Die Wissenschaften vom Geiste
Kunert 2003
119-124
Eine der wohl bedeutsamsten und tiefsten Sentenzen von Karl Kraus besagt: Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner blickt es zurück. Just so erging es mir mit dem Begriff »Geisteswissenschaften«, und ich fragte mich unvermittelt, wie denn das eigentlich zusammenginge — Geist und Wissenschaft?
Ist Geist nicht ein frei schwebender, einem anderen Geist, nämlich dem Zeitgeist verhafteter und verbundener Ariel, ein luftiges Wesen, weit hinausschweifend oder mit enger Stirn geschlagen? Und worin besteht das Wissenschaftliche bei diesem körperlosen Ding, da doch Wissenschaft stets konkrete Gegenstände benötigt, um sie diagnostizieren oder analysieren zu können?
Daß man in Frankreich »esprit« haben kann, ist selbstverständlich, doch wenn ein Deutscher Geist aufzuweisen vermag, worum handelt es sich dann, und ist dieser, sagen wir mal, Zustand mit Wissenschaft verknüpfbar? Meine Unsicherheit diesem Problem gegenüber ist vielleicht auch meine Stärke, ich stehe, wie das Kind im Märchen, am Straßenrand und begreife nicht die Jubelrufe über des Kaisers neue Kleider. Also was eigentlich heißt das im Grunde: Geistes-Wissenschaft. Ist der Ausgangspunkt möglicherweise ein medizinischer mit seinem Imperativ »Mens sana in corpore sano«, ergo die vorgebliche Identität von gesundem Geist in gesundem Körper? Aber dann wäre ja beispielsweise ein Asthmatiker geisteskrank, da seine Physis dem Anspruch nicht genügt, zumindest müßte er als geistig behindert gelten.
Oder läßt sich Geist neurologisch definieren, als eine Kumpanei zwischen Großhirn, Kleinhirn und Stammhirn, die mittels Synapsen Geist ausbrüten? Zufällig las ich vor Jahren in einer sich ebenfalls wissenschaftlich nennenden Zeitschrift, der kognitive Horizont des Menschen sei genetisch beschränkt, wobei ich das Wörtchen »beschränkt« als Schmeichelei betrachte. Sollte der Geist nicht das Unbeschränkte, das Schrankenlose an sich sein?
Alle Zitate, die mir einfallen, helfen meinem kognitiven Horizont auch nicht weiter: Du bist der Geist, der stets verneint. (Also etwas Negatives.) Hingegen ist er jedoch auch willig, obwohl das Fleisch schwach ist. Ja, man kann ihn sogar, obschon nicht postalisch, auch aufgeben. Zugleich hingegen ist er es auch, der sich den Körper baut, was zu der Überlegung verführt, daß jene gut gebauten, hübschen und busenreichen Blondinen unerhört geistreich sein müßten, wenn er, der Geist, die Kraft und Macht hätte, derartige Herrlichkeiten hervorzubringen. Ebenso existieren die Ritter vom Geist, deren Waffenarsenal sich meiner Phantasie entzieht. Oder hat Mephisto recht, da er formuliert: »Ein stiller Geist ist jahrelang geschäftig; die Zeit nur macht die feine Gärung kräftig.« Doch das klingt eher nach Weingeist und Spätburgunder. Auch hörte ich schon von »Geistesheroen«, was einen durchaus unangenehmen militanten Zug zeigt.
Wo wohnt der Geist?
Natürlich im Gehirn. Dort jedoch muß er ein Versteck haben, dem die Wissenschaft nicht auf die Spur kommt, da noch keine Schädeltrepanation, noch keine Untersuchung der Ganglien etwas von seiner Existenz bemerkt hat. Wir treiben mit mehr oder minderem Geschick Philosophie (Habe nun ach usw.) mit lauwarmem Bemühen, ergehen uns in Soziopsychologie, in Linguistik, Germanistik und derlei frustrierenden Späßchen, aber Geist pur, eben im Reinzustand, will sich nicht ans Tageslicht ziehen lassen. Er läßt sich erahnen oder spüren, ist aber schlau genug, sich im Verborgenen zu halten. Denn an das Scheinwerferlicht der Tagesschau gezogen, wäre er eine jämmerliche Erscheinung. Allein durch seine Ungreifbarkeit, seine Unbestimmtheit, seine ewige Wandelbarkeit ist er überhaupt vorhanden.
Wir lesen einen Text und finden ihn »geistreich«, wobei die nächste Generation, so ihr noch das Alphabet bekannt ist, diesen »Geistreichtum« schon nicht mehr kapiert. Geist ist ein Wanderer durch die Jahrhunderte, der kluge Ahasver, der, trotz seines dioskurischen Begleiters, der Wissenschaft, immer wieder jedem exakten Zugriff entschlüpft. Zum Leidwesen der Geisteswissenschaftler läßt er sich nicht wie ein Schmetterling aufspießen und in einem Kasten an der Wand zur Betrachtung freigeben.
Auch so ein Spruch: Entweder man hat Geist oder man hat keinen. Weiß man jedoch genau, was einem da zu eigen ist? Freilich, wer keinen hat, dem sagen es schon die anderen, die guten Freunde und die berüchtigten Kritiker. Geist, eine Kopfgeburt, lebt nirgendwo sonst als in der Kunst. Und dieses Ingrediens verleiht der Kunst ihre Resistenz gegen den historisch bedingten Verfall aller sonstigen Erscheinungen. Geistlose Kunst gibt es nicht. Doch nicht jeder vermag den Geist in der Kunst, den verborgenen Demiurgen, aufzuspüren. Dazu braucht man nämlich selber ein bißchen Geist, den man weder bei Karstadt noch bei Aldi kaufen kann.
Scherz beiseite, wie eine Formel es vom Autor verlangt: Alle Geisteswissenschaften, und seien ihre jeweiligen Vertreter noch so zerstritten, bilden ein gewaltiges kulturelles Kompendium, für das sich ebenfalls eine Formel finden ließe. Die Geisteswissenschaften, jede für sich und alle für uns, reflektieren auf ihre Weise die Existenz des arrivierten Homo sapiens, des Untiers, das sich manchmal bemüht, keines mehr zu sein. Ohne die Kultur, zu der trotz aller Scherze auch die Geisteswissenschaften zählen, wäre menschliches Dasein nicht denkbar.
Jean Amery, der die Hölle von Auschwitz kennengelernt und überlebt hatte, schrieb in einem Aufsatz zu Schopenhauer: »Die kulturelle Existenz des Menschen ist eine Form seiner sozialen.« Wie wahr! Eine rein soziale Existenz würde uns noch unter das Niveau von Tieren drücken; wir wären biologische Roboter, nichts weiter.
121/122
Aber die Kultur, und mit ihr die Geisteswissenschaften, sind in Gefahr. Der Irrglaube von dubiosen Politikern meint, es ginge auch ohne Kunst, ohne Literatur, schließlich haben wir ja das wundervolle Medium Fernsehen, das doch die kulturellen Bedürfnisse befriedigt. Nur Narren denken so. Weil die kulturelle Nivellierung, das Abkappen der Spitze, der großen künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Leistungen den Rest der Pyramide zum Einsturz brächte. Aus der bekannten PISA-Studie wissen wir, daß wir uns auf dem Wege in die Barbarei befinden, wogegen keine Gesundbeter und kein Nobelpreisträger helfen.
Die Schriftsteller beispielsweise bedürfen des Lesers — eine Binsenweisheit. Aber sie bedürfen auch der Vermittlung reflektorischer Art. Natürlich versteht ein Leser graduell, was er da im Buch vor sich hat. Die Geisteswissenschaften immerhin sind berufen, dieses Verständnis zu vertiefen. Wobei uns klar sein sollte, daß es sich bei den Geisteswissenschaften um durchaus heuristische Künste handelt. Die besagte Reflexion ist stets eine spekulative, sie basiert auf Annahmen, und diese Annahmen sind abhängig von der Person des sie vortragenden »Wissenschaftlers«.
Jegliche noch so notwendige Vermittlung des »Geistes in der Flasche« erweist sich als Kanalisierung, als Ideologisierung, als durchaus individuell gefärbte, sprachlich sich als objektiv gebärdende Erläuterung. Was an den Universitäten gelehrt wird, kehrt unweigerlich im Feuilleton wieder, entsprechend der »Gelahrtheit« der einstigen Scholaren. Darin besteht die Crux der Geisteswissenschaften: daß sie keinen Zollstock besitzen und kein Mikroskop. (Nebenbei gesagt: Auch die Naturwissenschaften, die neuen Gottheiten, sind vor Irrtümern nicht gefeit, nur können sie ihre Fehler, ehe diese offenkundig werden, mit scheinbaren Fakten belegen.)
An die Stelle religiöser Gläubigkeit ist die Überzeugung von der Unfehlbarkeit naturwissenschaftlichen Denkens getreten, das zu unserem Leidwesen ein zersplittertes, in Fächern aufgebahrtes Wissen darstellt. Bloß der Einfluß der Naturwissenschaften auf die Geisteswissenschaften ist unübersehbar. Alles strebt nach »Verifizierbarkeit«, ohne sie jedoch erreichen zu können. Ein Beispiel zeigt die Hilflosigkeit der Geisteswissenschaften, speziell der Literaturwissenschaft vor dem Phänomen Poesie. Der Geist der Poesie ist weder an einem Tatort, dem Gedicht, zu erwischen noch in der Psyche des Dichters. Falls wir überhaupt von ungelösten Rätseln zu reden wagen, so steht dafür die Lyrik ein. (Was mir tröstlich erscheint.)
Trotz aller Unsicherheiten und konträrer Auffassungen: eines ist ganz sicher und damit ein unumstößliches Alibi für die Geisteswissenschaften. Sie »funktionieren« nach dem Hegelschen Prinzip des Aufhebens im Sinne von aufbewahren. Keine Arbeit, keine Publikation ohne Berufung auf die Vorläufer, auf die einstigen Denkweisen, welche solchermaßen konserviert erscheinen. Auch die Naturwissenschaftler stehen auf den Schultern ihrer Ahnen und Urahnen, doch macht sich das nicht auf gleiche Art bemerkbar wie bei den Geisteswissenschaften, die ein unverkennbares Kontinuum bilden.
Gerade durch die Auseinandersetzung mit vergangenen Methoden der Betrachtung, mit ehedem gültig gewesenen Interpretationen geisteswissenschaftlicher Perspektiven. Philosophische Grundhaltungen von Geisteswissenschaftlern gehören ebenso zum »Aufbewahrten« wie die von ihnen behandelten Gegenstände. Das insgesamt macht Geisteswissenschaften so wesentlich. Sie zu erhalten und zu pflegen und vor allem sie materiell abzusichern, ist eine unwiderlegliche Notwendigkeit. Es sei denn, wir hätten das Bedürfnis, wieder auf den Baum zu klettern, von dem wir vor Zeiten herabstiegen. Ich jedenfalls habe dieses Bedürfnis nicht.
Und wenn wir gegen Krieg und Unterdrückung auf diesem Globus protestieren, wenn wir die Menschenrechte einfordern, dürfen wir keineswegs vergessen, daß dieser Planet noch roher und unmenschlicher und unlebenswerter wäre, bestünde nicht die Kultur, die Geisteskultur.
Ich weiß, predigen hilft wenig.
Die Machthaber und die Mächtigen sind in dieser Hinsicht taub, weil sie glauben, Kultur zahle sich nicht aus und koste nur Geld. Doch wer nichts in die Kultur zu investieren gewillt ist, verspielt die Zukunft und wird sich eines Tages dort wiederfinden, wo er hingehört: in der steinzeitlichen Höhle.
124
(10.3.2003)