^^^^      > > > 

2002

Kunert 2013

91-120

Was mich zu diesen Notizen berechtigt? Daß sich auch in Scherben die Welt spiegelt.

Berliner U-Bahnfahrten

Während sie für die meisten ihrer Benutzer nichts weiter als ein großstädtisches Verkehrsmittel war, besaß die U-Bahn für mich fast eine mythologische Qualität. Als Kind zog es mich bei Ausflügen mit meinen Eltern stets in den letzten Waggon, an dessen Stirnseite man durch ein Fenster in den Tunnel schauen konnte. Faszinierend und aufregend, wenn der Zug anrollte und der hellerleuchtete Bahnhof immer kleiner wurde, schließlich zum Pünktchen schrumpfte, bis dieses hinter der nächsten Biegung ganz verschwunden war. Dennoch konnte ich mich nie von dem Fenster lösen, da hin und wieder matte Lampen vorbeiglitten, ein unterirdisches Reich, behaust von fantastischen Wesen.

Meine liebste Strecke jedoch führte direkt durch ein Wohnhaus. Denn hin und wieder stieg der Zug aus der Finsternis ans Tageslicht, und eine jener so verblüffenden Stellen, auf die ich schon wartete, war eben j enes Gebäude. Man ratterte lautstark in die Fassade hinein, als sei das selbstverständlich, um beim Zurückblicken die Kehrseite der Mietskaserne und den eckigen Torbogen, den man soeben durchquert hatte, mit Staunen verschwinden zu sehen.

Das zischende Offnen und Schließen der Türen, wobei ich mich meist fürchtete, eingeklemmt zu werden, sobald

der Wagen gut gefüllt war und man als letzter sich hineindrängelte. Unvergessen die Gerüche nach Kriegsende, Schwaden von stinkendem Knaster lagerten über den Köpfen, es roch nach Schweiß und sonstigen menschlichen Ausdünstungen, denen man nur zu gerne entfloh.

Meine abenteuerlichste, den Eingangssatz bestätigende Fahrt führte mich von Westberlin nach Westberlin unter Ostberlin hindurch. Nur matt erhellte Bahnhöfe, alle im Stadium des Verfalls, Aufenthalt schattenhafter Grenzwächter, halb verborgen hinter Trägern und Säulen. Solche Tour gemahnte an eine Hadesreise. Unheimliche Orte, lebensfeindlich, dem Leben entzogen. Untergründig und hintergründig zeigte hier die DDR, worauf sie beruhte: auf verstaubter, militärisch bewachter Leere.

Las eben das erste (noch ungedruckte) Kapitel eines Buches über Freud von dem Literaturwissenschaftler Michael Rohrwasser. Freud wird hier zum Nachfahren und Erben von Sherlock Holmes, wird zum Detektiv, der mittels der Psychoanalyse sein Objekt, den Analysanden, ausforscht und zum Reden, zum Eingeständnis seiner Komplexe bringt. Holmes und Freud reagieren dabei »erkennungsdienstlich« auf winzige, sonst übersehene Details, von denen sie eher Aufschluß erwarten, als von dem an der Oberfläche Sichtbaren. Holmes zieht aus Zigarettenascheresten und Fußspuren, aus zerknittertem Papier und anderen Beiläufigkeiten seine trefflichen, treffenden Schlüsse, die den Täter entlarven. Ähnlich Freud. Der Analytiker ist sich sicher, daß gerade Nebensächliches in den ihm gebeichteten Träumen ihn der Wahrheit des Patienten näher bringt, als der ganze Traum selber. Das ging mir sofort ein und bestätigte mich in meiner eigenen Sehweise auf die Dinge. Nicht im mindesten zufällig habe ich

92


oftmals die mißachteten Gegenstände, das alltäglich Ignorierte zu meinem Thema gemacht, indem ich über alte Häuser schrieb, über von ihren Besitzern vernachlässigte Wohnungen, über Blechspielzeug, über geschnitzte Negerköpfe, über Steine, ja, vor allem über Steine und ihre Bedeutung für mich. Ich klebte sozusagen am greifbar Konkreten, an dem von Menschen durch Gewöhnung nicht mehr Wahrgenommenen - ich jedenfalls nahm es wahr, und das noch dazu mit einer seltsamen Art von Mitgefühl für das zu Unrecht unbekanntgewordene. Jetzt frage ich mich, woher meine Detailbesessenheit kommen mag, und ich gebe mir selber unterschiedliche Antworten, ohne dabei eine zu favorisieren. Schuld daran könnte meine frühe Kriminalromanlektüre sein (unter anderem auch Conan Doyle's Geschichten), die mir vielleicht die Augen für das allgemein übersehene Beiwerk sich vordrängender »Hauptsachen« öffneten. Die minimalen Spuren, aus denen die Romandetektive und Kriminalisten meiner Kindheit und Jugend ihre Schlüsse zogen, regten mich wohl an, auf derartige Zeichen in meiner Wirklichkeit zu achten. Für den Aufwachsenden kamen, in doppeltem Sinne, die Dinge »zur Sprache«, indem sie mir nämlich Mitteilungen über ihr symbiotisches Dasein mit den Menschen machten. Ich betrieb ahnungslos eine spezielle Art von Psychoanalyse, insofern mir besagte »tote Dinge« vieles über meine Zeitgenossen verrieten, was ich wiederum (siehe oben) literarisch zur Sprache brachte. Wie Freud aus den Fällen seiner Patienten »Fallgeschichten« machte, so transformierte ich Zeichen in Anzeichen, in Indizien, in Beweisstücke für den unaufhörlichen An-thropomorphismus der Geschichte. Ich schrieb aus Überzeugung und als Alibi den programmatischen Satz: »Die Dinge können nicht lügen!« Dessen bin ich mir gegenwär-

93


tig, im Zeitalter der Vortäuschungen und der virtuellen Irrealität, sicherer als je.

Und einen weiteren Beleg für mein frei psychologisie-rendes Interesse entdeckte ich in meinen Rezensionen, in den Interpretationen der Gedichte für die »Frankfurter Anthologie«, wo meine hermeneutischen Bemühungen weniger dem Kunstwerk selber als vielmehr der Befindlichkeit seines Autors galten. Ich suchte in seinem Gedicht weder seine Technik, seine Vokalisierung, noch Rhythmus, Reim oder Enjambement zu erläutern, sondern fahndete, Sherlock Holmes getreu, nach seinem Seelenzustand, nach den Umständen, unter denen das Gedicht entstanden war, und welchen äußeren Einflüssen es sich verdankte. Mein Verständniswille für die Form ist deutlich gering gewesen.

Last not least rührt meine Aufmerksamkeit für Kleinigkeiten vermutlich aus der Prägung durch die Nazi-Zeit und durch die DDR her, was keine Gleichsetzung bedeutet, hingegen auf die Notwendigkeit, sich geringster Veränderungen in der Umwelt bewußt zu sein, verweist. Jene von den »verdorbenen Greisen« des sozialistischen Reglements geforderte »erhöhte Wachsamkeit« hatte ich bis 1945 als Kind gelernt und die Lehre nie vergessen, und auch später notgedrungen beibehalten. Während die Masse der Leute ziemlich apathisch auf ihr desaströses Umfeld reagierte, entlarvte sich das System vor meinem forschenden Blick - auf die von ihm vernachlässigten Dinge, auf seine disfunktionalen Hervorbringungen, auf den täglichen Albtraum, der als real herrschende Utopie ausgegeben wurde. Ohne Holmes und Freud wäre ich möglicherweise mit geschlossenen Lidern durch mein Leben und durch das der anderen spaziert, wie es die Vielzuvielen getan haben.

94


Irgendwann las ich einmal, wir verschliefen die Hälfte unseres Lebens, ein Umstand, der mich wenig bedrückt, da mein reges Traumleben ein durchaus akzeptables Äquivalent für die nächtliche Passivität darstellt. Daß Träume keineswegs Schäume seien, mitnichten etwas wie Lebensersatz, war mir immer klar gewesen. Die Intensität meiner Träume, ihre Farbigkeit, ja, das Abenteuerliche, in das sie mich verwickelten, kam mir vor wie ein Doppelleben. Die Räume, in denen ich mich schlafend bewegte, die Personen und Ereignisse, die mir begegneten, standen kaum hinter denen der Realität zurück, zumindest nicht emotional. Traumgefühle und Wachheitsgefühle decken sich nahezu. Wobei ich gestehen muß, daß ich in manchen Träumen ein gesteigertes Empfinden verspüre, das mir in der Realität versagt bleibt. Eigenartigerweise meist angesichts gewaltiger Landschaften, wie man sie höchstens von den Gemälden der Romantiker kennt. Mächtige Gebirgszüge, extrem hochaufgipfelnd, jeder Felsen scharf umrissen, und ich stehe davor, und das Einzigartige der naturhaften Erscheinung hebt meine Stimmung, so daß ich fast meine, einem ungeahnten Glück nahe zu sein.

Einmal träumte mir, ich befände mich innerhalb einer überdimensionalen Erdkugel, deren Oberfläche nicht nach außen, sondern nach innen gekehrt war: ein riesiger Hohlraum, weithin überschaubar, und der Horizont fiel nicht wie üblich ab, sondern stieg hoch und höher empor, so daß die geographischen Details vor meinen Augen aufwärts ragten. Zu meinem Bedauern hat sich mir der Globus nur ein einziges Mal so gezeigt. Den Ursprung aber kenne ich. In den zwanziger Jahren behauptete ein obskurer Kosmoserforscher, die Erde sei eigentlich ein Hohlkörper und alle bisherigen astronomischen Meßergebnisse seien irrig. Kaum zufällig wiesen die Nazis Sympathien für den Hohl-

95

köpf auf; schließlich bot er, im Gegensatz zur Weite und Unendlichkeit des Universums, eine geschlossene, gefängnisähnliche Welt an, aus der es keinen Ausweg, keine Fluchtmöglichkeit in die unabsehbare Ferne gab. Kein Wunder, daß dieses Modell den »niederen Dämonen« des Dritten Reiches gefiel: in dieser in sich geschlossenen Kugel konnte ihnen keiner entgehen. Titel und Verfasser des besagten Theorems vergaß ich längst und gründlich, bis es eines Tages bunt und bildhaft in meinem Schlummer zu meiner Befriedigung auftauchte. Der Weise hat recht: Nichts geht verloren ...

Ab morgen (28.2.02) ist der Euro einziges Zahlungsmittel in der Europäischen Union. Man trifft auf mangelnde Begeisterung bei den Konsumenten, denn, siehe und staune, alles ist, konträr zu den vollmundigen Versprechungen, teurer geworden. »Schreiben Sie uns ein kleines Statement«, bat Uwe Wittstock von der WELT mich gestern nachmittag. Und so unterzog ich mich mit gedämpftem Zorn der Aufgabe:

DM ade - Scheiden tut weh ...

Jetzt ist es endgültig geschehen: Wir sind um ein nationales Identifikationsmoment ärmer geworden. Die Bedeutung der Deutschen Mark als Mittel des deutschen Selbstverständnisses ersetzte und überdeckte tabuisierte nationalistische Unterströmungen. Der lautstark beschworene »Verfassungspatriotismus« war ein abstraktes Ver-legenheitskonstrukt, der »D-Mark-Patriotismus« jedoch etwas absolut Konkretes, Greifbares, das man, anstelle anderer hehrer, aber unerwünschter Symbole stets mit sich tragen konnte. Und diesen über den Kaufwert hinausgehenden Symbolwert sollte man nicht unterschätzen.

96


Während andere Völker ungeniert ihre Fahnen schwenken, Militärparaden zujubeln, mit Stolz auf ihre (ebenfalls nicht ganz saubere) Grandeur pochen, auf ihre (partiell geschönte) Geschichte, besaßen wir kaum mehr als die D-Mark, um unser nationales Ego zu stabilisieren. Was nun?

Unsere europäischen Nachbarn mögen den Verlust leichter verschmerzen, obwohl auch ihre Währungen ge-schichtsträchtige Bezeichnungen trugen, voran die antikisierend genannte »Drachme«, der »Franc«, wörtlich seinem Lande verbunden, der niederländische »Gulden« stammte vom Gold ab, und selbst der balkanische Dinar hat den »Aureus denarius« als Ahnen. Ganz abgesehen vom Taler, der als Dollar zur Leitwährung mutierte. Was würden wohl die Schweizer zum Euro sagen, nähme man ihnen die Fränkli? Eurli?

Daß mit dem Euro eine europäische Gemeinsamkeit, ein Zusammengehörigkeitsempfinden sich herausbilde, subsumiere man unter andere schwachsinnige Argumente wie etwa jenes, daß man ab sofort bei Auslandsreisen keine Umwechselung mehr vollziehen müsse. Als wenn täglich achtzig Millionen Deutsche auf unserem Kontinent herumführen! Der Geldumtausch gehörte doch wohl zu den geringsten Mühen für Touristen. Nein, der Coup der Regierungen und Banken stellt nichts anderes als einen Währungsschnitt dar: Durch Teuerung gleichen wir uns ziemlich unsanft den ärmeren Ländern an, wobei wir die DM-Vergangenheit vergolden und die Nostalgie nach der guten alten Zeit, da man noch mit Groschen und Sechsern und Pfennigen rechnete, befördern.

Für die in einem langen Koma liegende DDR war einst die D-Mark eine Aladinsche Wunderlampe. Wer sie besaß, der konnte sich über keinen Mangel beklagen. Vom Hand-

97

werker über Baumaterial bis zur Reparaturwerkstatt und Autoersatzteilen sorgte der Geist aus dem Säckel des Klassenfeindes für alles dringend Benötigte. Auch das ist vergessen, verdrängt, gewesen, passe. Vor dem Euro sind alle mündigen Bürger, die natürlich niemand nach ihrer Akzeptanz befragt, gleich, freilich unter einem Minuszeichen. Schlußwort: Meine Briefträgerin, sorgfältig die neuen Preise prüfend, hat seit Einführung des pekuniären Unheils umgerechnet monatlich zweihundert D-Mark weniger im Portemonnaie. Ob sie den Schaden durch eine blaue Flagge mit einem Sternenkranz zu kompensieren imstande ist, wage ich zu bezweifeln.

Gespräche des Schriftstellers über seine Arbeit. Ist daran etwas Fragwürdiges? Für ihn, den Auskunft Gebenden, Schädliches? Oder verhilft ihm die Artikulation seiner Intention zu neuen Einsichten? Daß die Sache etwas zweischneidig ist, läßt sich nicht leugnen. Es mag sein, daß durch Aussprechen und damit Darstellung der psychischen Bedingungen des Schreibens ein Verlust an Intensität des fürs Schreiben notwendigen Empfindens eintritt. Aussprechen dessen, was einen bewegt, droht mit der Gefahr eines Verlustes: Was zur Rede wird, wird nicht mehr zur Schreibe, löst sich vielleicht auf und läßt den Schreibenden verarmt zurück - das als Frage formuliert, keineswegs als unumstößliches Urteil. Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, daß man sich durch solch Bekenntnis zu den eignen Schreibmotivationen formelhaft festlegt und nun der solchermaßen bekundeten Bahn, ohne Spurwechsel, bis zum Schluß folgen muß. Soweit die grundsätzlichen, jedoch auf keine Allgemeingültigkeit zielenden Überlegungen des Sklaven unterm Joch der Muse.

98


Mein erster Holzschnitt, gefertigt, soweit ich mich erinnere, 1946, während der eisigen Kälte des Winters, im elterlichen Wohn- und Schlafzimmer, an einem kleinen Rauchtisch, dabei beobachtet von den Anwesenden. An der brotschnittenartigen Form der Fläche erkennt man, daß es sich tatsächlich um ein Schneidebrett aus der Küche handelt. Meiner unzähmbaren Lust, mich mit einem scharfen Messer zu betätigen, entsprach kein Angebot an Holz. Also entfremdete ich das Küchenutensil. Es war unglaublich hart, was es ja zu dem alltäglichen Zweck auch sein mußte. Mit Bleistift skizzierte ich flüchtig das Gesicht, dann setzte ich mein ebenfalls dem Küchenspind entstammendes Instrument an. Kaum hatte ich zu schneiden angefangen, verschwand der Raum samt lebendem und totem Inventar, ich war völlig absorbiert, es existierten nur das Holzbrettchen, das Messer, meine Hand und meine eigentümliche Befindlichkeit, ein der Trance ähnlicher Zustand, der erst nach Stunden, nämlich nach Vollendung des »Meisterwerkes«, endete. Selbst danach noch, sobald ich mich auf diese altertümliche Weise bildnerisch ausdrückte, setzte eine milde Abwesenheit ein, beinahe dem Glück vergleichbar, denn worin könnte dies bestehen, als in der zeitweiligen Auslöschung des sonst andauernd merklichen Ichs?

Fratzen schneiden - ob heute noch die Kinder vorm Spiegel zu ihrer Augenlust grimassieren? Die schöne, immer schöner werdende uns überlieferte Literatur kennt diesen Topos. Keiner hat diese Selbstverfremdung eindringlicher beschrieben als Rilke im Malte Laurids Brigge. Man begegnet sich selber als einem erschreckend Unbekannten, sobald man sein Gesicht beobachtend verzerrt. Mit den Zeigefingern in den Mundwinkeln schafft man sich ein

99


wüstes Maul, bleckt die Zunge oder - ein Trick, den ich früh erlernt habe - stülpt die Unterlippe nach außen zum Kinn hin und schiebt die Zungenspitze aufwärts zur Nase: Negerlippen nannte man das politisch unkorrekt. Aber damals gab es eben noch Neger und keine Schwarzen, oder doch nur die als solche bezeichneten katholischen Priester. Beide Hände hinter den Ohren und sie nach vorne drük-kend, bewirkten ein Aussehen, das man sich real kaum wünschte. Man blies die Wangen auf und schminkte sich mit Mamas Augenbrauenstift einen Schnurrbart an, auch Koteletten, und verlieh sich dergestalt ein südländisches Flair. Natürlich probierte man ebenfalls die Kopfbedek-kungen der Eltern aus, die Hüte sanken fast bis über die Augen, märchenhaft kam man sich vor, ein Däumling im Land der Riesen. Meine Mutter besaß, was seit langem nicht mehr im Handel ist, nämlich eine Jacke aus Maulwurfsfell, die ich, unterwegs zum Nordpol trotz des Hochsommers, überzog: Der kleine Amundsen war reisebereit. Übrigens roch die Jacke wunderbar nach Mottenkugeln, ein Schnüffelgenuß. Leider wurden sie mit der Zeit immer kleiner, ein Schrumpfungsprozeß, unerklärlich und rätselhaft. Selbstverständlich schlüpfte ich in die Schuhe meiner Mutter und stakste darin vor dem Spiegel hin und her, kam mir dabei jedoch keineswegs weiblich vor.

Wie experimentierfreudig man als Kind gewesen ist! Zumindest durch häufiges Alleinsein auf sich selber verwiesen, verdoppelte durch die Maskeraden das Kind seine Person, um sich an dem auswechselbaren Spielpartner zu ergötzen. Und unvergessen bleibt der Blick in die eigenen Pupillen, ein beinahe hypnotisches Starren, durch das man minutenlang sein Ich einbüßte: Wer denn war dieses merkwürdige Wesen vor einem, in dessen Haut man stak und doch auch wieder nicht, und das einen ansah, als

100

wäre man ein anderer, während das wirkliche Kind hinter dem Glas geborgen und im Schutz des Glases wahrhaft daheim war.

Eine gespenstische Lesung in Südtirol. Späte Nachmittagsstunde. Der Tag sommerlich warm. Man fuhr mich einen Berg hinan oder hinauf vor eine Burg aus grauen Quadern, wer hier eintritt, lasse alle Hoffnungen fahren -derart bedrohlich wirkte das alte Gemäuer. Drinnen empfing uns eine Dame unbestimmbaren Alters, zwischen Greisenhaftigkeit und mädchenartiger Vitalität changierend: wohl eine Enkelin von Ezra Pound, der hier eine Weile gelebt hatte. Nun waren die »Gemächer« ihm gewidmet, ein museumsähnlicher Eindruck entstand, gesteigert durch die nacheinander auftauchenden, ältlichen, verstaubt aussehenden Zuhörer. An den Wänden Bilder von Pound, Handschriftliches unter Glas, Düsternis, überflak-kert von den Kerzen, die man mir, dem Vortragenden, auf den Tisch, ein schweres, antikes Eichenmöbel, gestellt hatte. Die Atmosphäre unbeschreiblich; ich kam mir völlig deplaziert vor, angesichts der Versammlung einer auf die Vergangenheit, wohl gar auf die braune Vergangenheit eingeschworenen Gemeinschaft. Mir schien, als läse ich ihre Gedanken, ihr Bedauern, daß die Zeit sie durch tückische Machinationen feindlicher Mächte ins historische Unrecht, das sie leugneten, gesetzt hatte. Mehr Fremdheit als zwischen ihnen und mir war unvorstellbar. Mit meinen Gedichten konnten sie ohnehin nichts anfangen, ich war nicht hermetisch genug, nicht ausreichend priesterlich, nicht so rückwärtsgewandt und weltenthoben, wie sie es gern gemocht hätten. Las also meine Naht herunter, während es draußen dunkelte. Beim Aufblicken ein flüchtiger Schimmer unbewegter Mienen, rinnendes Wachs, das sich

101

^

am Kerzenfuß sammelte, ich sprach ins Lautlose hinein, kein Echo empfangend, keine Regung bemerkend, Schweigen, Stille ohne Ende, und keinerlei Reaktion nach dem letzten Gedicht. Rasche Verabschiedung, Flucht ins wartende Auto, aufatmend die Serpentinen hinab, fort, hinweg, froh, dem bösen Zauber entronnen zu sein, ohne daß ich verwünscht worden wäre und in einen der an den Ort gebannten Zombies verwandelt.

Blech-Micky-Maus für 143 000 Mark versteigert

Für 143000 Mark ersteigerte ein Amerikaner im Auktionshaus Christie's ein von Micky Maus gefahrenes kleines Blechmotorrad der deutschen Firma Tipp & Co. Das in den frühen 30er Jahren produzierte Spielzeug - noch originalverpackt - wurde in der Nazi-Zeit als undeutsch verboten.

Sind Sammler geisteskrank? Leiden sie an einer nichttherapierbaren Sucht, an einer Zwangsneurose, an einem Manko, das sie durch den Erwerb irgendwelcher Objekte auszugleichen suchen? Da ich selber Blechspielzeug sammle, freilich in einem pekuniär mir gemäßen Rahmen, verstehe ich graduell jenes unstillbare Verlangen des in eine Art Hoffmannscher »Olimpia« Verliebten. Immerhin bleibt dem seiner Sammelleidenschaft Verfallenen die Enttäuschung erspart, die ihm, falls er sich an ein weibliches Wesen verlöre, dennoch meist bevorstünde. Aber selbst der ersehnte und endlich, endlich gewonnene Gegenstand büßt an Attraktion ein, sobald er in eine Sammlung als Gleicher unter Gleichen eingereiht wird. Das Solitäre, wenn es dem zumindest Gattungsähnlichen zugeordnet wird, schwindet unaufhaltsam. Das Leid reicher Sammler besteht darin, daß sie sich an ihren Besitztümern wahrlich »sattsehen«. Es kommt der Moment, da man sich fragt, wozu man eigentlich den ganzen Kram angehäuft habe.

102

Und in dieser Hinsicht gleicht er, der Kram, einer erwählten und schließlich »eroberten« Dame des Herzens, weil die Leidenschaft durch Gewöhnung abstumpft. Darum imponieren uns eben die »unsterblichen Liebschaften«, denn offenkundig unterlagen sie nicht dem Verschleißprinzip. Doch während der erkaltende Galan die ehedem Angebetete nur unter Mühen wieder loswird, verschenkt der Sammler alle seine Raritäten an ein Museum und sonnt sich zudem noch im Glänze des Stifters. Keineswegs durch Großzügigkeit und Edelmut vermehrten die Museen ihren Fundus, sondern einzig und allein durch den Überdruß der Spender an ihren gehorteten Schätzen, von denen sie sich zwar trennen, jedoch ohne sie gänzlich aus den Augen zu verlieren. Der Fachbegriff dafür heißt »Dauerleihgabe«.

Von Lichtenberg existiert kein dickleibiger Roman, keine Tragödie, kein Hymnen-Zyklus, kein ausgiebiges Interview - wie konnte der Mann in Deutschland nur bekannt werden. Das heißt: So bekannt ist er ja auch wieder nicht. Oder doch eher in der Art eines Maulwurfs, der heimlich, still und leise das starre Denken, die hölzerne Haltung, die versteinerte Moral unterminiert. Wollte man ein Brecht-Zitat aktualisieren, nämlich: »Unglücklich das Land, das Helden nötig hat!«, so ließe sich das auf Lichtenberg ummünzen: Trübselig ein Land, das seine wenigen Satiriker und Ironiker nicht an jeder Straßenecke auf Postamente stellt. Wir gelten als ein humorloses Volk. Der Grund: Wir haben Lichtenberg nicht gelesen. Oder zu selten. Oder nicht beherzigt. Freilich: Noch ist Zeit dazu. Er ist ein Animateur sondergleichen, von kaum einem bisher übertroffen. Lassen wir uns doch endlich von ihm anregen ...

103

"^

Heute nacht ein scheußlicher Traum. Ich kniete vor einer auf dem Rücken liegenden, sterbenden schwarzen Katze, sie streichelnd, um ihr den mittels einer Spritze zugefügten Tod zu erleichtern. Meine Hände strichen über ihr Fell - wie ich es einst in der Wirklichkeit in analoger Situation getan -, um sie zu beruhigen, während Marianne geflüchtet war, um nicht dabeisein zu müssen. Soviel Traurigkeit empfand ich, wie ich sie im wachen Zustand kaum aufzubringen vermag. Wir aber wissen ja, im Traum kehrt alles Unterdrückte, Verdrängte, in unsere minderwertigen Seelen Eingeschlossene zurück, als Trost, daß wir noch nicht gänzlich entmenscht sind.

Der unbekannte Gott hat kein Gesicht - so beginne ich ein Gedicht, die erste Zeile auf den modernen Deus abs-conditus, der, jedenfalls für mich, ein Deus intra machi-nam ist, der neue Gott steckt nicht in der Maschine, er ist die Maschine, und all unser Tun hängt von ihm ab, von seiner ihm von uns verliehenen Herrschaft (wie wir auch ehedem unseren Göttern und Gottheiten Obergewalt über uns einräumten), wobei wir einstmals Häretiker sein konnten, etwas, das wir uns heute bei Strafe des Unterganges in Arbeitslosigkeit, Konsumverzicht, Mangel an statusbestimmender Ausstattung gar nicht leisten können. Ketzer wurden früher verbrannt, falls sie nicht zum Abschwören bereit waren; die heutigen »Aussteiger« erleiden ein lebenslängliches Anathema, eine Verdammung bis zum Ableben, was sich immerhin lange hinziehen kann. Nahm der ehemalige Ketzer (oder Atheist) noch eine konträre Position zur Gesellschaft ein, eine bessere, reinere, ergo utopische im Blickfeld, so ist der aktuelle »Ketzer« zwar ein gemeinhin negierter, jedoch ein in die Gesellschaft integrierter, weil letztere Lücken läßt für die

104

wenigen ihrer Dissidenten. Die Gesellschaft kann es sich erlauben, einen Freiraum für Unangepaßte parat zu halten, weil die überwiegende Mehrheit bereits vom unsichtbaren Gott regiert wird und ihm so unbewußt unterwürfig anhängt, wie es nie denkbar gewesen war. Häresie, wenn auch verabscheut, ein vorstellbarer Geisteszustand. Die Adaption an die Maschine jedoch hat mit Geisteszuständen, mit Glauben, Philosophie, spirituellem Abweich-lertum nicht mehr das geringste gemein - diese Adaption ist, weil unbewußt, irreversibel. Die Symbiose zwischen dem Apparat und dem Menschen ist inzwischen so perfekt, als sei sie ein Naturzustand, wie er etwa zwischen Nilpferden und Madenpickern besteht. Wir sind die Ma-denpicker!

Im Alter verengt sich der Lebenskreis auf verschiedenartige Weise. Einerseits reduziert sich die Gruppe von Freunden und/oder Bekannten, weil man unerwartet eine Mühsal im Umgang mit anderen Menschen spürt; alles ist längst gesagt worden, kein Gespräch bringt etwas wirklich Neues zutage, man bestätigt einander, was man schon wußte und woran man glaubte, und dieses Moment der Übereinstimmung, zwar eine gewisse »Gemütlichkeit« schaffend, verliert doch mit der Zeit an Interesse. Kennt man die Reaktionen des anderen zu genau, stellt sich Überdruß ein. Man hört wieder dasselbe, auf das man zwangshaft die schon vordem parate Antwort gibt, als sei man ein auf Knopfdruck funktionierender Apparat. Andererseits verkleinert sich auch der topographische Kreis, indem man die Lust und Kraft zu Fernreisen verliert, zum Reisen generell, gar zur Fahrt in den nächstgelegenen Ort. Ob dieser kommunikative Schrumpfungsprozeß dem körperlichen gleichartigen adäquat verläuft, wäre eine Über-

105

legung wert. Der Alternde verliert an leiblicher Größe, vielleicht indirekt damit an Überblick, jedenfalls an Unternehmungsgeist, in die, im Gegensatz zu ihm, größer werdende Welt hinauszuziehen.

Wolfgang Hildesheimer, Jude, Emigrant in England, sprach gegen Ende seines Lebens von der Sinnlosigkeit des Schreibens. Er male nur noch. War auch Rotweintrinker, was wohl für das Schreiben nicht gerade förderlich ist, für das Malen und Zeichnen eher anregend, wie ich es selbst erfahren habe. Er hatte alle Hoffnung aufgegeben, mit »Druckwerken« etwas ausrichten zu können. Ich stimme dem bei...

Las vor Tagen in der Zeitung, daß ein junger Engländer eine Zweiundneunzigj ährige mit vierzig Messerstichen ins Jenseits befördert, ihr sodann das Herz aus dem Leibe gerissen und anschließend ihr Blut getrunken habe: um unsterblich zu werden. Sollte sich diese Selbstmedikation bewahrheiten, ist es wohl um die Zukunft alter Damen schlecht bestellt. Freilich würden den Tätern von den Rentenkassen Pflichtverteidiger gestellt, im Irrglauben, die Anzahl der Rentnerinnen zu reduzieren, falls die Mörder mit mäßigen Strafen davonkämen. Ohne zu bedenken, wie lange man den nun unsterblich Gewordenen Pensionen zahlen müßte. Aber, wie immer, Institutionen denken nur in begrenzten Zeiträumen.

Die Verkennung der Welt und ihrer Inhabitanten ist keine Angelegenheit der Medien letzter Hand; sie setzt schon vor langer Zeit ein, bewirkt durch sogenannte Koryphäen. Herodot, der »Vater der Geschichte«, vermittelte seinen Zeitgenossen bereits die unglaublichsten, als Tat-

106

sachen dargestellten Täuschungen. Durch seinen Ruhm geschützt, als prominenter Fachmann anerkannt, berichtete er dem staunenden Leser von einäugigen oder einbeinigen, keineswegs amputierten Ausländern, von denen er, wenn auch nicht durch eigenen Augenschein, jedoch glaubhaft Kunde habe. Insbesondere im ^.Jahrhundert, das sich für aufgeklärt und wissenschaftsfundiert hielt, bildeten sich Vorstellungen von anderen Völkern aus, grotesk und ziemlich frei erfunden. Die Französin, oh lala! Die steife Engländerin, die kühle Schwedin, die seelenvolle Russin und dergleichen. Resultieren diese Imagi-nes aus der Literatur? Woher stammen sie eigentlich, wer hat so was in Umlauf gebracht? Offenkundig handelt es sich hier um Männerfantasien besonderer Art, die realer Grundlagen entbehren. Aber daß sie derart weite Verbreitung fanden und noch heutzutage durch manche Hirne spuken, beweist nachdrücklich die Stärke der Einbildungskraft. Eine einmal installierte Sichtweise scheint sich über Generationen hinweg zäh halten zu können, und wenn der Vater dem Sohn schon kein richtiges Erbe hinterlassen kann, seine Irrtümer weiterzugeben ist er noch auf dem Sterbebett liegend imstande. Und nicht allein, was Frauen anderer Völker und anderer Rassen betrifft. Denn was die falschen Vorstellungen derart langlebig macht, ist, daß sie ihre Bestätigung finden, indem sie den Fokus verengen, wodurch nur wahrgenommen wird, was eben den besagten Vorstellungen entspricht. Obwohl ich nicht abstreite, daß sie revidierbar sind, doch allein durch einen längeren Prozeß im Umgang mit den anderen, mit den Fremden, in deren Augen man übrigens der gleichgearteten dubiosen Typisierung unterliegt. So besitzt beispielsweise das Bild der deutschen Frau als »Heimchen am Herde« immer noch graduelle Gültigkeit, keine massen-

107

hafte. Doch die positiven wie negativen Idole, Taggespenster, spuken in Köpfen, welche die Realität keines Besseren belehren kann.

Für die Natur sind wir Außenstehende geworden. Und die von uns verursachten Katastrophen, die wir dennoch »Naturkatastrophen« nennen, kränken uns gewissermaßen, weil wir damit nicht gerechnet haben. Wir haben eben die Rechnung ohne die Wirtin gemacht, bei der wir zu Gast sind, denn unser Status ist wahrlich kein anderer.

Die deutsche Sintflut

Früher war alles besser. Sogar die Naturkatastrophen. Denn sie fanden in Asien statt, in Afrika, in Lateinamerika. Mit einem Wort: im Fernsehen. Inwieweit unser Mitgefühl in die Ferne gereicht hat, läßt sich kaum eruieren. Was wir auf dem Bildschirm wahrnahmen, haben wir aufgenommen wie Flugzeugabstürze, Schiffsuntergänge, Eisenbahnunglücke. Immer im Gefühl, da seien wenige betroffen, was zwar bedauerlich wäre, doch glücklicherweise wir nicht leidend daran beteiligt. Jetzt ist, platt und farblos gesagt, »alles ganz anders«. 130000 Menschen werden evakuiert, die Einwohner einer Großstadt. Leute werden mit Mühe aus ihren unwiederbringlich verlorenen Häusern gerettet, als sei Pirna in Sachsen plötzlich Ecuador. Der Schrecken ist näher gekommen, sogar sehr nahe. Angesichts antiker Trümmer, die zu besuchen der Bildungsreisende nie verabsäumt, fragt man sich, ob unseren historischen Bauten nicht das gleiche Schicksal bevorsteht. Werden, falls diese Ereignisse sich jeden Sommer wiederholen, nicht Touristen aus relativ sicheren Weltgegenden die Ruinen der Semper-Oper aufsuchen, die Brühische Terrasse, die Relikte der Dresdener Frauenkirche, die ja

108

gerade aus Ruinen auferstehen sollte? Über die Zukunft zu spekulieren ist müßig, weil sie sich bereits gegenwärtig ereignet.

Seit Jahrzehnten haben Naturwissenschaftler vergeblich gewarnt: Versiegelung des Bodens, Beseitigung der Auwiesen, Begradigung der Flußläufe. Wir alle haben es unentwegt lesen können, aber was bedeutet schon eine abstrakte Behauptung ohne das ihr entsprechende Desaster? In all den Jahrzehnten haben die deutschen Politiker auf ihren jeweils ideologischen Bärenhäuten gelegen und sich um ihre Posten, um die nächste Legislaturperiode Sorgen gemacht. Um die Gefahr für ihre Mitbürger haben sie sich nicht gesorgt. Das muß man diesen Personen vorwerfen: sie haben die drohenden Umweltkatastrophen nicht wahrhaben wollen oder schöngeredet oder als noch nicht wissenschaftlich erwiesen erklärt. Neben der Überschwemmungskatastrophe sind unsere Politiker eine Katastrophe besonderer Art, unabhängig von Parteizugehörigkeit. Ihre Blindheit, Taubheit und Nachlässigkeit haben jetzt ihre Wähler im wahrsten Wortsinne »auszubaden«.

Aber die Katastrophe heißt nicht allein »Hochflut«, sie heißt gleichermaßen Vernichtung von mühselig erworbenem Eigentum, heißt Arbeitsplatzvernichtung, Vernichtung individueller Hoffnungen und Träume, dies speziell im Osten Deutschlands, wo die Menschen sich unter dürftigeren Bedingungen als im alten Westen Anschaffungen zusammensparten; wo jeder Verlust eines Gebrauchsgegenstandes doppelt schwerer wiegt als in der früheren Bundesrepublik; wo die wirtschaftliche Lage, milde gesagt, mißlich gewesen ist und nun zur Horrorvision mutiert.

Ich habe den Luftkrieg und das Kriegsende in Berlin erlebt - was ich heute in den verwüsteten Städten und Straßen an der Elbe, an der Mulde, an den ehedem kleinen, nun

109

reißenden Flüssen sehe, ähnelt auf unheimliche Weise dem Kriegsgeschehen. Mit einer Ausnahme: der Anzahl der Toten. Doch auch hier gilt: Jeder bei der Überschwemmung Umgekommene ist einer zuviel.

Gegenwärtig denkt noch keiner an morgen, da die Not des Augenblicks jede Perspektive verhindert. Doch soviel ist sicher: Die Beseitigung der Schäden wird mehr kosten als der Flugzeugeinkauf des Verteidigungsministers, mehr als die netten Regierungsbauten, mehr als die Neuanschaffung von Panzern, die wir ja dringend zum Spazierenfahren benötigen, und ich rede in diesem Falle nur vom Geld. Was an sogenannter »Lebensqualität« eingebüßt wird, die-senfalls »den Bach runtergeht«, das läßt sich in Euro wohl kaum umrechnen.

Was sollte demnächst getan werden, um 2003 die Reprise des aktuellen Vorganges zu vermeiden - das scheint mir die Hauptfrage, nur fürchte ich, sie wird mit Ausflüchten beantwortet werden, mit dem Hinweis auf Einsparungen, auf leere Kassen, und so können wir allesamt gewiß sein: die nächste Flut kommt bestimmt, und wer heute keine Vorsorge für morgen trifft, wird dem Bürger noch tiefer in die Tasche greifen müssen, als es ohnehin geschieht. Katastrophen sind häufig unvermeidlich, immerhin schicken sie manchmal Warnungen voraus, und diese zu ignorieren ist nun wahrlich unentschuldbar.

Auf den Bahnhöfen, die ich letzter Zeit frequentierte, beobachtete ich die Reisenden. Junge Leute zeigen heutzutage andere Gesichter als damals, da ich in ihrem Alter gewesen bin, ein Anschein von Leere in ihren Mienen, ziemlich unbewegt, unbeschriebene Blätter. Die Alten hingegen machen insgesamt einen leidenden Eindruck, etwas Verbissenes kennzeichnet ihre Züge. Sie haben erfah-

110

ren, was den Jungen noch bevorsteht: die Nichtigkeit des Daseins. Historisch betrachtet, ist der »Rucksackmensch« aus den Nachkriegsjahren in die aktuelle Wirklichkeit zurückgekehrt, eine seltsame zivilisatorische Renaissance. Die Jungen und Jüngeren sind meist mit Rucksäcken ausgerüstet, während die Alten beräderte Koffer hinter sich herziehen. Ständig das Geräusch von Rollen auf dem Beton. Ich trage nur eine walzenförmige Ledertasche bei mir, wie ich sie sonst nirgendwo bemerke. Auch hier, auf den Zug wartend, bin ich der Absonderung unter einer mehr und mehr genormten Bevölkerung, genormt von der Gepäckindustrie und sonstigen Fabrikationsstätten.

Warum immer weiter schreibend an den Weltläuften, die zu ändern keiner vermag, noch teilnehmen? Damit das Gehirn nicht einrostet? Die Fähigkeit zu Formulierungen dergestalt zu erhalten? Mir steht ja das Schicksal Stefan Zweigs vor Augen, dem schließlich nichts übrig zu bleiben schien, als sich von dieser Erde zu verabschieden. Jedes geschriebene oder gesprochene Wort verhallte echolos in der Menschenmasse, unter den von Nietzsche prophetisch genannten Vielzuvielen. Man kann sein Leben einigermaßen, also nach Mittelmaß, herunterleben, nur stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck dieses biologischen Unternehmens irgendwann für jeden, den es verzweifelt nach Transzendenz verlangt. Alles verläuft nach dem Prinzip des Business as usual, die Megamaschine mit Schriftlichkeiten bedienend, Broterwerber und Zeittotschläger, Illusionisten in eigener Sache, Häretiker, was den Glauben an die Wirksamkeit von Literatur anbelangt. Es wird dennoch und trotzdem weitergeschrieben, und keiner weiß so recht, warum, weshalb, wozu. Man läßt doch bloß der persönlichen Obsession freien Lauf. F. C. Delius, Schriftstel-

111

ler von Graden, verfaßte ein kleines Buch über die Lust am Schreiben, aber ich frage mich, ob das nicht so etwas wie ein esoterischer Akt ist, das Aufgehen im Wörtlichen, im Formulieren, Sichausdrücken, eine befriedigende Introversion, das Bekenntnis zum Monadischen, der Genuß des Selbst, die Stipulation des Ich, ein Vergnügen, seiner selbst gewahr zu werden (Verkennung eingeschlossen), da es doch heutzutage keinen zu Kommunikation verpflichtenden Impetus mehr geben kann. Gerade Delius, einstmals ein hochpolitischer Dichter, umstürzlerisch gesonnen, hat sich mit diesem Skript über die Lust am Schreiben von der Gesellschaft emanzipiert, ohne es vielleicht selber zu wissen. Denn die Schreiblust enthält den Rückzug. Die Schnecke kriecht in ihr Haus zurück angesichts des schlechten Wetters und der ungnädigen Umstände außerhalb ihrer selbstgeschaffenen vollkommenen Form.

In der Nacht vom 3.7. zum 4.7. geträumt, daß ich Selbstmord begangen hätte. Mittels Gift. Bevor die tödliche Wirkung einsetzte, erwachte ich ungeängstet. Ich hatte mit allem abgeschlossen, natürlich auch mit mir. Meine Erwartungen waren und sind erloschen. Nur das Schreiben hält mich noch ein bißchen am Dasein. Ansonsten fressen die Tage einen jeden Tag folgenlos.

Entgegen jeder besseren Einsicht seinem Unterbewußtsein ausgeliefert, folgt der Mensch seinem Sammler- und Jägertrieb, unverlierbares Erbteil aus unserer Frühzeit. In den entsprechenden Zeitschriften finde ich die Ankündigungen von Flohmärkten in Deutschland; es handelt sich um Hunderte. Keine Kleinstadt, ja, kein größeres Dorf ohne diese die Wochenenden verschönernden Präsentationen. Es wird gekauft und verkauft, letzteres, um erneut

112

etwas kaufen zu können, was im Grunde keinen praktischen Wert hat. Unser Gartenhelfer beispielsweise sammelt nicht nur Automodelle im Maßstab i: 18, sondern auch Glasköpfe, Halterungen für Kopfhörer, zugleich hortet er in seiner Höhle Kugelschreiber, über viertausend Stück an der Zahl, während seine Frau sich auf Uhren kapriziert hat. Jeden Samstag und Sonntag klappern sie die Trödelmärkte ab, glücklich, eine billige Beute zu erhaschen. Sie beziehen einen wesentlichen Teil ihrer seelischen Zufriedenheit aus dieser unstillbaren Leidenschaft, eine Zufriedenheit, von Fetischen vermittelt. Wie jede Leidenschaft jedoch ist sie nur kurzfristig zu stillen und verlangt nach neuer Befriedigung, bis diese abklingt, um den von der Passion Überwältigten wieder in diesen Circulus vitiosus zu locken. Widerstand ist zwecklos. Die Sucht ist stärker, und so man sich ihr zu entziehen gedenkt, droht sie mit Depression. Wobei, was wenig verwunderlich ist, die Objekte des Sammelsüchtigen keinerlei spezifischer Beschränkung unterliegen. Alles und jedes ist des Sammeins wert und würdig. Und selbst der Ärmste noch kramt im Müll nach Dingen, die er seinem Abfall-Ensemble hinzufügen kann. Statistiken über die Anzahl der Sammler existieren nicht, ja, nicht einmal Schätzungen könnten Auskunft über die Menge dieser Personen geben. Wahrscheinlich sind es viele Zehntausende, denn sonst stünde nicht in jeder Tageszeitung die Ankündigung: Morgen ab neun Uhr Flohmarkt in Dingsda! (Gehörte ich nicht selber zu jenem Kreis von suchenden und feilschenden Leuten, ich wüßte wohl kaum so gut über den psychischen Defekt Bescheid, der uns selig-unselige Figuren aus dem Hause treibt, um ein Bad im Trödel zu nehmen.)

113

Über Kinderspielzeug habe ich einiges geschrieben und veröffentlicht, mich gegen Walter Benjamins These von der bös-bürgerlichen Blechspielzeugproduktion absetzend. Benjamin bevorzugte das simple Holzspielzeug, dessen Reste längst in den Museen Auskunft über ethnische Besonderheiten geben. Hätte er heute erblickt, was mir an Spielzeug unter die Augen kam, er wäre vermutlich entsetzt gewesen und wohl auch über den Horror unserer Epoche aufgeklärt worden. Abgesehen von Puppen wie »Barbie«, der überschlanken blonden Schönheit, und anderen »niedlichen« Wickelkindern, zeigen sich die Gestalten aus Plastik wie diversen Albträumen entsprungen. Nicht allein Häßlichkeit triumphiert, vielmehr das Schauerliche der Grimassen, das Angsteinflößende verkrüppelter Monstren, Mischwesen aus Untier und Menschengestalt, zähnefletschend, bewaffnet, bißbereit, schockierende Mutanten, aus den Filmfabriken über die Kunststoffindustrie ins kindliche Dasein versetzt. Damit zu »spielen« bedeutet garantiert, sich auf eine künftige Neurose vorzubereiten. Die Ungeheuer aus den seelischen Abgründen ihrer Erfinder sind nun unter uns, um das Werk der Verstörung und des Fürchtenlernens zu verrichten. War das Spielzeug des 19. und noch der Hälfte des 20. Jahrhunderts der Wirklichkeit nachgebildet, diente es der Einübung in die künftigen sozialen Rollen, so ist der größte Teil der gegenwärtigen Ware einer von allen guten Geistern verlassenen Fantasie zu »verdanken«. Die Folgen werden sich zeigen, falls sie nicht bereits eingetreten sind, wobei wir uns außerstande erweisen, Rückschlüsse auf die Auslöser zu ziehen, jene unübersehbare Schar unheimlicher Ausgeburten, die einem Schauder bereiten und die man auch noch bezahlen muß ...

114

Alles Unheimliche und der Menschheit bestes Teil, das den Schauder Erregende, alles Rätselhafte und Geheimnisvolle waren von früh an meine Lebensbegleiter. Meine Leistungen in Angst und Furcht waren enorm. Merkwürdig jedenfalls, daß sich die Erfahrungen konkreter Schrecknisse während Hitlers Herrschaft von den »erlesenen«, angelesenen, separat hielten. Ein Luftangriff ängstigte mich weitaus weniger als der düstere Kohlenkeller, wo Gespenster aus meinen Kindertagen hausten und mich erwarteten. Die Angst, geboren aus den realen Umständen des Nazi-Terrors, war eine rational begründete, die andere völlig irrational und durch keine Vernunfteinsicht erklärlich oder aufhebbar. Reale und irreal bedingte Angst sind zwei grundverschiedene psychische Zustände, zwei divergierende Phänomene. Die Angst vor der konkreten Gewalt, der man sich ausgeliefert sieht, lähmt das Bewußtsein, verkrampft den Körper, während die durch keinen Beweis, durch kein Indiz erzeugte Furcht ein Moment der Lust enthält, eine Explosion der Fantasie, die dem, der keineswegs auszog, um das Fürchten zu lernen, den Horror nur vorgaukelt, welcher auf der Wirklichkeitsebene tatsächlich existiert. Daher das ambivalente Vergnügen am Horrorfilm. Man weiß ja, der halbverweste Leichnam, sich aus dem Grabe erhebend, sein Opfer zu massakrieren, greift nicht nach uns - obschon wir nach Filmende mit ungutem Gefühl das dunkle Nebenzimmer betreten. Ihn gibt es nicht, und dennoch erschreckt er uns. Unser besseres Wissen wird kurzfristig außer Kontrolle gesetzt, durch die scheußlichen Bilder überwältigt. Hingegen sagt uns unser Instinkt, daß unser Ausgeliefertsein im »richtigen« Leben keineswegs mit dem Abspann und dem Programmschluß aufhört. Die Angst, von der Fantasie beflügelt, ist ein rascher, haltloser Augenblick, während die Angst, hervorge-

115

bracht von Tatsachen, lange anhält, in die Seele einsickert, Traumata schafft, die gesamte Person erfaßt, ihr Denken und Handeln bestimmt und somithin zum Habitus des Ge-ängsteten wird. Zwei Urängste: die vor dem Numinosen, das später Gott gebar, und die vorm Gefressenwerden, der die Diktatoren entspringen wie Athene dem Haupte des Zeus.

Love Parade in Berlin: die moderne Form des Veitstanzes. Das multiplizierte Mittelalter. Die akustische Selbstkasteiung. Das Außersichsein per Lärm und Geräusch. Dergestalt zogen die Besessenen in Trance vor Jahrhunderten übers Land, oberflächlich religiös motiviert, insgeheim nur einem inneren Überdruck nachgebend. Die »Modern Times« sind so sehr neu, wie sie sich geben, nun doch wieder nicht.

Des Knaben Eckfenster

Ich blicke aus einem verlorengegangenen Fenster und sehe einen Mann, der so etwas wie ein großes, längliches Paket auf der rechten Schulter trägt. Er ist schlecht gekleidet, ein grauer, faltiger Mantel, der Hut, fast formlos, sitzt ungenau auf seinem Kopf, der vordere Krempenteil ist leicht zur Seite verschoben. Das linke Bein zieht er merklich nach. Sein Gang ist langsam. Das Paket ist gar kein Paket, sondern ein Rahmen aus Holz, nachgedunkelt mit der Zeit und rissig, weil oft benutzt. In diesem Rahmen steckt ein Messer von anderthalb Metern Länge und wahrscheinlich fünfzig Zentimetern Breite. Dieses Messer ist der wesentliche Bestandteil einer Papierschneidemaschine und wird, sobald es sich durch Gebrauch abstumpft, zum Nachschleifen getragen. Messer und Rahmen haben ein ziemliches Gewicht. Wohl darum geht der Mann so langsam,

116

seine Last mit beiden Händen festhaltend, das einzige Messer, das er für seine Maschine besitzt. Aus dem zerschnittenen Papier fertigt er Schreibblocks, die er, wiederum mühsam und müde, in einem Rucksack zu jenen Leuten trägt, die er als seine Kunden bezeichnet. Hinter der nächsten, längst zerstörten und vergessenen Ecke verschwindet der Mann, der übrigens mein Vater ist.

Der Scharfschütze aus dem Großraum Washington, Mörder von zehn Personen, entpuppt sich nun als konvertierter Moslem. Ein Terrorist der subjektivsten Sorte, angestachelt von einem Haß auf die amerikanische Zivilisation, der er durch die Tötung einzelner beizukommen sucht. Stets entwickelt sich eine globale Bedrohung, und der sonst als sanftmütig gepriesene Islam bildet den Nährboden für die scheußlichsten Verbrechen - wie einst das gnadenreiche Christentum mit Feuer und Schwert die Welt verheerte. Es wundert mich doch, daß gerade die vorgeblich menschenfreundlichen Ideologien und Glaubensrichtungen zur mörderischen Aktion tendieren. Der sogenannte Mensch möchte seine Verbrechen im Schutz eines höheren Prinzips begehen, um vor sich selber gerechtfertigt zu erscheinen. Eigentlich aber ist er nur ein armer Tropf, der, indem er andere umbringt, den eignen Selbstmord umgeht.

Junger Messerheld

Itzehoe - Innerhalb weniger Stunden sorgte ein 15-Jähriger für gewalttätiges Aufsehen: Erst verprügelte er ohne Vorwarnung einen Passanten, später stach er mit einem Messer auf einen 14-Jährigen ein, um anschließend zwei Soldaten mit gezücktem Messer um 20 Euro zu erleichtern.

117

Heute ist das Heldentum von anderer Art als in früheren Zeiten. Man rettete einem Menschen das Leben oder brachte einen Feind um, wodurch man jedoch, nach Ablauf und Aufrechnung der entsprechenden Kriegshandlungen, auch zum Mörder ernannt werden konnte. Von jenen, die andere vor Verfolgung und Tötung bewahrten, will ich gar nicht reden: durchschnittlich schäbiges Personal der Weltgeschichte. Da ist unser Fünfzehnjähriger von ganz anderem Kaliber und außerdem zu großen Zukunftshoffnungen berechtigt. Er kann auch noch ein Revolverheld werden, wie etwa Billy the Kid, oder ein Terrorist wie einstens Herr Baader.

Was da in einer Kleinstadt mit 34000 Einwohnern sich, wie ich der Zeitung entnehme, stets und ständig begibt, ist ein Vorgeschmack auf Künftiges. Eine Jugend, durch kein »moralisches Gesetz in uns«, das Kant noch verkündet hatte, gehemmt, betreibt demnächst den Amoklauf als neue Sportart. Und wir stehen fassungslos und hilflos dabei, ohne eine Eingebung, wie dem Unheil zu wehren wäre. Die Kriminalität ist endogen, längst latent vorhanden, und es reicht ein sich aktualisierendes Unbehagen, bedingt durch die Unsinnigkeit unseres Daseins, um »das Messer in der Tasche aufzuklappen«. Wir müssen gar nicht erst durch den Heckenschützen von Washington das Fürchten gelehrt bekommen, ein Spaziergang durch ein schleswigholsteinisches Nest genügt, um zu erfahren, wo wir uns befinden: in einer unaufhebbaren Malaise.

Es fehlt eine Theorie der Langweile. Unweigerlich festgestellt würde, daß der Ursprung aller Unternehmen, aller Schandtaten die Langweile sei. Beschäftigungslos kann sich der Mensch nicht ertragen und lechzt nach Betätigung, ganz gleich welcher Art. Das stille Sinnieren, heute

118

hochtrabend »Meditation« genannt, vertreibt nicht die Langweile auf Dauer. Das Individuum, aus der »Traumzeit« erwacht und nun gewöhnlich schlaflos, hypochondrisch und neurotisch, bekämpft die immerwährende innere Unruhe mit irgendwelchem Tun. Entweder beschneidet er seine Rosen, tapeziert sein Zimmer, bringt den Nachbarn um oder schreibt einen Text. Unsere erwähnte Theorie, bis zur letzten Konsequenz verfolgt, würde dahin kommen, die gesamte Literatur als Ergebnis von Langweile zu enthüllen. Die Abwehr der Rastlosigkeit, bedingt durch Langweile, verführt zu Aktionen wie Weltkriege oder Romanschöpfungen. Irgend etwas muß man doch machen, irgendwie den Zeitablauf verdrängen, verschleiern, und sei es durch die Komposition der »Eroica«. Nur Taubsein ist langweilig. Ergo: ans Werk, Leute. Die Langweile treibt den Motor der Wirtschaft und anderer »Sach-zwänge«, welch letztere nichts anderes sind als die verbale Kaschierung der Langweile, von der zur Gänze ergriffen wir uns aufhängen müßten. Was die Langweile radikal beenden würde. Ein Rezept, nicht nach jedermanns Geschmack. Also hängen wir eben andere auf, und weil wir zivilisiert sind, bloß metaphorisch.

Dank dir, du Presse, dank euch, ihr Medien, die ihr uns vor dem Suizid bewahrt, wenn auch auf abstruse Weise.

Der alte Mann erzählt seinen Lieblingswitz über einen alten Mann, der seinen Lieblingswitz erzählt, in dem es darum geht, daß ein alter Mann einen Witz erzählen will, den er leider vergessen hat. Nichts ist so perfekt wie die Vergeßlichkeit, durch die man sich selber aus dem Auge und aus dem Sinn gerät.

Wozu Widerspruch? Er ist die Essenz des Lebens, das in Kommunikationslosigkeit abstürbe, denn wenn der Widerspruch aufhörte, Einhelligkeit herrschte, benötigte man keinen Gegenpart mehr und wäre, wie der Troll im »Peer Gynt«, sich selber genug. Die verblendeten Kommunisten, die Notwendigkeit des Widerspruchs als Motor aller Entwicklung ständig betonend, haben denselben ausgeschaltet - bei Strafe des eigenen Unterganges, der sich logischerweise auch daraus ergeben hat.

120

 

www.detopia.de   ^^^^