15. Die Rolle des Weinens in der Psychotherapie Janov 1991
»Tränen aus den Tiefen göttlicher Verzweiflung
Steigen ins Herz und sammeln sich in den Augen.
Beim Anblick der glücklichen Herbstfelder
Und beim Gedanken an Tage,
die nicht mehr sind.« Lord Tennyson
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Die Primärtherapie wird mit einem »Weinkrampf« verglichen. Patienten weinen regelmäßig. Man hat sie auch als Sichgehenlassen, Hätscheln des Ego, Schwäche und Hysterie bezeichnet. Ich glaube, sie ist nichts von all dem. Im Gegenteil, Weinen ist eine biologische Notwendigkeit, ein Heilungsversuch, ein Bemühen, den Organismus wieder zu stabilisieren und eine wesentliche natürliche Funktion wiederherzustellen. Tatsächlich glaube ich nicht, daß jemand in der Psychotherapie ohne Tränen gesund werden kann. Zu wenig von diesem sogenannten Sichgehenlassen kann Sie krank bleiben lassen, psychisch und physisch.
Schreien und Bedürftigkeit
Der ursprüngliche Zweck des Schreiens bei einem Baby ist, getröstet zu werden und seine Bedürfnisse erfüllt zu bekommen; lange bevor der Säugling ein Gefühl für Tragödie hat, hat er rohe Bedürfnisse. Diese Bedürftigkeit geht sogar der Fähigkeit voraus, Tränen zu vergießen, die erst einige Zeit nach der Geburt sichtbar wird. Für den Säugling ist Schreien ein Signal von Unwohlsein, ein Signal, geschützt und geliebt zu werden. Er ist nicht in der Lage zu artikulieren, was genau er braucht, also schreit er, um Mangel oder Leid allgemein auszudrücken.
Wir schreien, ehe wir weinen, weinen, ehe wir sprechen, und sprechen, ehe wir Vorstellungen davon organisieren können, was wir haben und nicht haben. Jedes dieser Ausdrucksstadien bildet einen Teil der Fähigkeit zur Kommunikation. Schreien ist eine Sprache — eine primitive, aber dennoch sehr menschliche. Die Geschichte der Neurose ist eine Geschichte des Elends und des Bedürfnisses, dieses Elend herauszuschreien. Schreien ist nicht nur ein Ausdruck allgemeinen Leides; es ist auch ein Vehikel, das uns durch die Zeit zu jenen spezifischen Traumata zurückträgt, die wir vor langer Zeit durch die Vorgänge der Verdrängung begraben haben.
Tränen sind das, was diese Barrieren durchbricht und uns bei der Reise durch die Zeit hilft, als wir litten und nicht schreien konnten. Tränen spülen den Schmerz fort und demaskieren das Unbewußte. Das ist keine Metapher, sondern eine biologische Tatsache.Primäre Tränen und verdrängter Schmerz
Tränen frühen Verlusts sind die Lösung, welche die Wände des Unbewußten aufweicht und eingekapselten Schmerz freisetzt. Die neurologischen Ursprünge des Weinens sitzen im Hypothalamus. Dort erstrecken sich die neuronalen Kreisläufe von den Tränenkernen, den Zentren des Weinens, aufwärts in den Kortex.
Intensives Weinen, wie wir es in unserer Therapie sehen, ist keine Hysterie, sondern eine einzigartige neue Kategorie, welche die Heilung einbezieht. Es ist das erste konvulsivische Phänomen, das mit dem Heilungsprozeß verbunden ist. Hier macht das erwachsene Gehirn dem kindlichen Gehirn Platz und reist zurück zu einem genauen Gefühl, einem genauen Moment und einer Szene, in der es zum Weinen hätte kommen sollen, aber nicht kam — zeitlich durch die Qual der Erfahrung aufgehobene Tränen. Die Regression vom erwachsenen Gehirn zum emotionalen Gehirn und dann zum perinatalen Gehirn »vor den Tränen« ist die exakte Umkehrung der zerebralen Entwicklung.
Tränen sind einzigartig menschlich
Im großen und ganzen sind Tränen einzigartig menschlich. Wir unterscheiden uns von den Tieren in unserer Fähigkeit, zu weinen und Tränen zu vergießen. Weinen ist ein heilender Prozeß. Ich glaube nicht, daß man ohne Tränen psychische Krankheit oder eine Fülle ernsthafter körperlicher Erkrankungen heilen kann.
Aus irgendeinem Grunde jedoch ist die natürliche Funktion des Weinens verächtlich geworden. Wir bringen unsere Kinder zum Schweigen und verlachen sie als »Heulsusen«, betrachten es als erwachsen, nicht m weinen, und glauben, es sei ein Zeichen der Schwäche, den Tränen nachzugeben. Also blocken wir diesen angeborenen biologischen Prozeß ab und bezahlen dann den Preis dafür, denn mit dieser Blockierung geht eine Fülle von anderen Verdrängungen und Beeinträchtigungen einher. Es sind nicht nur die Tränen, die dabei blockiert werden, sondern eine grundlegende biologische Funktion. Deshalb scheint es, als werde das gesamte System (einschließlich der Hormone und Gehirnwellen) normalisiert, wenn wir diese Funktion wiederherstellen.
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Wahrscheinlich wären die physiologischen Auswirkungen analog, wenn uns das Lachen verboten wäre. Wie sich herausstellt, scheinen Gehemmte sowohl das Lachen als auch die Tränen zu unterdrücken. Letztlich wird das ganze Spektrum ihrer Emotionalität von der Verdrängung niedergetrampelt.
Wenn man das Baby in der Wiege schreien läßt, weil die Eltern es nicht verwöhnen wollen, wird es früher oder später zu schreien aufhören, weil sein Hilfeschrei ungehört blieb. Das Bedürfnis zu schreien, die vielen Stunden unterdrückten Weinens jedoch bleiben bestehen und werden Jahrzehnte später zurückkehren, wenn diese Szenen wiedererlebt werden.
Es geht nicht nur darum, daß Tränen unterdrückt werden; es entsteht auch ein Gefühl von Verzweiflung und Hilflosigkeit, wenn die Schreie des Babys ignoriert werden. Die Menge der Tranquilizer, die im erwachsenen Leben notwendig ist, wird weitgehend von der Menge des nicht erfolgten Schreiens abhängen. Die optimistische Seite an all dem ist, daß das Maß des erforderlichen Weinens endlich ist, so daß man sich wieder wohl fühlt, wenn man eine gewisse Zeit geweint hat, weil man etwas getan hat, das der Körper brauchte.
Wenn man in der Therapie die eigene Geschichte Revue passieren läßt und sich auf vergangene Szenen konzentriert, kommen Tränen hoch, die nie zuvor geweint wurden. Die Ungerechtigkeit und Tragik des Ganzen überwältigt uns, und in diesen Tränen liegen die Qual, das Flehen, die Dringlichkeit und die Forderungen. Die Tränenflut offenbart die ganze traumatische Szene, einschließlich der Details, die zuvor vergessen waren. Tränen sind die Vermittler von Erinnerung. Sie sind der beredtste Ausdruck dieser Vergangenheit. Vergessen Sie nicht, daß einige Gefühle schon lange evident sind, ehe wir Worte und Begriffe haben, um sie zu beschreiben. Eine Rückkehr zur Erinnerung, eine Rückkehr zu den Tränen, ist die Erinnerung. Oft ist nicht mehr zu tun als zu weinen.
Die Verdrängung der Tränen
Manchmal hat die Verdrängung so lange angehalten, daß die Tränen nicht mehr wiederzugewinnen sind. Menschen in solchen Zuständen sind Kandidaten für ernsthafte Erkrankungen, denn diese Tränen sind irgendwo. Irgendwo schreit der Körper laut heraus. Ich erinnere mich an eine Patientin, deren Augen ständig tränten. Diese Krankheit hatte einen modischen Namen; als sie sich jedoch in der Therapie die Augen aus dem Kopf geweint hatte, brauchten wir keinen Namen mehr dafür.
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Eltern verbieten ihrem Kind vielleicht nicht nur die Tränen, sondern sind einfach nicht für das Kind »da«. Die Tatsache, daß keine Schulter zum Ausweinen vorhanden ist, kein Gefühl von Empathie oder menschlicher Freundlichkeit und Sanftheit, reicht aus, um die Tränen vertrocknen zu lassen.
Ein kleines Kind begreift sehr schnell, daß Weinen nutzlos ist; es wendet sich anderen Sprachen zu — Zorn, Wutanfälle, psychosomatische Beschwerden und Lernprobleme. Es schreit auf Arten um Hilfe, die es nicht gesund machen können. Es muß wieder den »Ort« betreten, wo seine Physiologie auf der Stelle festgehalten wurde. Sonst wird es zu einem Menschen, der ständig jammert und klagt. Wie ein Patient es ausdrückte: »Ich beklagte mich über alles in meinem Leben, weil ich nie wußte, was eigentlich nicht stimmte. Jetzt, nachdem ich gefühlt habe, worüber ich mich hätte beklagen sollen, brauche ich es nicht mehr zu tun.« Das Kind, dessen Nase ständig läuft, weint durch die Nüstern. Wir haben eine Reihe von Allergien verschwinden sehen, wenn die Person wieder Zugang zu ihren Tränen gewinnt. Wir brauchen nicht über die Beziehung zwischen Weinen und Heilung zu theoretisieren. Wir sehen sie in Aktion.
Wenn wir einen Film sehen, in dem zwei Menschen, die miteinander gekämpft haben, sich schließlich in die Arme fallen, warum weinen wir dann? Weil das eine tiefe Sehnsucht in uns repräsentiert, die endlich erkannt wird. Wir weinen um unsere eigenen Bedürfnisse auf der Leinwand.
Tränen und Verlustgefühl
Tränen signalisieren nicht nur ein Bedürfnis oder einen Wunsch, sondern auch einen Verlust, was die Kehrseite derselben Medaille ist. Sie sind der Versuch, den Kontakt zurückzugewinnen, eine Beziehung wiederherzustellen, die Überleben bedeutet. Sie sind, wie Browning feststellte, »die lautlose Sprache der Trauer«. Wenn die Trauer zu tief ist, gibt es oft keine Tränen. Man ist einfach betäubt. Wenn man in das Reich der Depression eintritt, ist man gewöhnlich jenseits des Weinens.
Für diejenigen, die trauern, gibt es eine Therapie. In der »Trauerfall-Therapie« wird der Mensch einfach ermutigt, immer wieder über seinen Verlust zu sprechen und ihn zu beweinen. Wie es scheint, ist Weinen ein spezifisches Gegenmittel gegen Depression, erstens, weil Depression in Wirklichkeit ein gesteigerter Zustand von Verdrängung ist, bei dem wenig spezifischer Zugang zu vergangenen Erinnerungen besteht, und zweitens, weil der psychologische Zustand des Depressiven ein Zustand massiver Hemmung mit globaler Verdrängung aller Gefühle ist.
In der Theorie Freuds ist Depression nach innen gewandte Feindseligkeit. Psychoanalytischen Patienten, die ermutigt werden, ihre Wut herauszulassen, mag es besser gehen — für eine Weile. Doch wir haben auch festgestellt, daß es Depressiven viel besser geht, wenn sie weinen, selbst wenn sie keine Wut herauslassen.
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Tatsächlich setzt Wut allein gewisse repressive Biochemikalien nicht so frei, wie Tranen das tun. Tränen sind Ausdruck der Bedürftigkeit, Wut ist Ausdruck von Frustration und Bedürftigkeit. Wie zuvor schon gesagt, ist bei Depression die Freisetzung aller Gefühle hilfreich.
Abreagieren
Es ist wichtig, den Unterschied zwischen aus der Tiefe kommendem Weinen und Abreagieren oder »Katharsis« zu verstehen. Abreagieren oder »Katharsis« bedeutet das diffuse oder amorphe Freisetzen von Energie aus unverbundenem Schmerz. Der Brennpunkt liegt auf einer Ebene, während das reale Gefühl sich auf einer anderen befindet. Wenn beispielsweise in dem Film »E.T.« jemand weint, wenn E.T. Eliott verläßt, handelt es sich um Abreagieren oder »Katharsis«.
Wenn aber jemand über die Zeit weint, als sein Vater ihn verlassen hat, dann erfolgt dieses Weinen in einem Kontext. Wir haben Untersuchungen an Patienten vorgenommen, die abreagierten, und an solchen, die in einem Zusammenhang weinten. Die biologischen Unterschiede waren tiefgreifend. Es kam zu Veränderungen von Hormonen, Hirnfunktion und Persönlichkeit, was bei der abreagierenden Gruppe nicht der Fall war.
Ein klares Zeichen für die globale Wirkung wiedergewonnener Tränen ist die Tatsache, daß einige Frauen, nachdem sie wieder weinen konnten, zum erstenmal in ihrem Leben wirklich sexuell wurden. Die Freisetzung der Tränen scheint die Ursache dieser Veränderung zu sein - nicht immer und nicht bei allen Frauen -, doch genug, um dann einen Zusammenhang zu sehen. Da aus der Tiefe kommendes Weinen Veränderungen in Streß- und Sexualhormonen auslöst, ist ein solcher Wandel nicht überraschend.
Weinen und Streß
Es gibt kaum einen Zweifel daran, daß Weinen den Streß lindert, da in Tränen Streßhormone zu finden sind. Bei einer Untersuchung, die wir zusammen mit Dr. William Frey vom St. Paul Ramsey Medical Centre in Minnesota durchführten, stellten wir die Freisetzung von ACTH fest, einem Streßhormon der Hirnanhangdrüse. Dieselben Tränen lösen auch die Freisetzung von Endorphinen aus. Darüber müssen wir nachdenken: In Tränen lassen sich Hormone nachweisen, die mit Schmerz und Streß umgehen, die im Zentralnervensystem verarbeitet werden.
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Tatsächlich sind sie in fast allen Körperflüssigkeiten zu finden. Sie spülen buchstäblich den Schmerz fort. Sie helfen dabei, den biochemischen Aspekt von Streß zu beseitigen, und sind daher eine biologische Notwendigkeit.
Die zusammen mit Dr. Frey durchgeführten Untersuchungen befaßten sich sowohl mit emotional ausgelösten Tränen als auch mit solchen, die durch das Einatmen von Zwiebeldämpfen verursacht wurden. Diese Studie zeigte, daß beide Arten von Tränen ein Versuch sind, Toxine zu entfernen - einmal äußerlich, einmal innerlich.
Es ist kein Zufall, daß das Zentrum für die Freisetzung von Tranen, die Tränendruse, von derselben Gehirnstruktur aktiviert wird, die Schmerz organisiert und mit Endorphinrezeptoren vollgepackt ist.
Eine andere Untersuchung führten wir 1978 mit unseren Patienten durch. Nacheinander wurden dreißig Patienten, die in die Primärtherapie eintraten, in drei Gruppen unterteilt (1) Patienten, die nicht weinten, (2) solche, die etwas Tränenflussigkeit absonderten, und (3) Patienten, die säuglingsartige Haltungen annahmen und aus der Tiefe weinten Blutdruck und Puls wurden gemessen
Achtzehn der Patienten erreichten innerhalb von sechs Therapiemonaten die Ebene des Weinens aus der Tiefe. Sie wiesen signifikante Änderungen verschiedener Hormonspiegel auf, darunter Sexual-, Wachstums- und Streßhormone. Nach sechsundzwanzig Wochen erfolgte in der Gruppe, die aus der Tiefe weinte, ein bedeutender Anstieg des Spiegels der Wachstumshormone.
Mit dem Weinen aus der Tiefe ging auch eine größere Veränderung im Spiegel des männlichen Hormons Testosteron einher Bei sechs Männern mit Testosteronspiegeln über 600 erfolgte eine Abnahme zwischen fünfzehn und fünfunddreißig Prozent Im Gegensatz dazu ergab sich bei Personen mit sehr niedrigem Testosteronspiegel infolge Weinens aus der Tiefe ein signifikanter Anstieg (zwanzig bis fünfunddreißig Prozent) Erhöhte Hormonspiegel sanken also ab, wahrend zu niedrige anstiegen — beide Veränderungen deuten auf einen Normalisierungsvorgang hin Bei der Mehrzahl derer, die aus der Tiefe weinten, ging der Spiegel der Streßhormone zurück.
Bei Patienten, die ein wenig fühlen konnten, aber nicht die Ebene des Weinens aus der Tiefe erreichten, traten die oben erwähnten Veränderungen nicht auf. Auch in einer Kontrollgruppe gab es keine Veränderungen. Diejenigen, die sich benahmen, »als ob« sie fühlten — die um sich schlugen, traten und schrien —, wiesen ebenfalls keine signifikanten Veränderungen auf.
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Die Notwendigkeit des Weinens
Damit Tränen heilen, darf es sich nicht um ein »Weinen über etwas« handeln. Es dürfen keine erwachsenen Tränen sein, sondern vielmehr die Babytränen des erschrockenen, einsamen, unbeschützten und ungeliebten Kindes; sie sind es, die heilen. Solche Tränen sind immer von wahrhaft säuglingshaftem Wimmern begleitet. Erwachsenen-Tränen heilen nicht, sondern erleichtern. All das sehen wir deutlich, wenn Patienten Schwierigkeiten haben zu weinen, bis sie wirklich mit ausgestreckten Armen nach ihren Müttern greifen. Bei dieser Armbewegung strömen die Tränen wie nie zuvor, als seien die Schreie und das Weinen den Armen einkodiert, die sich nach Trost ausstrecken. Andere können nicht weinen, ehe sie nicht wirklich das Wort »Mama« ausstoßen.
Warum ist es notwendig, heute zu weinen? Weil es damals notwendig war. Die Toxine, die aus einem sich selbst mißbrauchenden System kamen — aus all den Streßchemikalien —, werden nun fortgespült. Kein System kann sauber sein, das einen Teil seiner selbst abschottet. Wenn größere Subsysteme beeinträchtigt sind, ist der Körper toxisch. Man sieht dies an den Streßhormonen. Patienten, die wichtige Traumata wiedererleben, berichten, sie hätten sich nie so rein, so klar und so sauber gefühlt wie unmittelbar nach dem Fühlen.
Es genügt nicht, wenn man über seine Traurigkeit spricht; das Sprechen allein kann die gesamte Homöostase nicht beeinflussen. Zu verstehen, was die Eltern taten, zu vergeben, zu rationalisieren oder vergessen zu wollen ändert nichts.
Es ist kein Zufall, daß nach mehreren Monaten des Wiedererlebens und Weinens auch größere Veränderungen in der Beziehung zwischen den beiden Hirnhemisphären auftreten, die sich ebenfalls anzugleichen oder zu normalisieren scheinen. Jedes wichtige System hat mit dem Fühlen oder seiner Blockierung zu tun. Nichts entgeht diesem Zusammenhang.
Einer der Gründe, warum Kinder am Weinen gehindert werden, ist der, daß Eltern nicht an ihren eigenen verborgenen Schmerz erinnert werden wollen. Darum hört man: »Hör auf zu weinen, oder ich gebe dir einen Grund dazu!« Das Kind hat bereits einen Grund. Er mag keine direkte Reaktion auf die gegenwärtige Situation sein, aber das Kind weint, weil es einen Grund hat. Niemand weint zum Spaß. Ein Kind weint, um irgendeinen Kummer, sein Unglück oder seine Traurigkeit auszudrücken. Neurotische Eltern möchten das unterdrücken. Solange das Kind weint, wird es getadelt, bis es endlich seine Tränen hinunterschluckt. Dann gilt es als reif. In den Augen der Eltern wird es erwachsen — erwachsen und neurotisch.
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Einer der an den Forschungsarbeiten beteiligten Wissenschaftler sah die auf das Weinen bezogene wissenschaftliche Literatur der letzten 100 Jahre durch. Es gab etwa 400 relevante Artikel, einschließlich derer aus dem American Journal of Insanity von 1844 und aus dem British Journal of Psychiatry von 1856. In mehr als einem Jahrhundert gab es nicht mehr als eine Handvoll Artikel, die auch nur entfernt mit Weinen zu tun hatten, und keinen einzigen, der dies mit Heilung in Verbindung brachte. Etwas so Offenkundiges war vollkommen übersehen worden.
Die Art, wie eine Gesellschaft mit Tränen umgeht, zeigt den Grad ihrer Humanität an. Ich glaube aufgrund unserer Beobachtungen und Forschungen der letzten zwanzig Jahre auch, daß Weinen die Langlebigkeit steigert. Eine Studie über Krankheitsrate und Langlebigkeit verschiedener Stämme und deren Umgang mit Tränen wäre faszinierend.
In unserer Therapie hatte aus der Tiefe kommendes Weinen einen Einfluß auf Kolitis und Magengeschwüre. Diese Veränderungen zeigen deutlich die Beziehung zwischen verdrängten Tränen und körperlichen Beschwerden. Die Haut »weint«, die Lungen »weinen«, jedes auf seine eigene Art.
Ein anderer wichtiger Nutzen des Weinens ist seine beruhigende Wirkung. Wir sehen dies an dem durchschnittlichen Abfall des Blutdrucks um vierundzwanzig Punkte bei unseren Hochdruckpatienten und einem Sinken des Herzschlags um zehn Schläge pro Minute. Wir finden es auch in den subjektiven Berichten der Patienten. Patienten, die weinen, brauchen immer weniger Beruhigungsmittel. Da ein Untersuchungsausschuß des Kongresses kürzlich festgestellt hat, daß mehr als zwei Millionen Frauen von legalen Tranquilizern abhängig sind, wissen wir, wie wichtig das Weinen ist.
Eine weitere Veränderung, die wir bei unseren Patienten sehen, betrifft deren Atem. Wir haben entdeckt, daß mit dem Atmen Tränen automatisch zurückgehalten werden. Flacher Atem taucht nicht tief in den Körper, wo die Gefühle gespeichert sind. Er hilft der Verdrängung. Weinen scheint flachen in tiefen Atem umzuwandeln. Der Atem hat mehr »Körper«, und dies hat eine Auswirkung auch auf die physische Entwicklung, vor allem im Brustraum.
Schon vor langer Zeit haben wir herausgefunden, daß einige Patienten, wenn man sie zu tiefem Atmen ermutigt, auch Tränen vergießen — eine Technik, die wir nicht mehr anzuwenden brauchen. Tatsächlich halten wir es für potentiell gefährlich, Personen zu tiefem Atmen aufzufordern, die von Schmerz überwältigt werden. Jede äußerliche, mechanische Methode bringt den Schmerz oft hervor, ehe er an der Reihe ist, und ein solches Trauma ist eher überwältigend als integrationsfähig. Doch der Zusammenhang zwischen Weinen und Atmen ist unverkennbar. Patienten erreichen tiefes Atmen und Weinen in kleinen Schritten, wenn sie mehr und mehr Schmerz integrieren können. Wenn sie tiefer fühlen, kümmert der Atem sich um sich selbst.
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Weinen als Heilung
Die Frage ist, warum eine Heilung nur zusammen mit Weinen und Fühlen erfolgt. Die Antwort lautet, daß aktives Leiden und Heilung gleichzeitig eintreten. Der Grund, warum wir nicht von allein gesund wurden, liegt darin, daß wir die Gesamtheit einer alten Serie von Traumata nicht gefühlt haben. Hätte man seine frühen Traumata ursprünglich gefühlt, so gäbe es kein biologisches Motiv, sie noch einmal zu erleben.
Wenn die Verdrängung einsetzt, blockiert sie auch den Heilungsprozeß. Die Wunde wird verborgen. Man kann nur eine gewisse Menge Schmerz auf einmal fühlen, und jenseits davon besteht ein Sicherheitsmechanismus, der unserer Fähigkeit, auf Schmerz zu reagieren, eine Obergrenze setzt. Ein solcher Mechanismus bestimmt auch die Gefühlskapazität. Wenn wir über diese Grenze hinausgetrieben werden, befinden wir uns jenseits der vollen Reaktionsfähigkeit; wir hören zu weinen auf, und darum kann keine Heilung erfolgen. Die Heilung hört auf, wenn die Reaktionsfähigkeit aufhört. Wenn ein Mensch von der Erfahrung des Leidens abgeschnitten ist, ist er auch der notwendigen Vorbedingung für Heilung beraubt und statt dessen anfällig für Krankheit. So, wie Schmerz und Verdrängung eine dialektische Einheit bilden, tun dies auch aktives Leiden und Heilung.
Gewöhnlich werden neurale Informationen über Schmerz an den Thalamus weitergegeben. Wenn der Schmerz nicht überwältigend ist, geht die Information dann an den Hypothalamus, der eine Vielfalt von Reaktionen einleitet, darunter auch das Weinen, die den Heilungsvorgang ausmachen.
Wenn Verdrängung vorliegt, werden Information und Tränen vom Hypothalamus abgelenkt. Wäre dies nicht der Fall, würde das Übermaß hypothalamischer Aktivität, beispielsweise in Blutdruck, Puls und Temperatur, unter Umständen tödlich. Darum ist es wichtig, daß der Hypothalamus nicht alle Eingaben aufnimmt. Die überschüssige neurale Energie des Schmerzes wird umgeleitet und findet ihre neurotische Bestimmung im Limbischen System, und aufgrund dieser Ableitung kann eine volle Heilung nicht erfolgen.
Die Dialektik von Leiden und Heilung
Weil die Fähigkeit, auf Schmerz zu reagieren, eine Obergrenze hat, die das System nicht überschreiten kann, gibt es gleichzeitig eine Obergrenze, jenseits derer keine Heilung erfolgen kann. In diesem Sinne ist ein frühes Trauma eine Wunde, die sich niemals schließt. Insofern wir alle eine eingebaute Fabrik haben, die Analgetika in Form von Endorphinen produziert, ist es klar, daß Neurotiker nicht so schnell gesund werden, wie sie sollten.
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Das deutlichste Beispiel dessen, worauf ich hier anspiele, ist, daß Patienten unmittelbar vor dem Eintritt in eine Wiedererlebenssequenz ein Fieber entwickeln; das gleiche Fieber existiert, wenn man an einer akuten Infektion durch Bakterien leidet. Es ist das Herannahen des Fühlens, welches das Fieber einleitet und damit den Heilungsvorgang, denn das Fieber signalisiert eine Fülle von Genesungsreaktionen.
Sehr anschaulich wird dies an einem Strafgefangenen, der heroinabhängig war und auf Methadon (einen Schmerztöter) gesetzt wurde, um seine Abhängigkeit zu kurieren. Während dieser Zeit wurde er auf TB getestet und zeigte keine Reaktion. Viele Monate später, als er kein Methadon mehr erhielt, wurde er erneut getestet. Diesmal bekam er ein großes rotes Mal und eine Schwellung, die eine allergische Reaktion und eine mögliche Infektion mit TB anzeigten. Er hatte tatsächlich in bezug auf TB eine Vorgeschichte, die im Test nicht sichtbar wurde, solange er unter der Wirkung chemischer Schmerzverdrängung stand. Als die Verdrängung aufgehoben war, trat ein großes rotes Mal auf, und der Bereich schwoll an, weil Lymphozyten Antikörper gegen das injizierte Antigen herbeitrugen. Solange die Verdrängung bestand, waren sowohl alle Reaktionen als auch die Heilung aufgehoben.
Die Heilung der Wunde namens Neurose schließt die volle Reaktionsfähigkeit alles Verdrängten ein. Jedes tiefe Gefühl ist ein weiterer Schritt in Richtung auf die Heilung. Die Reaktionsfähigkeit ist von entscheidender Bedeutung. Wenn Kinder weinen können, nachdem sie sich wehgetan haben, werden sie schneller wieder gesund. Der sechsjährige Sohn eines Patienten geriet versehentlich mit zwei Fingern in die zufallende Tür eines Autokofferraums. Die Finger wurden dunkelblau, und das Kind weinte nach diesem Unfall einige Minuten. Dann hörte es auf und versuchte den Vorfall zu vergessen.
Zwei Tage später wirkte der Junge morgens erregt und reizbar. Er setzte sich mit Bleistift und Papier an einen Tisch, hielt den Stift in der verletzten Hand und versuchte, verschiedene Formen zu zeichnen. Dabei schmerzte seine Hand stärker, und er war so frustriert, daß er schrie: »Ich kann nicht zeichnen, ich kann nicht zeichnen.«
Dann fiel er vom Stuhl, umklammerte sein rechtes Handgelenk und begann zu schreien und zu weinen: »Meine Hand, meine Hand!« Bald wand er sich in Qualen auf dem Fußboden. Dies dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Danach war er ruhig und erschöpft und sagte zu seiner eigenen Überraschung: »Ich bin in Ordnung; meine Hand tut nicht mehr weh.« Danach verheilte die Wunde an seinen Fingern ungewöhnlich schnell.
In der Primärtherapie behauptet Geschichte sich selbst. Deshalb erleben Patienten das emotionale und körperliche Leiden vergangener Zeiten wieder.
Es ist nicht ungewöhnlich, daß sie beispielsweise eine Operation wiedererleben, bei der sie bewußtlos waren (betäubt). Je länger Patienten in meiner Therapie sind, desto tiefer die Bewußtseinsebenen, zu denen sie Zugang haben, und desto eher erleben sie Dinge wieder. Die Wissenschaft hat festgestellt, daß Patienten, die bei Operationen weniger tief betäubt wurden, schneller zu genesen scheinen, und am schnellsten werden diejenigen gesund, die man durch Hypnose und nicht mit Drogen anästhesiert. Eindeutig haben also die Ebene von Verdrängung und Anästhesie etwas mit der Heilung zu tun, und die Ebene der Bewußtlosigkeit durch Anästhesie gibt uns eine Ahnung davon, wie schnell jemand genesen kann. Deshalb ist es nicht möglich, eine Neurose auf der unbewußten Ebene zu heilen, etwa mit Drogen oder Hypnose. Das Bewußtsein ist für den Heilungsvorgang entscheidend.
Weinen ist Heilung. Fühlen ist Heilung. Verdrängung wirkt der Heilung entgegen. Jeder Prozeß in unserem Hirn und unserem Körper hat einen evolutionären Grund. Das Weinen abzublocken bedeutet, gegen den Schwung der Evolution anzukämpfen. Deshalb scheinen diejenigen, die aus der Tiefe weinen, den Vorgang der Evolution »neu in Gang zu setzen« — mit vierzig Jahren setzt Bartwuchs ein. Weisheitszähne entstehen bei jemandem, der fünfundvierzig ist, und bei einer Frau von fünfunddreißig wachsen die Brüste. Der genetische Kode kann jetzt seiner Bestimmung folgen; diese Bestimmung ist Wachstum, Heilung und Gesundheit — keine schlechte Leistung für winzige Tröpfchen Feuchtigkeit. Stellen Sie sich nur vor: Tränen haben die Macht, unsere Physiologie zu verändern, unsere Persönlichkeit zu wandeln und den Motor der Evolution wieder anzuwerfen. Was vielen von uns wie Schwäche vorkam, erweist sich als eine der stärksten Kräfte auf Erden.
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