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16  Warum muß man seine Kindheit wiedererleben, 
um gesund zu werden? 
  Janov 1991

 

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Man mag sich fragen, warum Patienten ihre Vergangenheit wiedererleben müssen, statt einfach darüber zu sprechen. Warum nehme ich dieses Wiedererleben so wichtig? Reicht es denn nicht, über sein Leben zu sprechen oder sogar zu weinen? Wo liegt der entscheidende Unterschied?

  Wiedererleben alter Emotionen  

Es ist nicht unbedingt die Szene und ihre Erinnerung, die man wiedererleben muß, sondern es ist der emotionale Gehalt. Ich habe Patienten gesehen, die in Psychoanalyse waren und gewisse Erinnerungen in allen Einzelheiten diskutiert hatten. In der Primär­therapie kamen sie in Kontakt mit dem emotionalen Gehalt dieser selben Erinnerungen, und das ist eine ganz andere Erfahrung. Die Leidenskomponente hat einen anderen Sitz als die kognitive Erinnerung. Wiedererleben öffnet die Schleusen zu emotionalen Speichern; die Qual, die nie gefühlt wurde, wird nun erlebt; Tränen, die nie vergossen wurden, fließen jetzt; die Traurigkeit und/oder Wut, die zurückgehalten wurde, ist jetzt allumfassend. Blockierte Energie hat ihr Ventil gefunden.

Wenn man über eine Erinnerung spricht, bleibt deren Energieaspekt blockiert. Der Unterschied zwischen dem Weinen über und dem Wiedererleben der intensiven frühen Qual des Vierjährigen, der in sein Zimmer geschickt wird, ist wie der Unterschied zwischen zwei Universen. Einmal handelt es sich um einen Erwachsenen, der sich mit seinem kortikalen Apparat an seine Kindheit erinnert; im anderen Fall taucht ein Kind mit Körper und Seele in diese Erinnerung ein.

Es gibt eine Erinnerung an ein Gefühl — das Sprechen über und das Fühlen einer Erinnerung — und die Erfahrung selbst. Letztere ist nötig, um zu einer Lösung zu kommen. Ohne Fühlen kommt es zu keiner hypothalamischen Normalisierung. Wenn ein Kind wiederholt in sein Zimmer geschickt wurde und das Gefühl bekam, schlecht oder dumm zu sein, nutzt es ihm nichts, darüber intellektuell zu reden. Es muß seine Wut im Zusammenhang äußern. Gewiß hilft es ihm nicht, seine Eltern und den Grund zu verstehen, warum sie so handelten. Verständnis kann die Sache nur zudecken. Die Wut und die Qual, immer wieder klein gemacht zu werden, sind vorhanden.

Wenn man den Menschen zeitlich zurückversetzt und wieder von diesem alten Gefühl überschwemmen läßt, so wachen die Erinnerung und die damit verbundenen Gefühle wieder auf. Was von da an geschieht, ist ein natürlicher Vorgang, in den niemand einzugreifen braucht. Wenn das Gefühl Wut ist, wie es oft vorkommt, und Schmerz, der fast immer unter der Wut liegt, dann wird es herauskommen. Und es kommt mit unbe­schreiblicher Kraft heraus. Das ist die Kraft, die unerfüllte Bedürfnisse begleitet. Das Treten, Schreien und Schlagen gegen die Wände, das stundenlang dauert, ist wesentlich. Die Patienten werden nicht gezwungen, sich so zu verhalten. Sie tun es einfach, wenn sie den Kontext ihres Gefühls wiedererleben.

 Bewußtseinsebenen beim Wiedererleben  

Wie zuvor diskutiert, wird Erinnerung auf allen drei Ebenen des Bewußtseins repräsentiert, der denkenden, der fühlenden und der selbstregulierenden — oder viszeralen — Ebene. Wenn man jede dieser Ebenen am Werk erlebt, sieht man sofort, warum man wiedererleben muß. Keine Gehirnstruktur oder Bewußtseins­ebene kann die Arbeit einer anderen erledigen. Wenn man Patienten sieht, die bei Geburts-Primärerlebnissen große Mengen Flüssigkeit aushusten und ungeheure Energie in krampfartigen Bewegungen freisetzen, begreift man den Unterschied zwischen Sprechen und Wiedererleben. Bei diesen Wieder­erlebens­episoden gibt es weder Worte noch Tränen.

Wenn der Patient zu seinen frühen Jahren voranschreitet, kommt es auch zu Worten und Tränen. Oft sind diese Worte Babysprache, und das Schluchzen ist das eines kleinen Kindes. Das können die Patienten nicht spielen, und sie sind auch später auf Aufforderung nicht in der Lage, diese Laute zu reproduzieren. Wenn ein Patient bei einer Geburtsepisode Worte benutzt oder seine Arme bewegt, wissen wir sofort, daß das nicht real ist. Bestenfalls kann jemand ächzen. Alle Erklärungen liegen im Wiedererleben.

Die Bewußtseinsebenen sind unterschiedlich und lebensfähig und haben voneinander getrennte Funktionen. Das Geburtstrauma beispielsweise ist tiefer und niedriger gespeichert als Erlebnisse, die im Alter von zehn Jahren erfolgten. Es gibt dann Erfahrungs­schichten, die das frühe Trauma überlagern; das ist der Grund, warum wir erst nach einigen Monaten Therapie an frühes Material herankommen.

Das Erstickungsgefühl bei einer Geburtsepisode wiederzuerleben, das eine Migräne löst, ist etwas, das auf keine andere Weise geschehen konnte. Hier werden Ursachen auf ihrer eigenen Ebene bewältigt. Migräne ist ein Symptom der ersten Ebene. Der Versuch, das Geschehen zu besprechen, ist ein Widerspruch in sich, weil es dafür keine Worte gab und gibt. In dem Augenblick, in dem man Worte benutzt, ist die Erfahrung vorüber und ungelöst geblieben. Selbst wenn man darüber weint, ist die Erfahrung falsch. Was man zu hören bekommt, ist das Wimmern eines Neugeborenen. Dieser Laut ist unverkennbar.

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  Künstliche Reproduktion der Bewußtseinsebenen 

Ich erinnere mich, an Experimenten mit Hypnose teilgenommen zu haben, in denen wir die Individuen in das Alter von fünf Jahren zurückversetzten und über ihr Leben sprechen ließen. Oft kam dann ein Schlüsselerlebnis hoch — »Mama gab meinen Hund weg« —, und die Tränen strömten. Wenn die Versuchspersonen nicht mehr in Hypnose waren, hatten sie keine Erinnerung an die frühen Erlebnisse oder daran, daß sie darüber geweint hatten.

Die Altersregression in der Hypnose ist ein dramatischer Beweis für die dauerhafte Existenz von Erinnerungen und verdrängten Tränen. Man muß nur Zugang zu dieser Erinnerung erlangen, um auch die Tränen wiederzufinden.

Es gibt eine Tendenz, das Wiedererleben als eine Art Schauspiel zu betrachten. Doch es handelt sich weder um ein Agieren noch um ein Spiel; es ist ein neurologisches Geschehen. Patienten verhalten sich nicht, »als ob« sie Kinder wären. Sie befinden sich im Griff eines kindlichen Gehirns mit der ganzen Palette der dazugehörigen Assoziationen. Nur beim Wiedererleben findet man eine Entladung der vollen aufgestauten Energie durch das Weinen und Schreien.

 

 Der Säugling bleibt immer bestehen 

Es ist verlockend, erwachsene Männer und Frauen, die Babysprache sprechen und am Daumen lutschen wie Neugeborene, als »regrediert« anzusehen. Tatsache ist, daß der Säugling in Gehirn und Körper immer existent bleibt. Ständig versucht er, ins Bewußtsein zu kommen. In unserer Therapie gestatten wir ein »Freisetzungs«­phänomen von der Art, wie wir es bei der Diskussion des Weinens erwähnt haben. Dann tritt der Säugling hervor und erlaubt dem Erwachsenen, das zu sehen, was die ganze Zeit vorhanden war. Die gleiche Art von Aufhebung kortikaler Hemmungen finden wir bei der Schädigung gewisser Kontroll­zentren im Gehirn. Auch hier sieht man fötales, subkortikales Verhalten. Das liegt nicht daran, daß die Schädigung den Menschen zum Kind gemacht hätte, sondern daran, daß sie die Hemmung beseitigte und dem Ausdruck gab, was bereits vorhanden war.

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  Wiedererleben als Prozeß  

Wiedererleben ist ein langsamer Prozeß. Es muß so gesteuert werden, daß der Schmerz handhabbar ist und integriert werden kann. Gewöhnlich geschieht das in geordneter Abfolge von den kleinsten, jüngsten Ereignissen bis zur fernen Vergangenheit. Gewöhnlich fühlt jemand monatelang etwas aus der Kindheit, beispielsweise: »Sie haben mir nie herausgeholfen.« Der Patient erinnert sich an Szenen und weint darüber, daß die Eltern nie für ihn da waren, wenn er sie brauchte. Dann gibt der Körper an einem bestimmten Punkt ein Signal, daß er für die tieferliegenden Aspekte desselben Gefühls bereit ist, und es kommt zu einem Geburtsgefühl. »Keiner war da, um mir herauszuhelfen.« Er erlebt die schmerzhafte Geburt wieder, den Versuch, heraus­zukommen, den damit verbundenen Kampf und das Gefühl, daß ihm niemand half. Dies ist ein Teil dessen, was ich als zusammen­gesetztes Gefühl bezeichne — das Kindheitsgefühl der zweiten Linie, das einen eingravierten früheren Aspekt desselben Gefühls ergänzt.

Die geordnete Abfolge des Wiedererlebens ermöglicht, daß die Geschichte uns führt und daß der Schmerz darüber bestimmt, in welcher Reihenfolge Geschehnisse wiedererlebt werden. Sie ist das, was ich als »Kette des Schmerzes« bezeichne. Ein Kettenglied eines Gefühls hakt sich in ein anderes, schmerzhafteres und entfernteres Glied, bis das gesamte Gefühl wiedererlebt ist.

Ein volles Gefühl ist ein dreistufiges Geschehen, das alle Ebenen des Bewußtseins umfaßt. Denken Sie daran, daß sehr tiefer, früher Schmerz seine Repräsentationen in höheren Zentren des Gehirns hat, wobei jede Ebene ihr Teil zu dem Gefühl beiträgt — vom Herzschlag über die emotionale Färbung bis zu Bildern und Kontext. Trotz der Tatsache, daß Nervenkreise voreinander abgeschirmt sind, scheint es eine Art kodierten Mechanismus zu geben, der einem Aspekt eines blockierten Schaltkreises gestattet, sein Gegenstück chemisch zu »erkennen«, wenn die Verbindungen hergestellt sind.

 

  Die Bedeutung des Wiedererlebten  

Das Trauma, das der Patient in den ersten drei Wochen der Therapie wiedererlebt, sagt uns etwas über seine allgemeine Neurose und sein Abwehrsystem. Wenn jemand gleich in sehr frühes Material eintaucht (und dies ohne Vorschlag des Therapeuten), bedeutet es, daß seine Abwehrstruktur mangelhaft ist. Das Bewußtsein wird ständig von größeren frühen Traumata unterbrochen, was wiederum auf ein ziemlich zerbrechliches System hindeutet. Deshalb sorgen wir dafür, daß diese Art von erschütterndem Wiedererlebensprozeß gut kontrolliert wird, damit es nicht zu einer Überflutung kommt.

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Das Wiedererleben ist im Grunde eine umgekehrte Neurose. Wir beginnen mit dem zuletzt erworbenen Gehirn und seinen Erinnerungen und arbeiten uns rückwärts voran. Die Reise geht vom Neokortex zurück zum reptilischen oder primitiven Gehirn. Sie führt zurück durch das Limbische System, wo man in einigen Strukturen wie dem Hippokampus Erinnerungen buchstäblich scheibchenweise abtragen kann. Wir sehen beispielsweise einen Patienten, der fühlt, wie seine Freundin ihn verlassen hat. Einige Zeit später bringt ihn das Gefühl in die Vergangenheit zurück, wo er von seiner Mutter abgewiesen oder verlassen wurde. Dann, vielleicht Monate oder Jahre später, gelangt er zum Wiedererleben der totalen Verlassenheit unmittelbar nach der Geburt. Gewöhnlich beginnen Symptome erst dann zu verschwinden, wenn ein größeres Segment des Gefühls wiedererlebt wurde. Ein Gefühl beseitigt keine Neurose. Viele Wiedererlebensepisoden sind nötig, um die volle Verbindung herzustellen und die Integration ins Bewußtsein vorzunehmen.

    Zeitliche Abfolge   

Der Ablauf des Wiedererlebens kann nicht beschleunigt werden. Er ist so wie die stapelbaren Teller in einem Restaurant. Sie nehmen einen Teller, und der nächste bietet sich zum Gebrauch an. So ist Erinnerung angelegt. Sie erleben einen Teil wieder, und nun bietet sich der nächste Teil an. Es verläuft nicht immer so klar, aber im allgemeinen ist das die Reihenfolge.

Es gibt Zeiten in der Therapie, in denen das Wiedererleben nicht gefördert wird. Wenn im gegenwärtigen Leben des Individuums solche Unruhe herrscht, daß Wiedererleben desintegrierend wäre, dann haben das gegenwärtige Leben und seine Probleme Priorität. Der Mensch muß seine Probleme ordnen, sonst wäre das Wiedererleben der Vergangenheit eine Abwehr gegen die gegenwärtige Realität.

Oft sehe ich Patienten, die ihre Geburt wiedererleben, und frage mich, warum es notwendig ist, solche Schmerzen zu durchleben. Warum müssen sie sie vielleicht hunderte Male im Laufe vieler Jahre ertragen? Diese Qual und das Erstickungsgefühl bei der Geburt durchleben? Das liegt daran, daß die Kraft dieser Geschehnisse das Leben für immer formt. Sie ist letztendlich tödlich. Ein reifer Erwachsener mit etwas wie einem Abwehrsystem ist nötig, um sie zu fühlen, und selbst dann ist sie entsetzlich. Zum Glück handelt es sich um Schmerz, der sich »gut anfühlt«. Es ist wunderbar, ihn herauszulassen und diesen Aspekt des Gefühls für alle Zeit loszuwerden. Deshalb eilen Patienten in die Klinik, um zu fühlen.

Sie wissen, was auf der anderen Seite liegt. Den Schmerz nicht zu fühlen ist ein Leben in der Hölle. Um Santayana zu para­phrasieren: »Wer die Vergangenheit nicht wiedererlebt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.«

Wiedererleben bedeutet, seine Geschichte zurückzugewinnen. Das ist eine recht erstaunliche Idee — Jahrzehnte zurückzugehen, indem man durch das Gehirn reist, und eine Umgebung mit ihren Gerüchen und Farben exakt zu reproduzieren. Und diese Geschichte dann rückgängig zu machen. Dies geschieht nicht, indem man einen anderen Ausgang vorschlägt. Das würde der Realität widersprechen. Es geschieht, indem man alles nochmal erlebt, so daß man endlich damit fertig ist. Das ist im tiefsten Wortsinn erstaunlich. Aber genau dies ist das menschliche System — unglaublich.

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