17 Primärtherapie heute Janov 1991
353-367
Mir ist bewußt, daß die Techniken, die in der Primärtherapie verwendet werden, um Patienten zu Primärerlebnissen zu führen, in diesem Buch nicht näher erörtert wurden. Das hat zwei Gründe. Erstens wurde jede Erwähnung der Technik in meinen früheren Büchern von Scharlatanen zum Nachteil ihrer Patienten benutzt.
Zweitens wendet die Primärtherapie im Gegensatz zu holistischen, gefühlsbetonten, altruistischen Therapien eine präzise wissenschaftliche Methodologie an, deren korrekte Benutzung jahrelange Übung erfordert. Die verwendeten Techniken sind komplex. Ein weiteres Buch wäre erforderlich, um sie zu erklären. Ich glaube, sie ist die erste systematische wissenschaftliche Psychotherapie, die es gibt.
In diesem Kapitel möchte ich jedoch eine Reihe wichtiger Aspekte der Therapie diskutieren und einige der häufigsten Fehler benennen, die ungeübte Möchtegern-Praktiker machen.
Die Primärtherapie benutzt eine streng wissenschaftliche Methodologie
Diese Therapie ist wirksam, und das nicht wegen der guten, liberalen Absichten jener, die sie praktizieren. Sie wirkt, weil sie neben den Qualitäten menschlicher Wärme und Empathie, die zu ihrer korrekten Anwendung nötig sind, eine strenge und systematische Vorgehensweise ist, die zu vorhersagbaren und, was wichtiger ist, überprüfbaren Ergebnissen kommt. Im Laufe der Jahre ist sie immer präziser geworden.
Im großen und ganzen brauchen Menschen Hilfe, um in ihre Gefühle zu kommen, zumindest am Anfang. Dies liegt in erster Linie an dem Abwehrsystem, das wir alle mit uns herumtragen. Ebenso wichtig ist, daß die Reise in die Gefühle nicht durch einen bloßen Willensakt zu vollziehen ist. Tatsächlich verhindert ein bewußter, entschlossener Willensakt das Eintreten in die Gefühle, weil er die Verwendung des logischen, methodischen Gehirns durch den Patienten bedeutet; die Benutzung eines anderen Gehirns, wenn Sie so wollen. Je mehr man es versucht, desto weniger Erfolg hat man; dies ist eine der vielen teuflischen dialektischen Tatsachen, denen man in der Primärtherapie überall begegnet.
Der gesamte Aufbau unserer Therapie unterscheidet sich von anderen in den letzten hundert Jahren praktizierten Therapien. Unsere Vorgehensweise hat sich nicht verändert. Noch immer hat der Patient drei Wochen Individualtherapie, und zwar fast täglich. Dadurch soll das Abwehrsystem geöffnet werden. Dies geschieht auf zwei Arten, nämlich erstens durch Identifikation und Blockierung der Abwehr und zweitens, indem wir dem Patienten helfen, in ein Gefühl zu kommen, das die Abwehr aufschließt. Wir müssen daran denken, daß jedes intensive Gefühl sein eigenes Gegenstück hervorruft — die Abwehr gegen dieses Gefühl. Das Fühlen als solches bewirkt also viel bei der Demontage des Abwehrsystems. Selbst eine bestimmte Haltung, die ein Patient unmittelbar vor dem Hochkommen eines Gefühls einnimmt, kann eine wirksame Abwehr sein. Bei anderen kann dieselbe Haltung dazu beitragen, in ein Gefühl hineinzukommen. In jedem Falle sind wir nicht hinter den Abwehrmechanismen als solchen her, sondern hinter den Gefühlen, die ihnen zugrunde liegen.
Der Primärstil
In den ersten drei Wochen der Therapie lernt der Patient einen »Primärstil«, nämlich die Art, wie er oder sie typischerweise in ein Gefühl eintreten kann. Dieser ist von Person zu Person verschieden. Die Patienten lernen bald selbst, was sie tun müssen, um fühlen zu können.
Nach der dritten Woche tritt der Patient in eine Gruppe ein, in der er zusammen mit dreißig oder vierzig weiteren Patienten fühlt. Er kann sich so verhalten, als sei er allein. Einige Patienten brauchen mehr individuelle Behandlung; wir versuchen sie ihnen zu geben, während sie die Gruppe besuchen, gewöhnlich einmal in der Woche für sechs Monate bis ein Jahr. Nach sechs Monaten kommt eine weitere Woche Individualtherapie, in welcher der Patient wieder überwacht wird, um zu bestimmen, wo er steht, in welchen Gefühlen er steckt und wie gut er integriert. Einige Patienten fühlen sich zu diesem Zeitpunkt einem Zusammenbruch nahe, und die Gefühle strömen nur so hervor. In manchen Fällen werden Tranquilizer gegeben, um den Ansturm der Gefühle zu mildern und ihre Integration zu erleichtern. Das Ziel ist nicht, den Patienten dauerhaft unter Medikamente zu setzen, sondern das Bedürfnis nach Medikamenten zu beseitigen.
Während der Sitzungen geschieht eines von zwei Dingen. Manchmal ist der Person vorher etwas zugestoßen, beispielsweise eine mißglückte Beziehung, von der sie zu sprechen beginnt, bis das tiefe Gefühl erscheint. Dann kann der Patient in dieses alte Gefühl eintauchen und es für eine Stunde oder so spüren. Zu anderen Zeiten ist der Patient mehr fragmentiert und kommt ganz ängstlich und ohne gegenwärtigen Brennpunkt herein und gerät gleich in ein altes Gefühl.
354
Er fällt sofort in dieses Gefühl, weil er ständig von Gefühlen überschwemmt wird. Der Prä-Psychotiker ist eben deshalb so, weil er in all den Jahren zwischen dem sehr frühen Trauma und dem Erwachsenenalter niemals eine angemessene Abwehr entwickelt hat. So kommt es, daß ein gestörter Patient sofort Ereignisse wiedererlebt, die er im Alter von sechs Monaten oder einem Jahr durchlebte.
In ein Gefühl fallen
Mir ist klar, daß der Ausdruck »in ein Gefühl fallen« für Menschen, die nicht in Primärtherapie sind, nicht viel bedeutet. Im allgemeinen spricht ein Patient vielleicht zehn bis zwanzig Minuten, bis er eine »primäre Aussage« macht, etwa: »Mein Großvater war der einzige anständige Mensch in meinem Leben« oder »Mein Hund war mein einziger Freund« oder »Meine Freundin macht mich verrückt, wenn sie sich weigert, mir zu helfen.«
Es gibt Tausende solcher primärer Aussagen. Oft werden sie vom Beginn eines Gefühls begleitet. Vielleicht kommt es zu einer Anspannung des Magens, einem Zittern in der Stimme, einer Träne oder einem Verkrampfen der Hände. All dies sind vielsagende Zeichen eines herannahenden Gefühls.
Wenn dies geschieht, wird der Therapeut den Patienten beruhigen und sich auf das Gefühl konzentrieren. Wenn Zeichen von Abwehr auftreten, versuchen wir sie zu beseitigen. Wenn der Patient weiter über das Gefühl spricht, sagen wir vielleicht: »Sie überfahren das Gefühl. Es ist da. Was ist es?« Unweigerlich antwortet der Patient dann: »Ich weiß nicht.« Doch er hält inne und läßt seinem Körper den Vortritt. Das Gefühl steigt an, und an einem bestimmten Punkt fordern wir ihn auf, es auszusprechen wie ein Kind oder mit seinem Hund zu reden. Dann sagt er vielleicht: »Heidi, du warst mein einziger Freund«, und er weint und weint, zuerst über den Hund, dann über all die Entbehrungen und den Mangel an Wärme, die ihn dazu trieben, bei dem Hund Trost zu suchen. Das abschließende Gefühl könnte sein: »Halte mich, Mama, berühre mich!« Dort liegt die Qual, weil die Bedürftigkeit immer Schmerz bedeutet. Natürlich ist das eine starke Vereinfachung dessen, was in einer Primärsitzung geschieht. Die Abwehrmechanismen sind oft höchst subtil.
355
Das Weinen muß stattfinden
Wenn ein Kind beim Begräbnis seines Vaters nicht weinte, entweder weil es der »tapfere Soldat« war oder weil es nicht mitgehen durfte, dann sind alle diese Tränen noch da und müssen heraus. Wenn der Patient sich in die Szene zurückversetzt hat, wenn er den Friedhof, den Sarg und alle Freunde sieht, dann beginnt er zu schluchzen, und die Tränen fließen. Wenn er seinem Vater endlich Adieu sagen kann, windet er sich vor Qual. Er hat das nie zuvor gesagt, und vielleicht beginnt er zu schreien: »Komm zurück, Papa. Ich brauche dich.« Die Einsichten, die er nach der Sitzung hat, drehen sich vielleicht um die Art, wie er versuchte seinen Vater zurückzuholen, indem er sich unter den Männern einen Vater suchte, mit denen er zu tun hatte, oder dazu seinen Chef oder Lehrer wählte.
Nur zu oft wird mit Kindern niemals über den Tod eines geliebten Menschen gesprochen. Man gibt dem Kind eine Phantasie, etwa »Papa ist jetzt im Himmel«, aber es darf nie weinen oder seinen Verlust herausschreien. Diese Schreie sind noch immer da; sie sitzen in seinem angespannten Bauch oder in den Knoten in seinem Magen. Viel Spannung ist notwendig, um solche Bedürfnisse abzublocken.
Um die Bedürftigkeit wieder zu fühlen, muß man es riskieren, den Schmerz der Entbehrung zu fühlen, denn die Bitte um Liebe bedeutet, daß man fühlt, sie nicht zu bekommen. Viele unserer Patienten sagen, wenn sie aufgefordert werden, nach ihrer Mutter zu rufen: »Was soll das? Sie ist unfähig zu Zuneigung.« Sie werden ermutigt, es dennoch zu versuchen, und dann kommt der Schmerz. Es ist einfacher, die Sache zu vergessen und so zu tun, als habe man keine Bedürfnisse. Aber der Körper kann nicht vergessen. Er reibt sich auf, um die Erinnerung zu vertreiben. Doch Bedürftigkeit kann genausowenig ausgelöscht werden wie irgendein Organ.
Eingliedern des Gefühls in das gegenwärtige Leben
Nachdem das Gefühl gefühlt wurde, setzen sich die Patienten auf und diskutieren das Gefühl und ihre Einsichten und die Art und Weise, wie es ihr Verhalten bestimmt hat. Sie besprechen auch ihr gegenwärtiges Leben und die Art, wie das Gefühl dort hineinpaßt. Dies kann ebensoviel Zeit erfordern wie das Fühlen selbst. Es ist eine Zeit der Integration des Gefühls und eine Gelegenheit, laufende Probleme zu diskutieren. Doch man darf nicht vergessen, daß eine Neurose nicht aus laufenden Problemen besteht. Die Probleme existieren wegen dieser Neurose. Unsere Aufgabe ist es, alte Gefühle aus dem Weg zu räumen. Dann kann der Mensch das bewältigen, was in der Gegenwart vor sich geht. Es ist ihm kein Rätsel mehr.
356
Die Frau, die vergangene Bedürfnisse fühlen kann, leidet nicht mehr unter Fehlwahrnehmung, Projektion und Symbolisation. Sie verlangt nicht mehr zuviel von ihrem Mann, weil sie einen Vater möchte, der alles für sie tut. Sie hat dieses Bedürfnis gefühlt und kennt den Unterschied zwischen ihm und realen, gegenwärtigen Bedürfnissen. Sie trennt die Vergangenheit von der Gegenwart; das ist es, was die Periode der Diskussion, der Teil der Therapie, der nach dem Fühlen kommt, bewirkt.
Das gleiche gilt für Gruppen. Die Hälfte der Gruppenzeit wird in der Nachbesprechung verbracht, wo die Patienten über ihre Gefühle und Einsichten berichten, mit anderen Patienten und den Therapeuten konfrontiert sind, Fragen stellen und versuchen von anderen Informationen zu bekommen. Patienten lernen voneinander, von ihrem Ausagieren und von Gefühlen, die halfen, Probleme zu überwinden. Sie lernen aus ihren gegenseitigen Einsichten und Veränderungen. Sie lernen, wie die anderen ihre Partner, ihre Eltern und sich selbst behandeln. Sie machen Aussagen wie die folgenden:
»Ich konnte nie gut zu mir selbst sein.«
»Ich konnte mir nie selbst ein Geschenk kaufen.«
»Ich habe mein Leben lang das Gefühl gehabt, nichts zu verdienen.«
»Meine Eltern haben das verstärkt, indem sie mich behandelten, als sei ich im Weg und nicht der Mühe wert.«
»Ich habe nie Liebe bekommen, und natürlich hatte ich das Gefühl, daran sei ich selbst schuld.«
Andere Patienten können diese Aussagen übernehmen und sie verwenden, um ihren Zustand und das zu beschreiben, was ihre Minderwertigkeitsgefühle ihnen angetan haben.
Niemand moralisiert, niemand urteilt, und niemand versucht jemanden aufzuheitern und aus einem Gefühl herauszuholen. Es ist, was es ist. Doch diese Patienten sind buchstäblich miteinander durch eine psychologische Hölle gegangen. Darum sind sie untereinander äußerst tolerant. Sie warten geduldig, wenn jemand stockend versucht sich zu erklären. Ständig unterrichten wir Patienten über die Gründe für spezifische Techniken und darüber, wie sie sich selbst in Gefühle helfen können, damit nichts an der Therapie ihnen ein Rätsel ist. Sie werden in gewisser Weise zu Therapeuten geschult — ihren eigenen. Weil sie die Technik kennen, wie man in Gefühle kommt, helfen sie einander oft beim Fühlen in der Gruppe. Ein Patient sieht einen anderen kämpfen, geht hin, setzt sich zu ihm und versucht ihm zu helfen. Die Autorität der Gruppe ist dezentralisiert. Patienten lernen Unabhängigkeit nicht durch Ermahnung, sondern durch Erfahrung. Sie sitzen nicht vor den allwissenden Therapeuten, sondern wirken an ihrer eigenen Heilung mit.
Nach einem Jahr führen wir Nachfolgeinterviews mit Patienten durch, um ihren Fortschritt zu kontrollieren und sicher zu sein, daß ihre Therapie voranschreitet. Manchmal ist dann weitere Individualtherapie angezeigt. Wenn wir das nötige Personal haben, wird sie durchgeführt. Manchmal haben wir nicht genügend Therapeuten — eines unserer chronischen Probleme.
357
Primärtherapie ist systematisch
Vor allem anderen ist die Therapie systematisch. Ein Teil ihrer Vorhersagbarkeit liegt darin, daß dem, was Patienten durchleben, eine Ordnung innezuwohnen scheint. Die zeitliche Abfolge dieser Ordnung ist bei jedem Patienten anders. Manche kommen mit eisenharter Abwehr und beginnen mehrere Monate lang nicht zu fühlen. Andere fühlen vom ersten Tag an. Wichtig ist, daß jeder Patient individuell behandelt und sein Zeitplan nicht forciert wird.
Einige Patienten werden vergangene Gefühle benutzen, um sich nicht auf die Gegenwart zu konzentrieren. Sie beginnen mit Geburts-Primärerlebnissen, bis sie von Gefühlen vollkommen überschwemmt werden. Sie stellen keine Verbindung her und bleiben fragmentiert — eine höchst gefährliche Situation. Andere werden suizidal, was nicht selten vorkommt. Warum? Weil das Gefühl der Verzweiflung ein altes Gefühl ist, das Worten und Begriffen vorangeht. Wenn der Patient in dieses Gefühl zurückgeht, kann er Vergangenheit und Gegenwart nicht trennen. Alles scheint hoffnungslos.
Es ist entscheidend wichtig, daß der Therapeut weiß, daß der Patient ein präzises altes Verzweiflungsgefühl erlebt und woher dieses Gefühl kommt. Es signalisiert ein sehr reales aufsteigendes Gefühl. Sich in diesem Falle nur auf die Gegenwart zu konzentrieren wäre lebensgefährlich.
Ich erinnere mich an einen Patienten, der auf der Straße panische Angst hatte und sich vorstellte, dauernd sähen ihn »böse Augen« an. Er konnte Menschen nicht mehr in die Augen schauen. Zuvor waren bei ihm paranoide Tendenzen diagnostiziert worden. In der Primärsitzung ging er mit diesem Gefühl in die Vergangenheit zurück und sah mit eineinhalb Jahren aus seinem Kinderbett heraus die wütenden Augen seines Vaters. Er hörte zu weinen auf und empfand panische Angst. Er wußte nicht, was er falsch gemacht hatte. Er spürte die Wut seiner Eltern. Sie wollten ihn nicht mehr weinen hören. Das abwehrlose Kind empfand panische Angst, als er versuchte seine Bedürfnisse zu äußern. Infolgedessen blockte es diese Bedürfnisse bald ab.
Wir alle haben vergessen, wie wehrlos und hilflos wir damals waren und wie vollkommen abhängig von den Stimmungen unserer Eltern. Es brauchte nicht viele »böse Augen«, damit wir zu weinen aufhörten. Es brauchte nicht viele Tritte oder Schläge, damit wir den Versuch aufgaben, auf Mutters Schoß zu klettern. Man bezeichnet dies als Lernen nach einem Versuch, und es erfolgt bei allen Tieren, wenn die Strafe schwer genug und die Abhängigkeit total ist.
358
Es gibt verschiedene Arten, wie die Therapie schieflaufen kann, und das macht sie so schwierig. Es gibt Personen, die in der Gegenwart bleiben, was wir als dritte Linie bezeichnen, um den Eintritt in schmerzhafte Gefühle zu vermeiden. Dies muß als Abwehr erkannt werden, damit der Betreffende in ältere Gefühle zurückreisen kann. Dann gibt es Patienten, die sich nur auf Kindheitsgefühle konzentrieren und damit die Bewältigung der gegenwärtigen Realität abwehren. Es ist entscheidend wichtig, daß man erkennt, wann dies eine Abwehr ist und wann nicht. Ich mußte viele Monate mit der Ausbildung von Therapeuten zubringen, damit sie zwischen Fühlen und Abreagieren, zwischen verbundener und unverbundener Erfahrung unterscheiden lernten. Es gibt spezifische Kriterien, an denen man den Unterschied erkennt. Wenn man dem Patienten gestattet, ständig abzureagieren, lädt man Fragmentierung und Desintegration geradezu ein.
Fehler in der Primärtherapie
Wird die Primärtherapie nicht korrekt durchgeführt, kann der Patient tiefe unbewußte Schmerzen haben, die nicht erkannt werden. Der Therapeut befaßt sich dann mit dem gegenwärtigen Leben und den Problemen und läßt ein riesiges Reservoir an Schmerz unberührt. Oft tritt auch das Gegenteil ein: Der Therapeut ignoriert die Gegenwart und stößt den Patienten wieder und wieder in die Vergangenheit, auch wenn ernsthafte Probleme in der Gegenwart bestehen, die gelöst werden müssen. Jemand mit zuviel gegenwärtiger Qual kann sich kaum in die Vergangenheit begeben. Es hängt wirklich von der Geschicklichkeit des Therapeuten ab, worauf er sich mit dem Patienten konzentriert. Manchmal liegt die Quelle des Schmerzes auf der ersten Linie — Geburtstrauma oder Trauma im ersten Lebensjahr —, doch der Therapeut, von seinem eigenen frühen Schmerz abgetrennt, vermeidet dies automatisch und konzentriert sich auf spätere Ereignisse.
Einer der großen Fehler, die ein unerfahrener Therapeut begehen kann, besteht darin, mit dem Patienten zu reden und ihn mit zu vielen Diskussionen in der Gegenwart zu halten, wenn der Patient und seine Gefühle in der Vergangenheit sind. Der Patient kommt nie dorthin, wohin er kommen muß. Die Therapie wird dann zu einer verbalen Übung, während das Problem anderswo liegt. Schweigen ist wirklich Gold in der Primärtherapie; es gewährt dem Patienten Zeit, in ein Gefühl zu gleiten und sich von diesem Gefühl in die Vergangenheit tragen zu lassen.
359
Viele Therapeuten lasen Der Urschrei und beschlossen, die Therapie ohne weitere Ausbildung auszuprobieren. Meiner Meinung nach ist das so, als wollte man in der häuslichen Garage Herzoperationen vornehmen. Sie isolieren sogar die gestörtesten Patienten, halten sie wochenlang jedem sozialen Kontakt fern, und so kommt es, daß aus ihren Praxen etliche Psychotiker zu uns kommen. Sie übernehmen isolierte Techniken aus Der Urschrei, von denen in der heutigen Therapie fast keine mehr angewendet werden.
Tiefes Atmen beispielsweise wird selten verwendet, und wenn, dann nur unter besonderen Umständen. Dennoch lassen zahlreiche Scharlatane (ich bezeichne sie als »Möchtegern-Therapeuten«) ihre Patienten tief atmen. Sie lassen sie Übungen durchlaufen wie Schreien, nach ihrer Mutter rufen, auf Kissen Einschlagen etc. Sie lassen sie alles tun, nur nicht fühlen, weil sie ein Gefühl nicht erkennen, wenn sie eines sehen, und keine Ahnung haben, wie man einen Patienten in alte Gefühle führt. Sie verlassen sich auf mechanische Mittel. Oft sagen sie einem Patienten, worüber er weinen soll, was er herausschreien soll, geben ihm Schlaghölzer und sagen ihm, er solle damit an die Wand schlagen. Von den Patienten geht nichts aus. In fast allen Fällen reagieren sie nur ab, das Gegenteil von Heilung.
Wichtig ist die Verbindung zur Erinnerung. Das ist heilsam, nicht das Schlagen und Schreien selbst. Wenn man die Schritte des Fühlens ohne die Erinnerung vollzieht, handelt es sich buchstäblich um eine entvitalisierte Erfahrung.
Verwechseln von Abreaktion und Gefühl
Beim Abreagieren agiert ein Patient eine Erinnerung oder Emotion aus und tut buchstäblich so, als erlebe er etwas aus der Vergangenheit, statt wirklich das Aufsteigen des Gefühls zu erfahren. Dies ist nicht unbedingt Absicht, aber es ist nicht real.
Abreagieren sieht so dramatisch aus, daß es den Therapeuten irreführen kann, vor allem wenn der Patient sich hinterher besser fühlt, weil er Spannung abgeführt hat. Wir haben den Unterschied elektronisch gemessen und festgestellt, daß sich beim Fühlen die Vitalfunktionen einheitlich verändern (Puls, Blutdruck, Körpertemperatur); beim Abreagieren dagegen verändern sie sich erratisch und nicht phasengerecht. Die Bewegungen des Fühlens zu vollziehen oder vom Therapeuten angeleitete Übungen zu machen ist etwas ganz anderes als Fühlen, und es wirkt niemals lösend.
Beim Abreagieren kommt es zur Freisetzung von Gefühlsenergie ohne Verbindung. Es erfolgt ein abruptes und plötzliches Hineinspringen in die sogenannten Gefühle und kein langsamer Abstieg. Auch werden plötzlich die Bewußtseinsebenen gewechselt, und die Erfahrung hat etwas Unechtes.
360
Das liegt daran, daß der angemessene Kontakt fehlt. Es ist, als würde man weinen, um zu weinen, oder aus keinem ersichtlichen Grund schreien. Es ist erstaunlich, wie viele Möchtegern-Therapeuten zum Abreagieren einladen und das für Gefühl halten. Kennzeichen der Möchtegern-Therapie ist der absolute Mangel an frühem Kontext für alles, was in der therapeutischen Situation vor sich geht.
Es gibt deutliche, vielsagende pathognomonische Zeichen, die mit jeder Schmerzquelle einhergehen. Werden sie falsch gelesen, so bekommen Sie eine Entladung der Gefühlsenergie auf einer anderen als der richtigen Ebene. Patienten weinen über etwas, das mit acht Jahren geschah, aber sie husten oder keuchen oder bäumen sich auf, weil es zu etwas kommt, das ich als »Eindringen der ersten Linie« bezeichne. Es handelt sich um frühes Material, welches das Gefühl auf einer höheren Ebene durchbricht. So erhält man eine Mischung, aber diese Mischung läßt vorhersehen, wo der Patient steht und welchen Gefühlen er jetzt nahe ist. Diese pathognomischen Zeichen müssen aufmerksam beachtet werden. Wenn sie zu stark sind und Desintegration ankündigen, muß man sie eine Zeitlang vermeiden.
Einkehrtage und Primärtherapie
Ich erinnere mich, wie vor einigen Jahren ein Patient sagte: »Warum kommen wir immer zu Ihnen? (Fünfzig Prozent der Patienten kamen aus Europa.) Warum kommen Sie nicht zu uns?« Ich sagte: »Finden Sie einen Platz in Ihrem Land, und wir kommen.« Sie fanden Plätze, und so begann eine Tradition von Einkehrtagen. Alle sechs Monate fanden die Patienten einen Ort in einem anderen Land, und alle Patienten reisten zu einer Woche intensiver Gruppentherapie und individueller Nachfolgetherapie hin. Wir mieteten zum Beispiel ein Schweizer Chalet, ein französisches Kloster oder ein norwegisches Hotel. Das gesamte Team reiste dorthin, und die Intensität der Therapie war unvorstellbar. Ehen und lebenslange Freundschaften kamen bei diesen Einkehrwochen zustande, dazu noch die Chance, die Welt zu sehen und anderen Kulturen zu begegnen.
Es war immer eine Partnerschaft zwischen Patient und Therapeut. Die Patienten nahmen einfach ihre eigene Therapie in die Hand, organisierten Unterbringung, Ernährung, Ausflüge und dergleichen. Daß sie sich schlecht fühlten, bedeutete ja nicht, daß sie inkompetent gewesen wären. Gewöhnlich waren sie mehr als kompetent. Die Begegnungen mit den Menschen, die ich auf diesen Einkehrwochen traf (und die untereinander zehn bis fünfzehn Sprachen sprachen), gehören zu den besten meines Lebens. Ich würde diese Erfahrungen um keinen Preis missen wollen.
361
Die äußere Form dieser Einkehrwochen veränderte sich mit der Zeit etwas, aber im Grunde blieb es bei vier Gruppensitzungen wöchentlich plus Individualtherapie während des Tages. Ursprünglich beteiligten sich alle am Kochen und Saubermachen. Später wurde die Küche von der Schule, dem Kloster oder der jeweiligen Einrichtung übernommen. Das schlimmste Essen gab es im Kloster. Die Existenz war dort in jeder Hinsicht frugal, aber die Patienten machten immer das Beste daraus. Die Erfahrung selbst war zu wertvoll, um sich über geringfügige Details zu ärgern. Jeder von uns lernte persönlich etwas über andere Kulturen, Gebräuche, Vorlieben, Sprache, Tradition, Kleidung etc. Es war eine Lernerfahrung, die anders keiner von uns hätte machen können.
Bei all diesen Einkehrwochen und auch in der Klinik organisierten Patienten Talentshows. Sie fertigten auch Kostüme an, die ihre Kultur oder ihre Gefühle zum Ausdruck brachten. Wir hatten Bands, Jazzsänger und Rockstars. Welches Wunder, einen unserer schwersten Depressiven in einer dieser Shows als Komiker zu sehen, die großartige Dichtung von Menschen der Arbeiterklasse zu hören, die nie zuvor so etwas versucht hatten, oder die Kunstwerke von Menschen zu sehen, die auch den Künstler in sich entdeckten, nachdem sie ihr reales Selbst entdeckt hatten. Es spielte keine Rolle, wenn der Sänger zusammenbrach und weinte oder der Komiker von Zeit zu Zeit die Tränen nicht zurückhalten konnte, das Publikum der Patienten war immer freundlich, geduldig und verständnisvoll.
Dies war nicht wie die sogenannten Encounter-Gruppen, die ich früher besuchte (und abhielt), mit den unechten Umarmungen und Küssen, die sogenannte »liebevolle« Menschen einander gaben. Was sich bei diesen Einkehrwochen unter den Patienten abspielte, war etwas unbeschreiblich Reales. Vor allem gab es keine Scham über Gefühle. Wir waren alle zusammen daran beteiligt, und das meine ich wörtlich, da auch die Therapeuten vor den Patienten ihre Gefühle erlebten.
Therapeuten
Einer der Gründe, warum es an Therapeuten mangelt, ist das Ausbrennen. Es ist einfach nicht menschenmöglich, für alle Zeit tagaus, tagein mit Schmerz umzugehen. Deshalb ist die Ausbildung so wesentlich. Dennoch ist sie das schwierigste Problem, da alle Therapeuten zuerst Patienten sein müssen. Sie müssen sich der Therapie unterziehen, um ihre eigenen Gefühle zu kennen und die Therapie aus der Sicht des Patienten kennenzulernen. Ich kann mir nicht vorstellen, diese Therapie durchzuführen, ohne sie vorher selbst durchgemacht zu haben, gefolgt von mindestens zwei bis drei Jahren Training.
362
Dieses Training hat nichts mit der psychoanalytischen Ausbildung zu tun, die ich durchlief und die im wesentlichen intellektuell war. Hier sind es die Gefühle, die zählen. Sie können nicht beschleunigt oder oberflächlich dargeboten werden. Ein Therapeut würde den Unterschied zwischen Katharsis und Fühlen niemals erkennen, wenn er sich nicht der Therapie unterzogen hätte.
Einzigartige Aspekte der Primärtherapie
Nachdem ich ein Leben lang in den Wartezimmern von Ärzten gewartet habe, entschied ich, in meinem würde kein Patient warten. Und keiner wartet. Jeder Patient wird zur vereinbarten Zeit angenommen. Dafür habe ich gesorgt, weil das eine der vielen Arten ist, auf die man seinen Respekt vor dem Patienten zeigen kann. Eine weitere ist es, die Zeit der Sitzungen nicht zu begrenzen. Patienten bleiben, bis es angemessen ist zu gehen. Ihre Gefühle diktieren, wie lange sie bleiben, nicht irgendein künstlicher Stundenplan, der auf der Notwendigkeit beruht, daß der Therapeut pro Tag eine bestimmte Anzahl Patienten sieht. Ich könnte mir nicht vorstellen, eine Sitzung abzubrechen, wenn der Patient weint.
Selbst die Struktur der Primärtherapie bietet sich zum Fühlen an — ein verdunkelter Raum, gepolsterter Boden und Wände, Schallisolierung, keine Angst vor Schreien. Vergleichen Sie das mit dem hellerleuchteten Sprechzimmer des Therapeuten mit seinem antiken Schreibtisch und den übrigen Möbeln. Wir wissen schon, in welcher Umgebung Patienten fühlen können.
Als ich als Primärtherapeut zu arbeiten begann, hatte ich auch diese Antiquitäten. Doch nach sechs Wochen Primärtherapie waren sie alle zu Bruch gegangen. Ich lernte etwas langsam, aber ich lernte. Danach sparte ich an Möbeln. Es ist nicht leicht für den normalen Therapeuten, seinen Anzug abzulegen und sich mit den Patienten auf dem Boden zu rollen. Jedenfalls ist das ein bißchen unordentlich. Gefühle sind nicht sauber und geordnet, und sie hören nicht nach fünfzig Minuten auf. Sie werden ungebärdig, und die Wut eines Patienten kann wild werden.
Ich erinnere mich, als mein Zentrum noch Wände hatte. Binnen eines Monats waren alle durchlöchert. Ich hatte nie zuvor die entfesselten Furien gesehen, trotz der Tatsache, daß ich siebzehn Jahre lang psychoanalytische Therapie praktizierte. Diese Furien müssen verstanden werden. Werden sie verstanden und gut gehandhabt, besteht nie irgendeine Gefahr für den Therapeuten. Werden sie das nicht, kommt es zu Mord. Ja, ein Möchtegern-Therapeut wurde von einem Patienten totgeschlagen. Die Primärtherapie ist nicht einfach eine weitere holistische Therapie. Neurose ist eine todernste Angelegenheit.
363
Eines der Hauptprobleme bei der Primärtherapie besteht darin, daß es oft unmöglich ist, einen Patienten dahin zu bringen, wo der Therapeut nicht selbst gewesen ist. Deshalb bekritteln Außenseiter die Wichtigkeit des Wiedererlebens der Geburt; sie haben die äußerste Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nicht erlebt; sie können einem Patienten vielleicht helfen, einen Teil der Hoffnungslosigkeit auf einer späteren Kindheitsebene zu fühlen, aber sie können den Patienten nicht tief, tief ins Unbewußte führen. Dann entscheiden sie, dies sei nicht nötig. Oder, noch schlimmer, es sei lächerlich.
Es gibt im Lande »Psychoevangelisten«, die buchstäblich ganze Kapitel (samt Grafik und allem) aus meinem Buch entlehnt haben und im Fernsehen auftraten und ganze Auditorien zum Fühlen brachten — ein höchst gefährliches Unternehmen, aber dramatisch. Ich habe Videos ihrer Sitzungen gesehen, bei denen sie dem Patienten sagen, was er sagen und zu wem er es sagen soll. Die Individuen vollziehen die Schritte der Gesundung, aber sie werden schließlich einen hohen Preis dafür bezahlen; wie wir erfuhren, sind mehr und mehr Kliniken gezwungen, den »Fallout« des unethischen Verhaltens dieser Therapeuten aufzunehmen.
Die Primärtherapie ist eine langsame, methodische, neurophysiologisch validierte Therapie und kein Gesellschaftsspiel. Das Wiedererleben hat eine Reihenfolge, in die man nicht eingreifen darf. Es gibt keine besonderen Techniken wie Atemübungen, die einen geordneten Abstieg bewirken. Das Problem ist, daß der Patient den Unterschied erst bemerkt, wenn es zu spät ist. Dann dauert es viel länger, wenn man versucht, diese Menschen wieder zusammenzusetzen.
Schmerz und Therapie
Wenn eingeprägter Schmerz, etwas, das wir in Jahrzehnten bei jedem einzelnen Neurotiker gesehen haben, nicht erkannt oder zur Kenntnis genommen wird, folgt daraus, daß der Patient unter Ausschluß seiner Vergangenheit im Hier und Jetzt festgehalten werden kann. Patienten, die mit einer Therapie behandelt werden, die den Schmerz nicht erkennen, werden nur im Kopf gesund. Sie passen sich ihrem gegenwärtigen Leben besser an. Sie geben sich mehr Mühe. Schmerz wird nie das Ziel solcher Therapien sein, weil angenommen wird, er sei nicht da. Wenn Sie nicht der Meinung sind, daß der Schmerz von Beschneidung, Operationen, Geburt oder früher Vernachlässigung weiterlebt, dann können und werden Sie den Schmerz natürlich ignorieren.
Die Zeitspanne, bis ein Patient relativ gesund ist, ist länger, als wir ursprünglich dachten, die spezifische Zeitspanne in der Klinik dagegen nicht. Nach einem Jahr bis anderthalb Jahren stehen die Patienten weitgehend auf eigenen Füßen, und nur sporadisch sind Folgebehandlungen nötig.
364
Wir geben ihnen Werkzeuge, um zu fühlen. Dabei unterrichten wir sie über ihre Abwehrmechanismen und darüber, wie sie zum Fühlen kommen. Es gibt eine Menge, das sie allein tun können. Bei anderen Dingen brauchen sie Hilfe. Darin liegt unser Problem. Wir haben nie genug Personal, um jedem alle Zeit zu geben, die er braucht. Gruppen helfen, aber es gibt auch Menschen, die mehr individuelle Therapie brauchen. Dann wird die Angelegenheit teuer, denn wir benötigen praktisch einen Therapeuten für jeden Patienten — was schier unmöglich ist.
Manchmal kommt der Patient nach zwei Jahren in sehr tiefes Material hinein und braucht ständige Therapie. Es ist nicht immer möglich, einen Therapeuten zu stellen; deshalb führten wir das »Kumpelsystem« ein, bei dem wir den Patienten die Grundlagen der Primärtherapie beibringen, damit sie sich zusammensetzen und einander in die Gefühle helfen können. Dafür steht die Klinik jederzeit offen.
Nachdem ich dies gesagt habe, muß ich wiederholen, daß in der besten aller Welten Patienten viel mehr Individualtherapie brauchen, als wir ihnen geben können. Wenn sie in tiefem Schmerz sind, etwas, das zwei oder drei Jahre nach Therapiebeginn vorkommen kann, muß man sie zwei- oder dreimal in der Woche sehen. Dazu hatten wir nie genug Therapeuten, und auch wirtschaftlich ist es nicht möglich. Was wir brauchen, sind Regierungsmittel für Behandlung und Ausbildung. Gewiß wäre das sehr ökonomisch, wenn man bedenkt, wieviel spätere Krankheit wir verhindern könnten.
Nach dem ersten Jahr machen die Patienten große Veränderungen durch, aber weitere wichtige Veränderungen setzen sich für fünf bis acht Jahre fort. Dies bedeutet nicht, daß sie die ganze Zeit Schmerzen leiden. Im Gegenteil, jedes Gefühl ist seine eigene Belohnung. Zwischen den Sitzungen fühlen die Patienten sich oft besser als je zuvor. Ich denke, nach fünf Jahren ist der größte Teil der Arbeit getan. Das sieht nach einer langen Zeit aus. Doch bedenken Sie, wir machen jahrelange Prozesse rückgängig, und ein Dreißigjähriger hat noch immer den größten Teil seines Lebens vor sich. Man fühlt während dieser Zeit nicht ständig. Ein Gefühl pro Monat ist der Durchschnitt. Diese Gefühle nehmen viel weniger Zeit in Anspruch (im Durchschnitt dreißig Minuten) und werden rasch integriert.
Ist Primärtherapie etwas für Reiche? Die meisten unserer Patienten waren nie reich. Sie haben gespart. Soziale Klasse und wirtschaftlicher Status haben wenig mit Schmerz zu tun. Wir haben königliche Hoheiten, Industrielle, Selbständige und Arbeiter behandelt. Wir haben auch eine Reihe von Wohlfahrtsfällen angenommen. Es ist alles das gleiche. Der Schmerz kennt keine Klasse. Allerdings haben die Reichen mehr Chancen, sich abzulenken. Sie können Jachten mieten und Reisen machen, sich eine Eskorte, ein neues Auto oder neue Kleider kaufen — lauter Dinge, die den Tag der Abrechnung hinausschieben.
Ich habe Rockstars gesehen, die an jedem Tag ihres erwachsenen Lebens Anbetung bekamen — Tausende jubelten ihnen zu und klatschten ihnen Beifall. Nichts änderte etwas an ihrem Schmerz oder gab ihnen das Gefühl, geliebt zu werden. Man fühlt sich nicht geliebt, wenn man ungeliebt war. Das ist mit Sicherheit ein Gesetz.
365
Primärtherapie heute
Ist die Primärtherapie etwas für eine spezielle Art von Personen? Ich glaube nicht. Wir haben Depressive gesehen, buchstäblich Hunderte versuchter Selbsttötungen, Mörder, Migräne- und Krebspatienten, Vergewaltiger, Angstgeplagte, Psychotiker aus Anstalten, einen Wohlfahrtsfall, der drohte, seine Kinder umzubringen, wenn er nicht akzeptiert würde, Inzestopfer, Kolitispatienten, Exhibitionisten und so ungefähr alles, was man sich vorstellen kann.
Und doch geht es immer um Schmerz und Bedürftigkeit. Die Psychotiker haben mit den Film- und Rockstars etwas gemeinsam — eine ganz unglaubliche Last aus Schmerz. Von der ganzen Welt geliebt werden zu wollen erfordert eine besondere Art Schmerz und Antrieb. Hoffnung gibt, daß alle behandelbar sind. Der völlig wahnsinnige Mann, der seine Kinder umbringen wollte, ist heute gesund. Die Suizidalen, die Pillen sammelten oder Dynamit und Waffen kauften, würden heute nicht mehr an Selbsttötung denken. Sie lieben das Leben und können sich gar nicht mehr vorstellen, wie sie einmal waren, nur daß ihre Verzweiflung verheerend war.
Ist die Therapie desintegrierend für diejenigen, die behandelt werden? Sind Patienten einfach Gefühlsmaschinen, die jede Sitzung in Stücken verlassen?
Ich würde sagen, daß dies vielleicht für die Möchtegern-Primärtherapie gilt. Unsere Aufgabe ist, dafür zu sorgen, daß jeden Tag ein Aspekt eines Gefühls gefühlt und dann in das gegenwärtige Leben integriert wird. Wenn das nicht geschieht, kommt es zu einer primären Überflutung. Natürlich erfordert jedes vollständige Gefühl Monate und sogar Jahre, um ganz gefühlt zu werden. Das ist nicht in ein oder zwei Sitzungen möglich. So muß der Therapeut nach dieser Überflutung Ausschau halten und sie beenden, ehe der Patient überwältigt wird. Wir dürfen nicht vergessen, daß das Gefühl deshalb verdrängt ist, weil es ursprünglich zuviel war, um gefühlt zu werden. Wir wollen die neuralen Schleusen nicht vorzeitig öffnen.
Der Patient muß aus jedem Gefühl mit dem Wissen herauskommen, was es bedeutet, und es in den Kontext seines gegenwärtigen Lebens stellen. Kurz, jede Ebene des Bewußtseins muß am Heilungsvorgang beteiligt sein. Sonst wird nur um des Fühlens willen gefühlt, eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Gesundung.
Die Primärtherapie ist mit Argwohn behandelt worden, weil Emotionen mit Argwohn behandelt werden. Der kühle Intellekt wird am meisten geschätzt. Dennoch ist jemand, der mit seinen Emotionen in Berührung ist, rational. Wer das nicht ist, ist irrational, weil er von unbewußten Gefühlen kontrolliert wird, die ihn treiben. Das ist irrational — der logische, vernünftige Geist wird von versteckten Kräften verzerrt. Viel besser ist es, emotional zu sein — nicht hysterisch, aber reaktions- und gefühlsfähig. Ich vertraue solchen Menschen. Man weiß immer, daß man von ihnen eine vernünftige Reaktion bekommt.
Die Neurose soll uns daran hindern, real zu sein. Für den Neurotiker bedeutet »real« Schmerz. Statt zu verdrängen, befreien wir. Statt zu symbolisieren, führen wir Symbole zu ihrer richtigen Heimat in den Gefühlen. Statt eine Abwehr aufzubauen, bauen wir sie ab. Wir öffnen ein System, das sich mehr und mehr verschließt. Das setzt die Wärme frei, mit der wir alle geboren sind. Wir alle haben die Fähigkeit, dieses Kind zu sein, das offen ist, warmherzig, neugierig, gewinnend, angstfrei, kühn und lebendig. Das ist nicht nur Kindern möglich. Es ist eine menschliche Qualität, die wir zurückzugewinnen versuchen müssen.
Abwehrmechanismen: Fallstudie
An dieses Kapitel möchte ich eine wichtige Fallgeschichte anschließen, den Bericht einer Patientin, in dem eine lange Zeit von Therapie und Wachstum zusammengefaßt ist. Besonders bemerkenswert ist die etwas ernüchternde Art, wie diese Patientin erkannte, daß sie ausgetüftelte Abwehrmechanismen zum Überleben benutzt hatte und es ihr aufgrund dieser Abwehrmechanismen extrem schwerfiel, Liebe zu geben und zu empfangen.
366-367
#