B. Ursachen der gegenwärtigen Umwelt- und Überlebenskrise
I. Unmittelbare Ursachen (73) 1. Produktion 73 2. Verkehr 76 3. Konsum 78
II. Mittelbare Ursachen (83) 1. Bevölkerungswachstum 83 2. Industrialisierung 88 3. Wirtschaftssystem 90 4. Politik 97
III. Tiefgründige Ursachen (103) 1. Weltanschauung 103 2. Werte 112
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I.
Unmittelbare Ursachen1. Produktion
Die natürliche Umwelt wird in besonders starkem Maße durch Voraussetzungen, Begleiterscheinungen und Auswirkungen der Produktion belastet. Diese beinhaltet im weiteren Sinne nicht nur die Herstellung von Gütern, sondern auch die Bereitstellung von Dienstleistungen (z.B. Verwaltung, Unterrichtstätigkeit, Verkauf, Bank- und Versicherungsgeschäfte, Reisevermittlung und -abwicklung) sowie die Gewinnung und Verarbeitung von Informationen (z.B. die Produktion von Ideen und Neuerungen durch Forschung und Entwicklung).
Vor allem für die Produktion von Gütern werden Rohstoffe und Energie benötigt. Werden für die Herstellung von Gütern nur bestimmte Vorprodukte gebraucht, so gehen diese letztlich aus Rohstoffen hervor. Bei Produktionsvorgängen selber werden Stoffe freigesetzt, die insbesondere die Luft (Emission von Luftschadstoffen und Treibhausgasen), mitunter auch in erheblichem Maße den Boden und das Wasser belasten. Je nach Wirtschaftszweig ergeben sich teilweise große Mengen an Abfall, oft auch gefährlicher Sondermüll. Für die Bereitstellung von Dienstleistungen müssen zumindest Arbeitsräume geschaffen, je nach natürlichen Bedingungen beheizt oder klimatisiert werden, müssen außerdem Arbeitsmittel hergestellt werden. Der Vertrieb und vor allem die spätere Nutzung der aus den Produktionsvorgängen kommenden Güter wirken sich gleichfalls - graduell unterschiedlich -umweltbelastend aus. Nach dem Ende ihrer Nutzungszeit sind sie Abfall oder sogar Sondermüll.
Im Zusammenhang mit dem beschleunigten Bevölkerungswachstum, der Industrialisierung, dem Wirtschaftswachstum und der Steigerung des Lebensstandards ist es im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert zu einer gewaltigen, hinsichtlich geschichtlicher Dimensionen zu einer explosionsartigen Ausweitung der Produktion gekommen. In etwa gleichem Maße haben auch die produktionsbedingten Umweltbelastungen und -Schädigungen zugenommen. Mit dem Aufstieg der Chemischen Industrie und der außer Kontrolle geratenen Chemisierung der Umwelt ist die Belastung der
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Natur und des Menschen sogar noch schneller und umfangreicher angeschwollen als die Produktion. Es sind neue, gefährliche Dimensionen und Qualitäten der Belastung dazugekommen. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde immer deutlicher erkennbar, daß die beschleunigte Produktionsausweitung an natürliche Grenzen stößt, daß diese nur zum Preis irreparabler Umweltschäden überschritten werden können, daß sich die Gefahr der Zerstörung der natürlichen Lebensbedingungen zuspitzt.
Die Überziehung kritischer Grenzen durch die Produktion kommt vor allem darin zum Ausdruck, daß Rohstoffquellen durch übermäßige Ausbeutung erschöpft sind, daß neue Quellen mit Rohstoffen geringerer Qualität wesentlich aufwendiger bzw. kostenträchtiger erschlossen und genutzt werden, daß natürliche Entsorgungskapazitäten bzw. sogenannte Senken überbeansprucht werden und schließlich nicht mehr aufnahmefähig sind, zusammenbrechen oder große Gefahrenherde bilden.
Besonders stark umweltbelastend ist die Elektrizitätserzeugung, die in den vergangenen Jahrzehnten um ein Vielfaches gesteigert wurde und weiterhin weltweit wächst. Auch wenn in etlichen Ländern für die Elektrizitätserzeugung in erheblichem Umfang die Energieträger Wasserkraft oder Kernenergie eingesetzt werden, so werden doch im großen und ganzen überwiegend nichtregenerierbare Rohstoffe verbrannt: Erdöl und -gas, Stein- und Braunkohle, teilweise auch Abfälle, die unzureichend oder überhaupt nicht einer stofflichen Wiederverwertung zugeführt worden sind. Durch den vorrangigen Einsatz nichtregenerierbarer Energieträger werden infolge der wachsenden Elektrizitätserzeugung beschleunigt wertvolle Rohstoffquellen ausgebeutet. Vor allem aber ist die Elektrizitätserzeugung in hohem Maße an der Luftverunreinigung und Klimaveränderung beteiligt: in vielen Ländern steht sie bei der Emission von Versauerungsgasen (Schwefeldioxid und Stickoxide) und Treibhausgasen (Kohlendioxid) an erster Stelle. Bei der Elektrizitätsgewinnung durch Müllverbrennung werden trotz Berücksichtigung des technischen Fortschritts gesundheitsschädliche Substanzen in die Luft emittiert.
Mit dem Einsatz von Kernkraftwerken ist die Freisetzung von Radioaktivität und vor allem das Problem der möglichst sicheren langfristigen Endlagerung von radioaktiven Abfällen verbunden. Im Normalbetrieb werden aus einem Kernkraftwerk (angeblich) nur in geringen Mengen radioaktive Stoffe mit der Abluft und mit Abwässern in die Umwelt abgegeben. Es ist naturwissenschaftlich-medizinisch umstritten, inwieweit bereits kleinste Mengen radioaktiver Substanzen pathogen bzw. krankmachend wirken (Problem der Grenzwerte).
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Durch den bisher folgenschwersten Reaktorunfall am 26. April 1986 in Tschernobyl in der Ukraine kam es schlagartig zu einer global nachweisbaren Erhöhung der atmosphärischen Radioaktivität. Dadurch ergab sich nach den zahlreichen oberirdischen Kernwaffentests die bislang größte Einbringung an künstlicher Radioaktivität. Zugleich zeigte sich, daß die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines solchermaßen katastrophalen Reaktorunfalls doch nicht so verschwindend minimal ist, wie zuvor berechnet bzw. abgeschätzt worden war - zumal sich bereits am 28. März 1979 im Kernkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg in den USA ein schwerer Reaktorunfall ereignet hatte, der am Rande eines GAUs lag („Größter Anzunehmender Unfall").
Neben der Elektrizitätserzeugung wirkt sich die moderne, intensiv betriebene Landwirtschaft in mehrfacher Hinsicht stark umweltbelastend und -zerstörend aus:
Zur maximalen Steigerung der Produktion werden auf ausgedehnten Bodenflächen in weitgehend ausgeräumter Landschaft riesige Mengen an Kunstdünger und Insektiziden bzw. stark toxisch wirkenden chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln eingesetzt. Durch den monokulturartigen Anbau hochleistungsfähiger Pflanzensorten sind Intensivkulturen für Krankheiten und Schädlingsbefall besonders anfällig. Infolge der Intensivtierhaltung kommt noch die massenhafte Ausbringung von stickstoffreicher Gülle hinzu. In der Tierhaltung bestehen überdies die Probleme des Einsatzes von Arzneimitteln und Masthilfen sowie der tiergerechten Haltungsformen.
Die Intensivlandwirtschaft belastet in gesundheitsschädlicher Weise das Grundwasser, schädigt den Boden (Verdichtung, Schädigung der Bodenfauna und -flora, Abnahme der Fruchtbarkeit, Erosion) und trägt maßgeblich zum Treibhauseffekt bei. In Deutschland beispielsweise steht die Landwirtschaft hinsichtlich der unmittelbaren Verursachung des Treibhauseffekts nach der Elektrizitätserzeugung an zweiter Stelle. In den hochentwickelten Gesellschaften ist die Intensivlandwirtschaft in hohem Maße für das Artensterben verantwortlich. Durch den massiven Einsatz von Insektiziden werden auch nützliche Insekten und Vögel vernichtet. Durch die Ausräumung und Umgestaltung der Landschaft für maschinengerechte Intensivkulturen ist der Lebensraum für wildlebende Tiere immer mehr eingeengt worden.
Ein großes Problem ist die rücksichtslose Überfischung der Meere. Viele Fischfanggründe sind schon vollständig ausgebeutet oder erholen sich nur sehr langsam. Dadurch ist zugleich die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen bedroht. Die Überfischung wird begünstigt durch die Perfektionierung der Fangtechnik, überdimensionierte Fischereiflotten, zu hohe Fangquoten und durch staatliche Subventionen. Hinzu kommt, daß die Akteure im Rahmen einer ökologisch ungeregelten Marktwirtschaft rational handeln.
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Weitere Bereiche des Wirtschaftslebens mögen hinsichtlich der Umweltauswirkungen ihrer Produktionsvorgänge weniger belastend erscheinen. Hierbei muß aber berücksichtigt werden, inwieweit sie von Vorleistungsgütern abhängig sind, die in anderen, vorgelagerten Bereichen unter eventuell schwerwiegenden umweltbelastenden Umständen hergestellt werden. Während beispielsweise bei der weiterverarbeitenden Nahrungsmittelindustrie die direkten Umweltbelastungen vergleichsweise niedrig sind, fallen infolge der starken Abhängigkeit von der Zulieferung landwirtschaftlicher Rohstoffe die indirekten Umweltbelastungen sehr hoch aus. Ganz allgemein herrschen in der Grundstoffindustrie die direkten Umweltbelastungen vor. Im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich stehen infolge des höheren Vorleistungsbezugs, z. B. Elektrizität, Rohstoffe und Vorprodukte, die indirekten Umweltbelastungen im Vordergrund. Für die ökologische Bewertung eines Produktionsbereiches ist aber schließlich die jeweilige Summe der direkten und indirekten Umweltbelastungen entscheidend.
2. Verkehr
Mit der Entstehung und Ausbreitung der modernen Gesellschaft hat der Verkehr, der den raumüberwindenden Transport von Menschen, Gütern und Nachrichten beinhaltet, immer mehr zugenommen. Infolge des Bevölke-rungs- und Wirtschaftswachstums, der fortschreitenden weltwirtschaftlichen Verflechtung (Ausweitung des Welthandels, Globalisierung des Wirtschaftslebens) und des Ausbaus der Transportkapazitäten hat der Güterverkehr eine gewaltige Steigerung erfahren. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unter den Verkehrsträgern für den Gütertransport der Anteil der Lastkraftwagen immer mehr erhöht.
Auch der Umfang des Luftfrachtverkehrs hat beschleunigt zugenommen. Vor allem aber hat sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine gigantische Ausweitung des Individualverkehrs mit Kraftfahrzeugen ergeben: zunächst in den höher entwickelten Gesellschaften, in jüngerer Zeit auch in Schwellen- und Entwicklungsländern. Diese Vermehrung hat die großflächige Ausbreitung urbaner Siedlungen, die zunehmende Zersiedelung der Landschaft begünstigt. Andererseits ist dadurch der Verkehr auch immer mehr vom Einsatz von Kraftfahrzeugen abhängig geworden. Diese Abhängigkeit besteht vor allem für Siedlungszonen, die nicht mehr in wirtschaftlich vertretbarer Weise durch ein schienengebundenes öffentliches Verkehrssystem erschlossen werden können. Eine wechselseitige Verstärkung hat sich auch zwischen der Ausweitung des Kraftverkehrs und dem Ausbau des Straßennetzes ergeben. Inzwischen ist die „Megastadt" Los Angeles nicht mehr das einzige Paradebeispiel für diese Expansion.
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Die weitergehende Steigerung des Verkehrs wirkt sich mit entsprechender Dynamik in mehrfacher Hinsicht belastend und schädigend auf die natürliche Umwelt, auf die Gesundheit des Menschen und auch auf die sozio-kulturelle Umwelt aus:
Das starke Wachstum der Verkehrsflächen - Straßen, Parkplätze, Autobahnen, Eisenbahntrassen, Bahnhöfe, Häfen, Güterumschlagplätze, Flughäfen u. a. m. - führt zu einem entsprechenden Landschaftsverbrauch und macht die Zerschneidung der Landschaft immer engmaschiger.
Der zunehmende Kraftfahrzeug- und Luftverkehr beschleunigt die Ausschöpfung der Erdölquellen und damit die Vernichtung eines nichtregene-rierbaren Rohstoffs. Die Ölpreis- und -Versorgungskrisen 1973 und 1979 haben bereits erkennen lassen, in welch empfindlichem Maße der Verkehr, das Wirtschaftsleben, der Wohlstand allgemein von relativ wenigen Ländern mit umfangreicher Erdölförderung abhängig sind. Eine vorübergehende Entspannung der Versorgungssituation hat sich vor allem durch die Erschließung neuer Erdölquellen in der Nordsee und in Alaska ergeben.
Besonders schwerwiegend ist der Beitrag des Kraftfahrzeugverkehrs zur Luftverunreinigung. So werden bei der Verbrennung von Benzin und Dieselkraftstoff zwangsläufig in großen Mengen Treibhausgase erzeugt und freigesetzt, vor allem Kohlendioxid. Mit etwa 60% bildet der Kraftfahrzeugverkehr die Hauptquelle der Stickoxidemission. Aus Stickoxiden und Kohlenwasserstoffen entsteht unter Sonneneinstrahlung wiederum das giftige bodennahe Ozon, das sich auf Menschen gesundheitsschädlich auswirkt. Auch das Waldsterben wird zum Teil auf die Wirkung des Ozons zurückgeführt. Zwar konnten in hochentwickelten Gesellschaften durch die Einführung von Abgasreinigungsverfahren bestimmte Schadstoffemissionen von Personenautos im Einzelfall erheblich verringert werden, doch sind die Gesamtemissionen nicht wesentlich gesunken. Zur gleichen Zeit ist nämlich der Verkehr weiter angestiegen. Die Zahl der Personenautos wächst unaufhörlich. Immer mehr Haushalte verfügen über einen Zweit- oder sogar Drittwagen. Außerdem kam es bei dem stark gewachsenen Schwerverkehr zu keiner entsprechenden Emissionsminderung.
Überdies hat in Schwellen- und Entwicklungsländern der Kraftfahrzeugverkehr rasant zugenommen, und zwar überwiegend unter Einsatz alter und uralter Kraftfahrzeuge mit hohen Schadstoffemissionen. Generell stellen die Gesundheitsschädigungen des Menschen durch Kraftfahrzeugabgase ein großes Problem dar. Weitverbreitete Krankheiten wie Allergien, Asthma und Lungenkrebs werden durch diese Emissionen zumindest mitverursacht.
Als besonders belastend und unangenehm wird von der Bevölkerung der Verkehrslärm eingestuft. Viele sehen darin das Hauptumweltproblem.
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Diese Einschätzung ist auch nicht verwunderlich, zumal der Lärm direkt wahrgenommen wird. Besonders störende Fahrzeugarten sind Lastkraftwagen, Krafträder und Flugzeuge. Die gesundheitsschädigenden Wirkungen des Verkehrslärms sind erheblich: Schlafstörungen, Leistungsminderungen, Blutdrucksteigerung, Auswirkungen auf die Verdauung und den Hormonhaushalt, Herz- und Kreislaufkrankheiten. Die krankmachende Wirkung des Verkehrslärms tritt beschleunigt und verstärkt in Erscheinung, wenn noch weitere Streßfaktoren hinzukommen.
Verkehrslärm und -abgase haben vor allem in dichter besiedelten Stadtteilen und in Randzonen stark befahrener Straßen die Lebensqualität verschlechtert. Durch die Verknappung von Verkehrsflächen und vor allem von Parkplätzen infolge des zunehmenden Kraftfahrzeugverkehrs beeinträchtigen sich die Autofahrer immer mehr gegenseitig in ihrer Mobilität.
In einer Studie der Weltbank aus dem Jahre 1996 wird vorausgesagt, daß es im Jahr 2010 weltweit 800 Millionen Autos geben wird. Unter Einbeziehung zwei- und dreirädiger Fahrzeuge, die vor allem in ärmeren Ländern beliebt sind, werden es denn sogar 1,1 Milliarden Kraftfahrzeuge sein. Bis zum Jahr 2020 werde der Energieverbrauch um 50-100% steigen. Der Ausstoß von Treibhausgasen werde sich fast in gleichem Umfang erhöhen. Ergänzend sei noch hinzugefügt, daß gegenwärtig auch der - an der Freisetzung von Treibhausgasen beteiligte - Flugverkehr in starkem Maße wächst.
3. Konsum
Allein schon aufgrund von Bedürfnissen, die jeder Mensch zur Erhaltung seines Lebens befriedigen muß, ist der einzelne stets auch ein Konsument. Zu diesem Zweck der Selbsterhaltung muß er - meist in bestimmten Abständen - jeweils geeignete Güter erwerben, mit denen er Durst und Hunger stillen und einen optimalen Wärmezustand aufrechterhalten kann.
Neben diesen Existenz-, Vital- bzw. Primärbedürfnissen gibt es noch umweltvermittelte, gelernte Bedürfnisse bzw. Sekundärbedürfnisse, die sich beim Individuum durch das Eingebettetsein in eine bestimmte soziokultu-relle Umwelt ergeben. Die Entstehung und Ausprägung solcher Sekundärbedürfnisse hängen mit der Eigenart und gegebenenfalls auch Dynamik unterschiedlicher Gesellschaften und Kulturen zusammen. Dementsprechend variieren diese Bedürfnisse mit den verschiedenen Gesellschaften und Kulturen.
Die Sekundärbedürfnisse beinhalten Antriebe und Strebungen, Primär-bedürfnisse in einer bestimmten, kulturgeprägten und sozial gebilligten Weise zu befriedigen. Sie umfassen darüber hinaus Wünsche und Strebungen, die
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jenseits der Befriedigung von Primärbedürfnissen liegen: ausgerichtet auf den Erwerb, Ge- oder Verbrauch von Gütern und auf die Inanspruchnahme von Dienstleistungen, die nicht lebensnotwendig sind, beispielsweise die Benutzung eines Autos, das Rauchen von Zigaretten und die Teilnahme an einem Tanzkurs.
In der traditionalen, vormodernen Gesellschaft - die für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung meistens eine Mangelgesellschaft war - haben überkommene, selbstverständlich erscheinende Gewohnheiten, Bräuche, Sitten und gegebenenfalls auch Kasten- und Standesgrenzen weitgehend die Bedürfnisse und vor allem die Art der Befriedigung festgelegt. Je weniger es zu einem sozialen Wandel kam, um so mehr bleiben Bedürfnisse und die Weisen ihrer Befriedigung unverändert. Diese normative Regulierung der Bedürfnisausprägung und -befriedigung über Generationen hinweg war zugleich ein Bollwerk gegen Unzufriedenheit und Anspruchsteigerungen. Dadurch blieben auch die Entstehung von Abfällen in engen Grenzen. Bei geringer Siedlungsdichte und naturnaher Lebensweise waren die Umweltbelastungen durch Menschen eher minimal und weit von ökologisch gefährlichen Grenzüberziehungen entfernt.
Die Herausbildung und Entfaltung der Industriegesellschaft führte dazu, daß in wachsendem Maße neue Güter und größere Gütermengen produziert werden konnten. Vor allem in Europa und Nordamerika entstanden Wohlstandsgesellschaften, die mitunter sogar als „Überflußgesellschaft" (John K. Galbraith) bezeichnet wurden. Es wurde immer mehr zu einem Problem, die wachsenden Gütermengen gewinnbringend verkaufen zu können. Zur Ausweitung von betrieblichen Absatzmöglichkeiten und zum Hinausschieben von Sättigungsgrenzen wurden Konsumbedürfnisse durch Marketing und vor allem durch Werbung „produziert" (Galbraith), differenziert und dynamisiert. Die überkommenen normativen Schranken des Konsums wurden aufgebrochen. Die durch Gewohnheiten, Bräuche und Sitten festgelegten Bedürfnisse und Befriedigungsmöglichkeiten wurden entfesselt. Die traditional unter Kontrolle gehaltene Begehrlichkeit und der Hang zur Unersättlichkeit des Menschen wurden immer mehr angetrieben, neue Wünsche und höhere Ansprüche geweckt. Der Mensch wurde als Konsument immer mehr umgeschult: weg von der Sparsamkeit und hin zur Verschwendung.
In der sich entfaltenden Wohlstandsgesellschaft fiel es den Menschen im allgemeinen nicht schwer, die absatzwirtschaftlich vorangetriebene Ausweitung und Auffächerung der Konsumbedürfnisse mitzumachen. Die zunehmende Hinwendung zu einem grenzenlos erscheinenden Konsum wurde durch die fortschreitende Säkularisierung und Abschwächung kollektiver Bindungen bzw. durch den Verfall von Religiosität, Klassen- und Nationalbewußtsein u. ä. m. erheblich begünstigt. Wachsender, genußorientierter Konsum wurde immer mehr zu einem zentralen Lebensinhalt. Menschen wurden von sich aus anspruchsvoller, fordernder.
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In der sich beschleunigt entwickelnden Industriegesellschaft konnte infolge des wirtschaftlichen Wachstums, allgemeiner Einkommenssteigerungen und einer gewissen Nivellierung des Konsums nahezu die gesamte Bevölkerung an der Konsumdynamik teilnehmen. An die Stelle der Mangelgesellschaft rückte eine solche des Massenkonsums. Dadurch vergrößerten sich in gewaltigem Maße die Möglichkeiten, wachsende Gütermengen profitabel absetzen zu können.
Trotz fortgeschrittener Nivellierung und „Demokratisierung" des Konsums sind im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Statusunterschieden zwischen der Ober- und Unterschicht immer noch erhebliche Unterschiede der Lebenschancen und der Ausdrucksformen des Konsumverhaltens vorhanden. Diese Schicht- und statusbezogene Konsumdifferenzierung wird durch die anbietende Wirtschaft noch unterstützt, z. B. durch das Angebot der Automobilindustrie, das sich von Klein- über Mittelklassewagen bis hin zu Luxusmodellen erstreckt. Da das persönliche Selbstwerterleben weitgehend vom statusgebundenen Sozialprestige abhängt, sind viele Angehörige der Wohlstandsgesellschaft bestrebt, durch demonstrativen, geltungsbetonten Konsum einen möglichst hohen sozialen Status zum Ausdruck zu bringen. Konsumrivalität und Geltungskonsum - von der Wirtschaft noch verstärkt und ausgeschöpft - tragen gleichfalls in starkem Maße zu einer ständigen Konsumausweitung bei.
Allgemein wird der Konsum auch noch durch die geplante Obsoleszenz beschleunigt: Unternehmungen verkürzen durch geplanten Verschleiß und planmäßige Veralterung die Nutzungsdauer von Gebrauchsgütern, um den Ersatz- bzw. Erneuerungsbedarf zu erhöhen und somit den Absatz zu erhalten und auszuweiten. Durch technisch „eingebauten Verschleiß" wird planmäßig die physische Nutzungsdauer verkürzt. Hierbei spielen auch unzureichende, überteuerte oder fehlende bzw. von vornherein verhinderte Reparaturmöglichkeiten eine maßgebliche Rolle. Die Nutzungsdauer von Gütern wird auch durch psychische Obsoleszenz bzw. durch modische Veralterung verkürzt. Dementsprechend werden noch funktionstüchtige Güter durch planmäßige Beschleunigung der Modezyklen, der Veränderung von Styling und Design einer vorzeitigen Veralterung unterworfen. Werbung trägt seit langem dazu bei, daß sich möglichst viele Verbraucher modebewußt verhalten, daß sie schneller Güter verbrauchen, wegwerfen bzw. entsorgen lassen und dann wieder neue kaufen. So haben sich immer mehr eine Wegwerfmentalität und ein Verschwendungskonsum ausgebreitet.
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Mit den ständig gewachsenen Gütermengen in den Wohlstandsgesellschaften haben auch die Umweltbelastungen und -schäden entsprechend zugenommen: Verbrauch von Rohstoffen, Schadstoffemissionen und Abfälle bei der Produktion, Schadstoffemissionen beim Transport von Gütern zu Abnehmern, ferner bei der konsumtiven Nutzung bestimmter Güter (z. B. infolge der wachsenden Zahl von Autos), Abfälle nach der (vorzeitigen) Beendigung der Güternutzung. Der Einsatz vieler Güter ist mit dem Verbrauch von Energie verbunden - großenteils von Elektrizität. Dadurch ist der Konsum zumindest indirekt in erheblichem Maße umweltbelastend.
Schwerwiegend sind die zahlreichen Umweltauswirkungen der stark gestiegenen Ansprüche an das Wohnen: In den Wohlstandsgesellschaften hat die Wohnfläche pro Einwohner ständig zugenommen. In Westdeutschland hat sich z. B. diese Fläche seit 1960 etwa verdoppelt. In Verbindung mit dem Bau von Infrastruktureinrichtungen und Betrieben ergab sich ein unaufhörlicher Landschaftsverbrauch. Hinzu kommen die Umweltauswirkungen der umfangreichen Bautätigkeit: Landschaftszerstörungen, Energieverbrauch und Schadstoffemissionen durch die Baustoffindustrie (Kalkstein-und Kiesabbau), Energieverbrauch und Schadstoffemissionen beim Transport von Aushub und Baustoffen, Verbrauch von Materialien und Energie - die letztlich aus Rohstoffen hervorgehen - bei der Einrichtung von Bauten. Hinzu kommt das Problem der Entsorgung von Bauschutt.
Einerseits sind bei der Raumheizung durch verbesserte Wärmedämmung und Heiztechniken Fortschritte der Energieeinsparung erzielt worden. Andererseits hat sich die Zunahme von Wohnraum und sonstiger Bauten (Büros, Geschäfte, Hochschulen, Hotels u.a.m.) wiederum steigernd auf den Energieverbrauch ausgewirkt. Hier macht sich auch die steigende Nachfrage der Verbraucher nach Dienstleistungen bemerkbar. Verheizt werden direkt oder auf dem Umwege über Elektrizität indirekt fossile Brennstoffe: Erdöl, Erdgas, Kohle. Dadurch werden nicht nur in steigendem Maße nicht-regenerierbare Rohstoffe vernichtet, sondern auch massenhaft Luftschadstoffe freigesetzt - einschließlich gefährlicher Treibhausgase.
Mit dem Konsum ist eng das Freizeitverhalten verbunden, das in der modernen Gesellschaft immer mehr Bedeutung gewonnen hat. Ganz allgemein ist die Freizeit durch die Verkürzung von Arbeitszeit vergrößert worden. Der Bedeutungszuwachs der Freizeit ergibt sich großenteils auch aus dem verstärkten Streben von Individuen nach einer selbstbestimmten, sinnvollen Lebensgestaltung. Mit der Ausdehnung der Freizeit ist überdies die Zeit für Konsum ausgeweitet worden. Tatsächlich wird in der Freizeit zum großen Teil Konsum betrieben: Reisen, Fahrten mit Kraftfahrzeugen, Nutzung von sonstigen (energiebeanspruchenden) Gütern, von Sportartikeln,
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