1
Vergangenheitsbewältigung 2.0:
Die 1960er-Erfahrungen
15-36
Wenn es den Jungen »zu eng« wird, dann rebellieren sie irgendwann einmal. Tatsächlich scheint es so, als hätten ältere, große Kinder — Jugendliche, wie man heute dazu sagt, Teens und junge Twens — eine Spürnase für kulturelle Gestaltungschancen. Die sogenannte bürgerliche Revolution 1848 ging von Studenten aus. Ebenso die Reformbewegung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Umsturz aus den Kaiserreichen in die Parteiendemokratien nach 1918 funktionierte anders, da hatten nun politische Parteien und bis heute die Alteren, die Etablierten, die Eliten und ihre Mitläufer das Sagen. Dann aber wiederum die sogenannte 68er-Kulturrevolution — das waren Studenten, junge Künstler und jugendliche Unzufriedene. Drei von vier großen Veränderungen in der jüngeren Vergangenheit gehen auf das Konto der »Jugend«. Danach gab es immer wieder ein paar Ansätze, etwa die Occupy-Wall-Street-Bewegung im Jahr 2011 in den USA, die spanische Protestbewegung »Democracia Real Ya« 2011, der sogenannte »Arabische Frühling« ab Ende 2010, die Fridays-for-Future-Bewegung mit der ikonisierten Greta Thunberg aus Schweden ab Herbst 2018.
Ein Wort zur erwähnten Reformbewegung vor mehr als hundert Jahren, die vor allem in Deutschland einflussreich war. Sie war tatsächlich eine Art Vorläufer der 68er-Entwicklung und der späteren Grünen. Entspannte, lockere Kleidung, Naturerfahrung, Gartenbau, Distanz zu moderner Technik, zu aktuellen Moden und der Großstadt, ein informeller, lockerer Umgang der Menschen untereinander, das waren die Ziele dieser Bewegung. Sie wird heute, sofern sich geschichtlich überhaupt noch jemand damit auseinandersetzt, gerne als rechts und konservativ etikettiert.3 Ähnlich wie der »Wandervogel«. Nach den Ersten Weltkrieg installierten jedoch auch Sozialdemokraten und Kommunisten ähnliche Gruppierungen. Futuristisch (dazu später) und rechts inspiriert, aber unvergleichlich eine Erstform der Hippiebewegung, war die vom italienischen Original D'Annunzio kurzzeitig gebildete »Republik Fiume« (heute Rijeka).'
Vor mehr als 50 Jahren
Die 68er-Rebellion ist jahresmäßig etwas falsch verortet. In Wirklichkeit begann sie in Ansätzen schon vor 1968. Mit neuer, anderer Musik, den Beatles und den Rolling Stones, den Kinks und anderen britischen Bands. In Mitteleuropa kam dies um das Jahr 1964 und 1965 an. »A Hard Day's Night« war ein Film dazu - die Beatles galten als erfrischend neue, als alternative und endlich einmal zeitgemäße Musik. Und sie hatten Vermarktungsgenies im Hintergrund, welche die damalige Musikindustrie gekonnt aufmischten und Rock, Beat und Rhythm & Blues, was dann alles im neuen Begriff der Popmusik zusammenfloss. Sie machten lange Haare für Männer und lockere, schrille Kleidungsmoden für beide Geschlechter salonfähig. Willig ebneten die stockkonservativen Medien - das Schwarzweiß-Fernsehen hielt damals gerade langsam Einzug in die Wohnzimmer - Räume für diese »Verrücktheiten«.
3 Vgl. Ferdinand Avenarius: Das fröhliche Buch. Aus deutscher Dichter und Maler Kunst gesammelt von Ferdinand Avenarius. Mit einem Nachwort von Karl Kollmann. München, Matthes & Seitz, 1977.
4 Kersten Knipp: Die Kommune der Faschisten. Gabriele D'Annunzio, die Repuhlik von Fiume und die Extreme des 20. Jahrhunderts. Konrad Theiss-Verlag, Darmstadt 2019.
16
Die Jüngeren in den 1960er-Jahren hatten es jedoch schwer, wenn sie rebellisch wurden. Aufsässigkeit in der Schule und im Studium, bei der Haarlänge, der Bekleidung, der Musik führte rasch zu Widerstand von Lehrern, Professoren, Assistenten, Eltern, Nachbarn, sowie den anderen braven und angepasst gebliebenen Jugendlichen. Aber immerhin, es gab Gleichgesinnte, Peer Groups und vor allem einige Zeitschriften und Bücher, die jene anderen, neuen, alternativen kulturellen Erscheinungen für gut fanden. »Twen« »pardon« und »konkret« waren dabei so etwas wie die deutschsprachigen Leitzeitschriften der 1960er Jahre. Die erste mehr lebensstilprägend, kulturell und ästhetisch ausgerichtet, die anderen beiden dezidiert links und mit eigenem deutschen Humorverständnis ausgestattet.
Das US-amerikanische Satire-Magazin MAD (das übrigens wegen der pathologischen Empfindsamkeiten der gegenwärtigen amerikanischen linksliberalen Jugend mittlerweile eingestellt wurde) war dabei wohl ein gewisses Vorbild, ebenso die aus den USA importierte Pop Art, etwa Andy Warhol, Roy Lichtenstein und viele andere. All das fand rasch Anklang und Verbreitung. Man darf aber die dezidierte Jugendzeitschrift »Bravo« für die angepassten Jungen nicht vergessen. Immerhin wurde sie von fortschrittlicheren Eltern ihren Kindern gestattet. Dort gab es Informationen zu den gerade angesagten Bands, im Gegenzug zum Religionslehrer war da Selbstbefriedigung gewissermaßen erlaubt, eine erste Schiene von sexueller Liberalität tat sich auf.
Das langsame Aufbrechen der gesellschaftlichen Konventionen rund um die Sexualität, in erster Linie ihrer gesellschaftlichen Verdrängung, wurde eine tiefenwirksame Angelegenheit. Sexualität war von verlogenen Vorschriften, »sozialen Normen« gebändigt, zumindest im hellen Tageslicht. Im Dunklen, Geheimen, im Vernebelten, gab es - wie immer schon - alles, was sich dabei nur denken lässt.
17
Pädophilie, Inzest, Missbrauch, Homosexualität, Masturbation, halt eben ziemlich dreist oder schön verborgen und, falls es bekannt wurde, straff autoritär abgewürgt. Mit Oswalt Kolle begann das dann in den 1960er-Jahren anders zu werden. Seine Beiträge in Zeitschriften, Büchern und Filmen enttabuisierten die Sexualität langsam, dazu kam die Antibabypille, also eine medizintechnische Form der Verhütung, gedacht für verheiratete Frauen.
Die »Halbstarken«
Der erste sexuelle Aufbruch begann in den 1950er-Jahren mit den »Halbstarken«. Rohe, ziemlich macho-artige männliche Jugendliche aus der Unterschicht, die sich an der Musik- und Kleidungskultur der dominanten Siegermacht des Zweiten Weltkriegs, den USA, ausrichteten. Rock ,n' Roll, amerikanische Getränke, passende Jugendbekleidung (Jeans, Lederjacke), Pomade im Haar. Zuschlagen, Krawall machen, Schlägereien, das Moped (zum Motorrad reichte es finanziell meist doch nicht) aufmotzen, Männlichkeitsritualen frönen, gern auch einmal kleinkriminell, das verstand sich als Protest gegen die allgegenwärtige deutsche, und österreichische, bieder und brav, duckmäuserisch aufgestellte Nachkriegsgesellschaft. Das Aufheulenlassen und Hochdrehen der kleinen Motoren war wohl so etwas wie eine unbewusst versinnbildlichte Penisvergrößerung, aber das ist bis heute so, wenn einheimische und migrantische Prolls ihren BMW aufdrehen, übrigens machen das heute manche junge Frauen ebenso, eine moderne Art von Emanzipation. Und Sex war den Halbstarken wichtig, eher auf eine robuste, simple und oft brutale Art.
18
again-dieser-nackt-protest-gegen-pegida-schockt-dresden_id_4420184.html
Die Mädchen, die in diese Szene hineindrängten, warfen sich in Petticoats, manche trugen nun die für Männer gedachten Jeans, und präsentierten beim Tanzen zum Rock'n'Roll gern sexuelle Posen. Auch das war eine Art von Protest gegen die biederen Eltern, gegen eine altbackene, verbissene Nachkriegsgesellschaft.
Die Medien (Radio, Fernsehen und Zeitungen) waren offiziell entsetzt über diese Halbstarken, berichteten aber trotzdem gern über Zwischenfälle. Das schuf kulturellen Raum — einen kleinen Freiraum. Diese Nachkriegsgesellschaft war geprägt vom erwähnten Duckmäusertum und einer von den Siegermächten indoktrinierten Schuldkultur der Mitteleuropäer.
Befreit werden hieß, dankbar dafür sein, sich in den mitteleuropäischen Städten niederbomben haben zu lassen. Die linksgrüne Mercedes Reichstein verhöhnte im Februar 2014 in Dresden mit nackten Brüsten die damaligen Opfer mit dem Spruch: »Bomber Harris do it again«. 1945 befahl Harris die Bombardierung der Stadt Dresden, bei der 25.000 Menschen starben.(5)
Jene Schuldkultur hält übrigens bis heute nach — Deutsche (und vielleicht weniger ausgeprägt Österreicher) müssen sich bis in die Gegenwart für Adolf Hitler und den Nationalsozialismus und das für immer schuldhaft fühlen. Für den deutschen und den österreichischen Kaiser, die 35 Jahre zuvor Millionen Menschen kriegstechnisch ermorden haben lassen, gilt dies übrigens bei weitem nicht in dieser Strenge, die werden eher herzerwärmend verehrt oder nostalgisiert. Das hat jetzt nichts mit Relativierung zu tun, wie vielleicht einige Leser einwenden mögen, nein, es zeigt nur eine ziemliche Asymmetrie im kulturellen Gedächtnis der Gegenwart.
5 Focus online, 21. 1. 2015, focus.de/polilik/deutschland/bomber-harris-do-it-

19
Diese Asymmetrie im kulturellen Gedächtnis betraf besonders den verlorenen Krieg. Im Verständnis vieler Menschen war das Ende keine Befreiung, sondern naturgemäß ein gravierender Verlust. »So wurde etwa die amerikanische Besatzung, anders als in der rückwirkenden heutigen Betrachtung, nicht als Befreiung, sondern als Bestrafung empfunden.«(6) Was sollte Besatzung anderes sein als Bestrafung? Die Rede von der Befreiung war für viele eine aufgezwungene Sprachfigur der herrschen Klasse und der Besatzungsmächte, Propaganda eben. Seit 75 Jahren ist hier niemandem was Besseres, Verträglicheres eingefallen, als Niederlage mit Befreiung zu etikettieren.
Kleine, widerspenstige Gruppen
Die Halbstarken, das waren - wie später die 68er-Leute - kleinere Gruppierungen, insgesamt vielleicht 4, 5 bis maximal 10 Prozent der Jungen, mit den Sympathisanten dann vielleicht doppelt so viele. In einer Gruppe Gleichgesinnter zu sein, war dabei ganz wichtig, denn das brachte Sicherheit, gewissermaßen Gegenidentität. Alleine tut man sich ja immer sehr schwer und gibt meist auf, passt sich notgedrungen an. Daneben gab es damals im studentischen Milieu noch die Existentialisten als modische Erscheinung. Leserinnen und Leser von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Meist eher schüchterne, zurückhaltende Weltendenker, gern eher unauffällig auffällig gekleidet, oft Einzelgänger. Optimal als optisches Signal war ein schwarzer Blazer mit rotern Futterstoff, oder ein schwarzer Rollkragenpullover. Von vornherein waren sie die Verlierer bzw. Verächter der in Mitteleuropa Ende der 1950er-, Anfang der 196oer-Jahre sich entwickelnden Konsumgesellschaft.
I )ie Gesellschaft des Zorns. Rcchtspoptilismus im globalen Zeitalter. Transcript-Vertag, Bielefeld, 2019, S 250.
6 Cornelia Koppetsch:
20
Bei der großen Mehrheit der braven jungen Leute hingegen herrschte betuliche Normalität: für die Mädchen erste spezielle Mädchenmode von der Textilindustrie, den Pony als unverdorbene Alternative zur Lockenwickler-Frisur der Mama, für die Burschen dann vor allem Technikbegeisterung (selbst ein Radio bauen) und mitunter ein braves (Nichthalbstarken-)Moped und gemeinsame Hobbies mit dem Papa. Angepasst, ordentlich und an unverdorbenen Freizeitvergnügen interessiert. Gelegentlich ein kleiner Rausch, aber sonst gut integriert ins wirtschaftliche und soziale Leben.
Aber selbst in den traditionellen Milieus brach sich ein neuer, luftiger Lebensstil Bahn. Das illustriert ganz gut die 1968 in die Kinos gekommene Komödie »Zur Sache, Schätzchen«, die am Anfang der Karriere der Schauspielerin Uschi Glas stand. Es gab damit, dies belegt der Film, nun eine lockere, unverbindliche, lässige zweite Welt neben dem ernsthaften, spießigen Klein- und Großbürgertum, das von kitschigen Gesangstars wie Roy Black und schnulzig singenden Kindern wie Heintje angetan war. Eine Mitte zwischen demonstrierender studentischer APO, Gammlern und Hippies und der arbeitsweltdominierten grauen Normalität plus buntem Konsumvergnügen.
Die Halbstarken-Subkultur war insofern für die späteren Ereignisse wichtig, als durch sie andere Musik (»Negermusik«), andere Bekleidung, Haartracht (Pomade), auch Krawalle, also Widerstand gesellschaftlichen Platz fand, langsam akzeptiert werden musste. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg und seinem angepassten kulturellen Klima des öffentlichen Bravseins eine erste Art von Selbstermächtigung durch Anderssein, durch Gegenkultur und Außenseitertum. Neuerungen sind möglich.
Die 1950er- und 1960er-Jahre waren noch voller alter Strähnen der Nazikultur:
21
Rhetorik und Mimik von Politikerreden blieben aus der alten Ära, der hierarchisch-autoritäre Gestus ebenso, dafür braucht man sich nur alte Wochenschau-Beiträge anzusehen.7 Die Eliten waren nun umetikettiert und mit Schuldbrimborium auf Wunsch der Siegermächte koloriert. Man darf sich hier keinen Illusionen hingeben und hinter den Schönsprech schauen. Die alten Nazis saßen überall drinnen, in den Einrichtungen des Staates, der Justiz, der Verwaltung, in den Universitäten und linke wie konservative Parteien sprachen in der gleichen Tonart, genauso pathetisch wie in alten nationalsozialistischen Zeiten, um Wähler zu gewinnen.
Politische, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse in den 1960er-Jahren
Für das Entstehen und den Ausbruch der 68er-Rebellion war natürlich nicht ein bestimmter einzelner Grund verantwortlich, sondern es handelte sich um ein Zusammentreffen vieler an sich kleinerer sozialer und kultureller, sowie größerer geopolitischer Veränderungen, die den jungen Leuten ein Abschütteln der vorgegebenen Verhältnisse, eine Art Befreiung also, möglich machten.
Wirtschaftlicher Aufschwung nach dem Krieg
Die goldenen Wirtschaftswunder) ahre, ein rasch zunehmendes Güterangebot, schon ein paar Jahre nach dem Krieg, die Konsumgesellschaft in Mitteleuropa startet durch. Vollbeschäftigung, Arbeitskräftemangel, man holte Gastarbeiter aus Italien,
7 Die Wochenschau lief in den Kinos vor dem Hauptfilm und war eine Art von zehnminütiger Zusammenfassung der Nachrichten für Nichtleser von Tageszeitungen - Fernsehen gab es nicht oder nur in wenigen Haushalten.
22
Griechenland und später der Türkei, um den Arbeitskraftbedarf der florierenden Wirtschaft zu befriedigen. Die Löhne stiegen deutlich. Eine sogenannte Fresswelle begann, dann kam die Einrichtungswelle, die Autowelle und schließlich boomten die Urlaube nach Italien, ans Meer. Der Einfamilienhausbau in den Vorstädten und städtischen Umlandlagen, also die Zersiedelung des Umlands der Städte begann.
Konnte sich in den Wirtschaftswunderjahren ein Facharbeiter mit nichtberufstätiger Ehefrau und zwei Kindern ein Auto und ein mit Schwarzarbeit (Nachbarschaftshilfe wurde von den Steuerbehörden weitgehend toleriert und Wohneigentum war damals politisch gefördert) errichtetes Häuschen im Grünen leisten, so war später mit berufstätiger Frau auch der jährliche Adriaurlaub möglich. Frauen wurden gewissermaßen in die Erwerbsarbeit hineingesogen, es herrschte ja Arbeitskräftemangel. Und die Konsum Verlockungen waren ein intensiver Motor. Zu jenen Zeiten war die heute gängige Teilzeitarbeit gänzlich unbekannt, aber in vielen Branchen hörte jetzt die Samstagarbeit auf, die Fünftagewoche mit ihren 40 wöchentlichen Arbeitsstunden begann und wurde dominant (ausgenommen in der Industrieproduktion mit Schichtarbeit). Die Gewerkschaften hatten diesen Fortschritt erkämpft.
Was heute unvorstellbar ist, war damals normal. Kinder spielten in ihrer Freizeit auf den Straßen und auf Grundstücken, die noch vom Krieg gezeichnet waren; in den Städten dann auf Plätzen, in Seitenstraßen oder man machte Kaufhäuser unsicher. Immer in kleinen Gruppen, und völlig unbeaufsichtigt — wenn das Wetter passte, waren Kinder bis zur Abenddämmerung im Freien. Alles zu Fuß, mit selbsterdachten Rollenspielen, schön, wenn man Kleingeld für ein paar Zuckerln hatte.
23
Übrigens, im Sport, etwa im Fußball oder beim Schifahren, gab es nur Amateure — keinen Profisport, keine auf Profit getrimmten Fußball-AGs. Spielübertragungen im Radio hielten nahezu die ganze Nation im Bann. Die Spieler hatten einen Brotberuf und trainierten nur in der Freizeit.
Für die Jungen wurde es langsam selbstverständlich, ein eigenes batteriebetriebenes Transistorradio zu besitzen, den konnte man überall mitnehmen. Meist gab es jetzt einen Plattenspieler zu Hause, allerdings waren Schallplatten sehr teuer. Dieses Problem löste sich, als Philips 1963 einen batteriebetriebenen Kassettenrecorder und die zugehörige Compact-Cassette vorstellte. Damit konnten Schallplatten preiswert vervielfältigt werden und es ließ sich überdies Musik aus dem Radio aufnehmen.
Technischer Fortschritt
Das zügige Wirtschaftswachstum war mit technischem Fortschritt verknüpft, der weitgehend unkritisch gesehen, ja als sensationelle Entdeckung gefeiert wurde. In den 1960er-Jahren schoss die Sowjetunion die ersten Menschen ins Weltall, ein paar Jahre später, 1969, landeten die USA dann die ersten Menschen auf dem Mond. Nicht nur die atomare Aufrüstung war gnadenlos, in allen technischen Bereichen glühte eine technische Entwicklungsgier. Farbfernsehen kam in den Markt und verbreitete sich rasant. Die ersten elektronischen Taschenrechner waren zu kaufen. Kugelkopfschreibmaschinen verbreiteten sich, preiswerte und gute Druckverfahren kamen auf (Kleinoffsetdruckmaschinen). Stereoanlagen für die Musikwiedergabe waren von der ganzen Familie begehrt und die portablen Transistorradios wurden immer kleiner.
24
Politische Erstarrung, unruhige Zeiten
Zwar war 1963 die lähmende Ära des deutschen Langzeit-Bundeskanzlers Konrad Adenauer (CDU) zu Ende gegangen, was jedoch nicht zu einer Auflösung der Verkrustung, der Starrheit der Politik in Deutschland führte. Überhaupt, ganz Mitteleuropa schien festgefroren und erstickt in einem politischen Bitualismus. Und der DDR-Mauerbau im Jahr 1961 führte zu noch mehr Unbeweglichkeit. Kalter Krieg zwischen dem USA-dominierten Westen und den sozialistischen (kommunistischen) Volksrepubliken des Ostblocks, angeführt von der UdSSR (Sowjetunion), dazu der heimliche, dann offizielle Krieg der USA gegen Nordvietnam, die Bedrohung durch immer größer werdende Atomwaffenarsenale der zwei Supermächte — das waren tatsächlich recht frostige und undurchschaubare Verhältnisse. In der Kuba-Krise waren dann die zwei Supermächte USA und UdSSR einem Atomkrieg sehr nahe. Der sogenannte »Prager Frühling« — eine rasante liberal-reformkornmunistische Entwicklung in der Tschechoslowakei, die seit dem Frühling 1968 in Richtung mehr Liberalität führte und deutlich von alternativen kulturellen Verständnissen getragen war — wurde schließlich durch die sowjetische Besatzung des Landes und eine geschickt inszenierte Restauration des alten Systems niedergeschlagen.
In den USA herrschten ebenso raue und unruhige Zeiten. So wurde der zu einer Gallionsfigur von Demokratie und Aufbruch stilisierte Präsident John F. Kennedy 1963 ermordet, später sein Bruder Robert F. Kennedy. Der schwarze US-Bürgerrechtler Martin Luther King fiel ebenso einem Attentat zum Opfer wie einige Jahre vorher der militante schwarze Malcolm
X.
25
In Südamerika wurde Che Guevara, einer der Helden der kubanischen Revolution, erschossen, in Berlin (West) bei einer Anti-Schah-Demonstration (der Schah war ein sich mit Hilfe der USA an die Macht geputscht habender selbsternannter Kaiser des Iran) der Student Benno Ohnsorg. Ein Jahr darauf wurde der linke Berliner Studentenführer Rudi Dutschke, eine charismatische Gestalt der APO (Außerparlamentarische Opposition), angeschossen und überlebte mit viel Glück.
Autoritäre »Parteiendemokratie«
In den nationalen Politiken der mitteleuropäischen Länder herrschte damals eine rigide, autoritäre Parteiendemokratie, die durch zwei große und unbewegliche Lager geprägt war: Sozialdemokraten und Christlich-Konservative. Die Parteien selbst und ihre immer mehr werdenden Vorfeldeinrichtungen waren hierarchisch durchverwalte Organisationen, die auf Zuruf zu funktionieren hatten, ähnlich wie es bei den Nazis oder im Kommunismus war. Der Zwangscharakter, der dem allen innewohnte, schlug sich bis in die Wählerbasis fort, in bürgerlichen, »schwarzen« Familien wählten alle schwarz, in »roten«, proletarischen Familien alle rot. Gut, vielleicht leisteten sich manche in der Wahlzelle einen ganz privaten Widerstand dagegen. Die Presse hetzte in faschistoider und oft niederträchtiger Art und Weise gegen die linke studentische Bewegung, übernahm dann aber langsam einen liberaleren Zugang zu Fragen der Sexualität und alternativer Moden.
Die Aufarbeitung der Nazivergangenheit war ziemlich verschleppt worden, gleichzeitig wurde volksbildnerisch in Funk, Fernsehen, Zeitungen und Büchern die Zeit des Nationalsozialismus und insbesondere der Holocaust, also die systematische
26
Ermordung der Juden, als ewige Schuld der Deutschen beschworen. In Österreich fühlte man sich zu jenen Zeiten übrigens eher als deutsches Opfer, denn als einst mitgewirkt habende Täter, eine jahrzehntelang bewahrte und ziemlich miserable ideologische Strategie übrigens.
Sozialstruktur — noch immer Klassengesellschaft?
Der Lebensalltag in den 1950er- und 1960er-Jahren blieb von Klassenverhältnissen geprägt. Pierre Bourdieus »feine Unterschiede« galten vor allem innerhalb einer Klasse, zwischen diesen wurden schwer überwindbare Differenzierungen gehandhabt. Und: fürs Erste blieb das allseits akzeptiert. Vor der 68er-Jugendrebellion war es für einen Unterschicht-Burschen unmöglich, mit einem gehobenen Mittelklasse-Mädchen »zu gehen«, wie man damals eine sich anbahnende und fortsetzende Beziehung nannte. Die Klassengrenzen zeigten sich an der Wohnsituation, beim Auto, bei der Kleidung, den Freizeitformen und in der gesprochenen Alltagssprache. Reiten gingen die Kinder und Jugendlichen der oberen Mittelklasse und der Oberschicht, ebenso Tennisspielen. Das war neben der Geldfrage, die für Freizeitaktivitäten natürlich eine entscheidende Rolle spielt, auch eine der abgrenzenden, klassenspezifischen Verhaltensweisen. Die Unterschicht ging Fußball schauen und deren Kinder spielten auf einem freien Platz denselben Sport, also Fußball. Und man konnte die Menschen anhand ihrer Sprache, der Hygiene, ihrer Bekleidung und den Orten, an denen sie sich aufhielten, natürlich leicht zuordnen. Sowohl die Unterschicht- wie die Mittelschicht-Jugendlichen konnten das, allen waren die größeren und die kleineren Klassenunterschiede gut vertraut.
27/28
Schichten statt Klassen
Mit dem in Mitteleuropa zustande gekommenen Wirtschaftswachstum und der Konsumgesellschaft in den 1960er-Jahren begannen allerdings die alten Klassengrenzen langsam aufzuweichen — die Soziologie arbeitete statt mit dem rigiden und bejahrten Klassenbegriff nun mit dem neuen und durchlässigen Begriff der »Schichten«. Und tatsächlich war da Bewegung in die Welt gekommen. Arbeitereltern, die ihrem Kind einen sozialen Aufstieg ermöglichen wollten, schickten es aufs Gymnasium, mühten sich mit seinem Schulerfolg ab und einige durften dann sogar an einer Universität studieren. Natürlich war es für diese Eltern und deren Kinder schwerer als für die Mittelschicht. Nicht nur, da Bildung Geld und Zeit kostete, sondern da Ehrgeiz notwendig war. Bildungsbeflissenheit war keine Selbstverständlichkeit, dazu musste die Überzeugung kommen, dass sozialer Aufstieg langfristig möglich war und das eigene Kind es besser haben konnte. Diese optimistische Perspektive hatte ihren Ausgangspunkt in der sozialdemokratischen Arbeiterbildung der Zwischenkriegszeit. Dahinter stand die Gewissheit, auch die Benachteiligten hätten Anspruch auf die sogenannte Hochkultur, die intellektuellen Welterklärungen, sowie die bildende Kunst.
Tatsächlich waren in den 1960er- und 1970er-Jahren Kinder aus einfachen Verhältnissen eine Minderheit an den Universitäten, daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. Eines hat sich allerdings getan: Mädchen waren damals ebenfalls eine Minderheit an den hohen Schulen, heute sind sie fast genauso stark vertreten (Deutschland), bzw. mit 54 Prozent in der Mehrheit (Österreich).8
Slatista.de: Frauenanteile an Hochschulen in Deutschland nach akademischer Laufbahn im Jahr 2017, https://de.statista.com/statistik/daten/sliidie/2493IS/umfrage/ l'rauenanteile-an-hochschulen-in-deutschland/; Statistik Allstria: Studierende in Österreich 2015/16-2017/18, https://www.statistik.at/web_de/stal ist iken/menschen_tind_£esellsrha1't/ bildung_und_kuHur/l'ormales_bildungswesen/universitaeten_studium/021630.html.
8
28
Eine alternative Kultur wäre notwendig
Die jüngere Geschichte blieb stets zugedeckt, da wollte niemand darüber reden. Ebenso unpassend war es, die wenig ruhmreiche religiöse Vergangenheit anzusprechen. Den Dreißigjährigen Krieg, die Hexenverbrennungen, überhaupt die brutale und unselige Abfolge von Gemetzel und Kriegen in Europa und in den Kolonien der Europäer. Die Kultur der Zukunft sollte in Anbetracht dieser katastrophalen Vergangenheit und der Möglichkeiten, die Menschen haben, eine gänzlich andere sein: friedlich, freundlich, individualistisch, frei, tolerant und ohne viel an Belehrung und Vorschriften. Zur Ablehnung der blutigen Vergangenheit gehörte die Absage an die Tradition, also an Heimattümelei, Brauchtum und Biederkeit; sie gaben bevorzugte Angriffsflächen ab. Das alles war verzopft, dämlich, zurückgeblieben und alt, mit einem Wort: es war zu überwinden. Und die Alternativen waren schon da: als Beatnik oder Hippie leben, zumindest Anleihen daraus nehmen. Deren Lebensstilalternative war nicht sozialistisch oder kommunistisch, sondern im genuinen Sinn anarchistisch: ohne Hierarchie, Unterdrückung und Herrschaft, ohne Militär (»Make Love Not War«), ohne automatische und vorab etikettierte Klasseneinteilungen, Rassenunterschiede und Konsumzwänge, wie sie die Elterngeneration und die Generationen davor deformiert hatten.
Vielfalt und Neudefinition von Kunst
Die alternative Bandbreite war groß. Von Drogen bis hin zu Encounter, Esoterik und schrägen ästhetischen Erfahrungen, wie Fluxus und Happening als neue Aktionskunst-Formen.
29/30
Kunst wurde gewissermaßen »auf den Kopf gestellt«. Nicht mehr das Tafelbild war Kunst, sondern eine Party, bei welcher der Künstler ein Stichwortgeber war. Statt schöner Dinge gab es nun Performances, Aufführungen von Künstlern, Installationen in Räumen oder in der Natur (Land Art), ähnlich den Ready Mades der Dada-Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts.
Viele andere Alltagsgegenstände wurden jetzt zum Kunstwerk erhoben, das dann Andy Warhol seriell zu produzieren begann. Als Concept Art brauchte das Kunstwerk gar nicht mehr hergestellt, sondern nur mehr beschrieben werden. Ganz bedeutsam: Jeder Mensch konnte Künstler sein, wie das der deutsche Aktionskünstler Joseph Beuys formuliert hatte, Kunst wurde definiert vom Subjekt, das sich ästhetisch ausdrückt - nicht von den Wahrnehmungsnormen einer überkommenen Gesellschaft. Ähnlich war es in der zeitgenössischen Musik, als alternatives Markierzeichen hier etwa John Cage. Dazu kam, man konnte nun endlich die lange totgeschwiegenen, eliminierten Kunstformen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts entdecken: den nach rechts abdriftenden Futurismus, den linken, systemaufsprengen Dadaismus und seine Folgeerscheinung, den französischen Surrealismus, sowie dessen schrägen Überbau, den philosophischen Existentialismus (Jean-Paul Sartre). Der Alltagsfaschismus der Etablierten war nicht an diesen neuen Kunsterscheinungen interessiert, die Kommunisten und Sozialdemokraten waren es ebenfalls nicht. Wenn man zu den vorhin erwähnten neuen Kunstrichtungen noch den Wiener Aktionismus dazu nimmt und in der Literatur die Konkrete Poesie (eine Dada-Nachfolgeform) sowie Cut-Up, war damit allerdings das Ende der Entwicklung ästhetischer Ausdrucksweisen erreicht.
30
Seit den 1970er-Jahren gibt es in der Kunst nichts wirklich Neues mehr, sondern nur mehr Wiederholungen. Und eine umfassende Zuwendung an den Markt, also an wirtschaftliche Verwertungsmechanismen. Aus Kunst ist vielfach hochpreisiges Kunstgewerbe geworden.9
Zurück zu den 1960er-Jahren. Tatsächlich, es gab Einrichtungen wie das Esalen-Institut in Kalifornien, die mit ihrem neuen und weit offenen Verständnis ganz gut in den traditionellen nordamerikanischen und generell den angelsächsischen Universitäten verankert waren. Alle wichtigen alternativen Künstler traten dort in den 1960er-Jahren und später auf. Esoterische Praktiken wie Wilhelm Reichs Orgon-Methode und moderne Drogenchemie, wie die von Timothy Leary propagierten LSD-Erfahrungen, vermählten sich hier mit Pop- Beat-, Rock- und neuer Folkmusik. Eine bunte, irisierende, plurale und neue Alternativkultur. Rasch kam die zum Westen völlig konträr stehende Philosophie und Kultur des Zen-Buddhismus dazu. Und der Alltag: Mädchen und junge Frauen entdeckten ihre femininen und erotischen Freizügigkeiten und trugen immer kürzere Miniröcke, sowie ziemlich offene Blusen. Im Vergleich zum heutigen, oft tranig-behäbig, ungewaschenen und rotzigen Hipstertum und Feminismus waren das tatsächlich offene, freie, feminin-goldene Zeiten, die sich anzubahnen schienen.10
Wo es um Hierarchielosigkeit geht, um Individualität und Freiheit, musste auch der als urfaschistisch erlebte soziale Druck, der Gruppendruck eliminiert werden. Die Erziehung der Kinder hätte nach neuen, anderen Grundsätzen ablaufen sollen. Erste Kinderläden und Schülerläden wurden Ende der 1960er-Jahre in Deutschland gegründet.
https://www.faz.net/ aklucll/stil/quarterly/eine-reise-durch-das-oekosyslem-der-kunst-1622 7481. htm l#void '" Vgl. Karl Kollmann: ausgeschrieben. Augsburg, Maro Verlag, 2011.
9 Kolja Reichert: Der Staubsauereffekt, in: FAZ Quarterly, 13.6. 2019,
31
Sie waren als Alternative zu den Staatsanstalten gedacht, in denen Kinder eben staatskonform und autoritär, zu braven Menschen abgerichtet werden. Diese Alternativen sollten hierarchielos, genossenschaftlich, nach gruppendemokratischen Spielregeln betrieben sein, Kinder sollten ohne autoritären Zwang, ohne gesellschaftlich normierter Formation sich entwickeln können. Die antiautoritäre Pädagogik der 1960er Jahre entdeckte damit die Reformpädagogik der 1920er-Jahre neu(11), der Besuch des Unterrichts war dort den Kindern freigestellt, Lehrer und Kinder begegneten sich auf gleicher Augenhöhe, sie waren gleichberechtigt. Zumindest dem theoretischen Anspruch nach.
Aufbegehren funktioniert
Widerstand und Aufbegehren lassen sich machen und durchsetzen — das war die Lehre, die unzufriedene Studenten und junge Künstler aus der sonst ziemlich verachteten proletarischen Halbstarken-Kultur ziehen konnten. Widerstand funktioniert und man kann sich mit den Ordnungshütern schon einmal einen kleinen Straßenkrawall liefern. Dabei wird man nicht gleich erschossen, kommt vielleicht sogar in der Zeitung vor, also in der festgeschriebenen, kondensierten Realität der Medien. Und: an nahezu allen Problemen, selbst den eigenen Unzulänglichkeiten, war nun die Gesellschaft schuld. Das schien eine neue Emanzipation von Autoritäten, psychoanalytisch von der Vaterfigur, die dem Kind gegenüber die Außenwelt, die Zivilisation, die Gesellschaft und ihr Realitätsprinzip repräsentiert.
11 Eine der Lichtgestallen dafür war Alexanders. Neill: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill. Rowohlt, Reinbek 1969.
32
Das ist schon ein sagenhaftes und einen selbst eminent befreiendes Argumentationsmodell: War man mit der Schule unzufrieden, fand einer keine passende Freundin, hatte die Familie kein Auto, war der Alltag öde und fad, konnte man für das alles »die Gesellschaft« und nebenher natürlich noch die eigenen Eltern verantwortlich machen. Man brauchte nicht mehr sich selbst in eine Verantwortung zu nehmen. Ist natürlich sehr kindlich, wenn man hinfällt, sich weh tut und es schmerzt, dafür der Gesellschaft oder den Eltern die Schuld zu geben. Wir werden später noch darauf zurückkommen, denn heute argumentiert das neue linksliberale Mittelschichtmilieu wieder genau nach diesem Muster.
Aber zurück zu den Veränderungen. Es war eine unwahrscheinlich gelungene Wende, die sich ab den 1960er-Jahren für einen kleineren Teil der Jugend anbahnte. Die Musik hatte sich verändert, neue sagenhafte Konsumgüter waren erhältlich, in der Literatur gab es neue Impulse (Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Peter Handke, Konkrete Poesie), in der Kunst tat sich Unerhörtes (Wiener Aktionismus, die »Uni-Ferkelei«), sie war endlich ent-ernstet.
Bewusstseinserweiternde Drogen kamen ebenfalls auf (Haschisch, LSD) und waren in jeder größeren Stadt mühelos erhältlich. Die Sexualität wurde von Teilen der Gesellschaft endlich als erlaubt beschrieben12, gegen Autoritäten konnte man mehr oder weniger ungestraft aufbegehren und gegen die USA demonstrieren. Das Establishment wurde als autoritäres Gesindel entlarvt, die wirtschaftlichen bzw. sozialen Ungerechtigkeiten wurden erkannt und benannt.
ier war bahnbrechend Günter Amendt Sexfront, Frankfurt, März Verlag 1970.
12 H
33/34
Es ließen sich eigene alternative Zeitschriften auf die Beine stellen (Ende der 1960er-Jahre gab es einen Wachstumsschub der Alternativmedien in gedruckter Form, eine wahre Zeitschriftenblüte ohne irgendeine öffentliche Förderung, auf diese Idee kam man erst gar nicht), das ganze System konnte nun infrage gestellt werden.
Solidarität bei den »Alternativen«
Was ganz wesentlich war: es gab so etwas wie eine themenübergreifende Sympathie bei alternativen jungen Menschen. Selbst die eher politischen Leute hatten gelegentlich Spaß an alternativer Literatur, alternative Jungkünstler waren bei politischen Tumulten und Sit-ins gern dabei, Haschisch interessierte nun auch die Linksrenegaten der Jugend- und Studentenverbände, die Beat- und Popmusik gefiel zusehends den angepassten bürgerlichen Jungen, Sex war ohnedies mehr oder weniger explizites Thema für alle. Diese alternative Jugend- und Twen-Subkultur bildete sich in den urbanen Zentren und entstand im Wesentlichen aus der Mittelschicht und dem bildungsaffinen Teil der (oberen) Unterschicht. Am Land und in Kleinstädten gab es sie praktisch nicht, ebenso wenig im traditionellen Arbeitermilieu und auch nicht bei der insgesamt schmalen Besitzaristokratie der Oberschicht. Die Kinder der Wohlhabenden bekamen schon damals - wir sind in den 1960er-Jahren - mit 18 einen BMW und begannen Kinder anderer Wohlhabender flachzulegen und sich anderen Oberschicht-Amüsements hinzugeben. Auf dem Land hingegen war die soziale Kontrolle sehr ausgeprägt, das verhindert Abweichung und Konfrontation mit dem System nachhaltig.
Stadtluft macht frei
Für das Entstehen der 68er-Subkultur waren drei Dinge notwendig. Als äußerer Umstand ein Lebensraum mit geringer sozialer Kontrolle, sowie der Chance, ähnliche Typen, Gleichgesinnte zu treffen, man musste also in einer großen Stadt1 ^ leben. Dann, als innerer, von der Person her kommender Grund, eine ausgeprägte Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen. Und als weitere Bedingung musste eine große Neugier auf alternative Dinge vorhanden sein sowie die Fähigkeit, sich genau danach umsehen zu können. Verfügte man nicht über diese Randbedingungen und sah sich in beengenden Verhältnissen, dann führte Unzufriedenheit wohl eher zu depressiven Verstimmungen, zu Verzweiflung, zu jugendlichem Selbstmord oder eben zur klassischen zivilisatorischen Anpassung, zur Aufgabe der Rebellion, wie sie etwa Sigmund Freud eingängig erörtert hat.14
Übrigens: Neugier und Geschicklichkeit im Entdecken lernt man als Nebenprodukt gehobener schulischer und vor allem elterlicher Bildungsbemühungen, mit Fremdsprache und den schulisch aufgetragenen Zwangsdechiffrierungen, Interpretationen von klassischer Literatur; ebenso mit vielen unterschiedlichen, also guten und schlechten Lehrern. An sich musste man an dieser Stelle das Lob des schlechten Lehrers singen, den moderne, dumme Helikoptereltern oft und mitunter sadistisch-gehässig zu eliminieren versuchen. Sie verhindern damit zuverlässig die Erfahrungsbildung ihres Kindes, das Schwarz kennen muss, um Weiß überhaupt erkennen und schätzen zu können. Soviel Dialektik ist selbst für die simpelste Welterfahrungen zwangsläufig notwendig.
13 Simmel hat die Vorteile und Nachteile der Großstadt schon früh und prägnant beschrieben. Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben. (1903), Frankfurt am Main 2006.
14 Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Stuttgart, Reclam 2010 (Original 1930).
36
#
Kollmann 2020