2000
Kunert 2013
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Kein Tag ohne Zeile, forderte (von sich?) der alte Plinius, was wohl auf der Unsicherheit beruht, ob man den nächsten Tag noch erleben würde. Gehört nicht, unter anderem, zum Antrieb, zur Rastlosigkeit des Schriftstellers auch das Gefühl, noch nicht alles gesagt bzw. geschrieben zu haben? Das Werk wird von seinem Schöpfer stets als unfertig angesehen. Immer scheint noch etwas zu fehlen, irgend etwas muß nachgetragen werden. Denken wir doch an Proust, der (faktisch) noch im Sterben an seinem Big Book gearbeitet hat.
Was für ein anheimelnder Satz: Über Nacht hat es geschneit. Nur zögernd hebt sich das Dunkel. Das Weiße tritt hervor, mehr und mehr, als Konkurrenz - wir denken ja immer gleich in diesem Begriff - des grauen Himmels, der voller Schnee hängt, wie es eine umgangsprachliche Wendung behauptet. Weihnachtlicher Anblick, Kindheitserinnerungen entstehen assoziativ. So gehe ich zwischen meinen Eltern, die mich an den Händen halten, von meinen Großeltern kommend durch die Weißenburger Straße, den Kopf im Genick, den Blick zur Milchstraße erhoben. Welch ein Geflimmer. Unter den Sohlen knirscht die Bodenbedeckung. An den Bordsteinen haben die Anwohner das kristallisierte Wasser zu kleinen Hügeln zusammengeschoben. Die Stille ist ungeheuerlich. Keiner außer uns dreien unterwegs. Auch meine Eltern schweigen, vielleicht ergriffen von diesem Moment, herausgehoben aus dem Alltag, erhellt von vereinzelten Gaslaternen, um die der Schnee seine Kreise gelegt hat. Endlos möchte man weitergehen, niemals aufhören, die Füße Schritt für Schritt voranzusetzen, gestützt, gesichert, erfüllt von einem Gefühl, das sich dem Erinnern entzieht.
Nur der dürftige Abglanz des Gewesenen kehrt zurück, ein Bild, das Sehnsucht erweckt, eine, deren Befriedigung niemals mehr möglich sein kann.
Berlin-Treptow, Herkomer Str. 8: unsere erste Wohnung nach der Hochzeit. Zweieinhalb Zimmerchen. Das halbe mein Arbeitszimmer. Kaufe ein in der Zeitung annonciertes, durch einen Rolladen verschlossenes Schränkchen für Manuskripte. Der Schreibtisch ist recht roh, primitiv getischlert. Ich sitze auf einem mit geblümtem Stoff überzogenen Hocker. An der Wand ein Sowjet-Plakat aus dem Laden »Meschdunarodnaja kniga«, einer russischen Buchhandlung, darstellend Maxim Gorki in der Pose des Agitators. Heut' geh' ich zu Maxim, bin nicht mit ihm intim, könnte ich operettenhaft singen, obschon ich die Gesamtausgabe seiner vielzuvielen Werke gelesen, aber nicht ver-innerlicht habe. Man wußte, lesend, immer im voraus, wie sich die Väter und »Die Mutter« verhalten würden; alles war, wie in Heiligen Schriften, vorbestimmt, alles wie in den Ausmaleheften der Kindheit vorgezeichnet. Hinter der nächsten Moskauer Ecke lauerte keine Überraschung. Wieviel spannender, obgleich trivialer, Pelz von Felinaus Roman »Titanic«, den ich mehrfach verschlang, weil er um ein Geheimnis kreiste, das Tod hieß, ohne daß es wirklich greifbar wurde. In jenen Tagen war ich ein hoffnungsvoller Skeptiker, heute bin ich nur noch Skeptiker.
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Auch Montaigne war der Ansicht, die Beschäftigung mit dem eignen Selbst ersetze ein Studium des Menschen. Schließlich sei man ja nichts anderes als jedermann - zumindest in mancher Hinsicht. Die simplen Reaktionen gleichen einander. Nur das von der Norm Abweichende ist das Individualistische par excellence, so daß wir beruhigt annehmen dürfen, allein dem Verrückten eigne das Besondere, ihn aus der Masse Hervorhebende. Wir anderen gehören zum Brei, zum Gemensche, ohne Widerstand von der Zeit verzehrt. Daß man sich dennoch einiger Subjekte erinnert, wie an den erwähnten Montaigne, liegt nicht an ihrer Persönlichkeit, sondern an ihren Hervorbringungen, denen man das Prädikat »unnormal« zugestehen muß, weil ja der normierte Erdenbürger nichts derart Wahnvolles wie Literatur in die Welt setzt. Nicht der Autor, sein Werk entzieht sich den Regeln, die uns alle beherrschen.
Marianne, am 3.2. in die Lubinus-Klinik eingeliefert, wurde gleich am nächsten Tage operiert: ein neues Knie. Ich bin allein im Haus, wobei das Gefühl unabweislich ist, sie sei noch anwesend. Ob ich telefoniere oder sonst irgend etwas tue, stets erwarte ich die Frage: Mit wem hast du gesprochen? Gibt es was Neues? Mach mir eine Tasse Kaffee ... Eine numinose Anwesenheit hat sich, zumindest am ersten Tag ihrer Abwesenheit, bemerkbar gemacht. Wahrscheinlich nimmt die Gewohnheit die fehlende, sonst parate Person auratisch wahr. So kann ich mir vorstellen, wie alte Leute, ich gehöre dazu, nach dem Tode ihres Partners noch eine ganze Weile eine gespenstische Kommunikation aufrechterhalten.
Du bist fort und doch hier bei mir. Möglicherweise tragen dazu auch die Dinge bei, die Gegenstände durch die Prägung des oder der Abwesenden, so daß eine leere Bettstatt, eine ungewöhnliche Stille, Geräuschmangel ex ne-gativo das Vorhandensein des Nichtvorhandenen hervorzaubert.
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Wenn doch schon das endliche Leben unerträglich sein kann, wie erst das ewige?!
Das Wissen (oder das vorgebliche Wissen) macht erpreßbar. Spekulationen gehen davon aus, daß Firmen Schweigegelder an Leute (»Hacker«) zahlen, die in ihr Datensystem eingedrungen sind. Wie erst mögen da Regierungen andere ihresgleichen erpressen können, Staaten andere Staaten, indem sie drohen, deren Geheimnisse und Pläne offenkundig zu machen. Ja, und es ist sogar denkbar, daß (wie angemerkt) bereits die Drohung, solche Kenntnisse glaubhaft zu erfinden oder zu fälschen, Wirkungen zeitigen, von denen wir keinen »blassen Schimmer« haben.
Heutzutage rechnen die Regierenden nicht mehr mit der Anhänglichkeit der Regierten, mit dem »Untertanengeist«, sondern nur mit deren Gleichgültigkeit.
Die politische Klasse, die Nomenklatura der bürgerlichen Gesellschaft ist, was Mangel an Bildung betrifft, erstaunlich weit fortgeschritten. In Kunstdingen ist sie gänzlich den dafür Zuständigen ausgeliefert und gibt sich deren Urteil und Interpretation anheim. Sie selber ist keineswegs mehr in der Lage, geschmacksbildend zu wirken oder ihren guten oder schlechten Geschmack zu verteidigen. Das bedeutet, daß jeder Scharlatan, habe er nur einen Experten auf seiner Seite, freie Bahn in der Gesellschaft hat. Ohne »kompetente« Rückendeckung wäre ein Beuys, Produkt seiner Interpreten, wohl kaum in das ruinierte Reich
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der Bildenden Kunst eingezogen. Die eigene Unsicherheit regierender Minipotentaten, beamteter Kassenwarte, Kunstetathüter, eitler Sponsoren führten eine Auflösung sämtlicher Maßstäbe herbei - zum Nutzen talentierter Roßtäuscher, denen jedes Mittel des visuellen Betruges recht ist. Ein Haufen Scheiße in einem Museum wird durch das Ambiente seiner normalen Bezüglichkeit entzogen und durch den »edlen« Rahmen zum Kunstwerk geadelt. Die »Fettecke« im Keller eines alten Mietshauses wäre eine zu beseitigende Verschmutzung, im Tempel der Kunst jedoch wurde sie, wie alles, was in diesen Raum gerät, geheiligt und damit gegen jeden kritischen Einwand tabuisiert. Hier wird, im Gegensatz zur politischen Ebene, Kritik zum Affront, ja, schlimmer: zum Sakrileg.
Straßenbahnfahren. Immer auf der Plattform bleiben und hinausstarren. Wie die Häuser vorbeizogen, wie die Räder in den Kurven laut quietschten, obwohl gesichtslose, dunkelgekleidete Männer immer wieder Fettbatzen in die Schienen schmierten. Fuhr meine Mutter mit mir, dem noch nicht schulpflichtigen Kinde, zu irgendwelchen Verwandten, betrog sie nicht nur den Schaffner, dem gegenüber sie mich jünger machte, um das Fahrgeld zu sparen. Sie hatte eine andere Angewohnheit, die mir unerhört peinlich war. Sie pflegte mich eingehend zu mustern, zog ein Taschentuch hervor, dessen einen Zipfel ich einspeicheln mußte, damit sie mir vor allen Leuten das Gesicht putzen konnte, wobei ich am liebsten durch den Wagenboden im Kiesbett der Strecke versunken wäre.
Später sehe ich mich auf dem Weg zur »Arbeit«, zu dem Konfektionsgeschäft, in welchem ich überflüssige Tage zubrachte. Ich trug einen zweireihigen Mantel aus dem taubenblauen Stoff der Luftwaffenuniformen. Und auf
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dem Kopf saß mir ein breitkrempiger Hut ä la mode. Ich erblickte mich in der spiegelnden Scheibe und kam mir lächerlich vor, ein Vierzehn-, Fünfzehnjähriger mit der Ausstattung eines Dandys. Doch die anderen Fahrgäste, eben nach dem letzten Luftangriff aus den Kellern gekrochen, bemerkten nicht meine falsche und meinem Alter widersprechende »Eleganz«. Seitdem habe ich nie wieder einen Hut aufgesetzt. Es sei denn zum Spaß für ein Ulkfoto. Und selbst in der Erinnerung kenne ich mich in meiner Verkleidung nicht wieder, und nicht angesichts meiner Mutter, die intensiv an einem Fleck auf meiner Stirn nibbelt. Ach, jeder Rückblick, und handele es sich nur um ein Dezennium, beschert mir eine fremde Person, von der ich kaum glauben kann, sie gewesen zu sein.
Ein Ort, von dem ich trotz aller Ambivalenz nicht loskomme, ist mein Geburtsort Berlin. Ich habe Berlin in den unterschiedlichsten Phasen kennengelernt. Als »Hauptstadt des Dritten Reiches«, als Ruinenlandschaft, als Notfall der Nachkriegssituation, als »Hauptstadt der DDR«, als Westberlin, als ein Konglomerat unterschiedlichster Baulust. Die ersten fünfzig Jahre meines Lebens habe ich in Berlin verbracht, bis zu meinem Weggang im Jahre 1979, bewirkt durch die bereits legendäre »Biermann-Affäre«.
Berlin war wie ein historisches Corpus, ein Lesebuch, ein Grabdenkmal für die Ermordeten, eine Zone unglaublicher Freiheiten nach 1945, bis die Rückkehr von »Law and Order« die Freiheiten einschränkte. Die Jahre nach Kriegsende waren gekennzeichnet von Chaos und Anarchie, und ich würde mit Brecht sagen wollen: »Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.« Eine heutzutage unvorstellbare Ära, über die nur noch Literatur berichtet, freilich eine wenig umfangreiche.
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Die Berliner Häuser, insbesondere die Altbauten, zeigten sich mir als Schneckenhäuser, Hüllen ihrer verschwundenen oder greisenhaften Bewohner. Und just an diesen Häusern ließ sich die Geschichte ablesen. Der bröckelnde Putz erzählte vom Schicksal der Fassaden, die Einschußlöcher von den Kämpfen in den Straßen, die Trümmer waren die Pyramiden der Bombenopfer. In jenen Tagen strich ich tags und auch manchmal nachts durch die Stadt und fühlte mich merkwürdig angeheimelt. Ich schlich mich in Ruinen, wo Stille herrschte und der Geruch verbrannten Holzes. Und zu den Steinen, zu denen ich ein besonderes Verhältnis habe, die mich zum Schreiben anregten.
Ein eifriger Bücherwurm war ich seit meiner Kindheit gewesen. Und so kam es, daß ich eines Tages mich in diesem merkwürdigen Metier versuchte. Wie wird man Dichter? Der einst berühmte Kritiker Alfred Kerr erwiderte auf die Frage, wie man Kritiker werde, mit dem Satz: Kritiker wird man, indem man Kritiker wird. Dichter wird man, indem man Dichter wird. Es ist eine Anlage, ein diffuses Vermögen, ein Ansatz von Talent, das ebenso zur Bildenden Kunst, zur Musik, zur Wissenschaft, zur Geschäftstüchtigkeit tendieren kann.
Als Kind äußerte ich auch die Absicht, Millionär zu werden, merkte aber nur zu bald, daß mir dafür die Durchsetzungskraft und Energie fehlten. Da ich unmusikalisch bin, blieb mir die Wahl zwischen Kunst und Literatur. Mit der Kunst ging ich zeitweilig eine lockere Ehe ein, bis mich die Muse der Literatur endgültig als Geisel nahm.
Berlin spielte schon am Beginn meines Schreibens eine wichtige Rolle, denn ich war an die Stadt gefesselt, war ihr, so könnte man es nennen, hörig. In dem damaligen Berlin verlief mein Dasein unter wechselnden Umständen. Die bekannten Höhen und Tiefen. Schließlich nahmen die
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Tiefen zu, ein Grund, sich von der sogenannten »Heimat« zu trennen. Außerdem hatte sich Berlin dermaßen verändert, daß es seine Persönlichkeit verlor, und eine Persönlichkeit war es für mich immer gewesen. Es wurde abgeräumt, planiert, betoniert, mit Platten wurden Kästen errichtet, so daß ich mir zwischen all dem architektonischen Schund wie ein Ausländer vorkam.
In meinem Gedächtnis jedoch ist es nicht ausgelöscht. Es hat sich als eine Traumstadt erhalten. Und in jedes erneut entstehende Berlin-Gedicht gehen meine einstigen Erfahrungen mit ein und erzeugen die Atmosphäre des Textes.
Ähnlich wie bei meinen Reisen bewegte ich mich wie ein Archäologe durch Berlin. Trotz der abgerissenen und an ihrer Stelle errichteten Bauwerke existierten in meiner Sicht die ehemaligen Objekte. Beim Gang durch die Keibelstraße in Alexanderplatznähe schritt ich nicht am Polizeipräsidium vorbei, sondern an den beschädigten Häusern des Scheunenviertels, in denen Verwandte und Bekannte hausten. Das emphatisch gefeierte Neue war für mich bloße Kulisse, hinter der sich die Wahrheit des Gewesenen verbarg.
Berlin ist dafür berüchtigt, daß es jeglicher Tradition abhold ist und zum Tabula-rasa-Machen ständig bereit. Vom Friederizianischen Absolutismus über den Wilhelminismus, über Hitler und Ulbricht bis in die Gegenwart hat sich kein Respekt vor der baulichen Historie ausgebildet. In Berlin existiert keine Altstadt. Nur noch Fotografien zeigen die Verluste an. Und ich muß gestehen, wenn ich gegenwärtig nach Berlin reisen muß, zu irgendeiner Lesung, komme ich mir verlorener vor als in London oder Florenz, wo die steingewordene Historie mir mehr zu sagen hat als das Berliner Sammelsurium einer teuren, allzuteuren Postmoderne.
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Von den Gedichten bin ich zur kleinen Prosa gelangt, eine Form, die nahezu ausgestorben ist. Mein Helfershelfer bei diesem Unterfangen war Charles Baudelaire, dessen »Kleine Gedichte in Prosa« ich in den späten vierziger Jahren verschlungen habe. Die Übersetzung von Bassermann muß ausgezeichnet gewesen sein, da ich die Melodie, den Rhythmus dieser bewegten Prosa mit Gewinn aufnahm. Diese kleinen Stücke standen in dem Zwischenreich von Lyrik und Prosa, was mir entgegenkam, da das Moment sprachlicher Verdichtung hierbei anwendbar war. Und noch ein Moment glich dem Schreiben von Gedichten: das Entdecken. Ein Gedicht entspringt ja nicht fertig dem Kopf und muß nur aufs Papier gebracht werden - es ergibt sich erst beim Schreiben, sozusagen: unter der Hand. Durch irgendeinen Umstand angeregt, kritzelt man ein paar Worte auf Papier, einen Satz, eine Zeile, bis sich um diesen Kern das Gedicht mehr und mehr auswächst. Ein beinahe natürlicher, naturhafter Vorgang. Ebenso ging es mir mit kleinen Prosastücken, an deren Beginn noch kein Einfall, keine Idee vorhanden war, nur ein flüchtiger Eindruck, aus dessen sprachlichem Niederschlag sacht der Text keimte.
Mit der Zeit wurden die kleinen Texte länger, wurden zu Geschichten, zu Essays, zu Artikeln, gar zu einem Roman, zu Drehbüchern und Hörspielen und zu einer Autobiographie. Alles nach dem antiken Motto: Kein Tag ohne Zeile. Bis zum Schlußpunkt. Oder bis zu jenem Wort, das auf der letzten Seite einstmaliger Bücher prangte, damit der Leser auch wisse, daß nun nichts mehr käme. Also bis zum Ende.
Gestern an Jean Amery gedacht. Seit langem ist sein Name nicht mehr gefallen, er scheint weithin vergessen worden
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zu sein; er war eine moralische Instanz, wie sie heute nirgendwo in Deutschland mehr existiert. Seine Legitimation bezog er dadurch, daß er durch die Hölle Auschwitz gegangen war, ein unbestechlicher Denker, den die Leidenserfahrung scharfsichtig gemacht hat. Glück oder zumindest Zufriedenheit macht blind für die Menschenwelt. Leid ist eine Lehre, Leiden das vielfältige Studium der eigenen Person mit diversen Prüfungen, von denen man manche nicht besteht, ja, beim besten Willen nicht bestehen kann. Amery hat sich schließlich dem fortwährenden Geprüftsein durch Suizid entzogen. Flucht vor der Erinnerung in den Tod, den er für das letzte, frei zu wählende Residuum hielt. Erreicht die seelische Verletzung ein Übermaß, stirbt, ehe man sich selber umbringt, der Lebenswille.
Eine Zwischenbilanz:
Wie es angefangen hat, weiß ich nicht mehr. Zum Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, historisierend gesagt, in der Ära des sterbenden Sozialismus, machte ich mir über dies und jenes Notizen. Und merkte gleich, daß ein Gedanke nur Bestand hat, wenn man ihn schriftlich fixiert. Wir sind es gewohnt, so obenhin über vieles hinwegzudenken, Luftblasen, Seifenblasen, doch was man nicht festhält, kehrt im Gedächtnis nie oder doch nur höchst selten wieder. Also schrieb ich auf, was mir durch den Kopf ging: eine Auseinandersetzung mit der Welt, ihren Erscheinungen, und zugleich eine Begegnung mit mir selber. Der sogenannte Mensch ist ein recht diffuses Wesen, das von sich selber glaubt, es besäße eine exakte Kontur. Wir irren uns immer, sobald wir uns der eigenen Person ernsthaft zuwenden. Dann erst merken wir, wie fragwürdig unsere sogenannte »Persönlichkeit« ist.
Durch die Notizen, Reflexionen, Betrachtungen, Anmerkungen,
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Erinnerungen - es sind inzwischen weit über tausend Seiten - habe ich mich entäußerlicht, um für mich selber sichtbar zu werden. Um zu wissen, wer ich denn eigentlich bin. Aber ich habe mich dabei nicht entdecken können. Die meisten Leute gewinnen ihr Selbstverständnis durch die ihnen gesetzten Grenzen, die ihnen nicht im mindesten bewußt sind. Man kann aber immer ein anderer als der sein, für den man sich im Moment hält. Alles von mir Aufgeschriebene wirkt auf mich fremd - als hätte es ein Sonstwer verfertigt. Nur: dieser Sonstwer muß ich wohl sein, da sich niemand außer mir als Autor der Texte meldet. Ist diese Ungewißheit über das eigene Selbst nun ein Glück oder ein Unglück? Ach, Brecht, in Ihrer Liste unbeantworteter Fragen haben die wichtigsten gefehlt.
Eines der uneingestandenen Merkmale des Alters, weil für Gespräche weniger als Krankheiten geeignet, ist die Vergeßlichkeit. Nicht allein der Namen von anderen Leuten, sondern vor allem der Plätze, wo man etwas Wichtiggemeintes deponierte. Wie lange habe ich meinen »Fahrzeugbrief« (extreme deutsche Wortkonstruktion) gesucht, weil ich ihn »sicher« unterbringen wollte. Die Sicherheit war so groß, daß nur eine Schar von bestens geschulten Einbrechern ihn hätte finden können. Dabei stak er, friedlich, wie es ungemein zutreffend über Dinge heißt, zwischen den Autoversicherungspapieren im Keller in einer alten, abschließbaren Munitionskiste aus dem Zweiten Weltkrieg. Vorher habe ich zweimal meine beiden Schließfächer in der Bank um und um gewühlt, mich schon fast für blind haltend, bis ich die Kiste, obwohl bereits kontrolliert, noch einmal Blatt um Blatt durchsah. Alte Menschen verlegen einen Gegenstand, der bestenfalls von ihren Erben wieder aufgestöbert wird.
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Was für ein glänzendes Geschäft würde man machen, wollte man wichtige Dokumente et cetera mit einem Chip versehen, der in einem Gerät seine Speicherheimat hat und lauthals antwortet, wenn man nach ihnen fahndet. Auf einem Bildschirm (Display) erschiene eine Schrift, besagend: Hier liege ich als Fahrzeugbrief im Keller, in der Kiste, und harre deiner. (Eine Erfindung, von deren künftiger Realisierung ich ioo%ig überzeugt bin.)
In der Nacht vom 10.7. zum 11.7. träumte ich mich auf einen anderen Planeten. Am Himmel standen zwei Monde, und ich nahe einer Mauer, in der sich eine Eisentür befand. Es erschien eine mir fremde Frau, öffnete diese Tür und stürzte sofort in einen unauslotbaren Abgrund gleich hinter besagter Tür. Das ereignete sich völlig lautlos. Ich ging ungerührt weiter. Die Bewohner dieses Planeten glichen Menschen, doch ich wußte, es waren keine, sie ahmten sie nur nach und schritten an mir vorbei, als existierte ich für sie gar nicht. War das ein archetypischer Traum eines verirrten Extraterristen oder ein durch Fernhypnose bewirktes Erlebnis oder bloß ein Mischmasch diverser Fernsehfrüchte?
Das Auto - keineswegs allein Statussymbol. Vielmehr Spielzeug dem Homo ludens, das, wie bei Kindern, nach einiger Zeit Überdruß erzeugt und durch ein neues ersetzt werden muß. Ohne die generelle Infantilität des Menschen, insbesondere des männlichen Menschen, bräche die Autoindustrie zusammen, wäre sie längst zusammengebrochen. Durch ihren Innovationsfleiß, ihr permanent wechselndes Design, durch technische Erfindungen kommt sie unserem Spieltrieb entgegen, was unserer Aufmerksamkeit entgeht, weil wir uns insgesamt für erwachsen halten. Ein teurer Irrtum, der außerdem jährlich ein paar tausend Leute das Leben kostet.
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In Canettis Notizen taucht die aktuelle Welt kaum auf, al-lerhöchstens in zwei, drei Notizen, als lebte der Autor in einem Vakuum, unerreichbar vom äußeren Geschehen. Natürlich handelt es sich hierbei um die Haltung eines Egozentrikers, obgleich er ständig von seiner Hinneigung zum Menschen, zu den Menschen spricht. Aber ich glaube, daß für solche Schriftsteller »der Mensch« nur einen Bezugspunkt darstellt, um das eigene, ichbezogene Fühlen und Denken zu formulieren. Der Adressat hingegen bleibt ein schemenhaftes »Nutztier«, erfunden zum zweckdienlichen Gebrauch. Apropos: Canetti bildet nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Einzig und allein durch Lektüre durfte und konnte ich mich einem zur Banalität bestimmten Schicksal (unbewußt) entziehen. Vermutlich hätte ich als Angestellter dahinvegetieren müssen, vielleicht als Kleinkrämer, als Schreibtischtäter in einer Behörde, als Dienstleister für irgendwer Daß es nicht dazu gekommen ist, verdanke ich unleugbar meiner Mutter, die mich mit Büchern gefüttert hat, freilich unübersehbar aus jüdischer Tradition heraus, welcher das Wort, die Schrift, das Buch mehr bedeutet als der allgemein üblichen, nichtjüdischen Einstellung zur Literatur: die besaß für Juden einen höheren Wert als für den »arischen«, christlichen oder sonstwie gearteten Teil der Bevölkerung. Literatur galt nicht bloß als Mittel der Unterhaltung, als Lebenspausenfüller - sie bot, selbst wenn es wohl den meisten jüdischen Lesern kaum bewußt gewesen ist, den Ansatz zur Emanzipation, zur Kräftigung des Selbstbewußtseins, zum Überlegenheitsgefühl gegen-
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über den »anderen«, für die Literatur derart wesentlich nicht zu sein brauchte, da sie keine Schranke zu überwinden hatten. Literatur, vor allem die deutsche, doch keineswegs nur diese, vermittelte das Zugehörigkeitsgefühl sowie die Befriedigung des Besserwissens. Ich kenne diese Befriedigung von Kindheit an, während welcher ich vor Gleichaltrigen mit Kenntnissen, die jenen fehlten, wahrhaft prunken konnte. Der Zwang zum Autodidakten, dem höhere Bildungswege versperrt waren, stammt aus solchen verschütteten und dennoch wirksam gewesenen Überlieferungen des Judentums. Was unsichtbar von früh an unser Dasein bestimmt, erkennen wir, falls überhaupt, erst sehr viel später. Vom Ergebnis aus läßt sich der leitende Ariadnefaden zurückspulen, eine umgekehrte Reihenfolge, denn ursprünglich gab uns niemand eine Garantie dafür, daß wir ein wünschenswertes Ziel erreichen würden. Insofern erscheint mir die erwähnte, insgeheim wirksame »Tradition« als das Werk von unzähligen namenlosen Juden, schattenhaften Gestalten, in deren säkularer Nachfolge ich ungewollt und dennoch unmerklich gelenkt meine Existenz verbracht habe.
Einst veröffentlichte ich einen Essayband mit dem Titel »Warum schreiben?«, doch war diese Frage anders gemeint, als sie sich heute stellt. Damals diente sie der Erklärung, was denn eigentlich ein Individuum, diesenfalls mich, bewege, sich schriftlich zu äußern. Jetzt jedoch ist das Gesamtunterfangen »Literatur« in Frage gestellt. Obwohl ich stets behauptet habe und es noch tue, daß ich keineswegs fürs Publikum, sondern zu meiner eigenen Befriedigung mich in Sprache ergehe, läßt sich doch die Drohung aufkeimenden Analphabetismus nicht ignorieren. Was wird, wenn keiner mehr zum Buch greift? Wenn
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keiner mehr durch Lesen seine Person zur Persönlichkeit bildet?
Die von Herbert Marcuse angekündigte hochtechnifi-zierte Barbarei tritt demnächst tatsächlich ein. Und meine Ängste gelten weniger dem eignen Werk und daß es vielleicht im Strudel elektronischer Verdummung untergehe, als der besagten Barbarei, die weder vor der Kunst noch vor ihren Schöpfern haltmacht. Die bösartige Menschenverachtung, von welcher die täglichen Horrormeldungen aus der Kriminalitätsstatistik sprechen, muß sich notwendigerweise weiter ausbreiten, wenn, was Literatur impliziert, das Bestehen auf dem Humanum, sich in Luft auflöst. Nie war ich davon überzeugt, Literatur könne Unmenschlichkeit verhindern, aber nun bin ich doch ziemlich sicher, daß ohne sie die letzte Hemmung über Bord geht. Dominieren zum Schluß die Videospiele, die Fernsehfilme mörderischen Inhalts, dann existiert überhaupt kein, wenn auch noch so minderes, Gegengewicht, das wenigstens dem Blutrauschwahn, der Egomanie etwas entgegenzusetzen hätte. Die Hypothese vom Gefächel eines Schmetterlingsflügels, das eine Kette von Folgen in Gang setzt, gilt auch in diesem Falle: Die Reduktion einer Gattung zeitigt Auswirkungen - warum sollte das nicht auch bei und mit der Literatur geschehen? Gestern las ich, daß Stephen Hawking, der schwerbehinderte, verkrüppelte Wissenschaftler, der Menschheit nur noch tausend Jahre Existenz zubilligt - wie ich finde, eine sehr optimistische Prognose. Wie hieß die Ökologenformel? Erst verschwindet der Wald, dann der Mensch. Nun ließe sich sagen: Erst verschwindet die Literatur, dann das denkfähige Gehirn. Diesen Planeten können wir getrost abschreiben und unter die Aspiranten für abgestorbene Weltkörper einreihen.
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Die Gewalt wächst, blüht und gedeiht. Die morgendliche Zeitung quillt über von Schreckensmeldungen; kein Mensch ist seines Lebens mehr sicher. Mord und Selbstmord grassieren in den Familien, Raub und Notzucht sind das tägliche Brot der Presse. Nur: dem Erschrecken des Lesers folgt die Abstumpfung. Die emotionale Reaktion wird schwächer, bis sie fast ganz ausbleibt. Dieser Abkühlungsprozeß läßt sich paradigmatisch auf viele Vorgänge übertragen, selbst auf solche, in die wir involviert sind. Die sich endlos wiederholenden Klagen eines Freundes führen dazu, daß man sie zum Schluß überhört und bloß noch mit dem Kopfe nickt. Teilte man anfänglich (graduell) noch die Sorgen und Nöte des anderen, so werden sie irgendwann lästig, einer tibetischen Gebetsmühle gleich klingen sie uns in den Ohren, die wir uns am liebsten verstopfen möchten. Fremdes Leid und Leiden entwickelt sich zur Unerträglichkeit für den nicht direkt Betroffenen, der auf des Partners Verstummen innigst lauert.
Nein, man erkennt sich nicht wieder. Das Foto ist kein Spiegel. Was es präsentiert, hat mit dem Betrachter nichts gemein. Selbst sorgfältige Kontrolle, Suche nach gewissen Zügen, erbringen nichts. Das Abbild von einst verweigert die Identität. Ein Fetzen Schlangenhaut? Nur Fremdheit zeigt sich, keine unverwechselbare Ähnlichkeit. Mir ist rätselhaft, was Menschen veranlaßt, sich ihre früheren Ablichtungen anzuschauen. Sentimentalität? Eine Wehmut nach dem Motto: Es war einmal... ? Ein autobiographisch gestimmter Rückblick in vergangene Tage, für deren Evidenz das Foto einsteht? Aber ist der Fremde dort nicht ein Abgestorbener, von dem nur Partikel im Betrachter virulent sind? Mir scheint oftmals, daß gerade bei Künstlern, deren Fotos ihre Hervorbringungen zieren, der heimliche
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Wunsch nach dem Jungsein vorherrscht, da sie strikt darauf achten, keine Fotografie »letzter Hand« zu publizieren. Auf den Waschzetteln, Klappentexten von Büchern, im Werbematerial von Verlagen, von Agenten aller Gattungen ist der Vorgestellte niemals seinem aktuellen Alter gemäß abgebildet. Der Mut zum Altgewordensein mangelt den meisten. Man sieht sich lieber etwas frischer, besser erhalten, erträglicher also, als es die augenblickliche Wirklichkeit will. Mehr oder weniger unbewußt das Verlangen, dieser unabänderlichen, über uns verhängten Wirklichkeit wenigstens optisch ein Schnippchen zu schlagen. Dumm-schlaue Manipulation der persönlichen Erscheinungsweise, zumindest in effigie - so was läßt tief in unsere Oberflächlichkeit blicken!
Man kann jetzt mit Millionen Menschen auf der Welt kommunizieren, aber ich erkenne keinen Sinn in der Möglichkeit. Und ich wüßte auch nicht, mit wem ich mich wozu in Verbindung setzen sollte, jedenfalls gibt es niemanden über den Kreis näherer Bekannter hinaus, den zu kontaktieren ich eine Veranlassung verspüren würde. Der Begriff »Weltdorf« täuscht etwas vor, was inexistent ist, wenn man einigermaßen über die tatsächliche Dorfgemeinschaft Bescheid weiß. Das subjektive Moment wird durch das Internet ausgeschaltet; der Kontakt bleibt abstrakt. Seine Bedeutungslosigkeit wird elektronisch überspielt. Weil die absolute Mehrheit der Menschen einander sowieso nichts Wesentliches mitzuteilen hat, glaubt sie, auf diesem Wege Bedeutendes erfahren zu können. Eine Fiktion. Allein schon der Wahn des mobilen Telefonierens macht klar, worum es in Wahrheit geht: das »Handy«, Spielzeug Erwachsener und anderer Kinder, täuscht über die Beziehungsarmut hinweg. Nur durch das Zauberische
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der zwar verstehbaren, doch stets erneut verwunderlichen Technik erhält der ansonsten banale Dialog seinen im »echten« Leben verlorengegangenen Reiz zurück. Während man einsam und alleine auf einem belebten Platz steht und dennoch mit einer weit entfernten Person redet, regen sich in der Tiefe der Psyche verborgene Konstellationen von Anrufung und Antwort des Numinosen, das jetzt aber abgeschafft und durch eine Telefonnummer ersetzt worden ist. Einzig der Vorgang an sich birgt noch das uralte Geheimnis, daß ein Ruf erhört wird, obgleich von einer Gottheit, an deren physischer Erscheinungsweise nichts auf ihre Fähigkeit hinweist, uns dermaßen ober- wie überirdisch zu empfangen.
Der Bruch mit aller bisherigen Vergangenheit, der Einbruch des primär technologisch Neuen in unser aller Dasein, hat inzwischen auch die Presse alarmiert. Jetzt heben die Umfragen unter den Autoren an, und ich trage ebenfalls mein gehirnliches Scherflein dazu bei, das im übrigen so wenig bewegen oder ändern wird, wie die Beiträge meiner Schreibgenossen. Damit es aber nicht sofort in der Stampe lande, im Altpapier, nehme ich es hier (ohne Ewigkeitsgarantie) in diese Blätter auf.
Neue Gottheiten
Ob künftig die Naturwissenschaften anstelle der Geisteswissenschaften verbindliche Normen und Leitbilder liefern werden - diese Frage hat die Praxis unseres Daseins längst beantwortet, indem sie die Aufklärung konsequent zu Ende führt. Nachdem Nietzsches Diktum, Gott sei tot, durch unser mörderisches Ingenium im 20. Jahrhundert bestätigt wurde, ist von den alten Werten und Glaubensinhalten nichts mehr übriggeblieben als hilflose Sprü-
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che von »Ethikkommissionen«, ein Hintergrundgeräusch, das kaum einer vernimmt. Unsere Moral und Humanität gründete im Religiösen, im Umkreisen von sich wandelnder Transzendenz, was wir, fortschrittssüchtig, nicht wahrhaben wollten. Jetzt jedoch merkt man sehr deutlich, daß wir uns selber den Boden unter den Füßen weggezogen haben, indem wir uns unwissentlich einer Gottheit unterwarfen, von der wir annahmen, daß sie unser Diener wäre. Wir waren und sind Zauberlehrlinge und werden es fernerhin sein. Und wenn von der »Entzauberung« der Welt die romantisierende Rede ist, so meine ich, erst in unserer Gegenwart ist sie dem Zauber verfallen, aber einem bösen.
Die naturwissenschaftliche Durchdringung aller Bereiche, alles Lebendigen, oftmals von uns unbemerkt, hat den grundlegenden Wandel bewirkt. Aus der »Krone der Schöpfung« ist ein Sammelsurium zahlloser Gene geworden, ein durch nichts mehr geheiligtes Stück Materie, ach, eher noch: Material. Diese Materialität prägt und trägt unbewußt unser Denken und Trachten. In unser Selbstverständnis hat sich etwas eingeschlichen, was dem Blick des Wissenschaftlers auf sein Objekt ähnelt. Durfte man früher seine Frustrationen dem »Sündenfall« zuschreiben, einem immerhin einzigartigen und universalen und darum auch tröstenden Geschick, so setzen sich heute die psychischen Störungen aus diversen konkret analysierbaren Einflüssen zusammen, erweisen sich also als funktionale reparaturbedürftige Defekte. Obwohl in einem anderen Zusammenhang gesprochen, schwingt in dem Stalin-Wort vom Ingenieur der menschlichen Seele bereits mit, was inzwischen zur heimlichen, gar unheimlichen Struktur des allgemeinen Existierens geworden ist. Diese sich ständig weiter verästelnde Struktur, das engmaschiger werdende
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Netzwerk ökonomisch-technischer Beziehungen, im Zusammenspiel von Wissenschaft und Technologie geschaffen, hat uns eingewoben wie die Spinne die Fliege. Insbesondere die geistige und mentale Bewegungsfähigkeit scheinen zunehmend eingeschränkt. Und ich frage mich, ob die Tendenz zur physischen Gewalttätigkeit, zur Kriminalität, zur sexuellen Freizügigkeit nicht ein fatales Zerren an den Fesseln ist.
Wir wissen nur zu gut, daß alles als machbar Erdenkliche auch gemacht wird. Daß technische Utopien und wissenschaftliche Visionen wieder Konjunktur hätten, möchte ich bezweifeln. Es hat sich, wenn auch sehr langsam, herumgesprochen, es gäbe keine Neuerung ohne ihre fragwürdige Kehrseite. Nur läßt sich diese erst erkennen, wenn es zu spät ist. Und jede mögliche Korrektur eines Unheils impliziert ein diesem System immanentes neues Unheil. Wer ungeduldig in die Zukunft strebt, befindet sich auf der Flucht vor einer Gegenwart, die im wahrsten Sinne des Wortes gottverlassen ist. Aber jegliche Heilung durch ein Herbeibeten des Morgen bleibt Illusion, weil wir zwar die verbindliche, uns bindende Struktur verfeinern, aber nicht mehr beseitigen können. Und ihr Zusammenbruch wäre bloß ein beschleunigtes Ende der Zivilisation. Wir sind zur Gänze aufgeklärt, wir wissen nahezu alles über uns, wir sind befähigt, unsere Situation zu reflektieren, wir können uns mehr und mehr die Phänomene unseres und anderer Planeten erklären - wir erleben tatsächlich so etwas wie einen säkularen Sündenfall, denn wir sind nicht imstande, das von uns selber über uns verhängte Schicksal aufzuheben. Wir wollten wie Gott sein und haben nicht bedacht, daß sich jede Schöpfung verselbständigt und irgendwann einmal ihren Schöpfer ignoriert. Ach, übrigens: die Sintflut hat schon begonnen.
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FASZINIEREND Diese Katze frißt Strom
Sie will, daß man sie streichelt und mit ihr spricht. Dann schnurrt sie ganz zufrieden und schließt die Augen. Doch das kann sich ganz rasch ändern. Plötzlich faucht sie und signalisiert uns, daß es gleich Senge gibt. Typisch Katze! Nicht ganz. Denn »Tama« ist bloß ein Tierroboter. Takanori Shibata, japanischer Maschinenbauingenieur, hat sie entwickelt. Prozessorgesteuerte Motoren, Druckrezeptoren unter dem Polyesterfell und Akustiksensoren im Ohr reagieren individuell auf Reize von außen. Sie zeigt Emotionen, sie wird ärgerlich, wenn man sie unsanft anfaßt, sie scharwenzelt neugierig umher, ruft man sie beim Namen. Gegen Langeweile hat das Kätzchen auch ein Rezept - es legt sich einfach schlafen. In Japan soll »Tama« schon bald auf den Markt kommen. Ein Erfolg scheint garantiert: Denn »Tama« erfüllt menschliche Bedürfnisse - und hat einen unmenschlichen Vorsprung: Man kann das Objekt der Liebe abschalten, wenn es lästig wird. Außerdem besticht »Tama« durch Pflegeleichtigkeit: Sie wird niemals nach Futter verlangen, nur nach Strom. Und sie wird auch garantiert nicht in die Wohnung ... na, Sie wissen schon.
Das Unheil beginnt wie immer beiläufig und unter dem Deckmantel des Unseriösen und sogar Komischen. Wie haben sich unsere Vorfahren über die technischen Innovationen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts lustig gemacht und amüsiert. Im klassischen Satireblatt »Simpli-cissimus« findet man ausreichend Witze über das Automobil, das Telefon, das Radio. Auch über das vorerst nur projektierte Fernsehen spaßte man gewaltig. Wie ulkig wirken selbst heute noch die primären Flugversuche, das dahinhoppelnde Gestell der Gebrüder Wright, die fluguntauglichen Drei- und Vierfachdecker, die, kaum auf die Wiese gebracht, nach einigen Umdrehungen ihrer Räder
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»koppheister gingen«, also von der Motorschwere gezogen vornüberstürzten. Und was ist aus all diesen Scherzen technischer Provenienz geworden? Zerstörung, Vernichtung, Auslöschung des Lebens, anhaltend und unaufhaltsam. Dergestalt steckt in der stromfressenden Katze bereits der Tiger - metaphorisch gemeint. Ahnen wir nicht jetzt schon, was da für automatisierte Wesen sich in unser Dasein einnisten werden, um uns zu unterhalten, zu beschäftigen, uns die Langweile zu vertreiben, zugleich jedoch einen teuren Terror auf unsere Existenz auszuüben, uns abhängig zu machen, süchtig nach den Spielgefährten oder gar Gefährtinnen, die uns alle elektronisch einprogrammierbaren Wünsche erfüllen, sobald wir ihren Energiehaushalt bezahlen? Polizisten, Soldaten, »Ordnungskräfte« aus der Fabrik werden uns umgeben, natürlich nur zu unserer »Sicherheit«, doch wehe, wenn sie losgelassen! Ohne jede menschliche Regung (sowieso selten unter militärisch gedrillten Personen) werden sie selbstverständlich über Leichen gehen, unfähig, ihr Tun zu begreifen, nur dem Programm gehorchend. Huxleys »Schöne neue Welt« wird sich unter diesem Aspekt als ein romantisches, gutmütiges und außerdem recht human gesonnenes Märchen erweisen. Denn unsere neue Welt, wie sich längst abzeichnet, wird zu einer des ästhetisch performierten Schrek-kens, regiert von maschinellen Dämonen, welche wir aus unserem trüben Geist, aus unserem amoralischen Unterbewußtsein in die Wirklichkeit entlassen haben. Wir sind dabei, alle Albträume unserer Vorväter, aufgezeichnet und prophezeit in der Literatur, auf irreversible Weise wahr zu machen.
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Mir träumte, wie es so schön altväterlich heißt, ich säße auf der Endstufe einer Rakete, vor mir an der Spitze eine hübsche, schwarzhaarige Frau, deren Locken im Fahrtwind flatterten. Die Strähnen legten sich über ihr Gesicht, Haare wehten, einige verwandelten sich, wurden zu dichten Augenbrauen und Schnurrbart: Stalin saß plötzlich vor mir, anstelle der attraktiven Brünetten. Gleich darauf ging der Traum insofern weiter, als dieser relativ junge, eben schwarzhaarige Stalin in einer Versammlung des obersten Führungsgremiums, in dem er noch keine dominierende Position einnahm, diese dadurch errang, daß er sein Wodkaglas schwenkte und einen Toast auf die ruhmreichen Soldaten ausbrachte, dann auf die Matrosen, auf die Flieger, auf die Stachanow-Arbeiter und so fort, so daß die anderen »Kader« nicht zu Worte kamen, denn diesen Toasts durfte man nichts entgegenhalten. So wurde Stalin in meinem Traum zum Autokraten durch das Erheben seines gefüllten Glases. (Was mir diesen Traum eingebrockt hat, würde ich gerne wissen wollen. Sigmund, melde dich!)
Endlich weiß ich, wer der Herr der Welt ist! Denn ich bin ihm persönlich begegnet. In Berlin, in der Halle des Bahnhofes »Zoologischer Garten«, an gänzlich unerwarteter Stelle also. Vor einer Nische mit buntem Andenkenkram und Postkarten befindet sich ein Gerät, ein Urenkel des früheren »Photomaton«-Apparates, der einem entlarvende Paßbilder lieferte, wenn man sich in eine kleine Kabine begab und nach Geldeinwurf einen Knopf betätigte. Die moderne Maschine produziert Farbfotos, Jux-Postkarten, auf denen man sich in Dollarnoten oder als zusätzlicher Denkmalskopf auf dem Mount Rushmore oder als Abori-gine für die Nachwelt festhalten lassen kann. Auch Visitenkarten stellt die Maschine her, mit Porträt dessen, der
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mit solcher Karte prunken möchte. Vor mir, der ich mich ebenfalls ablichten lassen wollte, stand ein dunkelhäutiger Mann, ein, wie es immer neutral heißt, »Ausländer«, der sich besagte Visitenkarten anfertigen wollte, was ihm gewisse Schwierigkeiten bereitete. Nachdem er sein Gesicht, dunkelbräunlich, Brille, Durchschnittszüge, per Hebel fixiert hatte, ging er dazu über, die Karte (dreißig Stück werden gedruckt) mit Text zu versehen. Zuerst der Name. Alaham Kashele (oder so ähnlich) konnte ich lesen, da er den ihn vor neugierigen Blicken verbergenden Vorhang nicht vollständig zugezogen hatte. Als Berufsbezeichnung aber setzte er, mühselig und oftmals die Buchstaben wieder korrigierend, einen Titel ein, von dem er meinte, daß er ihm gebühre. Oder der ihm unheimlicherweise vielleicht sogar (in einem kafkaschen Sinne) wirklich zustand: Führer der Globus Erde. Nichts an seinem Aussehen oder seinem Habitus wies auf diese außerordentliche Stellung seiner Person hin. Und just seine Armseligkeit, die dürftige Kleidung, die abgegriffene Tragetasche, die reglose, für kein Erinnern geschaffene Miene, diese unerhörte Diskrepanz zwischen seiner Erscheinung und der Titulatur, welche ihm beim Schreiben kein Lächeln, keine Regung entlockte, bewirkten für mich, bedingt natürlich durch Lektüre, auch in Märchen entpuppt sich ja immer der Bettler als Prinz, einen Grad von bedenklicher Wahrscheinlichkeit. Ich, der Deutsche, der Europäer, stand beobachtend da, abschiednehmend von der Dominanz eines Kulturkreises, einer Zivilisation, die für Alaham Kashele (oder so ähnlich) völlig bedeutungslos war, denn er, in millionenfacher, milliardenfacher Ausfertigung, hatte sich selber zu dem ernannt, was die Visitenkarte unwiderleglich bewies. So erfährt man in beiläufigen Momenten an nichtigen Orten große historische Wahrheiten.
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Über Treblinka z. B. wird berichtet, daß es von lediglich 35 SS-Leuten und 120 ukrainischen Freiwilligen betrieben worden sei, unterstützt von konstant 1000 zur Arbeit herangezogenen Gefangenen. Bestanden hat die Vernichtungsanlage genau ein Jahr und eine Woche lang, seine »Leistung« in dieser Zeit waren rund 1.000.000 Vernichtungen. Die Kapazität, so berichtete Franz Stangl später, lag bei etwa 5000 Personen in zwei bis drei Stunden. Die Anlage wurde anschließend dem Erdboden gleichgemacht, die meisten Beteiligten gingen den Weg ihrer Opfer - Zeugen gab es so gut wie keine, »Täter« im deutschen Rechtssinne nur wenige.
Was ist das - der »deutsche Rechtssinn«? Ein formaljuristisches Konstrukt zum Freispruch für Henker und Mörder. Lesen wir nach, wie wenige aus dieser Kategorie wirklich zur Rechenschaft gezogen wurden, so wird einem der »deutsche Rechtssinn« überdeutlich klargemacht. Der Aufschrei in »Old Germany« nach dem Erscheinen von Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« war die Reaktion der Ertappten. Natürlich hätten alle, die sich von Goldhagens These gekränkt fühlten, ebenso gehandelt wie die entkommenen Täter. In Deutschland ist eine, bereits das entschuldigende Alibi bergende, Frage erfunden worden, vor der einem übel werden kann. Diese Frage heißt: »Wie hätten wir uns denn verhalten, wenn ... ?«
Das wird zwar auf die Ex-DDR bezogen, gilt aber auch für Hitlers Deutschland. Allein in dieser Frage steckt schon die Bereitschaft zur Unterwerfung unter die Befehle der Macht und der Mächtigen. Wer diese Frage stellt, weiß von sich, daß er die Sklavenexistenz angenommen hätte, wäre sie ihm anempfohlen worden - und zwar ohne Gegenwehr. Wer schon soweit ist, sein eigenes Verhalten unter bedrängenden Umständen »in Frage zu stellen«, mit dem kann man als wirklichem Helfer in der Not nicht rechnen. Potentiell ist solch Mensch bereits das, was man unter Helfershelfer versteht - vielleicht kaum willig, aber dennoch gehorsam. So kommen wir täglich unter die Deutschen und müssen das »heilig Herz der Völker« als infarktgeschädigt diagnostizieren.
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