seien, die drängenden Probleme zu bewältigen.
Die Tendenz zu einer Gefälligkeitsdemokratie führt so zu einem wachsenden Glaubwürdigkeitsverlust der Politiker.
11. Von Einsicht und Vernunft geleitete Verhaltensänderungen zugunsten der Herausbildung einer Uberlebensgesellschaft erfordern ganz besonders Umwelterziehung, Informationen und Aufklärung. Problematisch ist allerdings, daß sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts immer mehr eine Informationsüberschwemmung ergeben hat. Die zunehmende Überflutung der Menschen mit Daten und Informationen wurde begünstigt durch den beschleunigten wissenschaftlich-technischen Fortschritt, insbesondere durch die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechniken, ferner durch die Öffnung von Grenzen, durch fortschreitende interkulturelle Kommunikation und internationale Zusammenarbeit. Im Zuge dieses Wandels wurde das Industriezeitalter durch das Informationszeitalter abgelöst. Die steigende Informationsflut ist mit dem Problem verbunden, daß der einzelne Mensch immer mehr überfordert wird, daß seine Aufnahme- und Verarbeitungskapazität immer mehr hinterherhinkt, daß er mit Informationen übersättigt ist, daß er abstumpft und abwehrt, zunehmend schwerer erreichbar und ansprechbar ist. Eine solche Abwehrhaltung gegenüber dem weiterhin anwachsenden Informationsstrom ist besonders fatal, weil sie auch bei vielen Menschen eine Abstumpfung hinsichtlich der Berichterstattung über Umweltbelastungen, -Zerstörungen und -katastrophen beinhaltet. Vernunftgeleitete Verhaltensänderungen durch Aufklärung und Informationen werden geradezu verhindert, wenn Menschen durch widersprüchliche Aussagen und Verlautbarungen irritiert werden. Diese Irritation ist besonders groß, wenn sich Wissenschaftler einander widersprechen: So wird das mittlerweile ausgebreitete Wissen über die Umweltkrise immer wieder durch Aussagen einzelner Wissenschaftler, Forschungsinstitute und Massenmedien erschüttert und verunsichert, die den Krisen- und Problemdruck bezweifeln, die dementsprechend beschwichtigen und entwarnen. Mitunter werden bestimmte Umweltprobleme bestritten und geleugnet. Angesichts der weit verbreiteten Wis-
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senschaftsgläubigkeit fühlen sich dann wiederum Politiker und Unternehmer dazu berechtigt, unter Rückgriff auf solche Aussagen gleichfalls Umweltprobleme herunterzuspielen oder zu leugnen. Überhaupt wird dadurch allgemein die Neigung verstärkt, sogar mit gutem Gewissen an dem gewohnten verschwenderischen Lebensstil festhalten zu können. Unter solchen Umständen wird die Herausbildung einer öffentlich-gesamtgesellschaftlichen Übereinstimmung hinsichtlich notwendiger umweltpolitischer Maßnahmen und ökologisch orientierter Verhaltensänderungen zumindest stark beeinträchtigt oder sogar blockiert.
12. Im Zusammenhang mit der ausufernden Umweltkrise resultiert eine zunehmende Gefahr aus der Fähigkeit des Menschen, Probleme verdrängen zu können. Im Bestreben, sich das eigene Leben nicht verleiden zu lassen, sträuben sich viele Menschen - allein schon unterbewußt - dagegen, die Umweltkrise und drohende Gefahren angemessen wahrzunehmen und einzuschätzen. Viele vertreten die Auffassung, daß der Mensch mit jeder Herausforderung fertig werden könne, daß wir uns dementsprechend auch gegenwärtig irgendwie durchwursteln werden. Dabei wird aber im Fall der Umweltkrise meist übersehen oder ignoriert, daß diese geschichtlich bisher einmalige Herausforderung nur bewältigt werden kann, wenn jeder einzelne die Bedrohung angemessen wahrnimmt, aktiv mitwirkt und zu Opfern, Verzichten und Einbußen bereit ist.
So besteht die größte Gefahr für die Zukunft der menschlichen Gesellschaft darin, daß zu viele Menschen infolge von Problemverdrängung, von Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber der Umweltkrise den Ernst der Lage nicht wahrhaben wollen.
13. Eher ein Hindernis auf dem Wege zur Uberlebensgesellschaft ist auch ein übersteigerter Optimismus. Aus einer solchen Stimmung heraus wird die Zukunft sehr positiv eingeschätzt, werden Wahrnehmungssperren gegenüber Umweltbelastungen erhöht, wird die Umweltkrise bagatellisiert, werden die Gefahren und Bedrohungen entdramatisiert. Übersteigerter Optimismus wird begünstigt durch latente Umweltschädigungen, die zunächst im Verborgenen eintreten, kaum oder überhaupt nicht wahrnehmbar sind. Je länger solche Schädigungen verkannt oder ignoriert werden, um so heftiger und katastrophaler können sie hervorbrechen, also in äußerst gefährlicher Weise manifest werden. So kann es vor allem zu irreparablen Umweltzerstörungen kommen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können.
Das Gefährliche eines übersteigerten Optimismus besteht darin, daß er notwendige Anstrengungen zur Überlebenssicherung zu sehr dämpft oder
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sogar als überflüssig erscheinen läßt. Dadurch wird gerade ungewollt bewirkt, daß die Zukunft der menschlichen Gesellschaft - im Gegensatz zu den positiven Erwartungen - mit der Zerstörung der Überlebensbedingungen endet.
14. Mit zunehmender Individualisierung und „Atomisierung" der Gesellschaft verflüchtigt sich der Glaube des einzelnen, daß sein möglicher Beitrag zur Umweltentlastung im Rahmen einer Massengesellschaft bedeutsam sein könnte. Er neigt eher zu einer Unterbewertung der eigenen Mitwirkungsmöglichkeiten und Beiträge. Diese werden allenfalls als „Tropfen auf einen heißen Stein" eingeschätzt. Viele sind von der Nichtigkeit des eigenen Beitrages überzeugt - zumal man nur einer von vielen Millionen, mehreren Milliarden Menschen ist. Der eigene Beitrag zur Umweltentlastung, den man leisten könnte, erscheint viel zu gering im Verhältnis zu den dann notwendigen persönlichen Verzichten, Einbußen und Unbequemlichkeiten. Die weite Verbreitung einer solchen Auffassung trägt wesentlich zur Aufrechterhaltung umweltbelastender Verhaltensweisen bei. Zugunsten einer Verringerung innerer Konflikte und einer Beruhigung des Gewissens wird dann das umweltbelastende Verhalten „der anderen" als Alibi für die Aufrechterhaltung des eigenen umweltwidrigen Verhaltens ausgenutzt.
15. Auch das gesteigerte Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit kann dem Aufbau einer Überlebensgesellschaft im Wege stehen: Einzelne Bevölkerungsteile wollen bei der Verteilung von Aufwendungen für den Umweltschutz und bei der Hinnahme von ökologisch erforderlichen Einbußen nicht gegenüber anderen benachteiligt werden. Somit ergibt sich das drängende Problem der möglichst allgemein akzeptablen Verteilung von Kosten, Opfern und Einbußen - mit der Folge einer Aufschiebung oder gar Blockierung notwendiger, aber zugleich kostspieliger Umweltschutzmaßnahmen, teilweise aus wahltaktischen Gründen.
16. Vernunftgeleitete Verhaltensänderungen werden auch durch die Fähigkeit von Menschen aufgehalten, mit großen Diskrepanzen zwischen der Einsicht in Notwendigkeiten, dem vernünftig Gebotenen, ethischen Forderungen und moralischen Bekenntnissen einerseits und tatsächlichem Handeln andererseits leben zu können. Dieses Handeln weicht infolge der vielschichtigen und mannigfaltigen Motivationen des Menschen oft erheblich von jenen geistigen Orientierungen ab. Mitunter treten sogar ausgeprägte Gegensätze auf.
17. Im Dickicht menschlicher Motivationen haben es von Einsicht und Vernunft getragene Handlungsweisen schwer, sich zugunsten des Aufbaus einer Überlebensgesellschaft durchzusetzen. Sie müssen durch ausrei-
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chend starke positive und gegebenenfalls auch negative Verhaltensanreize für individuelle Beiträge zum Aufbau einer solchen Gesellschaft unterstützt werden. Fehlen entsprechende Anreize und Sanktionen, dann ist der Weg zu einer Überlebensgesellschaft gleichsam durch einen Fluß unterbrochen, über den noch keine Brücke führt. Es sind zu wenige Gesellschaftsangehörige, die die Unbequemlichkeit, Anstrengung und das Risiko verkraften können, mit einem Boot oder als Schwimmer hinüber zu gelangen.
Zu den Anreizen und Sanktionen zählen nicht nur Abgaben- und Preissenkungen oder -erhöhungen, Belohnungen oder Strafen, sondern auch ein umfassendes Angebot an möglichst umweltverträglichen Konsumgütern, Dienstleistungen und Freizeitgestaltungen.
18. Die Wirksamkeit von Einsicht und Vernunft kann auch durch die Neigung von Menschen zur Resignation und zum Fatalismus erheblich eingeschränkt werden. Die Ausprägung dieser Neigung hängt wesentlich von jeweils vorherrschenden Weltanschauungen, Gesellschafts- und Menschenbildern sowie Machtverhältnissen ab. So führt beispielsweise das Eindringen bestimmter - wissenschaftlich umstrittener - biologistischer Auffassungen vom Menschen in das Alltagswissen zur Verstärkung von Resignation und Fatalismus. Wenn solche Auffassungen den Menschen als Vollzugsorgan stammesgeschichtlich entstandener, angeborener und instinktiv wirkender Verhaltensantriebe darstellen, dann entsteht dadurch der Eindruck, daß für eine Verhaltensänderung durch Einsicht und Vernunft kaum bzw. gar kein Spielraum vorhanden ist. Vor allem im Hinblick auf die breite Mehrheit, auf die „große Masse" der Menschen wird dann die Auffassung „wissenschaftlich" bekräftigt, daß Einsicht und Vernunft gegenüber den stammesgeschichtlich-genetisch programmierten Verhaltensantrieben weitgehend ohnmächtig sind. Deshalb können nicht schnell genug bzw. überhaupt nicht allgemeine Verhaltensänderungen zugunsten der Herausbildung einer Überlebensgesellschaft Zustandekommen. Solche Auffassungen rechtfertigen und verstärken die Neigung zur Resignation und zum Fatalismus. Auch verringern sie den ethisch-moralischen Druck auf das Individuum, in unbequemer, entbehrungsreicher Weise den vertrauten Lebensstil und das verschwenderische Konsumverhalten aufzugeben: da ja allgemeine Verhaltensänderungen kaum zu erwarten seien, lasse sich die Fahrt in den Abgrund doch nicht mehr aufhalten. Das Hoffen auf die Wirksamkeit von Einsicht und Vernunft wird als Ausdruck eines lebensfremden Idealismus abgetan. Die Neigung zur Resignation, zum Fatalismus oder gar zur Apathie wird
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auch durch die Auffassung vieler Menschen verstärkt, als einzelner keine politischen Einfluß- und Mitgestaltungsmöglichkeiten zu besitzen: „Die da oben machen doch, was sie wollen!" Die Verharrschung der Demokatie zu einem vermeintlich repräsentativen Herrschaftssystem, die Beherrschung der Parlamente durch Parteieliten, die Verweigerung von Volksabstimmungen, die Manipulation von Parlamentswahlen durch eine extrem ungleiche Verteilung von Wahlkampfressourcen und durch einseitige Einmischung von Massenmedien, unzureichende innerparteiliche Demokratie und überhaupt die weitgehende Blockierung einer demokratischen Willensbildung von unten nach oben stärken bei Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins. Ein politisches Engagement wird unter solchen Umständen als nutzlose Zeitverschwendung angesehen. Es gilt als klüger, sich im privaten Bereich ein möglichst angenehmes Leben zu gestalten. Es ist besonders folgenreich und gefährlich, wenn schon bei Kindern und Jugendlichen Resignation und eine handlungslähmende Zukunftsangst vorherrschen, wenn sie unter der Hoffnungslosigkeit leiden, daß die Umweltzerstörung und die Verwüstung des blauen Planeten nicht mehr aufzuhalten seien. Mit wachsendem Einfluß einer solchen Resignation und Hoffnungslosigkeit auf das alltägliche Verhalten nimmt die Gefahr zu, daß sich die Prophezeiungen von Umweltkatastrophen und einer Zerstörung der Überlebensbedingungen tatsächlich erfüllen.
19. Auch die weitgehende Entfremdung allzuvieler Menschen gegenüber der Natur behindert in erheblichem Maße die Herausbildung eines hinreichenden Umweltschutzengagements. Mit dem Aufstieg der Technik und der naturbeherrschenden Gestaltungskraft des Menschen hat sich dessen Ehrfurcht vor der Natur verringert. Diese wird vorrangig als Rohstoffquelle, als Kulisse für Freizeitvergnügen und als Senke für Abfälle betrachtet.
Die Distanz gegenüber der Natur vergrößert sich dadurch, daß immer mehr Menschen in großflächigen technisierten Stadtlandschaften leben. Abgesehen von Armutsvierteln, werden hier Menschen von einer technisch perfektionierten, naturfernen Wohlstandskultur geblendet: umgeben von schönen Fassaden, Konsumgütermengen, bequemen Lebensmöglichkeiten und mannigfaltigen Freizeitverwendungen. Diese urba-ne Umwelt läßt den Anschein entstehen, nicht mehr von der Natur abhängig zu sein. Dementsprechend werden Berichte über Umweltprobleme in entfernteren Bereichen der Natur allenfalls wie sonstige Nachrichten wahrgenommen - wenn überhaupt.
20. Auf überindividueller Ebene bilden vor allem nationalstaatliche Souve-
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ränitätsansprüche und das starre Festhalten an dem Prinzip der Nichteinmischung fremder Staaten in die Belange des eigenen Landes gewaltige Brocken, die der Herausbildung einer Überlebensgesellschaft im Wege stehen. Hinter der Schutzmauer uneingeschränkter nationalstaatlicher Souveränität können in einzelnen oder gar in vielen Ländern verschwenderische, umweltschädigende Lebensstile aufrechterhalten bleiben. Einzelne Länder können dann auch nicht daran gehindert werden, Raubbau an der Natur fortzusetzen - selbst wenn die Folgen sich weltweit bemerkbar machen. Je mehr in Verbindung mit unterschiedlichen Kulturen, Lebensstilen und Interessen nationalstaatlicher Eigennutz die Welt regiert, um so mehr werden auch das Zustandekommen und die Einhaltung von hinreichend wirksamen internationalen Umweltschutzabkommen behindert oder sogar vereitelt.
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Trotz eines gewissen Perfektionsstrebens soll nicht ausgeschlossen werden, daß es noch weitere Widerstände, Hindernisse und Probleme gibt, die einem von Einsicht und Vernunft geleiteten Aufbau der Überlebensgesellschaft im Wege stehen.
Die hier bereits vorgenommene Auflistung und Darstellung von Widerständen ist in ihrer massiven Ballung nicht ungefährlich: Optimismus, Hoffnung und Handlungsbereitschaft können erdrückt, Egoismus und Resignation verstärkt werden. Zu vielen Menschen mag die Bewältigung der Umweltkrise aussichtslos erscheinen. In einer solchen Situation und Stimmungslage werden Menschen weniger dazu bereit sein, auf den bisherigen verschwenderischen Lebensstil zu verzichten und sich auf Umweltschutzmaßnahmen und Verhaltensänderungen einzulassen, die mit großen persönlichen Einbußen, aber mit geringen Erfolgserwartungen verbunden sind.
Um nicht einseitig idealistisch und lebensfremd zu verfahren, war es doch notwendig, die der Einsicht und Vernunft entgegenstehenden Widerstände aufzuspüren und darzustellen. Diese Widerstände sind vorhanden und können nicht ungeschehen gemacht werden. Sie müssen illusionslos erkannt und eingeschätzt werden, um den Kampf für eine Überlebensgesellschaft auf dem Boden der Wirklichkeit so führen zu können, daß er auch gewonnen werden kann. Ohne eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit diesen Widerständen bleiben die Anstrengungen auf dem Wege - weit vor dem Ziel - stecken.
Etliche der Widerstände sind in den einzelnen Gesellschaften und Kulturen graduell unterschiedlich ausgeprägt. Individualismus, wirtschaftlichmaterialistische Interessen, Verschwendungskonsum und Optimismus können in den einen Gesellschaften stärker gegeben und einflußreicher sein als in anderen.
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Hinzu kommt auch noch der Einfluß individueller Unterschiede, die sich allein schon aus verschiedenartigen, anlagebedingten Persönlichkeitstypen ergeben.
Angesichts der zuvor beleuchteten Hindernisse, Widerstände und Probleme kann die existentiell notwendige rasche Schaffung einer Überlebensgesellschaft nicht dadurch erreicht werden, daß allein auf die Wirksamkeit von Einsicht, Vernunft und Verantwortung vertraut wird.
Wäre es nicht erfolgversprechender, auf die Individuen so einzuwirken, daß Wertvorstellungen, Rollenerwartungen(1) und Verhaltensmuster zugunsten der Herausbildung einer Überlebensgesellschaft möglichst tiefgreifend gelernt und dadurch internalisiert bzw. verinnerlicht werden?
II.
Die Verinnerlichung von Werten und Verhaltensweisen
Durch tiefgreifendes Lernen im Sinne einer Internalisierung bzw. Verinnerlichung können Wertvorstellungen, Rollenerwartungen und Verhaltensweisen, die auf Umweltschutz und Lebensqualität ausgerichtet sind, zu Bestandteilen der Persönlichkeitsstruktur des Individuums werden. Werte einer Überlebensgesellschaft würden dann weitgehend die individuellen Wertvorstellungen, Motivationen und Verhaltensweisen prägen. Die Gesellschaftsangehörigen würden sich dann als Inhaber verschiedener sozialer Rollen von innen heraus, aus eigenem Antrieb, gleichsam automatisch und instinktiv umweltschonend verhalten. Wären die Gesellschaftsangehörigen durchweg in einer solchen Weise sozialisiert, dann könnten sie sehr wirkungsvoll zum Aufbau einer stabilen Überlebensgesellschaft beitragen.(2) Dieses Lösungsmodell dürfte vor allem auf ökologisch engagierte Verfechter einer konservativen Werterziehung sympathisch wirken.
Im Rahmen einer freiheitlichen Gesellschaft, in der Individuen personale Autonomie beanspruchen, ist das Internalisierungsmodell als Patentrezept für die Schaffung einer Überlebensgesellschaft von vornherein mit dem brisanten Problem der Indoktrination, Manipulation und Fremdsteuerung verbunden.
1 Rollenerwartungen sind normative Anforderungen von Gesellschaftsangehörigen hinsichtlich bestimmter Verhaltensweisen des Inhabers einer sozialen Rolle, z. B. Unternehmer, Mitarbeiter, Verbraucher, Politiker.
2 Zur Internalisierung von Werten vgl. insbesondere Talcott Parsons: The Social System, New York 1964 (1951), S. 42.
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Die Verinnerlichung soziokultureller Bestimmungsgründe des Verhaltens gelingt nämlich um so besser, je jünger die nachwachsenden Individuen sind: bei Kindern in der Familie, im Kindergarten, in der Grundschule. Hinzu kommen die frühzeitigen Einflüsse der Massenmedien, insbesondere des Fernsehens. Kleinere Kinder sind aber noch nicht dazu fähig, die Sozialisation, die erzieherischen und persönlichkeitsprägenden Einwirkungen von außen bewußt zu verarbeiten. Sie können sich noch nicht gegen die Vermittlung von bestimmten Auffassungen, Werten und Verhaltensweisen wehren. Sie haben noch nicht das geistige Entwicklungsniveau erreicht, um selbständig, aufgrund eigener Überlegungen für sich persönlich bestimmte Auffassungen, Werte und Verhaltensweisen auswählen zu können. Bevor sie ein solches Niveau erreicht haben, sind sie in ihrer Persönlichkeitsstruktur durch verinnerlichte Elemente ihrer Kultur und Gesellschaft schon weitgehend festgelegt.
Vor allem aber besteht das Problem, ob angesichts der heutigen Dynamik der Umwelt- und Überlebenskrise die Herausbildung der Überlebensgesellschaft aufgrund der Verinnerlichung entsprechender Werte und Verhaltensweisen nicht zu langsam abläuft. Es muß damit gerechnet werden, daß diese Vorgehensweise zu lückenhaft und unzuverlässig ist, daß auf diesem Wege der Wettlauf zwischen der Krisenbewältigung und einer möglichen Krisenverschärfung nicht gewonnen werden kann:
Die notwendige rasche Herausbildung der Überlebensgesellschaft durch Verinnerlichung entsprechender Werte und Verhaltensweisen setzt voraus, daß schon die heutigen Erwachsenen engagiert mitwirken. Diese sind aber nicht den Anforderungen der Überlebensgesellschaft gemäß sozialisiert worden. Zu viele von ihnen unterliegen noch den prägenden und verhaltensbestimmenden Einflüssen der umweltschädlichen Verschwendungsgesellschaft. Deshalb gibt es auch nicht genug Eltern, Kindergärtnerinnen, Lehrer und Journalisten, die bei der Verinnerlichung von Werten und Verhaltensweisen zugunsten der Herausbildung der Überlebensgesellschaft engagiert und erfolgreich mitwirken könnten.
Hinzu kommt, daß in einer pluralistischen Gesellschaft Kinder mannigfaltigen, teilweise widersprüchlichen Einflüssen, Manipulationsbestrebungen und Prägungsvorgängen unterliegen. So können Kinder - zum Beispiel infolge aufwendiger und psychologisch raffinierter Konsumgüterwerbung - Wertorientierungen und Verhaltensweisen verinnerlichen, die dem umweltgerechten Verhalten entgegenwirken.
Die Fragwürdigkeit des Internalisierungsmodells erhöht sich noch dadurch, daß infolge der Ausbreitung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse immer mehr Gesellschaftsangehörige über den tiefgreifenden, persönlichkeitsprägenden Lernvorgang der Verinnerlichung aufgeklärt sind.
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Sie wissen somit, daß viele Verhaltensantriebe und Strebungen nicht aus angeborenen Elementen der eigenen Persönlichkeit stammen, sondern vielmehr auf gelernte, von außen kommende bzw. anerzogene Sozialisationsinhalte wie Werte, Rollenerwartungen und Verhaltensmuster zurückzuführen sind. Mit dieser Entschleierung, mit diesem Bewußtwerden kann das Individuum innerlich, gedanklich die Herrschaft über die verinnerlichten Werte, Rollenerwartungen und Verhaltensmuster gewinnen. Es verfügt dann über eine wesentliche geistige Voraussetzung für die Selbstbestimmung der eigenen Lebensführung. Je nach dem Mut zum Eigenwilligen, Originellen, Unkonventionellen oder zum Nonkonformismus weichen aufgeklärte Individuen in ihrem Streben nach Selbstbestimmung, Persönlichkeitsentfaltung und Lebensgenuß von verinnerlichten, nunmehr bewußt gewordenen Bestimmungsgründen des Verhaltens ab. So wächst der Anteil jener Gesellschaftsangehörigen, die sich möglichst wenig von äußeren Verhaltenszumutungen kommandieren lassen, die sich vielmehr selbst bestimmen wollen - bis hin zur autonomen Setzung eines eigenen Wertsystems. Aus dieser anspruchsvollen Haltung heraus sind sie besonders allergisch gegenüber Manipulati-ons- und Fremdsteuerungsversuchen. Hinsichtlich notwendiger Umwertungen und Verhaltensänderungen verlangen sie rationale Aufklärung und sachlich begründete Überzeugungsarbeit.
Somit ist im Hinblick auf eine lebenspraktische Anwendung auch das Internalisierungsmodell, die Verinnerlichung von Werten und Verhaltensweisen unzureichend, wenn es um die rechtzeitige Verwirklichung der Überlebensgesellschaft geht. Es bleibt aber ein weiterer Weg: wenn Menschen nicht einsichtsvoll und freiwillig oder infolge von Internalisierung umweltgerecht handeln, dann können sie dazu gezwungen werden:
III.
Normen und Sanktionen
Angesichts des staatlichen Monopols physischer Gewaltanwendung in heutigen Gesellschaften ist es naheliegend, daß sich die Überlebensgesellschaft am sichersten und schnellsten durch umweltschutzbezogene Rechtsnormen bzw. Muß-Normen, wirkungsvolle Strafandrohungen und strikten Strafvollzug verwirklichen ließe. Durch Einführung und Anwendung solcher Normen und Sanktionen könnten individuelle und kollektive Akteure - also Einzelpersonen, Unternehmungen und Organisationen - auf direktem Wege zu Umwertungen und Verhaltensänderungen gezwungen werden. Mit den eingesetzten Normen können Gebote und Verbote zum Ausdruck gebracht werden. Im Hinblick auf diese Möglichkeit kann hier von einem Zwangsmodell der Verwirklichung der Überlebensgesellschaft gesprochen werden.
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Die direkte Verhaltenssteuerung durch Gebote und Verbote ist allerdings nicht frei von Problemen: Die Bereitschaft zur Befolgung von Umweltschutznormen kann unterschiedlich hoch bzw. niedrig sein. Je weniger die Akteure über Umweltprobleme und über die Notwendigkeit bestimmter Umweltschutzmaßnahmen informiert sind, um so weniger werden entsprechende Normen als sinnvoll angesehen und akzeptiert. Hierbei ist auch maßgeblich, inwieweit sie sich informieren lassen und Umweltbewußtsein entfalten. Unter dem Einfluß vieler anderer Bestimmungsgründe des Verhaltens können Akteure versuchen, Umweltschutznormen zu unterlaufen und Gesetzeslücken auszunutzen. Um normwidrigem Verhalten entgegenzuwirken und Gesetzeslücken zu schließen, werden immer wieder neue Normen eingeführt. Die Regulierung der Gesellschaft durch Muß-Normen wird dann zunehmend engmaschiger und droht die Leistungsfähigkeit und Entwicklungskräfte immer mehr zu lähmen. Die direkte Verhaltenssteuerung durch Gebote und Verbote kann auch durch milde Strafandrohungen und durch einen zurückhaltenden, lückenhaften Vollzug der rechtlichen Möglichkeiten erheblich abgeschwächt werden.
Auf gesetzlichem Wege kann auch eine indirekte Verhaltenssteuerung inganggesetzt werden. Dadurch ließe sich eine Überregulierung infolge einer immer weniger überschaubaren Fülle von Geboten und Verboten vermeiden. Stattdessen werden geldliche, wirtschaftlich spürbare Anreize für möglichst umweltfreundliche Verhaltensweisen geschaffen: durch Ökosteuern, Gebühren, Beiträge, zweckgebundene Sonderabgaben und Subventionen. Durch die Einführung solcher Abgaben und Beihilfen lassen sich relativ schnell umweltgerechte Preisbildungen erreichen, die Kunden und Verbraucher wirtschaftlich-finanziell zu Umwertungen und Verhaltensänderungen veranlassen oder sogar zwingen.
Allerdings müssen die für einen raschen Aufbau einer Überlebensgesellschaft notwendigen Muß-Normen und Sanktionen erst einmal zustande kommen. Eine institutionelle Voraussetzung hierfür ist ein ausreichend starker Staat. Ein solcher bildet aber - trotz der intensiven Umweltschutzdiskussion - keine Garantie dafür, ob auch tatsächlich die für eine Überlebenssicherung notwendige Rechts-, Finanz-, Wirtschafts- und Umweltpolitik betrieben wird. So haben beispielsweise totalitäre Herrschaftssysteme ihre Chancen, mit Hilfe eines starken Staates eine effektive Umweltschutzpolitik durchzusetzen, keineswegs genutzt. Die Ursache für dieses Versagen liegt großenteils darin begründet, daß die herrschende Elite auf Umweltschützer keine Rücksicht zu nehmen braucht, sondern diese eher unterdrückt.
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In der freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft ist hingegen für die Richtung der Politik und für die Gesetzesarbeit entscheidend, mit welcher Einflußkraft einzelne Bevölkerungsteile, Personenkreise, soziale Bewegungen und Interessenverbände als Träger und Verfechter bestimmter Weltanschauungen, Wertorientierungen, Interessen und Forderungen auf den politischstaatlichen Bereich einwirken. In diesem Zusammenhang haben sich bisher gesellschaftliche und vor allem wirtschaftliche Einflußkräfte als sehr stark erwiesen, die hinsichtlich der Herausbildung einer Überlebensgesellschaft eher oder sogar eindeutig als Barrieren wirken. Vor allem in wirtschaftlich schwierigen, mit Massenarbeitslosigkeit und Wohlstandseinbußen verbundenen Zeitabschnitten wird das mehr zukunftsbezogene Verlangen nach Umweltschutz durch kurz- und mittelfristig orientierte wirtschaftliche Wachstumsinteressen überlagert oder weggedrängt.
Damit bilden auch Normen und Sanktionen keinen einfach und schnell begehbaren Weg, auf dem sich noch eine rechtzeitige Herausbildung der Überlebensgesellschaft erreichen ließe. Überhaupt zeigt sich nunmehr, daß dieses Ziel nicht auf einem einzigen, bestimmten Weg erreicht werden kann, sondern nur im Sinne einer umfangreichen Strategie auf allen geeigneten Wegen.
IV.
Auf vielen Wegen zum Ziel
Der Aufbau der Überlebensgesellschaft kann den Wettlauf mit der gegenwärtig immer noch expandierenden Umweltkrise nur gewinnen, wenn im Rahmen einer umfassenden Strategie global alle geeigneten Möglichkeiten einer entsprechenden gesellschaftlichen Transformation ausgeschöpft werden. Die zielstrebig-planvolle Ausschöpfung aller geeigneten Möglichkeiten kann auch als Strategiemodell bezeichnet werden.
Eine wichtige Grundvoraussetzung liegt darin, daß sich möglichst viele Wissenschaftler in verantwortungsethischer Weise an der Erforschung der Ursachen, Erscheinungsformen, Auswirkungen und Überwindungsmöglichkeiten der Umweltkrise beteiligen und die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit mitteilen.
Für die Motivierung und Mobilisierung umweltgerechten Handelns ist es unerläßlich, daß durch aufrüttelnde, zielgruppengerechte Aufklärung und Informationsarbeit objektive in subjektive Betroffenheit verwandelt wird: Jedem einzelnen Menschen muß verständlich gemacht werden, daß die Umwelt- und Überlebenskrise auf sein eigenes Leben einwirkt, seine eigene Lebensqualität beeinträchtigt, seine Gesundheit gefährdet, seine Lebens-
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dauer verkürzt und die Zukunft seiner Nachkommen und sozialen Umwelt bedroht. Das Wissen und Gefühl der Gesellschaftsangehörigen, jeweils selber durch die Umwelt- und Überlebenskrise nachteilig, in bedrohlicher Weise betroffen zu sein, sind von entscheidender Bedeutung dafür, daß eine entsprechende Sensibilisierung zustande kommt, daß sich ein handlungsbestimmendes Umweltbewußtsein und -engagement entfaltet.
Bei dem entscheidend wichtigen Vorgang der Vermittlung von Forschungsergebnissen und Umweltwissen zugunsten der Umwandlung objektiver in subjektive Betroffenheit ist die engagierte Mithilfe vieler Multiplikatoren unverzichtbar: Populärwissenschaftler, die gleichsam Übersetzungsarbeit zu leisten haben, ferner Schriftsteller, Journalisten, die bei verschiedenen Massenmedien tätig sind, Werbefachleute, Hochschullehrer, Lehrer, Dozenten an Erwachsenenbildungseinrichtungen, Ärzte, Politiker, Geistliche, Verbands- und Vereinsfunktionäre, bis hin zu Meinungsführern in kleineren sozialen Gruppen.
Die Bewältigung der Umwelt- und Überlebenskrise hängt maßgeblich davon ab, daß möglichst viele Multiplikatoren infolge der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen auf dem Wege von Einsicht und Vernunft Umweltengagement und ökologisch-gesellschaftliche Verantwortung entwickeln.
In diesem Zusammenhang zeigt sich ganz besonders, daß Einsicht und Vernunft für den Aufbau der Überlebensgesellschaft keineswegs unwichtig sind. Sie können gerade bei Vertretern geistig anspruchsvoller Berufe wesentlich dabei mitwirken, daß Umweltengagement nicht erst verspätet durch Umweltkatastrophen, -zerstörungen und irreparable Schäden zum Vorschein kommt. Je früher und einflußstärker Einsicht und Vernunft zum Zuge kommen, um so weniger ist - gerade im Hinblick auf die Umwelt- und Überlebenskrise - das äußerst gefährliche Lernen durch Schocks erforderlich. Es besteht nämlich die Gefahr, daß ein solches Lernen zu spät in Gang kommt.
Strategisch wichtig ist eine sich gesamtgesellschaftlich rekrutierende, ökologisch engagierte und vorbildlich-überzeugend wirkende Wertelite, die sich als Minderheit von Persönlichkeiten mit „großer Verantwortung" für die Einhaltung der höchsten Werte der Überlebensgesellschaft einsetzt. Für die möglichst rasche Entstehung einer gesellschaftlich einflußreichen ökologisch engagierten Wertelite ist eine starke Wirkung von Einsicht und Vernunft unerläßlich.
Die Einflußkraft der ökologisch engagierten Wertelite ist um so größer, je mehr sie von einer möglichst umfangreichen Umwelt- und Naturschutzbewegung getragen wird, die in allen Bereichen und Schichten der Gesellschaft verankert ist. Diese Umweltschutzbewegung durchzieht dann die gesamte betroffene Bevölkerung und ist überall durch Basisgruppen und Bürgerinitiativen vertreten, die sich durch lokale Aktionen im Nahbereich für den Umweltschutz einsetzen.
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Da die Überlebensgesellschaft nur als Weltgesellschaft erfolgreich funktionieren kann, ist es erforderlich, daß sich durch verstärkte internationale und Kulturgrenzen überschreitende Vernetzungen und Kooperationen eine einflußstarke weltweite Umweltschutzbewegung entfaltet. Hierbei kann sich eine global ausgebreitete Wertelite, die sich vorrangig für die Überlebens- und Zukunftssicherung engagiert, als Motor erweisen. Im Hinblick auf alte, international verbundene Machteliten, die unter Vernachlässigung der Umweltbelange in erster Linie partikulare Interessen verfolgen, kann jene Wertelite die notwendige Gegenelite bilden.
Weiterhin kann die Schaffung einer Überlebensgesellschaft nur gelingen, wenn die Anstrengungen für einen solchen Wandel im Netzwerk der bestehenden (Welt-)Gesellschaft von möglichst vielen Bereichen, Ebenen, Institutionen, Stellen und Personen ausgehen und sich gegenseitig verstärken.
Veränderungen des Denkens und der Wertvorstellungen sowie der gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen müssen gleichfalls in wechselseitiger Verstärkung ablaufen. Es müssen im Wechselspiel mit Aufklärung, Informationsarbeit, Umwertungen, Einstellungs- und Verhaltensänderungen sowie mit politischem Wandel möglichst rasch die Institutionen und Strukturen entstehen, die für eine Überlebensgesellschaft notwendig sind.
Strategisch ist es wichtig, daß unter dem verstärkenden Einfluß ökologisch bedeutsamer Umwertungen und Einstellungsänderungen die Umweltschutzbewegung zunehmend größer und mächtiger wird und im politisch-staatlichen Bereich eine für den Aufbau der Überlebensgesellschaft hinreichende Gestaltungskraft entfaltet.
In der modernen Parteiendemokratie ist es ferner unerläßlich, daß sich die ökologisch engagierten Gesellschaftskräfte nicht in einer Partei konzentrieren, die womöglich in der Opposition verbleibt oder an den politischen Rand gedrängt wird. Vielmehr ist entscheidend, daß diese Kräfte in möglichst vielen politischen Parteien maximalen Einfluß ausüben: für den weiteren Ausbau des Umweltrechts, für die Reformierung des Steuerrechts zugunsten der Ökosteuern, für die Schaffung politischer Rahmenbedingungen einer ökosozialen Marktwirtschaft, für den Ausbau der Umwelterziehung im Bildungssystem. Mit der raschen Ausbreitung einer politisch einflußstarken Umweltschutzbewegung ist somit die Voraussetzung dafür gegeben, daß doch noch rechtzeitig die Muß-Normen und Sanktionen zustandekommen, die für eine allgemeine Verhaltenssteuerung zugunsten des Aufbaus der Überlebensgesellschaft erforderlich sind.
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Unter dem Einfluß der ökologisch engagierten Wertelite und dem Druck der Umweltschutzbewegung kann eine Bildungspolitik durchgesetzt werden, die im Kern auf die tiefgreifende Vermittlung der zentralen Werte der Überlebensgesellschaft ausgerichtet ist. Wenn die Erziehungspersonen - Eltern, Kindergärtnerinnen, Lehrer - entsprechend ausgebildet sind, dann können sie bei den nachwachsenden Indivduen eine Verinnerlichung jener Werte und dazu passender Verhaltensmuster bewirken. Diese Verinnerlichung ist ethisch-moralisch gegenüber jeglichen Vorwürfen einer Indoktrination oder Manipulation erhaben: weil es sich um Werte handelt, die grundlegend für die Zukunftssicherung eines menschenwürdigen und kulturell entwicklungsfähigen Lebens sind. Überdies bildet die Verinnerlichung jener zentralen Werte ein besonders stabiles Fundament für die Dauerhaftigkeit der Überlebensgesellschaft.
Ökologisch bedeutsame Umwertungen und Einstellungsänderungen erleichtern maßgeblich die Akzeptanz einer Umweltpolitik, die nur durch zunehmende Rigorosität zur raschen Herausbildung der Überlebensgesellschaft beitragen kann. Je mehr sich auf Überlebenssicherung ausgerichtete Wertvorstellungen gesellschaftlich ausgebreitet haben und individuell verinnerlicht worden sind, um so mehr Gesellschaftsangehörige werden dann eine solche Umweltschutzpolitik mit eigenen Wertvorstellungen, Anliegen und Interessen vereinbaren können und unterstützen.
Die Verwirklichung einer globalen Überlebensgesellschaft hängt davon ab, inwieweit die Ziele und Wege der Modernisierungsprozesse in Entwicklungs- und Schwellenländern eine ökologische Ausrichtung erfahren. Wesentlich ist hierbei die Überwindung des Bevölkerungswachstums und der Massenarmut. Es liegt im eigenen Interesse der hochentwickelten Wohlstandsgesellschaften, durch eine entsprechend wirkungsvolle Entwicklungspolitik jene Länder bei der Überwindung der großen sozialen Probleme und beim Aufbau einer Überlebensgesellschaft zu unterstützen.
Die Teilnahme der Entwicklungs- und Schwellenländer an einer raschen Herausbildung der globalen Überlebensgesellschaft kann nur gelingen, wenn die hochentwickelten Wohlstandsgesellschaften in ihrer eigenen Weiterentwicklung im Sinne einer ökologisch orientierten Modernisierung zu glaubhaft erscheinenden und überzeugend wirkenden Vor- und Leitbildern werden. Die Entwicklung zu einer ökologisch vorbildlichen Lebensform setzt voraus, daß durch Aufklärung, Bewußtseinswandel, Umwertungen, Einstellungsänderungen, wirkungsvolle Normen und Sanktionen sowie durch umweltgerechte Preisbildungsprozesse Widerstände überwunden und Verzichte, Einbußen und Unbequemlichkeiten hingenommen werden. Das Ergebnis muß keineswegs eine freudlose Askese sein, sondern im Zusammenhang mit einer weiteren Entwicklung der Kultur und des mitmenschlichen Zusammenlebens eine ökologisch angepaßte Lebensform, die dem Streben nach individueller Entfaltung und Glück genügend Spielraum gewährt.
V.
SchlußbemerkungenInsgesamt kann gesagt werden:
Die Gefahr des zunehmend gehäuften Eintretens irreparabler Umweltschäden und der Zerstörung von Lebensgrundlagen sollte eine weitestgehende Ausschöpfung der menschlichen Lernfähigkeit und Verhaltensflexibilität provozieren - zugunsten der Sicherung des Überlebens und der Zukunft für spätere Generationen.Die dem Fatalismus und der Bequemlichkeit entgegenkommende Auffassung, Menschen würden erst durch Schocks und Katastrophen verhaltensändernd lernen, würde im Zusammenhang mit der Dynamik unserer gegenwärtigen Umweltkrise in ein kollektiv tödliches Experiment hineinführen, das den Menschen zu einem evolutionären „Auslaufmodell" entwerten könnte.
Es müssen vielmehr weltweit alle Chancen der Forschung, Aufklärung, Umwertung sowie der Veränderung des Verhaltens, von gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen zugunsten eines vorbeugenden Umweltschutzes ausgeschöpft werden, und zwar mit großem Tempo und Engagement.
Diese geschichtlich einmalige Herausforderung kann nur noch im Stile einer möglichst friedlichen Revolution gelingen.
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Ende Hillmann