Vorwort 1998 vom Autor
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Obgleich während meiner Jugend- und Studienzeit das "Wirtschaftswunder", das ständige Wachstum der Wirtschaft, des Wohlstandes und der Ansprüche allgemein als neue Selbstverständlichkeiten empfunden wurden, blieb ich gegenüber der zunehmenden Verschwendung innerlich skeptisch. Vielleicht hatten die Sparsamkeit in meinem Elternhaus, die Eindrücke in der Kriegs- und Nachkriegszeit in mir besonders tiefe Spuren hinterlassen. So ist es wohl auch nicht verwunderlich, daß mich die schonungslosen Analysen von Erich Fromm, Herbert Marcuse, Vance Packard und anderer Kulturkritiker mehr bewegten als manche blutleeren Modellkonstruktionen und lebensfernen Theorien, die offenbar allein schon aufgrund einer relativ unverständlichen, leerformelhaften Sprache einen höheren Grad der Wissenschaftlichkeit beanspruchen sollten.
Aufgrund meiner Aufgeschlossenheit gegenüber den jeweils aktuellen Problemen, Krisen und Gefahren fiel die um 1970 hervorbrechende Berichterstattung und Diskussion über die bedrohlich gewordene Belastung und Schädigung der natürlichen Umwelt durch den Menschen und vor allem durch das quantitative Wirtschaftswachstum bei mir auf einen besonders fruchtbaren Boden. Auch mir wurde schnell klar, in welche große Krise wir hineingeraten sind: in eine Umweltkrise, die immer mehr die Lebensqualität beeinträchtigt und vor allem die Überlebensbedingungen gefährdet. Infolge dieses Problembewußtseins fesselten mich dann zahlreiche Bücher über die Umweltkrise, vor allem das aufrüttelnde Buch von Dennis Meadows und seinen Koautoren <Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit>, das 1972 erschien und eine gewaltige Resonanz auslöste.
Als ein erstes Ergebnis meiner intensiven Beschäftigung mit den sozio-kulturellen Aspekten der Umweltkrise erschien 1975 in der Zeitschrift <Gegenwartskunde> mein Aufsatz <Die Wachstumskrise als Wertproblem>. Dieser Beitrag wurde dann zur Keimzelle meiner 1981 erschienenen Habilitationsschrift <Umweltkrise und Wertwandel. Die Umwertung der Werte als Strategie des Überlebens>, die 1986 in zweiter Auflage erschien. In diesem Buch habe ich unter besonderer Berücksichtigung der grundlegenden und zentralen Einflußkraft von Wertvorstellungen auf das menschliche Verhalten soziokulturelle Ursachen und Überwindungsmöglichkeiten der Umweltkrise untersucht: gleichsam als Pionier - zumal damals noch die Umweltkrise von der Soziologie verschlafen wurde.
Mein Buch <Umweltkrise und Wertwandel> war zu akademisch, umfangreich und teuer, um eine dem Inhalt angemessene Verbreitung zu finden.
Neben anderen Arbeiten begleitete mich stets der Vorsatz, meine Pionierleistung zu überarbeiten, zu entrümpeln und auf einen möglichst breiten Leserkreis auszurichten. Schützenhilfe kam von Lesern und Rezensenten, beispielsweise: Wenn dieses Buch "von seinem akademischen Schwulst befreit wird, dann könnte es ein Bestseller werden." Vor allem aber bekam mein Vorsatz immer mehr Auftrieb durch die Einsicht, daß die Umweltkrise zunehmend die bedrohliche "Qualität" einer Überlebenskrise angenommen hat. Der geschichtlich einmalige Epochenwechsel in unserer Zeit trat aufdringlich in mein Bewußtsein: War früher das Überleben der Art, des Kollektivs, der Menschheit eine Selbstverständlichkeit, so wird diese gegenwärtig zunehmend fragwürdig.
Ich wurde immer mehr von dem Gedanken gepackt, daß die Überlebenschancen der Menschheit von der Herausbildung und Aufrechterhaltung einer neuartigen Gesellschaft abhängen. Eine erste Entfaltung dieser Überlegungen kam in meinem Vortrag <Die 'Überlebensgesellschaft' als Konstruktionsaufgabe einer visionären Soziologie> zum Ausdruck, den ich am 13. Oktober 1992 an der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau hielt.
Auch dieser Beitrag - dem noch Lexikonartikel und Aufsätze folgten - wurde zur Keimzelle eines Buches, und zwar für das vorliegende. Dieses Werk ist keineswegs eine bloße Überarbeitung, Straffung und Aktualisierung meiner Schrift <Umweltkrise und Wertwandel>; es ist ein völlig neues Buch entstanden.
Wenn es nach meinem Perfektionsdrang gegangen wäre, dann hätte ich zunächst erneut versucht, alle geeigneten Quellen auszuschöpfen - dann wäre allerdings dieses Buch nie fertig geworden. Statt einer Aufblähung des Textes durch zu viele Lesefrüchte ging es mir eher darum, den Umfang des Buches in engeren Grenzen zu halten und den Inhalt auf wesentliche Probleme, Erkenntnisse und Notwendigkeiten zu konzentrieren. Ich wollte im Hinblick auf die drängenden Probleme Überlebenskrise und Zukunftssicherung einen großen Überblick für jedermann erarbeiten. Infolge dieser Absicht habe ich mich eines allgemein verständlichen Sprachstils bedient, Fachausdrücke und Fremdwörter auf Sparflamme gehalten und Zitate weitgehend vermieden. Ich wollte nicht vorrangig für jene Leser bzw. Fachleute schreiben, die ohnehin schon hinreichend informiert sind, sondern für möglichst viele derjenigen, die sich noch zu sehr von gefährlich gewordenen "Selbstverständlichkeiten" leiten lassen.
Trotz der Ausrichtung auf einen möglichst breiten Leserkreis habe ich auf eine wissenschaftliche Fundierung meines vorliegenden Buches großen Wert gelegt und vor allem hinsichtlich der sozialwissenschaftlichen Aspekte Erkenntnisse geistiger Heroen wie Friedrich Nietzsche, Max Weber, Arnold Gehlen und Talcott Parsons berücksichtigt. wikipedia Talcott Parsons 1902-1979
Im Hinblick auf ökologische und umweltpolitische Gesichtspunkte bildeten vorrangig das Buch von Dennis Meadows und seinen Koautoren über <Die neuen Grenzen des Wachstums. Die Lage der Menschheit: Bedrohung und Zukunftschancen> [1992] sowie jenes von Al Gore über <Wege zum Gleichgewicht. Ein Marshallplan für die Erde> [1992] wertvolle Fundgruben.
Hin und wieder traten in mir Zweifel auf, ob es sinnvoll ist, unter Einschränkung eines gegenwartsbezogenen Genusses des eigenen Lebens in asketischer Weise ein Buch über einen unheimlich breiten Themenkomplex zu schreiben, den ein einzelner Autor kaum noch bewältigen kann. Ich habe mich dennoch auf diese Herausforderung eingelassen; ich mußte es: allein schon wegen meiner Kinder Robert und Silvia. Ihnen - ja allen Kindern - sollte ein möglichst langes und gutes Leben vergönnt sein.
Ich bin nicht dazu fähig, nur an mich zu denken und egoistisch-genußorientiert zu leben. Zu stark ist in mir das Bestreben, mit Gedankenarbeit und praktischem Engagement zur Überlebenssicherung und Verbesserung der Lebensqualität beizutragen: zugunsten meiner Mitmenschen, aller Menschen, nachfolgender Generationen - auch wenn mein Beitrag nur wenig bewirken sollte.
Besonders
dankbar bin ich meiner Ehefrau Antje für die Hinnahme von Einbußen im
Zusammenhang mit der Abfassung dieses Buches und für die zuverlässige
Reinschrift.
Großen Dank schulde ich auch dem Bayerischen Staatsminster für
Landesentwicklung und Umweltfragen, Dr. Thomas Goppel, und dem Vorsitzenden
des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.
Schließlich will
es mir nicht gelingen, einen pathetisch anmutenden Gedanken zu unterdrücken:
Es geht jetzt und in naher Zukunft darum, ob der Menschheit höchstens noch
ein Jahrhundert
oder aber zumindest ein Jahrtausend lang ein erträgliches
Leben bevorsteht.
Würzburg, März 1998, Karl-Heinz Hillmann
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