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Verlust der Artenvielfalt: das leise Sterben

 

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Laut zahlreichen Wissenschaftlern steht der Planet derzeit am Beginn des sechsten großen Massenaussterbens, wobei bisher der Fokus vor allem auf dem Verlust beziehungsweise der Gefährdung von größeren Tieren lag, da diese naturgemäß leichter zu untersuchen sind. So sind derzeit vermutlich zwischen zehn und dreißig Prozent der Säugetier-, Vogel- und Amphibienarten vom Aussterben bedroht. Nigel Stork von der University of Melbourne hielt dem in einer 2010 erschienenen Publikation in der Fachzeitschrift Biodiversity and Conservation, entgegen, dass nach Auswertung der derzeitigen Datenlage tatsächlich weniger als ein Prozent aller Organismen in den letzten Jahrhunderten ausgestorben sei.(31) Schätzungen, wonach täglich eine oder gar hundert Arten aussterben würden, fehle die empirische Grundlage, so Stork.

Aber was bedeutet eigentlich »weniger als ein Prozent«, wenn wir die Grundgesamtheit der weltweit existierenden Arten nicht einmal kennen? 1995 wurde im Rahmen einer Erhebung der globalen Biodiversität im Auftrag der Vereinten Nationen für die Erde insgesamt eine Zahl von rund 1,75 Millionen beschriebenen Arten angegeben. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, rechnet man mit insgesamt über zwei Millionen beschriebenen Arten. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass die Dunkelziffer viel höher liegt. So wurde die vermutete globale Gesamtzahl aller Arten in den vergangenen zwei Jahrzehnten ganz unterschiedlich zwischen 3,6 Millionen und 112 Millionen geschätzt. Somit bewegt sich rein rechnerisch der Einprozentanteil ausgestorbener Arten immerhin zwischen 20000 und über einer Million.

Natürlich sind das weitgehend substanzlose Zahlenspiele, denn insbesondere in der Tiefsee und im Erdboden harren mit ziemlicher Sicherheit noch viele Millionen unbekannter Arten ihrer Entdeckung. Besonders spannend und unübersichtlich wird es, wenn wir uns in das Reich der kleinsten Lebensformen, wie Bakterien, Archaea, Einzeller und Pilze, begeben. Allein die Anzahl der vermuteten Bakterienarten wurde mit der unvorstellbaren Zahl von einer Milliarde geschätzt32, wobei noch erschwerend hinzukommt, dass gerade bei Bakterien der Artbegriff eine durchaus diffizile Sache ist.

Auch wenn es also schwierig ist, stichhaltige Belege für ein weltweites Massensterben zu erbringen, so gibt es aber tatsächlich Beweise für einen weitverbreiteten Artenverlust und starken Rückgang der Populationen auf lokaler und regionaler Ebene. Gerade diese zahlenmäßige Abnahme an Arten, die für das Funktionieren eines Ökosystems wichtig sind, ist mit erheblichen (messbaren) negativen Konsequenzen verbunden.

Insekten sind bei Weitem die vielfältigsten und am häufigsten vorkommenden Tiere auf der Erde. Schätzungen zufolge übertrumpfen sie an Masse die Menschheit um das 17-Fache. Sie sind für das reibungslose Funktionieren aller Ökosysteme essenziell, da sie als Nahrung für andere Lebewesen, als Bestäuber und als Nährstoffrecycler fungieren. Geht es der Umwelt schlecht, geht es den Insekten schlecht und somit allen von ihnen abhängigen Organismen und Kreisläufen, seien es Pflanzen oder Tiere.

   Das große Insektensterben hat längst begonnen  

In den nächsten Jahrzehnten könnten über vierzig Prozent der Insektenarten aussterben, wobei Schmetterlinge, Bienen und einige Käferarten offenbar am stärksten betroffen sein werden. Das ist die alarmierende Schlussfolgerung einer 2019 publizierten Zusammenfassung aller in den letzten vierzig Jahren veröffentlichten Langzeitbeobachtungen und Bestandserhebungen von Insekten.33

»Die Auswirkungen, die dies für die Ökosysteme des Planeten haben wird, sind katastrophal, um es gelinde auszudrücken, da Insekten die Basis vieler Ökosysteme der Welt sind«, so die Studienautoren. Allerdings, und das könnte die tatsächliche Dramatik des Massensterbens weit unterschätzen, stammten fast alle der 73 ausgewerteten Studien aus Europa und den USA, da diese Regionen über die umfassendsten historischen Aufzeichnungen verfügen. Für weite Teile des Planeten ist es weiterhin unklar, wie es den Insekten geht. Vieles spricht dafür, dass es gerade um die wirbellosen Tiere in den Tropen schlechter bestellt ist als in gemäßigteren Klimazonen. Betroffen ist laut Studienautoren eine Vielzahl verschiedener Insektenordnungen und Spezies, darunter auch viele weitverbreitete Arten. Beispielsweise ist die Zahl der verbreiteten Schmetterlingsarten zwischen 2000 und 2009 auf landwirtschaftlich genutzten Flächen in England um 58 Prozent zurückgegangen. Bei Libellen, Eintags-, Stein- und Köcherfliegen soll bereits eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Arten ausgestorben sein, heißt es in dem Artikel.

Laut dieser zusammenfassenden Studie, erschienen in dem Wissenschaftsfachblatt Biological Conservation, ist der Verlust von geeigneten Lebensräumen die Hauptursache für das beobachtete Verschwinden der Insekten.

Als weitere Ursachen kommen vor allem erhebliche Umweltbelastungen durch Pestizide und Düngemittel in landwirtschaftlichen Betrieben weltweit und die toxischen Emissionen aus Fabriken und Städten hinzu.

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Vor allem die während der letzten zwanzig Jahre neu zugelassenen Insektizide wie Neonicotinoide und Fipronil sind als stark wirksame Nervengifte für Insekten aller Art besonders gefährlich. Kein Wunder, denn das ist ja auch ihr ureigener Zweck. Derart geschwächte Insekten sind in der Folge dann aber auch anfälliger für Parasiten und alle möglichen Krankheiten. Und als wäre das noch nicht genug, setzt auch der Klimawandel den Insekten zu. Denn gerade Insekten in tropischen Regionen haben oft eine sehr enge Toleranzbreite was optimale Entwicklungstemperaturen betrifft. So konnte in den Regenwäldern Puerto Ricos während der letzten Jahrzehnte ein massiver Rückgang eines Großteils (98 Prozent!) der bodenlebenden Insekten verzeichnet werden.

In ungewöhnlich deutlichen Worten wird von den Autoren der Zusammenhang zwischen landwirtschaftlichen Praktiken und dem Massensterben betont: »Wenn wir unsere Methoden zur Nahrungsmittelproduktion nicht ändern, sind Insekten in ihrer Gesamtheit in einigen Jahrzehnten auf dem Weg zum Aussterben.« Nicht zuletzt aus diesem Grund brauchen wir eine ökologische Landwirtschaft, die ohne Gifte auskommt und die Artenvielfalt gezielt fördert.

Aufsehenerregende Berichte über ein stattfindendes Insektensterben gab es in den vergangenen Jahren immer wieder in den Medien, wobei sich die Interessenverbände der Industrie immer rasch ereiferten, die Schwächen, soll heißen Bedeutungslosigkeit, dieser Publikationen hervorzuheben. So sorgte zuletzt eine deutsche Studie aus dem Jahr 2017, in der auf einen Rückgang der Fluginsekten um 75 Prozent (!) innerhalb der letzten 25 Jahre hingewiesen wurde, für Aufsehen.(34)

1989 gingen den Wissenschaftlern im Schnitt 1,6 Kilogramm Insekten in jede Falle. Im Jahr 2014 waren es nur noch 300 Gramm pro Falle. Besonders schwer wiegt die Tatsache, dass diese Erhebung, auch bekannt unter dem Namen Krefelder Studie, in einem Naturschutzgebiet (!) durchgeführt wurde, also in durchaus größerem Abstand von agrarisch genutzten Flächen. Angesichts der nun gesammelten Informationen aus 73 derartiger Studien wird es wohl schwierig für die Leugner des Massensterbens, die verheerende Bedrohungs­situation für den Planeten und damit uns Menschen herunterzuspielen.

Ist Ihnen das nicht auch sehr merkwürdig vorgekommen? In den Sommermonaten der letzten Jahre musste man an der Tankstelle nur selten durch mühsames Rubbeln die hartnäckigen Insektenkadaver von der Windschutzscheibe entfernen. Im Sommer 2018 habe ich Windschutzscheibe und Kühlergrill nicht ein einziges Mal von klebrigen Insektenresten befreien müssen. Das Auto blieb sauber.

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Wenn das Verschwinden von Insektenarten nicht gestoppt werden kann, hat dies katastrophale Folgen sowohl für die Ökosysteme des Planeten, als auch für das Überleben der Menschheit, so der Wissenschaftler und Studienautor Francisco Sanchez-Bayo von der University of Sydney, Australien. Die Verlustrate von jährlich 2,5 Prozent während der letzten 25 bis 30 Jahre sei »schockierend«. Begonnen hat das leise Sterben der Insekten zwar schon vor über hundert Jahren mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren beschleunigte sich allerdings der Untergang und erreichte in den letzten zwei Jahrzehnten alarmierende Ausmaße.

Und tatsächlich geht es schneller, als in früheren Schätzungen prognostiziert, und die Aussichten sind im wahrsten Sinne des Wortes vernichtend: In zehn Jahren wird es ein weiteres Viertel weniger sein, in fünfzig Jahren ist vermutlich nur noch die Hälfte übrig und in hundert Jahren wird es, wenn es so wie in den letzten Jahrzehnten weitergeht, keine Insekten mehr geben.

Aber wen juckt es schon, wenn es weniger Insekten auf der Erde gibt? Heißt das nicht gleichzeitig auch weniger Lästlinge und Schädlinge in der Landwirtschaft und in unseren Gemüsebeeten? Welche negativen Auswirkungen sollte das für uns Menschen schon haben?

Vogelsterben

Wenn man bedenkt, dass achtzig Prozent der Biomasse von Insekten in 25 bis 30 Jahren verschwunden sein werden, ist das wahrlich ein großes Problem. Zunächst einmal hat es gravierende Auswirkungen auf die in der Nahrungskette nachgeschalteten, insektenfressenden Tierarten, also vor allem Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische. Fehlt deren Nahrungsquelle, verenden auch diese Tiere aufgrund von Nahrungsmangel. In unseren Breiten sind vor allem Tiere wie Vögel, Fledermäuse und Igel von ausreichend Insektennahrung abhängig. Und tatsächlich beobachten wir zeitgleich auch ein verheerendes Vogelsterben in Europa. Laut Greenpeace leben zum Beispiel in Österreich nur noch halb so viele Feldlerchen wie noch vor wenigen Jahren. Kiebitze und Ortolane sind vom Aussterben bedroht. Rebhühner sieht der aufmerksame Wanderer kaum noch. Die bunt gefiederten Blauracken sind gänzlich verschwunden.

Vielerorts ist es also auch in unseren Breiten auf den Feldern in den letzten Jahren still geworden, denn die Populationen bestimmter Feldvögel sind in Europa deutlich zusammengeschrumpft. Während in Nordamerika die Graslandvögel verschwinden, nehmen auch in den Tropen, in Skandinavien, Australien, China, der Mittelmeerregion und in vielen anderen Regionen dieser Erde die Vogelbestände ab. Von den mehr als 10000 Vogelarten, so die Weltnaturschutzunion IUCN, sind rund 13 Prozent vom Aussterben bedroht, 190 Arten werden in der

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Roten Liste der bedrohten Arten geführt, teilweise in der Kategorie der höchsten Gefährdungsstufe.

Aber auch bei den Vögeln liegt das Problem weniger im tatsächlichen Aussterben von einzelnen Arten als in einem massiven zahlenmäßigen Rückgang der Populationen. Von 1980 bis 2016 sind in der EU rund 56 Prozent aller Feldvögel wie Feldlerchen, Kiebitze, Feldsperlinge oder Stare verschwunden, wie aus einem europaweiten Vogelmonitoring des European Bird Census Council hervorgeht. Hunderte Millionen Tiere sind damit schlicht verschwunden. Der Naturschutzbund Deutschland geht für die Bundesrepublik von einem Schwund von mehr als vierzig Prozent der Feldvögel seit 1980 aus. In jüngeren EU-Mitgliedstaaten wie Bulgarien, Polen oder Lettland gingen die Bestände sogar noch stärker zurück.

Die zunehmende Mechanisierung, die Etablierung großer Monokulturen, die Zerstörung von Hecken sowie der Einsatz von Pestiziden sind verheerend für die Feldvögel. In den letzten Jahren ist mir zunehmend aufgefallen, dass mit schwerem landwirtschaftlichen Gerät immer näher an die Windschutzgürtel und Feldwege herangefahren wird, um evtl. noch ein bis zwei Saatreihen dazuzugewinnen und um den möglichen Ertrag geringfügig zu steigern. Viele Feldvögel finden dadurch entweder gar keine Nistplätze mehr, oder ihre Nester werden samt Küken durch die Landmaschinen zerstört. Feldlerchen, Kiebitze und Rebhühner schaffen es in Regionen mit industrieller Landwirtschaft kaum noch, ihre Brut großzuziehen. Die Rechnung ist relativ einfach: Keine Blühstreifen und Ruhezonen nebst viel Pestiziden bedeutet keine Insekten als Nahrung und kein Nistplatz; was wiederum heißt: keine Feldvögel wie Rebhühner und Co. Wo diese fehlen, haben auch Raubvögel keine ausreichende Nahrungsquelle mehr. Fehlen die Raubvögel, können sich Schädlinge wie Feldmäuse leichter vermehren, und so weiter und so fort... Dass nebst Niederwild natürlich auch andere Wildtierarten aufgrund des Fehlens von Versteckmöglichkeiten, ruhiger Rückzugsräume und sinkender Artenvielfalt bei Wildkräutern und Nahrungsangebot jedes Jahr weniger werden, braucht einen in diesem Zusammenhang nicht weiter wundern.

Aber nicht nur Ackergifte und das Fehlen von Rückzugsmöglichkeiten führen zum Populationsrückgang bei Vögeln. Auch von Menschen erbaute Hindernisse stellen ein zunehmendes Problem dar. So sterben in Europa weit über 100000 Vögel täglich (!) durch den Zusammenprall mit Objekten. Hinzu kommen beträchtliche Ausfälle durch Straßenverkehr und Hauskatzen.

Die Ursachen des mittlerweile zweifelsfrei dokumentierten verheerenden Artenschwundes in unseren Natur- und Kulturlandschaften sind weitgehend bekannt. Zu ihnen zählen vor allem:

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  • zunehmend intensive, industrielle Landwirtschaft;

  • massive Düngung;

  • steigender Pestizideinsatz;

  • Monokulturen in Land- und Forstwirtschaft;

  • ungebremste Verbauung, einhergehend mit weitgehender Versiegelung wertvoller Flächen;

  • Ausbau der Infrastruktur mit zunehmender Lichtverschmutzung und Verkehrsbelastung;

  • stetig steigender Flächenbedarf einer stark wachsenden Bevölkerung;

  • sterile Gärten;

  • regional: ausgeprägter, intensiver Tourismus;

  • Ausbau der Infrastruktur (zum Beispiel Glasscheiben);

  • Windräder und Starkstromleitungen;

  • mangelnde Grüninseln;

  • Klimawandel.

   Der Zustand der Ökosysteme zum Jahrtausendwechsel      ^^^^ 

Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan das Großprojekt »Millennium Ecosystem Assessment« ins Leben gerufen, das unter der Beteiligung von mehr als 1300 weltweiten Wissenschaftlern die Aufgabe hatte, die Folgen der globalen Ökosystemveränderungen der letzten Jahrzehnte für das menschliche Wohlbefinden zu untersuchen und die wissenschaftlichen Grundlagen für jene Maßnahmen zu sammeln, die erforderlich wären, um die Erhaltung und nachhaltige Nutzung dieser Systeme und ihren Beitrag zum menschlichen Wohlbefinden zu verbessern.35

Kurz zusammengefasst, lauteten die wenig erfreulichen Ergebnisse etwa wie folgt: Allein in den vergangenen fünfzig Jahren hat der Mensch die globalen Ökosysteme schneller, umfangreicher und nachhaltiger verändert als in vergleichbaren Zeitabschnitten der gesamten Menschheitsgeschichte davor. Ursachen für diese Veränderungen sind vor allem die nicht nachhaltige Erzeugung von Nahrung und der Zugriff auf die essenziellen, aber durch Missmanagement und Kurzzeitdenken immer knapper werdenden Ressourcen wie sauberes Trinkwasser, Holz und Treibstoff. Dies hat zu einem erheblichen und weitgehend irreversiblen Verlust in der Vielfalt des Lebens auf der Erde geführt.

Die Fähigkeit der Ökosysteme des Planeten, zukünftige Generationen zu ernähren und ihnen als Lebensgrundlage zu dienen, kann nicht mehr länger als gesichert angenommen werden. Durch geeignete Maßnahmen wäre es zwar grundsätzlich möglich, die Beeinträchtigung vieler Ökosysteme in den kommenden fünfzig Jahren weitgehend einzudämmen. Allerdings, und das ist wohl der unangenehmste Teil dieser fünfbändigen Studie, wären hierzu erhebliche Änderungen in Politik und Lebensweise notwendig, die derzeit nicht umgesetzt werden.

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Ernüchterndes Fazit: Die massiven Umweltveränderungen der letzten Jahrzehnte haben dazu geführt, dass Gesundheit und Lebensgrundlage zukünftiger Generationen nicht mehr garantiert werden können, und die Politik schläft beziehungsweise lässt sich weiter von den Interessen der Industrie am Gängelband führen. Maximales Profitstreben und Kurzzeitdenken schadet aber am Ende allen: dem Land, den Tieren, den Landwirten und deren Familien sowie den Konsumenten. Es profitiert nur die Industrie. Wie lange noch, ist allerdings fraglich.

   Warum ist der Biodiversitätsverlust ein Problem?  

Biodiversität trägt direkt und indirekt zu vielen Bereichen des menschlichen Wohlbefindens, einschließlich Ernährungssicherheit und Gesundheit, bei. Die biologische Vielfalt kommt den Menschen nicht nur durch ihren Beitrag zum materiellen Wohlstand und Lebensunterhalt zugute. Biodiversität trägt auch zu Sicherheit, Widerstandsfähigkeit, sozialen Beziehungen, Gesundheit und Entscheidungsfreiheit bei. Im Zuge der Ökosystem­bestandsaufnahme wird davon ausgegangen, dass sich die negativen Veränderungen bzgl. der Biodiversität fortsetzen oder sogar beschleunigen werden.

Durch die Umwandlung natürlicher Ökosysteme in vom Menschen dominierte Ökosysteme während des letzten Jahrhunderts haben viele Menschen profitiert. Gleichzeitig haben die damit einhergehenden Einbußen an Bio­diver­sität dazu geführt, dass viele Menschen benachteiligt wurden und sich die Armut in einigen sozialen Gruppen noch verschärft hat. Die wesentlichen Treiber des Verlustes an Biodiversität und die Abnahme von Ökosystem­leistungen sind tief greifende Veränderungen des Lebensraums, Klimawandel, Einschleppung invasiver gebietsfremder Arten, Übernutzung der Ressourcen und Umweltverschmutzung.

Ökosysteme sind die Lebenserhaltungssysteme des Planeten - einschließlich der Spezies Mensch und aller anderen Lebensformen! Gesunde, funktionierende terrestrische und marine Ökosysteme sind die Quelle unserer Nahrung - eine Voraussetzung für Gesundheit und Leben. Allerdings haben sich Struktur und Funktion der Ökosysteme der Welt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch menschliche Aktivitäten schneller verändert als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit. Die Natur wurde zum Spekulationsobjekt des 20. und 21. Jahrhunderts. Der ökonomische Wert der Natur ist allerdings nicht in Zahlen zu beziffern, denn kein Lebewesen stellt eine Rechnung für seinen Beitrag zum Leben auf der Erde.

Wir werden die hier noch nicht angesprochene Komplexität des Bodenökosystems und seine Bedeutung für unser Leben noch genauer unter die Lupe beziehungsweise das Mikroskop nehmen. Dass es auch hier nicht zum Besten bestellt ist, sollte Sie nach dem bisher Gesagten nicht mehr verwundern.

Die Erde wird jedenfalls weiter existieren und mit ihr Millionen von Arten. Das Schauspiel der Evolution wird auch in Zukunft weitergehen. Das steht außer Frage. Es ist eine wissenschaftliche Tatsache, dass von allen bisher existierenden Arten über die Zeit und vor allem durch fünf große Aussterbewellen 99,9 Prozent bis heute ausgestorben sind. Das Aussterben von Arten aufgrund unterschiedlicher Ursachen ist und war nie das Ende der Welt, sondern erdgeschichtliche Realität. Was uns derzeit beunruhigen sollte, ist lediglich das durchaus plausible und möglicherweise unmittelbar bevorstehende Szenario des Endes der Spezies Mensch im Zuge einer sechsten, vom Homo-sapiens weitgehend selbst verursachten, Aussterbewelle. Wir würden uns in die große Mehrheit der 99,9 Prozent zwanglos einfügen. Das 2015 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Sachbuch Das sechste Sterben: Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt (36) der US-Autorin Elizabeth Kolbert führt uns dieses erschreckend naheliegende Szenario deutlich vor Augen.

Zudem stehen wir an der Spitze der Nahrungspyramide. Bei jeder Aussterbewelle waren es die Lebewesen an der Spitze der Pyramide, die als Erste ausstarben. Die belebte Erde war vor uns hier, sie wird auch in Zukunft bestehen. Das sollten wir uns in Erinnerung rufen, wenn es darum geht, unseren Fortbestand zu sichern. Es wird lediglich wieder Millionen Jahre dauern, bis die Erde in neuer Vielfalt erblüht. Eine unvorstellbare Größen­ordnung, die uns bei den bevorstehenden Entscheidungen allerdings nicht tangieren sollte.

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Entwicklung der Weltbevölkerung

 

Nachdem die Weltbevölkerung bereits im Jahr 2011 die Sieben-Milliarden-Menschen-Marke überschritten hat und wir derzeit bei rund 7,6 Milliarden Menschen halten, geht das Wachstum allen Prognosen nach unaufhaltsam weiter. Die Vereinten Nationen erwarten 2050 knapp zehn Milliarden Menschen auf dem Globus. Für das Jahr 2100 werden gar 11,2 Milliarden Menschen prognostiziert. Ist das Boot bereits jetzt voll? Oder gar schon längst zu klein? Wie viele Menschen wird unsere Erde ernähren können? Die Schätzungen der Experten und Organisationen gehen angesichts dieser alles entscheidenden Frage weit auseinander und es wird wohl mehr von dem Wie als dem Ob abhängen.

Vor etwa 75000 Jahren, so die Auffassung vieler Anthropologen, dürfte der moderne Mensch mit weltweit nur etwa 1000 bis 10000 Individuen in seinem Fortbestand erheblich bedroht gewesen sein. Als Ursache für das damalige Drama wird unter anderem ein Ausbruch des Supervulkans Toba auf Sumatra diskutiert (sogenannte Toba-Katastrophentheorie). Die Nachfahren dieser durchaus überschaubaren Menschengruppe verbreiteten sich in der Folge von Ostafrika aus über alle Kontinente. Am Ende der letzten Eiszeit vor 10000 Jahren lebten weltweit aber vermutlich nur ca. fünf bis zehn Millionen Menschen. Mit Beginn unserer Zeitrechnung tummelten sich auf der Erde ca. 300 Millionen, 1500 Jahre später, mit Beginn der Neuzeit, bereits ca. 500 Millionen Menschen. Noch im Spätmittelalter erlitt die Weltbevölkerung teilweise drastische Einbrüche durch Pest, Pocken und andere Seuchen. Ab dem Jahr 1700 setzte dann ein exponentielles Bevölkerungswachstum ein. Erstmals in der Menschheitsgeschichte lag die Verdoppelungszeit der Weltbevölkerung im Bereich von Jahrhunderten und schließlich mehreren Jahrzehnten. Während ich dieses Manuskript verfasse, wächst die Weltbevölkerung in jeder Minute um über 150 Menschen oder mehr als 1,5 Millionen Menschen pro Woche, wobei der überwiegende Anteil des Bevölkerungswachstums derzeit in den Entwicklungsländern beziehungsweise ärmeren Staaten der Welt stattfindet. In vielen sogenannten höher entwickelten Ländern nimmt die Bevölkerung dagegen ab.

Und wie sieht es mit der Altersverteilung aus? Die UNO erwartet bis zum Jahr 2050 einen weltweiten Zuwachs bei den Übersechzigjährigen von derzeit gut zehn Prozent auf knapp 22 Prozent bei gleichzeitigem Rückgang des Bevölkerungsanteils der Kinder (bis 15 Jahre) von heute knapp dreißig Prozent auf ca. zwanzig Prozent.

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Die klassische Bevölkerungspyramide wird also künftig auf dem Kopf stehen. Prinzipiell müssen uns diese Zahlen aber nicht in Zukunftsängste versetzen. Wie gesagt, die alles entscheidende Frage wird das »Wie?« sein, vor allem in Bezug auf die Nutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen.

Von wesentlicher Bedeutung wird allerdings der Umstand sein, dass immer mehr Menschen in mehr oder weniger großen Städten wohnen werden, wobei vor allem die Anzahl sogenannter Megacities zunehmen wird. Im Jahr 2007 lebten erstmals in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Der Anteil der Stadtbevölkerung wird bis zum Jahr 2030 voraussichtlich auf über sechzig Prozent steigen und im Jahr 2050 rund siebzig Prozent erreichen.(37) Genau umgekehrt verhielt es sich noch 1950, wo mehr als siebzig Prozent auf dem Land lebten.

 

    Überbevölkerung?  

Global gesehen lebt die Weltbevölkerung derzeit so, als hätte sie 1,5 Erden zur Verfügung. Wenn alle Menschen auf der Welt so leben würden wie wir Europäer oder die US-Amerikaner, brauchten wir mindestens 2,5 bis 3 Erden. Die haben wir nicht. Und das blöde Gerede von Kolonien auf Mond und Mars entbehrt derzeit ohnehin jeder vernünftigen Grundlage.

Die Organisation Global Footprint Network hat, um unsere derzeitig katastrophale Situation zu verdeutlichen, den sogenannten Barth Overshoot Day (auch »Welterschöpfungstag«) ins Leben gerufen. Es ist dies der Tag in einem laufenden Kalenderjahr, an dem die menschliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen übersteigt. Er entspricht also gewissermaßen dem Datum, an dem wir beginnen, unser Konto zu überziehen, also ins Defizit rutschen. Während dieser Tag im Jahr 1971 noch auf den 21. Dezember fiel (damals ging es sich gerade noch knapp aus), so war es zur Jahrtausendwende schon der 1. November und im Jahr 2018 bereits der 1. August. Wir verbrauchen also derzeit in sieben Monaten die Ressourcen, die wir eigentlich über zwölf Monate nutzen müssten, um das Auslangen zu finden. Dass wir in naher Zukunft noch mehr Menschen sein werden, macht dieses Szenario noch erheblich brisanter. Wirtschaftet die westliche Welt so weiter wie bisher, wird es unweigerlich zu einem Kollaps kommen.

Armut und Hunger werden von einigen Wissenschaftlern als die Kernprobleme in Verbindung mit dem rasanten Bevölkerungsanstieg gesehen. Ihrer Ansicht nach ist der globale ökologische Fußabdruck der Menschheit - vor allem in den Bereichen Flächenverbrauch, Erdölverbrauch, Überfischung der Weltmeere, Entwaldung, Wasserverbrauch und Schadstoffausstoß - bereits jetzt viel zu groß und wird im Zusammenhang mit dem Wachstum der Weltbevölkerung weiter an Bedeutung gewinnen.

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Insbesondere knapp werdende Süßwasserressourcen werden nach Vorausberechnungen der Vereinten Nationen für eine steigende Zahl der, durch Wassermangel bedingten, Todesfälle und bewaffneten Konflikte verant­wortlich sein. So soll in dreißig Jahren knapp die Hälfte der Weltbevölkerung von Wasserknappheit oder gefährlichem Wassermangel betroffen sein.

Wird es also in absehbarer Zeit eng auf dem Planeten Erde? Oder ist die Tragfähigkeit des Ökosystems Erde bereits erreicht? Der Begriff Tragfähigkeit bezeichnet in der Ökologie die maximale Zahl von Organismen einer Art, die in einem bestimmten Lebensraum für unbegrenzte Zeit existieren können, ohne diesen nachhaltig zu schädigen beziehungsweise ohne selbst zugrunde zu gehen. Aber ist es zulässig, Gesetzmäßigkeiten aus der Biologie auf den Bereich menschlicher Gesellschaften zu übertragen? Einige Wissenschaftler bezweifeln, dass die Tragfähigkeit der Erde bereits erschöpft sei. Ihrer Ansicht nach seien vielmehr soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme aufgrund politischer Fehlleistungen sowie eine schlechte Verteilung der insgesamt ausreichenden Ressourcen schuld an der sich abzeichnenden Misere.

Theoretisch kann man davon ausgehen, dass auch bei einer Weltbevölkerung von knapp zehn Milliarden die Ernährung der Menschheit möglich sein wird. Theoretisch jedenfalls, denn mit der gegenwärtigen Praxis der rücksichtslosen Ressourcenausbeutung, einhergehend mit sozialer Ungleichheit, wird es mit Sicherheit nicht möglich sein, sondern in Hunger, Seuchen und Verteilungskriegen enden. Eng mit der derzeitigen Situation verbunden sind auch die zu verzeichnenden Epidemien einiger nichtübertragbarer chronischer Krankheiten.

Fruchtbarer Boden für alle?

Wenn man die weltweit verfügbare Ackerfläche auf alle Menschen gerecht verteilen würde, gäbe es derzeit für jeden ca. 2000 Quadratmeter fruchtbaren Boden. Die Frage ist nun, was man auf dieser Fläche anbauen müsste, um das Auslangen für alle Menschen zu finden. Futtermittel für den derzeitigen hohen Fleischkonsum und Pflanzen für die Biosprit-Erzeugung scheiden mit Sicherheit aus. Auch das Wegwerfen von Nahrungsmitteln hat bei dieser Flächenverfügbarkeit keinen Platz mehr. Nur eine hocheffiziente und dabei auch gleichzeitig nachhaltige Ressourcennutzung wird ein Überleben für die ständig steigende Bevölkerung gewährleisten können.

Tatsächlich brauchen wir in Europa gegenwärtig mehr als 4000 Quadratmeter pro Einwohner. Eine Fläche, die uns gar nicht zur Verfügung steht, sondern in andere Länder ausgelagert wird. Die EU wurde daher zum Importweltmeister bei der Einfuhr landwirtschaftlicher Produkte, die auf einer Fläche angebaut werden, die der Größe Deutschlands entspricht und für die teilweise Tropenwälder weichen mussten. Das derzeitige System läuft also nur auf Kosten anderer.

Ein wesentlicher Grund für den überdurchschnittlichen Bodenbedarf ist neben großen Verlusten der große Bedarf an Fleisch und Milchprodukten. So benötigt die Herstellung von einem Kilo Rindfleisch ca. 46 Quadratmeter Boden, die Produktion von einem Kilo Käse etwa 37 Quadratmeter. Im Vergleich dazu benötigt man für die Ernte von einem Kilo Gemüse weit weniger als einen Quadratmeter.

Rund 33 Prozent der weltweiten Anbauflächen werden für die Produktion von Tierfutter verwendet, in der Europäischen Union sind es sogar gut sechzig Prozent! Dabei ist bekannt, dass der Wirkungsgrad bescheiden ausfällt. Aus hundert Kalorien Futterpflanzen werden bestenfalls zwanzig bis dreißig Kalorien Fleisch. Fruchtbarer Boden wird auf diese Weise zweckentfremdet, denn Rinder sollten eigentlich Grasland nutzen, das sich für den Ackerbau nicht eignet. Selbst in Österreich werden derzeit für die Produktion von Kraftfuttermitteln wie Mais und Soja mehr als die Hälfte der Ackerflächen verwendet. Zusätzlich importieren wir jedes Jahr etwa eine halbe Million Tonnen Sojafuttermittel, zum größten Teil gentechnisch verändertes und pestizidbelastetes Soja aus Süd- und Nordamerika. Das vergleichsweise kleine Österreich »importiert« mittlerweile also aufgrund des Fleisch- und Milchhungers der Bevölkerung über 1,2 Millionen Hektar Land.

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   Kollaps?  

 

Warum verließen die Menschen früherer Kulturen ihre mit großem Aufwand errichtete Infrastruktur? Dank unzähliger archäologischer und umwelthistorischer Befunde wissen wir, dass die Menschen früherer Epochen ihr Land offenbar jedes Mal, wenn auch unbeabsichtigt, übergebührlich beansprucht hatten und die Folgen erst bemerkten, als es zu spät war. Die aufgrund des Wohlstandes ebenfalls unbeabsichtigte, weil automatisch eingetretene Bevölkerungszunahme hat in den meisten Fällen dazu beigetragen. Bei anhaltenden Trockenperioden und Ernteausfällen als Folge unvorhergesehener Klimaveränderungen (gewissermaßen der finale Auslöser) verließen die Menschen dann in der Regel ihre Behausungen und zogen fort. In vielen Fällen kam es während des gesellschaftlichen Niederganges auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Auch heute steht die globale Gesellschaft genau wie früher vor denselben Problemen der ungehemmten Übernutzung ihrer Ressourcen und dem wachsenden Problem der Überbevölkerung. Hinzu treten aber auch - und das ist von wesentlicher Bedeutung - neue Bedrohungen wie der manifeste, durch menschliche Aktivitäten verursachte Klimawandel, eine globale Abnahme der Bodenfruchtbarkeit, die zunehmende Umweltverschmutzung, drohende Energieversorgungsprobleme, die Gefahr von Pandemien und ein Rückgang der Biodiversität. Der gravierendste Unterschied zu früheren Gesellschaften ist, dass unsere heutigen technischen Möglichkeiten, in relativ kurzer Zeit ziemlich große Schäden anrichten zu können, um ein Vielfaches größer sind als noch vor wenigen Jahrhunderten. All das spielte in früheren Gesellschaften keine bedeutende Rolle, macht unsere gegenwärtige Lage aber um ein Vielfaches brisanter.

Aber warum tun Gesellschaften törichte Dinge wie Bäume fällen, die schließlich über Bodenerosion zu ihrem Untergang führen? Eine Erklärung ist, dass die mögliche Entwicklung eines Problems als Folge des eigenen Handelns nicht vorauszusehen war beziehungsweise dass frühe Vorzeichen nicht richtig gedeutet werden konnten. Ein weiterer Grund könnte sein, dass das Problem nicht erkannt wurde, obwohl es bereits aufgetreten war. Diese Konstellation trat vor allem dann ein, wenn sich ein Problem über einen sehr langen, für den Menschen nur schwer zu überblickenden, Zeitraum entwickelte. Die erstaunlichste und verhängnisvollste Variante ist, dass die Gesellschaft das Problem als solches zwar erkannt hat, aber erst gar nicht versuchte, das aufgetretene Problem zu lösen.

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Einer der typischen Gründe für dieses paradoxe, aber zutiefst menschliche Verhalten sind Interessenkonflikte. So sehen wir uns auch heute vor der schwierigen Interessenabwägung zwischen kurzfristigen Profiten (die unweigerlich zur Katastrophe führen werden) oder nachhaltiger Nutzung mit den damit verbundenen Veränderungen und Einschränkungen.

Die alles entscheidende Frage dabei: Sind wir in der Lage beziehungsweise willens, tief verwurzelte politische, wirtschaftliche und vielleicht sogar kulturelle Werte über Bord zu werfen und neue Wege zu gehen, wenn sich unsere Bedingungen drastisch geändert haben? Die Aufgabe von nicht mehr zeitgemäßen Wertvorstellungen ist sicherlich für viele schwierig und schmerzhaft.

Wie steht es zum Beispiel mit unserem ungezügelten Konsumdenken als Folge der freien Marktwirtschaft und der »Religion« Wachstum um jeden Preis? Diese Denkweise hat uns über die letzten paar Generationen hinweg zwar außerordentlichen Wohlstand gebracht, ist aber angesichts der nun rasch immer knapper werdenden Ressourcen nicht mehr länger vertretbar.

 

   Gefangen in der Falle des Kurzzeitdenkens  

Das vernünftige, vorausschauende Denken beziehungsweise das prophylaktische Handeln ist für die Spezies Mensch offenbar nur schwer umzusetzen. Die Geschichte des Homo sapiens hat eines traurigerweise immer wieder gezeigt: Die Mehrheit von uns Menschen handelt immer erst nach eingetretenen Katastrophen, sie begibt sich erst dann in Therapie, wenn es schon zu spät ist oder wenn der Schaden nicht mehr abgewendet werden kann beziehungsweise schon eingetreten ist. Kurzzeitgratifikationen übertrumpfen nachhaltige und zukunfts-, fähige Handlungsweisen. Jetzt ein großes Auto fahren, später mit den Folgen leben. Jetzt kaufen, später zahlen. Heute Süßigkeiten schlemmen, nächste Woche (vielleicht) laufen gehen. Kurzzeitgratifikationen stehen bei Homo sapiens stets im Vordergrund. Damit sind wir Sklaven des ökonomischen Imperativs.

Das Problem gradueller Prozesse und des »neuen Normal«

Wir neigen dazu, Änderungen nicht zu bemerken, wenn sie allmählich über mehrere Jahrzehnte oder Generationen ablaufen, da sich der Bezugspunkt still und leise ändert. Langsame Veränderungen in Bezug auf das, was wir täglich sehen, werden unsichtbar und dadurch von großen Teilen der Bevölkerung schlichtweg ignoriert.

In diesem Zusammenhang drängt sich die Geschichte von dem Frosch im heißen Wasser auf: Als ein Mann einen Frosch kochen wollte und ihn in heißes Wasser warf, sprang der Frosch wieder heraus. Klar, der Frosch bemerkte den Temperaturunterschied und wollte schon gar nicht gekocht werden. Das nächste Mal setzte der Mann den Frosch in kaltes Wasser und erhöhte die Temperatur nur sehr langsam. Der Frosch blieb als wechselwarmes Tier angesichts der langsamen Temperaturerhöhung sitzen, ohne sich dabei der drohenden Gefahr bewusst zu werden. Als das Wasser schließlich den Siedepunkt erreichte, war der Frosch dermaßen geschwächt, dass es kein Entrinnen mehr gab. Er landete auf dem Teller des Mannes.

Die Lehre aus dieser Geschichte (deren Wahrheitsgehalt ich nicht überprüft habe) ist, dass wir ab und zu einen Blick auf das Thermometer werfen sollten, um zu sehen, wie heiß das Wasser bereits ist. Graduelle Prozesse sind heimtückisch.

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Anmerkungen

1 WHO (2017) Noncommunicable diseases: the slow-motion disaster. www.who.int/publications/ 10 -year-review/en/.

2 Dehghan M et al. (2017) Associations of fats and carbohydrate intake with cardiovascular disease and mortality in 18 countries from five continents (PURE): a prospective cohort study. Lancet. 39o(ioi07):2050-2o62.

3 Vienna Declaration on Nutrition and Noncommunicable Diseases in the Context of Health 2020. WHO European Ministerial Conference on Nutrition and Noncommunicable Diseases. 4-5 July 2013.

4 Mu Q et al. (2017) Leaky Gut As a Danger Signal for Autoimmune Diseases. Front Immunol. 8:598.

5 Zhao W et al. (2019) The gut microbiome in food allergy. Ann Allergy Asthma Immunol. 122(3): 276-282.

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