2005
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Je neuer die Jahre sind, desto weniger sind sie erwähnenswert. Denn das sogenannte »Neue« am neuen Jahr ist meist eine Reprise des vergangenen. Was die Leute da immer noch enthusiastisch feiern, ist mir ein Rätsel. Oder doch keines: es handelt sich nur um den Veitstanz der Amnesie, ein Massenphänomen, Futter fürs Fernsehen, Geschäft der Knallkörperfabrikanten und Alkoholhändler. Wie die Silvesterfeier ist auch der nachfolgende Katzenjammer ein unabdingbarer Teil des Programms mit dem Klassiker-Titel »Der Mensch in seinem dunklen Wahn«. Na, dann prost!
Neulich das Seebeben im ostasiatischen Raum: 150000 Tote. Da ist sie wieder: die Zahl, die den Tod zur Abstraktion verurteilt. Zwar erblickte man per Elektronik einige Leichen, doch die sehen wir auf diesem Wege sowieso nahezu täglich. Aber die Zahl verbindet sich mit keiner Vorstellung mehr, mit keinem Empfinden. 150000 einfach weg! Und die überlebenden Touristen in Thailand feiern weiter und rufen nach dem nächsten Bier. Und morgen wird alles vergessen sein, weil die Menschheit an chronischem Gedächtnisschwund leidet. Ihr ist und wird nicht klar, daß sie auf Hekatomben tänzelt, auf den Gräbern der für die Katastrophen ebenfalls Blinden. So lange alles gutgeht, geht alles gut - ein Axiom, das ich hiermit zu weiterem Mißbrauch verschenke.