2004
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Heute in der Zeitung die Meldung über einen Fall, den ungeheuerlich zu finden ich nicht zuständig bin. Neun Schüler haben an einer Berufsschule einen Achtzehnjährigen permanent geschlagen, gefoltert, sexuell erniedrigt, und das alles dazu mit einer Videokamera aufgenommen, und die sadistische Ausbeute, die Filme, im Internet publiziert. Die jetzt aufwallende Empörung kommt sechzig Jahre zu spät, da man das unmenschliche Treiben braver SS-Männer ebenso geduldet hat, wie es die schweigenden Mitschüler der Schläger tun. Die Kulturschicht wird täglich dünner. Die Bestie Mensch tritt aus dem Schatten einer fragwürdigen Zivilisation hervor und präsentiert sich völlig ungeniert. Stets zu Diensten, meine Herren! Auf Abruf bereite Mörder, potentielle Henker melden sich in der deutschen Provinz als glaubhafte Zeitzeugen zu Wort. Die Täterbande übrigens multikulturell zusammengesetzt: Deutsch-Russen, Kasachen, Türken, Deutsche, verbunden durch die Lust an der Grausamkeit. Wer in diese Heidelberger Berufsschule eintritt, der lasse alle Hoffnung fahren ...
Heute nacht geträumt, mit Christa Wolf ein Agreement getroffen zu haben: wir würden beide in gegenseitiger Polemik unsere unterschiedlichen Standpunkte darlegen. Schlafend begann ich sofort einen Text zu entwerfen, brachte ihn jedoch nicht zu Ende, sondern beschloß, sobald ich aufwachen würde, den Rest hinzuzufügen.
Anschließend träumte ich von meinem Vater, der am Tisch saß, in sich versunken, reglos, weitabgewandt; ich sah ihn im Halbprofil, eine starre Gestalt, als sei er schon abgeschieden oder täte zumindest so, als träte dieser Zustand gerade ein.
Und woher kam jener Traum neulich, da wir, Marianne und ich, in ein spanisches, eher ärmliches Restaurant gingen, wo wir an einem durch den ganzen Raum sich hinziehenden Tisch, an dem zahllose Leute einander gegenübersaßen, Platz nahmen, um eine ärmliche Kost zu uns zu nehmen. Sogleich folgte dieser dürftigen Mahlzeit ein zweiter Traum von einem Restaurant in Rom, wo wir an reichgedeckten Tischen mit Schlemmereien überhäuft wurden. So reise ich nächtlicherweile durch eine kulinarische Welt, ohne meinen Hunger auf die Realität stillen zu können.
Bei manchen Autobiographien, die sich als »Aufzeichnungen eines Zeitgenossen« ausgeben, lese ich unwillkürlich »Aufzeichnungen eines Zeitungsgenossen«.
Vor einigen Tagen fand ich mich im Bad auf dem Boden liegend wieder, unfähig, mich zu erheben, die Glieder derart schwach, daß ich kaum den Arm anheben konnte, dennoch in diesem überraschenden Zustand ungeängstigt, ja, fast heiter und mit dem Gedanken im Kopf: Nun ist es also vorbei. Warum nicht? Meine Zeit ist halt um ... Es dauerte etwas, ehe ich mich aufrappeln und auf die Füße kommen konnte. Ein geheimer Hirnfarkt? Eine plötzlich Unterbrechung der Sauerstoff zufuhr zum Gehirn? Ein Schwächeanfall? Eine Ohnmacht, wie sie die Damen des 19.Jahrhunderts so häufig erlitten? Ich fühlte mich schwach und zittrig, auch noch am nächsten Tag ein störendes Flattern der Extremitäten.
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Schrieb jedoch, vielleicht aus Trotz, am Morgen nach meiner »Niederlage« ein langes, gereimtes, eher für Kinder bestimmtes Gedicht. Die Diagnose des Arztes? Nichts Genaues weiß man nicht - wie der »richtige« Berliner zu sagen pflegte. (Im übrigen war mein »Lagerplatz« keineswegs einer Nachweltlegende entsprechend. Nämlich zwischen Klosett und Dusche.)
Vergeßlichkeit, du Donnerwort. Ein schleichendes Gift. Ein unverdientes Leiden. Seit Monaten such ich ein voluminöses Paket von Schnellheftern mit den Texten meines Big Book, etwa tausend Seiten, ohne es im Hause finden zu können. Ein derartiges Trumm kann doch nicht so einfach verschwinden? Ja, einen Schlüssel, einen Füllfederhalter, eine Kleinigkeit, so was kann sich leicht verkrümeln, aber doch nicht diese Manuskriptmasse? Eigentlich ist die Angelegenheit nicht ganz geheuer. Habe ich es denn selber an einem sicheren Platz verborgen? Oder meine Frau? Niemand sonst war im Hause als die gewohnten Gespenster. Und einen Dieb dürfte beschriebenes Papier ohnehin kaum verlocken. Zwar habe ich eine Kopie, doch das Original aufzustöbern wäre mir lieber. Die Suche geht weiter. Vielleicht entdeckt es irgendwer nach meinem Abgang an einem Ort, wo es sich selber vor der Welt versteckt ...
George Orwell ist durch die Realität eingeholt und übertrumpft worden. Unser Innenminister, Vorsteher des Amtes für Nächstenliebe, hatte eine dementsprechende, nun verwirklichte Idee: Auf Antrag oder Wunsch könne man auf seinem eigenen Handy Nachrichten der Kriminalbehörden über Missetäter bzw. Verdächtige empfangen und dergestalt die Polizei unterstützen. Jeder Bürger ist damit
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aufgerufen, die Augen und Ohren offenzuhalten und bei Bedarf Meldung zu machen. Diese Verordnung öffnet dem in Deutschland traditionellen Spitzelunwesen ungeheure Möglichkeiten. Denn bei geringstem Verdacht, stelle ich mir vor, greift der Nachbar zum Apparat und zeigt seinen Nachbarn an, weil ihm »etwas aufgefallen« ist. Voraussichtlich wird es zu einer Sintflut von Beschuldigungen kommen. Weil ja die SMS-Nachricht auf dem Display bloß stichwortartige Angaben enthalten kann und somithin jede kaum exakte Personenbeschreibung vermutlich auf viele, auf vielzuviele zutreffen mag. Vor allem: der Bürger darf sich in der Rolle des Detektivs, des Organs der Exekutive fühlen, eine Erhöhung des Selbstgefühls ohnegleichen. Ich jage Verbrecher, also bin ich! Oder anders gesagt: »Little brother is watching you!«
Jedermann sein eigener James Bond. Fehlt nur noch die »Licence to kill«!
Sammler, eine Sorte Mensch für sich. Gestern mit einer Frau telefoniert, die (oder ihr Mann) ein englisches Blechflugzeug im »Sammler-Markt« (mit Bild) angeboten hatten. Ein unerwartet langes Gespräch. Diese Frau putzte gerade ihren Kochherd, entschuldigte sich anfangs, daß sie sich die Hände reinigen müsse, um den Hörer normal halten zu können. Ihr Mann, so hieß es, sammle Autos, Schiffe, Flugzeuge, alles aus Blech, und sie müßten manchmal etwas verkaufen, um neue Objekte kaufen zu können. Sie selber sammle Puppen und Teddybären. Und verzichte darum auf den Kauf von Kleidungsstücken, schränke sich hier und da ein, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Sie und ihr Mann gingen regelmäßig auf Flohmärkte und kämen stets mit Neuerwerbungen zurück. Was scheint mir an diesem Ehepaar eigentümlich? Daß es sich hierbei um Durch-
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schnittsbürger handelt, die, im Gegensatz zu früheren Epochen, zu Sammlern geworden sind. Ihr Leben verläuft zwischen Jagd und Triumph, zwischen einer unkörperlichen Lust und niemals zu befriedigendem Genuß an ihren Trophäen, von denen sie sich ab und an trennen müssen, weiterer Jagdbeute zu willen. Steht hinter diesen Unternehmungen verborgen ein erotisches Moment? Oder eines der Sehnsucht nach gegenständlicher Wunscherfüllung? Zur Gänze läßt sich die Frage nach der Motivation kaum beantworten. Etwas Archaisches steckt gewiß in dieser Sucht nach Spielzeug, das, aus Mangel an Pecunia, sich nicht an teuren Kunstwerken delektieren kann. Der kleine Mann kauft Kram statt Gemälde von Beckmann oder Otto Dix, statt goldener Uhren oder antiker Münzen. Doch die Empfindungen aller Sammler gleichen einander, weil sich etwas in ihrem Besitz befindet, das, im Gegensatz zu ihrer Existenz, ihnen ganz allein gehört.
Ein tödlicher Irrtum
Auf einem Bahnhof im Warthegau, dem von Deutschen besetzten Polen, hält ein Zug. Auf dem Bahnsteig eine Frau nebst Kind. Sie ist unterwegs, um sich mit ihrem Mann, einem Oberleutnant der Wehrmacht, zu treffen. Sie steigt mit dem Kind ein. Im ersten Abteil, wo sie Platz findet, sitzen ältere Herrn, ordensgeschmückt, EK
I und andere Auszeichnungen an den Jacketts. Die Frau fühlt sich angeheimelt angesichts der verdienten Frontkämpfer aus dem Ersten Weltkrieg. Sie ahnt nicht, daß es sich insgesamt um Juden handelt. Der Zug fährt weiter. Und hält an einer Rampe ohne Ortskennzeichen. Sie merkt, daß sie in den falschen Zug gestiegen ist, als ihre Mitreisenden aus dem Wagen geprügelt werden. Auf ihren Einspruch hin wird sie verhört. Ihr Fall wird dem Lagerkommandanten unter-137
breitet, der entsprechend entscheidet: Sonderbehandlung wie alle übrigen. Der Oberleutnant wird seine Frau und sein Kind, die längst zu Asche geworden sind, niemals wiedersehen. Statt dessen erhält er die traurige Nachricht, seine Angehörigen seien bei einem Luftangriff ums Leben gekommen. Das wird ihn darin bestärken, haßvoller den Feind zu bekämpfen.
(Dies ist keine kleistsche Anekdote, sondern, so unglaublich es klingen mag, die pure Wahrheit, von Überlebenden den Auschwitz-Chronisten mitgeteilt.)
Bewundernswert, gar beneidenswert Max Frisch in einem seiner letzten Interviews, da er schon todkrank gewesen ist: er sei neugierig auf das Ende, sagte er in aller Gemütsruhe, und ob noch was danach käme oder nicht. Ein Stoiker hohen Grades, wie wir es einzig aus Berichten über antike Personen kennen - falls diese stimmen und nicht nachträgliche »Schönfärberei« darstellen.
Wenn es einem Autor an Kreativität mangelt, wird er zum Juror und Preisverleiher, zum Richter über jene Schriftsteller, die er insgeheim beneidet, und an denen er seine künstlerische Minderwertigkeit rächt. Aber andere herabzusetzen bedeutet nicht, dadurch höher zu steigen. Von solchen Halbtalenten wimmelt es in Deutschland, und manche von ihnen erreichen hinter den Kulissen Positionen, mit denen sie die eigene Schwäche kompensiert glauben.
Neulich geträumt, ich hielte die erstaunlich warmen Hände meiner Mutter in den meinen, während ihre sonstige Figur völlig nebulos und unerkennbar war. Würde ich ans Jenseits glauben, wäre mir diese Berührung der Be-
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weis für die Existenz einer anderen Welt. Dennoch: merkwürdig genug war diese Begegnung schon und darum unvergeßlich.
Im Aufblitzen eines Gedankens sieht man die Welt anders, aber nach Erlöschen des Einfalls sinkt sie in das gewohnte Dunkel zurück. Wir werden ihrer, der Welt, Ungewöhn-lichkeit bloß für Sekundenbruchteile gewahr. So verhext durch eine verblendende Wirklichkeit sind wir schon geworden. Doch vielleicht könnten wir, hielte der Moment erwähnter Luzidität ständig an, gar nicht existieren, ohne uns aus dem nächsten erreichbaren Fenster zu stürzen.
Lob des Staus
Viele autofahrende Mitmenschen haben mir berichtet, daß sie zwar manchmal während des Fahrens Musik hören, Wortsendungen hingegen im Stau. Im Stau schlägt die Stunde der Literatur. Da ohnehin kaum noch gelesen wird, bietet der Stau eine außerordentliche Chance für Belletristik und Lyrik. Der erzwungene Halt ist vielleicht eine der letzten Chancen, daß die Texte der Dichter Gehör finden. Denn Bücher werden bekanntlich kaum noch gekauft.
In der Abgeschiedenheit und Isolation der blechernen Zelle greift der verzweifelt Ausharrende zum Radioknopf, und wenn er nicht gerade ein Anhänger von Rock und Pop ist, gerät er zufällig, möglicherweise sogar unweigerlich an ein Programm, dessen Umfang sich in den letzten Jahren ständig weiter reduziert hat: an das literarische. Notgedrungen lauscht er einer Stimme, die ihm etwas vom »Zauberberg« erzählt, vom »Stechlin«, oder ihm ein Gedicht ins Ohr träufelt. Es soll schon vorgekommen sein, daß der unerwartet vereinsamte Zuhörer von dem, was er ver-
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nimmt, gefesselt ist. Der verblassende Zauber der Literatur gewinnt neues Leben. Insbesondere wenn die erzählende oder deklamierende Stimme den verlesenen Text gestaltend wiedergibt. Gar nicht eigentümlich scheint mir, daß die orale Interpretation das Wort mit erhöhter, gar umfassenderer Bedeutung aufladen kann, als es dem Selbstleser möglich wäre.
Der körperlich abwesende, in nebuloser Ferne sich befindende Vortragende gerät solchermaßen zum Partner für den Wartenden, dem dadurch das Warten, eine der trübsten menschlichen Erfahrungen, leichter, ja, ergötzlich wird. Gute Vorleser wie Gert Westphal oder Thomas Mann verstehen es, ihr Publikum für die Zeit des Vorlesens der jeweiligen Langeweile zu entheben. Dabei handelt es sich fast um einen Rückfall in die Frühzeit, in die Vorvergangenheit, da man - selber der Schrift unkundig - dem Erzähler hingegeben zuhörte. Noch im 19. Jahrhundert, wie uns die altertümlichen Bilder zeigen, liebte man es, im Schein der Petroleumlampe etwas vorgelesen zu bekommen. Diese biedermeierliche Intimität ist verschwunden, nun sind der Hörer und die für ihn anonyme Stimme allein. Ich will hier behaupten, daß der Rundfunk diese vergangene Form der Kommunikation des einzelnen mit der Literatur zwar nicht hundertprozentig ersetzt, aber doch auf seine elektronische Weise eine Tradition fortführt, von der wir hoffen, sie möge nicht und nie enden.
Literatur im Radio - ein letztes Lebenszeichen von notwendigem und dankenswertem Zusammenhalt jener, für die der Schriftsteller sich dem Hörer unvorstellbaren Mühen unterzieht, und dem in den medialen Hintergrund gedrängten Kunstwerk. Diese Zusammenkunft von Literatur und Hörer derselben an einem obskuren Platz ist besser und erfreulicher und bereichernder als das Gewummer der Bässe aus sechzehn Lautsprechern.
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In einer Situation des zunehmenden Analphabetismus ist die Wichtigkeit des Geschriebenen in die Übersetzung des zu Hörenden kaum zu überschätzen. Die in vielen Sendern gängige Meinung, die Musik oder Lärm und Geräusch habe zu dominieren, leistet dem Ungeist und damit der Barbarei Vorschub. Darum lobe ich den Stau, weil er manchen dazu zu bringen vermag, Literatur nicht als schulischen Lehrstoff, sondern als spannendes Abenteuer, als wahrhaft unterhaltend zu erfahren. Also, Leute, mehr Staus sind von Nutzen. Beten wir für ihre Erhaltung.
Unter Jugendlichen spielt die Zukunft oder der Gedanke an die Zukunft keine Rolle mehr. Man lebt jetzt, das Morgen ist abgemeldet. Es scheint ein Konsens zu bestehen, alles, was kommen könnte, zu ignorieren, und das nicht einmal bewußt. Als ich siebzehn, achtzehn Jahre alt war, drehten sich oftmals Gespräche mit Gleichaltrigen um eine nahe oder ferne Zukunft. Nicht daß sie uns rosig erschien, immerhin aber voll möglicher Überraschungen, möglicher Erlebnisse, möglicher Chancen für Unternehmen (meist nebuloser Art). Mit Freunden auf langen, manchmal nächtlichen Spaziergängen malte man sich aus, was einmal werden oder sein könnte. »How new will the better world be«, hieß ein Aufsatz im »Reader's Digest« (außer dem Titel in Deutsch gedruckt), den ich las, fasziniert, und als Stoff für eigene Träume und Spekulationen. Als wolle eine veränderte Welt heraufdämmern, mehr als ein Silberstreif am Horizont der Nachkriegszeit. Bis der sich langsam konstituierende Alltag einer Alltagsgesellschaft die Visionen einschränkte. Bis der Zustand jugendlicher Trunkenheit ohne Wein in den Zustand mit den entsprechenden Alkoholika mündete.
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Augenmensch - das bin ich von jeher gewesen. Wahrscheinlich eine Kindheitsprägung. Denn ich lebte in und mit Bildern aller Art. Im Bett liegend, kolorierte ich die Zeichnungen von Karl Arnold in einem Gedichtband von Ringelnatz, von dem »persönlich« meine Mutter eben diesen Band gekauft hatte. Auch Wilhelm Busch war vor meinen Zeichenstiften nicht sicher. Ich sammelte (mit Hilfe meiner Mutter) Magazine der zwanziger Jahre, immer wieder über die Fotos gebeugt, die mir eine soeben von Hitler beendete Vergangenheit zeigten: angesichts dieser versank für mich die triste und trostlose Umwelt. Als jemand mir ein NS-Schulungsheft mit Reproduktionen »entarteter Kunst« schenkte, schnitt ich die Werke der großen Expressionisten und Kubisten aus und verfertigte daraus ein schmales Büchlein mit den Gemälden und Skulpturen der Verfemten. Was Wunder, daß ich selber zu zeichnen begann; dazu saßen mir Verwandte und Bekannte Modell. Ich bedeckte die Wohnungswände mit meinen Hervorbringungen, und als ich einen winzigen und billigen Fotoapparat erhielt, begann ich auch zu fotografieren, als Zehn- oder Elfjähriger. Damit war mein Schicksal besiegelt, waren die Weichen für meine Zukunft gestellt, ohne daß ich es ahnen konnte. Denn als der Krieg zu Ende war, ich als Sechzehnjähriger (ohne Lehre) etwas Praktisches unternehmen mußte, blieb mir nichts anderes übrig, als eine Kunsthochschule zu besuchen, in der ich knapp fünf Semester blieb - bis zu dem Moment, da ich zu schreiben anhob. Was an Texten entstand, war durch Visualität bestimmt, keine abstrakte Reflexion meines Zustandes, sondern konkret Bildhaftes. Nachdem ich die Gedichte
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meiner »Paten« Carl Sandburg und Edgar Lee Masters gelesen hatte, fasziniert von der Anschaulichkeit ihrer Sujets und Themen, merkte ich: Gedichte sind Bilder aus Worten. Die Bilder umschreiben den unsichtbaren Kern dessen, was mich erfüllte und bewegte, ohne durch direkte Benennung ins Triviale abzugleiten. Und das Abgeschaute wird zum Vermittler der Intention und Inspiration, es spricht für sich und zugleich für den Dichter, der nur die Augen aufzuschlagen braucht, um sich dem Gegenstand unauflöslich zu verbinden. Alle Dinge werden gleichnishaft und damit aus ihrer puren Materialität erlöst.
Welch ein die Stimmen übertönender Lärm! In der Po-stojna Jama, der gewaltigen Höhle, von Dante als Eingang zum Inferno ernannt, in Ex-Jugoslawien gelegen, rauscht, nein, lärmt ein unterirdischer Strom zwischen den Felswänden. Nässe und Dunkelheit, makabre Beleuchtung. Eine winzige Bahn, offene Waggons, die Einfahrenden mit wasserabweisenden Planen verhüllt, so erlebten wir die unbewohnbare Unterwelt. Eine Reise ins Nichts und durchs Nichts. Tropfstein, Glitschigkeit, unerfreuliches Inneres der Mutter Erde. Speläologen erscheinen mir als unausgegorene Geschöpfe, »magisch«, muß man wohl sagen, angezogen von einem leblosen, verschachtelten Labyrinth, das durch keine Überraschung ausgezeichnet ist als durch die Möglichkeit, das Tageslicht nie wiederzusehen. Selbst ein Minotaurus hielte es hier auf Dauer nicht aus. Was wohl treibt Menschen in solche Kavernen, wo es außer dem Immergleichen nichts zu entdecken gibt? Wir standen einst am Quell der Sorgue, wo auch Petrarca ehedem gestanden: unter einem steinernen Baldachin sprudelte Wasser, ein überdecktes Bassin; darunter ging es Hunderte von Metern hinab, bis zur Tiefe unerforscht.
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Taucher, die es versuchten, kamen nie zurück. Ist es das Spiel mit der Gefahr? Der Freudsche Todestrieb? Das Verlangen, andere zu übertrumpfen, Erster zu sein, gefeiert zu werden, sich eingeschrieben zu haben ins Buch der Geschichte oder wenigstens ins Guinness-Buch der Rekorde? Alle Entdeckungen sind nach außen gerichteten Aktionen zu verdanken, der Abwehr des eigenen inneren Abgrundes, in den zu tauchen nicht einmal dem Psychiater gelingt.
Ich stelle mir vor, Franz von Assisi predigt den Vögeln, sie horchen gespannt zu und fliegen davon, seine Botschaft weithin zu verbreiten, geraten jedoch sogleich in die Netze der Vogelfänger, die bereits ihr Kochgeschirr auf den angeheizten Herd gestellt haben: Schicksal aller gütigen Verkündigungen. Gegenteiliges ist nicht bekannt.
Jetzt fällt mir auf, daß ich einen bestimmten Traum seit langem nicht mehr erlitten und ihn beinahe vergessen habe. Kroch durch fürchterlich enge Röhren oder Kavernen, aus denen es kein Zurück mehr gab. Gefühl beängstigender Bedrängnis, Eingeschlossensein, mühsam voranrobbend, um aufatmend zu erwachen. Spekulation: So machte sich das Geburtstrauma bemerkbar, unbewußt der ans Tageslicht gezogenen oder herausgepreßten Frucht eingeprägt. Der Körper weiß mehr als das Hirn. Doch solches Wissen regt sich manchmal, wenn der Kopf es nicht bewacht. Meine ich.
Unterhalb der Zivilisations- und Kulturdecke regt sich Archaik. Die Venus von Willendorf lebt wie eh und je. Nach Aussage von Prostituierten zahlen die »Freier« für jedes Pfund Fleisch (oder Fett) ein Aufgeld, denn das
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öffentliche Ideal der Schlankheit, des nahezu knabenhaften Körpers, stellt doch nur ein kommerzielles Produkt dar, bzw. resultiert aus der Homosexualität der Modeschöpfer. Unbeeinflußt davon, treibt es den undomesti-zierten Mann zur weiblichen Fülle wie von alters her. Auch ein Zeichen dafür, daß der sogenannte »alte Adam« seinem Wunschbild und dessen üppigen, unübersehbaren Signalwirkungen willig und wehrlos und immerdar folgt.
T. schenkte mir eine elektronische Katze namens Kitty, die in der Gebrauchsanweisung zum lebenden Wesen gemacht wird: »Kitty needs attention and Stimulation to be happy. It is important to play with her and not forget to take care of her.« Solchermaßen heben unabsehbare Veränderungen an. Als demnächst Folgendes werden wir uns elektronische Kinder zulegen, elektronische Männer und Frauen, die ebenfalls attention und Stimulation nötig haben, um selber der Aufmerksamkeit und Anregung teilhaftig zu werden. Und eines Tages werden wir glauben, daß ihr Inneres dem unseren gleicht, und unsere Liebe wird inniger, weil problemloser sein, als wenn wir es mit Personen aus Fleisch und Blut zu tun hätten. Doch niemand wird uns davor warnen, Geschäft ist Geschäft ist Geschäft; wir selber müssen ohne Gebrauchsanweisung für uns auskommen, obwohl wir diese dringend brauchten: »Not to forget to take care of yourself.«
Statements abzugeben heißt, sich selber über etwas klarzuwerden. Wirkung ist keine zu erwarten. Die Wirklichkeit ist eine Dampfwalze, vor der es kein Entrinnen gibt. Eine Sammlung nutzloser Proteste würde eine Bibliothek füllen. Dennoch und trotzdem: Man muß das Seine sagen (oder schreiben), selbst wenn man von der Nutzlosigkeit der Erklärung überzeugt ist. Das Ende ist bekannt. Das Individuum stellt sich vor eine einstürzende Wand und wird später zitiert. Auch ich stelle mich dem Unheil in den Weg, hoffnungslos, wie viele vor mir und viele nach mir. Also schreibe ich, was zu schreiben ist.
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