Literatur      ^^^^    >>>>

A.  Am Rande des Abgrundes:

 

die Gefährdung der menschlichen Gesellschaft durch die gegenwärtige Überlebenskrise

11-72

 

   I. Kriegsgefahren  

 

Wir leben heute in der weltgeschichtlich einmaligen Epoche, in der sich je nach Ausrichtung des menschlichen Handelns entscheiden wird, ob die Menschheit auf unserem begrenzten Erdball noch eine länger Zukunft haben wird.

Die Gefährdung der Menschheit erreichte mit der Entwicklung, Erprobung und massenhaften Produktion von Atomwaffen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg einen ersten dramatischen Höhepunkt. Im Zusammenhang mit dem ideologisch unüberbrückbar erscheinenden Gegensatz zwischen dem liberal-marktwirtschaftlich ausgerichteten „Westen" und dem staatssozialistisch geprägten „Ostblock" wurden derartig große Mengen an Massenvernichtungswaffen und Trägersystemen bereitgestellt, daß im Sinne eines Overkills eine mehrfache Auslöschung der Menschheit und zumindest vieler anderer Arten des höherentwickelten Lebens möglich gewesen wäre. Mit dieser Gefahr einer raschen und umfassenden Selbstvernichtung der Menschheit war zugleich das von Friedrich Nietzsche vorausgesagte Zeitalter des Nihilismus auf einem höchst gefährlichen Gipfelpunkt angelangt:   detopia-2025: Fettkursiv von mir - bei Nietzsche Sperrschrift

  1. "Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsere ganze europäische Cultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen."(1)

  2. "Der ganze Idealismus der bisherigen Menschheit ist im Begriff, in Nihilismus umzuschlagen - in den Glauben an die absolute Werthlosigkeit das heißt Sinnlosigkeit ..."(2)

  3. "Die Gefahr der Gefahren: Alles hat keinen Sinn."(3)

  4. "... es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das 'Warum?' was bedeutet Nihilism? - daß die obersten Werthe sich entwerthen."(4)

  5. "Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne ein Finale ins Nichts: 'die ewige Wiederkehr'. Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das 'Sinnlose') ewig!"(5)

  6. „das durchbohrende Gefühl des 'Nichts'."6

  7. "Die nihilistische Katastrophe, die mit der irdischen Cultur ein Ende macht."(7)

Es war weitgehend dem sogenannten „Gleichgewicht des Schreckens" zwischen den beiden rüstungstechnisch hochentwickelten Bündnissystemen NATO und Warschauer Pakt zu verdanken, daß ein Großkrieg mit unkalkulier­baren Zerstörungen und unabschätzbarem menschlichem Leid verhütet werden konnte: Die Fähigkeit beider Bündnissysteme zu einem vernichtenden Zweit- bzw. Vergeltungsschlag schreckte jede Seite davon ab, einen Angriffskrieg zu riskieren.

Je mehr aber dann in den 70er und 80er Jahren im Zuge rüstungstechnologischer Neuerungen und strategischer Umorientierungen das „Gleichgewicht des Schreckens" entstabilisiert und durchlöchert wurde, um so mehr gerieten die westliche und östliche Seite in die ebenso unsichere wie gefährliche Situation eines wechselseitig befürchteten Präventiv- bzw. „Enthauptungsschlages". Es ergab sich nämlich die Versuchung, unter Ausnutzung verkürzter Raketenflugzeiten und „Vorwarnzeiten" mit Hilfe nuklearer Präzisionswaffen die politisch-militärische Entscheidungs-, Kommando- und Kommunikationsstruktur der Gegenseite zu vernichten. Infolge solcher militär­technischen Möglichkeiten wuchs zugleich die Gefahr des Ausbrechens eines Atomkrieges aufgrund von technischen Pannen, menschlichem Versagen und Fehlinformationen. Dementsprechend wurde die Mensch­heit dichter an den Abgrund der Selbstvernichtung, an das Ende der eigenen Geschichte und der Evolution gerückt.

1 Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Band 13, München 1980, S. 189. 
2 Nietzsche: Bd. 12, S. 313.    3 Nietzsche: Bd. 12, S. 110.   4 Nietzsche: Bd. 12, S. 350.    5 Nietzsche: Bd. 12, S. 213.   6 Nietzsche: Bd. 13, S. 89.     7 Nietzsche: Bd. 12, S. 377.

12/13

Mit der Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Paktes 1991 sowie mit der Überwindung der Ost-West-Konfrontation verringerte sich die Gefahr eines Atomkrieges zwischen hochindustrialisierten Staaten und Bündnis­systemen in erheblichem Maße. Der immer mehr Ressourcen beanspruchende Rüstungswettlauf mit den wirtschaftlich überlegenen Vereinigten Staaten von Amerika hatte den Niedergang der Sowjetunion beschleunigt.

Gedankenspiele von Politikern und Militärs mit einem regional begrenzten Atomkrieg waren bereits durch die schockierenden Folgen des katastrophalen Reaktorunfalls im April 1986 in Tschernobyl (Ukraine) gedämpft worden, der eine weitflächige, Staatsgrenzen überschreitende radioaktive Strahlenbelastung bewirkte. Hinzu kam die wissenschaftlich fundierte Erkenntnis, daß ein größerer Kernwaffeneinsatz zwangsläufig zu einem "nuklearen Winter" führen würde: Eine massive Rauch- und Rußentwicklung infolge von Großbränden würde nämlich das Vordringen der Sonnenstrahlen zur Erdoberfläche behindern. Dadurch ergäbe sich eine starke Abkühlung der erdnahen Atmosphäre, die wiederum das Pflanzenwachstum einschränken oder gar unterbinden würde.

Auch wenn sich die Bedrohung der Menschheit durch einen atomar geführten Krieg zwischen hochgerüsteten Weltmächten gegenwärtig weitgehend verflüchtigt hat, so ist aber die Gefahr eines Atomkrieges für die weitere Zukunft keineswegs beseitigt:

1. Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die der Herstellung von Atomwaffen und auch von anderen Massenvernichtungswaffen zugrunde liegen, können mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr restlos beseitigt werden. Dieses Wissen wird demgemäß so lange erhalten bleiben, wie die Menschheit besteht - es sei denn, diese würde sich allgemein auf ein wissenschaftlich-technisch primitives Niveau der Lebens­bewältigung zurückentwickeln.

2. Vermutlich werden sich auch in nächster Zukunft einzelne Staaten ihren Anspruch auf volle Souveränität nicht einschränken lassen. Die Verteidigung dieser Souveränität bildet aber eine schwerwiegende Barriere hinsichtlich der Bestrebungen, die Ausbreitung von Atomwaffen zu verhindern. Vor allem die Volksrepublik China hat mittlerweile als Atommacht ein Abschreckungspotential aufgebaut, mit dem äußere Einflußnahmen zur Verhinderung einer weitergehenden Aufrüstung abgewehrt werden können. Auch bildet diese Atommacht eine "offene Tür" hinsichtlich der Unterstützung einzelner Schwellen- oder gar Ent­wicklungsländer, in denen politisch-militärisch ehrgeizige oder ideologisch fanatische Eliten eine eigene Atomrüstung anstreben. Beinhaltete die einstige Ost-West-Konfrontation noch eine über­schau­bare, relativ stabile und berechenbare Weltordnung, so bildet sich nunmehr ein instabiles multipolares Machtsystem heraus, das durch einzelne hochgerüstete Staaten erheblich erschütten werden kann.

13/14

Überhaupt besteht eine wachsende Gefahr für den Weltfrieden darin, daß immer mehr Schwellen- und Entwicklungsländer in starkem Maße militärisch aufrüsten. Diese Aufrüstung wird begünstigt durch Finanz­hilfen der Industriestaaten und durch deren Bemühungen um Exporte von Rüstungsgütern, ferner durch diktatorische Herrschaftsverhältnisse in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern. Die herrschende Elite kann dann in solchen Ländern - die oft einer Militärdiktatur ausgeliefert sind - unter verringerter Berücksichtigung der Belange der Bevölkerung finanzielle Mittel in verstärktem Maße für die Rüstung einsetzen.

3. Die Wahrscheinlichkeit des Ausbrechens von Kriegen steigt mit der Zunahme und Verschärfung von ethnischen, nationalen und ideologischen Konflikten, vor allem aber mit der Zuspitzung von zwischen­staatlichen Verteilungskonflikten um knappe Ressourcen wie Süßwasser, Land, Bodenschätze und Energiequellen. Solche Verteilungskonflikte werden durch wachsenden Bevölkerungsdruck und Ressourcen­verbrauch der Wirtschaft sowie durch Umweltzerstörungen - die z. B. in abnehmenden Süßwasserreservoiren und in sinkender Bodenfruchtbarkeit zum Ausdruck kommen - gesteigert. Hier zeigt sich bereits ein bedrohlicher Zusammenhang zwischen der Umweltkrise und Kriegsgefahr.

4. Schließlich wächst die Gefahr, daß künftig sogar terroristische Organisationen Massenvernichtungswaffen einsetzen.

Während sich die Bedrohung der Menschheit durch einen atomar geführten Weltkrieg gegenwärtig erheblich abgeschwächt hat, ist eine zweite existentielle Gefahr - sogar mit steigender Brisanz - akut geblieben: nämlich die Umwelt­krise als Inbegriff zunehmender Belastungen, Beeinträchtigungen oder sogar Zerstörungen natürlicher Umweltsysteme infolge der dynamischen Lebensweise einer explosionsartig wachsenden Welt­bevölkerung.

 

   II. Zerstörungen in der natürlichen Umwelt  

1. Vorbemerkungen

Krisenerscheinungen und Zerstörungen im natürlichen Umweltbereich sowie problemgeladene Beeinträchtigungen der Lebensbedingungen des Menschen sind keineswegs exklusive Kennzeichen des gegenwärtigen Zeitalters der globalen Ausbreitung der modernen Gesellschaft:

Schon während der Frühgeschichte und des Altertums wurde der umgestaltende Einfluß menschlicher Kulturen auf die natürliche Umwelt deutlich sichtbar.


15

In vielen Regionen des Mittelmeerraumes wurden großflächig Wälder ohne Wiederaufforstung abgeholzt, um Brennmaterial zur Verhüttung und Holz für den Schiffbau zu gewinnen. Weite Landschaften wurden dadurch der Erosion ausgesetzt, die zu Verkarstungen und Verwüstungen führte.

Im Mittelalter hat die in großen Teilen Europas wachsende Bevölkerung durch Rodungen ausgedehnte Narben in den Wäldern oder sogar weitflächige Veränderungen ganzer Landschaften und Regionen hinterlassen. So wurden z. B. im Schwarzwald große Waldflächen gerodet. Das zunächst mit Wald bedeckte Gebiet der späteren Lüneburger Heide wurde für Lüneburgs Salinen und frühe Kohlegruben gerodet.

In mittelalterlichen Städten bewirkten Abfälle und Abwässer z. B. der Metzger, Gerber und Färber einen für Bewohner schwer zu ertragenden Gestank und die Verunreinigung des überwiegend aus Flüssen gewonnenen Trinkwassers. Gesundheitsschädlich-unhygienische Verhältnisse in Städten und Dörfern haben die Ausbreitung von Seuchen und insbesondere die Pestepidemie, die einen großen Teil der Bevölkerung Europas auslöschte, begünstigt. Der „Schwarze Tod" konnte erst überwunden werden, indem die Menschen ihre Abfallberge beseitigten und auf sauberes Trinkwasser größeren Wert legten.(8)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte man im Erzgebirge den zuvor geplünderten Bergmischwald aus Buche, Tanne, Fichte und Bergahorn durch reine Fichtenforste ersetzt. Diese lieferten dann die Holzmengen, die für die florierende Wirtschaft benötigt wurden. Allerdings erwies sich dann die Fichtenmonokultur als besonders empfindlich gegenüber Schwefeldioxyd. Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden vielerorts in Europa ungewöhnliche Schäden an der Pflanzenwelt festgestellt. Zur gleichen Zeit erfolgte eine starke Ausweitung der Verhüttung von Erzen und eine zunehmende Verbrennung von Kohle. Bereits 1845 erschien in der Allgemeinen Forst- und Jagdzeitung von Rettstadt eine Veröffentlichung mit dem Titel „Über die Einwirkung des Rauches der Silberhütten im Oberharze auf die Waldbäume und den Forstbetrieb". 1850 konnte an der Forstakademie Tha-randt bei Dresden nachgewiesen werden, daß Waldschäden infolge von Kohleverbrennung und Erzverhüttung vor allem auf das im Rauch enthaltene Schwefeldioxyd zurückzuführen waren.

8 Vgl. Gottfried Zirnstein: Ökologie und Umwelt in der Geschichte, Marburg 1994; Bernd Herrmann (Hrsg.): Mensch und Umwelt im Mittelalter, Frankfurt a. M. 1986.


16

Durch eingehende Analysen der Vegetation des Oberharzes in den Jahren 1878 und 1879 wurden Hüttenrauchschäden in Wäldern genau dargestellt.9

Schon im 19. Jahrhundert schimpften Bürger über Luftverschmutzung, Smog und Gestank. Katastrophale Zustände herrschten beispielsweise in dem rasch wachsenden und sich industrialisierenden Berlin. Gestank und Qualm aus einer chemischen Fabrik mit Teerkocherei sind bis in die Wohnungen gedrungen. Immerhin wurde diese Fabrik schließlich vor die Tore der Stadt verbannt. Eine Zuckersiederei hüllte mit ihrem Qualm die umliegenden Häuser ein. Der Schornstein dieses Betriebes mußte dann um einige Meter erhöht werden.

Mit der Ausbreitung der Industrialisierung traten Umweltbelastungen und -Schädigungen zunehmend international hervor. In England wurden einige Flüsse zu biologisch toten Kloaken. In Paris wurde 1869 ein gewaltiges Fischsterben festgestellt. Zu den dreckigsten Flüssen Deutschlands zählte die Wupper, die vor allem durch anliegende Färbereien verschmutzt und verschlammt wurde. Um 1900 waren zahlreiche Flüsse biologisch tot, weil ungeklärte Industrie- und Haushaltsabwässer eingeleitet wurden.

Schließlich darf nicht übersehen werden, daß mit dem Auftreten des Menschen das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten die Dimension der Ausrottung annahm. Schon dem Verhalten des vorgeschichtlichen Menschen wird es zugeschrieben, daß z. B. das Mammut und Wollnashorn ausgestorben sind. In Afrika kam es zu einer Welle des Aussterbens großer Tierarten, als in der Altsteinzeit der Faustkeil und Speer erfunden wurden. Auf Madagaskar wurden nach der Ankunft des Menschen um 1000 n. Chr. herum die größeren Lemuren (Halbaffen), viele Vögel und das Nilpferd ausgerottet. Auf allen Kontinenten vollzogen sich solche Ausrottungen. Mit der beschleunigten Zunahme der Bevölkerung in Mitteleuropa und der damit verbundenen intensivierten Landnutzung starben in immer schnellerer Zeitfolge Tier-und Pflanzenarten aus.

Es soll nicht unterschätzt werden, daß bereits in früheren Zeiten das Wohlbefinden, die Gesundheit und die Lebensdauer von Menschen in teilweise erheblichem Maße durch Umweltbelastungen und -verunreinigungen beeinträchtigt wurden. Allerdings wurden solche Einbußen um so mehr fatalistisch hingenommen oder als unabänderlich empfunden, je weniger die betroffenen Menschen aufgrund unzureichenden Wissens dazu in der Lage waren, Ursachen und Zusammenhänge zu erkennen.

9 Vgl. Julius von Schroetter und Carl Reuss: Die Beschädigung der Vegetation durch Rauch und die Oberharzer Hüttenrauchschäden. Nachdruck der Ausgabe von 1883, Hildesheim u.a. 1986; Gerd Speisberg: Rauchplage. 100 Jahre saurer Regen, Aachen 1984.


17

Vor allem aber waren in früheren Zeiten die von Menschen verursachten Beeinträchtigungen der natürlichen Umwelt regional und auch in ihren Auswirkungen viel stärker eingeschränkt als heute. Waldschäden infolge von Rauchgasen blieben beispielsweise auf relativ kleine Umkreise beschränkt. Beeinträchtigungen natürlicher Umweltsysteme verblieben - grob gesehen - auf einem etwa gleichbleibenden, verhältnismäßig niedrigen Niveau der Belastung und Gefährlichkeit. Jene Belastungen waren ebenso relativ statisch ausgeprägt wie die Gesellschaften der vorindustriellen Epochen selber.

Heute hingegen bedrängt uns immer mehr eine grenzenlos expandierende, total gewordene Umweltkrise, die globale Ausmaße angenommen hat.

Es werden keine Nationen oder Menschen ausgespart. Diese umfassende Krise kann nicht mehr durch ein Ausweichen in andere Landstriche oder durch eine technische Symptombekämpfung bewältigt werden. Als komplexer und kumulativer Prozeß der fortschreitenden Zerstörung miteinander verbundener Ökosysteme und natürlicher Lebensbedingungen hat die Umweltkrise gegenwärtig bereits die Dimension einer Überlebenskrise angenommen: das Überleben der Menschheit insgesamt ist nämlich zunehmend bedroht. Diese rückt immer mehr an einen Abrund heran, der das Ende der Geschichte des Menschen und seiner kulturellen Evolution markiert.

Es ist die paradox anmutende Situation eingetreten, daß durch große Fortschritte in der Wissenschaft, medizinischen Versorgung, in der Hygiene und Ernährung in jüngerer Zeit eine erhebliche Verlängerung der durchschnittlichen Lebenserwartung der menschlichen Individuen erreicht werden konnte, zugleich aber durch die expandierende Umweltkrise die Zukunft der menschlichen Gattung mit beschleunigtem Tempo verkürzt wird.

Zur Begründung dieser dramatisch erscheinenden Feststellung einer Überlebenskrise sollen nunmehr schwerwiegende Prozesse der zunehmenden Belastung oder gar Zerstörung natürlicher Umweltsysteme und von Lebensbedingungen ins Blickfeld gerückt werden. Da diese Prozesse im wirklichen Geschehen oft miteinander verbunden sind und sich mitunter sogar gegenseitig verstärken, können sie nur auf gedanklicher Ebene voneinander unterschieden und getrennt dargestellt werden. Die einzelnen Prozesse wirken sich mit unterschiedlicher Intensität auf die natürlichen Überlebensbedingungen aus. Die subjektive Einschätzung der jeweiligen Intensität hängt ab vom Wissensstand, von der Berichterstattung und Aufklärung, von der Stellung des betreffenden Prozesses im Problembewußtsein eines Individuums oder Kollektivs. Die Aufstellung einer darstellerisch notwendigen Reihenfolge von krisenhaften Prozessen ist ferner dadurch fragwürdig, daß sich die Brisanz einzelner Prozesse durch erfolgreiche Umweltschutzmaßnahmen oder Unterlassungen verändern kann. Schließlich kann das Hervortreten neuartiger, zunehmend drängender Umweltbelastungen und -Zerstörungen nicht ausgeschlossen werden.


18

2. Das Ozonproblem

Aufgrund bisheriger Forschungsergebnisse und Berichterstattung wird die Zerstörung der oberen Ozonschicht als eine besonders große Gefahr für die Überlebenschancen der Menschheit angesehen:

Es wurde festgestellt, daß die zunächst als umweltneutral eingeschätzten Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die bis zur Gegenwart jahrzehntelang als Treibgase in Spraydosen, als Kühlmittel in Kühlschränken und Kühlmaschinen sowie als Treibmittel bei der Produktion von Schaumstoffen eingesetzt wurden, langfristig die obere Ozonschicht angreifen und schließlich zerstören können. Diese und einige ähnliche Gase sind nach ihrer Freisetzung im Verlaufe von Jahren in die Stratosphäre, in eine Höhe von etwa 20-50 km aufgestiegen, in der sich die lebenswichtige Ozonschicht befindet. Diese hält nämlich den größten Teil der UV-Strahlung zurück und I spielt außerdem eine wichtige Rolle im Wärmehaushalt der Atmosphäre.

Zunächst wurde festgestellt, daß in der Stratosphäre über der Antarktis am Ende des Südwinters (September und Oktober) bei sehr tiefen Temperaturen ein starker Rückgang der Ozonkonzentration eintritt. In den letzten Jahren zeigte sich in erschreckendem Maße, daß dieses „Ozonloch" immer größer wurde und zunehmend länger anhielt. Umfangreiche Forschungen bestätigten die Vermutung, daß diese bedrohliche Erscheinung auf die zerstörerische Wirkung der FCKW zurückzuführen ist und somit vom Menschen verursacht wurde.

Inzwischen hat sich herausgestellt, daß der chemische Abbau des Ozons in der unteren Stratosphäre über einigen Regionen der nördlichen Erdhalbkugel Ausmaße angenommen hat, die an die Verhältnisse über der Antarktis erinnern. Auch hier zeigen die langjährigen Messungen, daß die Ozonschicht allmählich dünner wird. Dementsprechend haben in den letzten Jahren die Hiobsbotschaften über die Ozonausdünnung - gerade auch im Hinblick auf die nördliche Hemisphäre - eine Steigerung erfahren. Die Mitteilung „Der Ozonabbau über Europa war in diesem Winter so groß wie noch nie" droht zur Gewohnheit zu werden.

Mit fortschreitender Ausdünnung der Ozonschicht unterliegen, der Mensch, die Tier- und Pflanzenwelt einer zunehmenden UV-Strahlung. Beim Menschen wird durch erhöhte UV-Strahlung das Immunsystem geschwächt. Außerdem nimmt dann die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Hautkrebs und Grauem Star erheblich zu.


19

Diese Krankheiten haben in der südlichen Hemisphäre, also in Australien, Neuseeland, Südafrika und Patagonien bereits stark zugenommen. Die höchsten Hautkrebserkrankungen weist mittlerweile Australien auf. Auch zahlreiche andere Lebensformen reagieren auf eine zunehmende UV-Strahlung empfindlich. Einzeller und sehr kleine Organismen sind besonders stark gefährdet. Bei Pflanzen verringert sich die Photosynthese. Dadurch steigt dann der C02-Gehalt in der Atmosphäre noch schneller an. Außerdem verschlechtert sich mit dem Rückgang der Erträge von Nutzpflanzen die Ernährungssituation. Hier zeigt sich bereits die Verknüpfung eines gefährlichen Vorganges mit anderen Problementwicklungen.

Die zunehmend abgesicherten und überzeugend wirkenden Forschungsergebnisse haben inzwischen auf dem Wege über Warnungen und Appelle kompetenter Wissenschaftler im politischen und auch wirtschaftlichen Bereich zu Entscheidungen, Vereinbarungen und Verpflichtungen zugunsten der Verminderung oder gar Einstellung der Produktion ozonschädigender Treibgase geführt. Dadurch hat sich die Chance erhöht, daß die Menschheit diese besonders große Gefahr für die Überlebensmöglichkeiten doch noch unter Kontrolle bekommen könnte. Selbst bei Einhaltung aller Schutzabkommen würde die Ozonschicht noch mindestens fünfzig Jahre benötigen, um sich vollständig regenerieren zu können. Nach Donella und Dennis Meadows wird „mehr als ein Jahrhundert... vergehen, bis das überschüssige Chlor aus der Ozonschicht wieder verschwunden sein wird."10

Während in der Stratosphäre Ozon abgebaut wird, vollziehen sich in der Troposphäre, in der untersten Schicht der Atmosphäre entgegengesetzte Vorgänge. Hier nimmt der Ozongehalt vor allem in Ballungsgebieten mit starker Abgasentwicklung infolge des Ausstoßes von Stickstoff- und Schwefeloxiden ständig zu, und zwar unter der Einwirkung des Sonnenlichts. Die Abgase entstammen großenteils dem Kraftfahrzeugverkehr. Diese Ozonzunahme in der erdnahen Luftschicht bildet keinen Ausgleich für den Ozonverlust der Stratosphäre. Vielmehr ist diese Erhöhung der Ozonkonzentration schädlich für den Menschen (Augenreizungen, Atembeschwerden), für Tiere und Pflanzen.

Schließlich muß noch erwähnt werden, daß ein größerer Atomkrieg - der auch künftig nicht völlig vermeidbar ist - schlagartig die Ozonschicht in der Stratosphäre erheblich schädigen würde.

10 Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows, Jürgen Randers: Die neuen Grenzen des Wachstums. Die Lage der Menschheit: Bedrohung und Zukunftschancen, Stuttgart 1992, S. 197. Vgl. hierzu Kapitel 5, Rückzug hinter die Grenzen: Das Ozonproblem, S. 177-197.


20

3. Der gesteigerte Treibhauseffekt

Nachdem Menschen seit etwa 12000 Jahren in einer - erdgeschichtlich gesehen - erstaunlich stabilen Klimaphase gelebt haben, besteht im gegenwärtigen Zeitalter der Überlebenskrise die Gefahr, daß Auswirkungen menschlichen Verhaltens stark beschleunigte Veränderungen des Klimas bedingen. Wie Al Gore hervorhebt, setzen wir „anders als bei vorübergehenden Klimaänderungen, die durch Vulkanausbrüche verursacht werden, ... einen Klimawechsel in Gang, der Hunderte oder gar Tausende von Jahren anhalten könnte.""

Während zunächst in der Wissenschaft Unsicherheit darüber bestand, ob die Menschheit einen Hitzetod oder eine neue Eiszeit verursacht, ist mittlerweile immer mehr die Befürchtung bestätigt worden, daß der natürlich gegebene Treibhauseffekt mit verhältnismäßig raschem Tempo eine höchst folgenreiche Steigerung erfährt. Für AI Gore „die größte Gefahr, der die Menschheit jemals gegenüberstand."(12)

Zur Vermeidung von Mißverständnissen darf nicht übersehen werden, daß es einen natürlichen Treibhauseffekt gibt, der eine Voraussetzung für die Entstehung und Erhaltung des Lebens auf unserer Erde bildet. Dieser Treibhauseffekt kommt dadurch zustande, daß die kurzwellige Sonnenstrahlung fast ungehindert zum Erdboden durchdringt und dann die von der erwärmten Erdoberfläche ausgehende langwellige Strahlung (Infrarotstrahlung) von der Atmosphäre weitgehend absorbiert und in Wärmeenergie umgesetzt wird. Die Absorption wird durch Spuren- bzw. „Treibhausgase" ermöglicht, die in der Atmosphäre enthalten sind: insbesondere Wasserdampf und Kohlendioxid (CO2). Da die Atmosphäre im Gegensatz zu einem geschlossenen Gewächs- oder Treibhaus nach oben offen ist („atmosphärisches Fenster"), läßt sie einen Teil der umgewandelten Strahlungsenergie in den Weltraum entweichen. Dieser seit langem eingependelte natürliche Treib-hauseffekt hat die mittlere globale Temperatur in Erdbodennähe auf +15°C ansteigen lassen. Ohne diesen Erwärmungseffekt läge jene Durchschnittstemperatur in lebensfeindlicher Weise bei -18°C.

Zu einem wachsenden Problem ist nun im gegenwärtigen Zeitalter der zusätzliche bzw. anthropogene Treibhauseffekt geworden, der auf die vom Menschen verursachte Zunahme der Spurengase zurückzuführen ist. Von den insgesamt 40 - 50 Gasen erweist sich vor allem die Zunahme von CO2 und Methan (CH4) als folgenreich. Seit 1880 ist die C02-Konzentration in der Atmosphäre um rund 25 Prozent gestiegen. In den vergangenen 160000 ; Jahren waren die Konzentrationen von Kohlendioxid und Methan nie auch

11  Al Gore: Wege zum Gleichgewicht. Ein Marshallplan für die Erde, Frankfurt a.M. 1994, S. 87. 
12  Al Gore: a.a.O., S. 56.


21

nur annähernd so hoch wie gegenwärtig.13 Hinzu kommen die Anstiege der J Spurengase Distickstoffoxid (Lachgas, N20), troposphärisches, in der bo- / dennahen Luftschicht auftretendes Ozon sowie die künstlichen Fluorchlor- ( kohlenwasserstoffe (FCKW).

Der zusätzliche Treibhauseffekt bedingt eine Erhöhung der Temperatur an der Erdoberfläche. „Die Anzeichen ... für eine globale Klimaerwärmung mehren sich ... Keinem Zweifel unterliegt... die Tatsache, daß seit 1880 die globalen mittleren Temperaturen gestiegen sind."14 Seit Beginn der Messungen im Jahr 1861 ergab sich, daß neun der zehn heißesten Sommer ab 1980 registriert wurden, daß 1995 das weltweit bisher wärmste Jahr gewesen ist. Der Mensch ist zum Auslöser einer zunehmenden globalen Erwärmung und hieraus resultierender schwerwiegender Klimaveränderungen geworden.

"Die Verursachung der steigenden Emission von Spurengasen ist vielschichtig und mannigfaltig:

Im Zusammenhang mit der Industrialisierung und der wachsenden Weltbevölkerung hat der steigende Energiebedarf vor allem einen Anstieg des C02-Gehalts der Atmosphäre infolge der Verbrennung fossiler Energierohstoffe (Erdöl, Erdgas und Kohle) bedingt. Als besonders problematisch haben sich die Verbrennung von Braunkohle und der zunehmende Autoverkehr erwiesen. Durch unzureichende Umweltschutzmaßnahmen ist besonders in Osteuropa ein hohes Maß an solcher Luftbelastung erreicht worden. Hinzu kam die rasch fortschreitende Industrialisierung und Motorisierung in der Dritten Welt, vor allem in den ausufernden urbanen Ballungsgebieten. Eine wesentliche Ursache für die Zunahme des C02-Gehalts der Atmosphäre liegt auch in den ausgedehnten Brandrodungen. Überhaupt beinhalten Waldrodungen die Verkleinerung eines wichtigen C02-Speichers.

Zu den am schnellsten zunehmenden Treibhausgasen zählt auch das Methan. Dieser Anstieg ist auf die Ausweitung der Rinderhaltung und des Reisanbaus, aufwachsende Müllhalden, auf die Verbrennung von Biomasse sowie auf eine Reihe anderer Prozesse zurückzuführen, beispielsweise Verluste bei der Förderung und beim Transport von Erdgas.

Als Treibhausgas hat sich auch ein Ersatzstoff für das Kühlmittel FCKW herausgestellt: nämlich der für Kühlgeräte verwendete Fluorkohlenwasserstoff (FKW).

Auch sogenannte perfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFC), teilhalogenierte Kohlenwasserstoffe (HKFW) und Schwefelhexafluorid (SF6) verstärken den Treibhauseffekt.

13 Vgl. Meadows: S. 124.
14 Vgl. Meadows: S. 124.

21


22

 

 

 

72

#

 

www.detopia.de     ^^^^