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2  Zivilisation, Kollaps und die menschliche Natur

 

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Eine Mischung aus Staunen, Angst und Neugier befiel einst den holländischen Kapitän Jacob Roggeveen und seine Männer an Bord der Arena, unterwegs im Auftrag der Westindischen Handelskompanie, als sie am Ostersonntag des Jahres 1722 als erste Europäer die wunderlichen, übermannshohen Steinskulpturen auf der seitdem so benannten Osterinsel im Ostpazifik erblickten. Diese Vulkaninsel - 3700 Kilometer vom chilenischen Festland entfernt im Ozean gelegen - ist der östlichste Ausläufer der polynesischen Welt; ein Lebensraum am Ende der Welt mit buchstäblich überschaubaren Ressourcen. An diesem entlegenen Ort, der von den Einwohnern Rapa Nui, oder »große Insel«, genannt wird und kaum mehr als 160 Quadratkilometer misst, haben Menschen über viele Jahrhunderte hinweg isoliert von anderen ihre eigene Kultur entwickelt. Sie kannten sogar eine eigene Schrift, Rongorongo genannt. Dass diese bis heute nicht entziffert werden konnte, gehört zu den vielen Rätseln der Osterinsel.

Rätsel ranken sich auch um die knapp 900 riesigen Skulpturen aus dem Tuffgestein der Vulkaninsel, die fast alle an der Küste stehen, aber ins Landesinnere schauen. Diese Moai genannten stummen Zeugen einer großen Vergangenheit sollen die Vorfahren von Göttern darstellen und finden sich rund um die Insel verstreut. Die vier bis sechs oder sogar bis zehn Meter hohen Skulpturen ruhen auf riesigen steinernen Plattformen, den Ahu, die Altaren ähneln. Nur noch wenige Moai stehen an ihrem Platz, die meisten lagen bereits bei der Ankunft der ersten Europäer umgestürzt mit dem Gesicht auf der Erde. Archäologen haben rekonstruiert, dass die tonnenschweren Kolosse - sie wogen zwischen zehn und neunzig Tonnen - mit einfachen Basaltbeilen und Meißeln aus dem Vulkangestein gehauen und von einem Lavasteinbruch bis an die Küste der Osterinsel transportiert wurden, um dort aufgestellt zu werden.

Wie die Rapanui dies genau bewerkstelligten, ist letztlich unbekannt - auch wenn es gleich mehrere interessante Theorien dazu gibt.913 Eine nicht unwahrscheinliche Erklärung ist, die Rapanui hätten die Stämme und aus Baumrinde gefertigte Seile jener Palmen genutzt, die einst in ausgedehnten Wäldern zu Millionen die Insel bedeckten. Bereits bei Ankunft von Roggeveens Schiff war die seinerzeit nur noch von wenigen Tausend Menschen besiedelte Osterinsel allerdings beinahe entwaldet. Auch heute überziehen meist nur Gräser die kahlen Berghänge. Und so wunderte sich bereits der Entdecker, »wie Menschen, die weder über dicke Holzbalken zur Herstellung noch über kräftige Seile verfügten, dennoch solche Bildsäulen aufrichten konnten«.

Heute finden sich tatsächlich nur Spuren einer äußerst verarmten Vegetation, mit kaum mehr als 48 Pflanzenarten, darunter nur zehn Baumarten, von denen keine höher als drei Meter ist. Pollenanalysen zeigen indes, dass einst mit der Jubaea die größten Palmen der Welt auf den Inseln wuchsen. Der Wald, so die These, wurde abgeholzt, um die Statuen zu transportieren, aber auch um Ackerfläche zu gewinnen, für Holzkohle und zum Kanubau. Ohne Palmen keine Kanus, ohne diese konnten die Insulaner nicht mehr aufs Meer fahren; Fische und etwa Delphine fielen aus, die Nahrung wurde knapp. Der Raubbau führte vor allem zur Erosion des Bodens, der immer weniger Feldfrüchte hergab. Mit dem Palmenwald verschwanden die Landvögel. Ökologen wissen aus Untersuchungen von Knochenresten, dass mindestens sechs Landvogelarten - darunter Reiher, Rallen und Papageien - ausstarben; mit ihnen verschwanden zahllose Seevogelarten wie Albatrosse, Fregatt- und Sturmvögel von der Osterinsel. Heute leben dort nur eingeschleppte Hühner. Als der Palmenwald verschwand, setzte auf dem Eiland am Ende der Welt eine ökologische Katastrophe ein, führte zu Stammeskriegen und zum rapiden Rückgang der Bevölkerung - letztlich zum Zusammenbruch der Gesellschaft von Rapa Nui.

Um das Verschwinden der einst reichen Palmenwälder gibt es nicht erst seit heute einen wissenschaftlichen Disput.934 Denn die Osterinsel gilt als Metapher für die Abhängigkeit menschlicher Gesellschaften von ihrer Umwelt - und vielen überdies als Beispiel für eine menschengemachte ökologische Katastrophe, ja als Gleichnis für unsere globalisierte Welt heute. Das Lehrbeispiel für ökologische Selbstzerstörung wurde sogar von Hollywood mit Kevin Costner als Produzent eindrucksvoll in Szene gesetzt.935 Nachdem bereits der Umwelthistoriker Clive Ponting die Insel in diesen Zusammenhang gebracht hatte, wurde vor allem durch den Geographen und Evolutionsbiologen Jared Diamond die These vom menschengemachten Ökodesaster publik, das zum Untergang vieler Gesellschaften führte. In seinem 2005 erschienenen Buch Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen erklärt er, wie etwa die Wikinger auf Grönland (anders als übrigens die Inuit dort) ihre eigene Lebensgrundlage zerstörten oder die Maya den Regenwald rodeten, um Maisplantagen anzulegen, so der Ero-


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sion Vorschub leisteten und schließlich ihre Stadtstaaten einer Dürre zum Opfer fallen sahen. Sein anschaulichstes Beispiel aber liefert die vorkoloniale Geschichte der Bewohner der Osterinsel, die sich mit frevelhaftem Raubbau an den einst ausgedehnten Palmenwäldern um ihre eigene Existenzgrundlage brachten. Die Kultur auf der Osterinsel ging unter, weil die Rapanui - befeuert von ihrem eigenartigen Statuenkult - die begrenzten Ressourcen auf der Insel übermäßig ausbeuteten und sich in Stammeskriegen selbst dezimierten. Als unmittelbare Folge der Waldzerstörung und anderer Eingriffe des Menschen in die Umwelt, so Diamond, »kam es dann zu einer Hungersnot, einem Zusammenbruch der Bevölkerung und einem Niedergang bis hin zum Kannibalismus«. Als schrecklichste Beschimpfung, die man auf der Osterinsel einem Feind entgegenschleudern konnte, so lernten die ersten Seefahrer bei ihren Besuchen des abgelegenen Eilands, galt lange: »Das Fleisch deiner Mutter hängt zwischen meinen Zähnen.«956

Doch gegen die These vom menschengemachten Ökokollaps und dem anschließenden Untergang der Osterinsel-Gesellschaft gibt es immer wieder Einspruch. Insbesondere dagegen, dass die Insulaner die nachweislich einstmals riesigen Palmenwälder der Insel rücksichtslos gerodet hätten und so eine ökologische Katastrophe in Gang gesetzt hätten, die zu einem rapiden Rückgang der Bevölkerung führte. Da wurde vermutet, dass Trockenheit oder andere Umweltveränderungen, nicht aber der Mensch für die Entwaldung verantwortlich zu machen seien. Und auch Ratten kamen gerade recht, wie wir gleich sehen werden. Immer wurde in Frage gestellt, dass sich die Inselzivilisation durch ökologischen Raubbau tatsächlich selbst zugrunde richtete. Und dabei geht es auch darum, wie die Statuen eigentlich aufgerichtet wurden, welche Rolle der Kult der Insulaner um sie überhaupt spielte. So wurde versucht nachzuweisen, dass die Statuen auch mit deutlich weniger Aufwand errichtet worden sein könnten, vor allem ohne dass das Holz der Palmenwälder für den Transport draufging, etwa für hölzerne Schlitten oder für Rollen. Weniger Aufwand heißt weniger Menschen; was dann die alternative Theorie stützt, nach der nie eine besonders bevölkerungsreiche Hochkultur auf Rapa Nui gedieh, es folglich auch nicht zu einem wirklichen Zusammenbruch kam.

Dafür werden dann etwa in technisch origineller Weise immer wieder einmal mittels Rampen und Seilzügen die ebenfalls tonnenschweren Kopfbedeckungen aus rotem Vulkangestein den Statuen von kleineren, weniger komplex organisierten Gesellschaften aufgesetzt. Unlängst wanderten sogar


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die tonnenschweren Statuen selbst gleichsam leichtfüßig im Pendelgang über die Insel; lediglich von drei starken Seilen und von der Hand nur weniger Menschen über die Kanten des Fußes hin und hergeschaukelt, so als ob wir einen unhandlichen Kühlschrank über die Ecken an seinen Platz ruckein. Tatsächlich sind die Basen der Steinbildnisse gerundet und wie die Kufen eines Schaukelstuhls geformt; was es leichter gemacht haben könnte, sie derart schaukelnd fortzubewegen.937

Vielleicht bewegte das einst zwar die Kultkolosse, es ändert aber wenig am Standardnarrativ; denn die Wälder sind nachweislich verschwunden, und zwar sehr wahrscheinlich von Menschenhand. Just dagegen aber versuchen vor allem Terry Hunt und Carl Lipo zu argumentieren. Sie sind der Meinung, die Bewohner der Insel seien keine konkurrierenden Umweltvan-dalen gewesen, vielmehr ökologisch sensibel und zudem friedliebend, bis die Europäer kamen und Gewalt auf die Insel brachten. Der Vegetationswandel ist aus ihrer Sicht nur zum geringeren Teil der Nutzung durch die Insulaner geschuldet, die den Palmenwald lediglich dort gerodet hätten, wo sie Ackerflächen für den Anbau von Süßkartoffeln gewinnen mussten.938

Nicht unwichtig in dieser Argumentationskette ist die Besiedlungsgeschichte der Osterinsel. Lange war aber das Ankunftsdatum der Insulaner umstritten; und damit die Frage, ob der Ökozid unmittelbar nach der Ankunft der ersten Siedler einsetzte oder es zuvor eine idyllische Zeit in diesem Inselparadies gegeben hatte, wie wir uns das gern vorstellen. Vermutlich aber haben die ersten Polynesier die Osterinsel nicht bereits um 800 n. Chr. erreicht, wie bisher angenommen. Jüngste Radiokarbon-Datierungen deuten darauf hin, dass die Besiedlung erst 400 Jahre später erfolgte. Innerhalb nur eines Jahrhunderts, so zeigen Pollenanalysen in Strandablagerungen, begannen daraufhin die Palmenwälder auf dramatische Weise zu verschwinden. Für das Paradies blieb auch den Polynesiern offenbar nicht ausreichend Zeit.

Genaue Analysen der Pflanzensamen lieferten Terry Hunt dann aber Futter für eine andere Idee. Er sieht darin Hinweise, dass die Palmnüsse genannten Samen beinahe sämtlich von der Pazifischen Ratte (Rattus exulans) angenagt wurden, so dass sie nicht mehr keimen konnten. Die unkontrollierte Vermehrung der von den Polynesiern auf der Osterinsel eingeschleppten Ratten hätte mithin zum Schwund der Wälder geführt, nicht der Mensch. Um 1200 n. Chr., so hat Hunt einmal hochgerechnet, könnten zwischen zwei und drei Millionen Ratten auf der Insel gelebt haben. Die


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rapide sich vermehrenden Nager fraßen sämtliche Palmensamen auf und verursachten so die Entwaldung der Insel. Auch wenn die Rapanui auf der Osterinsel ebenfalls Palmen etwa für Bau- und Feuerholz fällten, so gab es demnach keinen direkt durch den Menschen verursachten Zusammenbruch der Kultur. Vielmehr sorgte also ein anderer mit dem Menschen auf die Insel gekommener Umweltschädling für den Ökokollaps. Doch verschwanden die Wälder wirklich durch eine rasant expandierende Population der Polynesischen Ratte?

 

Die Hybris des Homo sapiens am Rand der Welt

Dass Ratten schuld am Untergang der Moai-Kultur waren und nicht unmittelbar der Mensch, darf getrost bezweifelt werden. Wobei es keine Frage ist, dass die sich übermäßig vermehrenden Ratten vielerorts im Pazifik die Ursache für katastrophale ökologische Veränderungen gewesen sein dürften. Das belegen etwa Studien über die Kolonisierung Neuseelands. Auch hier war bisher umstritten, wann genau die Maori erstmals die Doppelinsel erreichten. Je nach Datierung könnten die Neusiedler entweder wieder mehrere Jahrhunderte friedlich und weitgehend in Einklang mit der Natur wie in einem Garten Eden gelebt haben. Oder aber die Kolonisten vernichteten sehr schnell ihre ökologischen Grundlagen und mit ihnen viele der nur auf Neuseeland lebenden Tier- und Pflanzenarten. Datierungen mittels Radiokarbon-Methode von Knochen der Pazifischen Ratte und den von ihnen benagten Pflanzensamen ergaben, dass Rattus exulans erstmals um 1280 v. Chr. Neuseeland im Gefolge des Menschen erreichte. Das ist immerhin etwa ein Jahrtausend später, als zuvor vermutet worden war. Doch es fällt mit den ersten archäologischen Hinweisen auf Entwaldung und Ausrottung vieler Tierarten zusammen. Wie später auf der Osterinsel haben Polynesier die Ratten demnach auch auf Neuseeland eingeschleppt.939

Diese haben sich unmittelbar nach der Ankunft - wie in einem ökologischen Schlaraffenland ohne Feinde und mit einem Überangebot an Nahrung - innerhalb kürzester Zeit massiv vermehrt. Unter günstigen Bedingungen können Ratten etwa alle sechs bis sieben Wochen ihre Population verdoppeln; aus einem einzigen Pärchen werden so bereits in nur drei Jahren fast 17 Millionen Tiere. Auf Neuseeland hat diese Rattenplage die Fauna und Flora der Insel auf katastrophale Weise ausgedünnt und teilweise ausgerottet. Auch hier gab es, wie auf der Osterinsel, mithin keine


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»Garten-Eden-Phase«, in der die edlen Wilden Rousseaus über lange Zeit in Harmonie mit der Natur gelebt hätten. Bereits unmittelbar nach der ersten Ankunft des Menschen kam es auf den von ihm neu kolonisierten Inseln zu verheerenden ökologischen Umwälzungen. Daher steht fest: So viel Schaden der Mensch auch ansonsten seiner Umwelt zufügt, zumindest auf Neuseeland löste nicht er selbst, sondern vielmehr die Pazifische Ratte in seinem Gefolge den Kollaps der Natur aus. Doch gilt dies auch für die Situation auf der Osterinsel?

Die negativen Auswirkungen eingeschleppter Ratten sind unbestritten. Nur ausgerechnet auf der ökologisch verwüsteten Osterinsel taugen sie diesmal kaum als Sündenböcke. So bezweifeln denn auch viele Forscher, dass die Nager zum Untergang des Palmenwaldes dort beitrugen. Tausende von Inseln im Pazifik wurden von Ratten im Schlepptau des Menschen regelrecht überrannt, zum Schaden vor allem der dort heimischen Tierwelt; doch die wenigsten Inseln sind allein dadurch auch entwaldet worden. Anderswo haben die meisten Pflanzen sehr wohl im Beisein von Ratten überlebt. Und auch auf der Osterinsel sind nachweislich nicht alle Palmnüsse tatsächlich von Ratten angenagt worden. Es haben durchaus einige Palmen überlebt und auch gekeimt; es finden sich auch Anzeichen dafür, dass sich der Palmenwald lokal regeneriert hat. Außerdem gedeihen in Chile Jubaea-Palmen, obwohl der Waldboden dort mit angefressenen Nussschalen übersät ist. Warum sollten die an sich gefräßigen Allesfresser ausgerechnet die Palmen allein restlos aufgefressen haben, andere Pflanzen aber nicht?

Vor allem aber finden sich auf der Osterinsel deutliche Spuren und Hinweise für Brandrodung, etwa die Stümpfe verbrannter und abgeschlagener Palmen, sowie großflächige Holzkohle- und Ascheschichten. Als der Ökologe Andreas Mieth einige der verbrannten Baumstümpfe ausgrub, entdeckte er, dass sie einst regelrecht von aufgehäuften pflanzlichen Brandbeschleunigern umgeben waren. »Wenn wirklich Ratten verantwortlich gewesen sind, so waren es höchst ungewöhnliche Ratten, ausgerüstet mit Feuer und Macheten«, mokiert sich Jared Diamond über die weit hergeholte Ratten-These seines Kollegen Terry Hunt.940

Keine Frage: Die Naturgeschichte der Osterinsel ist komplexer, als dies dem simplen Versuch eines Freispruchs für Homo sapiens gerecht wird. Die Fakten deuten überwiegend darauf hin, dass wohl der Mensch für die Rodung des einst charakteristischen Palmenwaldes auf der Osterinsel ver-


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antwortlich ist - und damit auch für die Kaskade ökologischer Folgen, die zum Kollaps seiner Kultur führte. Auf der Osterinsel lebten um das Jahr 1550 schätzungsweise 7000 Menschen, die sich weitestgehend kultischen Tätigkeiten um ihre wunderlichen Statuen widmeten. Dann kollabierte die Gesellschaft plötzlich; sie ließ als Zeugnis des Untergangs unter anderem eine Vielzahl unvollendeter Statuen in den Steinbrüchen im Südosten der Insel zurück. Dort, in der »Moai-Fabrik« im Vulkankrater Rano Raraku, liegen noch immer Dutzende der tonnenschweren Giganten in allen Stadien der Vollendung, als sei die Arbeit von einem Tag zum anderen beendet worden, die Inselkultur also von einer plötzlichen Umweltkatastrophe heimgesucht worden. Als die ersten Europäer kamen, waren zwar nicht die Statuen, aber der Kult um sie verschwunden. Und kurz darauf auch die einstige polynesische Bevölkerung; gut ein Jahrhundert später gab es nur noch knapp etwas mehr als 100 Insulaner.

Der Schlüssel zum Verständnis des Osterinsel-Rätsels liegt daher für viele in der Umweltzerstörung begründet, bei der die Insel bereits zwischen 1250 und 1550 immer mehr entwaldet wurde, dann irgendwann die Population drastisch einbrach und das kulturelle Leben sich radikal veränderte -keineswegs zum Besseren, wie sich allein schon an den beinahe sämtlich umgefallenen Moais ablesen lässt. Auch wenn heute kaum noch bezweifelt wird, dass die massenhafte Abholzung und Brandrodung durch den Menschen, der Raubbau der Polynesier an der Natur, der unmittelbar nach ihrer Ankunft begann, verantwortlich für den Untergang der Osterinsel-kultur sind, halten einige wie Andreas Mieth das Bild vom Ökokollaps für zu plakativ. »Diese Kultur war vor Ankunft der Europäer einem vielfachen Wandel unterworfen, ohne dass sie abrupt zusammenbrach.« So entwickelten die Rapanui nach der Waldrodung etwa eine Art Bodenschutztechnik, bei der sie mit großen Steinformationen die Erosion fruchtbaren Bodens auf ihren Anbauflächen stoppen wollten. Kein Zweifel: Nachdem der Wald verschwunden war, sind die Lebensbedingungen auf der Osterinsel eindeutig härter geworden, und die verbliebenen Bewohner haben sich an neue Anbaumethoden angepasst. Das aber ändert nichts am Paradebeispiel für einen menschengemachen ökologischen GAU. Für Jared Diamond steht deshalb weiterhin fest: »Wegen ihrer isolierten Lage ist die Osterinsel das eindeutigste Beispiel für eine Gesellschaft, die sich durch übermäßige Ausbeutung ihrer eigenen Ressourcen selbst zerstört hat.«941

Man kann es auch so sehen: Es dürfte durchaus eine der größten kultu-


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rellen Leistungen von menschlichem Einfallsreichtum und Erfindergeist gewesen sein, selbst mit den beschränkten Mitteln dort am Ende der Welt eine Hochkultur mit monumentalen Zeugnissen hervorzubringen. Einerseits. Gerade dann aber lehrt das Schicksal der Osterinsel, was passiert, wenn der Mensch bei steigender Bevölkerungszahl und einer immer weiter gesteigerten kulturellen Verfeinerung in rücksichtsloser Weise alle Umweltgegebenheiten ignorieren zu können meint. Vom Rand der Welt, ganz am Ende seines Auszugs aus Afrika, flackert hier einmal mehr die Hybris des Homo sapiens auf. Als auf dem Eiland im Ozean die Umwelt ruiniert war, kollabierte die Zivilisation. Die Osterinsulaner dürften sehr wohl und durchaus nicht zu spät bemerkt haben, was sie ihrer überschaubaren isolierten Welt antaten. Aber offenkundig erwies sich ihre Gesellschaft als unfähig, die rechte Balance zu finden und ihre weiterdrängende Kultur auf die sje umgebende und letztlich versorgende Natur einzupendeln.

Rapa Nui bleibt mithin das Menetekel und die eindringliche Mahnung für den Menschen, sorgsam mit den natürlichen Ressourcen umzugehen. In ähnlicher Weise leben auch wir isoliert auf unserem allein durch das Weltall kreisenden Planeten. Auch wir können dieser Erde nicht entkommen; auch unsere Bevölkerung wächst unkontrolliert, auch wir sehen inzwischen die Folgen unseres Tuns, können bislang diesem Treiben aber keine wirksamen Mittel entgegensetzen, um in die rechte Balance zu kommen.

 

Sic transit gloria mundi: Vom Ende früherer Kulturen

So vergeht der Ruhm der Welt, sie transit gloria mundi, wussten bereits die Römer; die übrigens auch alles andere als schonend mit ihrer Umwelt umgegangen sind, wo immer sie hinkamen.942 Keineswegs nur am Beispiel der Osterinsel oder anderer polynesischer Kulturen am Rande der Welt, sondern mitten im Herzland der Alten Welt haben sich Forscher mit der Frage beschäftigt, warum Hochkulturen zu allen Zeiten untergegangen sind, typischerweise jeweils begleitet von einem dramatischen Populationseinbruch. Beinahe alle früheren Zivilisationen sind untergegangen oder wenigstens zusammengebrochen, wobei sich indes einige zwischenzeitlich auch wieder erholt haben.

Nachdem er bereits in früheren Büchern das Thema umkreist hatte, zeigte Jared Diamond in Kollaps die komplexen Zusammenhänge auf, die dabei eine Rolle spielten und es bedingten, dass die eine Zivilisation lange


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überlebt hat, die andere dagegen nicht. Viele von uns erliegen der romantischen Faszination und der geheimnisumwobenen Atmosphäre verlassener Monumente und Zeugnisse früherer Zivilisationen. Das ist so bei den rae-sopotamischen Zikkuraten und ägyptischen Pyramiden wie bei den Bauten der Maya und Azteken in Zentralamerika oder der Inka in den Anden, desgleichen bei den Tempelanlagen und Heiligtümern der Khmer in Angkor. Die Monumente jedenfalls standen bei der Befassung seitens der Archäologie mit diesen Hochkulturen stets im Vordergrund; zudem lag der allgemeine Fokus lange Zeit auf den unmittelbaren Zentren der Zivilisation, nicht nur in Angkor oder Ägypten, auch in Mesoamerika. Beispielsweise galt die vom Jahr 100 vor bis 650 nach Christus existierende Stadt Teoti-huacan nordöstlich von Mexico-City mit ihren 200 000 dicht siedelnden Einwohnern als ein solches Zentrum. Dagegen glaubte man, dass Maya-Stätten, wie etwa Tikal und Copan, weitgehend unbewohnte Tempel und Heiligtümer waren. Erst allmählich bewegt sich auch die archäologische Forschung gleichsam in die Fläche. Inzwischen stellt sich immer mehr heraus, dass dies tatsächlich urbane Zentren waren, die sich weit ausdehnten und in diesem Sinn Metropolcharakter für ein ausgedehntes Hinterland hatten, wie wir es heute etwa für Angkor sagen können.943

Damit öffnet sich zugleich der Horizont für die Frage nach der jeweiligen Umwelt solcher Zivilisationen und danach, welche Rolle diese beim jeweiligen Untergang der Kultur spielte. Typischerweise erkennen wir, dass Zivilisationen jeweils auf dem Höhepunkt ihrer Kultur angekommen sind, wenn der Bedarf an Ressourcen am größten ist und das System insgesamt am empfindlichsten. In den letzten Jahren verdichtet sich in diesem Zusammenhang auch die Evidenz, dass just die für den Untergang ihrer eigenen Hochkultur verantwortlich waren, die jene bis auf uns gekommenen Bauten einst erschaffen hatten. Doch in welcher Weise ist der Mensch selbst schuld an seiner Misere, wenn eine Kultur zerbricht? Was haben jene Gesellschaften falsch gemacht, die untergehen? Und warum überleben hingegen andere?

Während die Ursachen im sogenannten sozio-politischen und ökonomischen Komplex leicht zu vermuten, aber dann nur sehr schwer dingfest zu machen sind, werden in jüngster Zeit wiederholt Umweltfaktoren wie insbesondere Klimaänderungen zusammen mit anderen externen Umständen nachgewiesen. So kam es scheinbar zeitgleich vor rund 4200 Jahren an mehreren Orten zum Untergang alter Kulturen; etwa in Ägypten,


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Griechenland, Syrien, Palästina, Mesopotamien, dem Indus-Tal und am Jangtsekiang. Verantwortlich gemacht werden, nicht erst neuerdings indes, über zwei Jahrhunderte anhaltende Trockenperioden. Allerdings zeigt sich beim genaueren Hinsehen ein weniger gleichförmiges Muster; viel eher schält sich heraus, dass verschiedene Ursachen in verschiedenen Regionen der Erde durchaus zu unterschiedlichen Zeiten zum Zusammenbruch der jeweiligen Zivilisationen führten.944

Gleichwohl lässt sich in einzelnen Fällen zeigen, in welchem Maß solche Umweltveränderungen tatsächlich Einfluss auf Hochkulturen hatten, auch wenn es dies jeweils genau zu prüfen gilt. Nicht immer brachen Zivilisationen etwa allein wegen sozialer Unruhen zusammen; doch sehr wohl spielte klimatisch bedingter Wandel dabei eine erhebliche Rolle. Wobei auch für die Geschichte gilt, dass Umbrüche integraler Bestandteil sind und es keine permanente, gar statische Weltordnung je gegeben hat. Stets war alles im Wandel begriffen durch das Einwirken einer Vielzahl von Kräften: Naturkatastrophen ebenso wie etwa Aggression und Migration, Kriege und Flüchtlinge.

In erstaunlich vielen Fällen des Niedergangs einstmals blühender Hochkulturen entzog die Umwelt bereits den Bewohnern der ersten Siedlungen und Populationszentren die Lebensgrundlage. Sie mussten wegziehen, um anderswo ihre Felder zu bestellen oder Nahrung und Feuerholz finden zu können. Wie schon im Fall von Catalhöyük in der südlichen Türkei, immerhin vor mehr als 10 ooo Jahren gegründet und mithin eine der ersten Großsiedlungen des ackerbauenden Menschen überhaupt, mit vielleicht bis zu 8000 Einwohnern zur Blütezeit des Ortes. Wie jüngste Forschungen zeigen, kam es in Catalhöyük zu verschiedenen Zeiten zu Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und grassierenden Krankheiten. Sein Schicksal wurde durch Umweltzerstörung besiegelt, so dass die Siedlung schließlich um 5950 v. Chr. endgültig aufgegeben wurde.945

Es waren nachweislich Klimaveränderungen, die beispielsweise einst auch dem mesopotamischen Reich Akkad zum Verhängnis wurden - vielleicht der erste Flächenstaat der Menschheitsgeschichte. Akkad zerfiel sehr wahrscheinlich infolge einer Dürre vor rund 4000 Jahren, zu jener besagten kritischen Zeit also. Konkret finden sich Anzeichen für eine lange Trockenheit im Zeitraum vor 4260 bis 3970 Jahren. Als die Ernteerträge infolge der Dürre zurückgingen, kam es vermutlich zu aggressiven Konflikten und Massenmigration, die zum Untergang des Reiches beitrugen.


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Das Großreich von Akkad könnte damit ein prominentes Beispiel dafür sein, wie das Klima die Entwicklung von Zivilisationen und Hochkulturen geprägt hat.946

Auch die Indus-Zivilisation, das Reich der Maya und einige bronzezeitliche Kulturen am Mittelmeer wurden höchstwahrscheinlich Opfer plötzlicher Klimaumschwünge. Zwar stört einige Forscher durchaus ein sich damit abzeichnender »environmental determinism«, die Festlegung auf Umwelteinflüsse als Verursacher von Zivilisationskollapsen; doch werden diese Zusammenhänge immer deutlicher. Hochkulturen steigen nicht auf und brechen dann unter allein inneren, politisch und sozial bedingten Umständen wieder zusammen, wie lange Zeit bei Historikern gern, aber einseitig argumentiert wurde. Vielmehr sind häufig, wenn nicht immer äußere Faktoren der jeweiligen Umwelt mit im Spiel oder gar dafür ursächlich.

Dies lässt sich auch für den Untergang der Maya und später der Azteken in Mesoamerika zeigen, den etwa Jared Diamond in Kollaps ausführlich dargestellt hat. Sicher ist heute durch neueste Studien zum Beispiel, dass die Königreiche der Maya - die zu ihrer Blütezeit von 250 bis 900 n. Chr. jene riesige Region vom Süden und Osten des heutigen Mexiko bis in weite Teile von Belize, Guatemala und Honduras umfassten - selbst an ihrem Untergang schuld waren.

Sie rodeten den Regenwald, vor allem um Mais zu pflanzen, leisteten damit der Erosion der Böden Vorschub und brachten das örtliche Klimaregime durcheinander. Zudem führten sie, wie wir neuerdings wissen, bereits zur Hochzeit äußerst brutale und heftige Stammeskriege gegeneinander. Doch den Garaus machte den Stadtstaaten der Maya schließlich eine jahrelange Dürre infolge klimatischen Wandels, wie verschiedene Untersuchungen überzeugend nachweisen konnten. Analysen von Spuren früherer Niederschläge, wie sie sich etwa in den Stalagmiten von Höhlen finden, erlauben über einen Zeitraum vom ersten Jahrtausend bis zum Beginn des zweiten Jahrtausends n. Chr. Einblicke in den Lebensraumwandel, die sich mit Erkenntnissen über die Bevölkerungszahl, die Landwirtschaft und den Wohlstand der Maya abgleichen lassen. Mit dem Ergebnis, dass die Hochkultur in regenreichen Phasen einen rasanten Aufstieg erlebte, in denen sich die Maya außer in den Künsten auch als Meister der Astronomie und Mathematik erwiesen. Doch mit dem Wandel des Klimas vollzog sich der Niedergang. Immerhin lebten in den Städten der Maya etwa auf der Yucatän-Halbinsel in Mexiko jeweils mehr als 10.000 Menschen, mehr als seinerzeit in jeder Stadt Europas.


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Doch, so die aktuellen Befunde, etwa ab dem Jahr 900 schrumpfte die Bevölkerung dramatisch, bis um 1500 die Hochkultur verschwunden war; bezeugt nur noch von den Ruinen der Pyramiden und Paläste im Regenwald Mittelamerikas. Von 450 bis 660 n. Chr. hatten ungewöhnlich starke Niederschläge größere Ernten ermöglicht und zu einer explosionsartigen Zunahme der Maya-Bevölkerung geführt; Städte wie Tikal, Copan und Caracol im Tiefland des heutigen Guatemala und Belize expandierten daraufhin.

Während der folgenden fünf Jahrhunderte jedoch fiel deutlich weniger Regen, und es kam mehrfach zu Trockenphasen, in deren Folge die landwirtschaftlichen Erträge abnahmen; was zu sozialen Spannungen führte, so vermuten Forscher. Gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrtausends hat eine ausgeprägte Trockenzeit dann zum Zusammenbruch der Maya-Kultur geführt. Zwischen 800 und 1000 lagen die Niederschläge im Tiefland nachweislich um fast die Hälfte, zeitweilig sogar um bis zu 70 Prozent unter den heutigen Werten. Die größte Trockenheit dürfte am Anfang, etwa 750 bis 850, und am Ende der klassischen Phase, zwischen 950 und 1050, eingetreten sein. Die um die Hälfte reduzierten Regenmengen infolge bedrohlicher Dürren dürften die damalige Landwirtschaft in erheblicher Weise beeinträchtigt haben und letztlich den Untergang der Maya besiegelt haben. Ähnlich erging es den Maya auch nördlich davon auf der Halbinsel Yucatan, wo der Niederschlag in der Zeit von 800 bis 950 um bis zu 40 Prozent zurückgegangen ist.

Immer mehr verdichtet sich die Erkenntnis, dass die Maya insofern selbst schuld am Kollaps ihrer Kultur waren, als sie durch die Rodungen auch eine wichtige Klimafunktion des Regenwaldes ausschalteten. Tropischer Regenwald, das wissen wir heute, schafft sich sein eigenes Klima mit einem Kreislaufregime aus Niederschlägen mit Feuchtigkeit und Kühlung. Ist der Wald weg, versickert das Regenwasser im Boden, statt in der Vegetation durch die Sonnenstrahlung zu verdunsten und daraus Wolken zu bilden. Eine fatale Kettenreaktion, denn wenn weniger Wasser verdunstet, bilden sich weniger Wolken - mit der Folge, dass die Ackerflächen der Maya austrockneten. Ausgerechnet ihre Art der Landbewirtschaftung, die einst überhaupt erst die Hochkultur der Maya zu derart eindrucksvoller Größe hat aufwachsen lassen, dürfte ihnen auch zum Verhängnis geworden sein.

Und wir reden hier nicht über ein paar isolierte Urwaldstädte. Neuerdings wissen wir, dass im rund 95.000 Quadratkilometer großen Kernland der Maya-Hochkultur, während ihrer Blütezeit zwischen 600 und 900 n. Chr.,


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schätzungsweise zwischen sieben und elf Millionen Menschen gelebt haben dürften. Nach Stand der Forschung können wir sagen: Als die Maya die Bäume fällten, trugen sie zu ihrem eigenen Untergang und damit von Millionen Menschen bei.947

Aus ganz ähnlichen Gründen - missbräuchlicher Landnutzung und deren Folgen - könnten nach jüngsten Studien auch die Bewohner von Teotihuacän ihre Stadt im heutigen Mexiko um das Jahr 650 plötzlich verlassen haben. Die noch immer mysteriöse Riesenstadt gilt mit ihren bereits erwähnten etwa 200000 Einwohnern als eine der zu ihrer Zeit größten Städte der Welt. Teotihuacän wurde offenbar aufgegeben, weil die Böden in Folge von selbst herbeigeführten Umweltveränderungen nichts Essbares mehr hergaben und daraufhin das soziale Gleichgewicht aus den Fugen geriet; Tempel und Paläste wurden zerstört, und die - in diesem Fall noch immer unbekannten - Gründer einer der ersten präkolumbischen Kulturen Mittelamerikas verschwanden von der Bildfläche.948

 

Die Umwelt ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts

 

Halten wir fest: Umweltprobleme haben in der Vergangenheit sehr wahrscheinlich zum Untergang zahlreicher Zivilisationen beigetragen oder diesen sogar ursächlich herbeigeführt. Und meist, wenn nicht immer geht der Kollaps mit Raubbau und einem Übermaß an Ressourcennutzung einher, bei dem dann zusätzliche Veränderungen etwa des Klimas fatale Folgen haben. Wer angesichts dieses schier unvermeidlichen Schicksals früherer Hochkulturen Parallelen zu unserer heutigen Situation ziehen will, darf indes zwei wesentliche Unterschiede nicht außer Acht lassen. Erstens entstanden die früheren Hochkulturen, wo immer es seinerzeit hinreichende Mengen an Ressourcen gab, sei dies der Nassreisanbau Angkors oder Balis bis hin zu den Kornkammern Mesopotamiens. Ohne eine reiche Nahrungsgrundlage wäre ein für das Aufblühen der jeweiligen Zivilisation wesentlicher Bevölkerungszuwachs nicht möglich gewesen. Der Niedergang setzte jeweils ein, als diese reichen Ressourcen nicht mehr in ausreichendem Maße verfügbar waren, um die Massen zu ernähren. Meist, so zeichnet sich gegenwärtig ab, dürfte der Kollaps tatsächlich durch erhebliche und massive Umweltänderungen ausgelöst worden sein, wenn sich die Menschen nicht an diesen Wandel anzupassen vermochten oder mit den daraus erwachsenden sozialen Spannungen nicht zurechtkamen, was ein Standardmuster zu sein scheint. In welchem Maße sie die Gefahr erkannten und möglicherweise versuchten gegenzusteuern, ist ein spannendes archäologisches Forschungsfeld der Zukunft.

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Im Unterschied dazu sind die heutigen großen Populationszentren der Moderne nicht mehr in erster Linie von der direkten Umgebung und der nachhaltigen Nutzung der unmittelbar in der Nähe verfügbaren Ressourcen abhängig. Vielmehr spielen in zunehmendem Maß auch Warenverkehr und Handel im Austausch für Produkte wie Wasser und Nahrung eine entscheidende Rolle; am Beispiel Singapur haben wir ein solches modernes Populationszentrum kennengelernt (Kapitel IV). Mit der ausgelagerten Produktion aber haben die Bewohner der Groß- und Megastädte zugleich auch ein tiefgehendes Bewusstsein für die Abhängigkeit von diesen Ressourcen verloren und - wenig verwunderlich, aber fatal - einen schonenden Umgang damit verlernt. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Abhängigkeit von den Ressourcen natürlich ebenso bleibt wie im Fall von Akkad und Angkor, der Maya-Städte oder der Osterinsel. Tatsächlich wird diese Abhängigkeit sogar noch weiter verschärft, wenn die Populationszentren weiterwachsen, wenn immer mehr Menschen in Megacitys wohnen werden, die Produktion im ländlichen Raum aber nicht mehr nachkommt.

Zweitens waren die früheren Hochkulturen, bei aller neuerdings nachweisbaren und überaus erstaunlichen Ausdehnung ihrer urbanen Zentren, stets nur von lokaler oder regionaler Bedeutung. Mithin war auch der Untergang jeder dieser Hochkulturen ein räumlich begrenztes Ereignis. Es wiederholte sich an den verschiedensten Orten der Welt und zu ganz unterschiedlichen Zeiten der Menschheitsgeschichte. Andere benachbarte Zivilisationen und Gesellschaften bleiben davon aber unbeeinflusst und bestanden weiter. Was uns dagegen heute bedroht, ist alles andere als ein lokales oder regionales Ereignis mit begrenzter räumlicher Ausdehnung; heute geht es um unsere gesamte globalisierte Welt, die in Gefahr ist.949 Unterdessen weisen heutige Gesellschaften ebenfalls sämtliche bekannte Probleme auf, wie etwa Bevölkerungszunahme und Umweltzerstörung, die auch vergangene Zivilisationen bedrohten. Hinzugekommen sind jedoch noch einige neue Gefahren, etwa Umweltgifte und die Erschöpfung von Energiequellen. Wobei durchaus fraglich ist und noch genauer im Vergleich untersucht werden muss - siehe die oben erwähnten Regenwaldrodungen der Maya -, inwieweit ein anthropogener Klimawandel tatsächlich ein Phänomen allein unserer Tage ist. Es sind all dies Umweltprobleme, die sich in


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unterschiedlichem Ausmaß an verschiedenen Orten der Erde stellen, die uns aber als Menschheit insgesamt zusetzen.

Indes ist der Zusammenbruch einer Zivilisation, das lernen wir bei der Lektüre von Jared Diamonds Kollaps, auch unter widrigen Umweltverhältnissen nicht zwangsläufig. Vielmehr hängt das Überleben seiner Darstellung nach »von den Entscheidungen einer Gesellschaft ab«. Mit der Zunahme der Bestandsdichte menschlicher Bevölkerung und einer daraus erwachsenden verschärften Konkurrenz kann auch eine nachhaltige Lebensweise entstehen. Diamond führt Beispiele für den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt an, die durchaus Hoffnung machen können. Wie auch anderswo auf ozeanischen Inseln hielten etwa die Bewohner von Tikopia - einem winzigen tropischen Eiland im Südwestpazifik, nicht einmal fünf Quadratkilometer groß - anfangs Schweine und andere Haustiere. Als diese aber ihre Felder und ihre Heimat zusehends verwüsteten, passten die Tikopier ihren Speisezettel an die verfügbaren Ressourcen an, keulten die Schweine, bauten stärkehaltige Pflanzen an und verschafften sich statt über Nutztiere das Eiweiß etwa über Fische aus dem Meer. Solche kommunale Ressourcenschonung erwies sich als unverzichtbar für das Überleben - Umweltschutz im besten Wortsinn.950

 

Unsere Welt, die erst gestern war

 

In einem weiteren Buch, Vermächtnis, hat Jared Diamond gezeigt, wie auch andere traditionelle Gesellschaften auf ihre Weise Mittel und Wege gefunden haben, in ihrer jeweiligen Umwelt zu überleben. Seine Betrachtung fokussiert dabei auf die für uns exotischen Bewohner der Insel Neuguinea, denen Diamond Mitte der 1960er Jahre erstmals begegnete, kurz nachdem sie die letzten Steinäxte hergestellt und an den letzten traditionellen Stammesgefechten teilgenommen hatten. Bei diesen standen sich die Männer, die sich oft noch persönlich kannten, im Kampf von Angesicht zu Angesicht mit Speeren bewaffnet gegenüber, um sie auch mit tödlicher Präzision einzusetzen. Die traditionellen Gesellschaften Neuguineas dienen Diamond als ein Fenster zur Welt unserer Urahnen; jener Welt, wie sie praktisch bis gestern aussah, jedenfalls wenn man es an den sechs Millionen Jahren der Menschenevolution bemisst. Angesichts dieser Zeitspanne sind die vergangenen 11000 Jahre wenig - jener jüngste Abschnitt unserer Geschichte, in dem der Übergang vom Jagen und Sammeln zur Landwirtschaft begann. »Grundsätzlich haben unsere menschlichen Gesellschaften erst vor sehr kurzer Zeit und sehr schnell tief greifende Veränderungen durchgemacht.«951


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Wohl keine andere Gesellschaft hat allein im vergangenen Jahrhundert einen ähnlich dramatischen Wandel erlebt wie die der Hochlandbewohner Neuguineas. Während der Weg in unsere heutige Welt anderswo Jahrtausende in Anspruch nahm, geschah es dort wie im Zeitraffer. Diamond, der während Dutzender Expeditionen in entlegene Gebiete Neuguineas viel Zeit im engen Kontakt mit den Ureinwohnern verbracht hat, glaubt, dass wir von der Art und Weise, wie sie ihr Leben und ihr Zusammenleben organisieren, durchaus etwas lernen können. Sofern wir sie ohne Vorurteil, aber auch ohne jede romantische Verklärung betrachten, die vermeintlich »edle Wilde« zuvor durch die Fantasiewälder des zivilisierten Westens streifen ließ. Je mehr dort den realen Kontakt zur Natur verloren haben, desto mehr träumen vom angeblich unschuldigen und ungetrübten Leben - bisweilen bis heute, wahlweise im geistigen Fahrwasser Rousseaus, in den Bilderwelten Gauguins oder im Kinofilm Avatar.

Diamond geht es um etwas anderes. Er lenkt unseren oft allzu einseitigen Blick weg von den großen, verwestlichten, von Staatsregierungen geleiteten Industriegesellschaften, die uns oft allein als beherrschendes gesellschaftliches Umfeld bekannt sind. Er macht uns bewusst, dass Milliarden Menschen heute noch teilweise auf traditionelle Weise leben. Und dass die Welt, wie wir sie heute kennen, erst relativ neu ist. Viele unserer Eltern, in jedem Fall aber die meisten unserer Großeltern sind noch in kleinen europäischen Dörfern aufgewachsen. Sie erlebten dort eine Kindheit, nicht unähnlich wie in einem traditionellen Dorf in Neuguinea, wo jeder jeden kannte, jeder wusste, was der andere tat, und wo die meisten ihr ganzes Leben verbrachten.

Diamonds Betrachtung der Welt von gestern geht aber auch weit über Neuguinea hinaus. Noch gibt es weltweit 39 solcher traditionellen Gesellschaften - von den Inupiat in Nordalaska zu den Pirahä und Yanomami in Südamerika, von den !Kung und Turkana in Afrika zu den Bewohnern der Andamanen-Inseln und den Yolngu im Norden Australiens. Diese bewahren die einstmals große Vielfalt der Lebensformen des Homo sapiens. Diamond stellt die Kulturen auf Neuguinea und benachbarten Pazifikinseln indes nicht nur in den Vordergrund, weil sie ihm am besten bekannt sind. Sie steuern auch einen unverhältnismäßig großen Anteil zur kulturellen Vielfalt der Menschen bei.


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So ist die drittgrößte Insel der Welt etwa die alleinige Heimat von 1000 der ungefähr 7000 Sprachen der Erde; zudem stellt sie den größten Teil von Gesellschaften, die am längsten außerhalb staatlicher Kontrolle lebten.

Mit dieser Untersuchung vor allem von Sitten und Verhalten von Urvöl-kern eröffnet er eine überraschende Perspektive auf unser modernes Selbstverständnis. »Traditionelle Gesellschaften stellen Tausende von natürlichen Experimenten zum Aufbau einer Gesellschaft dar. Sie haben Tausende von Lösungen für die Probleme der Menschen gefunden.«952 Im Vergleich dazu sind wir es, die Menschen aus westlichen, gebildeten, industrialisierten, reichen und demokratischen Gesellschaften, die sonderbar und eher die Ausnahme sind; im doppelten Sinn weird - das englische Wort steht auch als Akronym für »western, educated, industrial, rieh, demoeratie«. Fasziniert von seinen Begegnungen mit den ursprünglichen Stämmen im Regenwald Neuguineas, die seine Sichtweise entscheidend geprägt haben, beschreibt Diamond ausführlich deren Umgang mit sozialen Problemen, von der Kindererziehung über individuelle und Gemeinschafts-Konflikte bis zu Er-nährungs- und Essgewohnheiten, zu Alter und Tod. Wir lernen daraus, wie groß die ursprüngliche Bandbreite und Vielfalt menschlicher Kulturen tatsächlich sind, oder es wenigstens einstmals waren. Und dass durchaus Alternativen zu den nicht immer wünschenswerten Alltäglichkeiten unserer westlich-modernen Lebensweise denkbar sind. Diamond plädiert dafür, dieses reiche kulturelle Vermächtnis des Homo sapiens nicht gedankenlos zu verschleudern.

Eine ganz ähnliche Darstellung des Menschen in seiner historischen und geographischen Vielfalt, aber fokussiert auf unterschiedliche naturalistische Denkweisen und Weltdeutungen der verschiedenen Urvölker des Globus, unternahm unlängst auch der französische Anthropologe Philippe Descola in Jenseits von Natur und Kultur. Auch er zeigt auf, welche kulturellen Verluste die Menschheit allein schon durch die alles andere ignorierende Dominanz unseres westlichen Denkens und unserer sozialen Praktiken erfährt. Da erscheint uns alles andere derart fremdartig, dass wir es kaum mehr wahrnehmen; eine fatale »Borniertheit des westlichen Denkens«, die indes nur die Grenzen der westlichen Kultur aufzeigt.953

Sicherlich sind die Prinzipien des Zusammenlebens in den überschaubaren Sippenverbänden und Stammeskulturen der Papua nicht eben einfach auf unsere hochmoderne Welt zu übertragen. Auch mögen wir bezweifeln, dass es beispielsweise ohne unsere heutige Form staatlicher Gerichtsbarkeit und Fürsorge gehen könnte.

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Unbestritten aber ist, dass traditionelle Formen des Zusammenlebens evolutionär stabile Strategien sind; gleichsam bewährte natürliche Experimente zum Aufbau einer Gesellschaft, die tatsächlich während der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte funktioniert haben. Was wir von den im Vergleich dazu irrlichternden, oft kurzlebigen Versuchen unserer staatlichen Organisation der jüngsten Geschichte nicht ohne Widerspruch sagen können. »Alle menschlichen Gesellschaften waren weitaus länger traditionell, als unsere heutige Gesellschaft modern ist«, so Diamond; Grund genug, jene Welt von gestern besser verstehen zu wollen.

Es geht dabei nicht um ein naives »Zurück zur Natur«, wie bereits Rousseaus erste Zivilisationskritik missverstanden und verkürzt wurde. Keinesfalls dürfe man das traditionelle Leben romantisch betrachten, so Diamond. Vielmehr lehrt es, dankbar für manch moderne Errungenschaft zu sein und unsere moderne Gesellschaft nicht in Bausch und Bogen zu verdammen. Über chronische Kriegführung, Säuglingsmord und die Aussetzung älterer Menschen wäre niemand froh.

Andererseits entwickelten sich in den industrialisierten Gesellschaften keine überlegenen Methoden zur Kindererziehung, zur Behandlung älterer Menschen, zur Beilegung von Meinungsverschiedenheiten, zur Vermeidung nicht übertragbarer Krankheiten und zur Lösung anderer gesellschaftlicher Probleme, meint Diamond. Wir mögen bestimmte Eigenarten einzelner urtümlicher Gemeinwesen - etwa die fast permanente Kriegführung, bei der Feinde beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen vertrieben oder umgebracht werden - weder gutheißen, noch sind sie geeignete Vorbilder für unsere zukünftige Lebensweise überall auf der Erde. Immerhin aber halten uns die letzten ursprünglichen Stammesverbände den Spiegel vor; und bieten uns die Chance, das Beste aus ihrer Welt von gestern und unserer heutigen zu vereinen.

Was wir nämlich von ihnen vor allem lernen: dass es alternative Wege aus der Krise geben könnte. Und wie entscheidend es ist, unter den jeweils herrschenden Bedingungen überlebenswichtige Fähigkeiten zu entwickeln und dabei gerade unter Druck nicht starrsinnig an überkommenen Praktiken und Gewohnheiten festzuhalten. Was einzelne Gesellschaften und Kulturen groß gemacht hat, muss nicht geeignet sein, ihr weiteres Überleben zu garantieren. Daher wäre es fatal, an diesen scheinbaren Erfolgsrezepten störrisch festzuhalten, statt unter den neuen Gegebenheiten neue Wege zu gehen. Dazu zählt in erster Linie auch, die komplexen Zusammenhänge richtig einzuschätzen und an der richtigen Stelle wirksam tätig zu werden; und nicht zuletzt, als Gemeinschaft Mechanismen zu entwickeln, um innere Konflikt zu vermeiden.

Der Blick in die Zukunft, den wir hier gleich noch wagen wollen, legt nahe, dass wir es mit großen Veränderungen in den kommenden Dekaden zu tun haben. Sie werden uns zwingen, uns über den weiteren Weg rechtzeitig zu verständigen.

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