5 Moderne Lebensverhältnisse
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Verändern sich die gewohnten Lebensverhältnisse? Hat der traditionelle private Haushalt, hat die herkömmliche Kleinfamilie noch Zukunft?(47) Folgt man jener Geschichtswissenschaft, die sich mit dem Alltag beschäftigt, dann war die Kernfamilie und der private Familienhaushalt die dauerhafte soziale Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft der Menschen in Mittel-, West- und Nordeuropa, zumindest seit dem späteren Mittelalter. Aufzeichnungen der Gemeinden und Pfarren gibt es erst seit damals.
In den letzten Jahrzehnten gab es eine Reihe von gravierenden Veränderungen, die Auswirkungen auf das »soziale Leben« haben und weiter haben werden. Die Arbeitswelt sieht heute anders aus als nach dem Zweiten Weltkrieg. Beim Wohnen hat sich viel geändert, Wohnungen sind heute weit größer und mit Haushaltstechnik vollgestopft. Heizen geht anders, nämlich wesentlich komfortabler mit Gasetagenheizung oder Fernwärme, ebenso ist es mit dem Bad und der Toilette. Im Mediengebrauch der Menschen gibt es nun eine technische Fülle sondergleichen. Konsum ist heute immerfort notwendig, um sich seine Lebens-Mittel zu erhalten und alles auf den neuesten Stand zu bringen.
47 Eine Vorform erschien als Karl Kollmann: Hat der Familienhaushalt noch Zukunft? In: Hauswirtschaft und Wissenschaft 4/2015, S 166-169, sowie Karl Kollmann: Postmaterialismus und Familie. In: H+W 2/2017, S.96.
Veränderungen in den Haushalten
Die Kernfamilie, Mutter, Vater, Kinder, die dauerhaft miteinander leben und daraus Vorteile ziehen, ist die Lebensform der vergangenen Jahrhunderte gewesen. Das scheint sich nun langsam zu verändern.
In Deutschland beträgt heute die durchschnittliche Haushaltsgröße zwei Personen (48) und 41 Prozent der insgesamt über 40 Millionen Haushalte sind Singlehaushalte, ihr Anteil hat sich seit rund 50 Jahren verdoppelt. In nur einem Viertel der deutschen Haushalte leben heute mehr als zwei Personen und nur in einem Fünftel aller Haushalte leben noch minderjährige Kinder. Veränderungen zeigen sich auch beim (überwiegenden) Lebensunterhalt der Menschen — wobei: an der Erwerbstätigkeit selbst hat sich dabei nichts Wesentliches geändert.
Der Lebensunterhalt durch die »soziale Sicherung« (Arbeitslosengeld, Renten) hat erheblich zugenommen. Demgegenüber hat sich die Unterstützung durch Angehörige nahezu halbiert. Auffällig ist, dass die ausgeübte Erwerbsarbeit ihre Bedeutung in diesem halben Jahrhundert anteilsmäßig kaum geändert hat, wohl aber die Arbeitslosigkeit.
Quelle des überwiegenden Lehensunterhalts in der Bevölkerung: 49, 50

48 Statistisches Bundesamt, https://www.destalis.de/UiyZahleiiFaku?n/(iesellschaftStaal/ Bcvoelkerung/HaushalteFamilien/Tabellen/Haushaltsgroesso.html .
49 Statistisches Bundesamt, hltps://www.destatis.de/DF./ZahlenF'akten/lndikatoren/Langi' Reihen/l.elx-nsuntCThaltKonsum/lrleb01.html?cms_gtp=t')2400_list%253Dl&https=l
50 Statistisches Bundesamt: Leben in Deutschland, 2004; Lange Reihen Tab. L101: Privat haushake nach HaushalLsgröße.
Familie — Wunschtraum und Realität
Mit dem Begriff des privaten Haushalts immer ganz eng verwoben war die Familie, insbesondere die Kernfamilie der westlichen/nördlichen europäischen Gesellschaften. Diese zweigenerationale, »heterosexuelle und dauerhaft angelegte Lebensform ist heute kaum mehr das universal gültige Lebensmodell. Sie hat sich zumindest in ihren Konturen aufgelöst. Scheidungen (knapp die Hälfte der Ehen, bei Lebensgemeinschaften deutlich mehr) sind selbstverständlich geworden, Kinder sind kein Gebot mehr für Paarbeziehungen. Andere Lebensformen verschaffen sich mit kräftiger medialer Unterstützung Gehör, und konsum- und erwerbsarbeitsorientierte Lebensstile wirken in den privaten Alltag nachhaltig herein.51
Romantische Liebe und ein geglücktes Familienleben bleiben zwar recht dominante, idealisierte, gewissermaßen theoretische Wunschvorstellungen, im Alltag sind die Menschen jedoch in erster Linie mit der Adaption solcher Vorstellungen an die eigene Lebenspraxis beschäftigt. Und diese werden dann von handfesten Realitäten gebildet, weniger von den subjektiven Vorstellungen und Befindlichkeiten der einzelnen Menschen. Die Verhältnisse m der Arbeitswelt, die Frage, ob Wohnen leistbar ist und wie man hier mit seinen oft recht begrenzten Mitteln auskommt, ferner der Umstand, dass die Konsumgesellschaft auf den Menschen
I Ininink: Wandel der Familienent-wicklung: Ursachen und Folgen, Bundeszentrale für Politische Bildung, 2009. http://www. Dpb.de/izph/803()/wandel-der-familienentwicklung-ursachen-und-iblgen?p—all.
51 Für eine knappe Zusammenfassung etwa: Johannes
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und ihren sozialen Gruppen recht herausfordernd lastet, dazu kommt die allseits präsente Medienumwelt mit ihrer alltagsumspannenden Werbung und ihren meist interessengesteuerten Informationen.
Medien sind im schlimmsten Fall derb, im besten Fall subtil parteiisch. Objektive Medien, das war einmal ein Wunschtraum romantisierender Pädagogen. Dazu kommt, die (nationalen) sozialen Sicherungssysteme und die gesamtwirtschaftlichen Verhältnisse sind vorgegeben, man entkommt ihnen nicht. Man könnte das nur durch Auswandern ändern, jedoch gibt es kein alternatives System mehr auf dieser Welt, überall nur Kapitalismus nach westlichem Muster, meist mit weitaus mehr Kriminalität und mehr Korruption als in Mitteleuropa. Also brächte nicht einmal das Auswandern etwas Positives ins individuelle Leben.
Arbeitswelt, Erwerbsarbeitszwang
Arbeit, um sich Lebensunterhalt zu schaffen, hatte für die große Mehrheit immer schon einen Lastcharakter — alltägliches Leben war für die Mehrheit nie das Paradies. In Europa stellte sich schon vor der humanistischen Reformbewegung der »Aufklärung« Arbeit für den Lebensunterhalt zwiespältig dar. Einerseits war sie Last und Fron, andererseits wurde sie als Ziel und Endzweck menschlichen Lebens definiert.(52) Linke Perspektiven, die das Recht auf Müßiggang betonten, blieben ein Minderheitsprogramm,(53) affirmative Verständnisse setzten sich bis in die Zeit
http://homepage.univie.ae.at/karl.kollmann/download/ kollmann-Arbeitsgesellschaft-20t2.pdf .
52 Karl Kollmann: In den Fesseln der Arbeits- und Konsumgesellschaft. Diskussionspapier, Institut für Technologie und nachhaltiges Produktnianagcinent, Wirtschaftsuniversi litt Wien, Wien, Mai 2012.
http://www.sopos.Org/aufsaetxe/3b0bfB33eb8e5/l.phtml. 53 Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit (Widerlegung des "Hechts auf Arbeit« von 1848)
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des Nationalsozialismus und Stalinismus - genauer besehen bis heute - durch. »Wer arbeiten kann, aber nicht will, der kann nicht mit Solidarität rechnen« und: »Es gibt kein Recht auf Faulheit«, formulierte der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder.(53) Alle dazu fähigen Menschen müssen arbeiten, genauer: erwerbswirtschaftlich arbeiten und sich damit dem gesellschaftlichen Leistungsprinzip unterordnen, so lautet das Gebot alter wie moderner Gesellschaften.
Die letzte Arbeitszeitverkürzung in Mitteleuropa gab es 1975; persönliche Arbeitszeitverkürzungen holten sich in der Folge vor allem die Frauen mit Teilzeitarbeit. Sie bewirkte übrigens für Unternehmen oft sogar eine Effizienzsteigerung, da man die ersten vier, fünf Stunden leistungsfähiger arbeitet als in 'en daran folgenden vier oder drei. War früher Bummelei (also istungszurückhaltung), wo das möglich war oder sich eben ergab, "ine verbreitete Angelegenheit, so hat sich heute im beruflichen Alltag das Leistungsprinzip weitgehend durchgesetzt, sowohl durch Human-Resources-Management, wie ebenso mit einer Internalisierung dieses Leistungsprinzips durch die Betroffenen. Bummelei war der subtile, gruppengetragene Widerstand gegen von oben aufgedrückte Ziele, eine Art ertrotzte Selbstbestimmung. Gibt es eine solche widerständige Gruppennorm nicht, sondern nur Wettbewerb am Arbeitsplatz, ist das natürlich für den Betrieb wesentlich profitabler. Tatsächlich, eine solche Art der Solidarität unter Kollegen und Kolleginnen, die über persönliche Differenzen hinausreicht, scheint abgenommen zu haben.
http://www.welt.de/print-welt/ article444249/Regierung-will-Faulenzer-zur-Arbeit-zwingen.html .
54 Dorothea Siems: Regierung will Faulenzer zur Arbeit zwingen. Kanzler kündigt härteres Vorgeben gegen Drückeberger an. Die Welt 7. 4. 2001,
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Auswirkungen des Wettbewerbs am Arbeitsplatz, wie Burn-out, Mobbing, Intrigen unter Kollegen, Gehässigkeit und insbesondere eine oft recht ausgebaute Form von Selbstdarstellung, haben zugenommen, obschon es derartige Konflikte immer schon gab. Die Gewerkschaften haben hier bislang weitgehend weggesehen.
Natürlich gibt es eine Gruppe von Trittbrettfahrern, die soziale Sicherungssysteme ausnützt, das gilt klarerweise für Einheimische wie für Einwanderer. Unter allen Menschen gibt es schlechte Charaktere, unabhängig von Geschlecht, Rasse oder Bildung und es gibt weniger Intelligente und Intelligentere — wer das wegdiskutieren will, ist entweder herzlich naiv oder konstruiert sich eine irnaginierte heile Welt zusammen. Für die große Mehrheit der Bevölkerung gilt nach wie vor: ohne Geld und ohne Erwerbsarbeit bleibt man von vielen schönen und attraktiven Dingen der Konsumgesellschaft und damit ebenso von sozialer Anerkennung ausgeschlossen. Denn diese wird vom Erfolg am Arbeitsplatz gespeist, ebenso wie vom sichtbaren Erfolg im Konsumleben. Arbeitslosigkeit ist, von kleineren Subkulturen abgesehen, ein soziales Stigma und Auslöser psychischer, psychosomatischer und familiärer Krisen.55 Aus Angst davor akzeptieren Menschen den erwähnten Leistungsdruck und persönliche Wettbewerbsanforderungen.
Lebenslange Anpassung = lebenslanges Lernen
Jedoch, die Ansprüche an die Menschen, insbesondere an Berufstätige (und das wären dann doch die allermeisten) sind wesentlich umfassender. »Lebenslanges Lernen« — an sich eine anthropologische Selbstverständlichkeit —
I >ie Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt/Main 1980.
55 In der Essenz nach wie vor gültig, die erste (1935) bahnbrechende Studie zu den Folgen von Arbeitslosigkeit, und von der Sozialdemokratie gefördert:
Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, 1 lans Zeisel:
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wird von Arbeitgebern wie Gewerkschaften gefordert, dazu Mobilität, Flexibilität und teamfähige Elastizität. Die Menschen internalisieren diese Anforderungen, nehmen sie in sich auf und halten sie für eigenen Antrieb, reproduzieren sie schließlich als Selbstoptimierung. Das hat Auswirkungen auf viele andere Lebensbereiche. Die Gesellschaft ist eminent leistungs- und wettbewerbsorientiert geworden und der Erwerbsarbeitsplatz ist stets grundsätzliche Bedingung, um sich seine Lebens-Mittel leisten sowie Freizeit, die ganz wesentlich auf Konsum beruht, gut verbringen zu können. Leistung und Wettbewerb spielen mittlerweile sogar in der sportlichen Freizeit eine Rolle — viele Amateure greifen zu Dopingmitteln, Fitness-Trackern und optimierter Sportbekleidung.
Wohnumwelt
Wohnen wird monetär anspruchsvoller, »mit durchschnittlich 900 Euro im Monat gaben die privaten Haushalte in Deutschland im Jahr 2017 mehr als ein Drittel (56 %) ihrer Konsumbudgets für den Bereich Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung aus.«51' Im Jahr 1960 waren das rund 15 Prozent.57 Vor allem in den großen, wegen ihrer Arbeitsmarktsituation und Freizeit- wie Konsummöglichkeiten attraktiven Städten, wird Wohnen kontinuierlich teurer und eine leistbare Wohnung zu finden wegen des kontinuierlichen Zuzugs zunehmend schwieriger. Hier kommt natürlich die Politik der Europäischen Zentralbank dazu, die durch ihre jahrelange Nullzinsen-Strategie (damit reale Verluste
QuelleStatista.de, 2019.
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57 Haustein, Sabine: Vorn Mangel zum Massenkonsum: Deutschland, Frankreich und Großbritannien im Vergleich 1945-1970, Campus, Frankfurt 2007.
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b^Spareiialagen) zu einem Boom, manche sprechen bereits von Blasenbildung, bei Wohnimmobilien geführt hat.
Wohnen ist der Privatbereich schlechthin. Wirtschaftliche Überlegungen kollidieren dabei mit persönlichen Wünschen, mit »Wohnträumen« und medial vermittelten Vorstellungen von der praktischen, zentralen City-Wohnung, wenn man ein Paar ist, oder vom unbeschwerten Leben im Grünen, wenn ein Kind aufwächst. Das Einfamilienhaus im Umland des Arbeitsortes mag vielen auf den ersten Blick leistbar erscheinen, kann sich aber mit den Mobilitätskosten (Auto), der schlechten Infrastruktur, oft abgeschnittenen sozialen Beziehungen und auch den ökologischen Kosten sowohl individuell als auch gesellschaftlich als fatal erweisen.58
Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern spielen im deutschsprachigen Baum Mietwohnformen eine große Bolle. In Deutschland wohnten 2017 die Menschen zu 49 Prozent zur Miete und zu 51 Prozent im Eigentum, in Österreich lag der Mietanteil bei 45 Prozent, in der Schweiz bei 58 Prozent.59 Das hat für die Stabilität von Haushalten und Paarbeziehungen Folgen. Wohneigentum scheint stabilere Paarbeziehungen zu fördern, im Fall einer Trennung haben die auseinandergehenden Partner neues Startkapital für den nächsten Lebensabschnitt zur Verfügung.
Und, Wohnungseigentümer sind meist an einer flotten Bückzahlung von Wohnkrediten interessiert, sparen deshalb bei modischen Konsum- und Freizeitausgaben, verhalten sich also ökologischer. Umweltpolitisch und sozialpolitisch sinnvoll wäre es deshalb gewesen, gerade auch wirtschaftlich schwächeren Paaren und
58 Vgl. beispielsweise 1 .eil ner, Turek: Wo leben wir denn? Glückliche One. Und warum wir sie erschaffen sollten. Brandstätter, Wien, München 2015.
59 Mathias Brandt: Der ÜACH-Raum isi mietaffin, Siütisia Infografik, bttps://de.statista.<:om/inlngrauk/4088/anteil-der-l>evoelkerun^-der zur-rniete-wohnt/
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Familien Wohneigentumserwerb durch staatliche Förderung zu ermöglichen. Das allein wird jedoch noch keine Lösung sein. Hier braucht es ebenso ein Zurückdenken an die Zeit von vor hundert Jahren. Da begannen die Gemeinden und Städte mit einem leistbaren kommunalen Wohnbau. Diese Wohnungen wurden 70 Jahre später oft an private Unternehmen, sprich kommerzielle Heuschrecken, verhökert, da der Markt schon alles richten würde.
Nesthocker
Erwachsene Kinder verlassen immer später ihre Herkunftsfamilie. Mit durchschnittlich knapp 22,9 Jahren ziehen (2017) Frauen und mit 24 Jahren Männer in Deutschland von zu Hause aus (in Österreich mit 24,4 Jahren die Frauen und mit 26 die Männer).80 In den Balkanländern, Italien oder Spanien liegt dieses Alter bei über 30 Jahren. Ein Hauptgrund ist in der oft teuer gewordenen Haushaltsgründung zu sehen. Junge Leute wollen vielfach den von zu Hause gewohnten Lebensstandard ebenso in der eigenen Wohnung haben. Medien und Werbung legen dies nahe und führen uns kontinuierlich Bilder von gehobenem Wohnkomfort vor. Jedoch, was Eltern langsam, vielleicht über Jahrzehnte sich aufgebaut haben (eine große Wohnung, Auto, die Haushaltstechnik usw.), kann bei einer neuen Haushaltsgründung nicht schlagartig fällig sein.
Ohne entsprechende Transferleistungen seitens der Eltern geht das nur mit Hindernissen, Verzögerungen oder eben Verzicht. Auf der Hand liegt, dass wirtschaftlich schwächeren Eltern meist
Stalista.de: I hirchschnittsalter junger Menschen beim Verlassen des elterlichen I [aushaltsnach (reschlecht in Ländern Buropas im Jahr 2017. https://de.statista.com/stiitisiik/ daten/studie/7563i/umfrage/durehsehmlllirhes-alter4>eim-auszug-aus-dem-elternhaus/
60 Quelle Eurostat,
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nur bescheidene oder gar keine Transferzahlungen an die jüngere Generation möglich sein werden. Dazu fallen im sogenannten »Hotel Mama« oft keine Kosten für die Lebensführung an, da die mitlebenden erwachsenen Kinder von den Eltern weiter alimentiert werden. Das ist heute auch bei den meisten Lehrlingen der Fall, die vor 50 oder 60 Jahren daheim noch »Kostgeld« aus der Lehrlingsentschädigung zahlen mussten. Das kann nun für persönlichen Konsum verwendet werden.
Konsumgesellschaft
Konsum ist wesentlich mehr als materielle Bedarfsdeckung. Konsumgüter wurden zu Mitteln der Selbstdarstellung, sozialer Anerkennung, sie dienen gegenüber anderen und für das eigene Selbstbild als Beleg für Leistung, Erfolg und Glück, ermöglichen vor allem so etwas wie Individualisierung. Das ist nicht neu,1'1 es wurde nur prägnanter und hat mittlerweile alle gesellschaftlichen Gruppen und Lebensbereiche erfasst. Exklusive Güter und Lebensstile sind Ausdruck von individuellem Geschmack und Erfolg. Problematisch ist diese auf Konsum beruhende soziale Anerkennung und personale Identität für die Schichten unterhalb der Mittelschicht. Für diesen ökonomisch unteren Teil der Gesellschaft ist heute vieles bedroht: Wohnen, da es immer teurer wird; Arbeit, da hier ungebrochene Leistungsbereitschaft und steigende Ausbildung gefordert werden; Familie, da Geldmangel oder unzureichende Wohnverhältnisse deren Stabilität gefährden; und für viele Konsumwünsche reicht das Geld erst gar nicht.
I .eisure Class, 1899.
61 Vgl. Thorstein 11 Veblen.: Theorie der feinen ! .eine. Berlin, Köln o. J. (1958); Original: The Theory Ol' The
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Medienrealität
Audiovisueller Medienkonsum wird immer umfangreicher: im Jahr 2018 waren es in Deutschland mehr als neun Stunden täglich,1'2 davon knapp vier Stunden traditionelles Fernsehen. Oft wird dieses Medium heute im Verbund mit anderen Tätigkeiten genutzt.
Medien sind nun einerseits die Fenster zur großen Welt, andererseits wären sie die kontrollierende vierte Macht im Staat, so der Tenor politischer Bildung vor 40, 50 Jahren und ebenso das Selbstverständnis der kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Medien.
Schon früh hat die Medienkritik, hier wäre etwa Neil Postman zu nennen,65 festgestellt, dass Medien die Realität verfremden. Massenmedien thematisieren nach ihrem Dafürhalten (das heißt nach den Interessen ihrer Eigentümer, Chefs und Mitarbeiter) und formen aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit einen Extrakt, welchen sie dann der Gesellschaft wieder zurückspielen.
Sie berichten von bestimmten Ausschnitten der Lebenswelt »gerahmt«, um den Verständnishorizont ihrer Betrachter anzusprechen, Stichwort: Framing, in oft uniformer Art und konstruieren damit eine eigene Realität. Das — Stichwort: »Lügenpresse« oder »Lückenpresse« — ist gar nichts Neues, das haben nicht rechte und früh schon linke Politiker und Populisten erfunden. Das war in der Politik, sei es bei den Fürsten, den Diktatoren oder den politischen Parteien in parlamentarischen Demokratien, stets schon so. Taktische Formen der Verführung, oder um es gradliniger auszudrücken: der Manipulation, gehören seit jeher zur menschlichen Art und zwar im alltäglich Kleinen wie im Großen.
https://www.vau.net/presse2nitteiluage11/ content/rnediennutzung-20i8-deutsche*nutzen- ersimals-9-slunden-taeglich
62 Presseinformation VAUNET (Interessenvertretung der privaten Rundfunk- und Teleme-dienunterrielunen Deutschlands). 22. 1.2019,
63 Ktwa sein Klassiker, Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode, Frankfurt 1985.
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Medien und ihre Verflechtungen
Medien sind kommerzielle Unternehmen, die natürlich von Parteien, Unternehmen, Lobbys und von sozialen Bewegungen genutzt werden. Selbst öffentlich-rechtliche Medien leben zu einem guten Teil von kommerzieller Werbung. Dabei verwischen sich heute Information, Unterhaltung und Werbung zusehends. Ohnedies hat sich der redaktionelle Inhalt oft schon der Werbung angepasst — eine Flut von »News«, kurz, »knackig«, unterhaltend, illustriert und oft belanglos. Redaktionell und werblich werden gehobene Konsumstandards als Selbstverständlichkeit dargestellt und durch ihre permanente Gegenwart für die Leser und Seher unterschwellig zur Norm erhoben: das haben jetzt alle, das macht man heute so, das muss man liaben, sonst ist man minderwertig und gehört nicht dazu, so lautet die kontinuierlich wiederholte Botschaft dieser Mischung aus redaktionellem Inhalt und der bezahlten Werbung in den Medien. Es handelt sich dabei um einen manipulativen Generalangriff.
Konsum durchdringt nicht nur nahezu alle Lebensbereiche, er verdeckt auch alle anderen Alternativen, die nicht Konsum-basiert sind. Freizeitparks sind für Kinder und Eltern müheloser und interessanter, als selbst in eigener Planung durch Wälder zu wandern und die Natur zu entdecken. In das Auto zu steigen und sich vom Navigationsgerät zum Zielort bringen zu lassen, ist bequemer, als sich auf Fahrpläne öffentlicher Verkehrsmittel einzustellen. Ausgenommen für jene Gruppen, die dies als persönlichen Lebensstil entwickeln oder sich einem solchen anschließen. Aber, etwas Urban Gardening oder ein wenig vegetarische Ernährung ändern noch gar nichts an der umfassenden Einbettung in die Konsumwelt und der damit einhergehenden Fremdbestimmung-
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Die Mühelosigkeit, die virtuelle Macht der Auswahl, der News-Wert unter Freunden, die erzielbare Anerkennung und auch der Selbstwert-Ertrag machen Konsum nach wie vor faszinierend (selbst wenn man den alltäglichen Lebensmitteleinkauf eher als belastend empfindet). Beim »Konsum« sind eigene Fehler problemlos korrigierbar, sofern man genügend Geld hat. All das bieten eine Partnerschaft und Kinder nicht — im Gegenteil, sie lassen die eigenen Konsummöglichkeiten verschwinden, beanspruchen Freizeit und private Zeit, stellen langfristige Verpflichtungen dar und verlangen Kompromissfähigkeit. Familie belastet, Konsum entlastet, das erfassen Menschen meist recht gut.
Zwischenresümee
Langfristige Verpflichtungen und Einschränkungen beim eigenen Konsum (und seinen Versprechungen, die viele Stunden täglich auf uns einprasseln) lassen familiäres Glück und seine Kosten häufig in einem anderen Licht erscheinen. Diese familiäre Welt wirkt gegenüber der Leistungsgesellschaft und ihrem Dogma, dass nur Anerkennung findet, wer im Beruf und folglich beim Konsum Erfolg auszuweisen hat, wie eine vergangene, eine einstmals vielleicht goldene, aber nur mehr mühsam in der Gegenwart zu realisierende Zeit.
Mobilitätsansprüche des Einzelnen und vor allem seines Arbeitgebers, dazu Unsicherheiten am Arbeitsmarkt einerseits, andererseits das Bedürfnis, keinesfalls auf die Annehmlichkeiten vieler Konsumgüter verzichten zu wollen (der Ratchet-Effekt"4 des Konsums), lassen das Gelingen dauerhafter familiärer Bindungen
64 Dieser Kai< het oder Sjx-rrklinkenoffekt lässt. die Entwicklung nur in eine Richtung zu: mehr, besser, niveauvoller.
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für viele in einem heute skeptischen Licht erscheinen. Sie beeinträchtigen den subjektiv wahrgenommenen Freiheitsgrad, den Beruf und Konsumerfordernisse bei knappem Geld noch übrig lassen, erheblich. Für die sozialen Sicherungssysteme, heute schon für Familien unzureichend, wird längerfristig mit keinem Besserungsschub zurechnen sein. Die klassische Kernfamilie als Lebensmodell dürfte damit weiter aus dem Zentrum der Wahrnehmung der Menschen rücken und auf diese Weise langsam verschwinden.
Die kulturellen Veränderungen der Innenwelt
Wie bereits in einem früheren Kapitel angesprochen, haben sich in unseren westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten zwei große Subkulturen, zwei Großmilieus herausgebildet. Die herkömmlichen, traditionell orientierten Materialisten bilden die Mehrheit, daneben etablierten sich seit der »68er-Bewegung« und ihrem kulturalternativen Umbruch die Postmaterialisten, die heute ein auf Individualität und Multikulturalität orientiertes Großmilieu geworden sind. Wenn sich in Gesellschaften kulturell etwas grundsätzlich verändert, wie hier die Teilung in zwei Großmilieus, dann wandelt sich damit auch die Qualität des Privaten und des Öffentlichen. Es bilden sich langsam zwei Parallelgesellschaften nebeneinander aus. Dazu kommen durch die hohe Immigration weitere wachsende Parallelgesellschaften. Welche Folgen hat nun so eine kulturelle Entwicklung?
Zwei große Kulturgruppen
Natürlich ist diese Teilung der Kultur in zwei große gesellschaftliche Milieus, in Postmaterialisten (oder Fortschrittliche) und
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Materialisten (oder Traditionelle) eine unscharfe Angelegenheit. Postmaterialisten wären dabei im Wesentlichen die Nachfolgegenerationen der Jugendbewegung der 1968er-Jahre, die Charles Reich in seinem nach wie vor lesenswerten Buch »The Greening of America« beschrieben hat.63 Andreas Reckwitz sprach vor einigen Jahren von diesen zwei Subkulturen innerhalb einer noch national-wirtschaftlich und national-rechtlich zusammengehaltenen Gesellschaft, die sich langsam in eine globale Gesellschaft aufzulösen beginnt, als Multikulturalisten und Kulturessenzialisten."8 Natürlich gab es in der Gesellschaft vor 1968, wie in jeder Gesellschaft bislang, Klassen oder Schichten, wie man das dann später nannte. Die Bauern, die Arbeiterklasse, die Angestellten der Mittelschicht, Kleinbürger und Bildungsbürger, die Großbourgeoisie, die Aristokratie, sowie der Klerus. Eine solche sozialstrukturelle Hierarchie, also eine Art sozialer Schichtung, scheint es bei vielen Gesellschaften von Lebewesen, nicht nur bei den Menschen, zu geben. Pierre Bourdieu hat diese Milieus, diese Subkulturen, Schichten oder Klassen für das moderne Frankreich beschrieben.67 Sie waren nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Entstehen der Konsumgesellschaft etwas weicher, durchlässiger, weniger abgegrenzt. Aufstieg durch Erfolg in der Berufstätigkeit oder durch Heirat - wenn man von den vielen Heiratsverboten, die es bis in das Zwanzigste Jahrhundert gab, einmal absieht — war möglich. In den goldenen Jahren der Nachkriegsgesellschaft gab es dazu ein politisch immer wieder herausgestelltes Aufstiegsversprechen: wer leistungswillig war und natürlich ebenso anpassungsbereit,
http://www.soziopolis.de/beobachten/kultur/artikel/zwiseheu-hyperkultur-und-kulturessenzialisinus/
65 Charles A.Reich: The Greening of Amerika. Handorn Books, New York 1970.
66 Andreas Reckwitz: Zwischen Hyperkultur und Kulturessenzialismus, in: Soziopolis, 24. 10. 2016,
67 Pierre Bourdieu: Die leinen Unterschiede - Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/Main 1984.
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der konnte sozial und ökonomisch vorwärtskommen. Die feinen Unterschiede der jeweiligen Klassenzugehörigkeit konnte er oder sie eben mehr oder weniger mühsam erlernen. In so einer Übergangszeit nannte man diese dann beispielsweise die Neureichen. Und dem typischen Arbeiter war es, wenn er fleißig war, möglich, seine Frau als Hausfrau und seine zwei Kinder zu ernähren, dazu ein Häuschen am Stadtrand zu bauen, ein Auto zu haben, einmal im Jahr in Italien Urlaub zu machen und eines seiner Kinder vielleicht sogar studieren zu lassen. Das ist heute wesentlich schwieriger bis unerreichbar geworden. Sozialer Aufstieg ist schwieriger, die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg und des drohenden Sparenmüssens08 hat sich erhöht.09
Aufbruchsideen
Noch einmal zurück zur kulturellen Entwicklung. Kernpunkte dieser vor einem halben Jahrhundert entstandenen Gegenkultur waren die versuchte Befreiung von als repressiv empfundener Sexualmoral und den entsprechenden Verhaltensnormen, die Legalisierung von Homosexualität und Drogen, die freie Rede, eine Ächtung von Militarismus, Gewalt und Rassenschranken.
Es folgte damit die Ablehnung der traditionellen Hochkultur ebenso wie der braven, anpasslerischen Alltagskultur und der außengeleiteten religiösen Traditionen. Sogar eine Vergemeinschaftung von Eigentum schien möglich, die Abkehr von der Konsumgesellschaft und eine Befriedung von Zivilisation und Natur (Ökologie) war plausibel, neue Wohn-, Arbeits- und Lebensformen, Individualität,
I In«! Bude: Üesellsrllal'l der fcngst. I Limburg 2014.
68 Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellsehafl. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp, Berlin 2016.
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subjektive Sinnsuche und die Akzeptanz Andersdenkender, zumindest eine gewisse achselzuckende nichtaggressive Toleranz ihnen gegenüber. All das schien möglich. Das war schon ziemlich neu und ganz anders, als die herkömmliche Miefigkeit, noch bekannt aus Monarchie, Faschismus und Nachkriegszeit.
Perspektivisch sind Postmaterialisten kosmopolitisch und multikulturell orientiert, der Nationalstaat wird von ihnen als eng, dumpf, veraltet empfunden, Heimat klingt einem autoritär, jedenfalls altbacken, die große, offene, bunte Welt hingegen ist eine willkommene Alternative. Ökologie, Tierschutz, vegetarische oder besser noch vegane Ernährung zählen als Alternative, ebenso wie »authentische« Konsumgüter, Manufakturwaren oder traditionell und handwerklich hergestellte Dinge. Kinder werden als Partner, Geschlecht nicht nur biologisch sondern auch als kulturell geprägt, verdichtet verstanden; Diskussion, Empathie und demokratische Aushandlungsvorgänge wären für das Selbstwertgefühl, Selbstverständnis und das gemeinsam erzielte und akzeptierte Ergebnis recht bedeutsam.
Postmodernes Vermischen
Dabei kreist ein »romantisches Subjektivierungsmuster der >Selbstentfaltung<« (Andreas Reckwitz) nicht nur um Individualität und Diversität, viele unterschiedliche Kulturelemente werden in multioptionaler Selbstbedienungsform gemischt, sofern sie irgendwie fortschrittlich scheinen — das ist ja überhaupt das Wesensmerkmal der Postmoderne. Auswahl und Kombination mit dem Ziel sozialer Anerkennung, dieses Muster hat schon in der klassischen (modernen), jetzt alten Konsumgesellschaft eine große Rolle gespielt.
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Soziale Anerkennung meint damit nicht die von der Gesamtgesellschaft, sondern die vom eigenen Milieu, von der eigenen Gruppe, denn nur das zählt. Das ist eine Differenzierung, eine kulturelle Segregation, wie sie bei den Halbstarken und ein Jahrzehnt später dann bei den 68ern der Fall war, allerdings bilden sich so natürlich Milieufeindschaften aus. Und: der postmoderne Mensch will als dieses kombinatorisch-individualisierte, im selbstgeprägten Wandel sich verstehende Subjekt, von allen anderen ganz ernstgenommen werden.
Ist dies nicht der Fall, bekommt man nicht zureichende Akzeptanz, dann wird das als symbolische Gewalt, die gegen einen wirkt, verstanden.70 Mit nüchternem Blick gesehen ist so ein Verständnis bzw. Selbstverständnis jedoch nichts anderes als neurotisches Denken und Verhalten. Wer dies als zentrales Verständnis seines Zugangs zur Alltagswelt sieht, ist entweder völlig neu auf der Welt oder psychisch krank, oder er will systematisch die Struktur des Sozialen, wie wir sie bislang kannten, vollständig auflösen. In der Folge würde dann alles flüchtig, fluide, wandelbar, beiläufig und unverbindlich, wie das Zygmunt Bauman71 ansatzweise beschrieben hat. Das »Soziale« gäbe es nicht mehr, denn das war ja das verbindlich Intersubjektive, also mit der Umwelt Geteilte.
Ein gebrochener Wandel
Anders als die eben beschriebene Kulturentwicklung, die von der sogenannten »68er«-Jugend angeschoben wurde, haben sich heute die Jüngeren von der aktiven gesellschaftlichen und politischen
70 Pierre Bourdieu hat diesen Begriff geprägt, vgl. Schmidt, Robert, Woltersdorff, Volker (Hg.): Symbolische Gewalt. Herrschaftsanalyse nach Pierre Bourdieu. UVfv Verlagsgesellschali. Konstanz 2008.
71 Zygmunt Bauman: Moderne und Ambivalenz. Hamburger Kdifion, Hamburg 2005 (1992).
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Gestaltung weitgehend verabschiedet.72 Ein Aufflackern des Widerständigen gab es allerdings ab Ende 2018, Anfang 2019 mit der »Friday for Future«-Initiative und ihrer, von dieser Bewegung, ebenso den Medien und der traditionellen Politik gelobten Ikone Greta Thunberg. Der positive Gleichklang von Medien, Politik und Industrie und deren Wohlwollen wird manche nachdenklich gemacht haben. »Die Theorielosigkeit der Klimabewegung«73 war übrigens ein typisches Merkmal aller bisherigen ökologischen Initiativen und neueren sozialen Bewegungen.
Bislang herrschte ja seitens der Jungen ein interesseloses Misstrauen gegenüber der etablierten Politik, ausgenommen die diffuse Sympathie zu grünen und als links verorteten Themen. Selbst beim postmaterialistisch/multikulturellen Milieu macht sich Distanz zu den herkömmlichen (grünen und linken) Parteien breit, eine mehr oder weniger große Abneigung gegenüber den parteipolitischen Apparaten. Eine skeptische Zuseher-Haltung, die ein gutes Stück damit zu tun hat, dass aus der früheren Aufstiegs- mittlerweile eine Abstiegsgesellschaft und aus dem alten Nationalstaat und der intransparenten EU eine undurchsichtige politisch-wirtschaftlich-militärisch-mediale Struktur geworden ist.
Deformiert hat sich zusätzlich die gesellschaftliche Kommunikation, also die Kommunikation in der alltäglichen Lebenswelt - sie ist heute selbst außerhalb von Politik, Wirtschaft und Medien im wesentlich nur mehr PR und Werbung. Die Individuen sind in einer auf Wettbewerb und Anerkennung getrimmten Gesellschaft, zu Selbstvermarktern geworden und haben die Sprache von Public Relations, Werbung und Lobbying in den eigenen Alltag übernommen.
https://junglc. world/artikel/2019/52/sie-wissen-nicht-was-sie-tun.
72 Bernhard Heinzlmaier: Generation Supercool. Empathielosigkeit und soziale Kälte unter Jugendlichen — eine Konsequenz der Konkurrenzgesellschaft? Wien, 2017. littps://ju^eiidkultur.at/wp-content/uploads/l)ossier_(ierH'rali(jn_Su[x'rcool_2ül7.pdf'.
73 Alex Struwe: Sie wissen nicht, was sie tun. [n: Jungle World, 2019/52,
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X,
Y und Z. Jugend, Juvenilisierung, InfantilisierungAnteilsmäß
ig an der Bevölkerung ist »die Jugend« in den nord-westlichen Zentralräumen dieser Welt zwar deutlich geschrumpft — in hundert Jahren, im 20. Jahrhundert, hat sie sich auf 20 Prozent halbiert, kulturell hat ihre Bedeutung jedoch massiv zugenommen — die ganze Gesellschaft, selbst die Alten, alle sind sie heute jugendlich geworden.74 In der Marktforschung wird mittlerweile »die Jugend« als herausgehobene, jeweils zeitlich voneinander abgesetzte Generation gesehen und mit dem jungen Erwachsensein ergänzt, was insofern berechtigt ist, als ja einerseits wesentlich mehr junge Leute studieren (oder sich in Ausbildung befinden) und andererseits die Ausbildungsphasen insgesamt länger dauern als früher.Zur Marketingperspektive: Den »Baby-Boomern« als nach-kriegsgeborene Generation folgte die störrische Generation 68, dieser dann die angepasste »Generation Golf«, schließlich die Generationen
X, Y und schlussendlich die Generation Z als die jüngste ab den Geburtsjahrgängen in den späten 1990er-Jahren. Aber, hier ist Vorsicht geboten, denn die Wesensmerkmale solcher Generationen werden mehr episodisch von großstädtischen Mittelschichtpopulationen und medial inszenierten Zeitgeistkonstruktionen abgeleitet und sind vor allem vom Marketing statt von einem nüchternen Blick auf die Welt inspiriert.Wilfried Ferchholf! Jugend und Jufjendkukureii im 21. Jahrhundert. Lebensformen und Lebensstile. VS Verlag für So/i;ilwissensehul'teu, Wiesbaden 2007.
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Typisch scheint jedoch heute — gemeint sind jetzt vor allem die Generationen Y und Z — die scheinbar recht individuelle Attitüde zur Alltagswelt, das Sich-Abfinden mit vorgefundenen und dabei das Ausprobieren von unterschiedlichen Möglichkeiten des Lebens im Dschungel der Großstadt, generell die bescheidenere Planung von Lebensentwürfen (»irgendwas mit Kultur oder Medien machen«), und das Sich-Anstoßen-Lassen von Optionen (»nach dem Büro machen wir dann noch was«) im Alltag.
Y und Z: urban, sarkastisch, unterkühlt
Der jugendlichen Multikulturalitäts- und Postmodernitäts-Grundhaltung, die heute die mediale und großstädtische Lebenswelt der jungen Mittelschichten dominiert, entspricht, dass Coolness, Ironie, Sarkasmus und mitunter auch aggressiver Zynismus als zentrale Überlebensstrategien und Grundeinstellung der »Jungen« gelten. Das legt nahe, dass man so einer Lebenswelt zusehends fatalistischer und distanzierter gegenübersteht.
Berufsarbeit ist gerade für die moderne Jugend (und die jungen Erwachsenen) vor allem eher Job und Geldverdienen als ein Impuls für authentische Selbstverwirklichung. Dieser Perspektive folgt eine recht große augenscheinliche Zufriedenheit mit der eigenen Berufsarbeit, 92 Prozent sind es, die sich zufrieden geben.75 Genügsamkeit einerseits, Skepsis andererseits, das betrifft Bildungssysteme insgesamt, die Medien, die Haltung zu sozialer Ungleichheit und zu den gesellschaftlichen Institutionen generell. Wobei deutsche Jugendliche hier doch deutlich weniger misstrauisch sind, als die Jugendlichen (und jungen Erwachsenen) in anderen europäischen Ländern.
75 Wert für Österreich, IMAS: Arbeitswelt: Her Vorgesetzte in den Augen der Mitarbeiter, IMAS-Report 12/2017, Linz 2017.
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Dessen ungeachtet hat man noch die traditionellen Werte und Haltungen im eigenen Rucksack, die bei Befragungen dann reflexartig zur Verfügung stehen. Familie und Kinder sind sozusagen theoretisch wichtig, in der Praxis jedoch sind Kinder für Selbstentfaltung und in Hinblick auf zeitliche und finanzielle Kosten dann eben oft hinderlich. Zugleich verfügen die Jungen über schablonenhafte Lebenspläne, die sich auf den ersten Blick von denen der Eltern und Großeltern wenig unterscheiden, die aber nach und nach pragmatisch ummodelliert werden (müssen). Die hohen Kosten persönlicher Lebensführung (bei eigener Wohnung) hat man akzeptieren gelernt, duldet meist die ökonomische Abhängigkeit von den Eltern und bleibt deswegen oft bei ihnen wohnen, auch wenn das nicht ins eigene Lebenskonzept passt. Romantisch inspirierte (im Rucksack mittransportierte) Vorstellungen und Alltag klaffen mithin oft weit auseinander.
Sexualität und Genderfragen
Die herkömmliche, also gemeinsam lebende Familie mit heterosexuellem Elternpaar und Kind(ern) wird seit geraumer Zeit von neuen Lebensformen ergänzt. Homosexuelle Partnerschaften, vor allem wenn Kinder dabei sind, werden medial mit asymmetrisch hoher Aufmerksamkeit und Zuneigung bedacht, gewissermaßen zum Hype befördert. Lebensabschnittsbeziehungen und Fernbeziehungen (Living apart together) haben die zeitliche und räumliche Lebensstruktur weniger dauerhaft gemacht, gelten aber als mögliche ultima ratio modernen Lebens; Stiefeltern -und Stiefkinder-Beziehungen bzw. Patchwork-Familien sind bei
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den hohen Trennungsraten häufig und damit selbstverständlich geworden, neue Formen der Elternschaft (künstliche Befruchtung, Leihmutter etc.) haben sich entwickelt, mit genügend Geld lässt sich eine Art von Wunschkind bestellen: Vater aus den USA, Mutter aus Frankreich, ausgetragen von einer Leihmutter in Indien — das ist perfekte Konsumkultur, ab nun eben auch beim Kinderkriegen.
Gänzlich neue Lebensformen, wie Polyamorie oder Polygamie sind insbesondere am medialen Horizont aufgetaucht und werden wohlwollend gefeiert. Bislang halbwegs verlässliche Strukturen einerseits und Erwartungen andererseits haben sich, gerade wenn ein starker Bezug zur Sexualität besteht, weiter verflüssigt und später dann verflüchtigt (Zygmunt Baumann).
Dazu kommt, dass in der multikulturalistischen Kultur »Genderfragen« zu einer eminent wichtigen Angelegenheit geworden sind. Geschlecht wäre nicht biologisch, sondern nur mehr kulturell bedingt und individualistisch in vielen Formen realisierbar ('0), heißt es seit einigen Jahren und das ist in Hinblick auf die vielfältigen personalen psychischen Beschädigungen und Störungen (um Freud zu paraphrasieren: neurotische Muster gehören zwangsläufig zur zivilisierten Lebenswelt) durchaus auffordernd (und legitimiert durch die an den Universitäten implantierte Ideologie »Genderforschung«) als Befreiung gemeint. Ware es bloß nicht so krass psychopathologisch, um es im herkömmlichen Verständnis zu sehen ...
76 Was ein derartiges Verständnis allerdings zu einer mitunter esoterischen Angelegenheit macht, selbst wenn es sirh mit wissenschaftlichem Anspruch zu betätigen versucht.
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Sexuelle Lustlosigkeit
Vor 50 Jahren war die sexuelle Revolution, zuerst auf dem Druckpapier und später dann langsam, verhalten und schließlich als dezidiert lockeres Sexualverhalten bis hin zur Promiskuität, in der Alltagspraxis anzutreffen. Das Attraktive am Sexuellen scheint sich mit der repressiven Toleranz der Gesellschaft gegenüber allem, was mit Sexualität zu tun hat (ausgenommen die alten Tabuthemen Inzest und Pädophilie, die übrigens vor 120 Jahren in Großstädten noch eine geduldete Praxis war), sowie der unbegrenzten Möglichkeiten des Konsumkosmos langsam zu wandeln. Sex wird für manche Menschen zur Last, zu einem nie wirklich gänzlich erfüllbaren Begehren, da jeder mögliche Partner stets zu wenig attraktiv, zu wenig anziehend ist.77 Ebenso: Sex kostet meist Zeit, Geld, Aufwendungen, mühsame Abstimmung mit dem anderen, Rituale und anderes mehr. Sexualität wird in einer von Erwerbsarbeits-, Konsum-Wettbewerb und gleichzeitig omnipräsenter Pornografie durchgeprägten Gesellschaft zu einer Mühsal, hat es den Anschein. In Japan hatte jeder zweite Verheiratete im abgefragten letzten Monat keinen Sex, die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen übrigens hatte bislang noch nie Geschlechtsverkehr, so Studien dazu.78
Sex wird also langsam von einer ersehnten zu einer eminent beschwerlichen Angelegenheit, da einer mittlerweile nicht mehr weiß, wie ein Partner tickt, gerade in Zeiten der Gendersubkulturen und weiblicher wie männlicher Multioptionsmöglichkeiten. Der Kosmos des modernen Sexuellen scheint recht kompliziert geworden zu sein, besser also, man lässt es gleich und bleibt bei sich allein.79 Es ist schon eine merkwürdige Angelegenheit — die alte Befreiung der Sexualität hat mit vielen dazugekommenen Wendungen, Übersteigerungen, Kapricen und Allüren offenbar zu einer Beschädigung bis hin zur Devastierung des Sexuellen geführt. Gefängnis statt Befreiung also.
www.heise.de/tp/features/ Sex ist Muehsal-3622914.html.
77 Eva Ulouz: Warum Liebe endet. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.
78 Florian Rotzer: Sex ist Mühsal, in lelepolis 15. 2. 2017, hups://
I m V/.'/.aS (Neue Zürcher Zeitung am Sonntag) 26.5.2019. https://tr/.zas.n/.'' ch/geseUsehal't/sex-wird liier junge menschen unwichtiger Id. 1484240 . 79 Claudia Schumacher; Die neue l.ustlosigkeit: Warum sich junge Mensehen dem Sex verweigern.
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Mögliche Folgen für das Modell Familie
Von Gender-Aktivistengruppen entwickelt und dann von der multikulturalistischen Kultur und vielen Medien übernommen, ist der »alte, weiße, heterosexuelle Mann«80 heute ein Kampfbegriff gegen die konservative Mehrheitskultur (des traditionellen Großmilieus), die konnotativ das klassische Familienmodell mit umfasst. Hinzu kommt, dass es mittlerweile völlig legitim geworden ist, wenn Frauen und Männer kein Kind - mithin keine Familie - haben wollen. Dies wird selbst von liberal-konservativen Medien heute intensiver thematisiert, von manchen gar als sinnvoll bis zwingendes ökologisches und feministisches Credo verlautbart.81
Für das Verständnis und Selbstverständnis familialer Strukturen und persönlicher Bollen werden diese Relativierungen wohl nicht unproblematische Folgen haben. Familiäre Beziehungen werden sich noch variabler, beliebiger und insbesondere brüchiger zeigen. Bedauernswert sind hier in erster Linie die Kinder, die aus entwicklungspsychologischen Gründen auf stabile Gegebenheiten und Ordnungsrahmen für ihre Welt angewiesen sind, auch wenn Medien und Politik hier vieles schönreden wollen.
http://www.faz.net/aktueU/geJellschaft/menjchen/warum-frauen keine kinder-wollen-die-gruende-sind-vielfaeltig-1494065(3.html. Verena Brnn Schweiger: Kinderfrei statt kinderlos. Ein Manifest Büchner-Verlag, Marburg 2019.
80 Im Zuge des US-Präsidentschaftswahlkampfes als typischer Trump-Wähler diffamiert, was so überhaupt nicht zutraf, ebenso nicht bei der Brexit-Abstimmung 2016, dort war die Jugend am Abstimmungsergebnis weitgehend desiuteressiert. Der Begriff ist in uuce oin hetzerischer Ausdruck, was an sich muhikulturalistisoh verpönt sein sollte - aber was gilt, das bestimmen die besonders »Guten«.
81 Ktwa Kerstin Mitternacht: Kinderlose Frauen. Es geht auch ohne. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. 4. 2017.
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Vor allem die Online-Jugend-Ausgaben der deutschen Mainstream-Medien, etwa bento {Der Spiegel), ze.tt {Die Zeit) oder jetzt {Süddeutsche Zeitung) strotzen hier mit relotiusartiger, einseitiger Schönzeichnerei von Patchwork-Verhältnissen und sexueller Freizügigkeit. Unangenehme gesellschaftliche Entwicklungen werden lange verharmlost, gewissermaßen ausgesessen; wenn sie problematischer werden, kann man dann halt leider nicht mehr viel machen. Dieser Trägheitseffekt von Politik ist freilich keine neue Entwicklung.
Die kulturelle Relativierung des Modells Familie mit belastbaren Rollenverständnissen und Beziehungen wird von den »harten« realen Entwicklungen in der Arbeitswelt ergänzt. Örtliche und zeitliche Mobilität gehören in vielen Fällen zum Anforderungsprofil beruflicher Tätigkeiten, oft müssen instabile, prekäre Arbeits- und Entlohnungsbedingungen akzeptiert werden, etwa statt als Angestellter nun als Ein-Personen-Unternehmer und in unterschiedlichen Projekten — die Postmoderne liebt Projekte - tätig sein. Permanente Entwicklungsbereitschaft wird gefordert, im Klartext heißt das Anpassung in erster Linie an betriebswirtschaftliche und gesamtwirtschaftliche Abläufe und Veränderungen. Derartiges ist jedoch für Lebensverhältnisse, die halbwegs stabile Bedingungen erfordern (Paarbeziehung, Kind, Kreditverpflichtungen, Wohnung, Schule, Stabilität des Umfelds) wenig förderlich bis krass schädlich.
Selbstgewollte Deformation?
Allerdings, das sollte nicht übersehen werden, die Arbeitsmarktveränderungen entwickeln sich nicht völlig konträr zu den Vorstellungen der Menschen. Gerade die jüngeren urbanen
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Postmaterialisten aus der Mittelschicht wollen selbst Flexibilität, Mobilität, Selbstständigkeit haben, sie lieben Auslandsaufenthalte und neue Herausforderungen; auch Wünsche nach Teilzeitarbeit sind nicht mehr an das Familienleben oder ein zu betreuendes Kind gebunden, wie das früher noch der Fall war, sondern jetzt geht es um die Verwirklichung subjektiver Vorlieben, um Zeit für sich, Zeit für die eigenen Passionen oder Spinnereien.
Abwechslung und Erlebnisorientierung wurden von einer Haltung, die in der Freizeit galt, für viele zu einem alle Bereiche umfassenden Lebensstil. Das mühsame wöchentliche oder zweimal wöchentliche Fliegen von Wien nach Brüssel wird dabei gern in Kauf genommen, da es »internationales Flair hat«, »kosmopolitischen Charakter«, wie sich das jüngere Beamte und Wirtschaftsvertreter gerne schönreden und sogar glauben; vor allem, weil sich ihnen und ihrer Umwelt damit ihre Wichtigkeit und Bedeutung darstellt.
Zur geforderten Flexibilität und Mobilität, gehört, persönliches Scheitern nicht mehr nur äußeren Bedingungen zuzuordnen, sondern einen an sich selbst gestellten Verbesserungsanspruch zu erfahren. Brav wird hier das postmoderne und neoliberal inspirierte Grundmotiv apportiert, das eben jeder für sich selbst verantwortlich sei. Das zeigt sich, nebenbei erwähnt, an den Fitness- und Selbstoptimierungsbestrebungen vieler Menschen, dann insbesondere an der deutlich expansiven Entwicklung der Schönheitschirurgie. Schöner werden, um mehr Chancen in seinem Leben zu haben. Das ist ja überhaupt die ganz große biologische Ungerechtigkeit: die Mehrheit der Menschen entspricht nicht den gängigen, von Medien und Werbung rund um die Uhr Verlautbarten Schönheitsidealen. Bei all dem herrscht jedoch eine weitgehende Kritiklosigkeit, um nicht zu sagen Kritikunfähigkeit. Menschen reproduzieren ihre Konsumgesellschaft und verraten
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dabei viele ihrer tiefen, autochthonen Bedürfnisse. Oder reagieren mit zwangsneurotischem Verhalten darauf. Solche Zwangsneurotik ist kein sinngegebenes Handeln, sondern eine notwehrartige unbewusste Reaktion auf die mit seinem eigenen psychischen Entwicklungsstand nicht mehr beherrschbaren Zumutungen der Umwelt.
Zwangsneurotiker
Mit Zwangsneurotikern, die außer in der Erwerbsarbeitswelt (die Unterwürfigkeit des autoritären Charakters) und in der Konsumsphäre (lustvolle Auswahl), sich nicht mehr besonnen, verträglich und nachgiebig auseinandersetzen können, wird es wenig Chancen für zufriedenstellendes privates Leben, für geglückte Familien geben. Noch dazu, wo heute in den großen Städten keine Notwendigkeit mehr besteht, auf einen anderen, nahen Menschen Rücksicht nehmen zu müssen. In den Städten funktioniert die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen problemlos 24 Stunden täglich alle 7 Tage der Woche lang. Essen und Trinken, ebenso Verkehrsdienstleistungen sind jederzeit erhältlich, kommerzielle und selbst nichtkommerzielle Sexualität ist heute mit Dating-Software unkompliziert »manageable«, für die Wohnung sind Reinigungsleistungen problemlos zukaufbar. Eine Küche in der Wohnung braucht es dann ebenfalls nicht mehr. Man kann als Single kompromisslos nur seinen eigenen Vorstellungen folgen, in einer Schlaf-Wohnung leben, oder noch besser (allerdings teurer) im Appartement eines Hotels. Für freiheitsliebende Singles mag das eine wünschbare Zielvorstellung sein, die heute schon realisiert werden kann, wenn das Einkommen stimmt. Im Hotel zu wohnen und im Kaffeehaus zu arbeiten war beispielsweise für den Wiener Literaten Peter Altenberg Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich ein Lebensmodell. Persönliches Leben kann ganz ohne Haushalt und familiäre Beziehung funktionieren.
Entwicklungen ...?
Die demografischen Entwicklungen werden sich kaum umkehren lassen. Die Geburtenzahlen der einheimischen Bevölkerungen werden möglicherweise weiter zurückgehen, die Paarbeziehungen werden ebenso nicht wieder stabiler werden, Menschen werden sich noch intensiver überlegen, ein Kind zu bekommen.
Die Konsumgesellschaft wird weitergehen, vielleicht auch in neuen Formen. Die fortschreitende Rationalisierung in Industrie, Gewerbe und Handel wird weitere Arbeitskräfte freisetzen. Das, was heute als Digitalisierung 2.0, 3.0 und mit ähnlich griffigen Schlagworten kursiert, ist nur ein Nebeneffekt dieser Rationalisierung. Diese begann übrigens nicht mit Henry Fords Fließbandproduktion des Autos zu Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern schon ein paar Jahre vorher in den Schlachthöfen des Nordens der USA, als industrielle Form der Produktion von Fleisch. Genau besehen, noch früher: Mitte des 19. Jahrhunderts in der Waffenindustrie, bei Colt, einem der ersten Hersteller des Revolvers, also einer revolutionären, mehrschüssigen, da automatisiert nachladenden Handfeuerwaffe zur Tötung der widerspenstigen Indianer in Nordamerika. Zynisch gesagt: so ist Zivilisation.
Sich eine Lösung des sogenannten »Demografieproblems«, also eine Gegenentwicklung zur schrumpfenden Bevölkerung herbeizusehnen, wie sich das viele Demografiewissenschafter und ebenso Politiker wünschen (den Grund dafür sagen sie meist nicht), geht übrigens ökologisch fehl. Wir sind global viel zu viele Menschen, das »Raumschiff Erde«82 kommt längst an seine Kapazitätsgrenzen. Die Menschen dieser Welt sind mehrheitlich wohl an keiner frugalen Subsistenz-Existenz interessiert, sondern am westlichen Wohlstand, mit dem sie auch in der Dritten Welt durch massive Werbung traktiert werden. Durch Immigration aus anderen Kulturen, wie das die simplere Sorte der Demografiewissenschafter gerne propagiert, wird sich keine Lösung finden lassen.
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82 Richard Buckminster Fuller: Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde, Rowohlt, 1975.
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