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   C.  Vision einer Überlebensgesellschaft  / Von Hillmann-1998  


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   I. Die Überlebensgesellschaft als sozialwissenschaftliche Herausforderung 

 

Der vom Autor dieses Buches 1992 in einem Vortrag an der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau vorgestellt Begriff der Überlebensgesellschaft bezeichnet einen in nächster Zukunft notwendiger­weise zu reali­sierenden Gesellschaftstyp mit globaler Ausbreitung, der mit seiner Kultur, seinen Strukturen, Institutionen, Handlungsabläufen und Entwicklungsprozessen vorrangig auf die langfristige Sicherung des Überlebens der Mensch­heit und der belebten Natur ausgerichtet ist.(1)

(1) Vgl. Karl-Heinz Hillmann:

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Die Verwirklichung einer Überlebensgesellschaft wäre ein gewaltiger Entwicklungssprung in der Menschheitsgeschichte, der in seiner Tragweite nur mit der Herausbildung der vormodernen Agrargesellschaft und mit der Entstehung der modernen Industriegesellschaft vergleichbar wäre:

Nach dem Ende der Vierten Eiszeit um 10.000 v. Chr. gingen menschliche Lebensgemeinschaften in immer mehr Regionen vom Jagen und Sammeln der Lebensmittel zur Viehzucht und zum Ackerbau über. Das Nomadentum wurde immer mehr durch Seßhaftigkeit abgelöst. Es wurden Häuser errichtet. Es entstand zugleich eine Vorratswirtschaft. Mit der Bevölkerungsvermehrung kam es zu stadtartigen Konzentrationen und zur Entwicklung von Hochkulturen. Die wirtschaftliche Grundlage dieser vormodernen Gesellschaft blieb die Landwirtschaft.

In der vormodernen, stark magisch oder religiös, kollektivistisch und traditional bestimmten Gesellschaft haben die Menschen mit einer relativ kurzen durchschnittlichen Lebenserwartung gelebt. Das Leben des einzelnen war der sehr großen Gefahr eines frühen Todes unterworfen. Andererseits bestand aber für die Menschheit keine durch Menschen verursachte Gefährdung der natürlichen Lebensbedingungen. Trotz einer hochgradigen existentiellen Brüchigkeit des individuellen Lebens - das nur religiös-gemeinschaftlich bewältigt werden konnte - war das kollektive Überleben der Menschheit weitestgehend gesichert.

Der zweite riesengroße Entwicklungsschritt war die <Industrielle Revolution>, die im 18. Jahrhundert in England zustande kam. Sie führte im 19. Jahrhundert in Europa und Nordamerika zu einer stürmischen Industrial­isierung. Es entwickelte sich eine moderne Industriegesellschaft, die sich vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit auszubreiten begann. Die technisch-wirtschaftlich hochentwickelten Gesellschaften haben in den letzten Jahrzehnten immer mehr Züge einer nachindustriellen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft angenommen, so daß es gerechtfertigt erscheint, die abgekürzte Bezeichnung moderne Gesell­schaft zu verwenden.

In der modernen, zunächst sich beschleunigt industrialisierenden Gesellschaft hat eine geschichtlich einmalige Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen und Versorgung, der Hygiene und der medizinischen Hilfe­leistungen eine sogar mehrere Jahrzehnte umfassende Verlängerung der durchschnittlichen Lebenserwartung ermöglicht. Mit der Entfaltung der modernen Gesellschaft ist das Leben des Einzelmenschen existentiell wesent­lich sicherer geworden. Die Kindersterblichkeit ist - abgesehen von armen Gesellschaften - weitgehend überwunden worden. Der einzelne darf erwarten, daß er mit großer Wahrscheinlichkeit ein höheres Lebensalter erreichen wird.

Neben dem explosiven Bevölkerungswachstum im 20. Jahrhundert ist die Entfaltung der modernen Gesellschaft mit einer wirtschaftlichen Entwicklung und verschwenderischen Konsumdynamik verbunden, die immer mehr die natürliche Umwelt belastet und geschädigt haben. Die dadurch entstandene Umweltkrise bedroht nun in wachsendem Maße die Überlebensmöglichkeiten der Menschheit. Während also das Leben des einzelnen Menschen sicherer geworden ist, wird das Überleben der Menschheit zunehmend unsicherer.

So leben wir gegenwärtig in einer höchst gefährlichen Zwischen- oder Übergangsperiode: Es geht vorrangig darum, mit größten Anstrengungen den Wettlauf mit der sich noch immer verschlimmernden Umweltkrise zu gewinnen und die Zukunft bzw. das Überleben der Menschheit inmitten einer stabilisierten natürlichen Umwelt langfristig zu sichern.

Da es also im Kern um das - bescheiden anmutende, aber unter den heutigen Umständen sehr schwer zu verwirklichende - Ziel der langfristigen Überlebenssicherung geht, kann diese neue notwendige Gesellschaft am treffendsten als Überlebensgesellschaft bezeichnet werden. Die Überlebensgesellschaft bildet somit notwendigerweise die sich nunmehr herauskristallisierende nächste große Entwicklungsstufe der soziokulturellen Evolution. Diese kann nur weitergehen, wenn den Menschen der Aufbau und die Absicherung der Überlebensgesellschaft gelingt.


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Im Unterschied zur allmählichen Herausbildung der Agrargesellschaft und der Entstehung der Industriegesellschaft befindet sich die Menschheit gegenwärtig in einer Gefahrensituation, die keinen langsamen Übergang zu einer neuartigen, dauerhaft existenzfähigen Gesellschaft zuläßt. Wenn die Menschen nicht kollektiven Selbstmord begehen wollen, dann dürfen sie den sozialen Wandel nicht länger - als einen vermeintlich natur­wüchsigen Vorgang - sich selbst überlassen. Sie dürfen eine eventuell sich neu formierende Gesellschaft nicht in passiver Weise auf sich zukommen lassen.

Sie unterliegen vielmehr der Herausforderung, den gegenwärtigen Umbruch zu einer möglichen und notwendigen Überlebensgesellschaft bewußt zu steuern und mit bestem Wissen zu beschleunigen. Angesichts der kurzen Zeitspanne, die für das Gelingen einer Überlebensgesellschaft nur noch verbleibt, ist sogar eine revolutionäre, tiefgreifende, die gesamte Gesellschaft und Kultur verändernde Umwälzung erforderlich. Die Bewältigung dieser Aufgabe ist einzigartig in der Menschheitsgeschichte.

Inwieweit darf oder muß sich ein Sozialwissenschaftler dazu herausgefordert fühlen, an der visionären Konstruktion einer Überlebensgesellschaft mitzuwirken?

Visionäres Denken - sich auf eine Vision einzulassen, diese zu entfalten und auszumalen - ist für einen Wissenschaftler ein waghalsiges Unternehmen: Er muß damit rechnen, daß ihm Wirklichkeitsferne, Hellseherei, Irrationalismus, Unwissenschaftlichkeit oder sogar Größenwahn vorgeworfen werden, daß er wissenschaftliches Ansehen einbüßt.

Um Kritik, Skepsis und vielleicht auch Neid von vornherein Wind aus den Segeln zu nehmen, muß gesagt werden:
In unserer heutigen Zeit der Ballung von Problemen und Krisen ist das Verlangen nach Visionen immer stärker geworden. Dennis Meadows und seine Koautoren vertreten sogar die Auffassung:

"Visionen ohne Handeln sind nutzlos. Aber das Handeln ohne Visionen hat kein faßbares Ziel. Visionen sind absolut erforderlich zur Motivierung und Lenkung des Handelns. Visionen, die von vielen Menschen gleichartig empfunden und als Ziel anerkannt werden, sind in der Lage, neue Systeme zu schaffen ... Eine neue Gesellschaft kann niemals zustande kommen, wenn sie nicht visionär vorgezeichnet wird."(2)

  • 2  Meadows: S. 268.


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Die Teilnahme an der visionären Konstruktion einer neuen, sogar existentiell notwendigen Gesellschaft ist ganz besonders eine Herausforderung und Bewährungsprobe für die Soziologie, für die Wissenschaft von den Formen und Prozessen des gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen und vom sozialen Handeln. Unter dem wachsenden Krisen- und Problemdruck muß die Soziologie - wenn sie ihr öffentliches Ansehen und ihre Finanzierungsquelle nicht gefährden will - mehr sein als nur eine empirisch oder theoretisch betriebene, mitunter praxisferne und allzuoft prognosescheue Gegenwartswissenschaft. Sie muß trotz der weit vorangeschrittenen Spezialisierung und Aufsplitterung des Fachs dazu imstande sein, dringend notwendige und allgemein erwartete große gesellschaftliche Übersichtsstudien liefern zu können.

Soziologie muß in Rückbesinnung auf ihren Namensgeber - nämlich Auguste Comte (1798-1857) - zukunftsorientierte Krisen-, Prognose- und Planungswissenschaft sein. Wollen Soziologen diesem umfassenden und drängenden Anspruch gerecht werden, dann dürfen sie sich nicht länger hinter einer übersteigert aufgefaßten Forderung nach „Werturteilsfreiheit" sozialwissenschaftlicher Aussagen verschanzen und sich in eine hochgradig spezialisierte und thematisch extrem eingeengte Projektforschung zurückziehen. Die Degeneration der „Gesellschaftswissenschaft" zu einer übermäßig auseinanderentwickelten und parzellierten „Schrebergarten-Soziologie" wäre sonst perfekt - zwar zugunsten individueller Arbeitserleichterung, aber zu Lasten einer ganzheitlichen, künftige Möglichkeiten und Notwendigkeiten einbeziehenden Gesellschaftsanalyse.

Wenn Soziologen bei der unaufschiebbaren Überlebens- und Zukunftssicherung wirkungsvoll mitarbeiten wollen, dann dürfen sie nicht länger in ängstlicher oder bequemer Weise bei der bloßen Feststellung gegenwärtiger Ist-Zustände der Umweltmisere verweilen. Vielmehr kommt gerade ihnen die Kompetenz zu, unter Ausschöpfung der Leistungsfähigkeit des eigenen Faches kreativ und phantasievoll, zugleich aber auch wirklichkeits-bezogen und wissenschaftlich verantwortbar die Umrisse einer Überlebensgesellschaft zu entwerfen. Angesichts des unübertroffenen Problemdrucks der Umwelt- und Überlebenskrise bildet die Konstruktion einer Überlebens­gesellschaft für die Soziologie eine Aufgabe allerhöchsten Ranges.

Wenn die Soziologie dieser großen Herausforderung gerecht werden will, dann muß sie sich aus einem verengten Selbstverständnis als Seins- und Gegenwartswissenschaft herauslösen und sich in verantwortungsethischer Weise verstärkt zur Zukunft hin öffnen.


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Die soziologische Konstruktion einer Überlebensgesellschaft ist eine derartig umfassende Aufgabe, daß sie die weitestgehende Ausschöpfung der verschiedenen Richtungen des Faches, theoretischen Ansätze, methodischen Möglichkeiten und der soziologischen Wissensbestände erfordert. Gefragt sind also hinsichtlich der stark aufgefächerten Spannweite des Faches universalistisch orientierte Soziologen, synthetisierende Geister, zu allen Seiten geöffnete Generalisten. Es kommt vor allem darauf an, unterschiedliche soziologische Ansätze - die mehr von kleineren oder größeren gesellschaftlichen Erscheinungen, von handelnden Individuen oder von sozialen Strukturen ausgehen - zu verknüpfen und mit empirischer Forschung zu verbinden. Im Rahmen einer solchen zusammenfassenden Vorgehensweise hätten sich dann vor allem theoretische Ansätze zur Erklärung des sozialen Wandels und der Verhaltensänderung zu bewähren.

Die Konstruktion einer künftigen, hinreichend schnell realisierbaren Überlebensgesellschaft ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die zwangsläufig eine verstärkte inter- bzw. multidisziplinäre Zusammenarbeit erfordert, insbesondere mit der Sozialpsychologie, Ökologie, Philosophie, Politologie bzw. Politischen Wissenschaft, Wirtschaftswissenschaft und Futurologie bzw. Zukunftsforschung.

Die Überlebenssicherung ist eine weitaus wichtigere Aufgabe als die Absicherung von Fachgrenzen und die Abschottung eines Faches gegenüber Einflüssen von benachbarten Wissenschaften. Die verwickelten Probleme der heutigen Zeit decken sich ohnehin nicht mit einzelnen Objektbereichen verschiedener Fachdisziplinen, sondern liegen meist in ausgedehnten Grenzgebieten, in denen sich mehrere Wissenschaften berühren und sich zunehmend kooperativ überschneiden sollten.

Zur multidisziplinären Gemeinschaftsarbeit der Erforschung von Voraussetzungen und Möglichkeiten der Überlebenssicherung gibt es nur noch eine Alternative: die Beschleunigung der bereits eingesetzten Fahrt mensch­licher Gesellschaft und Kultur in einen bodenlosen Abgrund. Ein ökologisch ruinierter Erdball ohne menschliche Gesellschaft benötigt keine Soziologie mehr - auch wenn sich diese in wissenschaftsethischer Absicht gegenüber Wertvorstellungen, Voraussagen und zukunftsbezogener Konstruktionsarbeit zurückgehalten hat.

Gegenüber eventueller Kritik, es werde in diesem Zusammenhang eine normative, mit dem Anspruch der Wirklichkeitsgestaltung auftretende Wissenschaft gefordert, sei vorbeugend gesagt: Auch und gerade eine Über­lebens­gesellschaft kann nur auf der Grundlage und mit Hilfe von soziokulturellen Werten und sozialen Normen funktionieren. Um nicht im Unklaren und Unverbindlichen oder auf einer abgehobenen theoretisch-abstrakten Ebene zu verbleiben, muß Farbe bekannt werden: es muß angegeben werden, welche bestimmten Werte, Normen und Institutionen für eine Überlebensgesellschaft unverzichtbar sind.


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Überdies verfügt der Verfasser dieses Buches über keinerlei Möglichkeiten, sein Bild von einer Überlebensgesellschaft in der Wirklichkeit durchzusetzen - schon gar nicht in einer Gesellschaft von Individuen mit wachsenden Ansprüchen der persönlichen Selbstbestimmung.

Die sich ausbreitende „geistige Allergie" gegenüber Manipulation, Indoktrination und Fremdbestimmung sorgt dafür, daß die ins Normative hineinreichende sozialwissenschaftliche Erarbeitung der Umrisse einer Über­lebens­gesellschaft nur dann lebenspraktisch lohnens-wert sein kann, wenn sie Kritik standhält, überzeugend wirkt und einsichtsvolle Veränderungen von Wertvorstellungen, Verhaltensweisen und Institutionen auslöst.

Auch möchte der Verfasser nicht den anmaßenden Eindruck entstehen lassen, als wolle er allein, gleichsam von einem Nullpunkt aus die Vision einer Überlebensgesellschaft ausbrüten: Die Herausbildung einer solchen Gesellschaft ist bereits im Gange. Schon unüberschaubar sind die zahlreichen Erkenntnisse und Einsichten, ethischen und politischen Forderungen, Empfehlungen, Rezepte und Programme, praxisverändernde Maßnahmen, Gesetze und Sanktionen, veränderte Wertvorstellungen, Verhaltensweisen und Institutionen, die mittlerweile eine künftige Überlebensgesellschaft ankündigen oder bereits erste Bausteine oder Stützen derselben bilden.

Wie könnte und müßte nun die Vision, das Vorstellungsbild von einer Überlebensgesellschaft vorläufig und in groben Zügen aussehen?

 

   II. Weltanschauung und Wertsystem 

 

Aufgrund ihrer freiheitlichen Eigenart und Funktionsweise ist die Überlebensgesellschaft nicht in monopolartig-totalitärer Weise auf eine bestimmte Weltanschauung festgelegt. Es besteht der Spielraum für die Entfaltung unterschiedlicher Weltanschauungen - bis hin zur Möglichkeit, daß sich jedes Individuum seine eigene Weltanschauung zusammenbastelt.

Trotz weltanschaulicher Vielfalt hat sich weithin eine ökologisch fundierte Weltanschauung durchgesetzt. Diese wird gestützt von Erkenntnissen, Einsichten, Umwelterziehung und Wertvorstellungen, ganz besonders von früheren Erfahrungen mit Umweltzerstörungen und -katastrophen. Nachdem die Menschheit das nihilistische Zwischenstadium einer höchst gefährlichen Überlebenskrise gerade noch durchschreiten konnte, ist eine ökologisch fundierte Weltanschauung zur kulturellen Selbstverständlichkeit geworden.


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Der Mensch sieht sich als ein besonderes, mit außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten ausgestattetes Wesen, zugleich aber auch als ein Glied des umfassenden natürlichen Lebenszusammenhanges, in dem alle Teile miteinander vernetzt und voneinander abhängig sind. Die Angehörigen der Überlebensgesellschaft empfinden die Natur im allgemeinen nicht als etwas Fremdes. Sie wissen, daß sie in die Natur organisch eingebunden sind. Statt Trennung und Entfremdung hat sich vielmehr ein Gefühl für die Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur breitgemacht. Allerdings gibt es immer wieder einzelne Menschen, die von diesem ganzheitlich-ökologischen Weltbild abweichen und womöglich die Natur schädigen. Widerstand und Sanktionen zeigen aber diesen Individuen, wie allgemein und tiefgreifend die ökologisch fundierte Weltanschauung gesellschaftlich verankert ist. Je mehr sie sich umweltschädlich verhalten, um so spürbarer werden sie in Schranken verwiesen und eventuell bestraft.

Infolge der Ausbreitung kritisch-rationalen Denkens und erfahrungswissenschaftlicher Erkenntnisse haben sich die auf einen außerirdischen Gott und auf ein Jenseits bezogenen religiösen Glaubensvorstellungen immer mehr verflüchtigt. Stattdessen hat sich eine nahezu religiös anmutende Bejahung der Erde und des Lebens breitgemacht. Nachdem die Überlebenskrise - die vielen Pessimisten Auftrieb gegeben hatte - bewältigt werden konnte, hat sich eine optimistische Grundhaltung durchgesetzt.

Im Gegensatz zur Ausbeutungsmentalität vor allem des Industriezeitalters hat die Natur eine erhebliche Aufwertung erfahren:
Die Natur wird nicht mehr instrumentalisiert zu einer beliebig ausschöpfbaren Rohstoffquelle und zu einer grenzenlos belastbaren Abfallsenke. Die vergangenen Naturzerstörungen und -katastrophen haben vielmehr gezeigt, wie wichtig es für die Überlebenssicherung ist, natürliche Grenzen für die menschliche Lebensgestaltung rechtzeitig zu erkennen und mit möglichst großem Abstand zu respektieren. Das Wissen um solche Grenzen bildet eine wesentliche Dimension der ökologisch fundierten Weltanschauung.

Der Mensch bringt der Natur Achtung und Wertschätzung entgegen. Er ist bestrebt, die Natur und Ökosysteme in ihrer Vielfalt zu erhalten. Er weiß, daß eine intakte natürliche Umwelt die unverzichtbare Grundlage für alles Leben, für sein eigenes Leben, für die Wirtschaft, für eine gute Lebensqualität und für die Lebensmöglichkeiten der nachfolgenden Generationen ist. Er ist sich der Notwendigkeit bewußt, mit den natürlichen Ressourcen - vor allem den nicht-erneuerbaren - möglichst sparsam umzugehen, die natürlichen Entsorgungskapazitäten möglichst schonend in Anspruch zu nehmen. Er sieht eine hochrangige Daueraufgabe darin, die Natur zu behüten, zu pflegen und zu erhalten.


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Mit der Herausbildung der Überlebensgesellschaft ist ein Gleichgewicht zwischen der menschlichen Lebenswelt und der Natur erreicht worden, das allerdings nicht automatisch dauerhaft stabil ist, sondern ständige Anstrengungen erfordert, um erhalten zu bleiben. Die Menschen wissen, wie lebenswichtig und verletzbar dieses Gleichgewicht ist. Sie sind darauf eingestellt, selbst unter Hinnahme von Unbequemlichkeiten und Verzichten entsprechend umweltschonend zu handeln. Das quantitative, auf schrankenlose Mehrung ausgerichtete Wirtschaftswachstum hat eine starke Abwertung erfahren und ist weitgehend überwunden. Stattdessen ist die wirtschaftliche Entwicklung in Bahnen eines qualitativen Wachstums und einer umweltverträglichen kulturellen Evolution umgeleitet worden.

Nach dem ökologischen Scheitern des Verschwendungskonsums und erleichtert durch eine allgemeine Grundversorgung wenden sich die Menschen verstärkt nichtmateriellen Lebenszielen, sozialen Aufgaben, der Pflege mitmenschlicher Beziehungen und kulturell-künstlerischen Tätigkeiten zu. Sie gönnen sich mehr Muße, Ruhe, Erholungspausen und mehr Spielraum für persönlichprivate Aktivitäten. Die Lebensformen sind reichhaltiger als je zuvor und bilden einen Ausgleich für den ökologisch notwendigen Verzicht auf das einst schrankenlose Wachstum von Wirtschaft und Konsum. Die dem Streben nach individueller Persönlichkeitsentfaltung und Lebensfülle entgegenkommende kulturell-qualitative Entwicklung erleichtert die Hinnahme eines ökologisch angepaßten, materiell entsprechend eingeschränkten Lebensstils.

Die „Bevölkerungsexplosion" ist überwunden worden. Mitunter nimmt in einzelnen Regionen die Bevölkerung sogar ab. Es wird als notwendig und ideal angesehen, das erreichte Bevölkerungsgleichgewicht aufrechtzuhalten. Die Menschen sind allgemein mit zwei Kindern pro Familie zufrieden. Das Bevölkerungsgleichgewicht oder sogar ein noch sozialverträglicher Bevölkerungsrückgang erleichtern den Verzicht auf das frühere quantitative Wirtschaftswachstum und stützen das Gleichgewicht zwischen der menschlichen Lebenswelt und der Natur.

Die Aufwertung, die Wertschätzung der Natur gehen nicht so weit, daß der Natur im naturrechtlichen Sinne - unabhängig vom Menschen - Eigenwert und Eigenrechte zugebilligt werden. Es gibt zwar Personen und Glaubensgemeinschaften mit naturreligiöser Orientierung, die ein solches Naturverständnis verfechten. Jedoch sind kritisch-rationales Denken und das erfahrungswissenschaftliche Weltbild so stark verbreitet, daß jene naturrechtlichen und -religiösen Bestrebungen nicht auf allgemeine Anerkennung stoßen, sondern subkulturell und esoterisch eingeschränkt bleiben. Für die weltanschauliche Fundierung der Überlebensgesellschaft ist es ohnehin ausreichend, wenn die Menschen der Natur schon deshalb hohe Wertschätzung entgegenbringen, weil eine intakte natürliche Umwelt die Lebensgrundlage für alle Menschen und für künftige Generationen bildet.


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Die Angehörigen der Überlebensgesellschaft sind im allgemeinen nicht nur lokal, regional, national oder kontinental orientiert, sondern in starkem Maße auch global. Die nahezu traumatische Erinnerung an die Überlebens­krise trägt entscheidend dazu bei, daß sich die Menschheit - über alle ethnischen, kulturellen und nationalen Unterschiede hinweg - als eine Schicksalsgemeinschaft sieht. Dementsprechend haben sich auch eine globale Denk­weise und Solidarität eingebürgert. Begünstigt durch enorm leistungsfähige Informations- und Kommunikationstechniken haben die interkulturellen Dialoge, Beziehungen und Austauschvorgänge stark zugenommen.

Ethnozentrismus - die Überbewertung der eigenen Kultur und die Abwertung anderer Kulturen - und Nationalismus sind weitgehend Toleranz, gegenseitigem Respekt und Verständnis gewichen. Die Menschheit ist auf dem Wege zur Integration, zur Herstellung eines Ganzen und zur weltumspannenden Zusammenarbeit weit vorangeschritten. Der Übergang zur gewaltfreien Konfliktlösung hat bisher durch Rüstungsanstrengungen beanspruchte Mittel freigesetzt, die nun großenteils zur weltweiten Schaffung möglichst gerechter Lebensbedingungen eingesetzt werden. Im Geist globaler Partnerschaft fühlen sich immer mehr Menschen als Angehörige einer Weltbzw. Menschheitsgesellschaft.

Der kulturelle Kern der Überlebensgesellschaft beinhaltet nicht nur eine ökologisch fundierte Weltanschauung, sondern zugleich auch ein Wertsystem, das der Überlebenssicherung - neben der Menschenwürde - höchste Priorität einräumt.

Die der Naturrechtslehre entstammende Wertvorstellung „Menschenwürde" beinhaltet die Überzeugung, daß jeder Mensch ein einzigartiges Individuum bildet, mit einem Anspruch auf eine sozialverträgliche Entfaltung seiner Persönlichkeit und auf möglichst gute Lebensbedingungen. Der Glaube an die Unantastbarkeit der Menschenwürde verbietet die erniedrigende Behandlung eines Menschen, der weder psychisch noch körperlich verletzt werden darf.

Das Wertsystem ist ein Konstrukt, eine gedankliche Hilfskonstruktion zur Darstellung der Werte einer Gesellschaft, eines gesellschaftlichen Teilbereiches oder eines sozialen Gebildes, der Wertvorstellungen einer Person, die nicht direkt wahrnehmbar und faßbar sind. Sie können nur indirekt erschlossen werden: durch Gespräche, Verhaltensbeobachtungen, Inhaltsanalyse von schriftlichen Dokumenten sowie durch die Untersuchung von kulturellen Gegebenheiten und sozialen Institutionen, die bestimmte Werte zum Ausdruck bringen. Das gesellschaftliche Wertsystem umschließt die vorherrschenden Wertvorstellungen der (meisten) Angehörigen einer Gesellschaft.


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Je differenzierter, pluralistischer oder gar zerrissener eine Gesellschaft ausgeprägt ist, um so schwieriger ist es, angesichts eines Neben- und Gegeneinanders von verschiedenen subkulturellen Wertsystemen ein gesamt­gesellschaftliches Wertsystem oder zumindest einen Minimalkonsens ausfindig zu machen.

Welche Werte - neben den bereits angedeuteten - bilden nun das weitgehend anerkannte und befolgte Wertsystem der Überlebensgesellschaft? Welche Werte haben den jahrzehntelangen kritisch-rationalen Diskussionen, leidenschaftlichen Wertauseinandersetzungen und beschleunigten Wertwandlungsvorgängen standgehalten? Welche Werte werden in einer aufgeklärten, wissenschaftlich-intellektualistisch geprägten Gesellschaft noch akzeptiert? Es sind vor allem Werte bzw. Wertbezüge, die für die Erhaltung der Überlebensmöglichkeiten und für die Verbesserung eines menschenwürdigen Lebens unerläßlich sind.

Die Spitze des Wertsystems spiegelt die von Albert Schweitzer geschaffene „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" wider: „Alle unter uns auftretenden Grundsätze, Gesinnungen und Ideale messen wir in grandioser Pedanterie mit dem durch die absolute Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben geeichten Maße. Gelten lassen wir nur, was sich mit der Humanität verträgt. Die Rücksicht auf das Leben und auf das Glück des Einzelnen bringen wir wieder zu Ehren. Die heiligen Menschenrechte halten wir wieder hoch, nicht die, die die politischen Machthaber bei Banketten verherrlichen und in ihrem Handeln mit Füßen treten, sondern die wahren ... In keiner Weise erlaubt die Ehrfurcht vor dem Leben dem Einzelnen, das Interesse an der Welt aufzugeben. Fort und fort zwingt sie ihn, mit allem Leben um ihn herum beschäftigt zu sein, und sich ihm verantwortlich zu fühlen. Wo Leben in Betracht kommt, dessen Entwicklung durch uns beeinflußt werden kann, geht unsere Beschäftigung mit ihm und unsere Verantwortung gegen es nicht nur darauf, daß wir seine Existenz als solche erhalten und fördern, sondern auch darauf, daß wir es in jeder Hinsicht auf seinen höchsten Wert zu bringen suchen."3

Wie Albert Schweitzer schon vorgedacht hat, beinhaltet die Spitze des Wertsystems der Überlebensgesellschaft nicht nur die Lebensbejahung und Überlebenssicherung, sondern auch die Humanität bzw. Menschenwürde. Das Überleben und die Menschenwürde ergänzen sich somit als gleichrangig höchste Werte. Das Überleben wird also nicht so verabsolutiert, daß es für seine Verwirklichung jedes Mittel heiligt und womöglich eine "Ökodiktatur" rechtfertigt.

  • 3 Albert Schweitzer: Kultur und Ethik, München 1960, S. 352 f.


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Nachdem freiheitlich-demokratische Lebensformen insbesondere in westlichen Gesellschaften weitgehend zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind, konnten die Herausbildung und langfristige Absicherung der Über­lebens­gesellschaft nur dadurch gelingen, daß die Verwirklichung des Terminalwertes(4) Überleben durch weitestgehende lebenspraktische Entfaltung human-sozialer Grundwerte mitbestimmt wurde, insbesondere durch die Werte der Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Nur durch eine solche Balance der existentiellen und humansozialen Terminal- bzw. Grundwerte und durch eine entsprechende Verwirklichung im gesell­schaft­lichen Alltagsleben konnte gewährleistet werden, daß das Leben in einer Überlebensgesellschaft auch lebenswert bleibt und sich die allgemeine Lebensqualität nach Möglichkeit noch steigern läßt.

Zu den existentiellen und human-sozialen Terminalwerten im oberen Bereich des Wertsystems der Überlebensgesellschaft zählen ferner:

  • Bewahrung der Natur

  • Frieden

  • Gesundheit

  • Toleranz

  • Freiheit, Verantwortung und Entfaltungschancen des Individuums

  • Gerechtigkeit

  • mitmenschliche Rücksichtnahme, Einfühlung und Solidarität,

  • Sicherung einer menschenwürdigen Wohlfahrt für alle

  • Verantwortung gegenüber künftigen Generationen.

Es hat sich die Auffassung durchgesetzt, daß die dauerhafte Verwirklichung der ökologisch-human-sozialen Terminalwerte von der Aufrechterhaltung und weiteren Entwicklung einer leistungsfähigen Gesellschaft abhängt. Die Sicherung des Überlebens und der menschenwürdigen Wohlfahrt für alle erfordert es, daß die Überlebensgesellschaft zugleich eine Leistungsgesellschaft ist und bleibt. Dementsprechend beinhaltet der untere Bereich des Wertsystems instrumentelle Werte, die für das Funktionieren der auf einem hohen Leistungsniveau beruhenden Überlebensgesellschaft unerläßlich sind.

Die instrumentellen Werte bzw. instrumental values sind nach Auffassung von Milton Rokeach als Sollvorstellungen bezüglich des Verhaltens auf Mittel und Handlungsweisen zur Erreichung von Terminalwerten gerichtet. Sie decken sich mit persönlichen Kompetenz- und Selbstverwirklichungswerten, aber auch mit zwischenmenschlich bedeutsamen moralischen Werten und Tugenden im überkommenen Sinne.

  • 4 Terminalwerte bzw. terminal values, die sich mit den höchsten, letzten Werten, mit Grundwerten decken, sind nach Auffassung des amerikanischen Wertforschers Milton Rokeach auf letzte Ziele und angestrebte Endzustände der Existenz ausgerichtet: beispielsweise ein angenehmes Leben, eine friedliche Welt, Gleichheit, innere Harmonie, Selbstachtung und wahre Freundschaft. (Milton Rokeach: The Nature of Human Values, New York 1973, S. 7 ff. u. S. 28.)

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Die instrumentellen Werte sind weniger abstrakt und umfassend als die Terminalwerte.5 Dagegen sind sie mehr mit einem Soll-Charakter verbunden, der insbesondere die moralischen Werte und bürgerlichen Tugenden auszeichnet. Die für den Leistungszusammenhang der Überlebensgesellschaft unerläßlichen instrumentellen Werte sind folgende:

  • Lern- und Leistungsbereitschaft

  • Arbeitsfleiß und Erfolgsstreben

  • Kreativität und Wagnisbereitschaft

  • Flexibilität und Mobilität

  • Initiative, Eigenverantwortung und Selbstdisziplin

  • Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Effizienz

Der untere Bereich des Wertsystems enthält ferner instrumenteile Werte bzw. Tugenden, die für die dauerhafte Verwirklichung der ökologisch-exi-stentiellen Terminalwerte notwendig sind:

  • Verzichtsbereitschaft und Selbstbeschränkung

  • Bescheidenheit und Genügsamkeit

  • Sparsamkeit

Hinzu kommen Tugenden und Wertschätzungen, die den Zusammenhalt und das Funktionieren der Gesellschaft zugunsten aller stützen:

  • Gemeinsinn und Gemeinwohlorientierung

  • Kooperation

Die Überlebensgesellschaft ist auf den verschiedenen Ebenen des sozialen Zusammenlebens - von der lokalen bis zur globalen - eher durch Partnerschaft, Miteinander und Zusammenarbeit als durch Hierarchie, Gegen­einander und Konkurrenz geprägt.

Die Aufrechterhaltung des freiheitlich-demokratischen Charakters der Überlebensgesellschaft ist verbunden mit der positiven Bewertung folgender Fähigkeiten und Handlungsbereitschaften, die sich großenteils mit demo­krat­ischen Tugenden decken:

  • Einsichts- und Kritikfähigkeit

  • Informationsdrang und Aufklärungsbedürfnis

  • Nutzung undAusweitung von Partizipations- bzw. von Mitwirkungs- und

  • Mitbestimmungsmöglichkeiten

  • Engagement zugunsten der Steigerung humaner Überlebenschancen

  • Zivilcourage und notfalls Hinnahme persönlicher Nachteile zugunsten der freiheitlichen Lebensform und des Umweltschutzes.

5 Vgl. M. Rokeach: a.a.O., S. 8 f. Als Beispiele für instrumentelle Werte gibt er an: ehrgeizig, fähig, logisch, tolerant, hilfreich, höflich und verantwortlich (vgl. S. 28).


Das Wertsystem der Überlebensgesellschaft versetzt jeden einzelnen prinzipiell dazu in die Lage, von sich aus vorausschauend, verantwortungsbewußt und aktiv zur Erhaltung der natürlichen Lebensbedingungen und zur Verbesserung des sozialen Zusammenlebens beizutragen. Infolge der Inter-nalisierung bzw. Verinnerlichung des Wertsystems ist es ihm möglich, gleichsam automatisch-instinktiv umweltgerecht und sozialverträglich zu handeln. Er wird dann nicht darauf warten, daß andere oder die Gesellschaft vorangehen. Er spürt, daß jeder dazu aufgerufen ist, bei der langfristigen Sicherung menschenwürdiger Überlebensbedingungen mitzuwirken. Die gesteigerte soziokulturelle Mannigfaltigkeit der Überlebensgesellschaft bietet ihm genug Befriedigungsmöglichkeiten, um auf ein ständiges Wachstum des materiellen Wohlstandes verzichten zu können. Aus tiefstem Grunde heraus lehnt er vermeidbare Umweltbelastungen, vor allem die Verschmutzung und Schädigung der natürlichen Umwelt ab.


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Mit Ervin Laszlo kann in Anlehnung an den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant gesagt werden, daß für die Überlebensgesellschaft die folgende allgemeine Handlungsregel grundlegend und unentbehrlich ist: „Wir sollen der Gesellschaft und der Natur gegenüber so handeln, daß alle so handeln können, ohne sich selbst, die Gesellschaft und die Natur dabei zu zerstören."(6)

Es soll nun keineswegs in weltfremd-illusionärer Weise behauptet werden, daß sich das vorgezeichnete Wertsystem in reiner Form verwirklichen ließe, so daß eine Gesellschaft mit gleichgeschalteten standardisierten Personen zustande käme.

Eine solche Standardisierung der Psyche und des Verhaltens von Menschen scheitert schon von vornherein an den von Natur aus gegebenen individuellen Unterschieden. Selbst der bedeutende amerikanische Kultur­anthro­pologe Ralph Linton, der sich der Erforschung der soziokulturellen Prägung der menschlichen Persönlichkeit gewidmet hatte, mußte schließlich diese Unterschiede gebührend anerkennen. Er kam nicht an der Tatsache vorbei, daß in allen Gesellschaften - trotz kultureller Unterschiede - die gleichen „psychologischen Typen" auftreten, beispielsweise Introvertierte, Größenwahnsinnige und Paranoiker. An dem Zustandekommen solcher Typen sind „physiologische", „konstitutionell bedingte Eigenschaften" wesentlich beteiligt. Nach der Auffassung von Linton ergeben sich die „psychologischen Typen" aus dem Zusammenspiel solcher vorgegebenen Eigen­schaften mit den jeweiligen kulturellen Einflüssen und persönlich-sozialen Beziehungen.(7)

Die Standardisierung der Menschen durch eine vollständige Ausrichtung auf ein bestimmtes Wertsystem wäre auch mit einer freiheitlichen Gesellschaft unvereinbar, die der kulturellen Vielfalt, der Toleranz und der individuellen Persönlichkeitsentfaltung große Spielräume gewährt. Eine solche Gesellschaft wäre auch offen für den Wertwandel. Freiheit besteht auch darin, daß Menschen an einem solchen Wertwandel mitwirken können, daß sie sich bis zu einem gewissen Grade ein eigenes Wertsystem schaffen dürfen.

Begünstigt durch die freiheitlich-demokratische Herrschaftsordnung und infolge eines beschleunigten sozialen Wandels sowie verstärkter interkultureller Austauschvorgänge gibt es in der Überlebensgesellschaft ein riesiges

  • 6 E. Laszlo: a.a.O., S. 201.

  • 7 Vgl. Ralph Linton: Mensch, Kultur, Gesellschaft, Stuttgart 1979, S. 253 ff.


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Angebot an weltanschaulichen Orientierungen, Werten, Lebensstilen, Verhaltens- und Entfaltungsmöglichkeiten. Der Freiheitsspielraum und die so-ziokulturelle Mannigfaltigkeit erleichtern es dem einzelnen, in der eigenen Lebensgestaltung und mit dem eigenen Verhalten von dem vorherrschenden Wertsystem - das von den meisten Menschen weitgehend, von vielen sogar engagiert anerkannt und befolgt wird - abzuweichen. Diese Abweichungen können das soziale und kulturelle Leben bereichern und den sozialen Wandel vorantreiben. Sie werden aber notgedrungen auf Widerstand und Sanktionen stoßen, wenn sie Terminalwerte verletzen, die für die Überlebensgesellschaft unverzichtbar sind: nämlich die Werte des Überlebens und der Menschenwürde. Dementsprechend wird ein Verhalten um so mehr durch die soziale Kontrolle in Schranken verwiesen, je mehr es sich umweltschädigend auswirkt oder die Würde und Grundrechte anderer Menschen verletzt.

Abschließend kann gesagt werden, daß der kulturelle Kern der Überlebensgesellschaft aus einer ökologisch fundierten Weltanschauung und aus einem Wertsystem besteht, welches der Überlebenssicherung und der Menschen­würde höchste Priorität einräumt. Dieser kulturelle Kern bildet in horizontaler Hinsicht zugleich eine Dimension, die wie eine Klammer entscheidend dazu beiträgt, daß die einzelnen Gesellschaften - trotz ihrer ethnisch-kulturellen und nationalen Unterschiede - insgesamt eine globale Überlebensgesellschaft bilden. Angesichts der Unbegrenzbarkeit der industriegesellschaftlichen Umweltbelastungen kann eine Überlebens­gesellschaft nur durch ihre globale Ausweitung Dauerhaftigkeit erlangen. Nachdem in Reaktion auf die Überlebenskrise die hochrangige Stellung des Wertes Überleben in der Weltanschauung und im Wertsystem zu einer kulturellen Selbstverständlichkeit geworden ist, wurde es den einzelnen Gesellschaften erleichtert, sich gliedhaft in eine global entfaltende Überlebensgesellschaft hineinzuentwickeln. Diese kann zugleich die Herausbildung einer Weltkultur und Welt- bzw. Menschheitsgesellschaft begünstigen.

 

   III. Wissenschaft und Bildung  

 

Wissenschaft umfaßt die Gesamtheit des systematisierten menschlichen Wissens über die Natur, den Menschen, die Gesellschaft und Kultur. Neuzeitliche Wissenschaft ist in freiheitlichen Gesellschaften des abendländischen Kulturkreises geprägt durch bestimmte Methoden bzw. Vorgehensweisen zur Gewinnung von Forschungsergebnissen, Erkenntnissen und Erklärungen, die als objektiv, sachlich angemessen anerkannt werden können.


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Wissenschaftler können der Forderung nach Objektivität bzw. „Werturteilsfreiheit" (Max Weber) nur gerecht werden, wenn sie nach der Entscheidung für ein Thema die Forschung und die Formulierung der Ergebnisse unabhängig von persönlichen Auffassungen, Wertvorstellungen, Interessen und Wünschen durchführen.

Als gesellschaftliches Subsystem bzw. als ein Bereich der Gesellschaft mit eigenständiger Ausprägung umschließt Wissenschaft zugleich alle wissenschaftlich arbeitenden Institutionen - Universitäten, Akademien, Forschungsgesellschaften, -anlagen und -institute - und Personen. In neuerer Zeit hat sich - vor allem in den Naturwissenschaften - der Schwerpunkt immer mehr von den einzeln forschenden Wissenschaftlern zu jenen verlagert, die in Wissenschaftseinrichtungen tätig sind und dort oft einem Forscherteam angehören.

Wissenschaft ist zur grundlegenden Produktivkraft der modernen Gesellschaft geworden. Sie liegt dem technischen Fortschritt, der wirtschaftlichen Entwicklung und somit auch dem Wohlstand zugrunde. Wissenschaft durchdringt und beeinflußt alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und trägt maßgeblich zu deren Veränderung bei. Dementsprechend wird die Moderne, die neuere Zeit auch oft als ein „wissenschaftliches Zeitalter" bezeichnet.

Die Überlebensgesellschaft ist zugleich eine hochentwickelte Wissensund Bildungsgesellschaft. Wissenschaft ist zu einem besonders wichtigen, prägenden und einflußreichen Bereich dieser Gesellschaft geworden.

Nachdem die technisch-wirtschaftliche Verwertung der Wissenschaft zugunsten eines ökologisch rücksichtslosen Wirtschaftswachstums und Verschwendungskonsums maßgeblich in die Überlebenskrise hineingeführt hat, ist ein neues Wissenschaftsideal zur Selbstverständlichkeit geworden:

Wissenschaft wird nicht mehr so aufgefaßt, als habe sie nur dem Streben nach Wahrheit und Erkenntnis zu dienen. Sie ist nicht mehr von der Frage abgekoppelt, durch wen und wie die Forschungsergebnisse praktisch verwertet werden. Dem Wissenschaftler wird nicht mehr zugestanden, sich hinsichtlich dieses Problems der Verwertung seiner Arbeitsresultate neutral und abstinent verhalten zu können. Das oft mißverstandene und überinterpretierte Prinzip der „Wertfreiheit" objektiver Wissenschaft - treffender ist die Bezeichnung „Werturteilsfreiheit" - wird nicht mehr als Rechtfertigung oder Ausrede dafür anerkannt, sich von der Verantwortung für die Auswirkungen der eigenen wissenschaftlichen Arbeit fernzuhalten.

Es besteht die allgemeine Auffassung, daß Wissenschaft ihre Rechtfertigung und Nützlichkeit aus der Orientierung an den höchsten Werten der Überlebensgesellschaft empfängt.


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Diese Wertorientierung bildet den entscheidenden Wegweiser für die Wissenschaft. Diese steht damit in erster Linie im Dienste des Menschen bzw. aller Menschen. Sie dient der Zukunftssicherung der menschlichen Gesellschaft, der Verminderung des Leidens und der Gefahren, der Verbesserung der Lebensqualität und der dauerhaften Sicherung der Lebensbedingungen.

Der Orientierungsrahmen und die Verantwortung des Wissenschaftlers haben dementsprechend eine Ausweitung erfahren: Seine Verantwortung beschränkt sich nicht mehr allein darauf, methodisch einwandfrei Forschungsergebnisse zu erzielen und unverfälscht zu präsentieren. Unter Orientierung an dem obersten Wert der Erhaltung oder gar Verbesserung menschenwürdiger Lebensverhältnisse hat er ein Gespür für die unterschiedliche Dringlichkeit der sich zahlreich anbietenden Forschungsthemen. Er neigt dazu, sich vorrangig besonders drängenden Problemen und Forschungsfragen zuzuwenden. Er fühlt sich moralisch dazu verpflichtet, Forschungsaufträge und Themen abzulehnen, die zu Forschungsergebnissen mit gefährlichen Anwendungsmöglichkeiten führen könnten: Beeinträchtigung menschlicher Würde, Freiheit und Gesundheit, Verschlechterung der Lebensqualität, Schädigung der natürlichen Umwelt und Überlebensbedingungen. Er fühlt sich mitverantwortlich für die praktische Verwertung seiner Forschungsergebnisse und Erkenntnisse. Sollte sich in Verletzung höherer Werte der Überlebensgesellschaft ein Mißbrauch von Forschungsergebnissen anbahnen, dann ist der Wissenschaftler dazu berechtigt, in sozial akzeptabler Weise Widerstand zu leisten. Wissenschaftler können mit gesellschaftlicher, auch finanzieller Unterstützung rechnen, wenn sie durch verantwortungsbewußtes Handeln Nachteile hinnehmen müssen. Die ethische Orientierung und das eigene Gewissen verhindern es, daß der einzelne Wissenschaftler als Angehöriger einer Forschungseinrichtung und einer Forschergruppe seine persönliche Verantwortung entsprechend verkleinert und sich hinter der Institution oder den Kollegen versteckt.

Eine wesentliche Stütze für die ökologisch-gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaftler besteht darin, daß diese ganz besonders darüber informiert sind, wie die Menschheit durch eine umweltschädliche Verwertung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in eine Überlebenskrise hineingeriet und wie schnell eine solche Bedrohung wiederkehren kann.

In der Aus- und Fortbildung der Wissenschaftler nimmt die den höheren Werten der Überlebensgesellschaft gerecht werdende Wissenschaftsethik einen hohen Stellenwert ein. Es handelt sich um eine ökologisch-gesellschaftlich ausgerichtete Verantwortungsethik, die den Wissenschaftler dazu veranlaßt, möglichst gedankenreich und weitblickend die (wahrscheinlichen) Folgen seiner Arbeit zu berücksichtigen.


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Diese Ethik beinhaltet das Gebot, nicht-verantwortbare, in ihren Konsequenzen höhere Werte verletzende Forschungen und Tätigkeiten zu unterlassen oder zu verhindern. Aufgrund dieser ethischen Schulung werden Wissenschaftler im allgemeinen durch ein hochentwickeltes ökologisch-gesellschaftlich ausgerichtetes Verantwortungsbewußtsein und Gewissen geleitet.

Durch sozialwissenschaftliche und ethische Bewußtseinsschulung werden Wissenschaftler dazu befähigt, sich nicht ungewollt von bestimmten Weltanschauungen, Ideologien, Werten und Interessen verführen zu lassen. Sie sind sich der Tatsache bewußt, daß sie unter dem Einfluß solcher Bestimmungsgründe des Handelns aufgewachsen sind. Sie sehen auch deutlich die eigene Einbettung in eine soziokulturelle Umwelt, die ständig auf den einzelnen einwirkt. Sie sind dazu in der Lage, sich der eigenen weltanschaulichen Orientierungen, Wertvorstellungen, Interessen und Wünsche bewußt zu werden und sich mit diesen Elementen der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Dann können sie auch verhindern, daß sich diese persönlichen Elemente unkontrolliert in die Forschungsarbeit einschleichen und Ergebnisse verzerren. Sie sind sensibel und gegebenenfalls abwehrbereit gegenüber von außen kommenden weltanschaulich-ideologischen Einflüssen, Wertorientierungen, Meinungen, Vorurteilen, Interessen und Herrschaftsansprüchen. In Übereinstimmung mit dem eigenen - ethisch geprägten - Gewissen sind sie bestrebt, möglichst weitgehend Unabhängigkeit zu bewahren und sich nicht korrumpieren zu lassen.

Trotz kritischer Distanz gegenüber soziokulturellen Einflüssen sehen sich Wissenschaftler nicht abgehoben von der Gesellschaft. Sie haben den „Elfenbeinturm" verlassen und keine Scheu mehr davor, sich wissenschaftlich auch mit dem Menschlich-Allzumenschlichen und mit den nächsten Dingen des alltäglichen Lebens zu beschäftigen. Angetrieben durch eine stark ausgeprägte ökologisch-gesellschaftliche Verantwortung sind sie aufgeschlossen für ökologische, soziale und menschliche Probleme sowie für Erwartungen der Öffentlichkeit.

Die Wissenschaftsethik der Überlebensgesellschaft kommt in dem Ethik-Kodex der Einzelwissenschaften zum Ausdruck. Hierbei nimmt die ökologisch-gesellschaftliche Verantwortung des Wissenschaftlers einen hohen Rangwert ein. Besonders großes Gewicht wird auch der Objektivität der Forschung beigemessen. Der Ethik-Kodex enthält Grundsätze, Leitlinien und Normen, denen der Fachwissenschaftler gerecht werden soll. Zugleich sind Sanktionen festgelegt, mit denen bestimmte Regelverletzungen bestraft und eingedämmt werden können.

In der Wissenschaft nimmt die Umweltforschung eine herausragende Stellung ein. Sie wird großzügig gefördert und multidisziplinär betrieben.


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Die Gefahr einer Wiederkehr der Überlebenskrise ist allein schon eine starke Stütze für die aufwendig betriebene Umweltforschung. Es wird fortdauernd untersucht, wie sich die menschlichen Aktivitäten, die wirtschaftlichen Vorgänge, das Konsum- und Freizeitverhalten auf die natürliche Umwelt und auf einzelne Ökosysteme auswirken; wie sich noch vorhandene Belastungen weiter verringern lassen; wie sich der Rohstoff- und Energieverbrauch weiter reduzieren läßt; wie sich der Schwerpunkt weiter zu den erneuerbaren Energieträgern verlagern läßt. Besonders emsig werden Chemikalien hinsichtlich ihrer Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit untersucht. Umfangreiche Forschungen sind dem Biologischen Landbau und insbesondere dem Integrierten Pflanzenschutz gewidmet.

Eine Daueraufgabe ist die Umweltverträglichkeitsprüfung: Es geht darum, vorsorglich mögliche umweltbezogene und gesundheitliche Folgen und vor allem Risiken sachlich angemessen abzuschätzen, die durch eine Verwertung von Forschungsergebnissen und Erfindungen sowie durch ökologisch bedeutsame Maßnahmen unterschiedlichster Art, z.B. in der Verkehrspolitik und Raumordnung, eintreten können. Ferner: Wie kann die ökologische Anpassung des Wirtschaftslebens noch gesteigert werden? Wie können die Umweltaufklärung und -erziehung noch verbessert werden? Wie können Menschen noch mehr dazu motiviert werden, sich umweltgerecht zu verhalten und sich für den Naturschutz einzusetzen? Wie können noch vorhandene internationale Unterschiede hinsichtlich des Umweltschutzes zugunsten möglichst hoher Anforderungen überwunden werden? ...

Angesichts der unvorstellbaren Ausweitung und Vertiefung des wissenschaftlichen Wissens hängt der weitere wissenschaftliche Fortschritt immer mehr von der Arbeit hochspezialisierter Fachleute ab, die in Forschungseinrichtungen und Gruppen erfolgreich, oftmals multidisziplinär zusammenarbeiten. Darüber hinaus sind aber auch immer mehr solche Wissenschaftler aufgewertet worden, die sich nicht auf eine enge Spezialisierung einlassen, sondern mit multidisziplinärer Orientierung ein möglichst umfangreiches, weitgefächertes, immer wieder zu aktualisierendes Wissen anstreben. Hierbei bedienen sie sich des ganzheitlichen, vernetzten Denkens. Gerade auch im Hinblick auf die Öffentlichkeit leisten diese Wissenschaftler wichtige Arbeit dadurch, daß sie als „synthetisierende Geister" und Generalisten große Zusammenhänge darstellen und Überblicke gewähren.

Der Kreis der Generalisten überschneidet sich mit jenem der Populärwissenschaftler, die gleichfalls eine wichtige Rolle spielen und dementsprechend hohes Ansehen gewonnen haben: Nachdem wissenschaftliches Wissen zur Grundlage für einen schonenden, möglichst risikoarmen Umgang mit der Natur und für eine Verbesserung des gesellschaftlichen Zusammenlebens geworden ist,


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haben diese Populärwissenschaftler die Aufgabe zu erfüllen, daß neues Wissen in die Gesellschaft hineingetragen wird und auch von den sogenannten „kleinen Leuten" verstanden werden kann. Sie haben also eine Übersetzungsaufgabe zu bewältigen, und zwar Umsetzung von neuen, oft in komplizierter Wissenschaftssprache formulierten Erkenntnissen in die allgemein verständliche Sprache. Die Ausbreitung vollzieht sich haupt­sächlich über die Massenmedien. Besonders wichtige Ansprechpartner sind deshalb Journalisten, die eine verständliche Präsentation neuen Wissens erwarten.

In der Überlebensgesellschaft werden nicht nur jene Wissenschaftler ethisch geschult und mit einem ökologisch-gesellschaftlichen Verantwortungsgefühl ausgestattet, die später in der Forschung tätig sind. Vielmehr wird bei der Ausbildung aller Akademiker großer Wert darauf gelegt, daß sie dieses ethische Bewußtsein und Verantwortungsgefühl erlangen. Das zu vermittelnde Fachwissen der einzelnen Wissenschaften enthält ökologische und sozialwissenschaftliche Aspekte, die für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Überlebensgesellschaft bedeutsam sind:

  • In der Heranbildung von Ärzten wird die Umweltmedizin in starkem Maße berücksichtigt.

  • Die Ausbildung der Naturwissenschaftler beinhaltet eine Sensibilisierung für Probleme und Gefahren, die durch Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf die natürliche Umwelt und auf Ökosysteme entstehen (können).

  • Ingenieure werden so ausgebildet, daß sie sich für einen umwelt- und sozialverträglichen technischen Fortschritt und für eine entsprechende Weiterentwicklung von Technologien, Produktionsverfahren und Produkten einsetzen.

  • Die Ausbildung der Architekten beinhaltet die Baubiologie und das ökologisch orientierte Bauen. Sie werden mit den Möglichkeiten vertraut gemacht, landschaftsgerecht zu bauen, umweit- und gesundheitsverträgliche Baustoffe zu verwenden, Energiesparhäuser zu entwickeln, Sonnenenergie zu nutzen, Wasser einzusparen, Lärm zu mindern,...

  • Im Bereich der Wirtschaftswissenschaften werden die künftigen Führungskräfte so ausgebildet, daß sie aus eigener Überzeugung, Verantwortung und Motivation heraus in ihrem wirtschaftlichen Handeln möglichst weitgehend ökologische und soziale Gesichtspunkte berücksichtigen.

  • Bei der Ausbildung von Psychologen, Soziologen und Politologen wird der Lebenszusammenhang von Mensch, Gesellschaft und Natur in hohem Maße gewürdigt. Die Ökologische Psychologie und Soziologie sowie die Umweltpolitik bilden jeweils wichtige Teildisziplinen.

  • In der Lehrerausbildung ist die Umwelterziehung allgemein verbindlich.


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  • Die Ausbildung für einzelne Schulfächer beinhaltet eine weitgehende Berücksichtigung der jeweils passenden ökologischen Aspekte.

  • Auch bei der Ausbildung in weiteren geeigneten Wissenschaften wie beispielsweise die Philosophie, Theologie, Pädagogik und Publizistik bzw. Kommunikationswissenschaft ist die Berücksichtigung ökologischer und gesellschaftlicher Aspekte selbstverständlich geworden.

In der Überlebensgesellschaft wird allgemein erwartet, daß sich Wissenschaftler und akademisch ausgebildete Praktiker - vor allem im Hinblick aufdrängende Probleme - soweit wie möglich öffentlich-politisch engagieren. Dieses Engagement darf allerdings nicht dazu führen, daß Wissenschaft und Politik inhaltlich vermischt werden, daß politische Aussagen wissenschaftlich verkleidet werden. Die wissenschaftsethische Ausbildung des einzelnen erleichtert es auch, die Rollen des Wissenschaftlers und des politisch engagierten Bürgers oder Funktionsträgers klar und eindeutig zu trennen. Angesichts der wichtigen Rolle des Wissenschaftlers und akademischen Praktikers haben diese Experten große Spielräume für das öffentlich-politische Engagement und für die Entfaltung von Zivilcourage. Die Beiträge von Wissenschaftlern und Akademikern zur Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft haben sozial und rechtlich Vorrang gegenüber berufsbedingter Loyalität und gegenüber Betriebs- und Dienstgeheimnissen. Es ist üblich, daß sich Wissenschaftler für die Politikberatung und für Beiräte zur Verfügung stellen, daß sie in Bürgerinitiativen und Umweltschutzgruppen mitarbeiten, daß sie mit Journalisten, Parlamentariern und Betroffenengruppen im Dialog stehen.

Begünstigt durch das Zustandekommen weltweiter Informationssysteme und durch die fortschreitende Verbesserung der Kommunikationstechniken hat sich in der Wissenschaft eine globale Zusammenarbeit ergeben, die zu den Fundamenten der Überlebensgesellschaft zählt.

In enger Verflechtung mit der Wissenschaft ist der Bereich Erziehung, Bildung und Aufklärung grundlegend wichtig für die Stabilität und Weiterentwicklung der Überlebensgesellschaft:

Durch Erziehung, Bildung und Aufklärung wird fortwährend Umweltwissen verbreitet und aktualisiert, Umweltbewußtsein geschaffen und geschärft, werden umweltgerechte Handlungsmöglichkeiten vermittelt und angetrieben.

Auf der Grundlage eines international abgestimmten Bildungsplanes wird die Weltbevölkerung über die globale Umwelt aufgeklärt. Ausgerichtet auf die Spannweite zwischen dem lokalen Lebensbereich und der globalen Umwelt wird Einsicht in Zusammenhänge, Vernetzungen, Verflechtungen, gegenseitige Abhängigkeiten und in das Funktionieren von Systemen vermittelt.


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Es wird immer wieder der Totalitätscharakter der Lebenswelt verständlich gemacht, die durch ein vielschichtiges Netz von Wechselwirkungen und Regelkreisen zusammengehalten wird. Es wird unentwegt versucht, möglichst allen Menschen eine positive, fürsorgliche Einstellung gegenüber der Natur zu vermitteln. Dementsprechend werden mit psychologischpädagogischer Einfühlung die Umwelterziehung, -bildung und -aufklärung so gestaltet, daß alle Bevölkerungsteile wirkungsvoll erreicht werden. Besondere didaktische und zielgruppengerechte Anstrengungen werden dahingehend unternommen, die Angehörigen der unteren Bildungsschichten erfolgreich ansprechen zu können. Diese Bemühungen werden begünstigt durch eine Bildungspolitik, die Analphabetentum zu verhindern versucht.

Auch wenn sich nach der Überlebenskrise die Umweltprobleme erheblich abgeschwächt haben und teilweise sogar verschwunden sind, so bleiben dennoch Gefahren. Eine große Gefahr besteht allein schon darin, daß die Einstellung gegenüber der Natur wieder liebloser wird, daß sich wieder eine Neigung zur Ausbeutung der Natur bemerkbar macht, daß immer mehr Menschen rückfällig werden und wieder einen Lebensstil anstreben, der mit steigenden Umweltbelastungen und -Schädigungen verknüpft ist. Schlummernde Gefahren verwandeln sich dann wieder in zunehmend brisante Umweltprobleme - bis hin zu einer Wiederkehr der Umwelt- und Überlebenskrise. Angesichts solcher Möglichkeiten - die nicht endgültig beseitigt werden können, solange es neuzeitliche Menschen gibt - wird größtes Gewicht darauf gelegt, alle Menschen hinsichtlich drohender Umwelt-und Gesundheitsgefahren zu sensibilisieren. Es wird unaufhörlich einer Abschwächung des umweltbezogenen Gefahren- und Risikobewußtseins entgegengewirkt.

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Ansprache und Mobilisierung persönlicher Betroffenheit: Es wird versucht, jedem einzelnen immer wieder klarzumachen, daß er, seine Angehörigen und eventuell seine Nachkommen durch eine Wiederkehr und Verschlimmerung von Umweltproblemen und Gesundheitsgefahren betroffen wären, und zwar zuungunsten der Lebensqualität, Gesundheit und individuellen Lebensdauer. Die Aufrechterhaltung von Risikobewußtsein und die Ansprache persönlicher Betroffenheit sind somit unerläßlich für die Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft.

Die Erziehungs- und Bildungsarbeit zugunsten der Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft beinhaltet zugleich eine Werterziehung: Für die Stabilität und Kontinuität dieser Gesellschaft ist es von grundauf notwendig, daß den nachwachsenden Individuen das zentrale Wertsystem der Überlebensgesellschaft vermittelt wird, daß bei den Gesellschaftsangehörigen dieses Wertsystem gefestigt und verhaltensbestimmend bleibt.


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Aufgrund des freiheitlichen Charakters der Überlebensgesellschaft, der hohen Bildungsniveaus und des Strebens nach individueller Selbstbestimmung kann nur eine solche Werterziehung erfolgreich sein, die nicht auf Indoktrination, Manipulation und Zwang setzt, sondern auf Vernunft, Einsicht und Überzeugung. Auch wenn man Kinder manipulieren und dressieren kann: Nach der Reifung zur eigenständigen Persönlichkeit akzeptiert das Individuum nur noch Werte, die ihm vernünftig und sinnvoll erscheinen, die seinem kritischen Denken standhalten. Entscheidend für die Anerkennung und Befolgung von Werten ist die Überzeugung, daß diese auf das Wohlergehen der eigenen Person und nächsten Mitmenschen und auf die Gewährleistung möglichst guter Lebensbedingungen - die wiederum eine gut funktionierende Gesellschaft und eine intakte natürliche Umwelt voraussetzen - ausgerichtet sind. Auf einem solchen Wege der überzeugenden Werterziehung kann die Überlebensgesellschaft den Minimalkonsens grundlegender Werte aufrechterhalten, der für sie unverzichtbar ist.

Zur Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft reicht die Vermittlung von Umweltwissen und Werten nicht aus. Den Gesellschaftsangehörigen - vor allem den nachwachsenden Individuen - wird ganz konkret verständlich gemacht, wie sie das zentrale Wertsystem der Überlebensgesellschaft in ihrem alltäglichen Verhalten, in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen und nach Möglichkeit in einem politischen Engagement verwirklichen können. Dementsprechend werden ihnen Möglichkeiten für ein umweltgerechtes, gesellschaftlich solidarisches und politisch engagiertes Handeln aufgezeigt und auch angeboten. Ihnen wird verdeutlicht, daß sie weder als Verbraucher noch als Wähler und Staatsbürger gegenüber vermeintlich übermächtig erscheinenden gesellschaftlichen Großgebilden resignieren müßten.

Im Gegenteil: Sie werden dazu befähigt und immer wieder motiviert, die eigene Macht auszuschöpfen und durch angemessenes Nachfrage-, Konsum-, Wahl- und Mitbestimmungsverhalten die Überlebensgesellschaft zu sichern. Ihnen wird immer wieder klargemacht: Der Beitrag des einzelnen mag winzig oder sogar wirkungslos erscheinen. Jedoch die Summe der Handlungen vieler oder sogar aller bildet eine große Macht und ist entscheid­end wichtig für die Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft. Es ist eine Daueraufgabe für den Bereich Erziehung, Bildung und Aufklärung, den einzelnen zur Mitverantwortung und tatkräftigen Mitwirkung zu ermuntern.

Den nachwachsenden Individuen werden die zentralen Werte der Überlebensgesellschaft, Umweltwissen sowie umweltgerechte und solidarische Verhaltensweisen möglichst frühzeitig vermittelt.


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Diese Erziehungsarbeit wird durch die Erkenntnisse gestützt, daß die Grundpersönlichkeit des heranwachsenden Menschen schon in den ersten Lebensjahren aufgebaut wird, daß mit zunehmender soziokultureller Festlegung der Persönlichkeit und mit fortschreitendem Lebensalter die Lernfähigkeit des Menschen im allgemeinen nachläßt. Die Persönlichkeitsstruktur, die Wertorientierungen und Verhaltensbereitschaften des Kindes sind somit schon bei dem Eintritt in die Schule weitgehend festgelegt und danach entsprechend erschwert veränderbar. Bei vielen Menschen können sich in späteren Lebensphasen kaum noch fundamentale Weichen­stellungen hinsichtlich der Wertorientierungen und Verhaltensweisen vollziehen.

Je frühzeitiger und tiefgreifender den nachwachsenden Individuen die zentralen Werte der Überlebensgesellschaft sowie Umweltwissen vermittelt werden, um so mehr werden sie später für Informationsangebote empfänglich und für Verhaltensänderungen flexibel sein, die für das Funktionieren jener Gesellschaft wichtig sind. Vor allem aber können sie dann um so leichter von sich aus umweltgerecht und solidarisch handeln, so daß äußere Bestimmungen, Zwänge und Sanktionen nur in geringem Maße oder überhaupt nicht notwendig sind. Zur Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft kann also die dazu erforderliche Wert-und Umwelterziehung nicht früh genug einsetzen.

Eine möglichst früh einsetzende Werterziehung muß immer wieder mit dem Vorwurf rechnen, es handle sich um Indoktrination, weil sich das Kind noch nicht gegen diese erzieherische Beeinflussung und Festlegung wehren könne. Ein Kind wächst aber immer in einer soziokulturellen Umwelt auf und unterliegt damit zwangsläufig den prägenden Einflüssen dieses Umfeldes, zu denen ganz besonders weltanschauliche Orientierungen, Überzeugungen und Werte zählen. Außerdem hat sich das zentrale Wertsystem der Überlebensgesellschaft aus langwierigen und umfassenden Vorgängen der Konsensbildung herauskristallisiert. Es hat kritisch-rationalem Denken und Diskutieren standgehalten. Es wird nunmehr von allgemeiner Übereinstimmung und Anerkennung getragen. Schließlich wird dem Kind zum eigenen Vorteil ein Wertsystem vermittelt, das ihm im Rahmen stabiler und guter Lebensverhältnisse ein glückliches Leben ermöglichen soll.

In der Überlebensgesellschaft spielt somit schon im vorschulischen Erziehungsbereich die Wert- und Umwelterziehung eine große Rolle. Die Familie, Erziehungspersonen, mitunter weitere Verwandte, der Kindergarten, die Vorschulerziehung und die Massenmedien sind auf diese verantwortliche Aufgabe eingestellt. Im Kindergarten tätige Erzieherinnen und Erzieher und teilweise auch Journalisten werden entsprechend ausgebildet.

Insbesondere Eltern bzw. Erziehungspersonen tragen grundlegend dazu bei, daß ihre Kinder möglichst frühzeitig „Ehrfurcht vor dem Leben" gewinnen,


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den Wert einer intakten und gesunden Umwelt erkennen, die Mitschöpfe nicht als bloße Ausbeutungsobjekte ansehen und gegenüber den Mitmenschen ein starkes Gefühl der Solidarität entwickeln. Schon den kleineren Kindern wird so weit wie möglich die Einsicht vermittelt, daß das eigene Lebensglück in starkem Maße von der Qualität der natürlichen und sozialen Umwelt abhängt, daß jeder einzelne Mensch durch umweltfreundliches und solidarisches Verhalten an der Verbesserung der Lebensqualität mitwirken kann.

Im Gegensatz zur früheren, vorrangig auf Wettbewerb, Wirtschaftswachstum und Verschwendungskonsum ausgerichteten Industriegesellschaft sind nun Eltern dazu in der Lage, im Dienste der Überlebensgesellschaft bei der Wert- und Umwelterziehung grundlegend mitzuwirken. Sie sind in ihrer Schulzeit auf diese wichtige Aufgabe vorbereitet worden. Darüber hinaus sind viele Eltern Akademiker, die während des Studiums zusätzliches Umweltwissen erlangen konnten und ethisch geschult wurden. Schließlich zählen der Umweltschutz und die soziale Lebensqualität zu den vorrangigen Themen der Massenmedien.

Erzieherinnen und Erzieher in Kindergärten und Vorschulen bauen bei den ihnen anvertrauten Kleinkindern das bereits von Eltern fundierte Umweltbewußtsein aus. Mit Lernmethoden, die Spaß und Freude bereiten, wird das Interesse an der Natur verstärkt - gerade in der Stadt. Praxisbezogenes Lernen steht im Vordergrund: Experimente, Naturspiele, Umweltbeobachtung, ökologische Kindergartengestaltung, Pflege des eigenen Gartens, Zusammen­arbeit mit den Eltern, vollwertige Ernährung. Neben der Einübung eines sozialen, einfühlsamen Verhaltensstils gilt es als eine der Hauptaufgaben, den Kindern die Natur spannend und immer wieder Interesse weckend darzustellen.

Schon in der Familie und im Kindergarten ist die Erziehung von Mädchen und Jungen darauf ausgerichtet, daß in der Überlebensgesellschaft Frauen und Männer nicht nur formal-rechtlich, sondern auch lebenspraktisch gleichgestellt sind. Beide Geschlechter haben gleiche Bildungs-, Entfaltungs- und Lebenschancen. Dadurch sind stabile Voraussetzungen gegeben, daß die Diskriminierung, Beherrschung, Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen durch Männer überwunden bleiben. Frauen genießen das gleiche gesellschaftliche Ansehen und die gleichen Mitentscheidungsrechte wie Männer. Für die Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft ist es von besonderer Bedeutung, daß Frauen - begünstigt durch gute Ausbildung und starkes Selbstbewußtsein - gleichberechtigt die Familienplanung mitbestimmen und sich keine (überhöhte) Geburtenzahl aufzwingen lassen. Sie bestimmen selber über die Anzahl ihrer Kinder.


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Um gesellschaftlich und beruflich ebenso wie Männer mitwirken zu können, um den eigenen Kindern möglichst gute Entwicklungschancen zu geben und auch aus ökologischer Verantwortung beschränken sich die Frauen im Durchschnitt auf zwei Kinder. Dadurch ist das Bevölkerungswachstum überwunden und ein stabiles Gleichgewicht erreicht worden.

Besonders großes Gewicht wird der Umwelterziehung in der Schule beigemessen. Durch internationale Abkommen ist erreicht worden, daß alle Staaten für eine umfassende, intensiv betriebene Umwelterziehung sorgen. Es hat sich allgemein durchgesetzt, daß die Umwelterziehung fächerübergreifend praktiziert wird. Dementsprechend werden in allen geeigneten Fächern - bis hin zum Sprach- und Sportunterricht - ausführlich Aspekte des Umweltschutzes behandelt. Da in der Zeit der Überlebenskrise die Umwelterziehung allzuoft nur stiefmütterlich berücksichtigt wurde, liegt nun diese existentiell wichtige Aufgabe nicht mehr im Belieben der Lehrer. Auf der Grundlage eines international abgestimmten Bildungsplans ist die Umwelterziehung in staatlich vorgegebenen Lehrplänen fest verankert. Großer Wert wird auf eine Koordinierung der umwelterzieherischen Beiträge der einzelnen Fächer gelegt.

Besonders ausführlich behandelt werden:

  1. Die Ursachen, Auswirkungen und Gefahren der bewältigten Überlebenskrise.

  2. Die weiterhin bestehende Gefährdung der natürlichen Lebensbedingungen durch eine technisch zunehmend mächtiger werdende Menschheit, die hinsichtlich der Möglichkeit einer rücksichtslosen Naturausbeutung rückfällig werden könnte.

  3. Die Möglichkeiten einzelner Individuen, sozialer Gruppen und Organisationen, durch ökologisch-sozial verantwortungsbewußtes Handeln zur Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft beitragen zu können.

  4. Zur Mobilisierung persönlicher Betroffenheit wird den Schülern immer wieder verständlich gemacht, in welch starkem Maße die eigenen Lebenschancen von der Stabilität der Überlebensgesellschaft und vom ökologisch engagierten Handeln jedes einzelnen abhängen.

Umwelterziehung wird nicht einseitig theoretisch betrieben, sondern möglichst wirklichkeitsbezogen, lebensnah und praxisorientiert. Neben globalen Dimensionen und großen Zusammenhängen werden ganz besonders Möglichkeiten des ökologischen Engagements und des umweltgerechten Handelns im Nahbereich und Alltagsleben behandelt. Es wird viel mit praktischen Beispielen gearbeitet: möglichst sparsamer Verbrauch von Energie und Trinkwasser, pflegliche Behandlung von Produkten, kritische Wachsamkeit gegenüber der Werbung, umweltschonende Verhaltensweisen in der Freizeit, ...


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Es wird nach Umweltverbesserungen im Schulbereich gesucht. cs werden gemeinsame Projekte durchgeführt - vor allem im Rahmen von Projektwochen zum Thema Umwelt. An Umwelttagen wird die Umwelterziehung im fächer­übergreifenden Unterricht intensiviert. Die Realitätsnähe und Wirksamkeit der Umwelterziehung werden durch außerschulische Erkundungen, durch problembezogene Arbeiten in der eigenen Gemeinde, durch Fall­studien, Simulations- und Rollenspiele, durch Kleingruppenar-beit und Arbeitsgemeinschaften, ferner durch einen häufigen Informationsaustausch mit außerschulischen Fachleuten und Einrichtungen ganz erheblich gefördert.

Im Zusammenhang mit der Bewältigung der Überlebenskrise - die zugleich große soziale Probleme beinhaltete - wurde erkannt, daß für die Herausbildung, Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Überlebens­gesell­schaft das Schulfach Sozialkunde besonders wichtig ist. In den allgemeinbildenden Schulen hat dieses Fach den Rang eines Hauptfaches erhalten. In der Schulpraxis ist die Sozialkunde nun wesentlich mehr als nur eine langweilige politische Institutionen- und Staatsbürgerkunde:

Es werden Gesellschaftstypen, gesellschaftliche Strukturen, Teilbereiche und Vorgänge sowie soziale Gebilde und deren Funktionsweisen behandelt.

Die Werterziehung wird vor allem von diesem Fach geleistet.

Im Kern des Faches geht es um das alltägliche Zusammenleben von Menschen: Einübung von Solidarität; Vermittlung eines sozialen, einfühlsamen, mitmenschlich rücksichtsvollen Verhaltensstils und der entsprechenden Umgangsformen; Darstellung und Diskussion von Möglichkeiten der Konfliktbewältigung und des beglückenden, zumindest befriedigenden Zusammenlebens in Gruppen und größeren sozialen Gebilden; gründliche Vorbereitung für das erfolgreiche und wechselseitig befriedigende „Spielen" von Freundschafts-, Partnerschafts- und Eherollen, für ein glückliches Familienleben und für die ökologisch-gesellschaftlich verantwortungs­bewußte Familienplanung.

Es werden ausführlich die gesellschaftlichen und kulturellen Ursachen der Überlebenskrise und überhaupt der umweltbelastenden Aktivitäten von Menschen behandelt. In lebensnaher Weise werden die Möglichkeiten des umweltschonenden Handelns diskutiert. Praxisorientiert werden die Schüler dazu befähigt und motiviert, sich gesellschaftlich-politisch zu engagieren - gerade im Hinblick auf den Umweltschutz und die Verbesserung der sozialen Lebensqualität. Überdies werden sie als künftige Eltern darauf vorbereitet, wie sie später ihre eigenen Kinder möglichst frühzeitig für den Umwelt- und Naturschutz gewinnen können.


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Um angemessen große Spielräume für die Umwelt- und Werterziehung, für die Sozialkunde und für die Lernfelder Gesundheit, Wirtschaft, Arbeit, Beruf, Recht und Technik zu erlangen sowie zur Vermeidung von Informationsüberschwemmung und -Sättigung sind die Lehrpläne radikal entrümpelt und umgestaltet worden: vorrangig werden Lebensbereiche und Themenkomplexe behandelt, die für die Lebensbewältigung der Individuen und für die Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft besonders wichtig sind, die überdies von den Schülern auch als sinnvolle, lebenspraktisch verwertbare Lerninhalte empfunden und akzeptiert werden.

Umwelt- und Werterziehung sowie Sozialkunde werden auch in Berufsschulen und in sonstigen weiterführenden Schulen und Bildungseinrichtungen in erheblichem Maße berücksichtigt. Handwerker, Facharbeiter, Techniker, Kaufleute u.a.m. werden so ausgebildet, daß sie für die ökologischen Aspekte ihrer Berufsfelder sensibilisiert sind und später ihre Berufstätigkeit möglichst weitgehend ökologisch-gesellschaftlich verantwortungsbewußt ausüben können. Diese für die Überlebensgesellschaft wichtigen Lernziele werden auch in der Erwachsenen- und Weiterbildung sowie in den Massenmedien angemessen berücksichtigt. Durch zielgruppengerechte, sozialpsychologisch einfühlsame Unterrichts- und Programmgestaltung gelingt es, die verschiedenen Bevölkerungsteile und Personenkreise - gerade auch solche mit unteren Bildungsgraden - wirkungsvoll anzusprechen und zu motivieren.

In der Überlebensgesellschaft leisten auch Ärzte eine effektive Aufklärungs- und Erziehungsarbeit: Sie klären ihre Patienten über die Gefährdung der Gesundheit und Lebensdauer durch Umweltbelastungen auf. Sie tragen somit dazu bei, daß Menschen aus eigener Betroffenheit heraus gegen die Gefahr steigender Umweltbelastungen kämpfen und sich für eine weitere Verringerung solcher Belastungen einsetzen.

Abschließend kann gesagt werden, daß in der Überlebensgesellschaft Bildungspolitiker und Hochschullehrer eine Schlüsselrolle innehaben und auch verantwortungsbewußt ausfüllen: Sie sorgen dafür, daß Multiplikatoren wie insbesondere Lehrer, Dozenten und Journalisten sowie akademisch ausgebildete Meinungsführer für die Umwelterziehung und -aufklärung befähigt und motiviert sind.

 

   IV. Politik und Staat 

 

Nachdem der Bereich Politik und Staat entscheidend zur Bewältigung der Überlebenskrise beigetragen hat, ist er nun vorrangig darauf ausgerichtet, die Überlebensgesellschaft abzusichern.


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Dementsprechend läßt er sich nicht nur von dem zentralen Wertsystem dieser Gesellschaft leiten, sondern sorgt dafür, daß es die gesellschaftliche Wirklichkeit dauerhaft bestimmt und prägt. Auf dieser Wertgrundlage hat sich das Prinzip der umweltschonenden und naturbewahrenden Politik durchgesetzt, hat sich eine Ökologisierung der gesamten Politik ergeben. Umwelt- und Naturschutzpolitik ist damit eine vorrangige Querschnittsaufgabe für Politik und Staat.

Durch den strapaziösen und spannenden Übergang zur Überlebensgesellschaft ist die Menschheit von dem Rand des Abgrundes, von dem drohenden Ende weggekommen. Doch der Abgrund ist nicht verschwunden. Es bleibt die Gefahr, daß sich der Abstand zwischen ihm und der Menschheit wieder verringert. Diese Gefahr ist besonders dadurch gegeben, daß im Bereich Politik und Staat immer wieder Menschen tätig sind, die trotz intensiver Wert- und Umwelterziehung vom zentralen Weitsystem der Überlebensgesellschaft erheblich abweichen, die den Umweltschutz, die Naturbewahrung und die Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen unterbewerten, die sich eher von - ökologisch nachteiligen - materiellen Interessen und egoistischen Bestrebungen lenken lassen. Es wäre im Hinblick auf die nähere Zukunft weltfremd und lebensfern, sich eine Überlebensgesellschaft auszumalen, in der es nicht mehr solche Menschen gäbe. Sie bilden -über den Bereich Politik und Staat hinaus - ganz allgemein eine dauerhafte Gefahr für die Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft.

Angesichts der ständigen Gefährdung des Umwelt-, Natur- und Gesundheitsschutzes durch partikulare, egoistische, wirtschaftliche und materielle Interessen bildet eine ökologisch engagierte Wertelite eine unverzichtbare Säule der Überlebensgesellschaft. Diese Wertelite verkörpert das zentrale Wertsystem der Überlebensgesellschaft. Sie übt ein höchst wichtiges Wächteramt aus: Sie achtet darauf, daß das zentrale Wertsystem gesellschaftlich verwirklicht und alltäglich gelebt wird. Sie meldet sich mit großem Engagement und starker Überzeugungskraft, wenn dieses Wertsystem verletzt und die Überlebensgesellschaft gefährdet wird.

Die Wertelite besteht aus weitsichtigen, ökologisch-gesellschaftlich engagierten Persönlichkeiten mit starkem Wissensdrang und großer Verantwortung für die Einhaltung der höchsten Werte der Überlebens­gesellschaft. Zu ihr zählen bekannte, angesehene, herausragende Persönlichkeiten, Wissenschaftler, Schriftsteller, Politiker, Unternehmer, führende Verbandsfunktionäre, besonders engagierte Persönlichkeiten aus dem Bereich der Naturschutzvereine, Umweltschutzgruppierungen und Bürgerinitiativen, aber auch kompetente, couragierte und öffentlichkeitswirksame Einzelkämpfer. Die gesellschaftliche Anerkennung und Einflußkraft der Wertelite wird dadurch begünstigt, daß ihre Angehörigen den verschiedensten Bereichen, Teilen und Schichten der Gesellschaft entstammen.


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Die Wertelite ist also nicht identisch mit der Oberschicht oder einem Teil derselben, auch nicht mit einer bestimmten Macht- oder Leistungselite, schon gar nicht mit einem Personenkreis, der ohne entsprechende Kompetenz, Leistung und Anerkennung als Elite auftreten möchte. Für die öffentliche Einflußkraft der Wertelite ist es wesentlich, daß sie gesamtgesellschaftlich, auch auf sogenannte „kleine Leute" und in die unteren sozialen Schichten hinein vorbildlich-überzeugend wirkt.

Das politische Gewicht und die Einflußkraft der ökologisch engagierten Wertelite wird ganz besonders dadurch gesteigert, daß sie von einer breiten Umwelt- und Naturschutzbewegung mit großer Anhängerschaft getragen wird, die in allen Bereichen und Schichten der Gesellschaft verankert ist. Die Bereitschaft sehr vieler Gesellschaftsangehöriger, diese Bewegung zu unterstützen oder sich sogar in ihr zu engagieren, ist zum großen Teil eine Auswirkung der intensiven Umwelterziehung und -aufklärung. Organisatorische Kerne der Umweltschutzbewegung sind Verbände, Vereine, Bürgerinitiativen, kommunale und lokale Aktionsgruppen, die sich ganz oder großenteils für den Umweltschutz und für gesunde Lebensverhältnisse einsetzen.

Hinzu kommen Öko-Institute, die im Dienste der Umweltschutzbewegung stehen und diese mit Forschungsergebnissen versorgen. Begünstigt durch technisch hochentwickelte Informations- und Kommunikations­möglichkeiten sowie durch verstärkte interkulturelle Kontakte hat sich eine weltweit vernetzte Umweltschutzbewegung herauskristallisiert. Informationsaustausch, gegenseitige Hilfe und Motivierung über Grenzen und Meere hinweg sind zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die globale Umweltschutzbewegung trägt maßgeblich dazu bei, daß sich die Menschheit zu einer Weltgesellschaft hinentwickelt.

Für die engagierten Umweltschützer ist es eine existentiell wichtige Aufgabe, durch beharrliche Informationsarbeit und Aufklärungsanstrengungen in der Gesamtbevölkerung das Interesse für den Umweltschutz wach­zuhalten oder sogar noch zu steigern. Durch möglichst frühzeitige und aufrüttelnde Aktionen werden wieder aufflackernde Tendenzen eines umweltschädigenden Verhaltens - die bereits als überwunden galten - wirkungsvoll bekämpft. Die Aufklärung und Mobilisierung der Bevölkerung beinhalten spektakuläre Großkampagnen ebenso wie Kleinarbeit im Nahbereich der direkten, kleingruppenhaften Kommunikation: die ständige Aufklärung und Informierung der nächsten Mitmenschen - unterstützt durch die glaubwürdige Vorbildwirkung des jeweils eigenen umweltfreundlichen und sozialen Handelns.


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Nach dem Scheitern von Diktaturen und totalitären Herrschaftssystemen beinhaltet die Überlebensgesellschaft eine freiheitlich-demokratische Herrschaftsordnung, in der vor allem Parteien die zuständigen Organisationen für die politische Willensbildung sind. Um auf politischem Wege zur Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft beizutragen, arbeiten viele Angehörige der ökologisch engagierten Wertelite und der Umwelt­schutz­bewegung in Parteien mit. Viele von ihnen scheuen nicht die Anstrengungen, Unwägbarkeiten und Frustrationen, um einflußreiche Parteiämter zu erlangen und auszufüllen oder sogar Parlamentsmitglied zu werden. Für die Stabilität der Überlebensgesellschaft ist es um so besser, je mehr Umweltschützer bei der Willensbildung und bei Entscheidungen in Parteien und Parlamenten mitbestimmen.

Im Zusammenhang mit der Bewältigung der Überlebenskrise haben Umweltschützer erkannt, wie wichtig es ist, in allen maßgeblichen Parteien möglichst einflußstark vertreten zu sein - vor allem in den großen Volksparteien, die in allen Bevölkerungsteilen um Wählerstimmen kämpfen. Bei einer zunehmenden Konzentration der Umweltschützer auf eine Umweltschutzpartei bestand die Gefahr, daß die Vorteile immer mehr durch Risiken verdrängt werden: Durch die grundsätzliche Entscheidung für ein vorrangiges Umweltschutzengagement braucht diese Partei auf entgegenstehende Interessen weitaus weniger Rücksicht zu nehmen als eine Volkspartei. Sollte ihre Wählerzahl wachsen, dann würde sie andere Parteien dahingehend bedrängen, mehr für den Umweltschutz zu tun.

Andererseits unterliegt die Umweltschutzpartei dem Vorwurf einer einseitigen thematischen Ausrichtung, die der Übernahme einer breiten politischen Verantwortung entgegenstehe. Vor allem aber ist die Ausbreitung einer Umweltschutzpartei mit dem Problem verbunden, daß zu viele umweltengagierte Bürger anderen Parteien entzogen werden. Dadurch wächst die Gefahr, daß im Zuge einer Art Polarisierung im Gegensatz zur Umweltschutzpartei der Einfluß der umweltengagierten Bürger in den traditionellen Parteien mehr und mehr zurückweicht. Wenn dann allerdings die Umweltschützer als eine organisatorisch fest umrissene und konzentrierte Minderheit an den Rand politischparlamentarischer Einflußmöglichkeiten abgedrängt werden, dürfte es noch schwieriger sein, eine hinreichend wirksame Umweltschutzpolitik durchsetzen zu können.

Da Umweltschützer in den politischen Parteien der Überlebensgesellschaft stark vertreten sind, bestehen bei der Führungskräfteauslese entsprechend große Chancen, daß viele von ihnen nach oben aufsteigen können. Überhaupt trägt das allgemein hochentwickelte Umweltbewußtsein erheblich dazu bei, daß für die Besetzung von hohen politischen Ämtern und von Parlamentssitzen kompetente Umweltschützer und insbesondere Angehörige der ökologisch engagierten Wertelite sehr begehrt sind.


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Im Zuge fortgeschrittener Demokratisierung der Gesellschaft hat sich die innerparteiliche Demokratie verbessert: Die Willensbildung von unten ist tiefer, breiter und intensiver geworden. Begünstigt durch gestiegene Bildungsniveaus und durch eine umfassende politische Bildung sowie durch Arbeitszeitverkürzung hat die Zahl der Bürgerinnen und Bürger immer mehr zugenommen, die sich an der Willensbildung aktiv oder sogar engagiert beteiligen. Andererseits konnten oligarchische Tendenzen bzw. Herrschaftsansprüche und eigenmächtige Entscheidungen oberer Parteigremien und -führer zurückgedrängt werden. Auch haben sich die Parteien Nicht-Mitgliedern geöffnet, die teilweise mitentscheiden können.

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Für größere staatlich abgegrenzte Gebiete - also über Gemeinden und kleinere Regionen hinaus - hat sich allgemein ein aus zwei Kammern bestehendes Parlament durchgesetzt. In der Regel besteht die Volksvertretung aus einem Abgeordnetenhaus und einem Senat.

Das Wahlrecht für das Abgeordnetenhaus ermöglicht es, daß die Bevölkerungsstruktur und die Regionen angemessen vertreten sind. Parteiunabhängige Persönlichkeiten erhalten faire Chancen, in das Abgeordnetenhaus hineingewählt zu werden. Das Parlament setzt sich nicht mehr hauptsächlich aus Beamten, Gewerkschaftsfunktionären und Rechtsanwälten zusammen. Es ist nicht mehr so extrem die Beute politischer Parteien. Es ist im Hinblick auf die mannigfaltig ausgeprägte Gesamtbevölkerung repräsentativer geworden. Die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich dadurch auch unmittelbarer und verständnisvoller vertreten.

Durch entsprechende Regelungen und durch eine angemessene, gesellschaftlich akzeptable finanzielle Honorierung wird dafür gesorgt, daß Abgeordnete möglichst unabhängig arbeiten und entscheiden können. Es bestehen Vorkehrungen für eine strikte Trennung der gesetzgebenden und ausführenden Gewalt. Vor allem über das Parlament hinausgreifende Ämterhäufungen sind weitgehend untersagt. Insbesondere müssen Abgeordnete auf sogenannte Beraterverträge, Aufsichtsratsmandate u.a.m. verzichten. Diese Unabhängigkeit stärkt den Abgeordneten gegenüber Bestrebungen einer parteipolitischen Bevormundung, Tendenzen zu einem Fraktionszwang, gegenüber zahlreichen, vor allem wirtschaftlichen Sonderinteressen. Es wird dem Abgeordneten ermöglicht, eine neutrale Stellung einzunehmen und ökologisch-gesellschaftlich verantwortungsbewußte Entscheidungen treffen zu können.

Der Senat bildet eine weitere, keineswegs zweitrangige Kammer des Parlaments.


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In ihr arbeiten und entscheiden nach Möglichkeit die „besten Köpfe" des jeweiligen Landes: besonders kompetente, geistig hochstehende, gesellschaftlich anerkannte Persönlichkeiten, die langfristig orientiert und in großen Zusammenhängen denken und in Übereinstimmung mit den zentralen Werten der Überlebensgesellschaft verantwortungsbewußt entscheiden. Angehörige der ökologisch engagierten Wertelite sind für diese Kammer besonders geeignet. Die Senatoren werden in ihren Leistungsmöglichkeiten weniger durch eine Fülle von Tagesproblemen, bürokratischen Vorgängen und repräsentativen Verpflichtungen eingeengt. Sie haben großen Spielraum für das Lesen und Denken, für Gespräche und Diskussionen, für die Analyse größerer Problemzusammenhänge, für die Arbeit an der Weiterentwicklung der Überlebensgesellschaft. Auch die Bildung einer solchen Kammer erfolgt auf der Grundlage der Prinzipien einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung. Dementsprechend ist die Bevölkerung auch an der Wahl der Senatoren beteiligt.

Den Volksvertretern steht ein umfangreicher wissenschaftlicher Dienst bzw. Apparat zur Seite, in dem wissenschaftliche Mitarbeiter den Parlamentariern zuarbeiten. Über diesen Apparat hinaus lassen sich die Volksvertreter von Wissenschaftlern aus Hochschulen, Forschungsinstituten und Fachbehörden beraten. Auch in den einst weniger entwickelten Ländern ist diese wissenschaftliche Unterstützung des Parlaments immer mehr ausgebaut worden. Die Volksvertreter sind dadurch unabhängiger gegenüber der Ministerialbürokratie und Interessenverbänden, die mit dem Hinweis auf ihren Sachverstand immer wieder versuchen, Parlamentarier zu beeinflussen.

In Befolgung der zentralen Werte der Überlebensgesellschaft enthalten die Verfassungen einen allgemeinen Anspruch auf eine gesunde, menschenwürdige Umwelt als Grundrecht. Im Zusammenhang mit der Überlebenskrise hatte sich gezeigt, daß die zweitrangige Verankerung dieses Anspruchs als bloßes Staatsziel unzureichend ist. Die Aufwertung zum Grundrecht hat fundamental dazu beigetragen, daß die Anstrengungen zur Bewältigung der Überlebenskrise erheblich gesteigert wurden. Überdies wird dieses Grundrecht auch durch das Wertsystem gerechtfertigt, daß sich durchgesetzt hat.

Zur Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft wird eine Gesellschaftspolitik betrieben, die auf eine Balance von Menschenwürde, sozialer Gerechtigkeit und Solidarität einerseits und Chancengleichheit, Wettbewerb und Leistungsprinzip andererseits ausgerichtet ist:

Der Aufbau der Überlebensgesellschaft konnte nur gelingen, indem die übermäßige soziale Ungleichheit abgebaut wurde, und zwar in einzelnen Ländern und weltweit:


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In der untergegangenen Verschwendungsgesellschaft wurde nämlich versucht, die übermäßige soziale Ungleichheit für die weniger begüterten, sich benachteiligt fühlenden Gesellschaftsangehörigen mit Hilfe eines auf Hochtouren laufenden quantitativen Wirtschaftswachstums erträglich zu machen. Bei der Verteilung des größer werdenden Kuchens konnten auch für die Angehörigen der unteren sozialen Schichten die Stücken größer gemacht werden. Der Verteilungskonflikt wurde dadurch gedämpft. Neid, Mißgunst und Feindseligkeit wurden in Schranken gehalten. Der gesellschaftliche Frieden blieb einigermaßen gewahrt.

Die Strategie der Konfliktdämpfung durch Wirtschaftswachstum und Konsumausweitung mußte zwangsläufig scheitern, als das quantitative Wirtschaftswachstum und der Verschwendungskonsum immer mehr ökologisch tragfähige Grenzen überschritten und in eine Überlebenskrise hineinführten. In dieser Krise haben sich - unter Überwindung gewaltiger Widerstände -jene ökologisch-gesellschaftlich verantwortungsbewußten Kräfte durchgesetzt, die durch Abkehr vom umweltschädigenden Wirtschafts- und Wohlstandswachstum sowie durch den Abbau der übermäßigen sozialen Ungleichheit eine Überlebensgesellschaft anstrebten.

Ein Sieg der Wachstumsanhänger hätte die Gesellschaft in den Abgrund gestürzt: Ein weitergehendes umweltschädigendes Wirtschaftswachstum -gerade auch zur Aufrechterhaltung einer übermäßigen sozialen Ungleichheit - hätte die natürlichen Überlebensbedingungen zerstört.

Das Bestreben wiederum, zur Vermeidung eines solchen Endes die Wirtschaft und den Wohlstand sogar schrumpfen zu lassen und dennoch jene soziale Ungleichheit beizubehalten, hätte die Verteilungskonflikte immer mehr verschärft: bis hin zu gesellschaftlichen Katastrophen, zum Bürgerkrieg und Chaos. Diese Zerstörung der Gesellschaft wäre zugleich mit einem Niedergang der Wirtschaft und des Umweltschutzes verbunden gewesen.

Für den Aufbau der Überlebensgesellschaft war es also unerläßlich, daß die überkommene soziale Ungleichheit in erheblichem Maße verringert wurde. Obere soziale Schichten mußten zugunsten der unteren materielle Verzichte hinnehmen. Als ein Mittel für diese Umschichtung wurde eine höhere Besteuerung für Luxusgüter und des Verbrauchs nichterneuerbarer Energieträger eingeführt. Das Gefüge der sozialen Schichten konnte erheblich abgeflacht werden. Mit der Verringerung des Abstandes zwischen oben und unten haben auch Neid, Mißgunst und Feindseligkeit abgenommen. Für die Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft ist es nun notwendig, daß diese abgeflachte soziale Schichtung beibehalten wird und Tendenzen zu einer Vergrößerung der sozialen Unterschiede rechtzeitig eingedämmt werden.


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Die Durchsetzung und der Aufbau der Überlebensgesellschaft konnten nur durch gewaltige Anstrengungen und Leistungen gelingen. Auch die Aufrechterhaltung dieser Gesellschaft erfordert große Leistungen: der wissenschaftlich-technische Fortschritt muß weitergehen; noch bestehende Umweltbelastungen müssen fortlaufend verringert werden; die Reduzierung des Verbrauchs nichterneuerbarer Rohstoffe und Energieträger muß weiter betrieben werden; zugunsten gesellschaftlicher Stabilität muß - möglichst umweltschonend - die Lebensqualität, das Wohlergehen der Menschen gesteigert werden; der Gesundheitsschutz und die Bildung müssen verbessert werden; zurückgebliebene Regionen müssen hinsichtlich des Umweltschutzes und der Überwindung von Armut unterstützt werden.

Zur Mobilisierung solcher Leistungen war es wichtig, daß es bei der Verringerung der sozialen Ungleichheit nicht zu einer überschießenden Reaktion kam: daß nicht eine leistungsfeindliche, ungerechte Gleichmacherei, eine Gleichheit der Ergebnisse angestrebt oder gar verwirklicht wurde. Vielmehr ist es der Gesellschaftspolitik gelungen, bei der Abflachung der sozialen Schichtung die verbleibende Ungleichheit auf ein für die Anregung der individuellen Leistungsbereitschaft notwendiges Maß einzupendeln. Es ist eine Daueraufgabe der Gesellschaftspolitik, diesen ausbalancierten Zustand zwischen sozialer Gerechtigkeit und dem Leistungsprinzip aufrecht­zuerhalten. Auch die Überlebensgesellschaft ist bis zu einem gewissen Grade eine Leistungsgesellschaft. Auch in ihr müssen - vor allem gesellschaftlich nützliche - Leistungen angemessen belohnt werden.

Die Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft durch eine Politik der hinreichenden Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit beinhaltet auch die Aufgabe, Arbeitslosigkeit in möglichst engen Grenzen zu halten. Zu diesem Zweck werden alle geeigneten, sozial und humanitär akzeptablen Möglichkeiten einer gerechten Verteilung der Erwerbsarbeit ausgeschöpft. Es geht darum, die Gefahr einer Rückkehr zu einer Beschäftigungspolitik mit Hilfe der Ankurbelung des umweltbelastenden quantitativen Wirtschaftswachstums zu bannen.

Da für die Aufrechterhaltung der Überlebensgesellschaft ihre globale Ausbreitung erforderlich ist, werden große Anstrengungen unternommen, um möglichst schnell weltweit soziale Gerechtigkeit herzustellen. Dementsprechend hat es sich durchgesetzt, daß die wohlhabenderen Länder und Regionen im eigenen Interesse Einschränkungen und Verzichte hinnehmen, um ein noch bestehendes Wohlstandsgefälle abbauen zu helfen. Die Verwirklichung weltweiter sozialer Gerechtigkeit bildet eine Hauptaufgabe im Zuge der Weiterentwicklung der Überlebensgesellschaft.

Die Überlebensgesellschaft wird in entscheidendem Maße von einer weit-


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Reimann-1997

 

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Hilmann-1998