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Die verschwundene Muße 

Kunert 1991

 

125-128

Die Bezeichnung »Rote Liste« ist zu einem gängigen Begriff geworden. Auf ihr steht aus Fauna und Flora all das vermerkt, was vom Aussterben bedroht ist: eine Liste, die nicht nur ständig länger, sondern auch immer beängstigender wird, weil sie den unausgesprochenen Verdacht hervorruft, am Ende dieser Liste könnte wohl unser eigener Gattungsname erscheinen. 

Aber bis dahin werden noch viele andere »Rote Listen« entstehen, wenn auch nicht solche, in denen aufgeführt zu sein hätte, was, außer den konkreten Dingen unserer Lebensumwelt, ebenfalls gefährdet oder bereits verschwunden ist. Denn das weniger Augenfällige als Bestandteil von interagierenden Verhältnissen oder auch nur individuellen Umständen ist schon aus unserem Blickfeld gerückt, ohne daß unser Bewußtsein ein Alarmsignal empfangen hätte. Auf solcher Liste, falls ich eine aufstellen wollte, stünde ganz obenan das Wort »Muße« als etwas unrettbar Verlorenes, dessen Wiederkunft kaum zu erwarten ist.

Ja, Muße! Vor Jahrzehnten noch selbstverständlich und keiner Definition bedürftig, ist sie aus dem Sprachgebrauch nahezu ausgeschieden, eine aufs Altenteil abgeschobene Greisin, von der niemand was wissen will. Ihre Bedeutung ist uns fremd geworden, und wo von ihr die Rede ist, beispielsweise in einem Werk der klassischen Literatur, stutzen wir und müssen überlegen, was damit eigentlich gemeint ist. Was ist das — Muße? Ein Überschuß an arbeitsfreier Zeit? Ein tätigkeitsloses Zeithaben? Eine persönliche Ruhephase zwecks Regeneration unserer unaufhörlich gestreßten Physis und Psyche? Es will uns nicht so recht gelingen, der »Muße« sprachlich habhaft zu werden. 

Jeder Versuch, sie exakt dingfest zu machen, verfehlt sie: eindeutiges Zeichen für ihre allgemeine Abwesenheit. Um sie uns vorzustellen, müssen wir uns schon anstrengen. Denn sie ist ja etwas weit Umfassenderes als der »Besitz« von freier Zeit, wobei fragwürdig bleibt, ob man Zeit überhaupt besitzen kann. Leichter nähert man sich ihr von der Negation her, um festzustellen, was alles sie nicht ist: sie ist justament das genaue Gegenteil von dem, was unseren Alltag ausmacht und unsere Gesamtexistenz innerhalb einer rein funktional gewordenen Zivilisation. Darum wohl scheint sie verschwunden, eher: verjagt, weil sie nicht funktionalisierbar, nicht instrumentalisierbar ist und nicht marktfähig. Man könnte sie als einen Zustand wünsch- und angstlosen Seins benennen, das sich von keinerlei Bedrohung tangiert sieht. Ein Zustand, dem eine Portion Wohlbehagen beigemischt ist. 

Das aus der Philosophie bekannte »Interesselose Wohlgefallen« scheint eine Begleiterscheinung von Muße zu sein. Ihre Dauer ist unterschiedlich, länger jedenfalls als nur Momente, wie das alte Klischee »Mußestunde« uns mitteilt. Und wenn wir weiteren Klischees Glauben schenken wollen — und meist sind Klischees ja nichts als bis zum Überdruß wiederholte Wahrheiten — dann begibt sich Muße häufig im Freien, in der Natur, auf einer Bank in einem Park, wo sie, die Muße, auch eine sie kennzeichnende Körperhaltung veranlaßt, bekannt als »Versunkenheit«.

»In Muße versunken« klingt fast wie ein Titel, und das Bild, zu dem er verlockt, zeigt uns einen älteren Herrn in einem Korbstuhl in einem Pavillon oder unter einer uralten Eiche; er hält ein Buch in der Hand, ohne darin zu lesen, um ihn herrscht völlige Stille, schlimmstenfalls von einem fernen Kuckucksruf unterbrochen. Vor allem begibt sich Muße immer im Alleinsein, allerhöchstens in Zweisamkeit, da sie durch Lärm und Betriebsamkeit leicht zerstört wird.

Muße ist fragil. Vor allem aber, und das ist wahrscheinlich der Hauptgrund ihres Versterbens, ist sie das Synonym für Freiheit.

In dieser nicht von vornherein festgelegten Zeitspanne wird dem Müßigen etwas zugestanden, was ihm sonst vorenthalten ist: die freie Wahl. Niemand gibt ihm eine Anordnung zu einer »mußegerechten« Betätigung, keiner verlangt von ihm bestimmte Unternehmungen, um zu einer perfekten Muße seinen Beitrag zu leisten. Es ist dies tatsächlich eine Situation von großer Außerordentlichkeit — das heißt: sie ist es erst in unserem späten Jahrhundert geworden. Vordem oder einstmals war Muße ein natürliches Verhalten, ein Innehalten an einem Punkt des Lebens, eine fiktionaler Zeitstillstand, eine Balance zwischen Vergangenheit und Zukunft, die sich in solchem Moment austarierten. Diese Balance, deren Konzentrat eben die Muße darstellt, haben wir längst eingebüßt. Im Hochgeschwindigkeitsexpreß unserer unsteten Existenz entfernen wir uns in solchem Tempo von unserer eigenen Vergangenheit, daß sie uns flüchtig und nahezu irreal erscheint. 

Alles Gewesene, immer aufs neue durch die Sensationen der Moden und technischen Novitäten überdeckt, hat selber einen Substanzverlust erlitten. Vergangenheit — was war das? Historisierung ist der letzte Versuch, etwas von ihr zu bewahren, doch damit wird sie auch entpersönlicht. Und die Zukunft? Eine ziemlich schwärzliche Wolke, nach der man am besten gar nicht erst ausschaut. Dergestalt spielt sich unser Leben nur noch im aktuellen und gegenwärtigen Augenblick ab, ohne Vor- und Rückschau, ohne Bindungen ans Gestern, ohne hoffnungsvolle Erwartung des Morgen.

Durch den Bruch existentieller Kontinuität kann sich keine Muße mehr bilden, denn sie war ja der Ort innerer Einkehr, des Zusichselberkommens in jener besagten Freiheit, zu tun oder zu lassen, was einem beliebte. Muße war die Stätte, wo man den inneren Frieden mit sich selber zu schließen vermochte, wo man deshalb und ergo zufrieden sein konnte, mit sich selbst und der Welt in Übereinstimmung.

Daß man mich nicht mißverstehe:

Ich halte kein Plädoyer für vergangene Epochen. Ich verweise nur, und jetzt muß ich das scheußliche Wort aussprechen, auf »Werte« wie eben die Muße, die verlorengingen, ohne daß wir dafür ein Äquivalent erhalten hätten. Der Triumphzug der Industrie hat die Muße aus unserem Dasein vertrieben und uns sich und ihren Mechanismen unterworfen, die nur dulden, was ihren Betrieb fördert.

Wie bestimmte Schmetterlinge und bestimmte Blumen, Tierarten und Pflanzensorten um ihren Platz auf Erden gebracht worden sind und noch fernerhin gebracht werden, so wird auch uns der Raum entzogen, wo wir frohgemut bei uns sein könnten. 

Und ich denke, daß der Verlust solcher inneren Räume, aus denen wir Lebenskraft zu beziehen imstande sind, wo wir so etwas wie ein seelisches Immun­system in uns tragen, vernichtende Folgen haben muß, die wir noch gar nicht absehen können — zu unserem Glück: aber was ist das schon für ein Glück, gegenüber kommendem Unglück blind zu sein?

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(28.11.1991)

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