2003
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Sechs Uhr dreißig und stockfinstere Nacht. Schlaflosigkeit. Unruhe. Die Kerze brennt an beiden Enden. Warum kann ich kein Baum sein, Sequoia am besten, um in Zufriedenheit über alles hinwegzusehen.
»Es ist der Geist, der sich den Körper baut«, sagt Schiller, und nun muß ich annehmen, daß enorm viele hübsche, busenreiche Blondinen unerhört geistreich sein müssen. Von den Körpermaßen her gesehen.
In Manila hat sich die Zahl der Toten durch einen Erdrutsch auf einer Mülldeponie am Dienstag nach offiziellen Angaben auf 85 erhöht. Dutzende Personen wurden weiter vermißt, den Bergungsmannschaften zufolge bestand jedoch kaum Hoffnung, noch Überlebende aus Unrat und Schlamm zu bergen. Rund hundert Personen wurden nach Behördenangaben verletzt, etwa 1500 seien obdachlos geworden. (Reuters)
Es sind keineswegs die Leitartikel, sondern die kleinen Meldungen, die Auskunft über den Zustand der Welt geben. Manila ist paradigmatisch. Wir leben mehr und mehr auf einer planetarischen Müllhalde. Allein in Deutschland gäbe es fünfzigtausend wilde Deponien, heißt es, und diese zu »entsorgen« sei unbezahlbar. Wollte man den Menschen definieren, so ist er vor allem ein Geschöpf, das Dreck und Abfall herstellt. Denn was auch immer dem augenblicklichen Zweck dient, es veraltet, verrostet,
verschleißt, vergammelt, zerfällt. Durch die permanente Produktion industrieller Erzeugnisse, handele es sich um Schokoladenpapier, Condome, Zeitungen oder Kühlschränke - irgendwohin muß das zum unbrauchbaren Müll gewordene Produkt. Zwar wird einiges recycelt, doch das ist ein Minimum dessen, was »nachwächst«. Ich selber wohne gegenüber einer abgedeckten, »versiegelten«, begrünten, mit Abluftschächten für das sich bildende Methangas versehenen Deponie. Keiner weiß genau, was da im Boden schlummert; ich vermute: eine Zeitbombe. Und fünfzigtausend Zeitbomben in Deutschland erweisen sich nicht gerade als günstige Zukunftsperspektive. Und es mag einst der Tag kommen, wo das Entsorgungssystem aus Mangel an Pecunia ölet zusammenbricht und wir alle zu Filipinos werden, mit beiden Beinen im Mist, mit dem Kopf in den überschwemmungsträchtigen Wolken aus Utopistan.
Mein Irrtum war, die Notizen statt der Seiten zu numerieren. Nun habe ich ein Chaos bewerkstelligt, in dem ich mich nicht mehr zurechtfinde. Jetzt werde ich Seiten markieren und trotzdem die Zahlen der Notizen beibehalten. Mag sich späterhin der Teufel in dem ganzen Wust zurechtfinden. Ich kapituliere vor meiner Unordentlichkeit. Nicht einmal die Anzahl der Blätter ist mir noch erinnerlich. Eine Alterserscheinung? Oder Folge der endlosen Schreibtischarbeit? Der viel zu vielfältigen Texte, die kein Kontinuum bilden? Mag es also anarchisch weitergehen. Sinnlos ist es sowieso.
Heute nacht geträumt, in Hitlers »Alpenfestung« gewesen zu sein. Viele Touristen außer Marianne und mir. Die Räume riesige leere Betonkuben, fensterlos und grau.
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Menschen standen in einer Schlange nach irgend etwas, vielleicht nach Souvenirs, geduldig an. In einer Ecke ein Stand mit heißen Bockwürsten und Brötchen, und ich sagte zu Marianne: Laß uns doch hier eine Wurst essen, richtig speisen können wir ja am Abend. Wollte ich versuchen, den Deckel von meinem Unterbewußtsein zu heben, so müßte ich die leeren Räume als Fotografien von erhalten gebliebenen Gaskammern deuten und die anstehenden Leute als jene, die ihrer Vernichtung entgegenharrten. Freilich: emotional war der Traum keineswegs beängstigend. Womöglich, weil ihm ein vor Jahrzehnten vollstrecktet realer Besuch in Hitlers Teehaus auf dem Obersalzberg beigemischt war, wo ich ebenso wenig empfand wie heute nacht.
Keine Zukunftspläne. Es gibt keine Zukunft mehr, im allgemeinen und im besonderen. Der Weltverlauf besteht aus Episoden, die sich wiederholen, bloß in anderen Maßstäben und Formaten. Die Mächte, auch die Weltmächte, kommen und vergehen. Die Nachfolger heben, im He-gelschen Sinne, wohl stets etwas vom Vorangegangenen auf, sind jedoch zur Kontinuität unfähig. Nur die jeweiligen Generationen, insbesondere die absterbenden, bilden sich immer ein, alles werde ganz anders, ihnen ganz fremd und fremdartig. Doch hinter dem Schleier von Neuartigem rumort der sogenannte »alte Adam« mit seinem Hohlkopf. Unsere mentale und intellektuelle Entwicklung ist längst abgeschlossen. Veränderungen sind rein äußerlich. Und die Bezeichnung »Intelligente Bombe« während des Irak-Krieges demonstriert die Abdankung des Menschen von einem emanzipierten Intelligenzbegriff. Wäre eine Bombe intelligent, sie würde weder fallen noch etwas zerstören. Gemeint ist ja allein die mechanistische Zielsu-
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che, wie sie Milliarden Planetariern eigen ist. Und wollte man, wie ich es längst getan habe, von der globalen Katastrophe ausgehen, dann ist die einzige intelligente Bombe der Mensch selber in seiner unabänderlichen Fehlverfassung.
Bei Sankt Petersburg sind die Gebeine von 30000 napoleonischen Soldaten entdeckt worden. Wollte man die gesamte Erde unserer Kontinente durchsieben, wir würden staunen (nicht erschrecken), daß wir auf einem Gräberfeld hausen, auf einem Schindacker, auf einem Friedhof ungeheuren Ausmaßes. Aber wer will das schon wissen?
Schreiben, reden, schweigen - Tucholskys Treppe befindet sich auch in meinem Haus, wobei ich die letzte Stufe noch nicht betreten habe.
AACHEN Kopf durch die Stadt getragen
Ein Mann ist am Dienstag mit dem abgetrennten Kopf seiner Schwägerin und einem Messer durch die Fußgängerzone der Kleinstadt Übach-Palenberg in Nordrhein-Westfalen gelaufen. Entsetzte Passanten alarmierten die Polizei, die den 24-Jährigen festnahm. Die Leiche seines 25-jährigen Opfers wurde in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus gefunden, (dpa)
Auffallen um jeden Preis. Der Untergang in der Masse Mensch ist bedrohlich; ergo, man muß sich aus dem Brei herausheben, mit allen Mitteln. In Aachen hat es mal wieder einer geschafft, in die Zeitung zu kommen, was, wie wir wissen, immer schwieriger wird. Da muß man sich schon was Besonderes ausdenken. Obwohl selbst das extremste Unternehmen in kürzester Frist vergessen wird, weil unsere durch zunehmendes Tempo gekennzeichnete
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Zivilisation auf Vergessen beruht. Erinnerungslosigkeit ist eine der tragenden Säulen der Gesellschaft. Daran ändern auch die Gedenkmaie und Mahnmale nichts, da sie Vergangenes historisieren und somithin aus dem aktuellen Bewußtsein löschen. Die Gewöhnung ist der Meister des Verschwindenlassens. Und wo die Blutrunst und die Leichenverfertigung via Fernsehen Alltag sind, wird derlei gruselnd Angeschautes, falls es in der Realität auftritt, auch nur zu einer Szene unter unzähligen. Der Amoklauf ist die irrtümlicherweise letzte Hoffnung, aus der Anonymität banalen Daseins ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu gelangen, doch die Öffentlichkeit kennt keine langen Fristen und vergibt nur kurzzeitig Plätze für Sensationsproduzenten, weil schon so viele selber auf ein Plätzchen an der ungetreuen Sonne warten.
Fast täglich meldet die Presse sexuelle Vergehen an Kindern. Und ich frage mich, ob derlei Abartigkeiten nicht die Abartigkeit der Gesellschaft denunzieren. Ob dies nicht ein Merkmal für die Infantilisierung der Gesellschaft ist, bezeichnenderweise »Spaßgesellschaft« genannt, womit der triumphale Unernst als Markenzeichen anerkannt wurde. Selbst der Tod, sofern er einen nicht selber betrifft, wird, falls er mehr oder minder Prominente »heimholt«, zu einem Medienereignis neben anderen. Ansonsten wird in Anonymität gestorben und mehr und mehr, wegen der Kosten, auch in Anonymität begraben. Das öffentlich geäußerte Entsetzen stellt nichts anderes dar, als eine vorgeprägte, erwartete Äußerung, ganz gleich, ob es sich um Amoklauf, Selbstmord, Vergewaltigung oder brutalen Raubüberfall handelt. Es wird vom Zuschauer oder sonstwie am Rande Teilnehmenden just jene Formel erwartet, die er schon x-mal in der Zeitung gelesen, im Fernsehen
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gesehen, im Radio gehört hat. Inwieweit tatsächlich eine innere Betroffenheit zutage tritt, gehört zu den Geheimnissen der Industriezivilisation.
Haft nach Macheten-Angriff
Afrikaner skalpiert Frau in Münchner U-Bahn vor Augen der Fahrgäste
Die Wirklichkeit übertrifft immer die Horrorfilme, bei denen es den Zuschauer so angenehm gruselt. Aber der Horror ist längst Alltäglichkeit geworden, weil der sogenannte Mensch eine moralische Hemmschwelle überschritten hat; nun zeigt es sich, was mit uns los ist. Die Zivilisation? Nicht nur dünner Firnis, eher: Der Lack ist ab. Im Grunde wird Humanität und Moralität nur noch vorgetäuscht. Kriminelles Sichausleben ist an der Tagesordnung, und jener Essay mit dem Titel »Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet«, aus dem frühen 19.Jahrhundert, hatte, obwohl man es damals kaum bemerkte, Signalcharakter. Inzwischen ist das Töten alltäglich geworden und findet einzig bei außerordentlichen Fällen noch eine gewisse müde Aufmerksamkeit, und bloß noch das Extreme wird registriert, wobei die nächste Ungeheuerlichkeit ihre Vorgängerin schon in den Schatten des Ver-gessens stellt. Wir haben Freiheit gewonnen - um den Preis völliger Bindungslosigkeit an Regeln menschlichen Zusammenlebens. Übrigens scheinen auch die Fahrgäste der U-Bahn bereits so weit von jedem, meinetwegen christlichen oder ethischen, Ordo entfernt, daß sie das, was vor ihren Augen geschieht, als eine Realinszenierung des filmisch Bekannten hinnehmen: die Grenze zwischen Realität und Fiktion kann als aufgehoben angenommen werden. Daß es sich hier bei dem Untäter um einen Afrikaner handelt, mag sogar eine klammheimliche Befriedigung bei den
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Zuschauern ausgelöst haben: Ja, so sind sie, die Neger! Bringen sich doch auch in Afrika millionenfach um! Sollen sie doch ... Dann sparen wir uns die Entwicklungshilfe, zu der wir aus unserem schmaler werdenden Portemonnaie ohnehin zuviel beitragen müssen!
Selbst die Häufung der Morde an Kindern stumpft das Publikum ab; die Entrüstung wird zum Ritual. Und weckt allein dort Interesse, wo ein spezielles Moment hinzukommt, wie bei der »Entsorgung« von zwei Kleinkindern durch zwei sexuell krankhafte Zeitgenossen, die ihr Verbrechen akkurat aufgeschrieben und auf Diskette übertragen haben: Buchhalter des sinnwidrigen Todes. Ihnen ist natürlich ein enormer Bekanntheitsgrad sicher, doch selbst sie werden nach der nächsten verübten Scheußlichkeit im Archiv der Presse beerdigt und keiner Resurrektion gewürdigt werden.
Erstaunlich jedoch, wie groß der Einfallsreichtum von Übeltätern gegenüber der Fantasielosigkeit des Normalbürgers ist. Oder wäre zu fragen, ob nicht die besagten Mörder »ausführende Organe« einer allgemein vorhandenen Latenz zum Töten sind? Boten des generell Unbewußten, Realisateure der finsteren Träume von »anständigen« Menschen, die an ihrer Anständigkeit kranken? Die Langeweile ist, neben spontanen Handlungen, ein starker Antrieb, der Ödnis des Lebens zu entkommen, und sei es um den Preis der je eigenen Existenz. Die Theorie, daß der Mörder kollektiv Verdrängtes vollziehe, gehört zu den Behauptungen der Psychologie und der Literatur im frühen 20.Jahrhundert. Was bereits eine halbe Entschuldigung für den Täter bedeutet, dessen gewöhnliche Unbildung sich auf diese Hypothese nicht zu berufen imstande ist.
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Erinnern. Als Kind war ich ein Waffennarr und bin es graduell heute noch. Was besaß ich nicht alles an mörderischem Handwerkzeug, ohne daß mir noch die Herkunft der Dinge bewußt ist. Da war ein gewaltiger Schleppsäbel, im Berlinischen »Plempe« genannt, den ich kaum aus der Scheide ziehen konnte. Ein Stichdegen mit Korbgriff. Ein doppelläufiges Jagdgewehr, freilich altertümlich, mit zwei zu spannenden Hähnen und einem Ladestock, ergo: Vorderlader. Dann jener französische Gebirgsjägerkarabiner. Ein Luftdruckgewehr. Ein schwergewichtiger Trommelrevolver (elf Millimeter, sogenannte »Zimmerflak«), angeblich aus Lettow-Vorbecks Afrika-Truppe stammend. Eine Leuchtkugelpistole aus Messing oder Bronze. Eine Reiterpistole des 18. Jahrhunderts, ein schönes Stück, ebenfalls Vorderlader. Eine (halbe) Pistole 08 ohne Lauf. Ein Schreckschußrevolver. Eine Schreckschußpistole, bei der die Patronenhalterung durch eine Öffnung unter dem Lauf lief. Zwei Flobert-Pistolen, eine mit langem, eine mit kurzem Lauf, ebenfalls nur Schreckschuß. Einen ausein-anderschraubbaren Dolch, teils Messing, teils Kupfer. Ein großes Jagdmesser, Geschenk von einer Hausbewohnerin (Agathe Kuhn), die es von Herrn Platzmann bekommen hatte, ein Jude, der noch vor dem Kriegseintritt Amerikas in die USA auswandern durfte, und der garantiert niemals auf einer Jagd gewesen war. (Besitzer zweier Optikerläden, die er seiner Verkäuferin überschrieb.) Von meinem Großvater erhielt ich ein großes Klappmesser mit Arretierung. Hatte auch ein kleinkalibriges Gewehr, dessen äußerer Lauf achtkantig gewesen ist; mit Platzpatronen und einer in den Lauf verbrachten Kugel schoß ich einen Klubsessel tot. Auch setzte ich mir hin und wieder einen russischen Feuerwehrhelm aus Messing auf den Kopf, um mich entsprechend zu maskieren. Es lag wohl an der Atmosphäre
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der Zeit, daß man an Waffen sich vergnügte. Kurze Zeit wurde mir auch eine Walther 08 von Günther Jerochim geliehen, einem guten Bekannten unserer Familie. Das nun war eine wahrlich echte Waffe. Vermutlich grassierten im Kriege Waffen überall, denn die Soldaten brachten sie als Beutestücke mit nach Hause. Gewehrpatronen für den Karabiner 98 ertauschte man sich in der Schule - ein Volk in Waffen, kann man sagen, obschon keine gegen Ordnungshüter oder anderes Gesindel gerichtet wurde. Immerhin: der Tod stand bei all den Geschenken Pate. Und es wundert mich immer noch, daß mir damals nichts geschehen ist...
Im »Redwood Empire« in Sausalito, nördlich von San Francisco, wachsen die Bäume wahrlich in den Himmel, so daß man ihre Kronen nicht sehen kann. Was an Blättern zu Boden fällt, kann mit »Ur-Laub« bezeichnet werden. Auf einer mehr als mannshohen Baumscheibe waren die Jahresringe mit Geschichtsdaten markiert. Als Christus längst tot war, legte der Stamm immer noch an Umfang zu. Die Gleichgültigkeit solcher Geschöpfe gegenüber den Zeitläuften bewirkt ihr Alter. Wir hingegen werden von der Historie rasch verschlissen. Vielleicht zu Recht.
Ich habe mir über Menschen berichten lassen, die leidenschaftlich durch Schlüssellöcher spähen, in der Erwartung, etwas Außerordentliches zu erblicken. Der Voyeurismus kann zur Manie werden, selbst wenn es nichts Wesentliches zu sehen gibt. Allein das Gefühl, etwas zu beobachten und dabei selber nicht gesehen zu werden, gibt der Fantasie Auftrieb. Man lugt durch einen engen Ausschnitt und nimmt vielleicht nur ein Körperteil wahr, eine Person, die am Tisch eingeschlafen ist, nicht ahnend, zum Objekt
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einer speziellen Aufmerksamkeit geworden zu sein. Der Beobachter kommt sich überlegen vor, dominant, er wartet gespannt, was geschehen wird. Schläft der Mann da-drinnen im Zimmer oder ist er tot? Wird er aufwachen, eine Pistole ziehen, sich erschießen? Wird er möglicherweise, weil er sich unbeobachtet glaubt, onanieren? Vor ihm liegt Papier. Wird er einen Brief schreiben? Einen Abschiedsbrief an die Welt, an die Geliebte, an seine Familie? Bietet er nicht die Assoziation zu Goyas Radierung »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«? Was geht in dem Schläfer vor? Träumt er, er linse durch ein Schlüsselloch und bemerke eine nackte Frau, die sich den Bauchnabel einölt? Ist sie jung oder alt? Wie ist die Größe ihrer Brüste? Harrt sie eines Mannes, jenes, der durchs Schlüsselloch schaut, und von dem sie hofft, er möge ungestüm eintreten? Die minimale Begrenzung des Blickfeldes schafft Vorstellungen, die, sobald sich das Auge abwendet, im Nu verfliegen. Wenn nämlich der Schläfer erwacht und aus dem winzigen Rahmen verschwindet, der ihm solche Wichtigkeit verlieh, wie er sie im Leben nie wieder gewinnen würde.
Schöner Herbsttag. Lichtblauer Himmel, Sonnenschein, Windstille - auch in mir. Eine große Ruhe besteht rund ums Haus und auch im Haus selber. Völlige Stille. So sollte es immer sein, so könnte ich es ein Jahrhundert lang aushalten und sacht am Schreibtisch vertrocknen wie eine Fliege, die Musils »Fliegenpapier« verpaßt hat, das Todesgezappel im süßen Leim. Herbst ist die bevorzugte Zeit der Dichter. Noch dazu Sonntag, ein Sonntag, von dem man wünschte, er möge nie enden. Und man verdrängt den unabweislich vom Kalender angedrohten Montag, da dich die Gewerke der Uhren trefflich kleinmahlen.
Der Sonntag aber öffnet das Tor zur Kindheit, weil dieser Tag Ewigkeitscharakter besaß. Doch die Ewigkeit währt nicht lange, nur daß du sie zu empfinden vermochtest, vielleicht sogar noch vermöchtest, verleiht dem Begriff den Schein von Wahrheit. Er, der Begriff, ist wohl aus diesem Sonntags- und Herbstgefühl geboren worden -wie alle abstrakten Begriffe Abkömmlinge einer kurzfristigen Realität sind. Anders können sie nicht in die Welt gekommen sein. Wie ich glaube und hoffe.
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