Kilian Jörg

Das Auto
und die
ökologische
Katastrophe

Utopische Auswege aus der
autodestruktiven Vernunft

2024  
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2024

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wikipedia Autor *1990 in Wien

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Kaum etwas prägt die moderne Konsumgesellschaft so sehr wie das Automobil – Grund genug, unsere toxische Liebesbeziehung zu ihm zu analysieren und Auswege aus der planetaren Autodestruktion aufzuzeigen. Jenseits von Klimabilanzen und moralischen Vorwürfen unternimmt Kilian Jörg eine letzte Spritztour durch einbetonierte Vorstellungen von »Freiheit«, »Normalität«, »Vernunft« und »Natur«, die den Ökozid als alternativlos erscheinen lassen. Mithilfe von Beyoncé, Lynch und Le Guin begibt er sich auf eine Achterbahnfahrt durch Popkultur, faschistische Männlichkeit, Erdöl, Nationalparks, aktivistische Landbesetzungen und die Tugenden der Autofetischist*innen, um zu einer Utopie autofreier Welten aufzurufen.

 

 PDF   2025

  Die-grosse-Auto-Luege-Wie-wir-uns-selbst-in-die-Katastrophe-fahren   TP Interview Autor

 

Autos töten jedes Jahr mehr Menschen als Kriege. Trotzdem wird die Maschine kaum hinterfragt. Warum sind wir blind für Ihre Zerstörungskraft? Beginnen wir aktuell: Autos wurden in den vergangenen Wochen mehrfach als Terrorwaffen eingesetzt. In Magdeburg, New Orleans, Las Vegas und nun wieder in München. Der Gründer des IS, Abu Mohammad al-Adnani, empfahl 2014, Ungläubige mit dem Auto zu überfahren, aber dies wird ebenso von Rechtsextremisten praktiziert. Insbesondere die Terrorziele der jüngsten Anschläge sind sehr nebulös. Müsste die Bedeutung des Autos bei diesen Terroranschlägen reflektiert werden?

Kilian Jörg: Die Frage ist, warum diese tödliche Bedeutung nicht reflektiert wird. Als nach dem 11. September eine Zeit lang Flugzeuge oftmals als Terrorwaffen eingesetzt wurde, gab es ja schließlich auch eine gigantische Debatte um die Verschärfungen der Sicherheitsbestimmungen am Flughafen. - Das Auto scheint man aber nicht in seiner Tödlichkeit diskutieren zu können. Dies ist übrigens ein alter Hut, der in der Verkehrswissenschaft schon lange diskutiert wird. Die globale Anzahl an Verkehrstoten pro Jahr übersteigt jedes Jahr weit die der Anzahl von Kriegsopfern oder jenen, die an den bekanntesten Krankheiten wie HIV oder Covid versterben. - In meinem Buch habe ich ein paar interessante Zahlen ausgegraben: Die Anzahl der Todesopfer aller US-amerikanischen Kriege seit der Unabhängigkeitserklärung 1776 umfasst nur ein Drittel der Todesopfer im Autoverkehr zwischen 1913 und 1976. Und da waren zwei Weltkriege, der Vietnamkrieg und noch zig andere Kriege im Spiel! - Dass das Auto heute bewusst als Terrorwaffe eingesetzt wird, spitzt diese Tendenz noch zu. Denn nicht mal in diesen Extremfällen kommt auch nur der Keim einer öffentlichen Diskussion auf, den Zugang von Autos zu Orten, wo sich Menschen sammeln, zu beschränken. Zwar debattiert man lautstark über Islam, Hautfarbe, Integration und andere rassistische Ansichten. Doch die Maschine, die an sich den Hass derjenigen Person tödlich gemacht hat, bespricht man kaum. - Dies ist meines Erachtens die extreme Äußerung eines "blinden Fleckes", den unsere Gesellschaft allgemein gegenüber dem Auto als Zerstörungsmaschine hat. Wir beachten nicht die vielen Verkehrsopfer, geschweige denn die massiven Umweltschäden von Automobilismus – und noch nicht einmal diskutieren wir die massivere Reglementierung von Autos, wenn sie direkt als Mordwaffen eingesetzt werden!

 

Vermutlich käme jetzt das Gegenargument, wir können auch nicht die Messer verbieten, wenn – wie gerade erst im österreichischen Villach – ein Messerattentat verübt wird. Dort hat übrigens ein Syrer mit seinem Auto den Täter angefahren und so weitere Messeropfer verhindert.

Kilian Jörg: Tatsächlich gibt es aber, neben intentionalen Einsätzen, sehr wenige tödliche Unfälle mit Messern. Bei Autos ist das ja genau umgekehrt, denn da sind Todesopfer von Terroranschlägen die Ausnahme. Das Automobil macht die Todesgefahr zu etwas Alltäglichem in unseren Lebensräumen. Mich interessiert in meinem Buch, was das mit unserem modernen Selbstverständnis macht, dass wir diese immense Todesgefahr so sehr wegrationalisieren, dass sie kaum mehr vernünftigerweise bedacht werden kann. - Ich glaube tatsächlich, dass dies viel Auskunft darüber geben kann, warum wir unser ökologisch katastrophales Umweltverhältnis nicht wirklich reflektieren können: Wir müssen die Tödlichkeit unserer Maschinen unterdrücken, um als vernünftige Subjekte in unserer Gesellschaft angesehen zu werden!

 

Parallel dazu ist das am schnellsten wachsende Segment am Automarkt jenes von SUVs und großen Pick-up-Trucks, wie der F-Serie von Ford. Sollen große, militärisch wirkende Fahrzeuge Schutz vermitteln?

Kilian Jörg: Genau, das vernünftige Subjekt in dieser autodestruktiven Welt kann die maschinische Zerstörungsgewalt um sich nicht reflektieren – deswegen ist der einzig mögliche Ausweg der Konsum von immer nochmals größeren Autos, die nochmals tödlicher für den Außenraum sind. - Es gibt vermehrt Studien, die andeuten, dass der Kauf von SUVs und anderen "fetten Autos" nicht ein Symptom von Klimawandelleugnung ist, sondern eher als eine rationale Reaktion auf die Botschaft der Klimakatastrophe verstanden werden muss. - Wo früher der tiefergelegte Sportwagen das Statussymbol in automobiler Form war, ist es heute der hohe Pick-up oder SUV – denn damit vermittelt man sich und anderen, dass man selbst noch durch die kommenden Flutkatastrophen sicher durchkommt. Was natürlich eher im hollywoodesken Imaginär der Katastrophe zutrifft, als in der realen Welt, denn im überfluteten Ahrtal oder in den Bränden von LA ist es ziemlich egal, welches Auto man besitzt. - Der wichtige Punkt an dieser Beobachtung ist die Sicherheit: Die Welt wird auch von privilegierten Menschen, also jenen, die sich dicke Autos überhaupt leisten können, zunehmend als toxisch und gefährlich wahrgenommen. Was stimmt, wenn man sich die wissenschaftlichen Prognosen auch nur unbewusst zu Herzen nimmt. - Da in der Mainstream-Gesellschaft und Politik keine Ideen von kollektiven Sicherheitsformen breit diskutiert und damit fühlbar werden, verfällt man einigermaßen "rational" auf die individuellen Angebote von Sicherheit, die einem der konsumorientierte Desaster-Kapitalismus bereitstellt: das "sicherere" Auto, das selbstverständlich nur von innen her gesehen sicher ist – denn von außen, also für Passant*innen, ist es freilich viel lebensbedrohlicher. Der Bunker, das Imaginär der "Festung Europa" und dergleichen mehr gehört auch hierhin.

 

Warum ist eigentlich laut Ihrem Buch jeder Mensch ein Klimaleugner?

Kilian Jörg: Weil wir in Lebenswelten leben, die uns dazu zwingen, Umweltfaktoren zu ignorieren. Einfachstes Beispiel: Kaum jemand riecht Autos im Stadtzentrum – wenn man allerdings nach drei Stunden Wald wieder einem Auto begegnet, fällt uns dessen Geruch stark auf. - Es ist in der Geistesgeschichte des Abendlandes angelegt und wurde in der autogerechten Landschaftsgestaltung verwirklicht: Ohne die Unterdrückung der eigenen körperlichen Umweltsensibilität können wir keine "rationalen Subjekte" sein, wie sie die kapitalistische Ordnung benötigt, um zu funktionieren. Das stimmt im kleinen, persönlichen, wie im großen, globalen.

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