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Kaum etwas prägt die moderne
Konsumgesellschaft so sehr wie das Automobil – Grund genug, unsere toxische
Liebesbeziehung zu ihm zu analysieren und Auswege aus der planetaren
Autodestruktion aufzuzeigen. Jenseits von Klimabilanzen und moralischen
Vorwürfen unternimmt Kilian Jörg eine letzte Spritztour durch einbetonierte
Vorstellungen von »Freiheit«, »Normalität«, »Vernunft« und »Natur«, die den
Ökozid als alternativlos erscheinen lassen. Mithilfe von Beyoncé, Lynch und
Le Guin begibt er sich auf eine Achterbahnfahrt durch Popkultur,
faschistische Männlichkeit, Erdöl, Nationalparks, aktivistische
Landbesetzungen und die Tugenden der Autofetischist*innen, um zu einer
Utopie autofreier Welten aufzurufen.
PDF 2025
Die-grosse-Auto-Luege-Wie-wir-uns-selbst-in-die-Katastrophe-fahren
TP Interview Autor
Autos töten jedes Jahr mehr
Menschen als Kriege. Trotzdem wird die Maschine kaum hinterfragt. Warum sind
wir blind für Ihre Zerstörungskraft? Beginnen wir aktuell: Autos wurden in
den vergangenen Wochen mehrfach als Terrorwaffen eingesetzt. In Magdeburg,
New Orleans, Las Vegas und nun wieder in München. Der Gründer des IS, Abu
Mohammad al-Adnani, empfahl 2014, Ungläubige mit dem Auto zu überfahren,
aber dies wird ebenso von Rechtsextremisten praktiziert. Insbesondere die
Terrorziele der jüngsten Anschläge sind sehr nebulös. Müsste die Bedeutung
des Autos bei diesen Terroranschlägen reflektiert werden?
Kilian Jörg: Die
Frage ist, warum diese tödliche Bedeutung nicht reflektiert wird. Als
nach dem 11. September eine Zeit lang Flugzeuge oftmals als Terrorwaffen
eingesetzt wurde, gab es ja schließlich auch eine gigantische Debatte um
die Verschärfungen der Sicherheitsbestimmungen am Flughafen. - Das Auto
scheint man aber nicht in seiner Tödlichkeit diskutieren zu können. Dies
ist übrigens ein alter Hut, der in der Verkehrswissenschaft schon lange
diskutiert wird. Die globale Anzahl an Verkehrstoten pro Jahr übersteigt
jedes Jahr weit die der Anzahl von Kriegsopfern oder jenen, die an den
bekanntesten Krankheiten wie HIV oder Covid versterben. - In meinem Buch
habe ich ein paar interessante Zahlen ausgegraben: Die Anzahl der
Todesopfer aller US-amerikanischen Kriege seit der
Unabhängigkeitserklärung 1776 umfasst nur ein Drittel der Todesopfer im
Autoverkehr zwischen 1913 und 1976. Und da waren zwei Weltkriege, der
Vietnamkrieg und noch zig andere Kriege im Spiel! - Dass das Auto heute
bewusst als Terrorwaffe eingesetzt wird, spitzt diese Tendenz noch zu.
Denn nicht mal in diesen Extremfällen kommt auch nur der Keim einer
öffentlichen Diskussion auf, den Zugang von Autos zu Orten, wo sich
Menschen sammeln, zu beschränken. Zwar debattiert man lautstark über
Islam, Hautfarbe, Integration und andere rassistische Ansichten. Doch
die Maschine, die an sich den Hass derjenigen Person tödlich gemacht
hat, bespricht man kaum. - Dies ist meines Erachtens die extreme
Äußerung eines "blinden Fleckes", den unsere Gesellschaft allgemein
gegenüber dem Auto als Zerstörungsmaschine hat. Wir beachten nicht die
vielen Verkehrsopfer, geschweige denn die massiven Umweltschäden von
Automobilismus – und noch nicht einmal diskutieren wir die massivere
Reglementierung von Autos, wenn sie direkt als Mordwaffen eingesetzt
werden!
Vermutlich käme jetzt das
Gegenargument, wir können auch nicht die Messer verbieten, wenn – wie gerade
erst im österreichischen Villach – ein Messerattentat verübt wird. Dort hat
übrigens ein Syrer mit seinem Auto den Täter angefahren und so weitere
Messeropfer verhindert.
Kilian Jörg: Tatsächlich
gibt es aber, neben intentionalen Einsätzen, sehr wenige tödliche
Unfälle mit Messern. Bei Autos ist das ja genau umgekehrt, denn da sind
Todesopfer von Terroranschlägen die Ausnahme. Das Automobil macht die
Todesgefahr zu etwas Alltäglichem in unseren Lebensräumen. Mich
interessiert in meinem Buch, was das mit unserem modernen
Selbstverständnis macht, dass wir diese immense Todesgefahr so sehr
wegrationalisieren, dass sie kaum mehr vernünftigerweise bedacht werden
kann. - Ich glaube tatsächlich, dass dies viel Auskunft darüber geben
kann, warum wir unser ökologisch katastrophales Umweltverhältnis nicht
wirklich reflektieren können: Wir müssen die Tödlichkeit unserer
Maschinen unterdrücken, um als vernünftige Subjekte in unserer
Gesellschaft angesehen zu werden!
Parallel dazu ist das am
schnellsten wachsende Segment am Automarkt jenes von SUVs und großen
Pick-up-Trucks, wie der F-Serie von Ford. Sollen große, militärisch wirkende
Fahrzeuge Schutz vermitteln?
Kilian Jörg: Genau, das
vernünftige Subjekt in dieser autodestruktiven Welt kann die
maschinische Zerstörungsgewalt um sich nicht reflektieren – deswegen ist
der einzig mögliche Ausweg der Konsum von immer nochmals größeren Autos,
die nochmals tödlicher für den Außenraum sind. - Es gibt vermehrt
Studien, die andeuten, dass der Kauf von SUVs und anderen "fetten Autos"
nicht ein Symptom von Klimawandelleugnung ist, sondern eher als eine
rationale Reaktion auf die Botschaft der Klimakatastrophe verstanden
werden muss. - Wo früher der tiefergelegte Sportwagen das Statussymbol
in automobiler Form war, ist es heute der hohe Pick-up oder SUV – denn
damit vermittelt man sich und anderen, dass man selbst noch durch die
kommenden Flutkatastrophen sicher durchkommt. Was natürlich eher im
hollywoodesken Imaginär der Katastrophe zutrifft, als in der realen
Welt, denn im überfluteten Ahrtal oder in den Bränden von LA ist es
ziemlich egal, welches Auto man besitzt. - Der wichtige Punkt an dieser
Beobachtung ist die Sicherheit: Die Welt wird auch von privilegierten
Menschen, also jenen, die sich dicke Autos überhaupt leisten können,
zunehmend als toxisch und gefährlich wahrgenommen. Was stimmt, wenn man
sich die wissenschaftlichen Prognosen auch nur unbewusst zu Herzen
nimmt. - Da in der Mainstream-Gesellschaft und Politik keine Ideen von
kollektiven Sicherheitsformen breit diskutiert und damit fühlbar werden,
verfällt man einigermaßen "rational" auf die individuellen Angebote von
Sicherheit, die einem der konsumorientierte Desaster-Kapitalismus
bereitstellt: das "sicherere" Auto, das selbstverständlich nur von innen
her gesehen sicher ist – denn von außen, also für Passant*innen, ist es
freilich viel lebensbedrohlicher. Der Bunker, das Imaginär der "Festung
Europa" und dergleichen mehr gehört auch hierhin.
Warum ist eigentlich laut
Ihrem Buch jeder Mensch ein Klimaleugner?
Kilian Jörg: Weil wir in
Lebenswelten leben, die uns dazu zwingen, Umweltfaktoren zu ignorieren.
Einfachstes Beispiel: Kaum jemand riecht Autos im Stadtzentrum – wenn
man allerdings nach drei Stunden Wald wieder einem Auto begegnet, fällt
uns dessen Geruch stark auf. - Es ist in der Geistesgeschichte des
Abendlandes angelegt und wurde in der autogerechten
Landschaftsgestaltung verwirklicht: Ohne die Unterdrückung der eigenen
körperlichen Umweltsensibilität können wir keine "rationalen Subjekte"
sein, wie sie die kapitalistische Ordnung benötigt, um zu funktionieren.
Das stimmt im kleinen, persönlichen, wie im großen, globalen.
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