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Nicholas Lenssen

3. Bewältigung der radioaktiven Abfälle

detopia-2026: "Atommüll"

Eine ausführlichere Version dieses Kapitels erschien als Worldwatch Paper 106: Nuclear Waste: The Problem That Won't Go Away.

 

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Im Dezember 1942 veränderte sich das Verhältnis der Menschheit zur Natur unumkehrbar. Ein ausgewanderter italienischer Physiker namens Enrico Fermi brachte in einem geheimen unterirdischen Militärlabor in Chicago genug Uran zusammen, um eine Kernspaltungsreaktion auszulösen. Er spaltete das Atom und setzte die aller Materie innewohnende und sie zusammenhaltende Energie frei.

Fermis Entdeckung verwandelte den Krieg fast sofort, revolutionierte kurz darauf die Medizin und löste Hoffnungen aus, Strom würde »zu billig zum Ablesen« werden. Seine Versuche ergaben aber auch ein kleines Paket radioaktiver Abfälle, das noch Hunderttausende Jahre in einer gesundheitsgefährlichen Form fortbestehen wird.(1) Fünfzig Jahre danach haben Wissenschaftler noch immer keine dauerhafte und sichere Weise ausfindig gemacht, Fermis Abfälle zu deponieren - wie auch die über 80000 Tonnen abgebrannter Brennelemente und Hunderttausende Tonnen anderer radioaktiver Abfälle, die bisher durch die kommerzielle Atomstromerzeugung entstanden sind.

Egal was kommen mag, die Abfälle des von Fermi eingeleiteten Nuklearzeitalters werden die dauerhafteste Erbschaft unserer Generation sein.2 Nur der natürliche Zerfallsprozeß, der Hunderttausende oder gar Millionen Jahre in Anspruch nimmt, vermindert die Radioaktivität der Nuklearabfälle. Nach ihrer Entdeckung Ende des 19. Jahrhunderts ahnte niemand, Radioaktivität sei gefährlich. Mit der Zeit fanden Wissenschaftler aber heraus, daß Radioaktivität selbst bei niedrigen Dosen schädlich für die menschliche Gesundheit ist.

Außerdem können sich radioaktive Materialien, von Wind und Wasser getragen, rasch in der Umwelt ausbreiten. Die Vergrabung der Abfälle tief in der Erde, wie sie die meisten Regierungen jetzt planen, garantiert nicht, daß sie auf ewig von der Biosphäre abgetrennt bleiben werden. Obwohl Fermis noch recht primitives Experiment dem Bau von Bomben diente, haben kommerzielle Nuklearreaktoren den größten Teil der Radioaktivität in den Nuklearabfällen der Welt erzeugt - in den Vereinigten Staaten stammen fast 95 Prozent der Radioaktivität in den Abfällen aus dieser Quelle. Zudem nahm die Menge nichtmilitärischer Abfälle schneller zu als die der militärischen: Der weltweit angesammelte Ausstoß radioaktiver Brennstoffe aus Kernkraftwerken ist heute dreimal höher als 1980 und 20mal höher als 1970. Andere Nutzungen nuklearer Materialien, insbesondere die medizinischen, tragen wenig zu den Abfallmengen bei.1

Seit den Anfängen des Atomzeitalters ignorierten Regierungen die Abfälle so weit wie möglich. Mit radioaktiven Abfällen zu arbeiten war »nicht glorreich; es gab keine Karrieren; es war schmutzig, niemand erhielt Bonbons, wenn er sich um nukleare Abfälle kümmerte«, sagte Carroll Williams, der erste Generaldirektor der U.S. Atomic Energy Commission (AEC, Ministerium für Atomenergie). Unterdessen versprachen Regierungen den entstehenden kommerziellen Nuklearindustrien, sie würden das Abfallproblem in Angriff nehmen.4 Selbst heute scheinen »Lösungen« aber nicht zur Hand zu sein. Wie eine Fata Morgana scheinen sichere, langfristige Methoden der Isolierung radioaktiver Materialien bei näherer Überprüfung zu schwinden, sobald Wissenschaftler sie vorschlagen. Auch alte Anlagen haben nicht wie vorgesehen funktioniert; alte Vergrabungs- und Lagerungsstätten erwiesen sich als undicht, und der schäbige Zustand von Atomwaffenanlagen zeigt die mögliche Hinterlassenschaft radioaktiver Abfälle auf.

Vor dem Hintergrund weltweiter Bestrebungen, die Energiezukunft umzulenken und Emissionen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen zu senken, laufen Bemühungen, gebremste Programme zum Bau von Atomkraftwerken wieder flottzukriegen. Regierungsbeamte und leitende Angestellte der Nuklearindustrie glauben, daß dies eine rasche Lösung des Problems der nuklearen Abfälle erfordert. Ebenso wie frühere Atomkraftwerke ohne volles Verständnis der technischen und sozialen Erfordernisse gebaut wurden, könnte eine übereilte Vergrabung von Abfällen ein unumkehrbarer Fehler sein.5

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  Gesundheit und radioaktive Strahlung  

1904, lediglich neun Jahre nach Wilhelm Röntgens Entdeckung der nach ihm genannten Strahlen, starben die ersten Techniker wegen der mysteriösen Bestrahlung. Obwohl manche Radiologen ihre Sorgen um ihre Kollegen und sich selber ausdrückten, widersetzten sich die meisten der Idee von Richtlinien zum Strahlenschutz. Erst 1928 schaffte es der Zweite Internationale Kongreß über Radiologie, Richtwerte zur Begrenzung der Bestrahlung zu setzen. Mehr als 60 Jahre später, nach mehrmaligen Verschärfungen der Bestimmungen, bemühen sich Wissenschaftler noch immer zu verstehen, wie gefährlich radioaktive Strahlung wirklich ist.6

Die frühen Röntgen-Techniker kümmerten sich vor allem um strahlungsverursachte Verbrennungen und Hautgeschwüre. Seitdem haben Wissenschaftler aber erkannt, daß ionisierende Strahlung zu Krebs, Leukämie, Degenerations­krankheiten (wie z.B. grauem Star), geistiger Zurückgebliebenheit, Chromosomenaberrationen und genetischen Schäden wie z.B. Defekten der Neural-Röhren (Rückenmark) führen kann. Strahlung schwächt auch das Immunsystem und erlaubt dadurch anderen Krankheiten, ungehindert ihre Schäden anzurichten.

Strahlungsschäden erfolgen auf der Ebene der Atome innerhalb einzelner Zellen. Die in den ionisierenden Strahlen enthaltene Energie kann auf das betroffene Atom übertragen werden, was zu Schäden, Mutationen und selbst Tod der einzelnen Zellen im Körper führen kann. Die kumulierte Wirkung der Änderungen auf Zellebene führt zu Problemen mit der Gesundheit. Kinder und Föten sind besonders empfindlich gegen Bestrahlung, weil sich ihre Zellen rasch teilen und somit empfindlicher auf Schäden reagieren.7 Der Zeitraum und die Intensität der Gesundheitsschäden sind eng an das Ausmaß der Bestrahlung gekoppelt. Eine einzige Bestrahlung von 400 Zentisievert verursacht meistens einen qualvollen Tod innerhalb weniger Wochen. (Ein Zentisievert mißt die biologische Wirkung verschiedener Arten der Bestrahlung auf den Körper). Dosen im Bereich von 100 - 400 Zentisievert führen oft zu Krebs. Über die gesundheitlichen Folgen geringerer Dosen, insbesondere von solchen, die jahrelang kumuliert werden, wird weiterhin debattiert. Allerdings meinen die meisten Wissenschaftler, daß »es ausreichende Indizien gibt, daß alle Strahlung - wie gering sie auch sei - ein Risiko darstellt«.

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Es gibt keinen »Schwellenwert« ohne Auswirkung. Dies stellt Dan Benison von der Atomenergie-Organisation Argentiniens fest, der Vorsitzende der Internationalen Kommission für Strahlenschutz (ICRP), ein selbsternannter Verband von Experten der Radiologie und Nuklearforschung.8

Menschen leben in einer Welt voller »Hintergrundstrahlung«, die von Radongas herrührt, das aus Uran sowie Thorium durch die Erdoberfläche emporquillt, sowie von kosmischer Strahlung aus dem Weltraum. Die durchschnittliche Jahresbelastung liegt zwischen 0,25 und 0,36 Zentisievert. Menschen und andere Lebewesen entwickelten sich viele Millionen Jahre in Anpassung an diese Strahlenwerte, doch Wissenschaftler meinen, auch diese hätten Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.9

Zusätzliche Bestrahlung stammt von menschlichen Aktivitäten wie z.B. medizinischen Röntgenbildern, radioaktivem Niederschlag als Folge von Atomwaffenversuchen und Atomkraft und deren Abfallprodukten. Für den Durchschnittsmenschen ist die Belastung aus diesen Quellen weit geringer als die der »Hintergrundstrahlung«, aber nicht für manche Leute, die in Atomanlagen arbeiten oder in ihrer Nähe leben.10

Die ausführlichsten Daten über die gesundheitlichen Auswirkungen der radioaktiven Strahlung kommen aus Hiroshima und Nagasaki, wo Wissenschaftler seit 1950 die Gesundheit von Überlebenden der Atombombe verfolgen. Durch Vergleiche der Todesursachen von Überlebenden der Explosionen und deren geschätzter Strahlungsbelastung waren Wissenschaftler einstmals überzeugt, daß niedrige Strahlenbelastungen keine wesentlichen gesundheitlichen Folgen haben. Eine 1986 erfolgte Überprüfung der ursprünglichen Belastungen dieser Menschen ergab jedoch, daß sie weit weniger Strahlung ausgesetzt worden waren als zuerst angenommen, was bedeutet, daß folglich Krebs und andere auf Bestrahlung zurückführbare Krankheiten weit häufiger sind. Aufgrund dieser neuen Daten befand 1989 ein Ausschuß des U.S. National Research Council (NRC, Nationaler Forschungsrat), daß eine akute Radioaktivitätsdosis mit dreifacher Wahrscheinlichkeit Krebsgeschwüre verursacht und mit vierfacher Wahrscheinlichkeit Leukämie auslöst, als man vor 10 Jahren dachte."

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Diese Informationen regten die ICRP an, 1990 die Grenzwerte für radioaktive Bestrahlung von Atomarbeitern nochmals zu verschärfen. Tatsächlich wurden solche Grenzwerte seit den ersten Empfehlungen wiederholt gesenkt, von 30 Zentisievert jährlich 1934 bis auf 2 Zenti-sievert 1990. Manche Wissenschaftler meinen, der erlaubte Wert sollte noch weiter herabgesetzt werden.12

Eine 1991 erfolgte Untersuchung an Angestellten am amerikanischen Oak Ridge National Laboratory im Bundesstaat Tennessee deutet darauf hin, daß die Schätzungen des NRC um einen Faktor von bis zu 10 zu niedrig sein könnten. Leukämieraten waren bei Atomarbeitern, die lange Zeit geringen Dosen von Radioaktivität ausgesetzt waren, um 63 Prozent höher als bei anderen Arbeitern. Außerdem befand 1990 ein Bericht über Familien von Arbeitern an der Wiederaufarbei-tungsanlage in Sellafield (Großbritannien), daß Kinder, deren Väter legalen niedrigen Bestrahlungen ausgesetzt waren, sieben- bis achtmal eher an Leukämie erkranken. Vielleicht litten die Kinder der japanischen Opfer nicht unter ähnlichen Zunahmen, weil diese nur einer einzigen, schweren Dosis ausgesetzt waren, statt chronischen niedrigen Belastungen, wie dies bei den Atomarbeitern der Fall war-vermutet der Autor des Berichts, Dr. Martin Gardner von der britischen Universität Southampton.13

Andere neuere Untersuchungen haben Zusammenhänge zwischen Bestrahlung aus Nuklearanlagen und Krebs weder bestätigt noch widerlegt. Eine fand keine durch Strahlung verursachte Gesundheitsschäden bei Menschen in der Umgebung von Three Mile Island, sechs Jahre nach dem Unfall von 1979. (In Oak Ridge dauerte es allerdings 26 Jahre, bis die Krebsrate anstieg.) Ein Bericht des US-Nationalen Krebsinstituts entdeckte keinen Zusammenhang zwischen Krebs und Nuklearanlagen. Die Daten wurden jedoch auf der Ebene der Coun-ties (Kreise) gesammelt, und die Autoren geben zu, daß dies zu grob ist, um durch Strahlung verursachte Krebshäufungen ausfindig zu machen.14

Das größte »Experiment« mit radioaktiver Bestrahlung läuft zur Zeit in der Ukraine und Weißrußland, wo ein großer Teil der 1986 in Tschernobyl freigesetzten 50 Mio Curies sich auswirkt. (Eine Curie mißt die Intensität der Strahlung und entspricht 37 Milliarden Kernspaltungen pro Sekunde; zum Vergleich setzten die Bomben in Hiroshima und Nagasaki schätzungsweise 1 Mio Curie frei.) Zur Hinterlassenschaft von Tschernobyl könnten Hunderttausende zusätzliche

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Todesfälle durch Krebs gehören, doch unternahm die damalige Sowjetregierung keinen systematischen Versuch, die kumulative Bestrahlung der Bürger zu verfolgen oder die gesundheitlichen Auswirkungen aufzuzeichnen. Ein geheimer sowjetischer Erlaß untersagte den Ärzten, Krankheiten als durch Radioaktivität verursacht zu diagnostizieren. Heutige Schätzungen sagen zwischen 14000 und 475 000 Krebstodesfälle durch Tschernobyl voraus. Niemand wird es je mit Sicherheit wissen.15

Die vermehrte Nutzung radioaktiver Materialien in Entwicklungsländern ist besonders besorgniserregend. 1987 öffnete ein brasilianischer Schrotthändler ein weggeworfenes Röntgengerät und holte ein brillantblaues Puder heraus - das sich später als radioaktives Cäsium-137 herausstellte - und verteilte es unter seiner Familie und Bekannten. Bis Ärzte feststellten, was passiert war, waren schon vier Menschen tödlichen Dosen der Radioaktivität ausgesetzt worden und mußten in verbleiten Särgen beerdigt werden. Weitere 44 Menschen mußten ins Krankenhaus, weil sie unter Haarausfall, Übelkeit und anderen Symptomen schwerer Strahlungskrankheit litten. Frühere Fälle des Mißbrauchs radioaktiver Abfälle führten zu Todesfällen in Algerien, Mexiko und Marokko. Institutionen der Dritten Welt sind oft schlecht gerüstet, versehentliche Freisetzungen selbst der relativ geringen Mengen radioaktiver Abfälle aus den dort meist vorwiegenden Forschungs- und medizinischen Vorhaben zu verhindern."1

Absichtliche wie versehentliche Freisetzungen haben belegt, daß Radioaktivität sich schnell über Wind und Wasser in der Umwelt verbreiten kann. Radioaktive Rückstände aus sowjetischen und US-amerikanischen Waffenanlagen gelangten Hunderte Kilometer weit von ihren Quellen und verseuchten Wild, Nahrungsmittel und Menschen. Die radioaktiven Niederschläge der Atombombentests verbreiteten sich rund um die Erdkugel und werden schließlich schätzungsweise 2,4 Mio. Todesfälle durch Krebs auslösen - laut einer 1991 durch die Internationalen Ärzte für die Abwendung eines Atomkriegs (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) in Auftrag gegebenen Untersuchung.17

Nuklearabfälle und deren riesenhafte Ansammlung von Radioaktivität bedeuten eine ähnlich große Gefährdung zukünftiger Generationen. Eine große, lang andauernde Freisetzung radioaktiver Stoffe aus Nuklearabfällen würde Menschen und andere Lebewesen in einem weiten Gebiet betreffen - ja, sogar auf einem Großteil des Planeten.

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   Bleibende Gefahr  

Der Begriff radioaktive Abfälle schließt alles von brennend heißen abgebrannten Brennelementen bis zu mäßig radioaktiver Arbeiterkleidung ein. Jede Abfallart enthält eine einmalige Mischung Hunderter verschiedener unstabiler Atomstrukturen, Radioisotope genannt. Jedes dieser Radioisotope hat seine eigene Halbwertszeit und Fähigkeit, Alpha- und Betateilchen sowie Gammastrahlen auszustoßen, die alle lebendes Gewebe beschädigen.

Die Halbwertszeiten der Radioisotope können Bruchteile einer Sekunde bis zu Millionen Jahren betragen. (Die Halbwertszeit ist die Zeit, bis 50 Prozent der ursprünglichen Aktivität zerfallen; nach zehn Halbwertszeiten verbleibt ein Tausendstel der ursprünglichen Radioaktivität, eine Menge, die immer noch gefährlich sein kann.) Das bedeutet, daß beispielsweise das Radioisotop Plutonium-239 mit einer Halbwertszeit von 24400 Jahren noch nach einer Viertelmillion Jahre gefährlich ist, das heißt 12000 Menschengenerationen. Wenn es zerfällt, wird es zu Uran-235, der radioaktiven »Tochter« mit einer eigenen Halbwertszeit von 710000 Jahren.18

Abgebrannter Uranbrennstoff aus kommerziellen Atomkraftwerken ist der gefährlichste aller radioaktiven Abfälle. Er macht weniger als 1 Prozent des Volumens aller radioaktiven Abfälle in den Vereinigten Staaten aus, dafür aber 95 Prozent der Radioaktivität. Ein typischer kommerzieller Atomreaktor stößt jährlich etwa 30 Tonnen abgebrannte Brennelemente aus, und jede Tonne gibt etwa 180 Mio. Curie Radioaktivität und 1,6 Megawatt Hitze ab. Da viele der Radioisotope im abgebrannten Brennstoff rasch zerfallen, geht die Radioaktivität innerhalb eines Jahres auf 693.000 Curie pro Tonne zurück. Nach 10.000 Jahren bleiben noch 470 Curie in jeder Tonne. (S. Tab.3.1.) (19)

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Die weltweit 413 kommerziellen Kernkraftwerke, die etwa 5 Prozent der Energie der Welt erzeugen, produzierten 1990 9500 Tonnen abgebrannten Brennstoffs und brachten damit die angehäufte Menge abgebrannter Brennelemente auf 84.000 Tonnen - doppelt soviel wie 1985. (Siehe Abb. 3.1.) Die Vereinigten Staaten beherbergen ein Viertel dieser Menge mit einer Radioaktivität von über 20 Milliarden Curie (s. Tab. 3.2).

 

Abb. 3.1:

Weltproduktion von abgebranntem
Brennstoff in Atomkraftweren, 1965-1990
Quellen:
Worldwatch,
Pacific Northwest Laboratory

 

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1 Die kanadischen Zahlen sind unverhältnismäßig hoch, weil die CANDU-Reaktortechnologie natürliches statt angereichertes Uran verwendet.
2 In den Gesamtziffern für Frankreich und Großbritannien (unter »Andere Länder« angeführt) nicht enthalten sind 16.500 bzw. 25.000 Tonnen, die in doppelt - zivil wie auch militärisch - genutzten Anlagen produziert werden.
Auch in der Gesamtziffer sind diese zusätzlichen 41.500 Tonnen nicht enthalten.
Quelle: Worldwatch Institute, aus unter Anmerkung 20 aufgeführten Quellen.

 

Innerhalb von acht Jahren könnte die globale Ziffer 190.000 Tonnen übersteigen. Der gesamte Abfall aller Atomkraftwerke, die heute schon in Betrieb oder noch im Bau sind, wird - bis sie alle Mitte nächsten Jahrhunderts stillgelegt worden sind - 450.000 Tonnen erreichen, schätzt die Internationale Atomenergie-Organisation der Vereinten Nationen (IAEA). 20

Die meisten bisher angefallenen Brennstäbe werden in großen Kühlwasserbecken neben Nuklearreaktoren gelagert. Platzprobleme führten dazu, daß die abgebrannten Brennelemente in den Becken, die ursprünglich nur für die Abfälle weniger Jahre vorgesehen waren, enger gelagert wurden, und daß luftgekühlte Behälter, einschließlich trockener Fässer, zur Lagerung älterer und deswegen kälterer abgebrannter Brennelemente benutzt werden. In manchen Ländern wurden auch große, zentrale, von den Kraftwerken getrennte Lager gebaut. Zur Vermeidung der Überhitzung bei der Lagerung älterer abgebrannter Brennelemente werden trockene Fässer mit passiver Kühlung als sicherer betrachtet als Systeme auf Wasserbasis, die elektrisch angetriebene Pumpen brauchen, um das Wasser in Bewegung zu halten. (21)

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Manche Länder, wie z. B. Frankreich und Großbritannien, arbeiten ihren Brennstoff wieder auf. Die Wiederaufarbeitung, die ursprünglich dazu entwickelt wurde, das Nebenprodukt der Kernspaltung Plutonium für die Atombomben­produktion zu gewinnen, schließt chemische Vorgänge ein, die auch unverbrauchtes Uran abtrennen. Dieses kann wiederangereichert und dann als Brennstoff genutzt werden. Die Wiederaufarbeitung hinterläßt aber durch die Spaltung von Uranatomen Radioisotope, einschließlich Cäsium, Jod, Strontium und Technetium, die zusammen 97 Prozent der Radioaktivität der abgebrannten Brennelemente ausmachen. Dies ist hochradioaktiver Abfall. Zu den weiteren Rückständen gehören die Produkte der intensiven »Bombardierung« mit Neutronen aus der Kernspaltung - Elemente wie Americium und Neptunium, Transurane genannt, weil sie schwerer sind als Uran. Viele dieser Isotope haben extrem lange Halbwertszeiten. Daher besteht der Nettoeffekt der Wiederaufarbeitung aus der Steigerung des Volumens der nuklearen Abfälle, einschließlich der langwirksamen Abfälle. (22)

Abgebrannte Brennelemente sind nur ein Teil des sich weiterhin vergrößernden Problems. Weniger intensiv strahlende, aber dennoch gefährliche »schwachradioaktive« Abfälle nehmen ein weit größeres Volumen ein. Schwachradioaktive Abfälle werden oft einfach als radioaktive Stoffe mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren oder weniger dargestellt. Als schwachradioaktiv eingestufte Rückstände können aber durchaus länger wirksame Stoffe wie Plutonium, Technetium und Jod enthalten. Technetium-99 und Jod-129 haben z. B. Halbwertszeiten von 210000 bzw. 15,8 Millionen Jahren.23 Über 76.000 Kubikmeter schwachradioaktiver Abfälle aus der Waffenproduktion und 46000 Kubikmeter ziviler schwach-radioaktiver Abfälle wurden in den USA allein 1989 in Gräben an der Erdoberfläche vergraben. 95 Prozent der Radioaktivität und mehr als 73 Prozent des Volumens stammen aus der Atomstromindustrie, einschließlich verbrauchter Harze, der Filterrückstände und weggeworfener Werkzeuge. Medizinische Radioisotope machen weniger als 1 Prozent der Radioaktivität und 2 Prozent des Volumens der zivilen schwachradioaktiven Abfälle aus. Wegen des breiten Spektrums schwach-radioaktiver Abfälle stufen die meisten Länder außer den

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USA die langlebigeren oder intensiveren Arten als mittelradioaktive Abfälle ein.24

Die Abfälle mit dem größten Volumen, aber mit geringster Konzentration stammen aus Uranbergwerken und aus der Uran Verarbeitung.

Die Verarbeitung entfernt fast das gesamte Uran aus dem geförderten Erz, läßt aber 85 Prozent der Radioaktivität in den Rückständen. Ein Tochterisotop des Uran, Thorium-230 mit einer Halbwertszeit von 77000 Jahren, herrscht in den Rückständen vor. Es zerfällt zu Radium-226, das seinerseits zu Radon-222 zerfällt; beides sind potentielle Krebserreger.

In Sachsen haben allein drei Wismut-Uranbergwerke nahe der tschechischen Grenze insgesamt über 150 Mio. Tonnen Rückstände hervorgebracht, und verseuchte Flüssigkeiten tragen noch Millionen zusätzliche Tonnen bei. Die Stabilisierung dieser riesigen Abfallmengen könnte rund 40 Milliarden DM kosten.

Andere Länder mit Bergen von Rückständen aus dem Uranbergbau sind Australien, Frankreich, Kanada, Namibia, Niger, die Sowjetunion, Südafrika, die Tschechoslowakei und die Vereinigten Staaten.25 Atomkraftwerke werden, wie auch die Anlagen des Bergbaus und der Uranverarbeitung, radioaktiv verseucht und müssen irgendwann stillgelegt werden wie jegliche Industrieanlage. Inzwischen sind weltweit schon 58 meist kleine kommerzielle Atomkraftwerke geschlossen worden, und 60 große Kraftwerke dürften bis Ende dieses Jahrzehnts geschlossen werden. Der Abbau dieser Anlagen könnte ein größeres Abfallvolumen erzeugen als ihr Betrieb: ein typischer kommerzieller Reaktor produziert in einer Lebenszeit von 40 Jahren 6200 Kubikmeter schwachradioaktiver Abfälle, der Abriß verursacht aber zusätzliche 15480 Kubikmeter.26

Die berühmt-berüchtigten Mißerfolge von Regierungen, nukleare Abfalle zu kontrollieren, ereigneten sich in US-amerikanischen und sowjetischen Waffenanlagen. Die Waffenherstellung in rund 100 US-Waffenanlagen führte in den letzten 50 Jahren zu extremer Umweltverschmutzung. Dem US-Office for Technology Assessment (OTA. Amt für Technologiefolgen-Abschätzung) zufolge bestehen »Anzeichen, daß Luft, Grundwasser, Oberflächengewässer, Sedimente und Boden wie auch Pflanzen und Wildtiere an den meisten, wenn nicht gar allen Nuklearwaffenanlagen des Energieministeriums verseucht wurden«. Tatsächlich verseuchten die Bombenbauer alles von Steppenläufern (eine Pflanze, die im verdorrten Zustand vom Wind übers

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Land getrieben wird und dabei ihre Samen verstreut) und Schildkröten bis zu Koyoten, Fröschen und Gänsen mit radioaktiven Rückständen.27

Die Betreiber der amerikanischen Waffenanlagen ließen radioaktive Rückstände oft direkt in die Luft ab oder schütteten sie in die Erde, wo sie ins Grundwasser vordrangen. Manche atomaren Abfälle gelangten in den Columbia-Fluß und verseuchten in einer Entfernung von Hunderten Kilometern Krebstiere im Pazifik. Stahltanks in den Anlagen enthielten 379000 Kubikmeter flüssiger hochradioaktiver Abfälle aus der Wiederaufarbeitung mit 1,1 Milliarden Curie Radioaktivität, die Ende 1989 verfestigt werden sollten. Diese Tanks, im Hanford-Reservat im Staat Washington (Nordwesten der USA) und in der Savannah-River-Anlage in South Carolina (Südosten der USA) haben eine Geschichte von Lecks und internen Ansammlungen von explosiven Wasserstoff- Problemen, denen gegenüber sich das US-Energieministerium (DOE) blind stellte, um ungehindert weiter Waffen herzustellen.28

Die Lage in der früheren Sowjetunion ist noch schlimmer, laut Thomas Cochran, Leiter des Nuklearprojekts des Natural Resources Defense Council (Rat zum Schutz der Natürlichen Ressourcen, große Umweltorganisation in den USA). Für die Verantwortlichen hieß Abfallbehandlung einst, Abfälle in das nächstliegende Gewässer zu schütten. Im Falle der Tschelyabinsk-40-Waffenanlage war das der nahe gelegene Techa-Fluß. 1951 entdeckte die Sowjetregierung Radioaktivität im arktischen Ozean, 1500 km von dieser Waffenanlage im südlichen Ural entfernt. Die Waffenhersteller schickten dann die Abfälle in den Karatschai-See, den Cochran als den »verschmutztesten Ort der Erde« bezeichnet. Der Karatschai-See wurde so radioaktiv, daß es noch immer tödlich wäre, eine Stunde an seinem Ufer zu stehen. 1967 vertrocknete ein heißer, windreicher Sommer den See, blies radioaktiven Staub bis zu 75 km weit und verbreitete die Verseuchung auf 41000 Menschen.29

1953 nahm die sowjetische Atomindustrie Stahltanks zur Lagerung der Wiederaufarbeitungsabfälle in Betrieb, aber trotzdem wurden noch bis in die sechziger Jahre Abfälle in den Karatschai-See geleitet. Die Tanks in Tschelyabinsk-40 erwiesen sich als noch schlimmer als die in den USA. Im September 1957 überhitzte sich einer von ihnen, explodierte und spie eine radioaktive Wolke hinaus, die Tausende Hektar verseuchte und die schließlich die Umsiedlung von 11000 Menschen erforderte.30

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Die Geschichte der militärischen Anlagen bietet ein Beispiel der hohen Kosten des Mißbrauchs nuklearer Abfälle. Schätzungen der Kosten der Sanierung der Atomwaffenanlagen der USA belaufen sich auf über 300 Mrd US-Dollar. Selbst solch eine Riesensumme dürfte nicht ausreichen. Laut OTA werden wahrscheinlich »viele Standorte... nie mehr zu einem >rückstandsfreien< Zustand oder einem für unbeschränkten öffentlichen Zugang angemessenen Zustand wiederhergestellt werden«. Nukleare Abfälle haben schon bleibende Opferstätten erzeugt.31

 

   Sie nennen es Entsorgung  

Seit Beginn des Nuklearzeitalters mangelte es nicht an Ideen, wie man radioaktive Abfälle von der Biosphäre isolieren könne. Wissenschaftler schlugen vor, sie unter antarktischem Eis zu vergraben, sie im Meeresboden einzugraben oder sie in den Weltraum zu schicken, was den Regierungen erlaubte, das Problem weiter zu ignorieren. Auf jeden Vorschlag folgten aber vielfältige Einwände (s. Tab. 3.3). Die Wissenschaftler kamen in zunehmenden Maße auf die Idee zurück, radioaktive Abfälle Hunderte Meter tief in der Erdkruste zu vergraben, und meinten wie das US-National Research Council (NRC, Nationaler Forschungsrat), geologische Vergrabung sei die »beste langfristige Option«.32

Alle Länder mit Atomkraftwerken verfolgen die geologische Vergrabung als Lösung ihrer Abfallprobleme, doch nach ihren eigenen Zeitplänen sind die meisten Programme weit in Verzug. 1975 planten die USA, eine Endlagerstätte für hochradioaktiven Abfall bis 1985 betriebsbereit zu haben. Das Datum wurde auf 1989, dann 1998, 2003 und inzwischen 2010 verschoben - immer noch ein unrealistisch erscheinendes Datum. Ganz ähnlich erwartete die Bundesrepublik Deutschland Mitte der achtziger Jahre, ihre Endlagerstätte bis 1998 zu eröffnen, doch das zuständige Amt gibt nun das Jahr 2008 für die Inbetriebnahme an. Die meisten anderen Länder planen Endlagerstätten frühestens bis 2020 fertigzustellen, manche zielen noch weiter in die Zukunft (s. Tab. 3.4).33

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Die Atomindustrie meint einheitlich, Vergrabung radioaktiver Abfälle einen halben Kilometer unter der Erdoberfläche markiere eine technische Lösung des Problems. Laut Jacques de la Ferte, Direktor für äußere Beziehungen und öffentliche Information der Nuklearenergie-Abteilung der OECD, verfügt die Industrie »über das Wissen wie auch die technischen Ressourcen, um alle Formen radioaktiver Abfälle unter ausreichend sicheren Bedingungen zu deponieren«.34

Trotz solcher Schönfärberei ist geologische Entsorgung nichts anderes als ein kalkuliertes Risiko. Zukünftige Veränderungen der Erdstruktur, Flächennutzung, Siedlungsstrukturen und des Klimas werden die Eignung, nukleare Abfälle sicher zu lagern, beeinflussen. Wie der Geologe Konrad Krauskopf an der Stanford-Universität 1990 in Science schrieb: »Kein Wissenschaftler oder Ingenieur kann absolut garantieren, daß gefährliche Mengen radioaktiver Abfälle niemals austreten werden, selbst nicht bei der besten aller Lagerstätten.«35 Das Konzept der geologischen Vergrabung ist recht einfach. Ingenieure würden zuerst eine Lagerstätte unterhalb der Erdoberfläche ausheben; sie bestünde aus einer weitverzweigten Reihe von Räumen, aus denen thermisch heiße Abfälle in Bohrlöcher in den Wänden gelegt würden. Die Abfälle würden in Lastern, Zügen oder Schiffen dorthin [ab]transportiert und dann in Spezialbehälter aus Edelstahl oder einem anderen Metall eingepackt. Wenn sie dann im Gestein stünden, würden die Behälter in ein wasserdichtes Material wie z. B. Ton eingepackt, um Grundwasserströme zu verlangsamen. Die gefüllte Endlagerstätte würde an der Oberfläche versiegelt. Schließlich würden Arbeiter irgendein ewiges Warnsignal für die Zukunft

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aufstellen - ein Vorschlag des US-Energieministeriums geht in Richtung eines kolossalen nuklearen »Stonehenge« -, das Generationen der nächsten Jahrtausende vor den darunter eingegrabenen radioaktiven Abfällen warnen soll.36

Die Kosten, solche Mausoleen zu errichten, sind bestenfalls unsicher. In der besten Tradition des Baus nuklearer Anlagen steigen die Schätzungen ständig. In den Vereinigten Staaten stiegen die geschätzten Kosten der Endlagerung jeder Tonne abgebrannter Brennelemente allein seit 1983 um 80 Prozent; die Kosten einer einzigen Anlage mit einer Kapazität von 96.000 Tonnen abgebrannter Brennelemente und hochradioaktiver Abfälle betragen mindestens 36 Milliarden US-Dollar.37

Unser Wissen über die Geologie tiefer Schichten stammt vorwiegend aus dem Bergbau, der innerhalb einer kurzen Zeitspanne wertvolle mineralische Rohstoffe fördern will. Für die tiefe Vergrabung nuklearer Abfälle entstehen Probleme beim Nachweis, daß solch ein System wirklich für die erforderlichen Tausende von Jahren ausreichende Isolierung bieten kann. »Das technische Problem liegt nicht im Ausheben eines Lochs in die Erde, sondern in der Vorhersage des Unbekannten«, sagt Scott Saleska, Wissenschaftler am Institut für Energie-und Umweltforschung in Maryland.38

Die wissenschaftlichen Unbekannten rund um die Vergrabung radioaktiver Abfälle sind enorm. Einem Bericht von 1990 des NRC über die Entsorgung radioaktiver Abfälle zufolge gehen die erforderlichen quantitativen Voraussagen in einigen Gebieten der Geologie, der Bewegung und Chemie des Grundwassers an die Grenzen des menschlichen Verständnisses. Der Bericht bemerkt außerdem: »Untersuchungen der vergangenen zwei Jahrzehnte führten zur Erkenntnis, daß die Phänomene viel komplizierter sind als ursprünglich angenommen. Statt unsere Ungewißheiten zu verringern, vermehrte diese Forschungsrichtung die Zahl der Aspekte, über die wir wissen, daß sie ungewiß sind.«39

Die Erfahrungen an drei Standorten in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik, wo Wissenschaftler für die jeweilige Regierung bestimmte Standorte zur Bewahrung vergrabener nuklearer Abfälle untersuchen und vorbereiten, erbrachten bislang mehr Fragen als Antworten über die Natur geologischer Lagerstätten. Das Energieministerium (DOE) der USA konzentriert sich auf zwei Standorte:

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Yucca Mountain in Nevada für hochradioaktive Abfälle und das Waste Isolation Pilot Plant (WIPP, Pilotanlage für Abfallisolierung) im Südosten von New Mexico, wo der Bau einiger Vergrabungsräume bereits vollendet wurde. WIPP wird Ende 1991 die erste tiefe Lagerstätte der Welt für nukleare Abfälle, wenn das DOE an seinen Plänen festhält, dort langlebige transuranische Abfälle aus dem US-Waffenprogramm einzulagern. Unterdessen sehen die Nuklearplaner Deutschlands vor, den Salzstock bei Gorleben bis 2008 zur Lagerung der hochradioaktiven Abfälle aus abgebrannten Brennelementen des Landes bereitzustellen.40

Das große Problem bei tiefer Vergrabung verursacht das Wasser. In Gorleben löst Wasser von angrenzenden Sand- und Kiesschichten das Salz langsam auf. Die mehr als 600 Meter tief in einer Salzformation liegenden Vergrabungsräume von WIPP liegen über einem Salzwasserreservoir und unterhalb eines zirkulierenden Grundwassersystems, das in einen Nebenfluß des Rio Grande fließt.41 Die Salzformation von WIPP überraschte immer wieder die von Amts wegen tätigen Wissenschaftler. Die Räume sollten eigentlich trocken sein, doch Salzwasser dringt dauernd durch die Wände. Salzwasser und korrosives Grundwasser könnten mit Leichtigkeit Stahlabfallfässer zersetzen und einen radioaktiven Schlamm erzeugen. Sechzig Prozent der transuranischen Abfälle, die Nuklearplaner in WIPP vergraben wollen, enthalten auch gefährliche Chemikalien wie etwa brennbare Lösemittel. Diese »gemischten Abfälle« emittieren Gase, einschließlich des explosiven Wasserstoffes, die den radioaktiven Schlamm in einer Rauchwolke in das darüberliegende Grundwasser befördern könnten.42

Auch das Grundwasser am anderen Standort in den USA, in Yucca Mountain, einem niederen Höhenzug etwa 160 km nördlich von Las Vegas, erregt Besorgnisse. Theoretisch würden die Abfälle im vulkanischen Tuffgestein von Yucca Mountain trocken bleiben, da die Lagerräume 300 Meter über dem heutigen Grundwasserspiegel liegen würden und da es bei heutigen klimatischen Bedingungen nur minimales Sickerwasser gibt. Kritiker, vor allem der DOE-Geologe Jerry Szymanski, meinen jedoch, ein Erdbeben in Yucca Mountain, das von mehr als 30 seismischen Verwerfungen durchzogen ist, könnte den Wasserspiegel dramatisch anheben. Wenn Wasser in Kontakt mit heißen radioaktiven Abfällen käme, könnte die Dampfexplosion die

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Behälter aufreißen und ihren radioaktiven Inhalt rasch ausbreiten. »Überflute das Ding, und du bläst den Berg fort. Zum allerminde-sten würden die radioaktiven Stoffe ins Grundwasser gehen und ins Death Valley kommen, wo es von heißen Quellen nur so wimmelt«, sagt Charles Archambeau, Geophysiker an der Universität Colorado.43

Auch menschliche Eingriffe könnten die Lagerstätten aufbrechen. In der Nähe der Yucca-Mountain-Anlage gibt es Hinweise auf Gold-und Silberadern, und Schichten mit Erdgas und Pottasche punktieren die Gegend um das WIPP in New Mexico. Auch Salzstöcke, wie der in Gorleben, sind beliebte Ziele bei der Suche nach Erdgas. Zukünftige Versuche, diese Ressourcen anzuzapfen, könnten vergrabene Nuklearabfälle freisetzen.44

Die ungeheuren wissenschaftlichen Kenntnisse der Menschheit verblassen gegenüber der Herausforderung, nukleare Abfälle zu isolieren, bis sie nach Äonen harmlos geworden sind. 1990 entdeckten Wissenschaftler, daß ein 20 km von Yucca Mountain entfernter Vulkan innerhalb der letzten 20.000 Jahre explodiert ist - nicht vor 270.000 Jahren, wie vorher angenommen. Vulkanische Aktivität könnte leicht wieder in der Gegend auftreten, bevor die vorgesehenen tödlichen Stoffe in Yucca Mountain inaktiv geworden sind. Es ist erinnernswert, daß vor weniger als 10 000 Jahren im heutigen Zentralfrankreich Vulkane explodierten, daß vor 7000 Jahren der Ärmelkanal noch nicht existierte und daß ein Großteil der Sahara noch vor 5000 Jahren fruchtbar war. Nur ein Wahrsager könnte einen unzerstörbaren, immerwährenden Verstauungsort für die nukleare Hinterlassenschaft des 20. Jahrhunderts finden.45

 

   Die Politik der radioaktiven Abfälle  

Regierungen und Industrie haben beide lange Zeit Warnungen vor radioaktiven Abfällen ignoriert. 1951 warnte der Präsident der Harvard-Universität und ehemalige Verwalter des Manhattan-Projekts, James B. Conant, vor Abfällen, die Generationen währen würden. Eine Expertenrunde der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (NAS) gab 1957 zu bedenken, »im Gegensatz zur Beseitigung jeder anderen Form von Abfall ist die mit radioaktiven Abfällen verbundene Gefahr so groß, daß keine Spur von Zweifel hinsichtlich der Sicherheit zugelassen werden sollte«.

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1960 empfahl ein anderer Ausschuß der Akademie, das Abfallproblem sollte gelöst werden, bevor neue Nuklearanlagen zugelassen würden.46

Solche Empfehlungen stießen aber auf taube Ohren, und ein Land nach dem anderen stürzte sich in den Bau von Atomkraftwerken. Beamte und Sprecher der Industrie versicherten der Öffentlichkeit, man könne mit den Nuklearabfällen fertigwerden. Erste Störfälle bei den Lagerungs- und Vergrabungsverfahren von Abfall führten aber zu zunehmendem Mißtrauen gegenüber geheimnistuerischen Atombehörden. Drei der sechs Vergrabungs­stätten an der Erdoberfläche für kommerzielle schwachradioaktive Abfälle in den Vereinigten Staaten entwickelten z.B. Lecks und sind geschlossen worden. Das Vertrauen schwand auch dadurch, daß sich in den Augen der Bevölkerung die Regierungsbehörden mehr für die Förderung des Wachstums der Atomkraft als für die Lösung des Abfallproblems interessierten. Das Ergebnis ist Bürgeropposition gegen fast jeden Versuch, Anlagen für radioaktive Abfälle zu errichten.47

Die Vereinigten Staaten haben die wohl betrüblichste Geschichte der Behandlung von Abfallproblemen. Inzwischen haben über 100 Reaktoren Betriebsgenehmigungen und liefern etwa ein Fünftel des Stroms des Landes, doch wurden seit den fünfziger Jahren Probleme der Nuklearabfälle durch die Atomic Energy Commission (AEC, Amt für Atomenergie) unter den Teppich gekehrt. Ein Unfall im Jahre 1969 in der staatlichen Bombenbauanlage in Rocky Fiats, Colorado, und eine ätzende Kritik der Abfallpolitik des AEC 1966 durch die NAS (die das AEC geheimhielt, bis der Kongreß 1970 ihre Herausgabe forderte) führten zu einem eiligen Versuch, das Problem zu lösen: die Nuklearabfälle nahe Lyons, Kansas, in einer Salzformation zu vergraben. Bis 1973 war das AEC gezwungen, das Projekt aufzugeben, da es in seiner Eile schwerwiegende technische Probleme der Anlage übersehen hatte, die Wissenschaftler aus Kansas entdeckten.48 1976 verhängten die Gesetzgeber Kaliforniens ein Moratorium über den Bau neuer Atomkraftwerke, bis »die Bundesregierung... eine erprobte Technologie oder Methode für die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle« zugelassen haben würde. Sieben weitere Bundesstaaten verabschiedeten bald ähnliche Gesetze, die die weitere Entwicklung der Atomkraft von der Lösung der Abfallprobleme abhängig machten.

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 Das zukünftige Wachstum der Atomkraft erschien bedroht, und die Nuklearindustrie drängte das Department of Energy (DOE, Energieministerium), das in dieser Sache dem AEC nachfolgte, die Abfälle rasch zu vergraben.49

Das DOE hatte aber auch kein Glück bei der Suche nach einer angemessenen Lagerstätte für die Abfälle des Landes. Die wiederholten Mißerfolge des Ministeriums bewegten den Kongreß dazu, 1982 ein Gesetz über die Nuklearabfallpolitik zu erlassen (Nuclear Waste Po-licy Act). Das Gesetz, ein Produkt byzantinischer politischer Künge-lei, forderte vom DOE die Entwicklung zweier Endlager für hochradioaktive Abfälle, eines im Westen de» Landes und eines im Osten. Das Ministerium wurde aber durch einen unrealistischen Zeitplan und sein eigenes Bestehen auf offensichtlich nicht akzeptablen Standorten behindert. Im Falle von Hanford im Bundesstaat Washington, dem Standort einiger der bestehenden Waffenanlagen des DOE, ignorierte es Befunde von Regierungswissenschaftlern, ein dortiges Lager könne bald ein Leck aufweisen. Weil das DOE kein öffentliches Vertrauen gewinnen konnte, wurde das Projekt bald in politische Konflikte auf bundesstaatlicher Ebene verwickelt. Als endlich 1986 östliche Bundesstaaten die Aufgabe des zweiten Endlagers erzwangen, trocknete das Klebemittel, das die Gesetzgebung zusammenhielt, gleichsam aus. Da das gesamte Programm in Gefahr war, befahl der Kongreß dem DOE über die Einwände der Abgeordneten aus Nevada hinweg, einen einzigen Standort zu untersuchen: Yucca Mountain.50

Kritik an der Auswahl von Yucca Mountain ist weit verbreitet. Der frühere Leiter der Nuclear Regulatory Commission (NRC, Amt für Überwachung der Nuklearanlagen) Victor Gilinsky beschreibt sie als »politische Sackgasse«, da die Bundesregierung entschlossen zu sein scheint, Nevada trotz der zunehmenden Opposition des Bundesstaates auf den Abfällen des ganzen Landes sitzenzulassen. Der Bundesstaat hat sich aktiv um die Disqualifizierung des Standortes bemüht und stellt die Fähigkeit des DOE, objektive Untersuchungen vorzunehmen, in Frage - dies angesichts der Tatsache, daß Yucca Mountain die einzige Anlage ist, die untersucht wird. Die Gefühle sind dort so erregt, daß die Gesetzgeber des Staates 1989 ein Gesetz verabschiedeten, das jedwede Lagerung hochradioaktiver Abfälle im Staat verbietet.51

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Verzögerungen, die das DOE auf Nevada schiebt, führten zur Verschiebung der Abfallvergrabung in Yucca Mountain auf 2010. Das US-Rechnungsamt macht jedoch die Ungeschicklichkeit des DOE für Verzögerungen verantwortlich. Trotzdem unterstützt das Ministerium nach Kräften Bemühungen im Kongreß, Nevadas Beteiligung am Prüfungsverfahren zu beschneiden. Dieses Programm kritisierte auch der Bundesrichter Reginald Gibson, der feststellte, es gebe Hinweise möglicher »Unrechtmäßigkeiten und Einflußnahmen«, als das DOE einen Vertrag in Höhe von 1 Milliarde US-Dollar zum Entwurf des Endlagers vergab. Außerdem liegt Yucca Mountain in einem von den Schoschone-Indianern beanspruchten Gebiet. Angesichts einer langen Liste technischer Schwierigkeiten und starker politischer Opposition hat die Anlage in Yucca Mountain einen langen Weg vor sich, bis sie zur Vergrabungsstätte der hochradioaktiven Abfälle des Landes wird.52

Frankreich steht nur hinter den USA in der Erzeugung von Nuklearstrom zurück, das Ergebnis eines ehrgeizigen Bauprogramms während der vergangenen 15 Jahre. Seit 1987 wurde jedoch nur ein einziger neuer Reaktor bestellt, und das Programm geriet in schwerwiegende Kontroversen über Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Abfallbehandlung. 1987 gab das französische Abfallamt, ANDRA, vier mögliche Standorte für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle bekannt. Lokale Behörden waren beunruhigt, weil sie nicht zu Rate gezogen oder benachrichtigt worden waren, und schlössen sich mit Bauern und Umweltschützern zusammen, um eine erfolgreiche Kampagne zur Einstellung des Untersuchungsprogramms zu organisieren. Blockaden behinderten Techniker der Regierung, und geologische Untersuchungen waren nur unter Polizeischutz möglich. Im Januar 1990 marschierten 15.000 Menschen in Angers in der seit den siebziger Jahren größten Anti-Atomdemonstration Frankreichs, um gegen den Maine-et-Loire-Standort im westlichen Zentralfrankreich zu protestieren. Im Februar verhängte Premierminister Rocard ein nationsweites Moratorium über weitere Arbeit an den vier Anlagen und gab damit der Regierung eine Ruhepause, um ihr Abfallprogramm zu überprüfen und wieder zu versuchen, öffentliche Unterstützung zu gewinnen.53

Im Versuch, das Abfallprogramm wieder flottzukriegen, stimmte das französische Parlament im Juni 1991 einem neuen Plan zu.

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ANDRA, das das Parlament von der Atomenergiebehörde unabhängig machte, wird die zu untersuchenden Standorte von vier auf zwei reduzieren. Allerdings sind die zwei Standorte noch nicht genannt worden, und obzwar die Regierung sagt, das Auswahlverfahren werde offener sein als das vorherige, ist das Vorgehen noch unklar. Die Regierung hofft, Gemeinden vor Ort zur Annahme von Standortuntersuchungen zu überzeugen, wobei sie lokalen Schatzämtern bis zu 9 Mio. US-Dollar im Jahr für »die psychologischen Unannehmlichkeiten« der Untersuchung zahlt - laut dem damaligen Industrieminister Roger Fauroux. Jegliche Entscheidung über eine endgültige Endlagerstätte werde auf 15 Jahre vertagt, und dann werde das Parlament die endgültige Entscheidung treffen. Mit dem neuen Plan nimmt Frankreich eine Verzögerung von mindestens einem Jahrzehnt in Kauf, währenddessen sich der Bestand der hochradioaktiven Abfälle des Landes fast verdreifachen wird.54

In Deutschland widerspiegelt die Kontroverse über radioaktive Abfälle die um den Bau von Atomreaktoren, der mit 21 errichteten Anlagen zum Erliegen kam. Lokale Opposition gegen jegliches Nuklearprojekt und die Unfähigkeit der wichtigen politischen Parteien, sich über die Nuklearpolitik zu einigen, scheinen beständige Fixpunkte zu sein. Eine starke öffentliche Meinung führte 1991 zur Schließung eines neuen Atomreaktors, des Schnellen Brüters in Kaikar, und blockierte Pläne, in den neuen Bundesländern neue Anlagen zu bauen. Das Abfallprogramm verwickelte sich in eine ähnliche Debatte, wobei die Regierung Niedersachsens sich mit der Bevölkerung verbündete, die sich resolut gegen Regierungspläne zum Bau von Endlagern für radioaktive Abfälle in Gorleben widersetzte.55

Seit den sechziger Jahren strebte die bundesdeutsche Politik die tiefe Vergrabung aller Abfälle an, doch das baldige Mißlingen des Versuchs, öffentliches Vertrauen zu erlangen, führte zu Konflikten. Der westliche Teil der Vergrabungsstätte für schwachradioaktive Abfälle bei Asse wurde 1978 wegen lokaler Opposition und Stabilitätsproblemen des Gruben komplexes des ehemaligen Bergwerks geschlossen. Seitdem sammeln sich die schwachradioaktiven Abfälle an - 50.000 Kubikmeter werden in Zwischenlagern und Reaktoranlagen gelagert, während öffentliche Opposition und technische Ungewißheiten die Arbeit an der neuen Anlage, dem aufgegebenen Eisenerzbergwerk Schacht Konrad, verzögerten. Jüngst ging die Arbeit im Schacht Konrad nur infolge von Schiedssprüchen gegen Niedersachsen voran.

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Hoffnungen, das Lager für schwachradioaktive Abfälle bei Morsleben in Sachsen-Anhalt könnte die deutschen Abfälle aufnehmen, wurden gedämpft, als die Anlage Anfang 1991 von der Regierung geschlossen wurde.56

Öffentliche Opposition ließ auch den Versuch der Bundesregierung scheitern, ein Endlager für hochradioaktive Abfälle zu entwickeln. 1976 riefen die ersten drei Untersuchungsorte in Niedersachsen einen solchen Protest unter lokalen Bauern und Studenten hervor, daß sie auch von der Landesregierung zurückgewiesen wurden. Im folgenden Jahr entschied sich die Bundesregierung für den Gorlebener Salzstock nahe der Grenze zur damaligen DDR. Große Proteste brachen noch vor der offiziellen Bekanntmachung aus; 2500 Leute besetzten drei Monate lang die Bohranlage, bis die Polizei sie fortschleifte und einen Sicherheitstrakt anlegte, von dem aus die wissenschaftliche Arbeit unternommen werden konnte. Obwohl die Bundesregierung weiterhin voll auf Gorleben setzt, stellen fortdauernde technische Probleme und Proteste die Pläne in Frage, dort bis 2008 Abfälle zu vergraben. Kritiker warnten, der Standort sei geologisch unstabil, aber die Regierung läßt die Arbeit fortführen, obwohl ein durch diese Unsta-bilität verursachter Bohrunfall 1987 einen Arbeiter tötete und das öffentliche Vertrauen weiter herabsetzte.57

Nukleare Kontroversen rissen Schweden seit Anfang der siebziger Jahre entzwei; während dieses Jahrzehnts wurden zwei Regierungen wegen Fragen der Atomenergie aus dem Amt geworfen. 1977 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das Betreiber verpflichtete, die technische Möglichkeit der sicheren Endlagerung hochradioaktiver Abfälle zu beweisen. Erst nach einer Volksabstimmung 1980 und der Entscheidung des Parlaments, die Zahl der Reaktoren im Lande auf 12 zu begrenzen und sie bis 2010 vom Netz zu nehmen, konnte sich das Land auf das Abfallproblem konzentrieren. Ein sofortiges Ergebnis des vereinbarten Ausstiegs war die Klarstellung, wie viele Abfälle schließlich zu behandeln seien: 7750 Tonnen abgebrannte Brennelemente, 90000 Tonnen schwach- und mittelradioaktive Abfälle und »15 000 Tonnen Abfälle aus dem Abreißen von Anlagen.58 Das schwedische Programm für hochradioaktive Abfälle gewann internationales Ansehen, weil es sich nicht allein auf eine Vergrabung in die Tiefe verläßt, sondern außerdem auf ein theoretisches System

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auf der Basis von vielfachen technischen Barrieren baut, beginnend mit korrosionsbeständigen Abfallkanistern aus Kupfer mit 10 cm dik-ken Wänden und einer angeblichen Haltbarkeit von mindestens 100000 Jahren. Das Land vermied auch größere Standortprobleme, indem es beide in Betrieb befindlichen Abfallanlagen neben Kraftwerke legte. Schwachradioaktive Abfälle werden seit 1988 in einem Stollen 50 Meter unterhalb der Ostsee in der Nähe des Atomkraftwerks Forsmark gelagert, und abgebrannte Brennelemente werden 30 Meter tief unter der Erde bei der CLAB-Anlage neben dem Atomkraftwerk Oskarshamn zwischengelagert. Um Kontroversen über den Transport zu vermindern, werden abgebrannte Brennelemente aus Reaktoren in einem Spezialschiff statt in Lastern oder Zügen zur CLAB-Anlage gebracht.59

Öffentliche Unterstützung für die Vergrabung abgebrannter Brennelemente entwickelte sich allerdings nicht so leicht, wie dies bei schwachradioaktiven Abfällen der Fall war. Proteste stoppten vor zehn Jahren Versuche, einen Standort für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle festzulegen, und seitdem trafen Versuche, weitere Standorte zu finden, auf entschlossenen lokalen Widerstand - obwohl Meinungsumfragen besagen, die meisten Schweden würden im Prinzip einen Endlagerstandort in ihrer Nähe akzeptieren. Die Regierung wird wahrscheinlich wieder versuchen, einen Reaktorstandort als Endlager für abgebrannte Brennelemente auszuwählen.60 Das nukleare Programm Japans ist weltweit das ehrgeizigste, mit 11 neuen Reaktoren im Bau, zusätzlich zu den bestehenden 41. Öffentliche Opposition gegen Nuklearanlagen wuchs aber im vergangenen Jahrzehnt, besonders seit dem Unfall in Tschernobyl und einer Serie lokaler Unfälle. Als Konsequenz der japanischen Tradition, keine Industrieanlagen ohne Unterstützung der Lokalbehörden anzulegen, wurden seit 1986 keine neuen Reaktorstandorte genehmigt, und Versuche zur Standortfindung für Abfallanlagen erwiesen sich als gleichermaßen kontrovers.61

Langfristige Bemühungen zur Abfallbehandlung wurden erst Anfang der achtziger Jahre ernsthaft aufgenommen, etwa zu der Zeit, als Japan eine große Zahl von in den Siebzigern bestellten Atomreaktoren anschaltete und sich die Abfälle erstmals rasch ansammelten. Die Nuklearindustrie entschied sich für das Dorf Rokkasho am nördlichen Zipfel der Insel Honschu als Standort für einen Komplex zur Wieder-

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aufarbeitung, Lagerung hochradioaktiver Abfälle und Vergrabung schwachradioaktiver Abfälle. Die Opposition vor Ort gegen das Projekt war stark; gegen die Anlage eingestellte Kandidaten gewannen 1989 und 1990 Bürgermeister- und Parlamentswahlen und gefährdeten damit das ganze Projekt.62

Durch riesenhafte Geldmengen wurde jedoch die Opposition in Rok-kasho »eingeschmolzen«. Im Gegenzug zur Hinnahme des Projekts bot die Regierung Subventionen von 120 Mio. US-Dollar für das Dorf, was etwa 10000 Dollar für jeden Einwohner entspricht. Weitere 120 Mio. US-Dollar wurden den umgebenden Dörfern angeboten. Diese Beträge sind gering gegenüber den gesamten Kosten des Projekts, 9 Milliarden US-Dollar, aber Rokkasho liegt in der zweitärmsten Präfektur Japans, und das Angebot scheint die erwünschte Wirkung ausgelöst zu haben. Im Februar 1991 gewann der amtsinha-bende Gouverneur, ein Unterstützer des Nuklearprojekts, mit 44 Prozent der Stimmen seine Wiederwahl gegen zwei Anti-Atom-Kandidaten.63

Während Rokkasho ein Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle sein soll, die schon 1993 aus Wiederaufarbeitungsanlagen in Europa zurückgeschickt werden sollen, wurden Versuche zur Standortfin-dung für ein Endlager bisher durch öffentlichen Widerstand vereitelt. Planer suchten sich 1984 wieder eine arme Region des Landes aus, und zwar ein gefügiges Dorf, Horonobe, an der Nordspitze Hokkai-dos. Widerstand vom Gouverneur der Präfektur Hokkaido und vom Parlament Hokkaidos sowie von nahe gelegenen Dörfern und Bauern bremsten Bundespläne, eine Abfallagerungs- und unterirdische Forschungsanlage in Horonobe zu errichten. Unterdessen stießen auch Bohrversuche in anderen Teilen des Landes auf Proteste.64 Es gibt Anzeichen, daß Japan über seine Grenzen hinausschaut, um ein Endlager für hochradioaktive Abfälle zu finden. China bezeugte 1984 Interesse daran, abgebrannte Brennelemente oder andere Abfälle gegen Gebühren oder Unterstützung des eigenen entstehenden Nuklearprogramms zu importieren. Im November 1990 einigten sich China und Japan, in der chinesischen Provinz Schanxi eine unterirdische Forschungsanlage über die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle zu bauen.65

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Seit dem Unfall in Tschernobyl vermehrten sich in der früheren Sowjetunion sprunghaft Anti-Atom-Gruppen und brachten das Nuklearbauprogramm und die Bestrebungen zur Abfallbehandlung zum Erliegen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Nuklearbehörden ist an einem Tiefpunkt angelangt, da die sowjetische Presse mit Berichten über »radioaktive Katastrophengebiete« in anderen Orten als Tschernobyl überschwemmt wird.66

Das Sowjetische Ministerium für Atomkraft und Industrie berichtete, es suche nach Vergrabungsstätten nahe Tschelyabinsk im südlichen Ural, wo die wichtigste Wiederaufarbeitungsanlage des Landes liegt, stößt aber auf Widerstand durch die lokale Bevölkerung. Auch Bestrebungen, eine große Wiederaufarbeitungsanlage bei Krasnoyarsk in Sibirien zu errichten, wurden vertagt, z.T wegen einer von 60.000 Personen unterschriebenen, im Juni an die lokalen Behörden eingereichten Petition gegen die Pläne zur Wiederaufarbeitung und Abfallentsorgung. Noch weiter wird das Bild kompliziert durch ein Gesetz von 1990 des Russischen Parlaments, das die Vergrabung radioaktiver Abfälle aus anderen Sowjetrepubliken oder aus dem Ausland untersagt. Die Sowjets wurden auch von Norwegen und Finnland wegen ihrer Abfallager im westlichen Teil des Landes kritisiert.67

Bulgarien, die Tschechoslowakei und Ungarn schickten einst ihre abgebrannten Brennelemente an die Sowjetunion zur Wiederaufarbeitung, ohne die Abfälle zurücknehmen zu müssen. Seit Ende der achtziger Jahre bestanden die Sowjets jedoch darauf, Bezahlung für eine zuvor unentgeltlich angebotene Dienstleistung zu fordern, und die Transporte aus Osteuropa wurden eingestellt. Abgebrannte Brennelemente sammeln sich nun in Zwischenlagern an, die in zwei bis fünf Jahren voll sein werden. Die drei Länder planen, ihre Lager zu vergrößern, aber schließlich werden sie sich entscheiden müssen, was mit den Abfällen werden soll. Des weiteren schwindet das öffentliche Vertrauen rasch, da frühere Vergrabungen schwachradioaktiver Abfälle schon »zurückkehren«, die jungen Demokratien heimzusuchen.68

Auch in anderen Ländern verursachen radioaktive Abfälle schwere politische Probleme. In Südkorea z. B. löste 1988 die Entdeckung illegal deponierter radioaktiver Abfälle beim Dorf Tschangan in der Nähe des Atomkraftwerks Kori die Anti-Atombewegung des Landes aus. Seitdem hinderten - z.T. gewalttätige - Proteste Regierungsämter daran, auf zwei Inseln Lager für schwachradioaktive Abfälle zu errichten. Die Regierung hofft nun, bis 1995 radioaktive Abfälle auf unbewohnten Inseln zu lagern.

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Keine gesicherten Pläne außer für oberirdische Zwischenlager wurden für hochradioaktive Abfälle bekanntgegeben. Öffentlicher Druck in Argentinien zwang auch diese Regierung, Pläne zur raschen Errichtung eines tiefen Lagers für hochradioaktive Abfälle aus den zwei produzierenden Reaktoren des Landes zu widerrufen. Und in Taiwan kamen staatliche Bemühungen zur Behandlung abgebrannter Brennelemente aus den sechs Atomkraftwerken des Landes nur langsam weiter: ein Forschungsprogramm einschließlich geologischer Untersuchungen wurde in den letzten fünf Jahren eingeleitet, aber keine Standorte sind bisher ausgesucht worden. Unterdessen trägt öffentliche Besorgnis über die radioaktiven Abfälle zur Opposition gegen weitere Reaktoren in Taiwan bei.69

Indien hat das ehrgeizigste Bauprogramm aller Entwicklungsländer, mit 13 geplanten oder in Bau befindlichen Reaktoren zusätzlich zu den bestehenden sieben. Eine wachsende Anti-Atombewegung steht einer festgefügten, an Geheimhaltung gewöhnten Bürokratie gegenüber, doch wurden manche Erfolge schon erzielt, Nuklearplaner des Landes scheitern zu lassen. Die Bürgeropposition blockierte Pläne, zwei Reaktoren in der Nähe von Hyderabad zu bauen. Die noch ausstehenden Versuche, einen Standort für ein Endlager für nukleare Abfälle zu finden, dürften durch die hohe Bevölkerungsdichte Indiens behindert werden. Währenddessen gibt die Regierung weniger als 1 Prozent ihres erheblichen Atomkraftbudgets für die Abfallbehandlung aus.70

 

  Ausblicke 

In den Worten Frangois Cheveniers, des Direktors der französischen Nuklearabfallbehörde ANDRA, wäre »es unverantwortlich für uns, von der Kernkraft zu profitieren, und es späteren Generationen zu überlassen, mit den Abfällen fertigzuwerden«. Genau dies ist aber schon eingetroffen. Nuklearreaktoren erzeugen 25-40 Jahre Strom, aber ihre radioaktive Hinterlassenschaft wird noch Hunderttausende Jahre fortbestehen. Die Entschädigung zukünftiger, von Gesundheitsschäden durch die heutige Ansammlung radioaktiver Stoffe betroffener Generationen ist unmöglich. Die Lösung des Abfallproblems ist also eine moralische Verpflichtung.71

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Leider kann das Problem der radioaktiven Abfälle nicht auf gewöhnliche Weise »gelöst« werden. Weder können die Abfälle zerstört werden, noch können Wissenschaftler nachweisen, daß jene durch die Vergra-bung von der Biosphäre ferngehalten werden. Beweise nach der wissenschaftlichen Methode erfordern Experimente, um eine Hypothese zu bestätigen. Bei radioaktiven Abfällen würde ein solches Experiment aber bedeuten, daß menschliches Leben über viele Generationen hinaus aufs Spiel gesetzt würde.

Der Pionier des US-Nuklearprogramms und ehemalige Direktor des Oak Ridge National Laboratory Alvin Weinberg erfaßte 1972 die Unzulänglichkeit der geologischen Vergrabung und schlug eine überraschende Alternative vor: Lagerung auf unbegrenzte Zeit in Anlagen an der Erdoberfläche, die von einer »nuklearen Priesterschaft« bewacht und behütet würden. Solch ein Unterfangen müßte aber die Zerbrechlichkeit menschlicher Institutionen überwinden. Die Abfälle werden in manchen Fällen viel länger gefährlich bleiben als die bisherige historische Überlieferung von Menschen. Eine weitere Schwäche oberirdischer Lagerung ist die Möglichkeit, in das Lager einzudringen, sei es versehentlich oder vorsätzlich.72 Wegen der wissenschaftlichen und politischen Schwierigkeiten könnte die oberirdische Lagerung jedoch bis weit ins 21. Jahrhundert die einzige Möglichkeit bleiben.

Die Verletzlichkeit dieser Methode offenbart sich in den Waffenanlagen sowohl der früheren Sowjetunion wie auch der Vereinigten Staaten. Regierungen stehen unter Druck, rasch flüssige Abfälle in gefährlichen, leckanfälligen Tanks und in verseuchtem Boden und Grundwasser festzuhalten, um die weitere Verbreitung in die Umwelt zu verhindern. Ein geringerer Notstand besteht hinsichtlich der abgebrannten Brennelemente aus zivilen Atomkraftwerken. Staatlich angestellte wie auch unabhängige Experten meinen, Technologien wie z. B. trok-kene Fässer könnten Materialien länger als ein Jahrhundert sicher zurückhalten, doch es bleiben mögliche Probleme wegen der institutionellen Überwachung der Abfälle und wegen Unfällen. Ein Schritt zu einer Lösung, der von manchen Umweltschützern in Europa und den USA vorgeschlagen wird, ist die Zwischenlagerung der Nuklearabfälle, wo sie entstanden sind.

Stillgelegte Reaktoren könnten über Jahrzehnte hinweg Lagerstätten für abgebrannte Brennelemente und andere Abfälle hergeben und würden dadurch die Zahl der Standorte

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mit radioaktiven Abfällen vermindern und so die Behandlung sowie den Transport der Abfälle begrenzen. Der kurzfristige Bau von Lagern außerhalb existierender Reaktorstandorte muß folglich nur dann erwogen werden, wenn diese in erdbebengefährdeten Gebieten stehen oder an anderen Standorten, wo eine rasche Entfernung der Abfälle gerechtfertigt erscheint.73

Gleichwohl haben die meisten Länder noch immer vor, Reaktoren kurz nach der Stillegung abzureißen. Dabei werden hohe geschätzte Kosten (von 200 Mio. bis 1 Milliarde US-Dollar pro Reaktor), die technischen Schwierigkeiten, bedingt durch den hohen Radioaktivitätspegel in kürzlich stillgelegten Reaktoren sowie die Notwendigkeit, die Bestrahlung der Arbeiter zu begrenzen, und der mögliche Mangel an Anlagen zur Aufnahme der Unmengen radioaktiver Abfälle diese Bemühungen behindern.

Alte Reaktoren könnten tatsächlich bald als bleibende Wahrzeichen an den Horizonten vieler Länder angesehen werden.

Großbritannien, wo die kommerzielle Nutzung der Atomkraft 1956 anfing, ist das erste Land, das das Vorhaben des Abbaus seiner Reaktoren aufgab, und will sie jetzt mindestens für 130 Jahre einbetonieren. Kurzfristige Lagerung löst die Probleme des Nuklearabfalls nicht, könnte aber die Zeit bieten, langfristige Optionen gründlich zu untersuchen, einschließlich geologischer Vergrabung, Vergrabung im Meeresboden und langfristiger Lagerung.74 Fortschritte hinsichtlich des Abfallproblems erfordern aber mehr als wissenschaftliche Forschung und verminderte technische Ungewißheiten. Sie erfordern außerdem einen grundsätzlichen Wandel der Akzentsetzung bei laufenden Betriebsprogrammen und bei den Bemühungen um öffentliche Unterstützung. Die Umgestaltung der Prioritäten kann erst stattfinden, wenn die Gefahren der verschiedenen Abfallarten überprüft werden. In den Vereinigten Staaten benötigt das Klassifizierungssystem nicht Standards auf der Basis der Quelle, wie es heute geschieht, sondern aufgrund der tatsächlichen Radioaktivität und Halbwertszeiten der Abfälle. Außerdem werden Komponenten des Reaktorkerns der kanadischen CANDU-Reakto-ren 130 Jahre nach der Stillegung radioaktiv gefährlicher sein als der abgebrannte Brennstoff, sagt Martin Resnikoff, Physiker und Leiter der Radioactive Waste Management Associates in New York. Trotzdem plant Kanada z.Z., den Reaktorkern nach Abriß oberflächennah zu vergraben. Neue Kategorien für die Abfallsorten sollten die langfristige Gefahr langlebiger, schwachradioaktiver Abfälle berücksichtigen.75

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Die Wiedergewinnung öffentlichen Vertrauens wird institutionelle Veränderungen sowie eine eingehendere Untersuchung der Programme zur Behandlung radioaktiver Abfälle erfordern. Glaubwürdigkeitsprobleme plagen staatliche Atombehörden, einschließlich derer in Frankreich, Großbritannien, Japan, der früheren Sowjetunion und den Vereinigten Staaten. Das öffentliche Mißtrauen wurzelt in den meisten Fällen darin, daß die zuständigen Institutionen die Atomkraft und zugleich die Waffenproduktion fördern und auf eine lange Geschichte ausgesprochener Lügen, Irreführung und Geheimhaltung der Nuklearanlagen zurückblicken. Das gleiche Problem betrifft die IAEA, die, besonders in Entwicklungsländern, eine sehr viel konstruktivere Rolle bei der Behandlung radioaktiver Abfälle spielen könnte, wenn sie nicht mehr die widersprüchlichen Rollen eines Förderers und eines Kontrollierers der Nukleartechnologie zu spielen hätte.76

Seit mehr als einem Jahrzehnt forderten verschiedene Berichte, einschließlich solcher vom US-Amt für Technologiefolgenabschätzung (OTA) und von der Arbeitsgruppe für Behandlung Radioaktiver Abfälle des Nationalen Forschungsrats (NRC), eine unabhängige Organisation, um die Aufgabe der Behandlung der Nuklearabfälle des Landes zu übernehmen. Bislang reagierte der Kongreß, indem er vom Energieministerium mehr Überwachung verlangte, vernachlässigte aber das eigentliche Problem, nämlich daß die für die Waffenherstellung und Förderung der Kernkraft verantwortliche Organisation von der, die die Abfälle behandelt, getrennt werden sollte. Die Bildung autonomer und zu öffentlicher Rechenschaft verpflichteter Organisationen zur Behandlung nuklearer Abfälle würde große Fortschritte in der Wiedergewinnung öffentlicher Unterstützung bedeuten.77

Das Problem nuklearer Abfälle ist eine Geisel der gesamten Debatte über die Atomkraft, einer Debatte, die Nationen entzweit. Von Schweden und Deutschland bis zur Sowjetunion und Italien verwickelten sich die politischen Systeme vieler Länder wegen der Zukunft des Atoms. Wegen der intensiven politischen Kontroverse um die Atomkraft können wirkliche Fortschritte über das Abfallproblem erst zustande kommen, wenn die Gesellschaft sich von der Nuklearenergie abwendet. Schweden, das Land mit der wohl breitesten (doch nicht allgemeinen) Unterstützung für sein Nuklearprogramm, entschied sich, bis 2010 aus der Nuklearenergie auszusteigen. Ohne eine solche Entscheidung wird das öffentliche Mißtrauen gegenüber der Nukleartechnologie und den entsprechenden Einrichtungen nur noch größer. Wenn die Industrie darauf besteht, immer mehr Abfälle zu erzeu-en, wird es immer Konfrontation geben. Die Menschen werden es infach nicht akzeptieren«, meint der britische Umweltberater David .owry.™

ine Welt mit der sechsfachen Zahl von Reaktoren wie heute, wie sie lanche Befürworter der Nuklearenergie fordern, würde etwa alle vei Jahre die Eröffnung eines neuen Endlagers für die Aufnahme er erzeugten langlebigen Abfälle erfordern. Doch die Förderer der uklearenergie spielen das Problem Abfälle herunter oder ignorieren s gar, wenn sie ungeheure Bauprogramme fordern. Beispielsweise ~hlug 1991 die Nationale Energiestrategie von Präsident Bush die erdoppelung der Zahl der Atomkraftwerke in den nächsten 40 Jah-n vor, erwähnte aber die Notwendigkeit zukünftiger Abfallager cht. Wie die Erfahrungen mit Atomkraftwerken zur Genüge gezeigt aben, wird es keinesfalls leichter, Standorte für neue geologische rgrabungsanlagen zu finden, nachdem die erste eröffnet worden

Selbst wenn keine nuklearen Abfälle mehr erzeugt würden, erforderte die Behandlung der schon existierenden Abfälle Aufmerksamkeit und Investitionen über einen Zeitraum, der unsere gewöhnlichen Zeitvorstellungen weit übersteigt. Die Herausforderung der menschlichen Gesellschaft besteht darin, die nuklearen Abfälle während der Jahrtausende der gefährlichen Lebenszeit dieser Stoffe isoliert zu halten. In diesem Lichte gesehen, wird das Nuklearzeitalter, egal was aus der Atomkraft wird, noch lange, lange fortbestehen.

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