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19  Primärtherapie:

 Zwanzig Jahre später - Die Schlussfolgerungen  

     Janov 1991

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Die Primärtherapie ist eine Revolution in der Psychotherapie. Sie ist das Ende der fünfzigminütigen Sitzung und das Ende der endlosen Therapie mit zwei oder mehr wöchentlichen Besuchen bei einem Therapeuten über viele Jahre. Sie ist ein neues Konzept der Gruppen­therapie, bei dem die Konfrontation nur ein Nebenprodukt ist und jedes Individuum in seine eigene Geschichte eintaucht, trotz der Tatsache, daß es von anderen umgeben ist. Sie gibt den Patienten ihr Selbst­bestimmungsrecht und das Recht zurück, selbst Entdeckungen über sich zu machen. Sie gibt die Macht dahin zurück, wohin sie gehört, in die Hände des Patienten. Sie bedeutet, daß Gefühle diktieren, wie lange eine Sitzung dauert, und nicht irgendein willkürlicher Zeitplan.

Die Primärtherapie ist auch revolutionär, weil sie sich auf Ursachen und Quellen und nicht auf Manifestationen konzentriert. In einem Zeitalter der Oberflächlichkeit, in dem Erscheinungen alles sind, ist das fast Häresie. Auf die Quellen kann man sich nur konzentrieren, wenn:

1. man an frühen Schmerz als Ursache der Neurose glaubt;
2. man eingeprägte Erinnerung anerkennt;
3. man Zugang zu tieferen Bewußtseinsebenen hat.

Wenn man nicht glaubt, daß diese Annahmen axiomatisch für die conditio humana sind, trotz überwältigender Nachweise des Gegenteils, ist man natürlich gezwungen, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren.

   Empirische Nachweise  

Unser Forschungsansatz ist einzigartig. Zum erstenmal haben Forscher systematische empirische Unter­suchungen über die an der Neurose beteiligten biologischen Prozesse angestellt. Die Lösung des Schmerzes verändert die Persönlichkeit. Sie verändert die Hirnfunktion, das elektrische Muskelpotential (Elektromyographie), die Blutzirkulation (unsere Infrarot-Photostudien), die Hormone (unsere Streßhormon­untersuchungen) sowie Blutdruck, Herzschlag und Körpertemperatur. Diese bei unseren Unter­suchungen festgestellten Veränderungen deuten darauf hin, daß die Neurose im ganzen System eingebettet ist.

Die Tatsache, daß der Alkoholiker nicht mehr trinkt, der Süchtige keine Drogen mehr nimmt, der Perverse schwört, auf seine Perversion zu verzichten, ist nicht notwendigerweise ein angemessener Index für Neurosefreiheit. Ich wiederhole diesen Punkt, weil es der häufigste Irrtum bei der Behandlung psycholog­ischer Probleme ist, sich auf solche Hinweise zu verlassen.

  Widerstand gegen die Vorstellung verborgenen Schmerzes  

Schmerz, aus welcher Quelle auch immer, ist meßbar. Wir können seine Kraft in unserem Labor demonstrieren. Erinnerung kann mit einer Elektrode im Gehirn aufgespürt werden. Sie ist mit Hypnose zu erreichen. Warum ist dann die Vorstellung versteckten Schmerzes so schwer zu akzeptieren? Warum wird sie so oft systematisch ignoriert? Weil der Schmerz in jedem von uns Verdrängung und Unbewußtheit hervorruft. Seine eigene Realität zu ignorieren bedeutet allgemeine Unbewußtheit.

Was für ein Dilemma! Wir stellen fest, daß wir über etwas reden, das Leute mit guter Abwehr weder sehen noch ansprechen können. Es ist, als unterhielte man sich über den Mars. Doch wenn der Schmerz, von dem wir reden, existiert, sollte er direkt in den Brennpunkt gestellt und nicht peripher als irgendein Nebenprodukt einer sogenannten Gefühlstherapie wie Gestalt oder Psychoanalyse behandelt werden. Ja, auch in anderen Therapien weinen die Leute. Sie sprechen auch über ihre Vergangenheit. Was sie nicht tun, ist das, was heilend wirkt — in geordneter Weise in die Vergangenheit hinabsteigen und sie so wieder­erleben, wie sie dem Nervensystem eingeprägt ist.

Es gibt auch Personen, die sogar in Gefühlstherapien gelegentlich Primärerlebnisse haben. Doch der Prozeß ist nicht systematisch, methodisch und geordnet. Es ist ein Vorgang von Versuch und Irrtum, und das ist gefährlich. Die Patienten beenden ein Gefühl nicht oder bleiben zu lange darin. Sie wissen nicht, wie und wann sie wieder herauskommen sollen.

  Der Anspruch der Primärtherapie  

Warum also behaupte ich, daß es nur eine wirksame Neurosentherapie gibt? Denke ich das überhaupt noch? Schließlich bin ich inzwischen zwanzig Jahre älter und hoffentlich auch weiser. Aber ich denke es noch immer, weil ich mich auf die Erfahrungen aus zwanzig Jahren und mit Tausenden von Patienten beziehen kann. Wie könnte es irgendeinen anderen Ansatz geben, wenn wir über eine wirksame Neurosentherapie sprechen? Wenn der Schmerz da ist, wenn er eingeprägt und dauerhaft ist, wenn er durch Wiedererleben gelöst werden kann, dann scheint es unausweichlich logisch, ihn zu verfolgen und vor allem unsere Therapie nicht mit anderen sogenannten holistischen Psycho­therapien im Namen einer »Besserung« zu vermischen. Die Realität kann man nicht verbessern. Sie wirkt, nicht nur weil sie logisch ist, sondern auch weil wir signifikante Veränderungen finden, wo immer wir nachschauen.

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   Patienten nach der Primärtherapie  

Wie sind Patienten nach der Primärtherapie? Vor etwa zwanzig Jahren schien es, als seien sie homogener als heute. Ich glaube, der Hauptunter­schied liegt in ihrem Wertsystem. Damals wie heute schätzen sie ihre Zeit, die Kostbarkeit des Lebens, Schönheit, die Umwelt und die Heiligkeit lebender Geschöpfe. Im großen und ganzen wissen sie, was sie wollen, und es versuchen es zu bekommen. Sie bleiben nicht in Situationen oder Beziehungen, die schlecht für ihre psychische Gesundheit sind. Sie wirken lebendiger, nachdem das Tote von ihren Gesichtern genommen wurde.

Was für eine Erleichterung, lieben und geliebt werden zu können, Wärme und Fürsorge akzeptieren zu können und nicht abwehren zu müssen, um das alte Gefühl der Ungeliebtheit fernzuhalten. 

Was für ein schönes Gefühl, nett zu sich selbst sein zu können, nicht zwanzig Stunden am Tag getrieben zu sein, Ferien machen zu können ohne nagende Sorge, an die Arbeit zurückkehren zu müssen. Welche Erleichterung, nicht mehr von Zwängen und repetitiven Gedanken geplagt zu werden, die alles Denken abblockten. Wie schön, daß die Sexualorgane endlich funktionieren, und zwar lustvoll. Wie entspannend, sich nicht jedermann beweisen zu müssen und sich nicht so verheerend minderwertig zu fühlen. Darum dreht es sich in der Therapie.

Schmerz ist nicht das letzte Ziel dieser Therapie. Wir sind weder Sadisten noch Masochisten. Der Schmerz wird angenommen, um weiterleben zu können. Er ist nie ein Zweck an sich. Nur steht der Schmerz der Lust im Wege. Für den Neurotiker ist Lust die erfolgreiche Betäubung von Schmerz. Für den Normalen ist sie ein reiner, globaler Zustand des Wohlfühlens.

Wenn wir von unseren Gefühlen abgetrennt sind, verlieren wir die Berührung mit der Bedeutung unserer Erfahrung. Da es die Bedeutung unserer frühen Erfahrungen war, die sie überwältigend machte, wurde die Verdrängung auf den Plan gerufen, um sie bedeutungslos zu machen. Dann verbrachten wir den Rest unseres Lebens mit der Suche nach Sinn. Fühlen heilt nicht nur, es gibt auch Sinn.

Die letzte Wahrheit über die Neurose liegt auf der Ebene der Erfahrung.

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Keine Anzahl statistischer Daten hilft Menschen zu verstehen, was Gefühle sind; Gefühle können nie in gedanklichen Begriffen verstanden werden. Je mehr man rationalisiert und Logik gebraucht, desto weniger versteht man von Gefühlen. Sie sind ein Universum für sich. Wer nicht fühlen kann, braucht Beweise, doch kein Beweis kann jemandem helfen, zu fühlen oder die Natur des Fühlens zu verstehen. Beweise sind eine »zivilisierte« Erfindung; Gefühle gingen dieser Fähigkeit um Millionen von Jahren voraus.

Im Unterschied zu anderen Krankheiten ist Neurose eine Krankheit der Person, nicht eines Organs. Sie ist die äußerste menschliche Krankheit. Deshalb ist sie so schwer zu finden. Sie ist überall und nirgends. Trotzdem hat sie eine stählerne Kraft und erzeugt einen explosiven Druck, der die Psyche zerbrechen und unsere Organe beschädigen kann — eine unsichtbare, ungreifbare Kraft, die ohne unser Wissen Verwüstungen anrichtet — und sogar noch geleugnet wird, wenn man darauf hinweist. Was für ein Dilemma! Die Neurose dringt heimlich in jeden Teil von uns ein und verkleidet sich dabei. Dann wird sie in eine spezifische Beschwerde kanalisiert, von der wir nun denken, diese sei die wirkliche Krankheit.

Als ich noch psychoanalytische Therapie praktizierte, lernte ich einige große Redner kennen, die meister­hafte Einsichten kundtaten — und sich nie wohlfühlten. »Noch mehr Einsichten«, dachten wir, weil wir nicht merkten, daß die Einsichten nur eine weitere Abwehr waren. Manchmal ging es Leuten mit ihren Einsichten besser, weil diese zu einer Schutzbarriere wurden. Doch das Begreifen einer Krankheit beseitigt diese noch nicht, ebensowenig wie eine zutreffende Diagnose von Bluthochdruck diesen beseitigt. Warum in aller Welt haben wir jemals gedacht, das könne auf dem Gebiet der Psyche funktionieren? Neurose wird nicht durch Mangel an Einsichten aufgebaut, und weitere Einsichten tragen nicht dazu bei, sie zu entfernen.

Sobald jeder Aspekt eines Gefühls einmal integriert ist, braucht er nie wieder gefühlt zu werden. Deshalb kann man nicht zurück­gehen und wieder neurotisch sein. Dazu müßte man all diese gefühlten Schmerzen wieder zurückbringen.

Wir alle müssen lernen, daß es keinen leichten Weg, keine Abkürzung zu psychischer Gesundheit gibt, nicht nach Jahrzehnten der Entbehrungen und Vernachlässigung. 

Wie könnte es anders sein? Kann jemand wirklich annehmen, es gäbe eine magische Lösung für jahrzehntelangen Schmerz — eine Lösung, die in wenigen Wochenenden oder vielleicht Monaten zu erreichen ist? Wie könnte es eine Lösung sein, zu der man durch ein Mantra kommt, durch Konzentration auf eine höhere Kraft, periodische Meditation, Tabletten etc.? Das ist einfach nicht möglich. Vitamine machen eine schwere Kindheit nicht ungeschehen. Sie lindern jedoch deren Auswirkungen.

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Es gibt keine Lebenshilfebücher, die lebenslänglichen Mangel an Zuwendung rückgängig machen, ganz gleich, was der Betreffende denkt, es sei denn, die Probleme eines Menschen seien mit einem schwerwiegenden Mangel an Wissen verbunden. Lebenshilfebücher können ernsthafte Neurosen nicht berühren.

Der einzige Ausweg ist derselbe Weg, auf dem die Neurose zustandegekommen ist: Schmerz und mehr Schmerz. Es gibt keinen schmerzlosen Weg aus dem Schmerz, so sehr wir alle uns das auch wünschen mögen. Diejenigen, die bereits leiden, spüren die Wahrheit verborgenen Schmerzes. Sie brauchen nur einen sicheren Ort, an den sie gehen können, um ihn zu fühlen.

Unsere Patienten betrachten die Therapie als unglaubliche Reise. Sie ist eine Entdeckungsreise. Alles, was der Patient lernen muß, liegt schon in ihm. Es muß nur entdeckt werden. Fühlen ist, als schlüge man das Buch seiner eigenen Geschichte auf. Wir werden Studenten unserer selbst. Dauert das an? Ja. 

Es dauert an, denn wenn man jemandem seine Tränen zurückgibt, stellt man eine natürliche Funktion wieder her. Tränen scheinen das ganze System wieder richtig auszurichten. Jeder, der einmal tüchtig geweint hat, weiß, wieviel besser er sich danach fühlt. Stellen Sie sich vor, das ganze Elend Ihres Lebens auszuweinen. Wir haben nach fünf Jahren Nachuntersuchungen durchgeführt, die anzeigen, daß der Therapieerfolg anhält. Die Patienten fühlen auch dann noch, wenn sie die Klinik schon lange verlassen haben, so daß die Therapie eigentlich weitergeht. Sie wird dann weniger zu einer Therapie als zu einem Lebensstil. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, auch die letzte Spur von Schmerz aus unseren Systemen zu entfernen.

   Bedürftigkeit als Quelle und Ursache  

Die Konzentration auf Bedürftigkeit ist grundlegend und immer progressiv, ob wir nun über eine Therapie oder ein sozio­ökonomisches System sprechen. Das Vermeiden von Bedürftigkeit führt unweigerlich zu reaktionären Systemen, seien sie psychisch oder sozial. Es führt zu kompen­satorischen Mechanismen, die den Mangel an Bedürfnis­befriedigung ausgleichen; im persönlichen Bereich geraten Organ­systeme durcheinander. Im gesellschaftlichen Bereich erhöht sich der Bedarf an psychiat­rischen Krankenhäusern und Gefängnissen.

Bei einer Untersuchung wurde kürzlich festgestellt, daß selbst unter Männern, die nicht abhängig waren, aber wegen anderer Verbrechen ins Gefängnis kamen, achtzig Prozent Drogen im Körper hatten. Sagt das nicht viel über den Zusammenhang zwischen Schmerz und Verbrechen aus?

Die Primärtherapie hat die Kraft, das Unbewußte aufzuschließen. Keine andere Therapie meint, es könne oder sollte aufgeschlossen werden. Die meisten denken in quasi-religiösen Begriffen, daß wir mit Dämonen vollgepackt sind, die man in Ruhe lassen sollte. Also rütteln sie nicht daran aus Angst, die Desintegration der Persön­lichkeit zu bewirken. Ich habe festgestellt, daß Desintegration nur auftritt, wenn ein zu starkes Gefühl provoziert wird. Wenn man in der Therapie sehr sorgfältig vorgeht, geschieht dies nicht, vor allem wenn wir dafür sorgen, daß jedes Gefühl hinterher eingehend diskutiert und auf das gegenwärtige Leben angewandt wird.

Wir haben festgestellt, daß das Unbewußte ein freundlicher Ort ist. Dort sind nur die Bedürfnisse und Schmerzen der Kindheit eingesperrt und versuchen bewußt zu werden. Wir haben ein Leben in Spannung zugebracht, weil wir diese Erinnerungen nicht ins Bewußtsein lassen konnten.

Bewußtsein ist die Heilung für die Neurose. Fühlen ist das Vehikel, das zu diesem Ziel führt. Sich der Gefühle bewußt zu sein ist das, was wir anstreben, nicht mehr und nicht weniger. Die Primärtherapie bietet einem Individuum einen Weg ins Unbewußte und damit auch einen Weg aus dem Unbewußten heraus. Die fühlende Psyche ist frei. Was kann irgendeine Therapie mehr leisten?

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Ende

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