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Die Sackgasse der industriellen Landwirtschaft

Eine Nation, die ihren Boden zerstört, zerstört sich selbst. Friedrich Albert Fallou

 wikipedia  Friedrich_Albert_Fallou  *1794 in Anhalt

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Wie konnte es eigentlich so weit kommen, dass Bauern und Landwirte zu Bodenbearbeitungspraktiken übergingen, die die fruchtbaren Böden unserer Erde dermaßen massiv schädigen? Sollte man nicht annehmen dürfen, dass jeder Bauer auf das ihm überantwortete Stück Land bestens achtgibt und dieses für seine Nachkommen erhält? Der erste und einfachste Grund lautet heutzutage: Wieso auf etwas aufpassen, das einem gar nicht gehört?

Pacht

In vielen Fällen moderner Landwirtschaft bleiben dem Bauern heute pro Hektar oft nur knapp hundert Euro Gewinn - vor Steuern, wohlgemerkt. Eine Gewinnsteigerung (im Wesentlichen über EU-Ausgleichszahlungen) ist nur durch Zupachten neuer Flächen möglich. Schleichend haben sich daher auch die Besitzverhältnisse auf dem Land verändert. Während vor fünfzig Jahren noch weniger als zehn Prozent der Landfläche verpachtet wurden, sind heute im Schnitt mehr als fünfzig Prozent der Äcker gepachtet. Teilweise mit Verträgen, die die Pacht von Jahr zu Jahr neu verhandeln. Die Folge des unkontrollierten Pachtwesens sind auch immer höhere Pachtpreise.

Ein wesentliches Problem liegt in der Verantwortlichkeit beziehungsweise im Fehlen derselben. Denn ähnlich wie Agrarspekulanten haben auch österreichische und deutsche Pächter mit kurzen Pachtverträgen ohne Garantie auf Verlängerung keinen Bezug zu dem Boden unter ihren Füßen. Der, der das gepachtete Land bewirtschaftet, hat wenig Motivation, aufwendige und möglicherweise teure Maßnahmen zu setzen, die die Fruchtbarkeit des Bodens erhalten oder gar steigern könnten.

Die Pächter streben daher danach, nicht zuletzt wegen der angestiegenen Pachtpreise, den maximalen Flächenertrag zu erwirtschaften. Warum sollte sich ein Pächter dabei überdurchschnittlich um die Erhaltung von Fruchtbarkeit und Qualität eines Ackers kümmern, der ihm

nicht gehört? Jede bodenerhaltende, zukunftsfähige Maßnahme würde zunächst nicht nur Ertrags- und Profiteinbußen bedeuten, sondern bestenfalls dem Grundbesitzer oder, noch schlimmer, dem in Konkurrenz stehenden Nachpächter zugutekommen. Früher war man darauf bedacht, fruchtbaren Boden in gutem Zustand an die nachfolgende Generation weiterzugeben. Heute, wo Pachtverträge jedes Jahr neu verhandelt werden, ist dem Bewirtschafter die nachhaltige Qualität des Bodens egal, nicht zuletzt, da er nicht weiß, ob er nächstes Jahr als Pächter überhaupt zum Zug kommen wird: ein Flächenfraßsystem, das in der Falle der kurzzeitigen Profitmaximierung gefangen ist. Kulturelles Erbe und tradiertes landwirtschaftliches Know-how werden dabei ebenso wenig an die nächsten Generationen weitergegeben wie fruchtbarer Boden.

Die noch unangenehmeren Gründe für die derzeitige landwirtschaftliche Misere und die zunehmende Verschlechterung unserer Ernährung liegt in der Verbreitung von Mythen und Lügen durch die großen Nutznießer des gegenwärtigen Systems, die Konzerne. Sie haben es geschafft, durch beharrliches Wiederholen von ökologischem Un- wie Irrsinn den Landwirten und den Konsumenten den Kopf zu verdrehen. Ähnlich wie es die Pharma­industrie mit den Ärzten seit Langem zu tun pflegt. Ohne dieses und jenes Mittel geht es nicht, kann weder Pflanze noch Mensch gesund werden. Und wie immer gilt: Wer nichts weiß, muss alles glauben.

Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, dass sich heute ein Landwirt von seinen Produkten kaum selbst ernähren kann? Wie auch? Ein Schlag Zuckerrüben für feinsten Kristallzucker, ein Schlag Raps für Biodiesel, ein Feld Sonnenblumenkerne für Vogelfutter, ein paar Hektar Körnermais für Stärke- oder Zitronensäureproduktion und Elefantengras-Monokultur für die Pelletsheizung. Als Nahrung für den Menschen eignet sich das alles nicht. Im Gegenteil: Wertvoller Boden wird dabei in großem Maße verschwendet. Landwirtschaftliche Betriebe, die auf eigenem Grund und Boden die Nahrung und das Einkommen für eine Familie selbst (auch ohne Förderungen) erwirtschaften können, sind heute eine Rarität geworden.

Tödliche Ernte: die Mythen der Agrarindustrie

Industrielle Landwirtschaft schädigt Land, Wasser und Luft und gefährdet die Nachhaltigkeit der Biosphäre. Die massiven chemischen Einträge verursachen weitverbreitete Umweltkatastrophen sowie menschliche Krankheiten und Todesfälle. Monokulturen und die massive Lebensraumzerstörung reduzieren die Vielfalt unserer Pflanzen und Tiere. Die Praktiken in der fabriksartigen Tierzucht verursachen unvorstellbares Tierleid.

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Trotz der noch auszuführenden verheerenden Folgen wird von den Medien und politischen Entscheidungsträgern immer noch schützend die Hand über die industrielle Landwirtschaft gehalten. Selten hört man kritische Fragen oder einen politischen Aufruf der Vernunft, die gegenwärtigen Praktiken des zunehmend katastrophalen Nahrungsmittelproduktionssystems zu überdenken. Diese beunruhigende Stille kann zum Teil auf den enormen wirtschaftlichen Erfolg der Agrarindustrie zurückgeführt werden, die seit Jahrzehnten mit der altbekannten Propagandatechnik der »großen Lüge« arbeitet.

Die Agrarkonzerne haben die Öffentlichkeit mit eigennützigen Mythen und Falschdarstellungen über die moderne Nahrungsmittelproduktion überschwemmt und tun dies weiter. Seit Jahrzehnten begegnen die Vertreter der großen Konzerne jeder Kritik an der industriellen Landwirtschaft wirksam mit der Strategie »Angriff ist die beste Verteidigung«. Die alternativen Fakten der Agrarindustrie sind vertraut geworden und als neue Wahrheit in das Unterbewusstsein vieler eingedrungen. Die meisten Landwirte, Aktivisten und politischen Entscheidungsträger, die das Paradigma der industriell hergestellten Lebensmittel infrage stellen, kennen die Litanei der Lügen auswendig: Industrielle Landwirtschaft ist notwendig, um die Welt zu ernähren, um uns sichere, nahrhafte und billige Lebensmittel zu liefern, um unsere Lebensmittel effizienter zu produzieren und uns eine größere Produktauswahl anzubieten und - die größte Lüge von allen - um unsere Umwelt zu schützen.

Werden Vertreter des Big Business mit den mittlerweile unbestreitbaren Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft auf Umwelt und unsere Gesundheit konfrontiert, weisen diese sofort auf die technologischen Fortschritte, insbesondere auf die jüngsten Errungenschaften der Biotechnologie als Allheilmittel hin, das alle Probleme lösen wird. Diese Behauptungen werden im Rahmen von Lobbying-Bemühungen der Branche und millionen­schwerer Produktwerbung in den Medien effizient verbreitet. Durch Übernahmen und Fusionen immer größer werdende Megakonzerne, die Saatgut, Düngemittel und Pestizide aus einer Hand vertreiben, besitzen ausreichend Finanzmittel und politische Kanäle, um ihre alternativen Wahrheiten wieder und immer wieder zu verbreiten.

Eine Aufgabe des vorliegenden Buches ist es, die betäubte Öffentlichkeit wachzurütteln, ehe es zu spät ist.

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Mythos Nr. 1: Nur industrielle Landwirtschaft kann die Welt ernähren

Genauso dramatisch und medienwirksam wie vor der drohenden Existenzvernichtung von »Rübenbauern« gewarnt wird, sind auch die Warnungen der Agrarindustrie, dass die Weltbevölkerung vor einer Hungerkatastrophe stehe, wenn ihren Plänen und Forderungen (nach Patenten und Zulassungen) nicht nachgekommen würde. Eine dreiste Lüge. Der einzige Antrieb für derartige Kassandrarufe sind die Gier und die Sorge um den Profit.

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Wahr ist vielmehr, dass Hunger auf der Welt nicht primär aufgrund von Nahrungsmangel entsteht, sondern hauptsächlich durch Armut, kriegerische Konflikte, Korruption, skrupellose Machtausübung und auswärtige Einmischung, fehlendes oder geraubtes Land, die Expansion internationaler Konzerne, und ferner auf sozialer Ungleichheit beruht. In nicht wenigen Fällen sind alle genannten Faktoren miteinander verknüpft. Industrielle Landwirtschaft fördert tatsächlich den Hunger in vielen Ländern durch Abhängigkeit von teurem Saatgut und Betriebsmitteln. Dadurch werden Millionen von Kleinbauern zu neuen Leibeigenen gemacht oder vertrieben, während die Konzerne mit ihren Produkten und an den Börsen Milliardengewinne einfahren.

Land Grabbing

In den letzten Jahren machte sich ein neues Phänomen breit, das an finstere Zeiten des Kolonialismus erinnert. Ein Großteil der landwirtschaftlichen Nutzflächen in sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern ist, was die Besitzverhältnisse betrifft, nicht durch grundbücherliche Eintragungen verbrieft, sondern nach traditionellen Nutzungsübereinkünften verteilt oder wird seit Ewigkeiten im Kollektiv benutzt. Etwa 85 Prozent dieser Bauern, die die Ernährungsgrundlage der lokalen Bevölkerung erwirtschaften, bestellen in diesen Ländern zudem jeweils weniger als zwei Hektar Land. Die fehlende Beurkundung der Besitzverhältnisse macht es globalen Konzernen einfach, das Land von einer korrupten Regierung zu erwerben oder zu pachten. Von den Erträgen auf diesen Feldern sieht die lokale Bevölkerung nichts. Im Gegenteil, oft werden auch ganze Wasserläufe angezapft oder umgeleitet, um die neuen, jetzt industriell genutzten Ackerflächen (zum Teil werden sogar Schnittblumen für den Weltmarkt angebaut!) zu bewässern. Die lokale Bevölkerung verliert nicht nur ihr seit Generationen traditionell bebautes Land, sondern auch den letzten Rest an verfügbarem Wasser. »Land Grabbing« oder zu deutsch »Landraub« nennt sich dieser Prozess, der sich, seit sich herumgesprochen hat, dass fruchtbare Böden auf der Erde knapp werden, wie eine Seuche ausbreitet. Die Menschen, ihrer Existenzgrundlage beraubt, machen sich auf den Weg... vorwiegend nach Europa.

Ein weiteres Problem, das sich durch dieses so unmoralische wie verbrecherische Handeln ergibt, ist der Umstand, dass der Boden nun nicht mehr von lokalen Bauern nachhaltig bewirtschaftet wird, sondern von profitorientierten Spekulanten, Agrarmanagern, Banken, Investmentfonds und Versicherungen. Diese beuten die Böden nach allen Regeln der Kunst aus, um Lebensmittel, Futtermittel und Agrartreibstoffe für den Export zu produzieren, und hinterlassen eine Agrarwüste, die dann über Jahrhunderte verseucht und unfruchtbar ist. Die lokale Bevölkerung hungert.

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Auch in Europa, hauptsächlich im Osten, werden viele Grundstücksgeschäfte unter zweifelhaften, korrupten oder anderweitig fraglichen Umständen abgeschlossen. Die Investoren und Käufer sind vom selben Schlag wie die neuen Landbesitzer in Afrika. Im Zuge der allgemeinen Knappheit fruchtbarer Böden haben auch die Preise für Kauf und Pacht zugelegt und in manchen Ländern, gemessen an dem möglichen Ertrag, ein unrealistisch hohes Niveau erreicht.

Tatsächlich ist der einzige Garant, den Hunger auf der Welt zu bekämpfen, die lokale Produktion von Lebensmitteln. Nur kleinstrukturierte bäuerliche Betriebe können den Hunger auf der Welt nachhaltig und regional bekämpfen. In unseren Breiten zählen die Vorteile einer regionalen Wertschöpfungskette, das Einsparen von Energie und fossilen Brennstoffen durch den Wegfall Tausende Kilometer langer Transportwege, der Erhalt ländlicher und bäuerlicher Strukturen und die Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln, die für eine vollständige Neuausrichtung der regionalen Landwirtschaft sprechen.

Mythos Nr. 2: Industriell hergestellte Nahrungsmittel sind sicher, gesund und nahrhaft

Tatsächlich sind industriell angebaute und verarbeitete Nahrungsmittel wie auch der Boden, auf dem sie gedeihen, durch zahlreiche Pestizide kontaminiert. Die hauptsächlich angebauten Nahrungsmittel wie Mais, Weizen, Reis und Kartoffeln sind, im Übermaß genossen - und das ist bei westlicher Ernährung nun einmal der Fall -, wenig nahrhaft und mit allerlei chronischen Krankheitsbildern verbunden, insbesondere Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes und entzündlich-degenerativen Erkrankungen.

Mythos Nr. 3: Industriell hergestellte Nahrung ist billiger als regionale

Bioprodukte Würde man die im Rahmen der Produktion tatsächlich anfallenden Ge-sundheits- und Umweltkosten sowie die auf sozialer Ebene entstehenden Mehrkosten zum derzeitigen Regalpreis von industriell hergestellten Nahrungsmitteln hinzurechnen, wären sie in Wahrheit erheblich teurer als viele Bioprodukte.

Mythos Nr. 4: Industrielle Landwirtschaft ist effizient

Eine weitere, durch wissenschaftliche Arbeiten längst widerlegte Unwahrheit ist die Behauptung, industrielle Landwirtschaft sei produktionseffizient. Gerade kleine und kleinste bäuerliche Betriebe können mit einer größeren und vor allem qualitativ hochwertigeren Ernte aufwarten als große.

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Die globalisierte und konzerngetriebene Nahrungsmittelproduktion mit Monokultur und Massentierhaltung muss vor allem erhebliche Geldsummen für den stets steigenden mechanischen und chemischen Input aufwenden. Dies schadet langfristig der Umwelt und verursacht damit Kosten für zukünftige Generationen. Gut siebzig Prozent der weltweit verzehrten Nahrungsmittel werden immer noch von Kleinbauern, häufig Familienbetrieben, produziert und auf lokalen Märkten verkauft. Zudem produzieren sie mehr pro Fläche - ein seit Generationen erprobtes, nachhaltiges und effizientes Modell.

Warum konnte sich dennoch das kapitalistische Mantra »größer ist besser« in den Köpfen der Menschen festsetzen? Ein wesentlicher Grund hierfür ist die (absichtliche) falsche Berechnung von Effizienz und Produktivität, die nur den Ertrag pro Hektar als Vergleichsgröße heranzieht und die Kosten für Betriebsmittelaufwendungen, Umwelt-und Gesundheitsschäden ausklammert. Oft genug haben mir Bauern in den letzten Jahren geklagt, dass ihre Betriebsmittelaufwendungen über das Jahr für Saatgut, Dünger, Pestizide, Treibstoff, Technik etc. gerade durch den Verkauf der erzielten Ernte getragen werden. Ein Nullsummenspiel. »Gewinn«, das heißt den Lebensunterhalt, garantieren nur die flächenbezogenen EU-Förderungen aus Brüssel. Von Effizienz kann hier keine Rede sein.

Mythos Nr. 5: Industrielle Nahrungsmittel führen zu größerer Auswahl und Vielfalt

Auch diese Behauptung ist grundfalsch. Die bunten Produktpaletten unserer Supermärkte gaukeln uns lediglich eine Nahrungsvielfalt vor, die nicht existiert. Die Hauptinhaltsstoffe der unüberschaubaren Masse an billigen, sogenannten Convenience-Produkten sind immer die gleichen: Weizen, Mais und Co.

So konnten die Filmemacher Ian Cheney und Curtis Ellis in ihrer Dokumentation King Com eindrucksvoll zeigen, dass ein Großteil der amerikanischen Lebensmittel (inklusive Hamburgerfleisch) auf Mais basiert beziehungsweise schlussendlich auf diesen zurückzuführen ist.

Unter der Schlagzeile »Wenn wir das sind, was wir essen, dann sind Amerikaner Mais und Soja« berichtete vor Kurzem ein US-Journalist mit Schrecken, dass eine Haaranalyse ergab, dass er zu 69 Prozent aus Mais bestehe. Denn in Bezug auf den enthaltenen Kohlenstoff lässt sich dessen Herkunft genau zurückverfolgen. Wenn wir also eine bestimmte Art von Nahrung essen und diese eine bestimmte Art von Kohlenstoff enthält, wird dieser in unseren Körper eingebaut, in unseren Geweben, in unseren Haaren, in unseren Fingernägeln, in den Muskeln... überall.

Während des jahrtausendelangen Prozesses der Landwirtschaft haben sich - der bewussten wie unbewussten Selektion durch Mensch und Klima sei Dank - regional gut angepasste Pflanzensorten entwickelt. Das Gleiche gilt auch für landwirtschaftliche Nutztiere.

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Von Generation zu Generation wurden diejenigen Linien weitergezüchtet oder mit anderen gekreuzt, die am robustesten erschienen und den lokalen Ansprüchen, der Futterverfügbarkeit und den klimatischen Bedingungen entsprachen.

In der modernen Landwirtschaft hat sich die Pflanzen- und Nutztiervielfalt in den letzten Jahrzehnten allerdings massiv reduziert. Die Hauptursache liegt in der fortschreitenden Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft mit Konzentration auf ertragreiche und finanziell lukrative Monokulturen und Hochleistungstiere. Auf der Strecke blieben dabei Bipdiversität und das genetische Potenzial der alten Haustierrassen und Nutzpflanzen, zum Beispiel betreffend Krankheitsresistenz oder Trockenheitstoleranz. Gerade in einer sich zusehends verändernden Welt könnte in vielen alten, an ihre speziellen Umweltverhältnisse über sehr lange Zeiträume gut angepassten Haustierrassen und Pflanzensorten der Schlüssel für unser Überleben stecken.

Die tatsächliche Vielfalt an Nahrungsmitteln, seien sie pflanzlicher oder tierischer Herkunft, erfuhr in den letzten hundert Jahren eine dramatische Abnahme und ist unwiederbringlich verloren. Die Ernährungs- und Landwirt­schaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass mehr als drei Viertel (!) der genetischen Vielfalt unserer Nahrungsmittel (vor allem alte und regionale Sorten) während des letzten Jahrhunderts verloren gegangen sind. Laut FAO stammen 95 Prozent unserer aufgenommenen Kalorien von lediglich dreißig verschiedenen Pflanzenarten. Die Hauptursache hierfür ist die Präferenz der industriellen Landwirtschaft für einige wenige, für die Massenproduktion geeignete Sorten. Von Auswahl und Vielfalt also keine Spur!

Mythos Nr. 6: Industrielle Landwirtschaft schützt die Natur und die Wildtiere

Nichts liegt weiter entfernt von der Wahrheit als die Behauptung, konzerngetriebene Landwirtschaftspraktiken wären umweltfreundlich. In Wirklichkeit ist die industrielle Landwirtschaft einer der Hauptverantwortlichen für den zu verzeichnenden, weltweiten Biodiversitätsver-lust! Intensive Bodenbearbeitung und Ausnutzung beziehungsweise Beackern jedes Quadratzentimeters Boden in Verbindung mit wahnwitzigem Düngemittel- und Pestizideinsatz zerstört unzählige Lebensräume, verseucht Erdböden und Grundwasser und tötet komplexe pflanzliche und tierische Lebensgemeinschaften. Viele davon für uns auf den ersten Blick unsichtbar.

Mythos Nr. 7: Biotechnologische Innovationen werden in Zukunft die Probleme der industriellen Landwirtschaft lösen

Die einzigen Nutznießer biotechnologischer Innovationen, sprich Gentechnik, sind die großen Konzerne.

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 Sie können ihre konzentrierte Marktmacht durch das Kombinationsangebot von genetisch modifiziertem, herbizidresistentem Saatgut in Verbindung mit den passenden Spritzmitteln (Roundup-ready) oder insektizid­produzierende Pflanzen (Bt-Crops) weiter ausbauen. Die gegenwärtige Misere wird dadurch verschlimmert, denn die Biodiversität insbesondere des Saatgutes und damit auch die Ernährungssicherheit der Bevölkerung in einer vom Klimawandel gebeutelten Welt ist damit noch mehr gefährdet als je zuvor.

Das ursprüngliche Versprechen der Agrarindustrie hinsichtlich gentechnisch verändertem Saatgut war mehr Ertrag, um die Welt zu ernähren, bei gleichzeitig weniger Bedarf an Spritzmitteln. Gehalten wurde dieses Versprechen nicht. Das zeigt ein Vergleich von Europa mit den USA. Während genetisch modifiziertes Saatgut in Europa bis heute nicht zugelassen ist, kommt es in den USA seit 1995 zum Einsatz. Mit der Folge, dass der Herbizideinsatz in den USA sogar um 21 Prozent gestiegen ist!

Auch wenn man es dem Konsumenten immer wieder eintrichtern möchte, Fakt ist, gentechnisch modifiziertes Saatgut bietet keinerlei Vorteile für Landwirte oder Verbraucher. Eine von mehreren US-Universitäten durchgeführte Auswertung von 8200 Feldversuchen der am häufigsten angebauten gentechnisch modifizierten, herbizidtoleranten Sojabohnen enthüllte, dass diese 6,7 Prozent weniger (!) Ertrag einbringen und bis zu fünfmal mehr Herbizide benötigten als nicht gentechnisch modifizierte Sorten. Außerdem wurden weitere Nachteile festgestellt: fehlerhaftes Wachstum, Anfälligkeit für Krankheiten, Fruchtabwurf und schließlich geringe wirtschaftliche Erträge für Landwirte.

Das Einzige, wozu gentechnisch modifiziertes Saatgut in der Lage ist, ist der Ausbau des Monopols und des Gewinns der großen Agrar- und Lebensmittelkonzerne. Kleine landwirtschaftliche Familienbetriebe werden in den Ruin getrieben. Die längst erforderliche Wende zu einer nachhaltigen Landwirtschaft, die die Lebensmittelsicherheit und die Gesundheit auf der Welt garantieren könnte, wird durch Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft verhindert. Wie gesagt, bis jetzt leben wir in Europa ohne genmanipuliertes Saatgut, die Frage ist allerdings, wie lange noch, angesichts des massiven Industrielobbyings in Brüssel.

In Form von Futtermitteln wie Sojabohnen und Sojaschrot importiert die EU jährlich aber ohnehin 33 Millionen Tonnen an genetisch modifizierten Pflanzen, vorwiegend aus Nord- und Südamerika. Der Import von Sojabohnen aus den USA ist in der zweiten Jahreshälfte 2018 um mehr als hundert Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen. Immerhin, weltweit liegt der Gentechnik-Anteil an der Sojaproduktion (die sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt hat) bei knapp achtzig Prozent! In unsere Nahrung gelangt Gentechnik-Soja also ohnehin über Milchkühe, Schweine- und Hühnerfleisch sowie Eier. Da hilft das ganze Gentechnikverbot wenig.

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Die einfältige und durchschaubare Behauptung der Industrie, Nahrungsmittelsicherheit könne auch durch Gentechnik erreicht werden, ist eine gravierende wie gefährliche Fehlinformation. Die unablässigen Ankündigungen von Bayer, BASF, Syngenta, Dow und DuPont-Pioneer, dass mit gentechnisch veränderten Nutzpflanzen der Welthunger bekämpft, die Energieversorgung gesichert oder dem Klimawandel begegnet wird, dienen einem einzigen Zweck: dem Verkauf ihres Saatgutes mit den dazupassenden agrochemischen Produkten und der Beherrschung des Weltmarktes. Wer Milliarden verdient, dem ist jedes Mittel recht.

Vom Winde verweht...

... und vom Regenwasser abgeschwemmt. Das ist nicht der Titel eines Hollywoodklassikers, sondern der eines realen Dramas, das sich im Zuge der Intensivierung landwirtschaftlicher Praktiken immer mehr ausbreitet. Diese Problematik betrifft aber nicht nur die Bewohner Pakistans oder der Sahelzone, sondern zerstört auch fruchtbares Ackerland in Europa, Asien, den USA und Australien. Das Fatale dabei ist, dass die Verarmung unserer Böden von außen oft nicht bemerkbar ist, da die Schönheit der grünen Kulturlandschaft oft darüber hinwegtäuscht. Der Ernst der Lage lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) das Jahr 2015 zum Internationalen Jahr der Böden erklärt hat. Das Problem ist keineswegs neu. Bereits 1992 wies man im Zuge des Erdgipfels von Rio de Janeiro, an dem 170 Nationen teilnahmen, darauf hin, dass die Böden weltweit bis zu drei Viertel verarmt sind. Dennoch fährt die Weltgemeinschaft ein Vierteljahrhundert später mit ihrem selbstzerstörerischen Kurs fort und finanziert den Fortschritt um jeden Preis mit Milliardensummen.

Laut einem Bericht der United Nations Convention to Combat Desertification (UNCCD; UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung) aus dem Jahr 2013 haben sich Wüstenbildung (Desertifikation), Verschlechterung der Bodenqualität (Bodendegradation) und Dürren im 20. und insbesondere im 21. Jahrhundert weltweit beschleunigt. In den letzten vierzig Jahren hat die Erde ein Drittel (!) ihres verfügbaren Ackerlandes durch Erosion, Degradation und Desertifikation verloren. Im selben Zeitraum hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt. Trotz gezielter Gegenmaßnahmen verlieren wir weltweit jedes Jahr mehr als zwölf Millionen Hektar Land in Form fruchtbarer Ackerböden, sodass sich die Situation zunehmend verschlechtert. Das entspricht einem geschätzten Gegenwert von 400 Milliarden US Dollar verlorener landwirtschaftlicher Produktionskapazität. Ist der fruchtbare Boden einmal abgeschwemmt und im Meer gelandet, kann er nicht wieder ohne Weiteres »erzeugt« werden.

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Bereits vor 2000 Jahren forderte der römische Schriftsteller Columella in seinem Werk über die Landwirtschaft, dass sich die besten Köpfe mit dem Boden beschäftigen müssten, um das Römische Reich vor dem Untergang zu bewahren. Der Rest ist gewissermaßen Geschichte ...     wikipedia  Lucius_Iunius_Moderatus_Columella  Tod: 70 n. C.

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Vor allem Mais ist als sogenannte Reihenkultur erosionsgefährdend. Auch findet aufgrund der langsamen Entwicklung der jungen Maispflanzen erst Mitte bis Ende Juni der Reihenschluss und damit eine Bodenbedeckung statt. Bei nicht standortangepasstem Anbau kann es daher zu beträchtlichen Erosionsprozessen durch Wasser und Wind kommen.

Was dann im Zuge eines Starkregenereignisses passiert, sollte sich jeder Stadtmensch einmal aus der Nähe angesehen haben. Innerhalb weniger Minuten bewegt sich die dünne, kaum durch Wurzeln zusammen­gehaltene oberste Erdschicht - auch bei geringster Hangneigung - in Form von Schlammlawinen talwärts beziehungsweise in Richtung der nächstgelegenen Straße. Die freiwilligen Feuerwehren haben alle Hände voll zu tun, die Straßen freizuschaufeln. Was übrig bleibt, sind an Humus verarmte Felder mit reichlich herumliegenden freigelegten Steinen. Auch für den landwirtschaftlichen Laien ein Schreckensbild. Unzählige Rillen mit Tiefen von dreißig, fünfzig oder mehr Zentimetern zeigen den Abfluss der Regenmassen samt Humus auch noch Tage später.

Ist die Saat noch nicht aufgegangen, werden diese Narben in der Regel rasch mit geeignetem Gerät »weggepflügt«. Spricht man Landwirte auf dieses Phänomen direkt an, scheint zwar den meisten der Ernst der Lage langsam, aber sicher einigermaßen bewusst zu werden, dennoch dürften sich viele mit dem Unterpflügen des Erosionsschadens als einzige (kosmetische) Maßnahme begnügen. Keiner meiner Gesprächspartner konnte sich aber an ein vergleichbares Ausmaß an Bodenerosion durch Starkregenereignisse während der 1990er-Jahre oder gar davor erinnern. Alle waren sich einig, dass dies ein in den letzten Jahren rapide zunehmendes Phänomen darstellt.

Lediglich einzelne dazwischenliegende Felder, die mit der pfluglosen Technik der Direkt- beziehungsweise Mulchsaat bestellt worden sind, und einzelne landwirtschaftlich ungenutzte Brachen bleiben regelmäßig von der intensiven Rillenerosion verschont, denn hier können die Wassermassen weitgehend vom durchwurzelten und vor allem belebten Boden aufgenommen werden. Wie wesentlich diese sogenannte »Lebendverbauung« der Böden für unsere Zukunft ist, werden wir später noch sehen.

Fakt ist, dass der ländliche Raum zunehmend verödet und bereits viele Regionen in Europa zu Agrarwüsten geworden sind. In Spanien sind seit den 1980er-Jahren geschätzte dreißig Prozent (!) der landwirtschaftlichen Böden unwiderruflich desertifiziert, also zu Agrarwüsten geworden - in erster Linie durch monokulturellen Getreideanbau.

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Am 8. April 2011 wirbelten Sturmböen mit einer Geschwindigkeit von über hundert Kilometern pro Stunde riesige Staubwolken auf, sodass die Autofahrer auf der deutschen Autobahn A19 südlich von Rostock innerhalb von Sekunden keine Sicht mehr hatten. Bei der folgenden Massenkarambolage verloren acht Menschen ihr Leben, 130 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Ursache: Kaum überschaubare landwirtschaftliche Monokulturen und falsche Bodenbearbeitung ließen den Boden austrocknen und setzten ihn so ungehinderter Winderosion aus.

In der Bundesrepublik Deutschland sind 2,6 Millionen Hektar Ackerland mittlerweile als erosionsgefährdete Flächen eingestuft. Erosion durch Wind ist aufgrund des gleichmäßigeren Flächenabtrages zwar auf den ersten Blick nicht so deutlich zu erkennen, aber keinesfalls weniger problematisch. Allein im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern wurden bereits 2002 25 Prozent der Böden als stark, 35 Prozent als mittel winderosionsgefährdet eingeschätzt. Überraschen sollte uns das eigentlich nicht, denn an Präzedenzfällen mangelte es in der Vergangenheit keineswegs.

Black Sunday

Zur Urbarmachung für die landwirtschaftliche Bodennutzung wurde im mittleren Westen der USA Präriegras hemmungslos gerodet. Als nach Jahren intensiven Weizenanbaus und Überweidung durch Rinder und Schafe Bodenerosion und lang anhaltende Dürren in den damals im Zuge der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre stark angeschlagenen USA zusammentrafen, entwickelte sich das Phänomen der sogenannten »Dust Bowl«, der Staubschüssel.

Nach jahrelangem, ungeniertem Pflügen wurden mehrere Ernten hintereinander durch anhaltende Trockenheit und permanente Staubstürme vernichtet und die Menschen in ihren Häusern eingeweht. Aufgrund der massiven Staubbelastung verstarben zahlreiche Menschen sogar an staubbedingter Lungenentzündung. Die tiefen Wurzeln des Präriegrases hatten bis dahin die oberen Bodenschichten jahrtausendelang vor Erosion bewahrt, die nun in relativ kurzer Zeit massiv einsetzte. Am Sonntag, dem 14. April 1935, kam es schließlich zu der finalen Katastrophe, als das Gebiet der Great Plains von einem der schlimmsten Staubstürme in der US-amerikanischen Geschichte heimgesucht wurde. Das verheerende Naturphänomen, das geschätzte 300 Millionen Tonnen Mutterboden aus dem Präriegebiet verwehte, verursachte Hunderte Todesopfer, immense wirtschaftliche und landwirtschaftliche Schäden und führte dazu, dass Hunderttausende Farmer, ihrer Lebensgrundlage beraubt, ihre Heimat für immer verließen.

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Der letzte verbliebene fruchtbare Boden wurde praktisch über Nacht weggeblasen. Die gigantische Staubwolke legte sogar das öffentliche Leben in weit entfernten Städten wie Washington und New York lahm. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was die Kombination von Dürre, Erosion, nacktem Boden und Wind verursachen kann. Die Ursache lag in rücksichtsloser landwirtschaftlicher Bodennutzung, der finale Auslöser in der anhaltenden Trockenheit. Wir sollten diese Ereignisse vor nicht einmal hundert Jahren, heute, im Zeitalter des Klimawandels und der weiteren Intensivierung der Landwirtschaft, nicht vergessen.

 

  Schlecht beraten? Die undurchsichtige Rolle der eigenen Interessenvertretungen  

Wem vertrauen Sie mehr, wenn es um fraglich notwendige Reparaturarbeiten Ihres Autos geht? Dem Mechaniker in der teuren Werkstatt, der von Ihrem Auftrag wirtschaftlich profitiert, oder dem Mechaniker der unabhängigen Prüfstelle Ihres Automobilclubs, der für seine fachliche Auskunft keinerlei Extralohn zu erwarten hat? Wie verhält es sich beim Ankauf eines Gebrauchtwagens? Vertrauen Sie den Worten des privaten Verkäufers oder Gebrauchtwagenhändlers oder doch lieber der unabhängigen Ankaufsüberprüfung Ihres Automobilclubs oder unabhängigen Crashtests?

Erstaunt es Sie also, dass sich ein Großteil der Landwirte bei Fragen und Problemen auf ihren Betrieben an den Bauernverband, ihre Interessenvertretung, wendet? Grundsätzlich wäre doch genau das eine der Kernaufgaben einer Interessenvertretung. Aber ist man dort als kleiner Bauer tatsächlich immer gut und objektiv beraten?

EU-weit werden es immer mehr Bauern, die ihren sogenannten Interessenvertretungen den Rücken kehren, weil sie der Meinung sind, dass diese nur den Interessen der Großkonzerne und einer kleinen Anzahl von Großproduzenten dienen. Natürlich auf Kosten der mehrheitlich kleineren Betriebe. Dabei stellen sich viele der abtrünnigen Bauern nicht zwingend einer Modernisierung der Landwirtschaft entgegen. Sie sind sich lediglich einig, dass die industrielle Ausbeutung der Böden mit den immer effizienter werdenden modernen Methoden, um damit um jeden Preis am Weltmarkt teilzunehmen, falsch ist, und sie hinterfragen dabei zunehmend die Unabhängigkeit ihrer Berufsverbände.

   »Wachstum ist das einzig Wahre«  

Egal, ob Österreich oder Deutschland. Die Verhältnisse sind überall ähnlich undurchsichtig, und die Verflechtungen von Bauernvertretung, Industrie und Politik allgegenwärtig.

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Bei einer der regelmäßigen Mitgliederversammlungen des Landvolkes, so nennt sich der niedersächsische Bauernverband, hält dessen Präsident Werner Hilse eine Brandrede für Wachstum als einzige moralisch vertretbare Möglichkeit. Hilse ist als Betreiber eines 300-Hektar-Betriebes samt einer großen Schweinemastanlage selbst Landwirt und zudem Vizepräsident des Bundesdeutschen Bauern­verbandes. Seine Worte sind kein Produkt spontaner, rhetorischer Eingebung und alles andere als zufällig. Er liest die mit Bedacht gewählten Worte von seinem vorbereiteten Manuskript...

»Weltweit ist es aus meiner Sicht Beihilfe ..., na ja ich will nicht sagen zum Mord. Wer die Ressourcen auf der Welt nicht nutzt oder dafür Sorge trägt, dass diese Ressourcen nicht genutzt werden können, trägt aus meiner Sicht dazu bei, dass wir auf dieser Welt nicht genügend Grundlage haben, um alle Menschen zu ernähren.« Nach kurzem, zögerlichem Applaus der anwesenden Landvolk-Mitglieder poltert Hilse in Bierzeltmanier routiniert weiter: »Wer ein Zurück will aus der sogenannten Massentierhaltung in eine Hinterhofhaltung, der muss wissen, das funktioniert nicht, meine Damen und Herren!«

Vor einem Kamerateam des NDR offenbart Hilse dann in der Sendung 45 Minuten, dass er selbst kaum Zeit habe, in seinem Stall zu stehen. Zu zeitaufwendig sei die Verbandsarbeit, wegen der er die ganze Woche unterwegs sei. Wie lukrativ seine Tätigkeit ist, verrät er nicht. Allein die EU-Förderung des 300 Hektar umfassenden Betriebes beträgt jedes Jahr Zigtausende Euro. Hilse ist mit seinen Aussagen nicht zimperlich. Die freie Marktwirtschaft sei eine gute Sache. Dass dabei die großen die kleineren Betriebe verdrängen, müsse man so hinnehmen.

Angesichts dieser offen zur Schau getragenen Gesinnung stellt sich die Frage, ob Werner Hilse tatsächlich der Interessenvertreter aller Bauern, vor allem auch der kleineren Betriebe, ist. Immerhin neunzig Prozent der deutschen Schweinebauern haben kleinere Betriebe als er. Die Recherche der NDR-Journalisten offenbart ein bedenkliches Bild: Wie viele Agrarfunktionäre verdient Hilse - wie sein Stellvertreter Holzenkamp - sein Geld nicht nur als Landwirt, sondern verfügt, dank seiner Geschäftigkeit in unterschiedlichen Interessenverbänden, über ein ansehnliches Zusatzgehalt. So ist er nicht nur Präsident des niedersächsischen Landvolkes und Vizepräsident des Bundesdeutschen Bauernverbandes. Er sitzt wie sein Stellvertreter auch in zahlreichen Aufsichtsräten und anderen Gremien von großen Agrarunternehmen. Das Pikante dabei: Als Aufsichtsratsmitglied landwirtschaftlicher Industriebetriebe verdient er mehr als im Präsidium der bäuerlichen Interessensvertretung. Ein Interessenkonflikt?

Stellvertreter Holzenkamp sitzt zudem als Agrarexperte der CDU im Deutschen Bundestag und stimmte - eigentlich kaum anders zu erwarten - gegen den Entwurf des neuen Tierschutzgesetzes, der vorsah, das

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Kastrieren der Ferkel ohne Betäubung und Brandzeichen bei Pferden zu verbieten. Den Versuch, eine tierschutzgerechte Landwirtschaft zu erreichen, hält er für »weltfremd«, wie er im Interview sagt. Hilse, der seine 2500 Schweine auf engstem Raum auf sichtlich strohfreiem Spaltenboden hält und das im Interview als »klarerweise kein Kuschelzoo« bezeichnet, ist um keine Ausrede verlegen. So gäbe es seiner Meinung nach auch in Fußballstadien »Menschen, die eng aneinander stehen...«. Auf Nachfrage des Journalisten, ob es sich bei seinem Betrieb um Massentierhaltung handle, antwortet Hilse trocken: »Eine Masse Tiere ist das.« Das habe aber nichts damit zu tun, dass es die Tiere deswegen schlecht hätten. Die Forderung nach tierschutzgerechter Haltung nervt ihn. Von denen, die keine Ahnung hätten, möchte er sich nicht sagen lassen müssen, was richtig oder falsch sei. Starke und selbstbewusste Worte des umtriebigen Agrarexperten aus Niedersachsen.

Also vorwärts ohne Rücksicht auf Verluste und Tierwohl? Liegt die Zukunft der Bauern tatsächlich in der Agrarindustrie, wie sie sich ein Werner Hilse vorstellt? Oder wird in Zukunft vor allem das partnerschaftliche Bündnis der Bauern mit der von ihnen versorgten regionalen Gesellschaft unsere Ernährung und landschaftliche Biodiversität nachhaltig sicherstellen?

Industrielle Tierzucht

Die genetische Vielfalt unserer Nutztiere hat, wie die des Saatgutes, während des letzten Jahrhunderts rapide abgenommen. Die Artenvielfalt ist bedroht und damit auch die globale Lebensmittelversorgung. Der weltweite Fleischbedarf wird heute im Wesentlichen aus nur fünf Nutztierarten gedeckt. In vielen Fällen wurden die Rassen auf maximale Produktion gezüchtet und andere Nachteile wie erhöhte Krankheitsanfälligkeit dabei in Kauf genommen. Eine Seuche, die eine dieser Arten träfe, würde sich verheerend auf die Versorgung unzähliger Menschen auswirken, da Erreger in einer globalisierten Warenwirtschaft keine Grenzen kennen.

In Österreich werden jährlich 77 Millionen Hühner, über 5,2 Millionen Schweine, mehr als 600000 Rinder, knapp 270000 Schafe und Lämmer, 60000 Kälber und mehr als 55000 Ziegen und Kitze geschlachtet. Das Traurige dabei ist, dass ein beträchtlicher Anteil nicht in unseren Mägen landet, sondern weggeworfen wird. Der Pionier der nachhaltigen Küche und der Nose-to-Taü-Philosophie, Fergus Hender-son, bemerkte einmal dazu: »Wenn man ein Tier tötet, ist es nur höflich, es komplett zu verwerten.«

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Auch in der Bundesrepublik Deutschland leben in diesem Moment gut 27 Millionen Schweine. Doch wo sind sie? Obwohl sie mitten unter uns leben, hat sie noch kaum jemand zu Gesicht bekommen, denn sie leben bis auf einige wenige Ausnahmen in großen Mast- und Zuchtanlagen ohne Sonnenlicht, ohne die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse auszuleben, ein beschäftigungsloses Leben auf Spaltenböden über ihren eigenen Exkrementen.

Schweinezucht heute: schneller, billiger, rücksichtsloser

Wie sehr sich die Einstellung der Landwirtschaft und der Gesellschaft zur Schweinezucht innerhalb des letzten Jahrhunderts verändert hat, offenbart ein Blick in Schlipfs Handbuch der Landwirtschaft von 1898. Dort heißt es:

»Die Schweinezucht hat für Land- und Hauswirtschaft deshalb eine so große Wichtigkeit, weil durch die Schweine die Abfälle der Küche, der Molkerei und anderer Gewerbe, wie Bierbrauereien, Brennereien, Mühlen, Bäckereien etc. vorteilhaft verwertet werden können. Schweinezucht in größerer Ausdehnung mittels Ankauf des nötigen Futters zu betreiben, wird nur in seltenen Fällen einen Nutzen gewähren. Dagegen ist es unter den meisten Verhältnissen empfehlenswert, in der Landwirtschaft soviel Schweine zu halten, dass man durch dieselben die Abfälle der Küche, der Molkerei, leichte Körner, Obst, Kartoffeln, Rüben etc. verwerten kann.«

Heute wird Schweineaufzucht und Mast wie eine Fließbandproduktion, zum Teil unter erbärmlichen Bedingungen und unter Zukauf sämtlichen Futters, betrieben. Da kleinere Schweinezucht- und Mastbetriebe keine großflächigen Betriebe sind und daher nur wenig flächenbezogene Fördergelder aus dem EU-Topf erhalten, noch dazu die überwiegende Mehrheit der Kunden für das Kilo Schweinefleisch kaum etwas bezahlen möchte, ist ein wirtschaftliches Arbeiten in den Sieben-Tage-die-Woche-rund-um-die-Uhr-Betrieben kaum noch möglich.

Zudem stiegen die Futtermittelpreise in letzter Zeit stetig an und machen bereits bis zu siebzig Prozent der Kosten der Schweinefleischproduktion aus. Ein Umstand, der die Lage der kleineren Betriebe weiter verschärft. Schweinemäster verdienen nach Abzug der Unkosten wie Futter etc. derzeit im Schnitt etwa 15 Euro pro Sau, die das Schlachtgewicht von knapp hundert Kilo erreicht hat. Dabei wird klar, dass eine Gewinnsteigerung nur durch Erhöhung der Stückzahl möglich ist. Der Trend geht auch hier in Richtung Wachstum. So stieg der durchschnittliche Bestand an Schweinen seit 1995 von 35 Tieren pro Betrieb auf 110 Tiere im Jahr 2016 an. Immer noch relativ beschaulich, wenn man bedenkt, dass in der EU Betriebe mit mehreren Tausenden Schweinen auf engstem Raum keine Seltenheit mehr sind. In einzelnen Tierfabriken stehen sogar mehr als 50000 Tiere! Das Ziel ist jedenfalls vorgegeben. Von einer Sau wird erwartet, dass sie mehr als zwanzig Ferkel im Jahr

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wirft, die täglich etwa 800 Gramm an Gewicht zulegen. Zehn Prozent »Produktionsverlust« (sprich: tote Tiere) werden standardmäßig einkalkuliert. Wie sehr die Entwicklung in Europas industrieller Tierzucht aus dem Ruder gelaufen ist, hat der deutsche Tierarzt Matthias Wolf Schmidt vor Kurzem in seinem Buch Das Schweinesystem: Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden festgehalten.

Was ist eigentlich im Schweinemastfutter enthalten?

Neben dem Hauptbestandteil Gerste setzt sich der zweite große Bestandteil aus Sojabohnen und sogenanntem Sojabohnenextraktions-schrot zusammen, hinzu kommen Weizen, Mais und andere Futterpflanzen.

Das Problem dabei: Soja ist größtenteils gentechnisch verändert und kommt seit mehr als zehn Jahren überwiegend aus Übersee, genauer aus Nord- und Südamerika. Aufgrund der weltweiten Nachfrage nach billigem Soja stieg dort der Anbau in den letzten Jahren exponen-tiell an. Die EU importierte im Jahr 2018 allein aus den USA 35 Millionen Tonnen Soja.

So mancher Bauer möchte nachhaltig wirtschaften und gentechnikfreies Soja füttern. Aber gibt es GVO-freies (GVO = gentechnisch veränderter Organismus) Soja auf dem Weltmarkt überhaupt? Es ist prinzipiell kaum zu bekommen, da der Anbau von Biosoja rückgängig ist, und wenn, dann selbstverständlich empfindlich teurer als das massenhaft importierte GVO-Soja. Die großen Importeure müssten eine komplett getrennte Logistik vorhalten und bei jeder Lieferung von gentechnikfreiem Soja ihre Silos reinigen, damit sich die GVO-Ware nicht mit dem GVO-freien Soja vermischt. Kaum zu bezahlen also, wenn man bereits täglich an der Wirtschaftlichkeitsgrenze arbeitet. Trotzdem füttern viele verantwortungsvolle Bauern gentechnikfreies Futter, ohne für ihre Produkte wie Fleisch und Milch nur einen Cent mehr zu bekommen.

Welche Nachteile sind mit genetisch modifiziertem Soja insbesondere für den Menschen verbunden? Dazu muss man sich fragen, warum die genetisch veränderten Pflanzen von der Industrie überhaupt dermaßen als Fortschritt gepriesen werden. Die Antwort liegt in der Pestizidresistenz der genetisch veränderten Pflanzen. Die in die Gene der Pflanzen eingeschleusten Herbizidresistenzen erlauben es, während der gesamten Anbauperiode Breitbandherbizide einzusetzen, ohne dass die transgenen Nutzpflanzen davon beeinträchtigt werden. Die Idee der Hersteller dabei: Wir verkaufen genetisch modifizierte, glyphosatresistente Pflanzen beziehungsweise deren Saat-

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gut und das dazu passende Herbizid Glyphosat aus einer Hand. Was anfänglich nach einem Erfolg aussah, entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem Desaster, denn das Unkraut begann - die Evolution macht's möglich - Resistenzen gegen das Herbizid zu entwickeln. Die Folge ist ein stark zunehmender Einsatz des Breitbandherbizides, immer häufiger in Kombination mit anderen, zum Teil noch giftigeren Substanzen, die eine entsprechende Belastung von Umwelt und Mensch mit sich bringen. In der EU ist der Anbau dieser glyphosat-resistenten Pflanzen zwar nicht erlaubt, wohl aber ihr Import, etwa als Futtermittel in Form von Soja.

In Südamerika hat der Einsatz von Glyphosat aufgrund der zunehmenden Resistenzen in Form sogenannter »Superweeds« innerhalb der letzten zehn Jahre erheblich zugenommen. Ein tödlicher Kreislauf. Damit sind aber auch die Argumente der Hersteller widerlegt, der Anbau herbizidresistenter Pflanzen führe zu einem verringerten Herbizidverbrauch. Ebenso steigt der Glyphosatgehalt der importierten Sojabohnen. Der zulässige EU-Grenzwert für Glyphosat in Sojabohnen liegt derzeit bei zwanzig Milligramm pro Kilogramm (maximaler Rückstandswert MRL). Tatsächlich wurde dieser Grenzwert erst 1996 angehoben, als Monsanto seine herbizidresistente RoundupReady®-Sojabohne auf den Markt brachte. Grenzwerte folgen also nicht wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern faktisch nachgewiesenen Rückständen. Werden mehr Rückstände gefunden, wird der Grenzwert angehoben, und schon ist wieder alles quasi »im grünen Bereich«.

Was hat nun der Glyphosat-Wahnsinn in Südamerika mit uns zu tun? Die Antwort erhält man, wenn man der Nahrungskette folgt: Glyphosat im Futter (Soja) - Glyphosat im Schweinefleisch - Glyphosat im Menschen.

Milch

Milch ist seit Jahrtausenden ein Bestandteil unserer Ernährung. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich aber unser Verhältnis auch zur Milch und zur Haltung der Milchkühe radikal verändert. Alleine in Europa ist der Milchmarkt hundert Milliarden Euro schwer, und es werden jährlich fast 200 Millionen Tonnen Milch und Milchpulver von Großkonzernen produziert und vermarktet. Seit Europa Milch auch nach Asien, Afrika und Südamerika exportiert, ist der europäische Milchmarkt regelrecht explodiert. Die Folgen sind computertechnikgesteuerte Massentierhaltungen, Zuchtoptimierung auf Milchleistung, verkürzte Lebenszeit der Tiere (viele Milchkühe erleben ihren fünften Geburtstag nicht, obwohl sie grundsätzlich gut zwanzig Jahre alt werden können),

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ein Wachsen der Großbetriebe und ein kontinuierliches Verschwinden der kleinen Milchbauern. Dabei ist das Geschäft für die Milchbauern, auch die großen, in der Regel ein Defizitgeschäft. Der Milchpreis, der vom Weltmarkt diktiert und von den großen Molkereikonzernen bezahlt wird, liegt zum Teil weit unter den Produktionskosten. Der zunehmende Preisdruck kann nur mehr durch gesteigerte Produktion abgefedert werden.

Viele Milchbauern haben mittlerweile auch Probleme, Gras oder Heu für die tägliche Fütterung ihrer Tiere zu bekommen. Ein durchschnittlicher Betrieb kann schon mal mehrere Tonnen an Grünfutter pro Tag benötigen. Es fehlt an Wiesen. Seit Ackerflächen den besseren Ertrag liefern, wurden die Wiesen umgepflügt und die Tiere in den Stall gestellt. Dort stehen sie 365 Tage im Jahr.

Glücklich grasende Kühe sieht man auf jeder zweiten Milchpackung, doch in der Realität sind sie selten anzutreffen. Mit Produkten wie Heumilch und Weidemilch soll zwar unsere Gesundheit und das Wohl der Tiere (durch garantierte Weidehaltung während der Vegetationsperiode) verbessert werden, doch existieren bis dato keine EU-weiten Regelungen. Der Großteil der Billigmilch produzierenden, zweckoptimierten Hochleistungsmilchkühe erhält zusätzlich zum Grundfutter wie Grassilage, Heu und Maissilage auch Kraftfutter in Form von Soja, Weizen, Gerste, Hafer, Mais, Ackerbohnen, Erbsen, Raps und Sonnenblumen, um eine entsprechende Milchleistung zu garantieren. Artfremdes Futter, wohlgemerkt. Und das, obwohl der Verdauungstrakt der Kühe eigentlich für die Verdauung und Verwertung von Grünfutter beziehungsweise Raufutter in Form von Gras und Heu optimiert ist. Ein wahres Wunderwerk der Natur, wenn man bedenkt, dass der bovine Verdauungstrakt es fertigbringt, aus einem grundsätzlich eher minderwertigen Rohstoff eine mehrere hundert Kilo schwere Kuh inklusive Milchleistung zu versorgen.

Darüber hinaus können wir nur Milch von Kühen trinken, die ständig schwanger sind. Ohne Kälber keine Milch. Während die Lebensdauer von Hochleistungsmilchkühen ohnehin nur wenige Jahre beträgt, werden die männlichen Bullenkälber der Fleischproduktion in Mastbetrieben zugeführt. Für sie gibt es keine andere Verwendung. Ein Problem, das wir bereits aus der Legehennenzucht kennen.

Milch ist zudem ein billiger Rohstoff, der in allerlei Produkten verarbeitet wird. Diesen Umstand muss man mitberücksichtigen, wenn man fordert, dass der Konsument für einen Liter Milch mehr als einen Euro, vielleicht sogar zwei Euro bezahlen soll, um der Kostenwahrheit bei der Produktion in bäuerlichen Betrieben Rechnung zu tragen. Die Lebensmittelindustrie hat wenig Interesse, dass der Milchpreis anzieht und zu deutlich mehr als dem gegenwärtigen Hungerlohn von den Bauern bezogen wird. Gibt es Überschüsse, kann man den Produ-

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zenten leicht unter Druck setzen und die Ware bleibt billig und damit auch alle mit Milchpulver beziehungsweise Milchprotein angereicherten Produkte. Die Hauptprofiteure der gegenwärtigen Misere sind die großen Konzerne, allen voran die Molkereiindustrie und die Nahrungsmittelindustrie.

Mit rapider Zunahme des Wohlstandes in China wurden Milch und Milchprodukte auch in Asien zu einem gefragten Luxusartikel. Die Milchwerbung gaukelt den Chinesen dabei vor, dass ihre Kinder durch den Konsum von Milchprodukten für eine kompetitive Welt von morgen größer und klüger werden. Im aufstrebenden China ist der soziale Status von eminenter Bedeutung. In Europa hat damit der Wettlauf um den chinesischen Markt begonnen. Da die Chinesen ein durchaus innovationsfreudiges Volk sind, dauerte es freilich nicht lange, bis die weltgrößten Kuhställe und Molkereien in China gebaut wurden. Europäische Großmolkereien beteiligen sich dabei als Aktionäre intensiv an diesem Wachstumsmarkt. Eine sonderbare Entwicklung, wenn man bedenkt, dass mit dem Erfolg der chinesischen Milchwirtschaft der Druck für die europäischen Produzenten noch größer wurde und die Molkereikonzerne den Produzenten in Europa ohnehin zu wenig bezahlen. Das Nachsehen hat der europäische Milchbauer. Den Profit streift die Industrie ein, entweder in Europa selbst oder durch Beteiligung auch in Asien. Der Konsument kann zusehen. Um sich vor Augen zu führen, in welchen Größenordnungen in China Milchproduktion betrieben wird, sei der Film Das System Milch des Filmemachers Andreas Pichler empfohlen.

Da Europa einen Milchüberschuss ungeahnten Ausmaßes produziert, wird der Großteil der überschüssigen Milch unter erheblichem Energieaufwand zu Milchpulver getrocknet, das dann in den neuen Hoffnungsmarkt Afrika exportiert werden kann. Da die EU aber die Milchherstellung hochgradig subventioniert, können die afrikanischen Produzenten ohne Subventionen dem Preisdruck nicht standhalten und müssen aufgeben. Dabei stellt die EU Entwicklungshilfegelder genau für diese unter Preisdruck stehenden afrikanischen Kleinbauern bereit. Die europäischen Steuerzahler bezahlen also doppelt: Einerseits wird der europäische Bauer subventioniert, andererseits wird der dadurch in Bedrängnis geratene afrikanische Bauer mit Entwicklungshilfegeldern gestützt. Obwohl das alles absurd klingt und es ja auch ist, wird die Produktion jährlich weiter gesteigert. Das derzeitige System schädigt alle, sowohl den afrikanischen Milchbauern als auch den europäischen, der ohne direkte Zahlungen aus Brüssel nicht überleben könnte - mit dem Unterschied, dass die europäischen Kleinbauern langsam und leise aussterben und die afrikanischen sich auf den Weg machen, um über das Mittelmeer in das gelobte Land Europa zu gelangen. Der Rest des Dramas ist bekannt, die Zusammenhänge allerdings kennen wenige. Ein krankes System, derzeit ohne Aussicht auf Besserung.

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Das Gülle-Problem

Ein weiteres Problem der intensiven Hochleistungstierhaltung ist der tägliche Anfall von Stoffwechselendprodukten in rauen Mengen. So ist zum Beispiel im Schnitt mit ca. drei Liter Gülle pro produziertem Liter Milch zu rechnen. Bei 20000 Liter Milchproduktion pro Tag sind das 60.000 Liter (!) eines äußerst problematischen Abfallstoffes.

Allein in Deutschland fallen jedes Jahr mehr als 1,5 Milliarden Liter Gülle an. Die Ursache sind immer mehr Tiere in immer größeren Betrieben. Bei Milchproduktion und Fleischproduktion anfallende Güllemengen sind ein ProblemstofF, mit dem mittlerweile sogar lukrativer Handel getrieben wird. Wer Gülle lagert oder »entsorgt«, kann damit gutes Geld verdienen. Auch Antibiotika, die in der Tiermast und Tierzucht eingesetzt werden, gelangen über die tierischen Ausscheidungen in die Gülle und somit auf die Felder. Keime, die im Darm der Tiere bereits durch Antibiotikagabe Resistenzen erlangt haben, gelangen ebenfalls mit der Gülle auf die Felder. Kommen Bodenbakterien mit Gülle-Antibiotika in Kontakt, können auch diese Resistenzen aufbauen und an andere Bakterien weitergeben. Laut entsprechenden Studien sterben in Europa jährlich zumindest 25000 Menschen (!) an unbeherrsch-baren Infektionen durch resistente Keime. Der ungezügelte Antibiotikaeinsatz in großen Mastbetrieben ist eine der Ursachen hierfür.

In der modernen Hochleistungsmilchproduktion stammt maximal ein Drittel der Energie aus Gras, zwei Drittel der Futtermittelenergie kommen vom Acker in Form des angesprochenen Kraftfutters, das die meisten Landwirte zukaufen müssen und das in der Regel nicht aus ökologischem Landbau stammt. Soja wird vorwiegend aus Südamerika importiert, wo es unter Einsatz steigender Mengen an Giften wie Glyphosat produziert wird. Dabei können Kühe ohnehin nur einen Bruchteil des Energiegehaltes von Soja verstoffwechseln, da ihre Mägen nicht dafür angepasst sind. Eine ökologische Schreckensbilanz, wenn man bedenkt, dass für Sojaanbau Wälder in großem Stil abgeholzt werden müssen, nur damit wir hier bei uns Billigstmilch produzieren können. Abgesehen von Transportkosten und der CGvBilanz, könnten mit dem für Rinder artfremden, aber grundsätzlich durchaus nahrhaften »Futter« wie Soja und Getreide Menschen eigentlich direkt und viel effizienter ernährt werden.

Dazu kommt, dass das importierte proteinreiche Soja hohe Stickstoffausscheidungen über die Gülle zur Folge hat, da Protein einen hohen Stickstoffanteil hat. Wir importieren also Stickstoff, der, auch wenn er auf die Felder ausgebracht wird, von den Pflanzen in dieser Form kaum verwertet werden kann.

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Nitrat wird in großen Mengen aus den Böden ausgewaschen und landet im Grundwasser und damit in unseren Körpern, wo es zu Nitrit umgewandelt wird. Nitrit steht im Verdacht, Krebs auszulösen. Europas Böden weisen stellenweise bereits einen stark überhöhten Nitratgehalt auf. Ammoniak und das stark klimaschädliche Treibhausgas Lachgas (Distickstoffmonoxyd, N2O) werden dabei an die Atmosphäre abgegeben. Dass aber die Ausscheidungen von Tieren nicht unbedingt zur Kategorie der Problemstoffe zählen müssen, werde ich später noch diskutieren.

Die Perversion der Biozertifizierung

Während der zunehmende Markt für giftfreie Bioprodukte sicher einen Schritt in die richtige Richtung darstellt, so ist mit der Bezeichnung »Bio« noch lange nicht automatisch alles in Ordnung. Denn der (weitgehende) Verzicht auf Spritzmittel und Kunstdünger sagt nichts darüber aus, wie viele Ressourcen tatsächlich verschwendet wurden, welchen (oft langen) Weg das Nahrungsmittel zurückgelegt hat, wie es um den Boden bestellt ist und ob die Produzenten angemessen entlohnt worden sind. Auch gesund muss »Bio« nicht unbedingt sein. So haben auch biologisch hergestellte Produkte wie Biozucker oder Bioweizenmehl dieselbe nachteilige Wirkung auf den menschlichen Organismus wie ihre konventionell hergestellten Pendants.

Schön, dass es Biozertifizierte Chiasamen aus China und Bioshrimps aus Vietnam in unseren Supermarktregalen gibt. Tatsächlich müssten Abertausende Biokontrolleure täglich in Asien unterwegs sein, um die ordnungsgemäße biologische Herstellung dieser Produkte zu überprüfen. Diese existieren aber nicht, weil das unbezahlbar wäre.

Auch unser Hunger nach Biogemüse während des ganzen Jahres führt zunehmend zu ökologischen Katastrophen. So kommt in Europa viel Biogemüse aus Spanien, ein Großteil davon aus dem Anbaugebiet Almeria um die Stadt El Ejido an Spaniens Südküste. »El mar del plä-stico«, Plastikmeer, wird die weltweit größte Anbaufläche unter Folie mittlerweile bezeichnet, die jeder auf den Weltraum­satellitenbildern von Google Maps und Co. in ihrer Ausdehnung mit Schaudern betrachten kann. Insgesamt sind hier 36000 Hektar Boden mit Plastikfolie überzogen. Für ein Kilo Biotomaten werden im Schnitt 180 Liter Wasser verbraucht. Von der Ausbeutung zumeist afrikanischer Hilfsarbeiter und dem wenig klimafreundlichen, weil langen Transportweg bemerken die Bio-hungrigen Supermarktkunden hierzulande nichts.

EU-weit werden jährlich 21 Milliarden Euro Umsatz mit Bioprodukten gemacht. Tendenz stark steigend. Weil sich also mit Bio viel Geld machen lässt, passt sich die Industrie an und suggeriert Bio, wo Massenware drinnen ist.

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Saftige Almwiesen und glückliche Tiere zieren die Verpackungen mit Biozertifikat ebenso wie fröhlich grinsende Dorfmetzger. Auch wenn diese Produkte die unterschiedlichen Anforderungen der verschiedenen Biozertifikate (die ohnehin kaum ein Kunde kennt) zwar grundsätzlich erfüllen, so handelt es sich in der Regel um Massenware aus industrieller Produktion. Schon der Begriff »Zertifizierung« selbst stammt aus der industriellen Massenproduktion.

Landwirtschaft war bis vor Kurzem auch keine zu vereinheitlichende Massenfertigung. Für die kleinen regionalen Produzenten ist die Biozertifizierung samt regelmäßiger Kontrollen ein teures Unterfangen, die großen stemmen die damit verbundenen Mehrkosten hingegen mit Leichtigkeit. Die Perversion in diesem Zusammenhang ist, dass diejenigen, die sich um ein gutes Produkt bemühen, auch noch dafür bezahlen müssen, wohingegen konventionelle Betriebe mit Gift und Kunstdünger ungeschoren davonkommen. Ab 2021 müssen Biobauern sogar selbst dafür Sorge tragen, dass keine Pestizide aus der »konventionellen Umgebung« auf ihre Felder geraten.

Dabei würde der Begriff »konventionell« im engeren Sinne eigentlich bedeuten, dass es sich um eine Produktion ohne chemischen Input handelt. Denn vor der Einführung von Pestiziden war »Bio« jahrtausendelang die herkömmliche, also konventionelle landwirtschaftliche Betriebsform. Es wäre daher nichts logischer, als belastete Lebensmittel aus Produktionen mit reichlich Chemieeinsatz mit einem entsprechenden Warnhinweis zu versehen. Die damit verbundenen Kosten sind der Industrie und nicht den Biobauern zu verrechnen. Warum wacht hier die Politik nicht auf? Wer giftbelastete Nahrungsmittel produziert, sollte auch für den Schaden aufkommen!

Bio ist also nicht automatisch mit gesund oder ökologisch nachhaltig gleichzusetzen. Auch die Konzerne haben erkannt, dass mit dem »Bio-Schmäh« reichlich Geld zu verdienen ist. Einkauf bei einem lokalen Betrieb des Vertrauens, dessen Produktionsweise man kennt, macht teure Biozertifizierung ohnehin überflüssig.

Der Verlust der Unschuld im Biolandbau

Der Anteil ökologischer Landwirtschaftsfläche an der Gesamtlandwirt-schaftsfläche in der EU wächst kontinuierlich. Finanziell belohnt sollte allerdings nur jemand werden, der den Bodenaufbau nachhaltig fördert. Aber Bio alleine reicht dafür keineswegs aus, denn auch im Biolandbau wird nicht immer ökologisch nachhaltig gewirtschaftet.

Der Biolandbau, der sich bislang eigentlich gegen die Industrialisierung und Chemieanwendung in der Landwirtschaft gewehrt hat, ist heute selbst zu einem lukrativen Markt für weltweit dominierende

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Agrokonzerne wie Bayer und Syngenta geworden. Denn auch wenn im Biolandbau die Verwendung von synthetischen und mineralischen Düngern verboten ist, so werden aufgrund des wirtschaftlichen Drucks auch im Biolandbau sogenannte Biohilfsstoffe (zum Beispiel Produkte für den biologischen Pflanzenschutz) in großen Mengen zugekauft. Eine echte Kreislaufwirtschaft, in der wie früher das Tierfutter und der Dünger in Form tierischer Ausscheidungen für die Felder selbst produziert wird, ist selten geworden.

Anstatt sich um ganzheitliche Ansätze zu bemühen, sind mittlerweile auch viele Biobauern dazu übergegangen, bei einem Schädlingsproblem sofort zu Pflanzenschutzmitteln (wenn auch biologischen) zu greifen, um das Symptom »Pflanzenkrankheit« zu bekämpfen. Ganz ähnlich läuft das in der heute dominierenden Schulmedizin ab, denn auch hier werden Symptome mit einfachen Medikamenten viel lieber (und rascher) behandelt, als dass man der tatsächlichen Ursache nachgeht und diese behebt. Anstatt den schmerzenden Stein im Schuh zu entfernen, nehmen wir also lieber ein Schmerzmittel ein, um das Problem zu lösen? Wäre es nicht einfacher, den Stein zu entfernen?

Dass der Trend zur Spezialisierung und Monokulturalisierung auch vor dem Biolandbau nicht haltmacht, konnte ich während der sogenannten Biofeldtage im Sommer 2018 auf dem Biolandgut Esterhäzy im Burgenland in erschütternder Deutlichkeit erleben. Neben zahlreichen kleinen Familienbetrieben war auch die Industrie - vor allem in Form eines großen Landwirtschaftsmaschinenherstellers als Hauptsponsor -gut vertreten. Wie sich zeigte, wird auch im Biolandbau dem Boden mit schwerem Gerät zu Leibe gerückt. So war man auch bei den gut besuchten Maschinenvorführungen nicht kleinlich, sondern zeigte ganz ungeniert, wie tief ein schweres Gerät pflügt.

Auch Bio ist daher nicht zwingend gleichbedeutend mit ökologisch verträglicher, Boden aufbauender Landwirtschaft. Immerhin konnte man sich etwas abseits des gigantischen Maschinenparks, der durchaus auch mit einzelnen bodenfreundlichen Innovationen aufwarten konnte, über das große Problem der Bodenverdichtung durch immer schwerer werdende PS-Monster informieren. Was aber die Biofeldtage auch ganz deutlich zeigten: Der Publikumsandrang war enorm und auch das Wissen in der Bevölkerung um die Bedeutung von nachhaltig und umweltverträglich hergestellten Nahrungsmitteln ist deutlich im Zunehmen.

Die knappe Ressource Wasser

Das beste und gesündeste Getränk, an das sich der menschliche und tierische Organismus seit Urzeiten »angepasst« hat, ist sauberes Süßwasser. Allerdings ist es schon einige Zeit her, dass man gefahrlos aus

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jedem Fluss, Bach oder See dieser Erde trinken konnte. Mittlerweile ist sauberes Trinkwasser eine der wertvollsten Ressourcen auf unserem Planeten geworden, und viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Kriege der Zukunft wegen Wasserknappheit beziehungsweise hoheitlichen Ansprüchen auf das lebensnotwendige Nass geführt werden. Selbst nicht zum direkten Verzehr geeignetes Wasser, sondern Wasser allein zum Zwecke der Landwirtschaft wird im Zuge der zunehmenden weltweiten Wasserknappheit immer kostbarer. Gerade die landwirtschaftliche Bodennutzung, die Grundlage unserer Ernährung, nimmt besonders viel Wasser in Anspruch. So liegt der durchschnittliche Wasser-Fußabdruck in Österreich bei ca. 4377 Liter pro Kopf und Tag (!). Davon werden 2,6 Prozent für Haushalte, knapp 14 Prozent für die industrielle und ganze 83,5 Prozent für die landwirtschaftliche Produktion benötigt. Trinkwasser macht also nur einen Bruchteil unseres Wasserbedarfs aus, der größte Anteil geht in die Landwirtschaft. Im Zeitalter der Globalisierung besteht unser Wasserbedarf aber nur zu 32 Prozent aus heimischem Wasser. Der überwiegende Rest wird bei der Herstellung von importierten Lebensmitteln im Ausland bei der dortigen Herstellung verbraucht. Die wenigsten Menschen haben eine Vorstellung davon, wie viel Wasser bei der Produktion von Lebensmitteln aufgewendet werden muss. So benötigt die Produktion von nur einem Kilo Hühnerfleisch ca. 3900 Liter Wasser, von einem Kilo Getreide ca. 1400 Liter, von einem Liter Milch oder einem Kilo Kartoffeln jeweils ca. 1000 Liter und von einem erntereifen Apfel etwa siebzig Liter Wasser. Ohne Wasser geht es nicht.

Nur wenige Konsumenten bedenken, dass Schadstoff-, Chemie- und Antibiotika-belastetes Oberflächenwasser unserer Äcker früher oder später zu unserem Grundwasser wird oder in die Gewässer gelangt und schlussendlich in den Ozeanen landet. Durch landwirtschaftliche Praktiken kam es in den letzten Jahrzehnten so zu einer Vervielfachung der Stickstoff- und Phosphateinträge in den Weltmeeren, wo sogenannte Todeszonen entstehen, in denen kein Leben mehr zu finden ist. Dieser durch Überdüngung des Meerwassers ausgelöste Effekt - in der Fachsprache als Eutrophierung bezeichnet - lässt sich an vielen Orten der Welt beobachten.

Pestizide: Gift auf dem Acker

Unter dem Namen Pestizide versteht man im allgemeinen Sprachgebrauch alle chemischen Verbindungen, die gegen tierische und pflanzliche Schädlinge eingesetzt werden. Seit über hundert Jahren werden in der Landwirtschaft chemische Hilfsmittel auf Feldern und in Weingärten eingesetzt, mit dem Ziel, den Ertrag zu garantieren beziehungsweise zu steigern.

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Zu Beginn waren es hauptsächlich mineralische Kunstdünger, später, vor allem im Zuge der sogenannten »Grünen Revolution« in den 1960er-Jahren, mit neuen landwirtschaftlichen Hoch-leistungs- beziehungsweise Hochertragssorten kamen auch unzählige, teilweise extrem toxische Pestizide hinzu.

In Deutschland werden jährlich 40000 Tonnen Pestizide ausgebracht. In Österreich sind es immerhin gut 4000 Tonnen an »Pflanzenschutzmitteln«, so die schönfärberische Bezeichnung, die ihren Weg auf die Äcker finden. Wie immer man sie auch bezeichnen mag, schlussendlich handelt es sich um giftige Verbindungen, deren einzige Daseinsberechtigung im effizienten Abtöten von unerwünschtem Leben auf dem Feld liegt. Pro Jahr werden auf einem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche durchschnittlich 8,8 Kilo Pestizide verteilt, wobei rund vierzig Prozent davon auf Herbizide (wie zum Beispiel Glyphosat) entfallen, die auf sogenannte Ackerunkräuter abzielen und damit die Nahrungsgrundlage von Insekten und Vögeln abtöten. Und nicht nur auf den Feldern finden diese »Unkrautregulierungsmaßnahmen« Anwendung, sondern auch in nicht unbeträchtlichen Mengen in Stadtparks, in Spielplätzen und auf den adrett gepflegten Gärten zu Hause.

Franz S., Bauer in dritter Generation in Oberösterreich, erklärt mir im Gespräch am Feldrand seinen jährlichen Chemieeinsatz am Beispiel des konventionellen Rapsanbaus: 240 Kilo Stickstoff pro Hektar brauche er, dazu Phosphor und Kali für die Grunddüngung. An Pestiziden spritzt er einmal im Jahr Herbizid gegen das Unkraut, dreimal Fungizid gegen Pilzerkrankungen und drei- bis fünfmal im Jahr Insektizide, je nach Schädlingsbefall. Ohne diesen horrenden Einsatz an Ag-rarchemie, sagt er, gehe es heute nicht mehr. Er wirkt dabei ziemlich bedrückt. Ganz geheuer sei ihm der steigende Chemieeinsatz nicht, räumt er ein. Ohne Agrarchemie ließe sich aber die geforderte Masse nicht produzieren, erklärt er hilflos. Masse statt Klasse. Das Problem dabei, so Franz, sei die Abwärtsspirale: Je mehr produziert werde, umso mehr sinkt der Preis und umso unwirtschaftlicher wird in der Folge der teure Einsatz von Agrarchemie. So wie Franz habe ich in den letzten zehn Jahren viele Landwirte in Österreich und Deutschland klagen gehört. Die befreiende Umstellung auf Bio haben bisher nur die wenigsten gewagt.

Eigentlich sollte man glauben, dass nach jahrzehntelangem Einsatz von Pestiziden den Schädlingen irgendwann einmal der Garaus gemacht sein müsste. Doch das Gegenteil ist der Fall. Immer häufiger müssen Pestizide eingesetzt werden, denn das Ökosystem ist instabil, manche Arten sind pestizidresistent geworden, und das fordert immer mehr Chemieeinsatz. Es verhält sich wie der unkritische Antibiotikaeinsatz in der Human- und Tiermedizin, unter der die resistenten Keime in den letzten Jahrzehnten immer mehr zunahmen und mittlerweile ein ernst zu nehmendes Problem darstellen. Das dahinterstehende universelle Prinzip nennt sich Evolution durch Selektion.

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Im heutigen mittleren Westen der USA sieht die Lage besonders trist aus. Hier werden ausschließlich Roundup-resistenter, genetisch modifizierter Mais und Soja auf nicht enden wollenden Mono­kulturflächen angebaut. Der Einsatz von Glyphosat ist hier seit Jahrzehnten selbstverständlich, der Verbrauch weiter steigend. Mehrmals pro Jahr werden hier viel höhere Konzentrationen und Mengen ausgebracht als beispielsweise in Europa, um die Felder »schön sauber zu halten« und die Arbeit zu erleichtern. Monsanto verkauft diesen chemischen Unkrautvernichtungswahn dreist als »umweltschonende Maßnahme«. Laut dem Hersteller müsse dadurch nicht mehr so viel gepflügt werden, was die Freisetzung von C02 und die Verdunstung von Wasser verhindere, so die Firmen­argumentation. Glyphosat, das umweltschonende Ackergift? Wohl kaum. Vor allem in Nord- und Südamerika klagen die Landwirte mittlerweile über glyphosatresistentes Unkraut auf den Äckern, über sogenannte Superweeds.

Tatsächlich fordert auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eine Reduktion des weltweiten Pestizideinsatzes. Bisher verhallte diese Forderung allerdings ungehört, denn wir verzeichnen derzeit weiterhin einen weltweiten Anstieg in der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten in eine beinahe ausweglose Situation gebracht. Dabei war bis in die 1950er-Jahre - das sollte man nicht vergessen - auch eine Landwirtschaft weitgehend ohne Pestizide möglich. Der Großteil der chemischen Verbindungen war damals noch gar nicht synthetisiert, sprich erfunden.

Wie weit wir es gebracht haben, ist bereits daran zu erkennen, dass konventionelle Landwirte ernsthaft behaupten, eine Landwirtschaft ohne Pestizideinsatz wäre illusorisch, ja sogar schlecht (!) für die Umwelt. Das kommt der Behauptung gleich, Gesundheit wäre nur durch permanenten Medikamenteneinsatz möglich. Auch wenn das der Pharmaindustrie gefallen würde, sollten wir aber nicht vergessen, dass Kopfschmerzen auch nicht die Folge eines »Aspirin-Mangels« sind!

Gehirnwäsche?

Bei zahlreichen Diskussionsveranstaltungen zur Zukunft der Landwirtschaft hat mich immer wieder erstaunt, wie einige konventionell wirtschaftende Landwirte ihr Gift- und Düngerarsenal verteidigen, als würde man sie körperlich attackieren. Konfrontiert mit Publikationen und gut dokumentierten Beispielen funktionierender und finanziell äußerst rentabler Ökolandwirtschaft, behaupten sie dennoch standhaft wie wortgewaltig, dass eine Landwirtschaft ohne Agrochemie und schweres Gerät niemals funktionieren könne. Wer anderes behauptet, verstünde ohnehin nichts vom Landbau.

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Auffällig dabei ist, dass vollkommen ortsunabhängig immer dieselben, längst widerlegten Argumente der Industrie nachgebetet werden. Die Gehirnwäsche dürfte auch hier, ähnlich wie durch die Pharma­industrie bei zahlreichen Ärzten, erfolgreich gewesen sein.

Selbst manche Wissenschaftler mit finanziellen Verflechtungen zur Industrie stehen gerne mit Argumenten Gewehr bei Fuß. Laut einer 2010 veröffentlichten britischen Studie hätte ein Verbot von Glyphosat signifikante Folgen für Landwirtschaft und Umwelt.25 Ohne Glyphosat würden die Landwirte häufiger pflügen müssen, um das Unkraut einzudämmen, was den Arbeitsaufwand um fünfzig Prozent erhöhen würde. Auch wären mehr treibstoffhungrige Maschinen notwendig, geerntetes Getreide müsste zusätzlich getrocknet werden und seine Qualität würde sinken. Die Autoren schätzten Mehrkosten in Höhe von 473 britischen Pfund pro Hektar bei Weizen und 470 Pfund pro Hektar bei Raps. Außerdem würden in der Folge die Lebensmittelpreise steigen. Hinsichtlich der Umwelt würde der Wegfall der pfluglosen Bodenbearbeitung zu erhöhter Bodenerosion, Vernässung und dem Verlust organischer Substanz und Biodiversität führen. Produktivitätsverluste würden zu einer Ausdehnung der Anbaufläche und vermehrten Importen von Weizen und Raps führen. Häufigeres Pflügen und die Umwandlung von Gras- in Ackerland zur Kompensierung niedrigerer Erträge würde die Treibhausgasemissionen um geschätzte zwölf Millionen Tonnen CGvÄquivalent ansteigen lassen.

Beinahe beschleicht einen angesichts dieser engstirnigen wie einfältigen Betrachtungsweise mit pseudowissenschaftlichem Deckmäntelchen das Gefühl, dass Landwirtschaft vor der Markteinführung von Glyphosat & Co. in der zweiten Hälfte der i97oer-Jahre gar nicht möglich gewesen wäre. Was ist nur los in den Köpfen dieser Menschen? Wie kann man sich einer so naiven Denkweise völlig kritiklos ausliefern? Auch jeder Drogenabhängige führte einmal ein Leben ganz ohne Drogen, auch wenn er oder sie sich das nach jahrelangem Drogenmiss-brauch vielleicht nicht mehr vorstellen kann! Das Hauptargument der wenigen großen Hersteller ist immer wieder das gleiche: Angstmache vor dem Phantom »Welthunger«. Dass es aber in Wahrheit auch ganz anders geht, werden wir später noch sehen.

Unbedenklich?

Bedeutet die Tatsache, dass Glyphosat im Tierexperiment und in vitro (also im Reagenzglas) eine sehr geringe Giftigkeit - im Fachjargon

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Toxizität - auf Säugetierzellen aufweist, dass die Substanz für den Menschen (und natürlich auch für andere Säugetiere) als harmlos einzustufen ist? Das behaupten jedenfalls die Hersteller. Aber wie wird das überhaupt untersucht? Und was wurde untersucht? Wer legt fest, wie viel ein durchschnittlicher Mensch »verträgt«, ohne dabei krank zu werden oder schlimmstenfalls gar zu sterben. Wie lange muss ich Glyphosat oder andere Chemikalien über Umwelt und Nahrung aufnehmen oder an Versuchstiere verfüttern, bis zum Beispiel Krebs entsteht? Und um welche der zahlreichen Krebsformen könnte es sich dabei handeln? Welche zellulären oder subzellulären Mechanismen könnten bei welcher Konzentration zur Schädigung führen?

Dünger

Durch den steigenden Einsatz von mineralischem Kunstdünger konnten im Laufe des 20. Jahrhunderts die Weizenerträge pro Fläche um 400 Prozent gesteigert werden. Während in den i96oer-Jah-ren noch ca. zwei Tonnen Weizen pro Hektar geerntet wurden, so betrug der Ertrag Mitte der i97oer-Jahre bereits gut das Doppelte. Heute sind es in Abhängigkeit vom Wetter nicht selten sieben bis acht Tonnen, die mit erheblichem Düngemittelaufwand erzielt werden können.

Wird ein Boden landwirtschaftlich genutzt, geht früher oder später (in Abhängigkeit der Bodenbeschaffenheit) der Nährstoffgehalt zur Neige. Um die mit den Nutzpflanzen entnommenen Nährstoffe zu ersetzen, düngen konventionell arbeitende Landwirte ihre Felder in aller Regel mit reichlich synthetischem Mineraldünger, der hauptsächlich Stickstoff (N), Phosphor (P) und Kali (K) in unterschiedlicher Zusammensetzung enthält. Ein wesentliches Problem ist dabei die übermäßige Zufuhr von stickstoffhaltigen Mineralstoffen, die die Pflanzen nicht mehr aufnehmen können. Der überschüssige Stickstoff gelangt so in das Grundwasser (und somit in das Trinkwasser), wo er zu erheblicher Nitratbelastung führt und das Ökosystem belastet. Gelangt er in Gewässer, führt dies zunächst zu einer Algenblüte, dann zum Absterben von Algen und Cyanobakterien und schließlich zu Sauerstoffmangel mit einhergehendem Auslöschen der vorhandenen Lebensgemeinschaften im Gewässer. Der Zusammenbruch kompletter Fischgründe, in denen die Schwärme der lukrativen Speisefische um bis zu neunzig Prozent verschwunden sind, ist längst Realität. Das leise Sterben unter der Meeresoberfläche und in unseren Gewässern wird allerdings von der Öffentlichkeit kaum bemerkt. Vor allem das Bodenleben leidet erheblich unter der großzügigen Verwendung von mineralischem Kunstdünger, der noch dazu in allernächster Zukunft zur Neige gehen wird.

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Wie die Industrie die Wissenschaft manipuliert

Haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt, wie Ihr Arzt seine Informationen bezüglich aktueller Richtlinien und »Neuerungen« in der Arzneimitteltherapie bezieht? Die Chancen stehen nicht schlecht, dass er zu der großen Zahl von Ärzten gehört, die ihr Wissen von einem Vertreter eines Pharmaunternehmens ins Ohr geflüstert bekommen oder regelmäßig an einer von der Pharmaindustrie gesponserten Fortbildungsveranstaltung teilnehmen, bei der es hinterher zumindest feine Brötchen mit Bier, Wein und Sekt gibt. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich hier rede. Selbst Flugreisen, Hotelnächtigungen und Kongressteilnahmen (zusammen nicht selten mit weit über tausend Euro zu Buche schlagend) sind meiner persönlichen Erfahrung nach keine Seltenheit, sondern für viele Kollegen eine willkommene finanzielle Entlastung. Die großzügige Zuwendung des Pharmaunternehmens macht's möglich. Während diese Konstellation nicht automatisch schlecht sein muss oder gar zwingend mit unlauteren Absichten oder Korruption verbunden ist, so ergibt sich in vielen Fällen doch eine erheblich schiefe Optik bezüglich der Objektivität der vermittelten Informationen. Eine positive Einstellung zu dem »förderlichen« Pharmaunternehmen hat man hinterher in jedem Fall.

Eine Frage wird mir immer wieder gestellt: Sind zugelassene Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel, Arzneimittel und chemische Substanzen (darunter auch Insektizide, Herbizide und Fungizide) aller Art nicht ohnehin sicher? Wurden diese nicht ausführlich auf ihre Sicherheit durch offizielle unabhängige Stellen geprüft? Was im Handel frei erhältlich ist oder vom Arzt verschrieben wird, muss doch sicher sein, oder?

Nun ja, diese Frage beziehungsweise Feststellung bringt uns zum Kern eines Dilemmas. Woher wissen wir, was wir glauben zu wissen? Wer macht all die Studien? Und noch viel wichtiger: Wer bewertet diese auf ihre Glaubwürdigkeit, Validität und Relevanz?

Der große blauäugige Irrglaube der Bevölkerung ist, dass Wissenschaft immer klare Antworten schafft. Zumindest wird dies häufig in vereinfachter Form so transportiert. Im World Wide Web finden wir täglich Heerscharen von Menschen, die sich zutrauen, wissenschaftliche Forschung kurz und bündig beurteilen zu können. Vielfach ohne über die entsprechenden Grundkenntnisse in den Natur­wissen­schaften und der Statistik zu verfügen. Die Welt ist kompliziert geworden, auch für studierte Naturwissenschaftler. Immer mehr stellt sich heraus, dass einfache Modelle der Realität nicht gerecht werden und dass die täglich neu entdeckten Zusammenhänge und zellulären Wirkungskaskaden doch komplexer sind als angenommen.

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Wussten Sie, dass Pharmafirmen ihre für die Arzneimittelzulassung notwendigen Medikamentenstudien (bzgl. Wirkung und unerwünschten Wirkungen) selbst durchführen beziehungsweise durchführen lassen und dass die Inhalte dieser Studien oft gar nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken, weil sie als Firmengeheimnisse eingestuft werden? Dass man mit dem geeigneten Versuchsaufbau und Studienprotokoll ein Medikament besser dastehen lassen kann, als es tatsächlich ist, wird Ihnen jeder seriöse Wissenschaftler bestätigen. Das ist noch weitgehend legal. Das Unterdrücken von Informationen hinsichtlich gefährlicher Nebenwirkungen hingegen nicht. Vorgekommen ist aber genau das in der unmittelbaren Vergangenheit nicht so selten und hat im Falle des Bekanntwerdens (nebst einem Skandal) zu immensen Schadenersatzzahlungen durch Pharmaunternehmen mit allseits bekannten Namen geführt.

Und wenn wir schon dabei sind: Wer führt eigentlich die Studien zur Toxizität von Agrarchemikalien wie Herbiziden und Insektiziden durch, bevor diese durch die Behörden zugelassen werden und auf unserer Nahrung landen? Unabhängige staatliche Prüfstellen? Leider fällt auch hier die Antwort äußerst beunruhigend aus, da wieder einmal der Bock zum Gärtner gemacht wird. Die Hersteller belegen mit ihren ureigenen Studien (!) die Unbedenklichkeit ihrer Produkte. Genau wie die Pharmafirmen. Gewissermaßen als Sahnehäubchen dieser Perfidie werden diese »Studien« noch dazu als Firmengeheimnisse unter Verschluss gehalten und können nicht, wie in der Wissenschaft eigentlich üblich, von anderen Experten kritisch geprüft werden. Der Patentschutz und wirtschaftliche Interessen machen es möglich. Das Proze-dere ist immer dasselbe: Die vom Hersteller eingereichten Dossiers für eine Zulassung bestehen nicht selten zu einem großen Teil aus unpu-blizierten (sogenannten non-peer-reviewed) Studien. Forderungen, diese Studien der Öffentlichkeit über die Publikation in Fachzeitschriften (peer-reviewed) oder eine Offenlegung der Rohdaten zugänglich zu machen, wurde bisher mit dem Argument der notwendigen Geheimhaltung begegnet, um die Firmengeheimnisse zu wahren. Das soll sich nun ab 2019 ändern.

Unabhängige publizierte Studien, die eine berechtigte Besorgnis nahelegen oder gar schädigende Effekte nachweisen, werden in den Dossiers häufig als »nicht wissenschaftlich« eingestuft und abgelehnt. Interessanterweise folgen die Zulassungsbehörden und Agenturen für Risikobewertung häufig der Einschätzung der zulassungswerbenden Konzerne, indem kritische, unabhängige, der Öffentlichkeit zugängliche Studien, die vom Hersteller als mangelhaft bezeichnet wurden, tatsächlich nicht in die Bewertung aufgenommen werden. Gerade im Falle von Glyphosat schien dies mehr die Regel als die Ausnahme gewesen zu sein.

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Auch einen Vorstoß seitens des Bundesinstituts für Risikobewertung, die marktfertige Substanz Glyphosat samt den anderen toxischen Zusätzen zu prüfen, wurde bereits im Jahr 2000 abgelehnt, indem keine entsprechenden Gelder von der Politik zugesprochen wurden. Warum? Die Mitarbeiter der unabhängigen Lobbying-Überwachung Corporate Europe Observatory (CEO) fanden heraus, dass es sich offenbar um Zugeständnisse im Rahmen der laufenden TTIP-Verhandlungen mit den USA handelte. In den USA sind die Grenzwerte für potenziell gefährliche Pestizide um ein Vielfaches höher. Was läge also näher, als die EU-Grenzwerte ebenfalls anzuheben, um einen sanften Übergang zu gewährleisten?

EFSA und BfR

Das Motto der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) lautet: »Verlässliche Wissenschaft für sichere Lebensmittel«. Klingt gut, allerdings ist die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) regelmäßig von beträchtlichen Interessenkonflikten betroffen. Nach Einschätzung von Corporate Europe Observatory standen im Jahr 2018 fast die Hälfte (46 Prozent) der EFSA-Experten in einem finanziellen Interessenkonflikt durch direkte oder indirekte Verbindungen mit der Industrie. 2015 waren es noch sage und schreibe 59 Prozent!

Kann die EFSA ihrer Aufgabe, europäischen Institutionen unabhängige wissenschaftliche Beratung in Fragen der Lebensmittelsicherheit bereitzustellen, auf diese Weise überhaupt nachkommen? Immerhin macht die Risikobewertung von Industrieprodukten etwa zwei Drittel der Arbeit von EFSA aus. Einige Entscheidungen der EFSA in der Vergangenheit (unter anderem bzgl. Glyphosat oder Bisphenol-A) lassen an der Unabhängigkeit und Arbeitsweise der Institution erhebliche Zweifel aufkommen. Genau wie die EFSA führt auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) tatsächlich gar keine eigenen Studien durch, sondern verlässt sich auf das, was ihnen von der Industrie an Studien zur Verfügung gestellt wird. Welche Gewichtung diese Studien haben, brauche ich hier wohl nicht näher zu erörtern.

International Life Sciences Institute

Die Konzerne bedienen sich sogar eines eigenen »Forschungsinstitutes«, des sogenannten International Life Sciences Institute (ILSI), zu dessen insgesamt etwa 400 Sponsoren unter anderem bekannte Namen

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wie Unilever, Nestle, Danone, Mars, PepsiCo, Monsanto, General Mills, Kellogg, Kraft Foods, Pioneer, Coca-Cola Company und viele andere zählen. Obwohl ILSI darauf besteht, keine Lobby-Agentur zu sein, und behauptet, »einen ausgewogenen Ansatz zur Lösung von Problemen von gemeinsamem Interesse für das Wohlergehen der Allgemeinheit« zu suchen, muss man sich schon aus grundsätzlichen Überlegungen heraus fragen, warum große Firmen Jahr für Jahr beträchtliche Geldbeträge (offenbar zur Wahrung ihrer Interessen) an ein sogenanntes »Institut für Lebenswissenschaften« bezahlen, das von Coca-Cola, Heinz, Kraft, General Foods und Procter & Gamble mitbegründet wurde und von Lebensmittel-, Chemie-, Pestizid-, Biotechnologie- und Pharmaunternehmen reichlich gesponsert wird. In den Jahren zwischen 1983 und 1998 unterstützte ILSI sogar die Tabakindustrie bei ihren Versuchen, die legislative Kontrolle über die Tätigkeiten der Industrie zu untergraben. Dabei ist es doch immer wieder so simpel - »Just follow the money«. Es handelt sich um milliardenschwere Weltkonzerne und jedes Kind lernt bereits in der Grundschule, dass das grundlegende privatwirtschaftliche Prinzip das Streben nach Gewinn ist und nicht die Förderung unabhängiger Wissenschaft, die im schlimmsten Fall ihre eigenen Produkte kritisch hinterfragt und damit kommerziell schädigt. Auch zeigt sich eines immer wieder: Um je mehr Geld es geht, umso skrupelloser werden die Methoden.

Kirschen pflücken

»Cherry picking«, so nennt man in der Wissenschaft (und nicht nur dort) das zutiefst menschliche Bestreben, sich die Rosinen in Form von wissenschaftlichen Ergebnissen, die die eigenen Interessen stützen, herauszupicken. Im Falle der großen globalen Konzerne, seien es nun Pharma-, Nahrungsmittel- oder Agrarindustrie, sind diese Interessen ziemlich einfach dingfest zu machen. »Shareholder Value«, »Wachstum« und »Profit« sind die Gottheiten, denen sich alles unterzuordnen hat. Dabei werden von der Industrie selektiv jene Studien zitiert, die die Botschaft, diese und jene Substanz sei harmlos und völlig unbedenklich für den Menschen, untermauern sollen.

Die nicht unbeträchtliche und Gott sei Dank stetig steigende Anzahl an Publikationen von unabhängigen Wissenschaftlern wird dabei häufig völlig ignoriert. Ist ein Ignorieren nicht mehr möglich, wird versucht, den dahinterstehenden Individuen ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und fachliche Befähigung abzusprechen. Schlägt auch dieses Unterfangen fehl oder hat es nicht die gewünschte Wirkung (im Social-Media-Zeitalter gibt es auch positive Aspekte, nämlich dahingehend, dass sich die Aussagen kritischer Geister rasch verbrei-

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ten und nicht so leicht unterdrückt werden können), werden härtere Geschütze aufgefahren. Denn, wenn ignorieren und lächerlich machen keine Wirkung zeigen, wird versucht, die entsprechenden Quälgeister wirtschaftlich oder persönlich zu ruinieren und damit mundtot zu machen. Die Liste der Beispielsfälle ist mittlerweile lang geworden ... Wir sollten in diesem Zusammenhang nicht vergessen: Hier geht es nicht um irgendwelche lächerlichen Geldbeträge, sondern um jährliche Milliardengewinne und die Interessen global operierender Konzerne!

Ein Beispiel: Als das Team der unabhängigen Wissenschaftler um Gilles-Eric Seralini von der Universität Caen in Frankreich im Rahmen eines zweijährigen Fütterungsversuches mit Glyphosat die Entstehung von Krebsgeschwülsten in Experimenten an Ratten nachweisen konnte, wurde die Studie massiv kritisiert und sein Team erheblichem Druck ausgesetzt. Das gipfelte darin, dass Monsanto es durch intensives Lob-bying fertiggebracht hat, dass die wissenschaftliche Arbeit schließlich von der Zeitschrift Food and Chemical Toxicology zurückgezogen wurde. Für einen Wissenschaftler von internationalem Rang ist dieses Vorgehen ruinös, da es schwerwiegende Mängel oder wissenschaftlichen Betrug unterstellt. Was erst später bekannt wurde, ist die Tatsache, dass der Editor von Food and Chemical Toxicology als Berater von Monsanto fürstlich entlohnt wurde und sich eigentlich in einem Interessenkonflikt befand. 2014 wurde die Studie durch das Fachmagazin Environmental Sciences Europe allerdings erneut veröffentlicht, um der Wissenschaftsgemeinschaft einen kritischen Blick auf die ursprünglich zurückgezogene Studie zu geben. Erst im Zuge der Veröffentlichung der sogenannten Monsanto-Papers (Tausende interne, geheime E-Mails von Monsanto-Mitarbeitern mit brisantem Inhalt) im Rahmen eines Gerichtsprozesses im Jahr 2017 wurde das ganze Ausmaß des skrupellosen Vorgehens des Konzerns bekannt. Selbst Angestellte von Monsanto dürften an Studien mitgeschrieben haben, die dann unter dem Namen von angeblich unabhängigen Wissenschaftlern publiziert wurden. Fast ein Hohn, wenn auf der Homepage von Monsanto zu lesen ist: »Integrität, Respekt und Transparenz sind unsere Grundwerte.«

Es mutet geradezu grotesk an, dass die Wissenschaftler um Seralini von den Konzernen und aus Kreisen der Politik dafür kritisiert wurden, weil sie das ganze Produkt in marktfertiger Formulierung (also die Substanz Glyphosat samt den im Handel befindlichen Zusätzen wie Benetzungsmittel etc., zum Beispiel Roundup®) testeten und nicht die Reinsubstanz Glyphosat alleine. Reines Glyphosat wird in der Landwirtschaft aber gar nicht eingesetzt, da die Reinsubstanz alleine nicht sonderlich wirksam ist.

Ein viel größeres, weil nicht immer klar erkennbares Problem ist der finanzielle Einfluss der Industrie auf die Forschung. Weltweit funktioniert biomedizinische Forschung zu einem wesentlichen Teil durch

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die Finanzierung über sogenannte Drittmittel, Gelder in Form von Forschungsförderungen durch die Industrie. Ohne diese drittmittelfinan-zierten Forschungsprojekte wäre wissenschaftliches Arbeiten an den Universitäten kaum noch möglich, da die staatlichen Forschungsför-derungsbeiträge zu gering dotiert sind. Diese Vorgangsweise ist akzeptiert und keinesfalls automatisch mit »gekauften Ergebnissen« gleichzusetzen. Bescheid wissen sollte man aber über diese Verquickung von Forschungsergebnissen und Industriegeldern dennoch. Denn nur weil jemand einen Doktortitel und einen weißen Mantel trägt, macht ihn das nicht automatisch zu einer integren Persönlichkeit mit universellem Wahrheitsanspruch.

Zielstrebig

Was der Laie kaum weiß: Wissenschaftliche Studien lassen sich bereits von Beginn an so anlegen (»designen«), dass schon mit hoher a priori Wahrscheinlichkeit das vom Sponsor gewünschte Ergebnis erzielt wird (man spricht dabei von sogenannter funding bias oder sponsor-ship bias). Das geht zum Beispiel über die »richtige« Auswahl der zu untersuchenden Zielvariablen, das gezielte Auswählen der Probanden (Menschen, Versuchstiere etc.) beziehungsweise Vergleichspopulationen, die Auswahl des »richtigen« Beobachtungszeitraumes und den cleveren Einsatz spezieller statistischer Methoden. Wie auch immer die Ergebnisse einer Studie ausfallen mögen, am stärksten wird schlussendlich die Interpretation der Ergebnisse wahrgenommen, sowohl in der Fachwelt als auch in den Medien. Dies setzt aber wiederum grundlegende Kenntnis sowohl auf dem Gebiet der Statistik als auch betreffend die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge auf dem jeweiligen Sachgebiet voraus.

So ist beispielsweise kaum ein durchschnittlicher Journalist (ja, auch »Wissenschaftsjournalist«) in der Lage, den Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko zu erklären. Geht es aber um die korrekte Interpretation der erhobenen und publizierten Daten und die Frage, wie bedeutsam die gefundenen Effekte tatsächlich sind (zum Beispiel die Wirksamkeit eines Medikaments, die Toxizität einer Substanz, die Risiken einer gewissen Ernährungsform), so ist dieser Unterschied in statistischer Betrachtungsweise von zentraler Bedeutung!

Gefällt das Ergebnis der industriefinanzierten Studie dennoch nicht, wird es auch nicht publiziert (sogenannter publication bias). So wird es oft von vornherein vertraglich festgelegt.

Negative Forschungsergebnisse, also der fehlende Nachweis eines Zusammenhanges, werden in wissenschaftlichen Fachzeitschriften

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ohnehin ungern publiziert, da negative Resultate nicht »sexy« sind und kaum von Interesse zu sein scheinen.

Auch in der modernen Schulmedizin dreht sich beinahe alles um profitbringende Arzneimitteltherapien. Bei derart vielen chronisch kranken Patienten ist es ein mehr als lukratives Geschäft für die wenigen großen Pharmakonzerne, für jedes menschliche Leiden ein passendes Medikament anbieten und verkaufen zu können. Aber sind die Medikamente wirklich so gut, wie sie angepriesen werden, und daher ihr Geld wert?

Allen Roses, Vizepräsident für Genetik bei GlaxoSmithKline (GSK), des größten britischen Pharmaunternehmens, räumte schon 2003 ein, dass die meisten verschreibungspflichtigen Arzneimittel bei den meisten Menschen nicht wirken. Weniger als die Hälfte der Patienten, die die teuersten Medikamente verschrieben bekämen, würde tatsächlich von ihnen profitieren, so Roses. Was bei Insidern der Pharmaindustrie bereits lange ein offenes Geheimnis war, schockiert bis heute jeden gutgläubigen medizinischen Laien. »Die große Mehrheit der Medikamente - mehr als neunzig Prozent - wirkt nur bei dreißig bis fünfzig Prozent der Patienten«, so Dr. Roses. »Ich würde nicht sagen, dass die meisten Mittel nicht wirken. Ich würde sagen, dass die meisten Arzneimittel bei dreißig bis fünfzig Prozent der Menschen wirken«, wird Roses in der englischen Zeitung The Independent zitiert.26

Tatsächlich wirken Krebs-Medikamente lediglich in einem Viertel der Fälle, Alzheimer-Medikamente maximal bei jedem dritten Patienten und Arzneimittel gegen Depression, Schizophrenie, Diabetes, Migräne, Asthma und rheumatoide Arthritis bestenfalls in fünfzig bis sechzig Prozent der Fälle. Eine ernüchternde Bilanz, denn die Nebenwirkungen wurden dabei nicht einmal berücksichtigt.

Dr. Marcia Angell war 29 Jahre Chefredakteurin der weltweit einflussreichsten medizinischen Fachzeitschrift The New England Journal of Mediane. In ihrem Buch The Truth about the Drug Companies: How They Deceive Us and What to Do about It (auf Deutsch unter dem Titel Der Pharma-Bluff erschienen), das einer erbarmungslosen Abrechnung gleichkommt, schreibt die integre Ärztin: »Es ist nicht mehr möglich, einem Großteil der veröffentlichten klinischen Forschung zu vertrauen oder sich auf das Urteil vertrauenswürdiger Ärzte oder maßgebliche medizinische Richtlinien zu verlassen. Ich freue mich nicht über diese Schlussfolgerung, die ich in meinen zwei Jahrzehnten als Editor des New England Journal of Mediane langsam und widerwillig erreichte.«

Auch der englische Arzt und seit 1995 ebenfalls Chefredakteur einer der angesehensten medizinischen Fachzeitschriften, The Lancet, Richard Horton gab vor Kurzem ebenfalls öffentlich zu bedenken, dass möglicherweise die Hälfte der veröffentlichten biomedizinischen Literatur falsch sei. Dabei ist allerdings nicht immer finanzielles Interesse oder gar Korruption das Problem. Auch mangelhafte wissen-

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schaftliche Methodik und statistische Probleme führen häufig zu wenig verlässlichen Ergebnissen.

Die gängige Praxis der industriellen Einflussnahme auf die Entstehung von wissenschaftlichen »Erkenntnissen« durch Lobbyisten in großem Stil führt mittlerweile in der Bevölkerung zu einigem Misstrauen in gesundheitspolitische Entscheidungen und zu weitverbreiteter Wissenschaftsverdrossenheit bei den Konsumenten. Aus meiner Sicht eine äußerst gefährliche Entwicklung, wenn die Konsumenten sich eher von sektiererischen Glaubensbekenntnissen als von einer auf unabhängigen wissenschaftlichen Fakten basierenden Politik leiten lassen. Nur unabhängige, durch die öffentliche Hand finanzierte, transparente Wissenschaft kann das Vertrauen der Konsumenten in das System der Nahrungsmittelproduktion wiederherstellen.

Im Sinne aller Bürger beziehungsweise Konsumenten ist daher zu fordern, dass in Entscheidungs- und Beratungsgremien, Zulassungsbehörden, Risikobewertungsagenturen, Ausschüssen und Redaktionen von wissenschaftlichen Fachzeitschriften keine Personen mit gegenwärtigen oder ehemaligen Verbindungen zur rein interessens und profitgelenkten Industrie sitzen dürfen!

Lobbying: die Allmacht der Konzerne

In Brüssel arbeiten laut der NGO Lobby-Control ca. 25.000 Lobbyisten mit einem Jahresbudget von 1,5 Milliarden Euro. Brüssel ist damit nach Washington die zweitgrößte Lobby-Hauptstadt weltweit. Auf jeden EU-Parlamentarier kommen somit geschätzte vierzig Lobbyisten! Das Problem dabei: Etwa siebzig Prozent der Lobbyisten arbeiten für Unternehmen und Wirtschaftsverbände, die ungleich mehr Geld zur Verfügung haben als die öffentlichen Interessenverbände, die für den kleinen Bauern oder den Konsumenten eintreten. Zusätzlich zur »vierten Gewalt« der Medien gelten daher die Lobbyverbände oft auch als die »fünfte Gewalt« im Staat beziehungsweise in der EU. Viele Politiker sind schließlich sogar froh, dass ihnen die Lobbyisten ihre Änderungsanträge für Gesetzesvorlagen bereits vorgefertigt überreichen. Das erspart Arbeit und eingehende mühsame Auseinandersetzung mit der oft komplexen Thematik. Ein weiteres Problem ist der Umstand, dass viele Politfunktionäre nach dem Ausscheiden aus der Politik in die Interessenverbände wechseln und sich dort ihr Insiderwissen gewissermaßen »vergolden« lassen. Neben der Autoindustrie sind es vor allem Pharma-, Lebensmittel- und die Agrarindustrie, die durch Lobbying versuchen, ihre Interessen durch Gesetzesänderungen durchzusetzen. Also genau jene Industriezweige, die unmittelbar oder mittelbar mit unserer Gesundheit

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und unserer Ernährung verbunden sind. Die einzelnen Unternehmen schließen sich dabei zu Lobbygruppen zusammen, um so noch mehr Einfluss auf die Politik zu erlangen. COPA-COGECA nennt sich etwa die größte Lobbygruppe der industriellen Landwirtschaft. Einer der Hauptverbündeten der industriellen Landwirtschaft ist (neben der Chemieindustrie) die Lebensmittelbranche. Von Coca-Cola bis Nestle, von Danone bis Kellogg's - sie alle sind Mitglieder des Wirtschaftsverbandes FoodDrink Europe, ein riesiger Lobbyapparat.

Ein unverzichtbarer Helfer der industriellen Landwirtschaft ist die Chemieindustrie. BASF, der weltweit größte Chemieproduzent mit einem Jahresumsatz von siebzig Milliarden Euro, ist strategisch in allen bedeutenden Lobbyverbänden und Netzwerken auf seinem Gebiet eingebunden.

Die erwähnte hohe Anzahl an Lobbyisten - die verharmlosende Selbstbezeichnung: »Politikberater« - ist nur durch die hohen, auf dem Spiel stehenden Summen zu verstehen. Es geht wieder einmal um das Geld und um sonst nichts! Seltsam ist nur, dass es offenbar die wenigsten Bürger erzürnt, wenn die Konzerne mit der Politik auf Kuschelkurs gehen und sich dabei intensiv darum bemühen, dass Grenzwerte für Gifte hinaufgesetzt, gesundheitsgefährdende Substanzen als »Pflanzenschutzmittel« zugelassen und irreführende Inhalts- und Nährwertangaben auf Fertignahrungsmitteln beschlossen werden. Letzten Endes sind es mehr als eine halbe Milliarde EU-Bürgerinnen und -Bürger, die mit den Auswirkungen des Lobbyismus auf die Qualität ihrer Lebensmittel, ihrer Gesundheit und der Landwirtschaft leben müssen.

Das dabei regelmäßig wiederkehrende, aber schlussendlich verlogene Totschlagargument der Agrarlobby: Sicherstellung von Welternährung und Arbeitsplätzen durch industrielle Landwirtschaft -inklusive Gift und Kunstdünger. Dass die industriell organisierte Agrarwirtschaft keinesfalls den Welthunger beseitigt, sondern vielmehr die Zukunft aller Menschen gefährdet, ist längst klar. Doch je stärker der Gegenwind aus der mündigen Zivilgesellschaft, desto aggressiver wird das industrielle Lobbying, um weiterhin die wirtschaftlichen Interessen zu sichern und den Profit weiter zu steigern.

Die Lobbyagentur Hume Brophy betreibt die Glyphosate Task Force, eine Plattform der Glyphosathersteller, die die rezente Wiederzulassung der Chemikalie beantragt haben. Sie agiert nicht nur intransparent, sondern leugnet auch die Wissenschaftlichkeit von Studien, die Glyphosat für möglicherweise krebserregend halten.

Die Argumentation der Industrie, ihre eigenen Studien seien korrekt und von höchster Güteklasse, all das jedoch, was unabhängige Forscher betreiben, sei keine seriöse Wissenschaft, ist eigentlich schon für sich genommen entlarvend. Seien Sie das nächste Mal achtsam, Sie werden dieses Vorgehen wieder und immer wieder antreffen. Sie erinnern sich noch an Werner Hilse, den Vizepräsidenten des Bauern-Verbandes? Auch er möchte sich von denen, die keine Ahnung haben, nichts vorschreiben lassen.

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Das Problem der Subventionen

Im Jahr 2018 betrug das EU-Budget für die Unterstützung von Landwirtschaft, Fischerei, Klimaschutz und biologischer Vielfalt 59 Milliarden Euro. Die Agrar-Subventionen sind der größte Posten im EU-Haushalt. Der größte Anteil, nämlich über siebzig Prozent dieses EU-Agrarhaus-halts, ist für die sogenannten Direktzahlungen an europäische Landwirte bestimmt. Der Landwirt bekommt Geld für jeden Hektar, den er bewirtschaftet, egal, was auf der Fläche passiert. Derzeit fließen aus Brüssel rund 1,36 Milliarden Euro in die österreichische Landwirtschaft. Eigentlich sollte mit diesen Mitteln aus der EU-Agrarpolitik gewährleistet werden, dass

  • für etwa achtzig Prozent der Staatsfläche Verantwortung getragen und insbesondere die Besiedelung in den Berggebieten und benachteiligten Gebieten aufrechterhalten wird;

  • nachhaltige, umweltgerechte Wirtschaftsweisen in großem Umfang zur Anwendung kommen;

  • die Versorgung mit sicheren und qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln gesichert wird;

  • die reizvollen und vielfältigen Kultur- und Erholungslandschaften erhalten und gepflegt werden;

  • erneuerbare Energie und Rohstoffe zur Verfügung gestellt werden;

  • durch Investitionen Arbeitsplätze in Gewerbe, Industrie und Dienstleistungsbetrieben gesichert werden;

  • für den Schutz des Bodens, des Waldes sowie für die Reinhaltung des Wassers und der Luft gesorgt wird.

Funktioniert hat das bisher kaum, denn Subventionen und Fördergelder in der Landwirtschaft (in Form der Einkommensgrundsicherung und »grünen« Direktzahlung für den Klima- und Umweltschutz förderliche Landbewirtschaftungsmethoden) sind schlussendlich wie Drogen. Zuerst freuen sich die Empfänger und gewöhnen sich über die Jahre daran. Am Ende ist man abhängig und vollkommen handlungsunfähig. Seit der Weizen an der Börse zu Weltmarktpreisen gehandelt wird, sind die Preise im Sinkflug. Russischer Weizen konkurriert mit deutschem oder österreichischem Weizen, obwohl bei uns die Umweltauflagen den Landwirt mehr kosten. Von den in der Europäischen Union jährlich ausbezahlten flächenbezogenen, landwirtschaftlichen Förderungen profitieren nur große Betriebe, kleine Betriebe gehen leer aus. Ein paar Zahlen, damit Sie sich das derzeitige System Landwirtschaft besser vorstellen können: Die

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durchschnittliche Arbeitszeit auf dem Acker beträgt bei reiner Getreidewirtschaft von der Aussaat bis zur Ernte (inklusive Dünger und Spritzmittelfahrten) etwa sechs bis sieben Arbeitsstunden pro Hektar. Kaum vorstellbar. Nicht vierzig Arbeitsstunden pro Woche, sondern lediglich wenige Stunden pro Jahr! Die moderne Landwirtschaftstechnik macht es möglich. Während dieser Zeit kommt der heutige Landwirt mit dem Boden allerdings kaum direkt in Berührung. Viele Landwirte haben, so leid es mir tut, das zu sagen, den Bezug zum Boden unter ihren Füßen verloren.

Mit welchem Einkommen ist durch klassische konventionelle Landwirtschaft im Feldbau zu rechnen? Im Falle von Körnermais ist beispielsweise mit einem durchschnittlichen Hektarertrag von acht bis neun Tonnen (in sehr guten Jahren bis zu zwölf Tonnen) zu je achtzig bis hundert Euro zu rechnen. Bei Weizen sind es durchschnittlich fünf Tonnen pro Hektar zu je etwa 160 bis 180 Euro pro Tonne. In Jahren mit schlechter Ernte wie beispielsweise 2017 und 2018 können es aber durchaus auch nur zwei bis drei Tonnen Weizen (bei Durum-Weizen nur 1,5 Tonnen und bei Braugerste zwei Tonnen) mit entsprechend weniger Einnahmen sein. Von den Einnahmen noch abzuziehen ist der Preis für Saatgut, Spritzmittel und Treibstoff sowie der Pachtpreis pro Hektar (zumindest 350-500 Euro pro Hektar). Klingt nach einem Defizitgeschäft. Ist es in vielen Fällen auch.

Einkommensseitig kommen allerdings die flächenbezogenen Direktzahlungen aus dem EU-Topf hinzu. Sie sind es, die den Landwirten im derzeitigen System das Einkommen sichern. Mehr Fläche, mehr Einkommen.

Aus zahlreichen Gesprächen mit Landwirten aus ganz Österreich ist mir angesichts der EU-Förderungspolitik vor allem eine Handlungsmaxime klar geworden: Die meisten schauen nur mehr drauf, wie sie sich maximal der Gelder aus den Agrartöpfen der EU bedienen können. Schlichte Maximierung. Die anderen tun es schließlich auch. Nur wenige Bauern sind dagegen immun und tun aus ihrer Verantwortung heraus, was dem Acker guttut, um dessen Fruchtbarkeit für zukünftige Generationen zu erhalten.

Der Verbraucher könnte das derzeit (noch) steuern. Wenn allerdings das Land einmal in der Hand von agrarindustriellen Großbetrieben ist, dann wird auch der kritische Kunde durch sein Kaufverhalten nicht mehr viel ändern können. Sind die Bauern einmal weg, kommen sie nicht wieder.

»Greening« und wieder einmal der Hunger der Welt

Die EU-Kommission befürchtet mit Recht, dass die Böden durch intensive Landwirtschaft zu stark beansprucht werden, und hat daher

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verordnet, dass ein gewisser Mindestprozentsatz der landwirtschaftlich genutzten Fläche als ökologische Vorrangflächen aus der Produktion herausgenommen werden müssen. Bezahlt wird das durch Förderungen der sogenannten zweiten Säule. Diese Gelder sind also für Leistungen gedacht, die die Landwirte für Umwelt-, Klima- und Tierschutz erbringen.

Der deutsche Bauernverband, vertreten durch Werner Hilse, ist da ganz anderer Meinung. Dazu Hilse im NDR-Interview: »Also, wir sehen darin ein paar Punkte, die nicht mehr in die Zeit passen. Ganz besonders liegt das in dem Bereich, wo man sagt, für das Greening sollen sieben Prozent der Fläche aus der Produktion, aus der Intensität herausgenommen werden. Das halten wir für kontraproduktiv in der Zeit, wo wir alle Ressourcen brauchen.« Um dann noch das altbekannte Sprüchlein herunterzuleiern, um diese Meinung zu legitimieren: »Ein Verschenken der heutigen Ressource ist in meinen Augen eine Beihilfe zum Hunger!« Da ist es wieder, das viel zitierte Märchen, immerhin ist es diesmal nicht »Beihilfe zum Mord«, sondern lediglich »Beihilfe zum Hunger«. Wer will dafür schon verantwortlich sein, geschweige denn Beihilfe leisten?

Glaubt wirklich jemand daran, dass es darum geht, den viel zitierten »Hunger auf der Welt« zu verhindern? Oder geht es nicht doch viel eher um Profitsteigerung und Maximierung? Denn mit dem sogenannten »Greening«, also der Stilllegung von Äckern zugunsten ökologischer Vorrangflächen, lässt sich aus Sicht der Agrarindustrie kein Geschäft machen.

Leider ist das Greening tatsächlich eine Maßnahme mit wenig Nachhaltigkeit für die Natur, denn kurzfristige Stilllegung und die Pflanzung etwa einer simplen Leguminosenmischung bringen der Biodiversität auf lange Sicht wenig. Bezahlt werden müssten vielmehr konkrete Maßnahmen wie Humusaufbau, Biodiversität im Boden und Erosionsschutz. In Brüssel stehen für das Budget ab 2020 derzeit leider alle Zeichen auf »Weiter wie bisher«.

Essensvemichtung

Weltweit landen jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel, das entspricht etwa einem Drittel der Nahrungsmittel, im Müll. Gefüttert wird der tägliche Nahrungsmittelmüllberg durch Verluste entlang der Wertschöpfungskette in der Landwirtschaft (nicht alles, was geerntet wird, entspricht schließlich der Erwartung des Einzelhandels beziehungsweise des Kunden), der Logistik, im Einzelhandel (abgelaufene oder verdorbene Ware, insbesondere in der Frischeabteilung), in der Gastronomie und in den Haushalten (durch schlechtes Kühlschrank-

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management und eine Überflussmentalität). Für Europa schätzten die Autoren einer FAO-Studie aus dem Jahr 2011 einen jährlichen Verlust von ca. 300 Kilo pro Person.27

Etwa hundert Kilo davon sind weggeworfenes Essen allein im Haushalt, obwohl vieles davon durchaus genießbar wäre. Die Gründe sind banal. So landet häufig im Müll, was in Form und Aussehen nicht der erwarteten Norm entspricht. Hinzu kommen fehlerhafte Einkaufsplanung, übertriebene Vorsicht bei Haltbarkeitsdaten oder schlichter Überfluss. In Wien wird täglich jene Menge an Brot als Retourware vernichtet, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, Graz, versorgt werden könnte. Insgesamt würden die Lebensmittel, die wir in Europa und Nordamerika wegwerfen, ausreichen, um die Hungernden der Welt dreimal zu ernähren.

Nachdem bei der österreichischen Kartoffelernte 2018 ein großer Prozentsatz der Knollen Fraßspuren des Drahtwurmes (Larven einer Käferart) aufwies, landeten bis zu zwei Drittel der Ernte, obwohl durchaus genießbar, auf dem Müll. Das Gesetz will es so: Ware mit Spuren von Tierfraß darf nicht in den Handel, auch wenn ihr sonst nichts fehlt. Um essbare Ware wegzuwerfen, braucht es manchmal nicht einmal ein Gesetz: Weil der Chinakohl im Handel idealerweise 1,5 Kilo haben soll, muss er vorher »zurechtgetrimmt« werden. Dabei geht schon mal ein Drittel der Chinakohlernte auf den Kompost oder in den Müll. Radieschen mit welken gelben Blättern sind für den Handel nicht »attraktiv« und landen ebenfalls im Müll. Etwa ein Viertel der Karotten wird aufgrund von Form, Farbe oder Rissen nach der Ernte aussortiert. Der verwöhnte Kunde möchte glatte und glänzende Möhrchen, daher wird der Großteil gleich nach der Ernte durch eigene Poliermaschinen geschickt.

Mit dem weggeworfenen Gemüse landen natürlich auch die verbrauchten Ressourcen Strom, Treibstoff und Wasser sinnlos im Müll. Auch die Herstellung der eingesetzten Spritz- und Düngemittel verschlang sinnlos Energie und Ressourcen. Der Konsument, also Sie und ich, ist mit schuld, denn Waren mit geringem Makel, wie zum Beispiel ein Apfel mit einer Druckstelle, werden von den meisten Kunden nicht gekauft.

Grotesk, aber wahr: Während das Wegwerfen von Lebensmitteln durchaus legal und straffrei ist, muss man beim Herausholen von weggeworfenen, aber durchaus noch essbaren Nahrungsmitteln aus den Mülltonnen der Supermärkte im schlimmsten Fall mit einer Anzeige rechnen.

Fakt ist, dass österreichische Haushalte jährlich bis zu 157.000 Tonnen an angebrochenen und original verpackten Lebensmitteln wegwerfen. In ärmeren Ländern werfen die Menschen erheblich weniger Nahrungsmittel weg. Dort entsteht der Verlust hauptsächlich (über vierzig Prozent) nach der Ernte und der anschließenden mangelhaften Lagerung.

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Ein wesentliches Ziel, um die Ernährung der Weltbevölkerung in Zukunft sicherzustellen, muss es daher sein, diesen unglaublichen Verlust von einem Drittel (!) aller weltweit produzierten Lebensmittel einzudämmen. In jedem anderen industriellen Produktionszweig wäre ein Verlust in dieser Größenordnung weder tolerierbar, noch wirtschaftlich tragbar. Immerhin entspricht dieses Drittel auch dem Anteil an sinnlosem Treibstoff-, Düngemittel- und Spritzmittelverbrauch und trägt darüber hinaus zur fortschreitenden Klimaveränderung bei.

Wer eindrucksvolle Bilder benötigt, um sich dieses ineffiziente Lebens­mittelvernichtungsdrama vorstellen zu können, dem sei der Film We feed the World des österreichischen Filmemachers Erwin Wagenhofer sowie der Kinofilm Taste the waste vom Filmemacher Valentin Thurn empfohlen.

Plastikmüll

Auch die Menge an sinnlosem Plastikmüll (die Menge hat sich seit 1980 verzehnfacht!) ist ein Umwelt- und Gesundheitsproblem. Laut eines Artikels im Wissenschaftsmagazin Science produzieren wir weltweit jährlich 275 Millionen Tonnen Plastikmüll, von denen zwischen fünf und dreizehn Millionen Tonnen in den Ozeanen landen.28 Im Pazifik gibt es mittlerweile sogar eine schwimmende Plastikinsel, mit einer Ausdehnung dreimal so groß wie Frankreich. Schätzungen zufolge befinden sich bereits jetzt 150 Millionen Tonnen Plastik in den Meeren. Wenn wir diesen Weg weiter fortsetzen, wird es, so die Studienautoren, bis 2050 möglicherweise mehr Plastik als Fische im Meer geben.

Das Problem mit dem Plastikmüll ist nicht nur die jahrhundertelange Dauer bis zur Zersetzung, sondern auch die darin enthaltenen chemischen Substanzen wie Weichmacher (zum Beispiel Phthalate) und die Tatsache, dass an Mikroplastik auch reichlich toxische Substanzen anhaften können. Welche Wirkung Mikroplastik auf den menschlichen Körper hat, ist derzeit unzureichend erforscht. Möglicherweise schädigt es den Magen-Darm-Trakt und fördert die Entstehung von Entzündungen. Fest steht, dass wir bereits Plastik in unseren Körpern haben. Forscher der Medizinischen Universität Wien und des Umweltbundesamtes konnten unlängst im Rahmen einer Studie Mikroplastik im menschlichen Stuhl nachweisen. In zehn Gramm Stuhl wurden durchschnittlich rund zwanzig Mikroplastikpartikel von neun verschiedenen Kunststoffarten gefunden. Im menschlichen Blut konnten im Rahmen von Studien Weichmacher und Bisphenol A (BPA) nachgewiesen werden. Das sind äußerst bedenkliche Stoffe, die sich aus Kunststoffen herauslösen können.

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Es geht auch anders. Ist es nicht peinlich, dass es gerade das afrikanische Land Ruanda bereits 2008, also vor mehr als zehn Jahren, geschafft hat, Plastiktüten und Verpackungen generell zu verbieten, während in Europa von politischer Seite diesbezüglich zaghaft herumgehampelt wird? In der Hauptstadt Kigali sieht man kein einziges Fitzelchen Kunststoff herumliegen, während bei uns entlang der entlegensten Landstraßen haufenweise Kunststoffmüll den Straßengraben füllt. Dabei war es einfach. Ruanda beschloss Herstellung, Einfuhr sowie Gebrauch von Plastiktüten und Verpackungen (Letztere mit einzelnen Ausnahmen im Lebensmittelsektor nach behördlicher Erlaubnis) mit Geldstrafen oder gar Gefängnis zu belegen. Die Folge: Das Land ist sauber, Wirtschaft und Tourismus boomen.

Klimawandel: schlichte Erwärmung oder Apokalypse?

Das Weltklima ändert sich. Keine Frage. Jeder, der mehrere Lebensjahrzehnte überblicken kann, merkt, dass sich etwas verändert. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass wir in den täglichen Nachrichten daran erinnert werden. Die globale Erwärmung oder besser der Klimawandel ist präsent und wird mit einer steigenden Anzahl von extremen Wetterereignissen rund um den Globus in Verbindung gebracht. Die Zahl der Klimaflüchtlinge wird weltweit mittlerweile auf zwanzig Millionen Menschen geschätzt.

Spätestens seit der ehemalige US-Vizepräsident AI Gore mit seinem Oskar-preisgekrönten Dokumentarfilm Eine unbequeme Wahrheit den Einfluss des Menschen auf die globale Erwärmung für alle weitgehend verständlich darlegte, ist zumindest die prinzipielle Möglichkeit einer drohenden weltweiten Katastrophe in unser Unterbewusstsein eingedrungen.

Mit unserer derzeitigen Lebensweise sind wir auf dem besten Weg zu einer Vier-Grad-Erwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Viele Klimawissenschaftler sind mittlerweile der Ansicht, dass wir nur eine fünfprozentige Chance haben, das Pariser Klimaziel von maximal zwei Grad Erwärmung zu erreichen, aber dafür eine zehnprozentige Chance, am Ende des Jahrhunderts tatsächlich bei sechs Grad globaler Erwärmung zu landen!

Als wesentlicher Faktor für die objektivierbare mittlere Temperaturzunahme wird vor allem der durch menschliche Aktivität verursachte atmosphärische Anstieg des Treibhausgases CO2 genannt. Aber wie kann es sein, dass ein Gas, das lediglich 0,04 Volumenprozent unserer Atemluft ausmacht, von derart großer Bedeutung ist?

Untersuchungen von Eisbohrkernen haben gezeigt, dass das Verhältnis zwischen dem CO2-Anteil und dem Rest der Atmosphäre wäh-

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rend der letzten 650.000 Jahre relativ konstant geblieben ist. Erst in den letzten fünfzig Jahren stieg der CO2-Anteil in der Atmosphäre auf beinahe das Doppelte an. Erstmals seit mindestens 800.000 Jahren hat der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre die Marke von 400 ppm (Parts per Million) überschritten. Mit zu den wesentlichen Verursachern von Treibhausgasen zählen intensive Landnutzung, Urbanisierung und Industrialisierung, das Abholzen der Wälder, insbesondere der Regenwälder, sowie die inflationäre Nutzung der endlichen Ressource fossiler Energieträger. Gerade Letztere tragen durch ihre Verbrennung mit einem Anteil von gut zwei Drittel zu den Treibhausemissionen in Form von CO2 bei. Unmengen fossiler Energie benötigen vor allem die Herstellung von Kunstdünger, die landwirtschaftlichen Geräte sowie der schlicht perverse Transport der geernteten Konsumgüter quer über den Globus.

Derzeit beträgt der österreichische Durchschnittswert der produzierten CO2-Äquivalente pro Person und Jahr etwa 14 Tonnen. Aber was heißt das schon? Wer von uns kann sich darunter etwas vorstellen? Ist das viel oder wenig? Und vor allem: Kann ich als Einzelperson das vermeiden? Wie wir sehen werden, führt der Weg zu einem klimafreundlicheren Lebensstil über viele kleine Schritte und jede und jeder kann dazu erheblich beitragen.

Energiehunger

Während des 20. Jahrhunderts wurde weltweit zehnmal mehr Energie verbraucht als während der kompletten Menschheitsgeschichte davor. Hauptsächlich in der Form von fossilen Brennstoffen. Neben der Industrie und dem Individualverkehr verbraucht vor allem der Schiffs- und Flugverkehr Unmengen dieser endlichen Ressource. Im Jahr 2018 verkehrten weltweit gut 200000 Flüge pro Tag, wobei sich bis zu 19000 Flugzeuge gleichzeitig in der Luft befanden. Wissenschaftler sind sich einig, dass der Flugverkehr die schädlichste Form des Personen- und Warentransports ist. Emissionen, die durch die Massenfliegerei in die Atmosphäre geblasen werden, sind außerdem die am stärksten wachsende Schadstoffquelle der Welt. In den nächsten zwei Dekaden erwartet die Luftfahrt einen weiteren Anstieg der Flugpassagiere um hundert Prozent. Zurzeit sind etwa 1200 neue Flughafenbauprojekte rund um den Globus in Planung. Für das Jahr 2035 wird erwartet, dass sich gut 40000 Flugzeuge gleichzeitig in der Luft befinden werden.

Auch die landwirtschaftliche Großproduktion ist heute ohne fossile Treibstoffe undenkbar geworden. Seit dem Beginn der Landwirtschaft vor etwa 10000 Jahren hat die Menschheit durch landwirtschaftliche Aktivitäten wie Pflügen ca. 500 Gigatonnen CO?, in die Atmosphäre

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freigesetzt. Der meiste in dieser Kohlendioxidmenge enthaltene Kohlenstoff (C) wurde allerdings erst durch die menschlichen Aktivitäten während der letzten Jahrzehnte (!) intensiver Landwirtschaft aus dem Boden in die Atmosphäre verschoben. Die extensive Nutzung fossiler Brennstoffe zeichnet für weitere 350 Gigatonnen CO2 verantwortlich. Somit wurden durch menschliche Aktivitäten bislang 850 Gigatonnen CO2 aus dem Boden in die Atmosphäre verlagert, das meiste davon seit ca. 1880. Eine schier unvorstellbare Menge.

Sogar die Klimaerwärmung selbst setzt weiter Mengen an CO2 aus den Böden frei. Denn selbst bei Einhaltung des Klimaziels von maximal zwei Grad Erderwärmung werden diese zwei Grad bis Mitte dieses Jahrhunderts weitere zig Billionen Kilogramm Kohlenstoff aus dem Boden in die Atmosphäre freisetzen. In der Wissenschaft wird dieses zyklische, selbstverstärkende Phänomen »Carbon Feedback« oder »Climate Change Feedback« bezeichnet.

Ein, zwei oder drei Grad, was macht das schon aus? Das fragen sich viele Bürger. Vielleicht hilft es, wenn wir uns den Menschen in diesem Zusammenhang ansehen. Aus medizinischer Sicht macht es sehr wohl einen gehörigen Unterschied, ob Sie 41 Grad oder 43 Grad Fieber haben, denn das eine ist mit dem Leben vereinbar, das andere kaum.

Die Zunahme des atmosphärischen CO2 führt auch zu einer Ansäu-erung (Abnahme des pH-Wertes) der Weltmeere, was wiederum zu einem Absterben des Phytoplanktons (vor allem Algen und Cyanobak-terien) führt. Dieses produziert einen beträchtlichen Anteil (fünfzig bis achtzig Prozent!) des Sauerstoffes für die Welt, in der wir leben. Durch ansteigende Meerestemperaturen und die Ansäuerung der Weltmeere ist die Menge des marinen Phytoplanktons im Vergleich zu 1950 bereits um vierzig Prozent zurückgegangen.

Bringt der CO2-Anstieg höhere Ernten?

Interessanterweise wachsen viele Pflanzen unter einer erhöhten CO2-Konzentration besser, da sie ja das CO2 »einatmen«, um es für die Erzeugung von Zuckermolekülen zu verwenden. Es wird in diesem Zusammenhang vom »Düngeeffekt des CO2« gesprochen, und in der Tat kann man etwa in Glashäusern tatsächlich den Ertrag steigern, wenn zusätzlich CO2 eingebracht wird. Diese Technologie nennt sich »Free Air Carbon Dioxide Enrichment« oder kurz FACE-Technologie. Manche Wissenschaftler behaupteten daher allen Ernstes, dass die zu beobachtende ansteigende CO2-Konzentration in der Atmosphäre tatsächlich eine Steigerung der Erntemenge um zusätzliche 36 Prozent ermögliche.29 Später wurde die zu erwartende Steigerung nur mehr mit 13 Prozent angegeben.30

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Neben der korrekten theoretischen Grundlage mag das auch unter kontrollierten Glashausbedingungen mit regelmäßiger Wasserversorgung und nährstoffreichem Boden funktionieren, aber bei ganzheitlicher Betrachtung wird auch einem Kind klar, dass dies nicht auf die Realbedingung weltweiter Landwirtschaft anzuwenden ist. Allein die Beobachtungen von Extremwetterereignissen während der letzten Erntejahre lassen am landwirtschaftlichen Nutzen des atmosphärischen CO2-Anstiegs im Rahmen des globalen Klimawandels nicht nur erhebliche Zweifel aufkommen, sondern widerlegen derart lächerliche Argumentationen.

So werden bei dieser Sicht neben der stattfindenden Temperaturerhöhung die ebenfalls zu beobachtenden veränderten Niederschlagsmuster und die damit verbundenen Dürreperioden samt Grundwasserspiegelabsenkung ebenso wenig berücksichtigt wie die durch Starkregenereignisse stattfindende und sich durch jahrzehntelange intensive Bodennutzung verschlimmert habende Bodenerosion durch Abschwemmung der Humusschicht. Es ist schlicht zynisch, zu behaupten, der globale CGvAnstieg sei ein Segen für die Menschheitsernährung, weil die Ernten reichlicher ausfallen würden. Es ist einzig und allein eine selektive, vorwiegend theoretische Sicht der Dinge, mit deren Hilfe die Industrie gegen drastischere Klimaschutzmaßnahmen argumentieren möchte. Das bringt uns zu einem weiteren beunruhigenden Phänomen unserer Zeit: das professionelle Säen von Zweifeln mithilfe der Wissenschaft und der Riege der organisierten Klimaskeptiker.

Die Kunst des professionellen Zweifelsäens

Spätestens seit Donald Trump in den USA zum Präsidenten gewählt wurde, ist die simple Behauptung und Verbreitung »alternativer Fakten« salonfähig geworden, die eigene rücksichtslose, ausschließlich profitorientierte Politik mithilfe von Deregulierungsmaßnahmen voranzutreiben. »Clean Coal« (als ob es das gäbe) wird gefördert, Klimaschutzabkommen werden boykottiert und der Umweltschutz sowie der Konsumentenschutz mundtot gemacht. Was in Europa dank des Engagements von NGOs und besorgter Bürger in diesem Ausmaß (noch) unvorstellbar erscheint, funktioniert tatsächlich vor den Augen der teilnahmslosen Bevölkerung im sprichwörtlichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Die USA sind weit weg und interessieren uns nicht, könnte man sagen. Die Gefährlichkeit des Phänomens der alternativen Fakten liegt aber in deren grundsätzlichem Erfolg. Das Erfinden von ins eigene Weltbild passenden Tatsachen wird zunehmend salonfähig und verbreitet sich dank Internet rasend schnell. Allein die simple Tatsache,

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dass professionell, teilweise auch mithilfe von gewissenlosen oder dummen Wissenschaftlern und anderen, selbst ernannten »Experten«, erfolgreich Zweifel in der Bevölkerung gesät werden können, ist sehr bedenklich. Das Beispiel macht Schule. Nicht dass große Konzerne das professionelle Säen von Zweifeln erst seit Trump betreiben. Das tun sie schon seit vielen Jahrzehnten. Aber mittlerweile scheint jede Hemmschwelle verloren gegangen zu sein. Während man sich früher noch bemühte, im Verborgenen seinen wirtschaftlichen Vorteil zu sichern, geschieht es jetzt vollkommen ungeniert vor den Augen der gelähmten Öffentlichkeit und mithilfe der häufig unkritischen Medien. So gut wie niemand kann heute ernsthaft behaupten, von den Bestrebungen der großen Multis, das Saatgut zu manipulieren und zu patentieren, nichts gehört zu haben. Massentierhaltung, überhandnehmender Pes-tizideinsatz, Land Grabbing, Zerstörung von Ökosystemen, Dieselskandal, Klimakatastrophe. Jeder hat davon gehört, die meisten dürften sich davon aber nicht wirklich betroffen fühlen. Der Durchschnittsbürger scheint einerseits ohnehin informationsgesättigt zu sein, andererseits aufgrund der unzähligen, widersprüchlich erscheinenden Informationen (das Spektrum reicht von Weltuntergang bis »so gut ging es uns noch nie«) in einer eigenartigen Schockstarre zu verharren.

Veganer retten die Welt?

Auch die Massentierhaltung, die den immer rasanter steigenden Fleischbedarf decken soll, trägt vor allem mit einem beträchtlichen Methanausstoß zum Klimawandel bei. So sind einer Studie des Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) und der Umweltorganisation GRAIN zufolge die fünf größten Fleisch- und Molkereikonzerne der Welt für mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als die größten Erdölkonzerne ExxonMobil, Shell und BP zusammen. Im Wesentlichen soll dafür der Methangasausstoß der wiederkäuenden Tiere verantwortlich sein. Methan, ein Nebenprodukt des Darmbakterienstoffwechsels, besteht zwar in der Atmosphäre deutlich kürzer, wirkt aber als Treibhausgas 28-mal stärker als CO2 und erwärmt daher die Atmosphäre um ein Vielfaches. Auch der mit Massentierhaltung verbundene, hohe Bedarf an Futtermitteln wie Soja und der steigende Bedarf an großen Weideflächen führt in einigen Ländern zur großflächigen Abholzung von Tropenwäldern, was auf Umwegen einen negativen Einfluss auf unsere Atmosphäre hat.

Laut Greenpeace kann jeder, der sich »ausgewogen« und fleischreduziert ernährt, pro Jahr rund 400 Kilogramm CGvEmissionen vermeiden. Aber fällt das wirklich ins Gewicht? Wie viel sind 400 Kilogramm CO2? Mindestens dieselbe Menge an CO2 wird bereits durch tausend bis zweitausend gefahrene Autokilometer (abhängig vom Verbrauch) in die Luft geblasen. Bei einem einfachen Flug von Wien nach New York werden laut CCVRechner pro Person überhaupt gleich rund 1,5 Tonnen CO2 (!) ausgestoßen.

Wäre also die weltweite pauschale Abschaffung der Tierhaltung und des Fleischverzehrs die Rettung vor der drohenden Klimakatastrophe? Oder haben wir uns dabei wieder nur einen singulären Aspekt herausgepickt und die größeren Zusammenhänge missachtet? Wir werden die Antworten darauf im zweiten Teil des Buches suchen.

Auf jeden Fall effizient, weil mit zahlreichen anderen positiven Effekten verbunden, ist der Einkauf von lokal produzierten und gehandelten Biolebensmitteln, auch Fleisch. Wer auf Pestizide, Kunstdünger und lange Transportwege verzichtet, trägt zu einem geringeren CO2-Ausstoß bei und fördert dabei lokale Landwirtschaft. Ökologisch nachhaltig produzierte Lebensmittel benötigen bei der Produktion nur etwa die Hälfte der Energiemenge, die bei konventioneller Landwirtschaft verbraucht wird.

Gaias Fieber

Manche Wissenschaftler interpretierten etwas plakativ die gegenwärtig ansteigenden Temperaturen auf globaler Ebene als »Fieber des Superorganismus Gaia«. Das von Lynn Margulis und James Lovelock Mitte der 1960er-Jahre entwickelte Gaia-Konzept (benannt nach der Urmutter in der griechischen und römischen Mythologie) betrachtet die Erde und ihre Biosphäre wie ein einziges Lebewesen, quasi als einen komplexen Superorganismus.

Ähnlich dem Fieber, das wir im Rahmen einer Infektion entwickeln, und dessen wesentliche Aufgabe es ist, unseren Organismus bei der Beseitigung des jeweiligen Krankheitserregers zu unterstützen, könnte der globale Klimawandel, zumindest philosophisch wie wissenschaftstheoretisch, als Gaias Fieber zur Wiedererlangung ihrer Gesundheit interpretiert werden. Immerhin, der sich rasch vermehrende Erreger H. sapiens hat Gaias Organsystemen mittlerweile erheblichen Schaden zugefügt.

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