Kleine Vorbemerkung von Karl Kollmann
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wikipedia Juste_Milieu "richtige Mitte", SchlagwortEs geht in diesem Buch um eine Beschreibung der neuen Biedermenschen, der Postmaterialisten, jenes neuen »Juste Milieu«, das sich als fortschrittliche, weltoffene und vor allem tonangebende Großgruppe der gegenwärtigen Gesellschaft versteht. Die andere (größere) Großgruppe wären die eher konventionell, bodenständig gebliebenen Traditionalisten, die Konservativen, heute mitunter als rechts verachtet oder gar unter »Nazi«-Verdacht gesetzt. Beide großen Milieus sehen Gesellschaft und Kultur durch die jeweils anderen bedroht und kaputtgemacht. Moderne und alte Lemminge sozusagen. Selbstverständlich erweist sich zuweilen eine bloße Fortschrittlichkeit als dumm oder nicht durchdacht, Selbstgefälligkeit und Verachtung der anderen sind allerdings immer ungut.
Die Feststellung von diesen zwei Milieus ist natürlich eine grobe Vereinfachung, genauer hingesehen sind es ohnedies vier Milieus: die neue linksliberale urbane akademische Mittelschicht, die alte traditionelle Mittelschicht, die mehr und mehr abgehängte traditionelle Unterschicht und dann eine kleine Oberschicht, also die wirklich Wohlhabenden, über die allerdings die wenigsten Bescheid wissen.
Und immer gibt es in Gesellschaften, da sie Menschenwerk sind, Wandel, Veränderungen. Im Grunde müsste man sich nur »Überlebenssorgen« um die alte und traditionelle Mittelschicht machen, sie stirbt nämlich langsam aus, allein schon durch die Alterung. Manche ihrer Jungen wandern in die neue Mittelschicht ein, etliche treiben in die Unterschicht ab. Diese scheint zuzunehmen, denn herkömmliche Aufstiegschancen gibt es zusehends weniger, Abstiegsmöglichkeiten drohen hingegen an jeder Ecke.
Jedenfalls geht es bei der folgenden Beschreibung und Erklärung dieses Phänomens um ein Erläutern, das wohl auf wissenschaftlicher Basis stattfinden soll, es geht aber ebenso darum, auf den konventionellen wissenschaftlichen und oft fade empfundenen Jargon so weit als möglich zu verzichten. In diesem Sinn sind die Verweise, also das, was als wissenschaftlicher »Apparat« bezeichnet wird, insbesondere Fußnoten, an sich eher knapp gehalten. Man kann sie gern überlesen, da sie in der Hauptsache nur für jene gedacht sind, die inhaltlich und thematisch weiterschürfen wollen.
Übrigens - viele US-amerikanische Wissenschafter haben recht gut und spannend lesbare wissenschaftliche Bücher geschrieben, der Mainstream-Ökonom Paul Samuelson etwa, oder der Sozialwissenschafter Christopher Lasch, um zwei ganz Unterschiedliche anzuführen. Und es gibt noch viele andere. Der denkscharfe und seit jeher unterschätzte Soziologe Georg Simmel kam in seinen Wissenschaftsbüchern oft sogar gänzlich ohne Fußnoten und andere Verweise aus. Das muss man sich heute erst einmal trauen.
wikipedia Paul_A._Samuelson 1915-2009Eine derartige Eleganz der Sprache und des Benennens, der leicht lesbaren Kritik, müssen die Deutschsprachigen wieder lernen, möglicherweise ist es jedoch heute zu spät dafür, da die meisten Wissenschafter aus Wettbewerbsgründen lieber in kargem Englisch publizieren und sich auf der anderen Seite im globalen Wissenschaftsbereich ganz generell eine Art deutsche Pseudogründlichkeit und akademische Gefälligkeit breit tut. Streng genormte Beiträge, die möglichst rationell gestaltet sind und gut auf wissenschaftliche Journale verteilt werden. An sich ist es eine Schande, wie der moderne Wissenschaftsbetrieb mittlerweile funktioniert — ohne belastbare und fördernde Netzwerke kann da einer oder eine gleich einpacken.
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Wie der Leser bzw. die Leserin bereits merkt, soll hier die Pflicht zum kritischen, nüchternen und verständlichen Wort betont werden, auch auf die Gefahr hin, sich durch klare Ausdrücke unbeliebt zu machen, es sich mit dem Mainstream zu verscherzen. In Anbetracht der Endlichkeit des einzelnen Lebens wäre Wohlgefallen und Überanpassung allerdings nur eine tragische Chimäre strebsamen Gutmenschentums. Wenn einer nur ein Leben hat und am Ende steht stets der unfassbare, alltags allerdings meist verdrängte Tod, dann brauchte man Wahrheit nicht mit schnöden Gefälligkeitstapeten zu verkleistern, sondern könnte vielerorts klar sprechen.
Zeitachsen helfen zu verstehen
Durch die folgenden Seiten zieht sich mit Absicht eine Zeitachse. Erst das Wissen um geschichtliche Verfasstheit und Entwicklung bringt einen weiter, macht einen verständnisbereit und im besten Fall klüger. Ausgehend von den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere den 1960er-Jahren oder der sogenannten »68er-Bewegung« möchte ich immer mit Bezug auf die Alltagsgeschichte diese Jahrzehnte bis in die Gegenwart »durchtanzen« — wie anhand eines kleinen, dünnen, roten Entwicklungsfadens. Jene 1960er-Jahre habe ich selbst als junger Jugendlicher in einfachen Verhältnissen, wie man das gern beschönigend nennt, erlebt; ein Nachkriegskind also, wird der Leser denken. In jener Generation der Verwandten war ich das erste und einzige Kind, das studieren konnte. Üblicherweise werden solche Kinder entweder überangepasst und identifizieren sich mit dem früher als solchem nur unbewusst empfundenen Aggressor, zu dessen Milieu sie jetzt endlich zugehören (wollen).
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Oder sie werden nie im neuen Milieu heimisch und bleiben fremd. Die schmähliche Anpassung dürfte mir erspart geblieben sein, jedoch wirklich vertraut bleibt oder wird man dann nirgendwo mehr.
An keinem Ort ganz zugehörig, also als sozialer Grenzgänger, hat einer jedoch die Chance des kühlen und scharfen Blicks, wenn zumindest das ein kleiner Trost sein kann. Zurück bleibt das Wissen einer nachhaltigen Veränderung dieser Gesellschaft, jedoch auch die Enttäuschung, dass sich schlussendlich in der ganzen zivilisatorischen Struktur leider wenig Gehaltvolles verändert hat. Wirklich gewichtiger, substantieller sozialer Fortschritt war da nicht.
Vermutlich hat das ein Stück damit zu tun, wie Veränderungen heute in die Welt, genauer: in die Wahrnehmung der Menschen kommen. Der Risikotheoretiker Ulrich Beck hat das in seinem posthum erschienen Buch zur Metamorphose der Welt beschrieben.(1) Diese Veränderungen in der Welt gehen ungeplant und gewissermaßen still im Hintergrund vor sich, sie treffen jedoch, wenn sie dann einmal zutage treten, alle Menschen und lassen sich nicht mehr ungeschehen machen. Eine kleine Drehung am Kaleidoskop, ein Kippeffekt verändert das Bild, die Verhältnisse, stellt man dann erschrocken fest. Sind Atomkraft, Gentechnik oder biologische Kampfstoffe erst einmal in die Welt gebracht, dann bleiben sie dauerhaft im Spiel. Bitter, dass es so ist und alle gegenteiligen Träume längst ausgeträumt sind. Das ist nicht nur im Großen so, sondern auch im Kleinen. Bemerkt man Veränderungen an einem Partner nicht oder nimmt sie zu wenig ernst, lässt sich ein Unheil, eine gekippte Perspektive nicht mehr richten.
1 Ulrich Beck: Die Metamorphose der Welt. Suhrkamp, Berlin 2017.
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Alle diese Veränderungen im Großen haben wirtschaftliche, politische, nationale, geopolitische und militärische Ausgangspunkte und eben vor allem Geschäftsinteressen zugrunde liegen. Dem Raubbau im Amazonasgebiet, in Zentralafrika und Indonesien folgen Wirkungen in anderen Erdteilen. Völkerrechtlich dürften die Betroffenen, selbst wenn sie sehr rabiat wären, sich gar nicht einmal dagegen wehren, etwa Krieg gegen die Verursacher führen.
Die Reproduktionsmedizin ermöglicht reichen Paaren einen Kinderwunsch, schön für neue Geschäftsfelder in der Medizin und betroffene wohlhabende Paare, die gesellschaftlichen Folgen dürften dennoch erheblich und alles andere als menschenwürdig sein. Zeugung über den Tod hinaus, US-Sperma mit europäischem Ei kombiniert und von einer Inderin ausgetragen, um gewünschte blonde Haare und blaue Augen und ausgewähltes Geschlecht zu erhalten, scheint mit dem Fortschritt und der Entwicklung der Technik möglich zu werden. Kaleidoskopartig entwickeln sich neue Verhältnisse, die dann, plötzlich, zu ganz anderen Bildern und Zuständen führen, für die niemand mehr direkt und einzeln verantwortlich ist oder gemacht werden kann.
Die Sozialwissenschaften zerbröseln
Zudem haben die Sozialwissenschaften, die heute mittlerweile weitgehend aus Personen des linksliberalen und grünen Milieus bestehen, einen gnadenlosen ideologischen Blick, um hier eine unverdächtige selbst linksliberale Autorin zu zitieren, die sich bemüht, aus wissenschaftlicher Sauberkeit die Vorurteilsbrille beiseite zu lassen.(2)
2 Cornelia Koppetsch:
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Was ihr nicht ganz gelingt, aber Einsichten eröffnen könnte, denn die vielen Kolleginnen und Kollegen reproduzieren nicht nur ihre Ideologie, schlimmer noch, sie dienen sich ihrem akademischen Sub-«Establishment« als Zugehörigkeitswillige an — zwei Todsünden der Sozialwissenschaften als gängige Praxis gewissermaßen. Was letztlich heißt, vieles was in diesem Bereich als vorgebliches Wissen produziert und verlautbart wird, ist oft nichts anderes als ideologischer Müll.
Wie im vorvorletzten Absatz hinreichend klar geworden sein dürfte, war ich seit meiner Jugend mit der Gesellschaft, in der ich lebe, eher unzufrieden, trotz des möglichen sozialen Aufstiegs. Zivilisiert, wenn auch eher ärmlich aufgewachsen, hat mich weder unverhohlene Anpassung noch Anomie erfasst und mich dann zwangsneurotisch, hysterisch, unleidlich, kriminell oder zum Terroristen werden lassen. Sondern die indirekte Sublimationsleistung der Zivilisation, diese mächtige und doch gewaltsame friedensstiftende Kraft, hat mich dazu gebracht, das Interesse der Frage zuzuwenden, warum denn diese Gesellschaft (genauer: diese Gesellschaften der Welt) so unfreundlich, ungerecht, strukturell gewalttätig und für viele Menschen so mies ist.
Warum können Menschen nicht in Frieden miteinander leben, sei es im Kleinen, etwa in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz, oder im Großen? Warum gibt es charakterlich gute und viel zu oft charakterlich schlechte, gehässige Menschen? Unterschiedliche gesellschaftliche Systeme haben daran übrigens nichts geändert, überall ließen sich viel zu viele miese Charaktere finden. Der Einzelne wird sich damit abfinden, aber ebenso gewappnet und wehrhaft bleiben müssen, sonst geht er unter.
Zurück zu ihr: die Zivilisation ist befriedend für das soziale Leben, aber in hohem Maß gewaltsam gegenüber dem Einzelnen; sie formt, prägt, unterwirft ihn, es, das Individuum. Wer dagegen mit der Waffe in der Hand vorgeht, wird erschossen, nur schriftlich ist Widerstand möglich (solange es noch Meinungsfreiheit gibt).
Sigmund Freud ist in seinem kleinen Buch »Das Unbehagen in der Kultur« vor rund 90 Jahren dieser Frage nachgegangen und seine Einsichten sind bis heute spannend geblieben. Dort, wo die Psychoanalyse gesellschaftstheoretisch wurde, scheint sie bis heute gute Einsichten vermitteln zu können.
Die folgenden dreizehn Kapitel wollen zuerst den alten Lesern die Vergangenheit zurückbringen und den Jungen ein hochinteressantes Stück Zeitgeschichte, voll von aktiven und passiven Widerständen, neuen revolutionären Ideen, anderen Denkungsarten zugänglich machen. Wenn hier von zwei großen bzw. vier kleineren Milieus die Rede ist, die sich unversöhnlich gegenüberstehen, dann sind das letztlich wohl nur ein paar kleine Kaleidoskopdrehungen in Ulrich Becks Metamorphose der Welt, wo plötzlich dann auf einmal alles samt und sonders anders aussieht und in ein paar Jahren noch einmal ganz anders aussehen kann. Den vergangenen Drehungen des Kaleidoskops seit ein paar Jahrzehnten soll nachgespürt werden.
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