V. Über-Morgen
Von der Zukunft der Arten und unserer eigenen
"Wir stehen nun an einem Scheideweg. Doch es ist nicht gleich gut, wohin wir uns wenden." Rachel Carson (1962)
1 Angkor. Mysteriöse Metropole im Urwald
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»Der erste Eindruck, den dieses Monument auf mich macht, ist überwältigend«, notierte Adolf Bastian. Der deutsche Forschungsreisende und spätere Begründer der (wie es damals hieß) Völkerkunde war in aller Regel nüchtern, kühl und abwägend - zur Euphorie ließ er sich nur selten hinreißen. Doch »diese atemberaubenden Tempelanlagen sind das Werk von Giganten; größer als irgendetwas, was Griechen und Römer uns hinterlassen haben«, liest man später in seinem Bericht über die Ruinen von Angkor im kambodschanischen Urwald. Die monumentalen Bauten, auf die Bastian Anfang 1864 gestoßen war, sind die Relikte eines einstigen Reichs Kambuja, das über 600 Jahre im südlichen Ostasien herrschte; mit Angkor Wat als dem wichtigsten und heute bekanntesten Tempel im Zentrum.
Seinerzeit gaben die Heiligtümer ihre Geheimnisse nicht leicht preis. »So dicht war der alles überwuchernde Dschungel hochgeschossen an diesem einst zivilisierten Ort, daß wir uns für jeden Schritt vorwärts den Weg mit einem Buschmesser freischlagen mußten«, berichtete Adolf Bastian weiter. »In seinem Grundriß ist es ein in einander geschachtelter Terrassenbau. Drei umlaufende Säulengänge steigen mit zwischenliegenden Höfen über einander empor, bis dann die mit den Eingängen der drei Vorderthore in gleicher Linie liegenden Haupttreppe des letzten Centrums zu der Basis des Domes selbst emporführt. Das majestätische Tempelgebäude steht in der Mitte eines mit Teichen und Parkanlagen vermannichfaltigten Gartens, der von einer Mauer umzogen ist, die auch ihrerseits in skulptirte Säulenhallen ausgearbeitet ist.«922
Wie beeindruckt Bastian tatsächlich von der Tempelanlage aus Sandstein, Laterit und Ton war, vermochte er nicht gut in Worte zu fassen. Seinem späteren Bericht jedenfalls ist das Staunen nur noch schwer zu entnehmen, das ihn aber zweifellos erfasst haben musste. Ihm entging jedoch nicht die besondere Bauweise der untergegangenen Stadt im Dschungel. Die Tempel und breiten Terrassen bestehen aus riesigen Steinblöcken, die symmetrisch behauen und ungeachtet ihrer Größe höchst akkurat zusammengefügt wurden. Bastian erkannte, dass sie ähnlich wie im Fall der Pyramiden zweifellos von weit her herbeigeschafft wurden, aus Steinbrüchen in den mehr als 100 Kilometer entfernten Bergen im Norden Angkors. Aus eigener Anschauung kannte Bastian bereits ähnliche Bauten aus Mexiko und verglich daher in seinem Bericht die Ruinen von Angkor vor allem mit den imposanten Zeugnissen der Hochkulturen in der Neuen Welt. Für ihn war die Tempelstadt im kambodschanischen Urwald eine der größten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation.
Neben den Hochkulturen im Zweistromland und in Ägypten stehen bis heute meist die der Maya, Azteken und Inka in Mittel- und Südamerika im Fokus der Archäologie - und jüngst auch der Umweltwissenschaften. Dagegen waren die mehr als ein halbes Jahrtausend existierende Hochkultur der Khmer in Südostasien wie auch andere archäologische Stätten der Region lange weitgehend vergessen.923 Angkor aber - inzwischen Unesco-Weltkulturerbestätte und, jährlich zunehmend, von Millionen Touristen besucht - hat unlängst für die naturgeschichtliche Erforschung alter Kulturen einige seiner zahlreichen Geheimnisse offenbart. Die jüngsten Befunde helfen den Untergang großer Zivilisationen besser zu verstehen. Und zeigen, unter welchem Druck gerade immer größer und komplexer werdende Systeme stehen, die vom feinen Zusammenspiel innerer sozio-ökonomi-scher wie äußerer Umwelteinflüsse abhängig sind.
Tomb Raider - Entdeckung im Urwald
Der Faszination der Tempel Angkors können sich heutige Besucher ebenso wenig entziehen wie dem Charme der einst imposanten, oftmals aber halb verfallenen Bauwerke inmitten wild wuchernder Vegetation. Als buchstäblich umrankter Legende wurden der weltberühmten Tempelanlage Angkor erst neuerdings zahlreiche Bücher gewidmet, die Kunst der Khmer und ihre in den Reliefs erzählte Geschichte in Stein detailliert in Bild und Wort vorgestellt.924 Der Tempel Ta Prohm, noch immer im Wald versteckt und mit beinahe verwunschenen Ruinen, die von den armdicken Wurzeln riesiger Würgefeigenbäume umschlungen werden und bei denen versucht wurde, einen Eindruck des ursprünglichen »Entdeckungszustandes« zu erhalten, war Kulisse für den Blockbuster Tomb Raider. Mit Angelina Jolie als Lara Croft verfilmt, trägt er heute zum Touristenboom in den Tempeln nicht unerheblich bei.
Tatsächlich gehören die Tempelanlagen Angkors weltweit zu den größten religiösen Zentren überhaupt. Sie waren, so wissen wir heute, bereits gegen Ende des achten nachchristlichen Jahrhunderts entstanden, nachdem ein von Indien geprägtes Volk aus dem Norden ins heutige Kambodscha eingewandert war und in Kämpfen mit den Cham eine Reihe kleiner Fürstentümer gegründet hatte.
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Als sich im Jahr 790 Jayavarman
II. zum Herrscher der Khmer erklärte, errichtete er die Hauptstadt seines Königreichs nahe des heutigen Ort Roluos am Tonle Sap, dem großen Binnensee der Region. Kurz darauf wurde sie in die Kulen-Berge nordöstlich Angkors verlegt. Die eigentliche Geschichte und Blütezeit Angkors, wie sie sich traditionell aus den Inschriften der Tempel erschließt, beginnt im 9. Jahrhundert. Sie währte über weitere vier Jahrhunderte; letzte überlieferte Inschriften in Angkor datieren von 1327. Ab dem 10. Jahrhundert wird die Architektur Angkors durch die kosmologische Weltsicht der Khmer dominiert, bei der die Tempelanlagen ihren Makrokosmos abbilden. So symbolisieren deren lange Umfassungsmauern die Erde als Gebirgskette, die Wassergräben um die Tempel die Ur-Ozeane, der in Treppenstufen aufsteigende Tempel selbst den mythischen Weltberg Meru, auf dem die Götter wohnen.Die Stadt Angkor bildete den Mittelpunkt des historischen Khmer-Reiches, das mit einer Abfolge von insgesamt 36 Königen das mächtigste Südostasiens war. Auf seinem Höhepunkt um 1200 umfasste es nicht nur Kambodscha, sondern weite Teile von Thailand, Laos und Vietnam bis nach Malaysia. Die mit Superlativen eher vorsichtig umgehenden Experten debattieren derzeit noch, ob das Khmer-Reich tatsächlich als das größte Imperium seiner Zeit und Angkor als die größte Stadt gelten kann. In jedem Fall kam es im Herzen des Reichs, in Angkor selbst, bei jedem Wechsel auf dem Königsthron zu neuen umfangreichen Tempelbauten in entweder hinduistischer oder buddhistischer Tradition. So wurden in Angkor über Jahrhunderte zahllose Tempel errichtet und mit monumentalen Statuen und reich verzierten Reliefs aus Sandstein geschmückt. Zugleich belegt Angkor die außerordentliche Baukunst der Khmer, die in der Welt ihresgleichen sucht. Die Khmer bauten ihren Göttern eine eigene Stadt; mit Dutzenden großer Tempel und vielen kleinen Heiligtümern gleichsam eine Symphonie in Stein, zudem geschmückt mit unzählbaren Reliefs, Statuen und Verzierungen. Allein der größte und bekannteste Tempel Angkor Wat ist über mehrere 10.000 Quadratmeter mit feinsten Reliefstrukturen bedeckt. In ähnlicher Weise sind über siebzig weitere hinduistische und buddhistische Sakralbauten detailreich ausgearbeitet und verziert. Nirgendwo auf der Welt finden sich größere Bauwerke dieser Art; und nirgendwo sind solche Bauten reicher verziert mit feinsten Ornamenten und beinahe lebensgroßen Figuren im Halbrelief.
Entdeckt wurde Angkor für die westliche Welt einst in einem regelrechten Wettlauf - dem eines Franzosen mit einem Deutschen, ohne dass diese voneinander wussten.
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Adolf Bastian, der seit Jugendtagen von fremden Völkern, ihrer Geschichte und ihren Zeugnissen gefesselt war, bereiste als einer der ersten Forscher seiner Disziplin Südostasien und erreichte Angkor im Januar 1864, nachdem er - nach eigenem Bekunden - vom König von Siam (dem heutigen Thailand) selbst von der geheimnisvollen Stadt der Khmer erfahren hatte. Bastian war fasziniert von den im Dschungel versunkenen Tempeln; je mehr der Ruinen er entdeckte, die weit verstreut in der mit dichter, tropischer Vegetation bewachsenen Ebene nördlich des Tonle Sap liegen. »Die nächsten Tage verbrachte ich mit einem genaueren Studieren dieser so lange [sie] gebliebenen Kunstwerke. Sobald das Morgenlicht in den Umgängen deutlicheren Schein verbreitete, begab ich mich mit dem Maler dorthin, um die charakteristischen Szenen und Episoden abzeichnen zu lassen oder die Verzierungen und Inschriften mit Kohlenwachs auf Papier abzureiben.« Tagelang arbeitete Bastian wie besessen und trieb seinen Zeichner an, der ihn zu den Tempeln begleitete. Im Februar brach Bastian auf, reiste so schnell es ging zurück nach Europa, um seine Entdeckung zu verkünden. Als Adolf Bastian noch im selben Jahr endlich in London ankam, damals das Mekka der Forschungsreisenden aus aller Welt, muss es wie ein Schock für ihn gewesen sein, als er erfuhr, dass ihm ein anderer zuvorgekommen war - gleichsam um Haaresbreite angesichts des in Europa Jahrhunderte währenden Vergessens von Angkor.
Bereits vier Jahre vor Bastian, im Januar 1860, hatte der französische Naturforscher Henri Mouhot die Ruinen von »Ongcor« oder »Nokhor«, wie dieser sie nannte, erreicht. Mouhot war, wie so viele andere seiner Zeit, eigentlich als Naturaliensammler insbesondere von Käfern und Schmetterlingen unterwegs.925 Befördert durch einen Vertrag, den die Kolonialmacht Frankreich mit dem König von Siam geschlossen hatte und der vor allem französischen Missionaren und Forschern Schutz und Hilfe gewährte, war er bereits Ende 1859 nach Kambodscha gelangt. In den Tempelanlagen von Angkor verbrachte Mouhot drei Wochen, während deren er als talentierter Zeichner die vom Dschungel teilweise überwucherten Tempel und Anlagen in zahllosen Skizzen festhielt. Bei seiner Weiterreise durch den Norden von Cochinchina bis ins heutige Laos durchstreifte er anschließend Gebiete -auf Elefanten oder per Boot auf dem Mekong -, die vor ihm noch nie ein Europäer gesehen hatte. Und von denen er erstmals Karten und Bilder zeichnete, »sich diesen Teil der Welt mit Papier und Bleistift eroberte«, wie es später hieß.
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In einem Dorf nahe der alten Königsstadt Luang Prabang im heutigen Laos, das er im Juli 1861 erreichte, starb Henri Mouhot im November desselben Jahres an einem tropischen Fieber, gerade einmal 35 Jahre alt. Seine Diener sorgten dafür, dass seine Aufzeichnungen - Tagebücher und Notizen, Zeichnungen und Karten - über Bangkok zurück nach Europa gelangten. Nachdem seine Familie sie dort der ehrwürdigen Royal Geo-graphical Society übergeben hatte, erschien sein posthumer zweibändiger Reisebericht just zu dem Zeitpunkt, als Bastian aus Angkor zurückkehrte.926
Bald waren Mouhots Werk und die Ruinen von Angkor in aller Munde. Weitaus anschaulicher als später Bastian schilderte er in den nachgelassenen Tagebüchern nicht nur den Besuch in der vom Urwald überwucherten Tempelstadt. Sein Reisebericht war vor allem reich illustriert mit einprägsamen und detaillierten Abbildungen, die nach seinen Skizzen in London gefertigt wurden. Diese Zeichnungen waren eine Sensation und verschafften gemeinsam mit der ausführlichen Schilderung der staunenden Leserschaft erstmals einen lebhaften Eindruck der versunkenen Dschungelstadt. Niemand hätte damals geglaubt, in den Urwäldern Südostasiens seien solche Monumente verborgen. Hätte Henri Mouhot lebende Dinosaurier zurückgebracht, die Sensation wäre nicht größer gewesen; zumal wenn die heute für längst ausgestorben gehaltenen Tiere noch gar nicht entdeckt gewesen wären.
Angkor blieb dem französischen Naturforscher, dem ein fachlicher Hintergrund zur archäologischen Einschätzung weitgehend fehlte, allerdings ein Rätsel. Er hielt die versunkene Tempelstadt für ein Werk des Altertums und der Antike, älter als 2000 Jahre, wie er schrieb. Bereits in seinem ersten Bericht verglich er die Tempel mit denen Salomons, glaubte sie »von einem antiken Michelangelo« geschaffen; konnte sich dagegen nicht vorstellen, dass die Khmer diese Bauten errichtet hatten: Angkor »presents a sad con-trast to the State of barbarism in which the nation is now plunged«. Mouhot erkannte nicht die enorme architektonische Leistung der Khmer, die nur Jahrhunderte zuvor diese einstige asiatische Metropole schufen, vergleichbar etwa den Hochkulturen des Vorderen Orients.
Als Adolf Bastian im Februar 1865 seinen ersten Bericht über die Ruinen von Angkor vor ebenjener Royal Geographical Society in London vortrug, kam er nicht umhin, Bezug auf Henri Mouhots Entdeckung zu nehmen. Er war es aber, der die Monumente der Khmer nicht nur mit denen der Griechen und Römer verglich, sondern bereits auf Parallelen zur indischen Architektur bei Tempeln in Kaschmir hinwies. So verlor der heute auch aus
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anderen Gründen weitgehend vergessene Bastian zwar den Wettlauf um die Wiederentdeckung dieses weltweit größten religiösen Bauwerks.927 Doch war es der weitgereiste Völkerkundler, der den Ursprung dieses Heiligtums der Khmer in der indischen Mythologie erkannte; und der als Erster sah, dass nicht Buddhisten, sondern Hindus den religiösen Grundstein der Hochkultur von Angkor gelegt haben, die Tempelarchitektur selbst indes javanische Wurzeln hat. Dabei symbolisieren die Tempel in Angkor, und allen voran Angkor Wat, den hinduistischen Mikrokosmos, dessen Wahrzeichen der fünfgipflige Berg Meru ist.928
Bastian entschlüsselte damit eines der Geheimnisse von Angkor, die Mouhot noch verborgen geblieben waren. Insofern ist auch er ein Mitentdecker Angkors, wenn man aus dieser europäischen Sicht überhaupt von Entdeckung sprechen will. Denn weder Mouhot noch Bastian haben Angkor im eigentlichen Sinn entdeckt. Ein fantasievolles Narrativ ä la »Indiana Jones« - ein mit Buschmessern in den Dschungel vordringender Forschungsreisender, der auf eine lange untergegangene Tempelstadt stößt -ist gleich aus mehreren Gründen ein Mythos (obgleich Bastian mehr noch als Mouhot als Vorbild für jene Filmfigur gedient haben könnte). Wichtiger noch: Eine solche Erzählung wäre irreführend, weil eine aus eurozentrischer Perspektive betriebene Verklärung. Tatsächlich war Angkor nie gänzlich vergessen, am allerwenigsten bei der einheimischen Bevölkerung. Die bis heute in Kambodscha ansässigen Khmer wussten auch lange nach dem Niedergang ihres historischen Reiches stets um die Existenz der alten Tempel, gleichsam der Seele des Landes. Angkor Wat wurde, wie auch einige andere Bauten, durchgehend als heilige Stätte verehrt.
Durch Mouhots Buch populär gemacht, wurde Angkor zum Ziel einer Reihe vor allem französischer Expeditionen, die mit der systematischen Erforschung der Ruinenstadt begannen. Dass Frankreich in seinem Kolonialreich ein einzigartiges Kulturdenkmal von großer historischer Bedeutung zu bieten hatte, bewirkte, dass die Bauwerke - dabei nach und nach von der Vegetation befreit und später teilweise sogar wiederaufgebaut - zum herausragenden Denkmal der Geschichte Südostasiens avancierten. Nachdem französische Forscher ein Jahrhundert archäologische Forschung in Angkor betrieben hatten, kam diese indes während der zwei Jahrzehnte des Vietnamkriegs und in seiner Folge der Terrorherrschaft der Roten Khmer in den 1970er und 1980er Jahren, bei der ein Drittel der Bevölkerung Kambodschas ermordet wurde, zum Erliegen.
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Mit der Wiederaufnahme der Forschungsarbeit hat sich seitdem auch der Fokus verschoben. Während man sich anfangs zumeist auf die Kultstätten rund um Angkor Wat konzentriert hatte, wurde Angkor jüngst - vor allem auch dank innovativer Methoden - als Metropole und erste Megacity identifiziert. Angkor Wat war demnach als bedeutendste Tempelanlage im Süden Asiens das kulturelle und religiöse Zentrum einer urbanen Agglomeration, die sich weit in der Fläche ausbreitete und in der einst weitaus mehr Menschen gelebt haben dürften als lange vorstellbar.929
Doch nach sechs Jahrhunderten - durchaus einer beträchtlich langen Zeit - ging Angkor schließlich unter. Da zeitgleich in der Region andere Reiche aufblühten, wie etwa die über vier Jahrhunderte währende Herrschaft Ayutthayas im benachbarten Siam, haben Historiker bisher die Gründe für den Niedergang des Khmer-Reichs hier gesucht. Von dem 1351 auf einer Insel am Chao Phraya gegründeten Ayutthaya (rund 70 Kilometer nördlich vom späteren Bangkok gelegen; siehe Kapitel
II) ging im darauffolgenden Jahr tatsächlich die Eroberung Angkors und des Khmer-Reichs aus. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde die Stadt mit ihren einzigartigen Tempelanlagen von ihren Bewohnern endgültig verlassen; das Reich der Khmer versank im Urwald.Dass allerdings feindliche Invasoren die eigentliche Ursache waren, wie auch in anderen Fällen oft vermutet, wird mit den Befunden der jüngsten Forschung zu Angkor immer fraglicher. Sehr viel wahrscheinlicher dürfte nun sein, dass Überbevölkerung, Misswirtschaft, Dürren und Überschwemmungen, vor allem aber ausbleibende rechtzeitige Anpassungen der Gesellschaft Angkors an eine sich rasch verändernde Umwelt zu deren Untergang führten.
Wenn eine Metropole das Maß verliert
Als nach dem Ende des Schreckensregimes der Roten Khmer der australische Archäologe Roland Fletcher in den 1990er Jahren nach Angkor zurückkehrte und mit Grabungen am Baray begann, dem mit 8 mal 2 Kilometer größten Wasserreservoir Angkors, vermutete er bereits, dass dieses urbane Zentrum weitaus größer gewesen sein dürfte als lange angenommen.930 Zwar hatte unverkennbar jedes Bauwerk der alten Khmer einen stark religiösen Bezug. Andererseits war schwer vorstellbar, dass etwa das Baray-Becken gänzlich ohne praktischen Nutzen war und das Wasser allein aus religiösen Gründen aufgestaut worden sein sollte; immerhin dürften
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schätzungsweise 200 000 Arbeiter über drei Jahre daran gearbeitet haben, dieses Monument zu bauen. Im »Greater Angkor Project« erforschte dann ein Team von Experten aus Australien, Frankreich und Kambodscha mit Hilfe von NASA-Satellitenaufnahmen in Kombination mit der Vermessung der Geländetopographie vom Helikopter aus die tatsächliche Ausdehnung Angkors. Zuvor waren durch Aufnahmen per Infrarot-Wärmekamera aus dem Space Shuttle nicht nur spektakuläre Bilder der Tempelstadt gelungen; die Forscher entdeckten so auch neben über siebzig bislang unbekannten weiteren Tempelanlagen mehr als tausend künstlich angelegte Seen. Doch buchstäblich erhellend war dann jene neue Methode der Archäologie, das sogenannte »Airborne Laser Scanning« durch Infrarot-Laser, auch Lidar genannt. Dabei wird die Erdoberfläche mit einem Sensor abgetastet, die Daten werden dann in ein Computermodell übertragen, mit dem sich etwa die Vegetationsbedeckung herausrechnen lässt und so Details der Boden-oberfläche unter dem Urwald sichtbar gemacht werden.
Forscher um den australischen Archäologen Damian Evans haben nun mittels Lidar ganze Städte unter dem Wald entdeckt, von denen niemand wusste, dass sie dort sind. Urbane Strukturen mit schnurgeraden Straßen, Kanälen, Wällen und Siedlungen; Zeugnisse einer erheblichen Ausdehnung dieser antiken Großstadt, die sich darstellt als ein weitläufiger Komplex von Palästen und Heiligtümern aus Stein, aber auch von Wohngebieten mit Häusern aus vergänglichen Materialien, von Straßen und vor allem von Bewässerungsanlagen mit einem weit gespannten Netz aus Kanälen und Wasserspeichern. Demnach haben sich um Angkor Wat nicht nur verstreute Tempel befunden; vielmehr war Angkor gleichsam eine enorm ausgedehnte »hydraulische Stadt«, eine Metropole mit der gigantischen Infrastruktur eines alles umspannenden Kanal- und Bewässerungssystems. Dieses ausgedehnte und komplexe System aus Bewässerungseinrichtungen, das Flüsse, Kanäle und Stauseen umfasste, erlaubte den Khmer bereits im Mittelalter, mehrmals im Jahr Reis zu ernten und so eine große und wachsende Bevölkerung zu ernähren. In ihren Ausmaßen etwa so groß wie heute New York City (ohne seine Wasserflächen etwa 800 Quadratkilometer) oder Berlin (mit seinen knapp 900 Quadratkilometern), dürfte Angkor mit Abstand die gewaltigste vorindustrielle Siedlung der Welt gewesen sein, in der schätzungsweise eine Million Menschen zusammengelebt haben. Dagegen nehmen sich die großen Städte etwa der Maya vergleichsweise klein aus; beispielsweise das genau vermessene Tikal mit seinen 150 Quadratkilometern.
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Was durch Evans' Lidar-Analysen sichtbar geworden ist, war die auf den Anbau von Nassreis basierende wirtschaftliche Grundlage des gesamten Angkor-Reichs. Jüngste Studien haben zudem am Berg Phnom Kulen, rund 50 Kilometer von Angkor entfernt, die Anfänge dieses hydrologischen Systems erkundet. Dort lag mit Mahendraparvata die erste Hauptstadt des Khmer-Reiches. Auch sie war bereits deutlich ausgedehnter als bisher angenommen, vermutlich so groß wie Phnom Penh, die moderne kambodschanische Hauptstadt von heute. Über sehr lange Zeit hatte Angkor demnach bereits Metropolcharakter für ein ausgedehntes Hinterland, von dem die Stadt der Khmer aber abhing.
Die eigentliche Sensation für Experten ist dabei nicht allein, dass Angkor zu seiner Blütezeit wohl eines der größten urbanen Zentren der Welt war. Vielmehr lenkt es nun den Blick auf Gesellschaft und Alltagskultur der Menschen, die vor knapp 1200 Jahren die ersten Tempel im Urwald von Angkor errichteten. Denn für die Bauten und den Unterhalt ihrer Stadt, aber auch für den Aufbau eines großen Heeres, das bis ins 13. Jahrhundert die Stellung des Khmer-Reiches sicherte, mussten die Überschüsse des Reisanbaus verteilt werden. Dazu waren nicht nur Schrift und Sprache nötig, sondern eine Elite, die die komplexen und komplizierten Details von Produktion und Verteilung der Nahrungsmittel organisierte. Und die dann irgendwann nicht mehr funktionierte.
Bisher hat der Untergang Angkors selbst in weithin bekannten und gelesenen Abhandlungen, allen voran der zusammenfassenden Studie von Jared Diamond zum Kollaps früherer Zivilisationen, kaum mehr als eine beiläufige Erwähnung gefunden.911 Eine Untersuchung von Geowissenschaftlern und Archäologen um Brendan Buckley macht nun mehr als wahrscheinlich, dass nicht externe Feinde - etwa, wie erwähnt, das erstarkte Königreich Siam -, sondern ursächlich extreme Klimaschwankungen zum Untergang Angkors beigetragen haben dürften."32 Die Analyse von Baumringen von Fokienia hodginsii, die unmittelbar benachbart zu Angkor im Hochland des tropischen Südvietnams vorkommt, erlaubte es Buckleys Team, das regionale Klima über mehr als 750 Jahre, von 1250 bis 2008, zu rekonstruieren. Demnach kam es - in Korrelation mit Veränderungen der Oberflächentemperatur im tropischen Pazifik - zu erheblichen Schwankungen vor allem der Niederschlagsmengen. Unmittelbar bevor die Tempelanlagen um Angkor Wat aufgegeben wurden und das Reich der Khmer unterging, kam es im 14. und 15. Jahrhundert abwechselnd zu zwei lang anhaltenden
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Dürreperioden sowie extremen Monsunregen. Zwischen den Jahren 1340 bis 1360 und nochmals von 1400 bis 1420 haben Trockenzeiten mit nur schwachen Monsunregen die Landwirtschaft im dicht besiedelten Khmer-Reich erheblich getroffen, ebenso wie die unmittelbar folgenden Phasen von Monsunregen mit sintflutartigen Niederschlägen. Diese dürften zu Überschwemmungen geführt haben. Sehr wahrscheinlich, dass dies das ausgefeilte und weitläufige Bewässerungssystem der Khmer zerstört hat. Archäologische Hinweise deuten daraufhin, dass das gemauerte Kanalsystem um 1450 durch Überflutungen beschädigt und teilweise verfüllt wurde. Somit belegt die Dendrochronologie im Falle Angkors einen erheblichen Einfluss von Klimaveränderungen in Südostasien zur Zeit des Untergangs der Khmer-Hochkultur.
Mit der Kombination von Lidar-Analysen und Klimastudien schlagen Archäologen und Umwelthistoriker nun ein neues Kapitel der Erforschung von Angkor auf. Es ermöglicht Einblicke in den Zusammenhang zwischen elaboriertem Bewässerungssystem und Reisanbau, zwischen den immer monumentaleren Bauprojekten der Könige und dem Untergang des Reiches der Khmer. Wie sich dieser immerhin 1000 Quadratkilometer einnehmende Großraum Angkor einst während seiner Blütezeit organisierte, in dessen 200 Quadratkilometer umfassendes Zentrum das Heiligtum Angkor Wat nur eine von mehreren großen Tempelanlagen war, liefert heute den Schlüssel zur Deutung der Ruinen und des Schicksals der Hauptstadt des Khmer-Reichs. Offenbar gelang es unter König Suryavarman
II. dank der reichen Überschüsse, den Machteinfluss regional auszuweiten. So wuchs Angkor über Jahrhunderte, bis es an eben jener komplexen Infrastruktur zugrunde ging, die es einst hatte groß werden lassen. Als vermutlich durch das Ausbleiben des Monsunregens über längere Zeit der Wasserspiegel dauerhaft sank, brach das immer fragiler werdende System zusammen. Das Schicksal Angkors lässt sich mithin auch als Warnung sehen, dass selbst der ausgeklügeltste Versorgungsmechanismus den Untergang nicht verhindern kann, wenn eine Zivilisation ihr Maß verliert - und äußere Umstände erschwerend hinzukommen.Zwar konnte im Jahr 1200 noch eine Invasion der Cham abgewendet werden. Doch fortschreitende Entwaldung verbunden mit Klimaveränderungen künden dann bald vom Niedergang des Reiches. Die anhaltenden Dürren infolge ausbleibender Monsunregen im 14. und frühen 15. Jahrhundert - jener spätmittelalterlichen Zeit, zu der in Europa die Kleine Eiszeit ausbrach - und anschließende Extremwetter mit Überschwemmungen könnten die filigranen Wasserversorgungsysteme geschädigt und die fragile Nahrungsversorgung zerstört haben. Die klimabedingten äußeren Umstände ließen das Khmer-Reich am Zusammenbrechen der eigenen Infrastruktur zugrunde gehen, auch weil eine Antwort von innen heraus fehlte. Just jenes ausgeklügelte Bewässerungssystem für den Nassreisanbau, der dank seiner Überschüsse einst den enormen Bevölkerungsanstieg und infolgedessen auch Machtzuwachs ermöglicht hatte, kehrte sich ins Gegenteil, als es einer religiös-urbanen Elite nicht mehr gelang, für den Unterhalt der Infrastruktur durch die Bewohner Angkors zu sorgen. Zuletzt könnten dann auch Kriege hinzugekommen sein. Doch vielleicht sind die Hunderttausende Einwohner von Angkor nicht vor den Invasoren aus Siam geflohen, vielleicht sind sie wieder in ihre im Land verstreuten Dörfer zurückgekehrt, als sich ihr auf Tempelkult und zentraler Reisanbaukultur gegründetes Reich aufzulösen begann.
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Obgleich nur noch eine wehmütige Erinnerung an vergangene Größe, zieren die Türme von Angkor Wat neben der Nationalflagge auch Banknoten und geben einer Biersorte in Kambodscha den Namen. Angkor Wat ist heute die meistbesuchte Stätte des Landes, Angkor wird von Touristen regelrecht überrannt. Während des vergangenen Jahrzehnts haben sich die Besucherzahlen verdreifacht. Kamen 2006 rund 1,7 Millionen und 2008 etwa zwei Millionen Besucher, waren es 2010 bereits 2,4 Millionen. Im Jahr 2011 schnellte die Zahl nach oben, mit mehr als 1,6 Millionen ausländischen und noch einmal so vielen einheimischen Besuchern. Zuletzt waren es mehr als 4,5 Millionen Touristen.
In erheblicher Weise leiden die Tempel und Bauwerke Angkors unter einer regelrechten »Touristenerosion«, der Abnutzung der Steine durch die unzähligen täglichen Fußtritte. Nach anderthalb Jahrhunderten entdeckt so die Welt neu, was bei den heimischen Khmer nie vergessen war und in Asien eine ähnlich lange Geschichte hat wie andere Hochkulturen der menschlichen Zivilisation. Und zugleich eröffnet sich die Chance zu verstehen, wie aus dem Kollaps einer regionalen Metropole ein Menetekel des globalen Untergangs werden könnte.
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