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2  Der Zerfall kam dann doch schnell

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Die lockere Sympathie und Solidarität zwischen den verschiedenen Strömungen, oder sagen wir: den Neigungsgruppen dieser 68er-Bewegung, zerfiel allerdings dann ziemlich schnell. Anfang der 1970er-Jahre war langsam das Ende des Gemeinsamen erreicht. Die politischen Fraktionen der »Neuen Linken« atomisierten sich schnell durch Teilung in immer kleinere elitäre Gruppen, die wütend und gehässig die anderen Kleingruppen bekämpften; wesentlich heftiger als den »Klassenfeind« übrigens.

Das ist ja ein Dilemma linker Politik, sie wird nahezu immer rasch religiös, und wenn Linke umfänglich an der Macht sind, wie sie das damals etwa in der Sowjetunion oder der DDR waren, geht das entweder blutig oder diktatorisch ab.

Schon zuvor schon war eine langsam zunehmende Aversion bei den künstlerisch-ästhetischen und den neue Lebensformen suchenden »Alternativen« gegen jene politische Neue Linke zu bemerken. Die Zwanghaftigkeit, Selbstgefälligkeit, eine Kopflastigkeit und sich herausbildende Gruppenidentität, eine zunehmend eindimensionaler werdende Gruppenideologie, gefiel den »ästhetisch orientierten Fraktionen« nicht. Die Gruppen­zwänge und Intoleranzen der politischen Grüppchen wurden mehr. In einem einfachen Schema gesprochen, die Künstlerischen waren liberaler und individualistischer, die Politischen galten eher als halsstarrige Zwangsneurotiker.

Jene wollten keine alten Gefängnisse gegen neue eintauschen, die anderen jedoch ihre an sich traditionellen, biederen systemverändernden Vorstellungen durchsetzen, selbst wenn alle Zeichen der Zeit dagegen standen.

Zur Erinnerung: die Konsumgesellschaft befand sich im ungehemmten Weiterblühen, die großen Mehrheiten der mitteleuropäischen Bevölkerungen waren weitgehend zufrieden und satt, politisch mit heute unvor­stellbaren Mehrheiten von mehr als 80,90 Prozent auf die zwei Systemparteien — Sozialdemokraten und Christlich-Konservative — eingeschworen. Dazu kam, dass die eigene politische Gefolgschaft weitgehend an den Partner und die braven, nichtrebellischen Kinder (sozial) vererbt wurde.

Der Zerfall der kritischen politischen Linken, der APO (außerparlamentarische Opposition) der 1960er-Jahre führte zu unguten Erscheinungen. Die deutsche, dezidiert friedliche »Ostermarsch-bewegung«, die Ende der 1960er-Jahre Hunderttausende für Weltfrieden, gegen Wettrüsten und Militarismus, ebenso gegen die zivile Nutzung der Atomkraft zu mobilisieren imstande war, zerfiel schnell. Demgegenüber entstand eine kleine, sich radi-kalisierende Gruppe Linker, die mit terroristischen Mitteln den Kapitalismus bekämpfen wollte, die RAF (Rote Armee Fraktion). Derartig radikale Gruppen hat es übrigens immer gegeben, auch während der Weimarer und der Ersten Republik in Deutschland bzw. Österreich. Und abhängig vom dominanten Narrativ der Betrachtung, also der öffentlich bestehenden Erklär- oder Erzählrichtung in einer Kultur, werden sie Freiheitskämpfer oder eben Terroristen genannt. Soviel Ehrlichkeit sollte bei diesem Phänomen schon gelten.

Sexuelle Liberalisierung wurde langsam zum Mainstream

Vor allem die sexuelle Liberalisierung kam langsam in der Gesellschaft an. Anfang der 1970er-Jahre mobilisierten die

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Frauenbewegung (Feministinnen) und die Sozialdemokraten für die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs (Abtreibung), letztere auch für die Straffreiheit von Homosexualität. Sexspielzeug, Pornohefte und Pornofilme in speziellen Kinos und später dann im Super-8-Format für zu Hause, gab es ab Mitte der 1970er-Jahre zu kaufen. Die »Schulmädchen-Report«-Filme im Kino hatten offenbar ein großes Tor für sexuelle I_,iberalisierung aufgestoßen, und eine auf Konsum getrimmte Gesellschaft konnte im Gegenzug den zivilisatorischen Druck auf die Sublimierung des Sexuellen mindern, gewissermaßen den Sex freigeben.

Herbert Marcuse beschrieb dies als »repressive Entsublimie-rung«.15 Sexualität wird nicht mehr tabuisiert oder gesellschaftlich streng geregelt, das braucht es nicht mehr, da es mittlerweile weit bessere, umfassendere und weicher, unbemerkter wirkende Normen und Zwänge gibt, die die Menschen in ihre Gesellschaft einpassen, nämlich die alles umfassenden Versprechungen des Konsums. Das funktioniert gut, da die meisten Menschen recht willig sind, den Versprechungen eines besseren Lebens, eines reichlicheren Wohlstands, von mehr Annehmlichkeiten und von höherem Genuss zu folgen.

War Sexualität in den lgöoer-Jahren noch ein absolutes Tabu-Thema für christliche Kirchen, so gibt es heutzutage am Deutschen Evangelischen Kirchentag (2019) einen Workshop »Vulven malen«18 und viele weitere Veranstaltungen zu Thema Sex. Selbstverständlich ist heute in den christlichen Kirchen das neue linksliberale Gedankengut längst angekommen.

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Die kulturelle Trasse der 68er-Bewegung bricht sich Bahn. Die ökonomische Front, bleibt ausgetrocknet, außer in altbekannten christlichen Formeln und exzessiver Migrationsbegeisterung. Umverteilung ist das (alte) neue Tabu, ähnlich wie der nahezu ubiquitäre sexuelle Missbrauch durch Kleriker, um das etwas sarkastisch zu sagen.

Fernsehen wurde fixer Bestandteil des Alltags für die Mehrheit der Bevölkerung. Zuerst noch in Schwarzweiß, dann in Farbe. Das war in Mitteleuropa eine staatliche Angelegenheit. Als öffentlich-rechtliches Medium ist das Fernsehen übrigens nach wie vor unter fester (partei)politischer Kontrolle. Fernsehen prägt die Alltagswirklichkeit der Menschen, und seit einigen Jahrzehnten gibt es dazu zusätzlich kommerzielles Privatfernsehen; in Deutschland seit 1984, in Österreich erst ab 2003. Die durchschnittliche Fernsehzeit beträgt im Jahr 2017 in Deutschland täglich 221 Minuten17, sie ist kontinuierlich angestiegen und auch durch die verbreitete Internetnutzung nicht eingebrochen.

Interessant ist das für die vorhin erwähnte Perspektive, dass die Konsumwelt die Menschen wie ein Schleppnetz in Gesellschaft und Wirtschaft gefangen halte und es daher harscher sexueller und anderer moralischer Normen nicht mehr bedürfe. Medien orchestrieren und umhüllen die Konsumwelt durch die von ihnen transportierte Werbung und die ergänzenden redaktionellen Inhalte.

Alternative Kunst und Musik wurden integriert

Ahnlich war es mit der jahrelang angefeindeten Rock- und Popmusik und der bildenden Kunst. Die Pop Art hielt Einzug in den Alltag der Museen, ebenso in Zeitschriften und auf Werbeplakaten.

  • 17 für das Jahr 2017, für Österreich: 186 Minuten täglich. Die Zahlen für Deutschland: Statist a. com, für Osten eich: orf.at.

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Selbst bei der lange sich dagegen sperrenden Landjugend wurden jetzt, denken wir an die 1970er-Jahre, die Beatles gehört, statt wie früher abgeschaltet. Muster und Motive aus der Konkreten Poesie waren in der Werbung (früher Reklame genannt) zu finden und ebenso Motive nach Roy Lichtenstein und seinen Kollegen. Bei den Wiener Aktionisten dauerte es etwas länger, da ihre Arbeiten und Aktivitäten wohl für die schnelle Adaption zu sperrig waren. Aber nach 30 Jahren wurde beispielsweise Herrmann Nitsch doch noch ein arrivierter und sammlungsfähiger Künstler. Aus Rebellion, aus alternativer Subkultur war langsam Mainstream geworden. Das zeigt die enorme adaptive Kraft der kapitalistischen Kulturindustrie und ihrer Märkte. Anpassung scheint eine zivilisatorische Errungenschaft zu sein.

Der Alltag holt die »Alternativen« ein

Die Jahre vor 1970 und rundherum hatten für die widerspenstigen Studenten und jungen Künstler, die ja meist Mittelschichtkinder waren und in einer wirtschaftlich prosperierenden Phase lebten, eine Art von Sabbatical-Charakter. Man konnte etwas bummeln und Auszeit schinden. Aber irgendwann schlug bei den meisten, wenn sie nicht besonders wohlhabende Eltern hatten, schließlich doch das Realitätsprinzip zu. Man musste was tun, sich mit der Lebensumwelt arrangieren, also das Studium abschließen, sich um einen Broterwerb umsehen. Wirtschaftlich war Vollbeschäftigung gegeben, man konnte damit relativ unbedarft Journalist werden, Mitarbeiter im Kulturbetrieb, mit abgeschlossenem Studium in die öffentliche Verwaltung gehen, als Lehrer in den Schulbetrieb eintreten, sich der traditionellen Politik andienen, vereinzelt auch

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die Sozialhilfe bemühen, da man sich krank fühlte oder wegen Drogenproblemen betreut wurde (immerhin gab es mittlerweile halbwegs brauchbare Sozialhilfesysteme).

Und so geschah es auch. Die vergleichsweise kleine Gruppe dieser alternativen, rebellischen Jungen — in der Größenordnung von 5 Prozent, vielleicht einem Zehntel bis einem Fünftel der Alterskohorte, halbwegs zuverlässige empirische Daten dazu lassen sich nicht finden—begab sich in die Berufstätigkeit, in den Erwerbsarbeitsbereich der Gesellschaft, bevorzugt in solche Berufe, die nicht im unmittelbaren kapitalistischen Verwertungsinteresse lagen.

Was geschah danach?

Meist folgten die alten, stinknormalen Anpassungsvorgänge, wie sie auch den konventionellen, den nichtalternativen Jungen stets bevorstanden: Gehorsamkeit im Beruf, privat konnte man dann seinen Vorlieben folgen. Eine Spaltung zwischen Berufsarbeit (Leistungsdruck, aber gestaltbar in weniger deutlich definierten nichtkommerziellen Arbeitsverhältnissen — in der Ausländerbehörde oder im Feld der Sozialarbeit, im Kulturbetrieb usw., da darf man schon etwas nachsichtig sein und konnte persönliche Haltungen realisieren) und Privatem bahnte sich damit an. Privat, also persönlich und zu Hause, in der Freizeit versuchte man alte Ideale zu leben. Mehr noch, man versuchte auch subversiv tätig zu sein und Gestaltungsspielräume zu nützen.

Berufsarbeit für »68er«: Langer Marsch

In diesen als Erwerbsarbeit bevorzugten Organisationen und Einrichtungen ließ sich schon in den 1970er-Jahren ein zweigeteiltes

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Milieu absehen. Die, welche schon länger dort waren, ältere Beamte etwa, waren traditionell geprägt, hierarchisch und autoritär im Benehmen, verhielten sich auch so, selbst wenn sie politisch links oder SP-Mitglieder waren. Und die Rechten waren genauso traditionell, hierarchisch und autoritär, vielleicht ein Stück christlicher im Benehmen. Im öffentlichen Sektor, bei den Medien und in der Kultur in Mitteleuropa war die Einflussnahme durch die großen alten Volksparteien intensiv und umfassend - im angloamerikanischen Bereich war es im Grunde nicht viel anders und von den romanischen Ländern schweigen wir, je weiter südlich, desto größer blühte die Korruption. Bis heute übrigens. Für Berufseinsteiger war daher ein parteipolitisches Ticket meist eine notwendige Angelegenheit, eine Bedingung, ohne die nichts ging, aber das musste nicht zwangsläufig ein »linkes« Ticket sein. Etliche 68er-Gesinnungsfreunde setzten, wenn sie persönlich flexibel waren, auf eine »konservative«, rechte Fahrkarte und konnten später ebenfalls schöne Karrieren machen.

Noch einmal zur Erinnerung. Die kleine Gruppe der 68er-Generation entstammte der Mittelschicht und teilweise der bildungsorientierten Unterschicht, die neuerdings auch an den Universitäten studierte. Also Maturanten (Abiturienten), mit Studienabschluss, oder in künstlerischen Feldern Tätige. Diese hatten meist einen großen persönlichen Vorteil: Widerstand gegen das Altbackene hält man nur mit einem gewissen Rebellionspotenzial, mit genügender Durchsetzungsfähigkeit und einem gewissen Narzissmus aus. Triefte die eigene gängige Ideologie zwar von Friede, Freude und allumspannender Toleranz, so war die Persönlichkeitsstruktur der meisten Akteure oder Mitläufer hingegen von Selbstbewusstsein und dem Behaupten der eigenen Person geprägt.

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Damit ließ sich Karriere machen und »der Marsch durch die Institutionen«(18) antreten. Kulturell, im umgangssprachlichen Sinn von Werten, Haltungen, des Sprachgebrauchs, der Gerechtigkeit (oder was man dafür hält), der Multikulturalität, der Globalisierung, ist das übrigens gar nicht so schlecht gelungen — politisch und wirtschaftlich hat sich allerdings kaum etwas getan. Sarkastisch gesprochen, die Dekoration der Welt hat sich geändert, ist gewissermaßen mit dem Binnen-I an der Oberfläche menschlicher oder »gerechter« geworden, nicht aber der harte ökonomische Unterbau. Der ist trotz des schönen Scheins ganz der Alte geblieben. Wie Wirtschaft aussieht, entscheiden nicht demokratisch die Menschen, die Bürger, sondern die, denen die Industrie und die Banken gehören.

Der lange Marsch durch die Institutionen hat zwei Seiten. Er kann verändernd auf die Umwelt wirken, und er verändert natürlich einen selbst. Langsame, sanfte, beharrliche Umgestaltungen, die man initiiert, merkt man kaum; gemächliche Anpassung der eigenen Person an das Bestehende nimmt man ebenso kaum wahr. Dazu geschieht beides parallel - wenn man selbst sich anpasst oder eben schleichend angepasst wird, verändert einer seine Umwelt weniger bis gar nicht mehr. Man wird zum Mitläufer. Für den Einzelnen mag so etwas vielleicht eine bittere Erfahrung sein, meist aber ist man nicht in der reflektierten Verfassung, um sich so etwas einzugestehen. Jedoch, so funktioniert Wirklichkeit, so funktioniert Gesellschaft. Man wird dann, mit den Jahren in seiner sozialen Umwelt versunken, schön langsam zu einem Bomantiker, der sich die eigene Sphäre, das persönliche Missverstehen und schließlich die soziale Welt schönzureden beginnt.

  • 18  Dieser Ausdruck wurde vorn deutschen Studentenführer der Neuen Linken, Rudi Dutschke geprägt. Er verstand dies als politische Aufgabe, um das System von Wirtschaft und < irsrUschaii im Sinne eines linken Umbaus zu Übernehmen und zu verändern.

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Die Sozialdemokraten als politisches Auffangbecken

Jene Gruppen, die sich als politisch verstanden, vernichteten sich nach 68 in erster Linie durch Zerfall und Teilung; sozusagen Besserwisserei vor linker Solidarität. Was nach Intrigen, Auflösung und oft kindischen Machenschaften übrigblieb, wanderte in den 1970er Jahren langsam ins Lager der Sozialdemokraten, um doch noch irgendetwas bewirken zu können. In Osterreich hieß damals die SPÖ noch Sozialistische Partei, da fiel das sogar ein Stück leichter, überhaupt ging von Bruno Kreisky, dem damaligen Parteivorsitzenden, übrigens ein kulturell zutiefst bürgerlich geprägter Mensch, eine ernstzunehmende Aufbruchsstimmung aus. Anfang des Jahrzehnts erreichte die SPÖ für drei Legislaturperioden die absolute Mehrheit (übrigens nach einer kurzen stillen Koalition mit der FPÖ). Das Jahrzehnt stand im Zeichen einer Vollbeschäftigungspolitik, einer neuen Sozialpolitik und einer Förderung des Wirtschaftswachstums durch hohe Staatsausgaben, ökonomisch waren alle Keynesianer (nach dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes, ein Befürworter von Eugenik übrigens). Die Sozialdemokraten jener Zeit waren zwar Antikommunisten, wirklich links waren sie nicht, sondern gemäßigt reformwillig. Wer zu links war, etwa in der Schüler- oder Studentenvorfeldorganisation, riskierte schon einmal seinen Parteiausschluss, zimperlich war da die Führung überhaupt nicht.

Die Sozialdemokraten waren in Deutschland und Österreich die einzige Partei, die sozusagen rosarot, sozialreformatorisch die Stimme der ökonomisch Schwachen war. Es gab zwar Kommunisten, die spielten allerdings eine marginale Rolle — keine Chance, dort was zu tun, oder irgendwie gestalten zu können, das Häuflein war ein Erinnerungs-Restposten.

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Grüne Parteien gab es erst ein Jahrzehnt später. Also blieb, wenn man politisch etwas mitgestalten wollte, nur der bittere Gang zu den an den Kapitalismus angepassten Sozialdemokraten. Aber damit gab es, und das versüßte diese Bitterkeit erheblich, natürlich entscheidend bessere Chancen für eine Berufstätigkeit in staatlichen und staatsnahen Bereichen. Ohne Parteibuch war es (und ist es noch bis heute) oft schwer, dort Beschäftigung zu finden; in Organisationen mag man eben Zuordnung, Berechenbarkeit und eine gewisse Form von Kontrolle. Und überdies, war man etwas politisch aktiv - in der je nach Organisation richtigen politischen Farbe — war dies durchaus erwünscht und gefördert. Mittlerweile ist das heute in Unternehmen so, sie fördern die privaten, politischen oder NGO-mäßigen Aktivitäten ihrer Mitarbeiter, da der- oder diejenige als beruflich gut gilt, wenn er oder sie ebenso im privaten Feld Engagement zeigt.

Verluste

Das sollte nicht unter den Tisch fallen — nicht alle kamen mit dem neuen Lebensgefühl, dem selbstauferlegten Zwang, alternativ zu sein, oder der herkömmlichen Erwerbsarbeit, auch wenn diese oft in geschützten Bereichen stattfand, zurande. In einer gegründeten Kommune gab es bald Zoff, Eifersüchteleien, Intrigen und Machtkämpfe, war das nicht mehr auszuhalten, sprang schon einmal ein eifersuchtsgeplagtes Mädchen aus dem Fenster und war tot. Manche konnten mit Cannabis als einem Freizeitvergnügen nicht wirklich gut umgehen und machten sich eingeraucht an die Berufsarbeit. Durchaus, um die Fremdbestimmtheit am Arbeitsplatz besser zu ertragen, aber halt undenkbar für die meisten Vorgesetzten. Manche stiegen von weichen Drogen (wie es damals hieß) auf harte Drogen um und verslumten schließlich langsam in den einschlägigen Szenen, vielleicht von ihren Mittelschichteltern noch jahrelang durchgetragen. Etliche scheiterten als Künstler, mitunter an ihren eigensinnigen und unflexiblen Vorstellungen von ihrer Arbeit und der Welt an sich, oft an den damals natürlich schon wirksamen Vermarktungserfordernissen. Marketing und PR gab es bei Künstlern immer schon, auch wenn es tabu: pfui war, so etwas anzusprechen. Manche gingen auf lange und ferne Reisen, einige kehrten gar nie zurück, meist kamen sie jedoch ziemlich ernüchtert und erodiert irgendwann wieder nachhause - zwischen dem erträumten, dem vorgestellten und dem dann realen Indien lag meist ein ganzer Erdball.

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