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Kunert 2013
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I. Lenins soll nach Ansicht eines namhaften Fachmanns der Russischen Akademie der Wissenschaften aus dem Mausoleum am Roten Platz in Moskau entfernt werden. Im Rahmen der in der Öffentlichkeit geführten Diskussionen über die Reproduktion von Zellen sprach sich der Biologe llja Sbarski am Freitag in Moskau gegen das Klonen des Gründers der einstigen Sowjetunion aus. Theoretisch sei ein Klonen von Lenin durchaus möglich, meinte er, zumal in dem balsamierten Leichnam »sicherlich genügend DNS-Moleküle« vorhanden seien. »Aber es hat kaum Sinn, einen derart strengen, auf Zerstörung des Menschen bedachten Mann wie Lenin zu klonen«, zitierte ihn die Agentur Interfax. Sbarskis Vater Boris gehörte zu der Gruppe von Wissenschaftlern, die Lenins Leichnam nach dessen Tod 1924 balsamiert hatten. Später stieß auch llja Sbarski zu den Fachleuten, die regelmäßig den Zustand des öffentlich ausgestellten Leichnams überwachten, (dpa)Vermutlich ein unwiderlegliches Diktum: Ab dem 70. Lebensjahr erscheint einem das bisherige Leben als Fiktion. Der »Eigenanteil« an der bisher verlebten Zeit wirkt wie ein abgespielter und archivierter Film, dessen Hauptdarsteller gewesen zu sein man nicht so recht zu glauben vermag.
Noch so eine Unwahrscheinlichkeit: Seit fünfzig Jahren lebe ich mit meiner Frau zusammen, ohne mir dieses halben Jahrhunderts tatsächlich bewußt zu sein. Im Erinnern schrumpft die Zeit und wird zu einer minimalen Phase, bestehend aus Kurzszenen, aus knappen Bildsequenzen, die, im Gedächtnis aneinandergereiht, just dieses Empfinden von Kurzfristigkeit hervorrufen. Dergestalt kommen einem fünf Dezennien wie fünf "Wochen vor. Aber vielleicht schützt uns unser reduktionistisches Zeitgefühl vor der Depression eines überwältigenden Ennuis. (Psychologisch ist alles erklärbar, verständlicher oder auch nur begreiflicher wird es dadurch nicht.)
Gerade das Rätselhafte ist ein wesentliches Teil der Schönheit, die sich durch keinen, einem steten Wandel unterlegenen, »Goldenen Schnitt« normativ fassen läßt.
Lenin stünde zur Verfügung, wird aber nicht geklont
Der Leichnam Wladimir
Im Gegensatz zu llja Sbarski ist Dr. Frankenstein anderer Meinung. Gerade eine so außerordentliche Persönlichkeit sei ein Glücksfall für den Reanimateur oder besser: den Duplikateur. Braucht nicht unsere Zeit, so dürfte Dr. Frankenstein sinnieren, einen Lenin, der an den Schlaf der Welt rührt und eine neue Revolution inszeniert, bevor wir insgesamt vor dem Bildschirm mehr oder minder sanft entschlafen sind? Das Mißgeschick mit Stalin, aus dessen Asche kein Sowjetphönix steigen kann, ließe sich durch Klonen korrigieren. Eine neuer alter Lenin würde, in Kenntnis des gegenwärtigen Wissensstandes, eine gänzlich andere Gesellschaft initiieren und inszenieren als die vordem mißlungene. Und, absolut wesentlich, bei W.
I. L. dem Zwoten könnten bedrohliche genetische Verschaltun-gen oder Ausfälle vorsorgend verhindert werden. Dr. Frankenstein stellt sich den Klon Uljanow als eine Mischung zwischen Gandhi und Mutter Teresa vor, absolut gewaltfrei, dennoch attraktiv und von enormer Anziehungskraft auf die Massen, aber mit Wladimirs Eloquenz ausgestattet,68
mit seinem genetisch noch zu steigernden Charisma, dazu robust von Natur, resistent gegen (venerische) Krankheiten, überhaupt ein rustikaler Mann, ein Schwarzenegger des Geistes, einer aus der Schar der Propheten ohne deren elenden und schmuddligen Habitus. Dr. Frankenstein wäre imstande, die ewige Krise Rußlands zu beenden, wenn man ihn nur ließe. Dieses unselige Gebilde zwischen Europa und Asien, nirgendwo so recht zugehörig, unregier-bar seit der Mongolenherrschaft, verlangt nach einem Heiligen zur Befriedung eines an seiner inakzeptablen Größe leidenden Landes. Selbstverständlich wäre Dr. Frankenstein bereit, der Nummer zwei einige Helfer zur Seite zu stellen, ebenfalls geklonte Personen, etwa Tutenchamun, Friedrich
II. von Preußen, Karl den Großen, Benjamin Franklin, also ein wirklich gutes Team, mit dessen Unterstützung aus dem »Reich des Bösen« das Reich des Allerbesten werden dürfte. »Ich bin optimistisch!« gibt Dr. Frankenstein bekannt: »Eine andere Alternative für Rußland existiert nicht!« Wir wünschen dem begnadeten Wissenschaftler, bekannt von Film und Fernsehen, viel Erfolg für sein künftiges Unternehmen.Was ist sträflicher Leichtsinn? Fehlendes Bewußtsein eines als »spaßig« empfundenen Vorhabens. So gehörte zu den unbedachten Schandtaten meiner Kindheit ein Spiel, das sowohl für meine Eltern wie für mich höchst bedrohlich hätte enden können. Ich warf vom Balkon unserer Wohnung im vierten Stock selbstgefertigte »Bomben« hinunter auf den Bürgersteig. Die »Bombe« bestand aus einer Schraube mit flachem Kopf, darauf ein Zündplätzchen plaziert wurde, dann die Umhüllung aus Papier zusammengedreht, mit der Schere in den Überstand Flügel geschnitten zwecks Stabilität, und dann ab über die Brü-
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stung. Die Schraube fiel mit dem Kopf nach unten, schlug auf, das Zündplättchen knallte, es war eine Lust! Bänglich wurde mir aber, als eine dieser »Bomben« auf den Metallbügel einer Handtasche, die eine Passantin unter dem Arm trug, krachte. Ich riß meinen Kopf zurück, um nicht gesehen zu werden, und verkroch mich in der Wohnung, konnte jedoch dem Drang nicht widerstehen, erneut »Bomben« abzuwerfen. Diesmal traf ich einen Soldaten direkt auf seinen Stahlhelm! Ich versteckte mich unter dem Tisch, und es dauerte auch nur wenige Augenblicke, bis es an der Wohnungstür klingelte. Ich »hielt den Atem an«. Nach mehrmaligem Geklingel Stille. Doch ich wartete mindestens eine halbe Stunde, bis ich vorsichtig über die Balkonbrüstung lugte: der Bürgersteig war leer. Erst durch den Versuch des Soldaten, das »Attentat« aufzuklären, begann ich mir die möglichen Folgen vorzustellen. Meinen Eltern gegenüber verschwieg ich meinen Angriff auf die Deutsche Wehrmacht. Und bangte täglich, irgendein Uniformierter würde erscheinen und dann, und dann, und dann ... Bis langsam die Angst in den seelischen Tiefen versank, um nach rund sechzig Jahren, freilich nur noch als Erinnerungsbild, zurückzukehren.
Las von Martin Beradt, einem vergessenen und vor den Nazis geflohenen Autor, den halbdokumentarischen Roman »Die Straße der kleinen Ewigkeit«, Schauplatz das »Scheunenviertel« in Berlin, die Wohnstätte meist polnischer Juden. Ich erinnere mich der schmalen Straßen mit ihren alten, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammenden Häusern, weil in diesen nämlich Verwandte von uns wohnten. In einem solchen Hause lebten die beiden Schwestern meines Großvaters, genannt Tante Mariechen und Tante Auguste. Letzte hatte eine dragonerartige, mir als
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Kind gewaltig erscheinende Figur, kerzengerade, maskulin wirkend, während Tante Mariechen eher einer Kugel glich, bekrönt von einer kleineren Kugel als Kopf, dessen Rundung wiederum von einer eulenartigen Brille betont wurde. Stärker als ihr Gesicht sind mir ihre elefantösen, mit Binden umwickelten Beine im Gedächtnis geblieben. Ihre Einzimmerwohnungen, sogenannte »Wohnküchen«, lagen nebeneinander im gleichen Stockwerk. Beide mußten eines Tages den gelben Davidstern aus Papier an ihre Türen kleben, bevor sie wenig später abgeholt wurden, zwei uralte Frauen, bei denen ich mir sicher bin, daß sie nicht einmal den Transport nach Auschwitz (oder sonstwohin) überstanden haben. Im Stockwerk über ihnen und in einer größeren Wohnung war die Familie Falkenstein versammelt, ständig um zusätzliche Gäste vermehrt, ein Betrieb wie in einem Lokal, bis auch sie allesamt verschwanden. Die Toiletten befanden sich im Zwischengeschoß. Verlangte es ein Bedürfnis, dann mußte man die halbe Treppe hinab- oder hinaufsteigen, ein Kämmerchen betreten, das man mit einem mir gewaltig erscheinenden Schlüssel, an dessen Griff stets ein ausgeblichener, ringförmiger Markknochen gebunden war, mühsam öffnete. Die Brille war ein Brett mit rundem Ausschnitt, von gleichem entfärbtem Grün wie die Wände. Immerhin stand ein winziges Fensterchen im Rücken des nachdenklich dort Sitzenden offen, um die jeweiligen Dünste abziehen zu lassen. Ich hockte länger als nötig in dieser engen Zelle, völlig abgeschirmt von jedem Geräusch, von der Welt, vom Trubel des demnächst vergangenen Lebens. Ein anheimelndes Gefühl umfing mich in dieser Einsamkeit, in der ich ganz für mich allein und bei mir selber war. Und nach dem Ende der Defäkation erhob ich mich zögernd, enttäuscht, diesen Raum unvergänglicher, unvergeßlicher
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Stille schon wieder verlassen zu müssen, da das Wort Hygiene noch nicht zur unsichtbaren Erinnye jedermanns geworden war.
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit fand ich nichts wieder, nichts von dem, was doch einmal handfest und eindeutig, scharf umrissen und klar kenntlich war. Ein paar Tage in Berlin, Osten Berlins, die Christburger Straße 39, wo ich so intensiv lebte, wie es heute mir nur noch der Traum zugesteht. Das alte graue Haus gesichtserneuert, der Putz gestrichen; innen aber die alten Jugendstilkacheln im Flur, die abgetretenen Stufen in einem Treppenschwenk aufwärts zum ersten Stock, die Klingel betätigt, um Zugang und Eintritt gebeten, eingelassen, und keines der Zimmer wiedererkannt. Nur eine blasse Ahnung meines damaligen Zimmers mit dem Blick in den Hof: Da stehen noch die beiden mageren Kastanien, über die ich mein erstes, oder zumindest eines meiner ersten sogenannten Gedichte schrieb. Auch dieser Hinterhof fern seiner eigenen Vergangenheit, frisch verputzt und eingefärbt. Aber die Kastanie! Wobei ich zweifle, es sei die einst meinige gewesen, denn hier habe ich ja vor über fünfzig Jahren gehaust und kaum länger als ein, zwei Jahre. Wahrscheinlich sind die beiden Kastanien Abkömmlinge jener, die mich damals anregte, sie als Thema zu benutzen. Auch die Straße fremd durch Renovierung und Erneuerung. Einzig das Gebäude gegenüber auf der anderen Straßenseite, damals Krankenhaus, heute Schule, ein für diese schmale Seitenstraße viel zu mächtiger Ziegelbau, ist unverändert durch die Zeiten gekommen. Hinter seinen Fenstern standen im Gestern fröhliche Mädchen, auf der Seuchenstation wegen Tripper oder Syphilis interniert, und winkten mir, der ich auf einem winzigen Balkon am warmen Som-
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merabend gelangweilt stand, heftig und herzlich zu. Vergangene, vergehende, fast irreale Begegnungen, wie sie unaufhörlich sich vollziehen, ohne daß man sich im Moment des Ereignens ihrer reinen und unwiederbringlichen Bild-haftigkeit bewußt würde. Wie Projektionen der Laterna magica auf einem Vorhang aus Flor, der sich im Luftzug der Geschichte oder der Biographie sacht bewegt, um rasch beiseite gezogen zu werden.
Defreggerstraße i, wo wir seit 1953 gewohnt haben. Das Haus außen und innen renoviert, wirkt fremd auf mich. Hier soll ich im vierten Stock viele Jahre verbracht und vor mich hin geschrieben haben? Meine Gedichte? Meinen Roman? Nach dem Klingeln öffnet ein bleicher, bebarteter Mensch, einen auffällig großen schwarzen Hund bändigend, die Wohnungstür, ein zweiter Zerberus kläfft hinter ihm. Kaum habe ich meine Bitte nach Besichtigung vorgetragen, taucht als letzte in der Reihe bedenklicher Geschöpfe eine Frau auf; diese nun freundlich und mich erkennend und begrüßend: »Herr Kunert - daß ich Sie einmal treffen würde ...!?« Die Zimmer, uns einstmals geräumig erscheinend, wirken nun winzig. Hier sollen wir mit zehn, zwölf Freunden Feste gefeiert haben? Ich erlebe den schon von Proust her bekannten Effekt der Verwandlung eines vordem als groß empfundenen Raumes in eine überraschende Enge. Und wie stolz sind wir einst gewesen, diese Altbauwohnung beziehen und unsere Bücher, unsere Bilder entsprechend plazieren zu können. Unmöglichkeit, dieses Gefühl wiederzuerwecken. Mir ist, als habe entweder ein Dschinn die Wohnung, um mich zu narren, verzwergt, oder mein Alltagsleben in unserem Kaisborste-ler Haus habe mich an mehr Platz gewöhnt. Letzteres wird wohl der Fall sein. Wieder abwärtssteigend, begrü-
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ßen mich ein Stockwerk tiefer jene mir noch bekannten Mieter, alt geworden wie ich, doch so herzlich, als seien inzwischen keine drei Jahrzehnte vorübergerauscht. In solchen Augenblicken scheint das unerbittliche Gesetz der Zeit aufgehoben, und man begegnet einander wie nach einer kurzen Zwischenpause. Mag auch für Chronometri-sten die Zeit Stringenz besitzen, einen kontinuierlichen Ablauf, für das subjektive Empfinden existieren wir in unterschiedlichen Zeitdimensionen, Extension und Implosion folgen und durchdringen einander auf schwer zu enträtselnde Weise. Aber ohne das besagte changierende Zeitgefühl ertrügen wir wahrscheinlich unser Dasein nicht; es gliche ja nur einer Strecke von Punkt A zu Punkt B, also einer übersichtlichen Geraden, während zu unserem Glück es zu pulsieren scheint, indem es sich dahinschlän-gelt, auf- und absteigt, sich windet, einhält und fortgeht. Ein Umstand, der uns vermutlich vor der Mutation zum Roboter schützt.
Spermien des Menschen bald aus Mäusen?
Spermien des Menschen sollen nach den Vorstellungen eines australischen Forschers von Mäusen produziert werden.
Der Fortpflanzungsmediziner Roger Short vom Royal Woman's Hospital in Melbourne hat für seine Pläne schon die Zustimmung der Ethikkommission für Tierversuche erhalten.
Ein entsprechendes Votum der für Experimente am Menschen zuständigen Kommission steht noch aus. Der Wissenschaftler will spermienbildendes Gewebe des Menschen, das bei Biopsien gewonnen wird, in Mäusehoden transplan-tieren. Zum einen geht es bei solchen Experimenten darum, die Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit genauer zu untersuchen. Zum anderen wäre freilich auch vorstellbar, daß die
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in den Mäusen heranwachsenden Spermien des Menschen zur künstlichen Befruchtung genutzt werden (»New Scien-tist«, Nr. 2119, S.4).
Die Grundlagen für das Verfahren hat Ralph Brinster von der University of Pennsylvania vor zwei Jahren geschaffen. Ihm ist es gelungen, spermienbildende Zellen (Spermatago-nien) von Ratten in den - immunologisch entsprechend vorbereiteten - Hoden von Mäusen heranwachsen zu lassen. Dadurch wurde die Artenschranke überwunden. FAZ
Die Artenschranke überwinden - so lautet der unausgesprochene Befehl des Zeitgeistes, dessen fantasmagori-sche Geschöpfe in vielen Filmen ihren Auftritt haben. Insbesondere in den Science-fiction-Streifen amerikanischer Provenienz tummeln sich Wesen, deren Herkunft ein Ergebnis oberwähnter Grenzüberschreitung zu sein scheint. Noch stecken hinter den tierisch-menschlichen Gesichtern aus Kunststoff Schauspieler, aber die Zeit, falls der Biologie überhaupt noch soviel Zeit zugestanden sein dürfte, wird künftige Generationen sicherlich mit sehr seltsamen Homunculi konfrontieren. Gesetzgeberisch läßt sich der Trend zum »Schweinehund«, zur achtbrüstigen Frau, zum Tarzan in Handgröße, zum tatsächlich janus-köpfigen, also doppelt mündigen Bürger kaum aufhalten. Alles, was machbar ist, wird irgendwann gemacht. Ethische Postulate waren noch nie ein Hindernis für Innovationen. Schauen wir in die Vergangenheit zurück, stoßen wir auf eine unheimliche Lust an extremen Ausgeburten des Homo sapiens. In den Raritätenkabinetten der Fürsten, auf den späteren Jahrmärkten des so hingebungsvoll empfänglichen Volkes blühte der schöne Schauder vor dem Abnormen. Und just dieser Schauder, der ein grausiges Entzücken in sich birgt, ist eine enorme Triebkraft für die demnächst zu erwartenden Frankensteins. Wir stehen be-
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reits an einem historischen Scheidewege. Noch müht sich die Technologie um den perfekten, aber maschinellen Roboter, der sich zwar selber reparieren und duplizieren kann; doch bei dem Wettlauf um den Sklaven der Zukunft hat die Biologie mächtig aufgeholt. »Menschenzüchtung« ist angesagt, und wenn die letzten moralischen Hemmungen gefallen sein werden, bilden Halbtiere die weitaus billigere Lösung, da ihr Energieverbrauch vermutlich geringere Kosten verursacht. Man erinnere sich an den Film »Planet der Affen«, auf dem wir bereits leben, ohne es so recht bemerkt zu haben. Doch wenn wir es einmal wirklich wahrnehmen sollten, ist jegliche Rückkehr zur Natura naturans, zur natürlichen Natur, bereits versperrt.
Der Schriftsteller Hans Christoph Buch hat mir sein letztes Produkt geschickt: »Kain und Abel in Afrika«. Ein wesentliches und wichtiges Dokument über die unsäglichen Verhältnisse auf dem »Schwarzen Kontinent«. Glänzend geschrieben, die persönliche Sicht keineswegs die eines distanzierten Beobachters, sondern die eines ins Geschehen involvierten Mannes. Vor zwanzig Jahren wäre das Buch noch eine Sensation gewesen, heute stößt es auf keinerlei Interesse mehr. Der Untergang, der Selbstmord afrikanischer Völker durch Aids, das Abschlachten einander feindlicher Ethnien gehört zum alltäglichen Nachrichten-»Brot«. Nur ruft eine Nachricht in ihrer abstrakt blassen Formulierung keinerlei bemerkenswerte Reaktion hervor, und Buchs Buch, das durch seine individuelle Sicht noch Aufmerksamkeit bewirken könnte, versinkt im Brei der immer gleichen Horrormeldungen. Buch, mit dem ich darüber telefonierte, zeigte sich resigniert: Warum schreibt man eigentlich noch derlei? Das Echo ist minimal und bleibt folgenlos. Er ist sich völlig darüber im klaren, daß
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sein literarisch gelungener Bericht, durchaus in der Tradition der selbsterlebten Abenteurergeschichte (etwa eines Bruce Chatwin), keine Chance hat, wirklich wahrgenommen zu werden. Wozu noch schreiben? Die turbulenten, schrill alles übertönenden »Love Parades« überrollen alles, was jemals sich als Mit-Leid für den fern leidenden Mitmenschen geregt hat oder vorsichtiger ausgedrückt: geregt haben könnte. Es ist tatsächlich der »Tanz auf dem Vulkan«, nur diesmal nicht der einer kleinen Schicht, sondern der Mehrheit, welche von den lavaartigen Menschenströmen, mit denen sie zu rechnen hat, nichts ahnt oder nichts wissen will. Aber der große Kehraus läßt nicht mehr lange auf sich warten ...
Im Traum in Amerika gewesen. Eine Straße, eher noch Gasse, die Häuser aneinandergereiht, zweistöckig, beinahe klassizistisch. Dort stehe ich mit einem jungen Mann und einem hübschen jungen Mädchen, mit dem ich englisch rede. Sie will mir den Weg zu einem Antiquitätengeschäft weisen, ich bin mir der Richtung nicht sicher, doch sie wird mich geleiten. Unversehens befinde ich mich mit ihr in einem ärmlichen Schlafzimmer. In einem der zwei Einzelbetten liegt ein seltsames Paar, eine alte Frau, ein Mann mit einem gewaltigen, nietzscheanischen Schnauzbart, ebenfalls uralt; beide unter bunten, schmutzigen Decken vergraben. Im zweiten Bett direkt vor mir ruht ein Kind, ein kleines Mädchen, das Nachthemd übersät mit Feuchtigkeitsflecken, deren Ursprung Urin sein könnte; neben ihr auf der Decke ein Tonbandgerät, aus dem laut herzbewegende Countrymusic klingt. Die wenigen Möbel scheinen der Jahrhundertwende zu entstammen. Alles macht den Eindruck großer Ärmlichkeit. Die beiden alten Leute regen sich in ihrem Bett, winden sich aus dem Bett-
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deck, und ich schlage die Augen nieder, um dem Anblick ihrer wahrscheinlich verrunzelten Körper zu entgehen. Was für ein Amerika war das bloß? Wohl ein längst vergangenes, in das ich eine »Seelenreise«, falls es so etwas gäbe, unternommen habe. Nichts ringsum kam mir bekannt vor oder irgendwann vordem gesehen, so daß der Traum eine Erinnerung wiederbelebt haben könnte. Alles war mir vollständig fremd und gänzlich neu, und während ich mich einem Regal zuwandte, in dessen Fächern ein paar beschädigte kleine Spielzeuge als einziger Schlüssel zu meiner Obsession und zu meinem Umfeld aufgehängt waren, schwand die Szenerie dahin, sehr sacht, so daß ich nach dem Aufwachen sie noch eine Weile mit Staunen betrachten konnte. Und ich dachte, nein, ich gedachte des lange verstorbenen und ziemlich vergessenen Schriftstellers Heinar Kipphardt, dessen letztes Buch nichts anderes enthielt als die Notate seiner Träume, welche für ihn zur einzig lebenswerten Realität geworden waren.
Kurt Tucholsky konnte noch eine Glosse mit dem Titel »Die Zeit schreit nach Satire« schreiben: heute eine Unmöglichkeit, da uns die Satire eingeholt, ja, unsere Fantasien überholt hat. Wir befinden uns in ihr, ohne dessen gewahr zu werden.
Wo sind sie geblieben, die Spiegelkabinette der Rummelplätze? Was für ein simples Vergnügen war es gewesen, sich in den Zerrspiegeln als menschliches Monster zu belachen - vorbei, vergangen, perdu. Die Spiegel waren übermäßig konkav oder konvex gebogen, manche gar so-wohl-als-auch gewellt, so daß man ein abstruses Mischwesen zu sehen bekam: die Beine stummelartig, Oberkörper und Gesicht hingegen langgezogen. Ein Amüsement
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unschuldigster Art, da man sich selber als extreme Mißgestalt begegnete. Sich derart widergespiegelt zu erblicken, schloß Angst und Aggressivität aus, man war keineswegs gekränkt über sein ungewöhnliches Aussehen, man war sich der eigenen Gestalt, vom Spiegel scherzhaft reflektiert, nur allzu sicher. Meist traten Paare vor die Spiegel und wiesen lachend und kichernd auf die Wölbungen und Verengungen, die Verdickung und Verdünnung des Partners mit ausgestrecktem Zeigefinger hin. Mit jeder Bewegung veränderte sich die Verzerrung, ein heiteres Spiel mit der eigenen Figur, abgelöst von Erdenschwere und Introversion.
Aber die Rummel wandelten sich, da es das Publikum nach schärferen Reizen verlangte. Die naiven Belustigungen schwanden langsam dahin, das technisierte Entertainment nahm die Stelle der gemütlichen Spaßangebote ein. Mit den Zerrspiegeln verließen auch die durch Spiegelwände hergestellten Labyrinthe den Jahrmarkt. Niemand zahlte noch Eintritt dafür, daß er sich durch halbdunkle, enge Gänge zum Ausgang, den aufzufinden schwierig war, hindurchtasten mußte, nur begleitet von seinem eigenen Spiegelbild. Es dauerte seine Zeit, bis man wieder ans Tageslicht kam, weil sich einem ständig erneut und unverhofft die eigene Person in den Weg stellte. In solchen Irrgärten schien es, als gerate man immer tiefer in die Ausweglosigkeit, um nie wieder in einem Draußen aufzutauchen. Etwas Unheimliches war diesen Labyrinthen eigen, für den temporär ungeduldiger werdenden und gelangweilten Besucher einer auch in ihren Unterhaltungskünsten verarmenden Gegenwart j edoch ohne bleibende Attraktion. Deshalb sucht man heutzutage auf den Rummelplätzen vergebens nach den Labyrinthen, in denen die Suche nach dem Ausweg ja kein Gemeinschaftserlebnis gewesen ist, sondern ein ganz individuelles. Und damit, nämlich allein mit sich selber, kann das Individuum nichts mehr anfangen.
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Planetarisches Gewimmel, so scheint es in Berlin und durch Berlin zu treiben. Die Völker haben die Signale gehört, den Klang des Bargeldes, das Rauschen der Autos, das Rhythmusgestampfe aus den weitoffnen Läden, das Gemurmel der Passanten, das Geheul der Ambulanzen. Und doch, inmitten des unaufhörlichen Kreisens und Kreiseins, ein Malstrom sondergleichen, winken Ruhepunkte den Flaneur zu sich heran: die Bank im Halbschatten einer Kastanie wirkt ländlich und vertraut, verwilderter Rasen, durchsetzt mit unbesieglichem Löwenzahn, zitiert optisch ein Gedicht von Carl Sandburg: Ich bin das Gras, laßt mich arbeiten, ich decke alles zu ... Unter dem Pflaster liegt längst kein Strand mehr, doch just jene stumme Potentialität, um später einmal die mühsam zu erhaltende Zivilisation sacht und geruhsam verschwinden zu lassen:
I am the grass; I cover all! Und von uns wird bleiben kaum noch Bemerkenswertes. Soweit die Einladung am Berliner Wittenbergplatz, sich des Trostes der Vergänglichkeit aller Menschenwerke erinnernd gewiß zu sein.Über die Sexualität alter Menschen wissen wir wenig, weil dieses Wissen auf den Widerstand ästhetischer Vorurteile träfe. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde dem älteren, dem alten Menschen nur die sogenannte »Altersweisheit« zugestanden, jedoch kein Geschlechtsleben mehr. Der »greise Lüstling« war vermutlich um die Sechzig, der »verlebte Lustgreis« kaum älter. Stereotype fesselten des alten Menschen Begehren und stigmatisierten es als etwas Unreines. Von älteren Frauen gar nicht zu reden, für deren unterdrücktes Verlangen der Psychiater zuständig war. Wenn aber, laut Nietzsche, Lust Ewigkeit will, muß sie selbstverständlich bis ins hohe Alter, ergo: bis an den Rand der Ewigkeit sich äußern dürfen.
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Im Erfinden von Euphemismen zeigt sich die Begabung eines Volkes. Herr S. erzählte mir vorgestern, mit welcher Formulierung man seine krebskranke Tochter als unheilbar heimgeschickt habe: »Austherapiert!« hieße das verabschiedende Wort, ein höchst zwielichtiges, denn es könnte ja auch bedeuten, daß die Therapie angeschlagen habe und darum überflüssig wäre. In Wahrheit jedoch meint es nichts anderes als jene einstige Bezeichnung von der »Endlösung«, nämlich das Todesurteil.
Technik, Technologie ist ethikneutral. Obschon man in Schwarzafrika selbst im finstersten Dorf ein Kofferradio besitzt, also mit der Industriezivilisation verbunden ist, ergo informiert, wissend, aufgeklärt sein könnte, herrscht überall dunkelster Aberglaube. In den Zeitungen lese ich, wie »Hexen« und »Zauberer« von den Einwohnern erschlagen, gar lebendigen Leibes verbrannt werden, und das sogar zu Hunderten. Wie in der frühen europäischen Moderne geht es nun unter unseren schwarzen Brüdern zu. Aber es ist vielleicht gerade der Zivilisationsschub, der die Ängste erweckt, deren Ursprung, weil real unerklärlich, durch andere bewerkstelligt sein muß. Wie »der Jude« für allzuviele Deutsche an allem schuld war und seine Bestrafung als gerecht empfunden wurde, weil man die wahren Ursachen der eigenen fatalen Lage nicht zu erkennen vermochte, so wird in afrikanischen Ländern die Verantwortung für bedrückende Umstände auf Zauberei zurückgeführt, entsprechend der Volkstradition und der animisti-
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sehen Gläubigkeit, daß böse Geister am schlimmen Werk seien. Insofern läßt sich an den afrikanischen Scheußlichkeiten der mentale und tradierte Hintergrund der ehemaligen deutschen Scheußlichkeiten forensisch nachweisen. Auch hier der besagte Zivilisationsschub, die durch den Ersten Weltkrieg bedingte explosionsartige Entwicklung von Wissenschaft und Technik, in Verbindung mit materieller Not, all das brachte die schlummernde Irrationalität zum Aufblühen. Und der Kampfruf der Nazis: »Deutschland erwache!« bedeutete nichts anderes als die Ermunterung, sich nun auch im Licht des Tages der Irrationalität anheimzugeben.
Angebot, einen Vortrag in der Hamburger freien Akademie zu halten, Thema: »Kunst als Sinnstiftung«. Darüber läßt sich reden. Und beim Nachdenken über das Auszusagende merke ich, daß es, wie mir scheint, schon vielzuviel Kunst bzw. »Kunst« gibt. Ständig neue Museumsbauten, Ausstellungseröffnungen, Galerien. Eine Inflation im Bereich der Bildenden Kunst entzieht dieser die Wirksamkeit. Durch ihre massenhafte Erscheinungsweise wird sie beliebig. Aus dieser Sintflut ragt nichts Besonderes mehr hervor. In der Literatur geht es kaum anders zu. Die Buchproduktion steigert jährlich ihre Zahlen, unaufhörlich zeigen sich schreibende und dichtende Newcomer einem Publikum, das längst den Überblick verloren hat und damit die Fähigkeit, sich von einem einzelnen Werk dauerhaft beeindrucken zu lassen. Der Markt frißt und verschlingt alles mit wachsender Geschwindigkeit. Kaum ist der »Dernier cri« verhallt, ertönt schon der aktuellste und verklingt, kaum richtig wahrgenommen, in kürzester Frist. Das Tempo des Vorganges wird vom Tempo anderer Produktionszweige bestimmt: Mode, Automatisierung, Com-
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puterentwicklung, Technologie, Autobau, Unterhaltungselektronik. Die Innovationen überschlagen sich, und die Kunst und die Literatur keuchen atemlos hinterdrein. Wie soll da »Sinnstiftung« entstehen, wenn der »Stifter« keine Zeit mehr hat, das »Bleibende« zu verfertigen? Und der Leser keine Muße für die intensive Beschäftigung mit dem ihm Dargebotenen? Solchermaßen verwirklicht sich nichts anderes als ein fortwährender Leerlauf, der für alle Beteiligten frustrierend ist. Sela!
Nochmals zu »Kunst als Sinnstiftung« eine Annotation. Der Sinn-Begriff selber, scheint mir, ist teleologisch verhaftet, weist unabwendbar eine Zielrichtung auf, nämlich das, was man als Sinn zu erkennen gemeint hat, im Zeitlichen zu erfüllen. So war ja der Sinn aller Gläubigkeit, ein Leben zu führen, an dessen Ende die Erlösung stand: sie war gleichermaßen Sinn, so daß beides, Weg und Ziel, in eins zusammenfielen. Denn sinnvoll zu existieren ließ sich nur als durch einen Endpunkt bestimmt begreifen. Nur vom Ende her, also von der fiktiven Warte des Rückblicks, konnte der vermeintliche Sinn erkannt werden. Insofern kann Kunst dem Leben keinen Sinn verleihen, weil Kunst der Zeitlichkeit, in der sich ja der Sinn ergeben und erfüllen muß, enthoben ist. Ich stimme da mit Theodor Lessing überein: Kunst ist das große Illusionstheater, der Schleier vor den Schrecknissen, das Alibi aller Untaten. Freilich könnte man behaupten, daß Kunst, so gesehen, einen Sinn habe und diesen auf negative Art und Weise auch vollziehe. (Ich merke schon, je mehr Gedanken ich mir über den Vortrag mache, desto fragwürdiger wird mir die Kunst »an sich«.)
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Vorgestern berichtete die Presse, drei Männer hätten einem vierten, noch lebenden, den Kopf abgesägt. Gewiß: Alkohol ist mit dabei im mörderischen Spiel gewesen, aber trotzdem und dennoch - ein derartiges Vorkommnis setzt eine Bereitschaft voraus, wie sie nur unter der Gewaltherrschaft der Nazis vorstellbar gewesen ist und sich auch dementsprechend manifestiert hat. Jedoch der analoge Vorgang unter gewöhnlichen zivilisatorischen Alltagsbedingungen klärt uns nicht bloß über den latenten Geisteszustand innerhalb schwer einzuordnender Bevölkerungsschichten auf, sondern er impliziert ebenfalls aufs Erschreckende eine Zukunft, in der, wie heute schon in der Dritten Welt, das Töten im wahrsten Sinne des Wortes als »Gesellschaftsspiel« gilt, der individuelle motivlose Mord grassieren dürfte. Im gleichen Maße, wie das eigene Leben als unwert empfunden wird, überträgt der Täter dieses Mangelempfinden auf sein Opfer. Wenn mein Dasein nichts taugt, bedeutet das der anderen auch nichts mehr für mich. Ließe sich eine Maßeinheit für Hemmschwellen entwickeln, wir würden sehen, wie der Nullpunkt näher rückt.
Zur Regeneration unseres Idioms benötigten wir dringend eines Wortspielautomaten, um uns der weitreichenden Möglichkeiten des Deutschen bewußt zu werden. Außer bei ein paar Dichtern, die sie noch betreiben, scheinen die Wortspiele aus unserem Alltag verschwunden, ohne daß eine »Rote Liste« ihre Gefährdung vermerkt hätte. Dabei waren und sind sie alle Jungbrunnen des Sprechens und Schreibens. Ach, ich wünschte mir eine Wortspielothek, in der es nur Gewinner geben kann ...
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Ich bin noch den Laternenanzündern begegnet. Wenn es zu dämmern begann, erschienen sie in den Seitenstraßen im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, ausgerüstet mit einer langen, hakenbewehrten Stange und auf einem Fahrrad, mit dem sie von Straße zu Straße fuhren, wo sie von Laterne zu Laterne schritten, das Rad schiebend, die Stange zwischen Sitz und Lenker befestigt. Unter jeder Laterne blieben sie stehen, um mit dem Haken nach einem Ring unterhalb des Beleuchtungskörpers zu angeln. Mit einem Ruck am Ring sprang fauchend das Gaslicht an, einen milden, grünlichen Schimmer unter sich verbreitend. Und so ging es fort und weiter, von einer Laterne zur nächsten -ein mühseliges Geschäft. Ich kann mich nicht erinnern, je mit einem dieser gesichtslosen Männer gesprochen zu haben, und ich weiß auch nicht, woher sie kamen und wohin sie verschwanden. Sie lebten für mich nur in diesem kurzen Augenblick vor Einbruch der Dunkelheit. Auch wir in unserer Küche in der Christburger Straße hatten, außer dem elektrischen, zusätzlich Gaslicht, was sich als äußerst günstig erwies, denn der Strom war rationiert, und es gab täglich Stromsperren, die uns, zumindest in der Küche, nicht kümmerten. Denn der Gasverbrauch war unbeschränkt. So ging es eine ganze Weile nach Kriegsende weiter. Sogar späterhin, als Ostberlin, wo ich lebte, mehr und mehr elektrifiziert wurde, blieben uns im Stadtteil namens Buch die alten Gaslaternen erhalten, also in den Jahren vor und nach 1970. Unsere Straße, der Hörstenweg, bildete eine schier endlose Gerade, rechts und links mit besagten Illuminationsvortäuschungen bestückt, weil sie weder die Fahrbahn noch die Partien zwischen ihren gußeisernen Pfählen erhellten. Man ging praktisch aus einem Lichtkreis durch die Finsternis zum nächsten. Sobald Nebel fiel, wurde das Umfeld noch undurchsichtiger, dafür aber märchenhafter. Man sah nur eine in der Perspektive verschwimmende Reihe von grünlich-matten Leuchtpunkten
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und kam sich selber wie verzaubert vor, zurückversetzt in einen Revenant aus vergangenen Tagen. Und ich bedauerte es, als Peitschenmasten mit ihren Neonröhren die alte, geheimnisvolle Schummrigkeit ersetzten. Es gelang mir, eine der außer Dienst gestellten Laternen, die im 19.Jahrhundert von Friedrich Schinkel entworfen worden waren, zu kaufen und in meinem Garten aufzustellen - freilich nun elektrifiziert. Um den Reiz des Gewesenen zu erhalten, benutzte ich eine nur schwache Glühbirne, um mir wenigstens eine Ahnung des Vergangenen zu bewahren: dessen trüben Glanz vermisse ich noch heute angesichts der schattenlosen Städte, die keinen Winkel für Träume mehr bieten. Doch die Erinnerung kehrt zurück, wenn ich den vorgestrigen Schlager »The Old Lamplighter« höre, was bedauerlicherweise nur ganz selten geschieht.
Der kleinste Schaltkreis der Welt
WO OOOmal dünner als ein Haar Das Unvorstellbare - hier wird's Ereignis! Das menschliche Vorstellungsvermögen, die Fantasie sind durch die großen Zahlen überfordert. Ob im Mikrobereich oder im Kosmos: die Zahlen, wie übrigens alle Zahlen, bringen nichts Bildhaftes zustande. Wenn von zweitausend Milliarden Sonnen die Rede ist, von Entfernungen, die nach Millionen Lichtjahren berechnet werden, versagt die Imagination wie auch das Empfinden. Und die Meldung, etwas sei iooooomal dünner als ein Haar, verblüfft zwar im ersten Moment, ruft im zweiten jedoch nur Schulterzucken hervor. Na und? fragt man sich. Und weiter: Was soll's?! Einmal ist dem Mikroisierungswahn doch eine Grenze atomarer Art gesetzt. Kleiner geht's nimmer. Und die Endlosigkeit des Universums nimmt man ebenfalls als gegeben hin, weil keine Chance besteht, lebenden Leibes
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weit ins All vorzudringen. Auch hier sind Grenzen gesetzt. Selbst wenn sich Menschen auf den Weg machten und innerhalb ihrer Raumkapsel Generationen einander folgten, die durchmessene Strecke wäre und bliebe wohl minimal. Sogar ein Flug von zigtausend Jahren führte kaum über unsere Galaxie hinaus, und selbst wenn das möglich wäre: hinter der nächsten läge doch wieder eine weitere und so fort. Ein sinnloses Unterfangen, das Universum erforschen zu wollen. Aber da die Neugier ein Charakterzug des Homo sapiens ist, wird er mit seinem Bestreben nach Kenntnissen und Machbarkeiten nicht aufhören, herausgefordert vom schier Unmöglichen, an dessen Existenz zu glauben ihm versagt ist.
Nun ist es eingetreten, was zig Science-fiction-Filme vorführten und die entsprechende Literatur vor sich hin me-netekelte: das Desaster in Manhattan. Der Kamikazeflug glaubensblinder Islamisten gegen die Welthandelstürme mit der bisherigen Bilanz von rund dreitausend Toten. Das Unheimliche daran erscheint mir, als seien die blutrünstigen und Katastrophen ausmalenden Leinwandwerke tatsächliche »Vorgaben« gewesen, ohne die die Terroristen kaum auf die Idee solcher Zerstörung gekommen wären. Die suggestive Macht der Bilder zeitigt Folgen. Das Anwachsen der Kriminalität beruht kaum allein auf einer sich ausbreitenden Povertät, sondern garantiert auch auf den Bildern, die zu Vorbildern werden. Die Statistik hat längst nachgewiesen, daß jeder Fernsehzuschauer während seiner Teilhabe über zehntausend Morde »genieße« - das Ergebnis kann nicht ausbleiben. Und weil die Sinnlosigkeit menschlichen Daseins sich inzwischen bis in die fernsten Gegenden herumgesprochen hat, nimmt man anderen leichterhand das Leben und opfert ebenso leichtfertig das
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eigene, weil man glaubt, mit dieser Art von Suizid noch einem sinnfälligen Ziel zu dienen.
Die mörderischen Aktivitäten von Islamisten beweisen weniger die Intensität einer Religion, als vielmehr deren Krankheit und Zersetzung, die aufzuhalten nur noch verbrecherische Mittel helfen sollen. Wie sehr müssen Moslems an religiösen Selbstzweifeln leiden, wenn sie die westliche Zivilisation, den amerikanischen »Teufel« beseitigen wollen, um ihrem Gott zu dienen. Als könnte man nicht in einer säkularisierten Welt seinem Glauben leben. Freilich ist der Islam eine Religion, der alles Individuelle fremd ist - was die Millionen von Pilgern zu den »heiligen« Stätten (wo man sogar einen Stein anbetet) jährlich beweisen. Und in diesem Umstand liegt auch die Gefahr für die Welt: Menschen, die sich der Individuation verweigern, sind fleischliche Bomben. Wie gerade gesehen und bestätigt gefunden!
Eigentümlich, daß sich mit dem Wort »Dämon« Neuschöpfungen bilden lassen, die jedoch das Dämonische keineswegs ad absurdum führen, vielmehr es gar verstärken, wie etwa »Dämontage«, »Dämonetärisch«, oder religionsfeindlich: »Dämonsignore«. Und wer vom »Dämon ami« spricht, sollte mit Mißtrauen betrachtet werden. Sogar »Dämonstrationen« sind häufig vom bösen Geist besessen, sobald man einen einzigen Vokal auswechselt.
Dank dem Langzeitgedächtnis weiß ich noch heute einen in der Familie mit ambivalentem Lachen kolportierten Witz: »Friedrich der Große sprach: Bei uns kann jeder nach seiner Facon selig werden. Aber damals schrieb man Facon mit c - heute mit SS!«
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Vergessenwerden - das befürchten, im Gegensatz zum »Common man«, viele Künstler und Schriftsteller, und sie rackern sich daher ab, zu Lebzeiten umfassende Popularität zu gewinnen. Obgleich sie wissen müßten, daß der aktuelle Ruhm eine fragile Pflanze ist, für deren Lebensdauer es keine Garantie gibt. Die VIPs von vorgestern sind bereits in den Orkus der Erinnerungslosigkeit verschwunden, trotz ihrer unerhörten Mühen, gerade diesen Umstand zu verhindern. Doch Zeiten ändern sich und damit die Zeitgenossenschaften, und was ehedem wie Gold erschien, erweist sich unerwartet als Messingblech. Daß einer sich seiner Unsterblichkeit im Geiste sicher sein kann, gehört zu den seltensten Fällen der Kulturgeschichte. Und ich möchte sogar behaupten, je eifriger einer seinen Nachruhm betreibt, desto unsicherer ist er sich dessen. Und wahrscheinlich mit Recht.
Der Mensch wünscht sich immer Glück, ohne zu ahnen, daß dieses ohne seine Kehrseite, das Unglück, gar nicht zu haben ist.
Auf meiner Lesetour zwischen Fürstenfelsbruck und Weilheim wohnte ich in Feldafing im »Hotel Kaiserin Elisabeth«, jener durch Kitschiers per Film und Fernsehen, durch Journalismus und Schmalzromane bekannten »Sissi«. Weiter Blick über den Starnberger See auf die bläulich eingefärbten Alpen. Das »Meublement« teils Biedermeier, teils Renaissance, alles sehr gediegen, die Küche vorzüglich, die Bedienung freundlich bis herzlich, das Haus selber im Besitz der Hotelierfamilie seit 380 Jahren. Das nenne man tatsächliche Kontinuität! Was mich aber weitaus mehr berührte, ja, anrührte, war der einstige Aufenthalt eines Gastes, dem ich mich innig verbunden weiß:
Michel de Montaigne, der hier auf seiner Badereise nach Italien Station machte. Im Hotelentree sein Portrait und ein Auszug aus seinen Reisenotizen in Französisch. In einer Epoche geschichtlicher Diskontinuität ein wundernswür-diges Phänomen, und ich stellte mir vor, mein Kollege und Bruder im Geiste habe eventuell in dem Zimmer, dem mit der schönsten Aussicht, wie man mir versicherte, geruht, geschrieben, hinausgeblickt in die Ferne, die gegen Abend sacht verdämmerte. Eine fiktive Begegnung, doch von einer Selbstverständlichkeit, wie man sie bei realen Zusammentreffen mit Very Important Persons kaum jemals erlebt. Glaubte ich an Seelenwanderung, dürfte ich mich sogar für einen Wiedergänger halten, für die Auferstehung des Essayisten, dessen große Ähnlichkeit mit mir solchen erheiternden Gedanken nahelegte. Von unseren jeweils jüdischen Müttern abgesehen, verleihen uns unsere Kahlköpfigkeit und unser melancholisch mit den Spitzen abwärtsweisender Schnurrbart das Aussehen von Zwillingen, und ich hätte mich nicht gewundert, morgens beim Frühstück mit »Monsieur« angesprochen zu werden. Und mit der Frage, wieso ich mich so lange nicht hätte sehen lassen...
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