Epilog Janov 1991
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Die meisten Kliniken, die heute Werbung machen, haben trotz ihrer Behauptungen keine Verbindung zu mir. Ich erkenne das große Bedürfnis nach therapeutischer Hilfe. Aus diesem Grunde habe ich mit einem Trainingszentrum begonnen. Meine Hoffnung ist, daß diese Individuen, die aus vielen Ländern der Welt kommen, bald werden praktizieren können, und bis zur Veröffentlichung dieses Buches werde ich vielleicht Absolventen empfehlen können. Wir treffen jetzt Vorkehrungen für ein ständiges Trainingsprogramm und hoffen, das Netz der Primärtherapie so weit wie möglich auszudehnen. Wir nehmen auch eine begrenzte Anzahl von Personen zu Trainingszwecken in die Therapie auf. Das erste Jahr dieses Trainings ist eine didaktische Primärtherapie.
Ich muß jedoch darauf hinweisen, daß ich die Gefühle nicht erfunden habe. Sie haben Jahrtausende hindurch existiert. Ich habe einen Weg gefunden, sie wieder zurückzuholen, wenn sie in den Untergrund verschwunden sind. Auch ohne formelle Therapie kann man vieles tun. Ein verständnisvoller und mitfühlender Freund ist zweifellos ein guter Anfang. Mit ihm oder ihr kann man sich fallenlassen, weinen, sogar schreien, selbst wenn der Freund nicht genau weiß, worum sich all das dreht. Einige vorherige Erklärungen wären hilfreich. Aber ein guter Freund wird nicht kritisch oder verurteilend sein. Er oder sie wird damit zufrieden sein, für Sie »dazusein«. Auch mit einem Freund nur über die eigenen Gefühle zu sprechen, ohne zu schreien oder aus der Tiefe zu weinen, ist ein wichtiger Schritt. Alles, was zum Ausdruck führt, ist günstig.
Es gibt Menschen, die keine verständnisvollen Freunde haben. Das schließt nicht aus, daß sie für sich allein weinen und schreien und wenigstens den Druck ablassen. Schließlich geht es uns um das Fühlen, und darauf gibt es kein Monopol. Die bestmögliche Alternative ist natürlich ein geschickter Therapeut. Aber davon gibt es nicht genug, deshalb müssen wir improvisieren.
Vor ein paar Jahren gründeten eine Reihe von Colleges »Schrei-Clubs«. Sie kamen alle zusammen und jammerten. Natürlich ist das keine Therapie, aber bei einigen diente es einem guten Zweck. Es brachte ihnen bei, alles herauszulassen und auszudrücken, statt zu verdrängen. Es gibt Menschen, die halten ihr Auto an, wenn sie sich schlecht fühlen, kurbeln die Fenster hoch und schreien.
Es ist nicht schlecht, wenn man sich einfach bewußt ist, daß es so etwas wie Gefühle gibt, und hoffentlich auch, welcher Art diese Gefühle sein könnten. Es gibt viele Menschen, die noch immer nicht begreifen, daß es Gefühle sind, die uns vorantreiben, anleiten, unsere Symptome, Alpträume und physischen Beschwerden verursachen.
Es gibt Leute, die besorgt sind, weil ich nicht genug Nachdruck auf Wertsysteme lege, nicht genug Gewicht auf den kognitiven oder spirituellen Aspekt. Meine Überzeugung ist, daß sich solche Wertsysteme direkt aus dem Fühlen herleiten, ohne als solche gelehrt werden zu müssen.
Eine Frau beispielsweise, die ihre Kindheitsbedürfnisse gefühlt hat, kann spüren, was ihr eigenes Kind braucht. Die Mutter braucht keine Liste von Werten, die sich um das Aufziehen von Kindern drehen. Sie braucht nicht zu lernen, ein weinendes Kind aufzuheben, ein Kind, das gefallen ist, zu halten und zu trösten. Sie braucht nicht zu lernen, daß es einen Wert hat, den Gefühlen eines Kindes zu lauschen, weil sie bereits das tiefe Bedürfnis gefühlt hat, angehört zu werden.
Ein Ehegatte braucht nichts über den Wert von Zärtlichkeit in einer Ehe zu lernen — etwas, das so absolut grundlegend ist. Ich leugne weder Werte noch Bewußtsein noch gewisse Ideologien. Was ich jedoch festgestellt habe, ist, daß sie eine logische Evolution jener zu sein scheinen, die fühlen. Deshalb rate ich aber nicht, sich wild umherziehenden, geistlosen und unachtsamen Figuren anzuschließen. Im Gegenteil, Werte zu lernen, ist verzweifelt notwendig für jene, die nicht fühlen, die kein Mitgefühl haben, die sich nicht einfühlen und auf natürliche Weise verstehen können. Zu viele von uns führen nicht nur ein Leben stiller Verzweiflung, sondern auch zerbrochener Träume und geheimer Kompromisse. Wir haben uns selbst kompromittiert, um durchs Leben zu kommen. Wir können dieses kompromittierte Selbst zurückgewinnen.
Was könnte spiritueller sein, als menschliches Leben und den menschlichen Geist zu schätzen? Für jene, die tief verdrängen, ist der Wert menschlichen Lebens nicht so evident. Kein fühlender Mensch könnte in einer besonderen Uniform Tausende von Meilen reisen, um einen Fremden zu töten, und zwar aufgrund einer Abstraktion wie etwa »Ehre«. Ebenso könnte ein Mensch, der seine eigene Natur tief gefühlt und deren Schönheit entdeckt hat, nicht die Natur um sich herum aus Profitgründen zerstören. Man braucht nicht gebildet zu sein, um die Natur zu respektieren; dieser Respekt wohnt dem Respekt vor der eigenen Natur inne.
Werte sind spätere Entwicklungen des zerebralen Kortex, die nur zu oft die Gefühle ersetzen. Die Gefühle waren zuerst da. Werte sind ihnen inhärent. Wir schützen das Leben und alles, was damit zu tun hat, es gut und anständig zu machen, weil wir das Leben in uns gespürt haben, und es ist wundervoll.
Primärtherapie ist nicht »Urschrei«-Therapie
Primärtherapie besteht nicht einfach darin, Leute schreien zu lassen. Das war der Titel eines Buches. Es war niemals eine »Urschrei-Therapie«. Wer das Buch gelesen hat, weiß, daß Schreien das ist, was manche Leute tun, wenn sie leiden. Andere schluchzen oder weinen einfach. Es war der Schmerz, hinter dem wir her waren, keine mechanischen Übungen wie das Schlagen gegen Wände und das Brüllen von »Mama«. Diese Therapie hat das, was eigentlich eine Kunstform war, in eine Wissenschaft verwandelt.
Es gibt viele hundert Ausübende, die etwas praktizieren, was sie Primärtherapie nennen, ohne einen Tag Ausbildung gemacht zu haben. Viele arglose Patienten sind schwer geschädigt worden, als sie dachten, sie erhielten die richtige Primärtherapie. Ich muß betonen, daß diese Therapie in ungeübten Händen gefährlich ist. Vergewissern Sie sich also vorher, indem Sie mit uns Kontakt aufnehmen.
Bei den vielen hundert Klinikern auf der Welt, die meinen Namen benutzen und fälschlich behaupten, von mir ausgebildet worden zu sein, habe ich nie gesehen, daß die Therapie korrekt praktiziert worden wäre. Wir verbringen etwa ein Drittel unserer Zeit damit, Patienten zu behandeln, die von Möchtegern-Primärtherapeuten kommen.
Jahrelang ging ein großer Teil unseres Budgets in die Forschung. Ich hoffte, andere klinische Zentren würden die Primärforschung fortsetzen, aber das war nicht der Fall.
Ich kann im Augenblick aufrichtig kein einziges Zentrum mehr empfehlen, das Primärtherapie praktiziert, da ich mit keinem mehr assoziiert bin. Ergänzt wurde das Problem dadurch, daß einige Therapeuten Bruchstücke von Training bei mir absolviert und dann eine Praxis eröffnet haben.
Ich möchte die Primärtherapie der Welt anbieten. In jeder Klinik, die wir irgendwo auf der Welt eingerichtet haben, wurden wir von Therapienachfragen überschwemmt. Die Therapie wirkt. Die Patienten wissen es. Und ich hoffe, das durch dieses Buch den leidenden Menschen bekanntzumachen.
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