Teil 3
Wie wir gesund werden
14 Über die Natur des Normalen
Janov 1991
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Sind Sie normal, wenn Sie denken, Sie seien normal? Nicht unbedingt. Sind Sie normal, wenn andere denken, Sie seien normal? Nicht unbedingt. Wenn Sie normal sind, werden Sie kaum darüber nachdenken. Wenn Sie nicht normal sind, werden Sie wahrscheinlich darüber nachdenken. Wenn Sie denken, Sie seien normal, dann sind Sie es vermutlich nicht. Alles scheint sich im Kreis zu drehen. Kann Normalität je bestimmt werden?
Verhalten ist nur ein Teil des Normalseins
Wir müssen uns von der Vorstellung freimachen, daß »normal« und »neurotisch« nur Verhaltensweisen beschreiben. Verhalten ist nur ein Teil davon. Psychologie sollte nicht einfach die Wissenschaft vom Verhalten oder das Studium von Erscheinungsweisen sein, genausowenig wie Navigation und Ozeanographie das Studium von Eisbergspitzen sein sollten. Wäre Ozeanographie auf das Studium der Spitzen von Eisbergen beschränkt, dann würden eine Menge Schiffswracks herumliegen. Wenn wir fortfahren, die Psychologie als Wissenschaft vom Verhalten anzusehen, dann wird es eine Menge mehr menschlicher Wracks geben.
Bestimmung des Normalen
Gibt es etwas, das man als Beweis dafür anführen kann, daß man normal ist? Können Menschen normale Dinge tun? Gibt es ein Meßgerät, das anzeigt, wann Sie etwas Normales gesagt haben? Jeder von uns ist anders, und deshalb ist das, was beim einen normal ist, beim anderen nicht unbedingt auch normal. Die Maßstäbe sind individuell. Sie können nur das tun, was für Sie normal ist. Im allgemeinen wird ein Durchschnitt für die Gruppe errechnet, und dieser wird dann als normal bezeichnet. Abweichungen von der Norm sind daher nicht normal. Doch durchschnittlich zu sein ist nicht dasselbe, wie normal zu sein.
Diejenigen, die psychologische Tests entwickeln, stimmen mir vielleicht nicht zu, da sie zu denen gehören, die eine Gruppenreaktion auf bestimmte Fragen aufnehmen und das Normale bestimmen, indem sie das durchschnittliche Ergebnis berechnen.
Normal bedeutet, daß alle Systeme so funktionieren, wie sie angelegt waren. Ein normaler Blutdruck könnte 110/70 betragen. Jemand mit einem Blutdruck von 180/110 ist nicht normal. Wir wissen dies empirisch, weil ständig erhöhter Blutdruck zu Krankheitszuständen wie Schlaganfall führt. Doch nun kommen wir zum ersten Widerspruch. Ist der durchschnittliche Blutdruck »normal«? Es kann sein, daß der Blutdruck der allgemeinen Bevölkerung, nach dem wir unsere Normen ausrichten, zu hoch ist.
Auf ähnliche Weise haben wir bei unseren Untersuchungen der Körpertemperatur festgestellt, daß nach einer Periode der Primärtherapie die Körpertemperatur übereinstimmend um ungefähr ein Grad Fahrenheit absank. Es gab viele Personen, deren Norm nach der Therapie unter dem Standardwert 98,6 Grad Fahrenheit lag. Die alten Durchschnittswerte galten nicht mehr. Sie spiegelten keine Normalität mehr wider.
Der Kontext des Normalen
Was für die Gruppe in Therapie normal war, veränderte sich, und die Veränderung trat erst ein, nachdem es uns gelungen war, einen gewissen Schmerzpegel aus den Systemen der betreffenden Personen zu entfernen.
»Weinen Sie häufig?« ist eine Frage, die in vielen psychologischen Tests Neurose messen soll. Die meisten Leute weinen nicht häufig. Die Norm lautet daher »nein«. Nehmen wir jedoch an, man werde entdecken, wie wir es getan haben, daß normale Leute leichten Zugang zu ihren Tränen haben und daß es die Kultur ist, die ein Verhalten etabliert hat, nämlich die Tränen zurückzuhalten, was in Wirklichkeit nicht normal ist.
Die meisten von uns werden schon zur Zeit ihrer Geburt durch Schmerz verbogen; wir glauben also, unsere spezielle Abweichung sei normal. Wir sind auf diese Weise zur Welt gekommen. Dann wird unser Verhalten von der Kultur geformt, und diese Kultur bestimmt, welches Verhalten normal ist. Viele Stunden am Tag zur Schule zu gehen und im Unterricht zu sitzen wird beispielsweise als gut angepaßt und normal angesehen. Von einem Kind, das nicht sechs Stunden am Tag stillsitzen möchte, denkt man, etwas stimme mit ihm nicht. Was nicht stimmt, könnte sein, daß ein solches Kind normal ist.
Die Neurose soll dafür sorgen, daß wir uns wohl und normal fühlen. Wenn die Neurose funktioniert, fühlen wir uns normal. Wenn die Neurose nicht funktioniert, fühlen wir uns nicht normal. Wenn wir uns also der Normalität nähern und Zugang zu uns selbst (und zu unserem Schmerz) haben, fangen wir an, uns abnorm zu fühlen, und gehen vielleicht in eine Psychotherapie, damit wir uns besser fühlen und wir die Neurose zurückgewinnen, damit wir wieder unser altes, normales Selbst spüren können.
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Was dem einen sin Uhl ...
Solange wir es nicht mit Geisteskrankheiten zu tun haben, steht es einer Person nicht zu, die Normalität einer anderen zu beurteilen oder private Kriterien für das aufzustellen, was normal ist. Kein Therapeut kann wissen, was in Körper und Gehirn eines anderen Menschen vorgeht. Abraham Maslow versuchte vor zwei Jahrzehnten Kriterien für Normalität aufzustellen. An der Spitze seiner Liste standen das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Gipfelzuständen — deren Existenz zweifelhaft ist, die jedoch für Maslows liberalen Geist durchaus eine Möglichkeit darstellten. Tatsächlich erheben viele von uns persönliche Probleme, Triebe, Werte und Defizite in den Rang eines Prinzips und bezeichnen sie als normal.
So glauben Freudianer beispielsweise, die Fähigkeit, Lust aufzuschieben, sei ein Zeichen von Normalität. Doch viele Neurotiker können Lust aufschieben. Tatsächlich fürchten sie sich vor der Lust und glauben, wenn sie zu sehr genössen, könne etwas Schlimmes passieren. Einige holistische Schulen glauben, es sei normal, »drauflos« zu gehen. Doch dieses »Drauflosgehen« kann sowohl ein Zeichen von Spontaneität als auch von neurotischer Impulsivität sein.
Erschwert wird das Problem der Normalität noch dadurch, daß jedes therapeutische System seine eigenen Kriterien für das Normale hat. Für einige ist es die Fähigkeit, die eigenen Träume zu analysieren, für andere die Fähigkeit zur Einsicht. Wieder andere sehen es in sozialer Anpassung — verheiratet zu sein, einen Job zu behalten, an einem Ort zu bleiben. Das ist eine Diktatur der Therapie. Therapeuten entscheiden, was für jemand anderen normal ist. Wie und was sie entscheiden, kann von ihren eigenen psychophysiologischen Abweichungen abhängen. Ich habe bemerkt, daß die Gedanken und Überzeugungen von Menschen dem folgen, was sie sind. Eine neurotische Therapeutin, die ihre eigenen Gefühle nicht zur Kenntnis nimmt, wird Fühlen nicht als Bedingung für Normalität betrachten.
Was normal also bedeutet, ist, daß alle Systeme normal funktionieren. Das hört sich an wie ein Zirkelschluß, aber eingeprägter Schmerz tendiert dazu, das Funktionieren auf allen Ebenen des menschlichen Organismus zu beeinträchtigen. Das System, Körper und Psyche, kompensiert dann, weil es Normalität anstrebt oder ein Gleichgewicht herzustellen versucht. Diese Kompensation kann die Form einer ausgefeilten Theorie annehmen über das, was normal und was abweichend ist.
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Fast alles neurotische Verhalten ist ein Versuch, das System zu normalisieren oder zu »berichtigen«. Vielleicht trinkt jemand fünf Tassen Kaffee am Tag, weil seine frühen Prägungen ein »niedergeschlagenes« System mit geringer Energie und einer Tendenz zur Depression erzeugt haben. Kaffee hilft. Das erscheint normal. Der Betreffende fühlt sich wohler, wenn er viel Kaffee getrunken hat. Er fühlt sich als »er selbst«.
Die Abnormität seiner Praxis beginnt er erst zu erkennen, nachdem er seinen frühen parasympathetischen Prototyp gefühlt hat. Fünf Tassen Kaffee zu trinken ist nicht normal, weil kein normales System soviel künstliche Stimulation ertragen kann. Chronische künstliche Stimulation in Form von Dingen wie Kaffee, Whisky und Zigaretten ist nicht einfach deshalb abnorm, weil jemand das beschließt. Sie ist abnorm, weil ein heiles System solchen Mißbrauch nicht zuläßt.
Whiskytrinker entscheiden, daß Marihuana abnorm ist, und erlassen Gesetze dagegen. Was ist normal? Ihr Laster oder das, welches sie verurteilen? Leute, die LSD genommen haben, haben »das Licht gesehen« und glauben, wir anderen seien arme, umnachtete Seelen. Sie fühlen sich ganz normal und glauben, es sei normal, ein kosmisches Bewußtsein oder Kontakt mit vergangenen Leben zu verspuren. Diejenigen, die ihren Schmerz gefühlt haben, haben niemals solche Vorstellungen, wohl aber jene, die ihn abreagieren und keine Verbindung zu ihm haben.
Ursprünge des Abnormen
Abnormität beginnt im Mutterleib, wenn die Mutter unter Streß steht und diesen Streß an den Fötus weitergibt, der dann sozusagen einen Gang zulegt, um die Eingabe zu verarbeiten, seine Funktionen verändert und den Spiegel seiner Streßhormone erhöht. Schilddrüsenfunktion, Immunreaktion etc. verändern sich. Damit ist der Boden für die Abweichung von der Normalität bereitet. Das Baby ist bereits abnorm, bevor es das Licht der Welt erblickt. Viel später, wenn es eine Menge Tage erlebt hat, wird es abnorme Vorstellungen entwickeln, die der ursprünglichen Verbiegung entsprechen. Ein solcher Mensch errichtet kein Gedankensystem, das seiner eigenen Biologie zuwiderläuft. Jemand, der voller Wut ist, glaubt nicht an Freundlichkeit. So muß der »kalte Krieger«, einen Feind haben, um das zu rechtfertigen, was in ihm vor sich geht. Er kann komplexe Rationalisierungen dafür entwickeln, warum dieser Feind zu fürchten sei, doch in Wirklichkeit liegt die Gefahr in ihm.
Physiologische Veränderungen sind die Art und Weise, wie sich der Fötus »verhält«. Die Einprägung hat kortikale Repräsentationen auf hoher Ebene, so daß seine Beeinträchtigung schließlich auch das psychologische Verhalten beeinflußt. Die Psyche folgt nur den Prägungen.
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Statistisch ist das Kind einer rauchenden Mutter kleiner, als es seinem genetischen Programm entsprechend sein sollte. Es ist abnorm. Das Kind fühlt sich jedoch nicht abnorm und weiß nicht, daß es kleiner ist, als seine Gene vorschrieben. Das Baby einer trunksüchtigen Mutter ist anfälliger für Krebs. Das Kind mag gut angepaßt erscheinen, aber plötzlich, mit fünfundzwanzig Jahren, wird der junge Mensch krank. Sein System war immer abnorm, aber es gab keine Möglichkeit, das herauszufinden. Vielleicht lagen Veränderungen der Blutplättchen, der Lymphozyten und der Nierenfunktion vor, alle ungesehen und unentdeckt, lauter subklinische Anomalien.
Kinder, die in Waisenhäusern großgezogen werden, wachsen oft nicht ihrem Alter entsprechend. Wenn sie in liebevolle Familien kommen, beginnen sie plötzlich auf natürliche Weise zu wachsen. Sie entdecken dann, was ihre normale Größe ist.
Geliebt zu werden ist normal, weil es dem System erlaubt, normal zu sein. Nicht geliebt zu werden ist abnorm, weil es das nicht tut.
Die psychologische Sicht des Normalen
Sie können nicht krank und gesund (oder normal) zur gleichen Zeit sein. Obwohl sich das selbstverständlich anhört, vertreten viele Angehörige psychiatrischer Berufe die gegenteilige Auffassung. Sie lassen bei der Betrachtung der Normalität den Körper außer acht. Sie denken, es sei nur die Psyche, die neurotisch wird. Man kann jedoch keine veränderte Physiologie haben und normal sein, ganz gleich, wie normal man handelt.
Der normale und der neurotische Zustand bieten ein breites Spektrum möglicher Verhaltensweisen. Das Verhalten eines Menschen, der Schmerzen hat, kann neurotisch sein, nach der Beseitigung verdrängten Schmerzes aber normal. Ein starker Sexualtrieb kann bei Menschen mit erotisiertem Schmerz als neurotisch gelten, während er bei jemandem mit relativ wenig Schmerz als normal angesehen werden kann.
Der Neurotiker richtet seine Ausgaben nicht nach seinen Mitteln. Geld ist die Art und Weise, wie er mit seinem Schmerz umgeht. Es hat große symbolische Bedeutung. Oft gibt er zuviel aus, noch häufiger kann er es überhaupt nicht ausgeben, weil Geld Sicherheit bedeutet. Es ist nicht mehr, was es ist. Es ist jetzt ein Symbol von Bedürfniserfüllung. Viel Geld auf der Bank bedeutet Sicherheit und gibt dem Neurotiker ein behagliches und beruhigtes Gefühl. »Wenn man Geld hat, kann nichts Schlimmes passieren«, ist die zugrunde liegende Formel. Es lindert die Unsicherheit der Vergangenheit, entweder weil nie genug Geld da war oder weil die Eltern des Neurotikers ihm dauernd Angst- und Unsicherheitsgefühle einflößten. Geld füllt die Leere. Ist es normal, sparen zu wollen? Für den Normalen ja, für den Neurotiker nicht.
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Eine meiner Patientinnen gab den Versuch auf, mit anderen zu kommunizieren, und wirkte dumm. Nichts zu sagen schützte sie vor dem Gefühl, daß sie nicht mit ihren Eltern kommunizieren konnte. Ihre fehlende Kommunikation war also neurotisch. Die große Entdeckung, die sie in der Therapie machte und die recht simpel erscheint, ist, daß sie ihr Kommunikationsbedürfnis fast schon seit der Zeit, als sie sprechen lernte, aufgegeben hatte. Der Versuch, Kommunikation herzustellen, hätte bedeutet, daß sie fühlen mußte, wie hoffnungslos das war. Nachdem sie die Unmöglichkeit all dessen gefühlt hatte, konnte sie wieder kommunizieren. Zurückhaltend zu sein war für sie nicht normal.
Man könnte sagen, daß es normal ist, hilfsbereit zu sein. Dennoch gibt es einige Patienten, die ihre Hilfsbereitschaft neurotisch benutzen. Sie lernen, in Gegenwart ihrer Eltern ruhig zu sein, aus dem Weg zu gehen und stets hilfsbereit zu sein, um ihren Zorn zu vermeiden. Hilfsbereitschaft ist in diesem Fall neurotisch. Ein Mensch ohne Schmerz könnte ebenfalls hilfsbereit sein, und dies wäre dann nicht neurotisch.
Neugier, um ein anderes Beispiel anzuführen, ist ein normales Merkmal und sollte es auch sein. Es gibt jedoch Neurotiker, die Neugier als Überlebenshilfe benutzen, indem sie genau wissen, wer jemand ist und welche Motive er hat. Das rührt von dem Zusammenleben mit Eltern her, die man als gefährlich empfindet und von denen man alles wissen muß, um der Gefahr zu entgehen. In diesem Sinne würden intensive Neugier und Scharfblick neurotisch sein.
Was bedeutet all das? »Normal« und »neurotisch« sind nur Worte. Wichtig ist, daß sie einen Zustand beschreiben, der eine Anpassung an das Leben stören kann. Der Begriff »neurotisch« bezeichnet einen Menschen, der keine Kontrolle über sich hat und von unsichtbaren Mächten dominiert wird. Das ist nicht gerade gut. Zum Glück oder leider fühlen die meisten Menschen sich nicht von inneren Kräften beherrscht; sie agieren sie einfach aus. Neurotisch zu sein ist der äußerste zwanghafte Zustand, weil man dazu verdammt ist, sein ganzes Leben lang immer wieder bestimmte Muster zu wiederholen.
Neurose als Korruption und Unzufriedenheit
Ein Neurotiker kann durch die Illusion von Belohnung verwandelt werden, denn das ist es, was in der Kindheit geschah. Die Aussicht auf Sicherheit, Liebe oder Verständnis und Schutz korrumpiert ihn, weil sie auf unerfüllte Bedürfnisse trifft, dieselben Bedürfnisse, durch welche die Korruption überhaupt zustande kam.
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Ein normaler Mensch ist nicht so leicht zu beeinflussen und zu korrumpieren, weil keine freischwebenden unerfüllten Bedürfnisse anzutreffen sind. Er ist nicht übermäßig verlockt, weil Verlockung nicht einen Berg von Bedürfnissen auslöst, von denen er glaubt, sie würden erfüllt.
Der Neurotiker führt ein Leben der Übertreibung. Bedürftigkeit zwingt dazu, zuviel zu rauchen, zu trinken, zu spielen oder zu riskieren. Er neigt entweder zu Über- oder zu Unterreaktionen, weil normale Reaktionen nicht gefühlt und ermessen werden können. Wenn man keine Berührung mit sich selbst hat, sind die eigenen Reaktionen nicht harmonisch; also versucht man, interessiert, erregt oder liebevoll zu reagieren. Doch das ist ein Agieren.
Wenn die Gefühle abgeblockt sind, hat man nicht viel vom Leben. Die Geschenke sind bedeutungslos, die Reisen enttäuschen, denn wenn man reist, nimmt man sich selbst ja mit. Nichts ist so, wie es sein sollte. Wenn der Neurotiker Bilanz ziehen könnte, würde er wissen, daß er sich unbehaglich, unwohl und unzufrieden fühlt. Doch solange seine Neurose am Werk ist, zieht er keine Bilanz. Er macht einfach weiter, arbeitet, geht herum, ist geschäftig. Das löst einen Teil der Spannung und gibt ihm ein Gefühl von Wohlbehagen. Wenn er sich ein Bein bricht und nicht herumlaufen kann, beginnt er zu leiden. Das kann der erste Hinweis darauf sein, daß er schließlich doch nicht so normal ist.
Kriterien für Normalität
Ich habe Tausende von Patienten gesehen, die ihren Schmerz wiedererlebt haben. Sie haben einige Facetten gemeinsam, die ich als normal bezeichnen würde. Ich möchte sie beschreiben.
Das Kennzeichen der Normalität ist die Fähigkeit, zufrieden zu sein. Der Neurotiker ist oft mit fast allem unzufrieden. Ihm fehlt etwas, etwas Entscheidendes, darum hat er nie genug Geld, Sicherheit, Liebe, Sex, Macht, Prestige oder Ruhm. Einfach mit seinem Leben zufrieden zu sein ist eine enorme Leistung. Was den Neurotiker betrifft, so können noch so große Gaben und Leistungen einem ungeliebten Menschen nicht das Gefühl geben, geliebt zu werden. Jemand fühlt sich zufrieden, wenn er als Kind vollkommen geliebt worden ist. Das ist die entspannendste Sache der Welt.
Ehrgeizig zu sein ist in unserer Gesellschaft eine kulturelle Norm. Nach der Beseitigung eingeprägten Schmerzes jedoch sind meine Patienten weniger ehrgeizig und haben weniger Antrieb, nicht weil sie überzeugt worden wären, daß weniger Ehrgeiz normal ist, sondern weil ihr System neue Werte und Verhaltensweisen zu diktieren scheint. Sie arbeiten nicht mehr zwölf Stunden am Tag.
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Es obliegt immer dem Patienten, seine eigenen Werte zu wählen. Sein System weiß viel besser als jeder andere, welche Werte das sein sollten. Nur zu oft ist das, was wir als Ehrgeiz kennen, lediglich umgewandelte Spannung. Hohe Energiepegel, die auf der Aktivierung von Schmerz beruhen, sind in das zielstrebige Verhalten umgeleitet worden, das wir als Ehrgeiz bezeichnen. Jemand möchte »vorankommen«. Vorankommen kann aber analog zu dem Versuch sein, im Geburtskanal voranzukommen. Diese scheinbare »Überdehnung« der Vorstellungskraft wird oft von Patienten berichtet, die den Versuch wiedererlebt haben, bei einer schwierigen Geburt den Geburtskanal zu verlassen. Das Problem bei Neurotikern mit starker Energie ist, daß sie gewöhnlich die Energie fühlen, nicht aber den Schmerz, der dahintersteht.
(hl glaube, es gibt einige klare Kriterien, die man allgemein dazu benutzen kann, Normalität zu definieren und einzuschätzen. Eines ist das Nichtvorhandensein von Kampf. Der Neurotiker hat gelernt, durch Kampf Liebe zu erlangen, da die Liebe ihm ursprünglich nicht ohne Anstrengung gegeben wurde. Der Neurotiker, Mann oder Frau, hat gelernt, daß gewisse Verhaltensweisen Zustimmung und andere Mißbilligung bringen. Also bemüht er sich, gut, bescheiden, still, unprätentiös und nicht frech zu sein. Dies sind keine normalen Verhaltensweisen, sondern solche, die erlernt wurden, um mit den Eltern zurechtzukommen.
Kampf ist die symbolische Art, wie der Neurotiker nach Erfüllung strebt. Er strebt selten einfach nach Liebe. Im Gegenteil, das Muster besteht darin, zuerst jemanden zu finden, der so neurotisch ist wie der Elternteil, und dann zu kämpfen, um Liebe zu bekommen. Man sucht sich eine kühle Frau und versucht, sie warmherzig zu »machen«. Der Kampf um Liebe ist das, was eingeprägt ist, nicht das Empfangen von Liebe. Wenn es so aussieht, als werde er geliebt, fühlt sich der Neurotiker oft noch unglücklicher, denn das zugrunde liegende Gefühl ist es, nicht geliebt zu werden.
Manchmal greifen zwei Neurosen ineinander, und dann scheint eine normale Beziehung zu bestehen. Beide Parteien sind zufrieden. Die Frau, die einen tyrannischen Vater hatte, die einen schwachen Mann braucht, den sie nicht fürchten muß, heiratet einen solchen Mann. Er wiederum sucht nach einer starken Mutter. Das ist eine im neurotischen Himmel geschlossene Ehe. Beide Wahlen sind symbolisch, ein Ausagieren in der Gegenwart, um die Vergangenheit zu meistern.
Ein weiterer Faktor der Normalität ist das Fehlen von neurotischer Spannung, der Spannung, die jemanden ständig in Bewegung hält, dauernd reden, mit Fingern und Füßen tappen, die Augen verdrehen und den Kopf bewegen läßt, in straffer Haltung, zitternd, scheinbar angeregt und temperamentvoll, oder aber mit undurchdringlichem Gesicht und »erstarrt«. Normale Menschen wirken entspannt. Man kann leicht mit ihnen reden, und weil sie innerlich nicht blockiert sind, spürt man ihre Wärme. Sie können gelassen geben und nehmen, und wenn sie sprechen, hört man Gefühle.
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Ein normaler Mensch ist liebevoll, weil er oder sie Zugang zu Gefühlen hat und sich wirklich einfühlen und mitempfinden kann. Normale Menschen sind zur Anteilnahme fähig. Im Gegensatz zum Neurotiker können sie sich über die Leistungen anderer freuen. Der Neurotiker hat damit ein Problem. Der Normale ist nicht von Natur aus prahlerisch, egoistisch, aggressiv, unkooperativ, egozentrisch und defensiv. Wer verdrängt, ist nicht voll menschlich, ganz gleich, für wie humanistisch und/oder altruistisch er sich hält. Wenn Teile der eigenen Menschlichkeit abgeblockt sind, kann man unsensible, grausame Dinge tun, ohne die Wirkungen seiner Handlungen zu kennen.
Der Neurotiker ist per Definition egozentrisch. Gewöhnlich muß er jedes Gespräch nur auf sich selbst beziehen; er ist ein Mensch von konstanter Selbstbezogenheit. Er kann nicht wirklich zuhören. Sein Schmerz und seine Bedürftigkeit hindern ihn daran, andere zu sehen und sich vorbehaltlos auf etwas außerhalb seiner selbst zu konzentrieren. Bei jedem sozialen Anlaß versucht er, sich selbst etwas hinzuzufügen.
Narzißmus ist also ein Schlüsselfaktor bei der Unterscheidung zwischen Normalität und Anomalie. Gibt es einen gesunden Narzißmus? Nein. Das ist ein Oxymoron — ein Widerspruch in sich. Ist Selbstliebe normal? Normale Menschen lieben sich nicht selbst; sie leben einfach und denken nicht darüber nach, ob sie sich lieben oder nicht. Diese Frage kommt in ihrem Repertoire nicht vor. Ein geliebter Mensch, der durch elterliche Liebe geformt ist, denkt nicht darüber nach. Es ist eine Gegebenheit wie die Farbe seiner Augen und kein Thema, über das man diskutieren muß.
Der Normale kann auch Kritik vertragen, weil nicht seine ganze Welt zusammenbricht, wenn jemand anderer Meinung ist. Er fühlt sich nicht vernichtet, wenn anderen nicht gefällt, was er tut. Der Neurotiker wehrt sich gegen diese Art von Kritik, weil man ihm überhaupt beigebracht hat, in bezug auf sich selbst ein schlechtes Gefühl zu haben. »Ich muß schlecht sein, weil mich keiner liebt«, lautet die unbewußte Gleichung. Deshalb ist er nicht offen für Vorschläge oder neue Ideen oder irgend etwas, das nach Herausforderung seiner eigenen Handlungsweise riecht. Der Normale ist offen für das, was andere sagen, und kann es akzeptieren. Defensives Verhalten ist nicht normal.
Ist es normal, in die Politik zu gehen? Ich habe keine Patienten nach beendigter Primärtherapie gesehen, die Verlangen danach hatten, in die Politik zu gehen. Im Gegenteil, sie können sich nicht vorstellen, irgend jemandes Leben außer ihrem eigenen bestimmen zu wollen. Das allein ist eine Vollzeitbeschäftigung. Jemand, der ungeliebt war, braucht es, von Millionen gewollt und respektiert zu werden. Er braucht immer mehr.
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Seine Realität ist das Gefühl der Unerfülltheit, und vergessen Sie nicht, wir reagieren immer zuerst auf unsere primäre innere Realität.
Normal ist, was immer normale Menschen tun. Der Trick besteht darin, herauszufinden, wer und was normal ist. Wenn Sie genauso, wie Sie waren, akzeptiert und geliebt worden sind, dann sind Sie wahrscheinlich normal. Normalität strahlt aus, ebenso wie Neurose.
Da es keine therapeutische Diktatur gibt, die bestimmt, was und wer normal ist, muß jeder von uns das für sich selbst herausfinden. Das ist eine erleichternde Entdeckung. Kann die Einsicht in die eigene Neurose jemanden normal machen? Die geistige Wendung, die man als Einsicht kennt, hat keinen Einfluß auf eine veränderte Psychophysiologie.
Der Normale ist intelligent, ohne unbedingt intellektuell zu sein. Er weiß, was richtig und gut für ihn ist. Er führt das Leben, das er braucht. Er stellt keine falschen Ziele auf und kämpft dann darum, sie zu erreichen. Seine Bedürfnisse sind bescheiden und maßvoll. Er lebt nicht in seinem Kopf. Neurotischer Intellekt dient dazu, den Menschen von sich selbst losgelöst zu halten. Universale Ideen und breites Wissen helfen einem Menschen selten, eine Beziehung herzustellen und zu bewahren oder mit zwanghaftem Rauchen und Trinken aufzuhören. Der Intellekt wurde ursprünglich angelegt, um unsere Instinkte und Gefühle zu leiten und unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Neurotischer Intellekt arbeitet gegen die Bedürfnisse.
Der normale Mensch ist ein historisches Wesen. Er ist sich seiner Vergangenheit bewußt und hat Zugang zu fernen Erinnerungen. Er spürt, daß sein Leben ein Kontinuum ist. Normalität ist für ihn, ganz und integriert zu sein, vergangen und gegenwärtig. Neurotisch zu sein bedeutet, von seiner eigenen Geschichte abgeschnitten zu sein - ein ahistorisches Wesen.
Die Träume eines Normalen sind so klar und realistisch wie er selbst. Erinnerungen niedrigerer Ebenen werden nicht mehr abgeblockt und auf bizarre Traumsymbole gerichtet. Die Erinnerung ist das, was sie ist. Er hat keine Alpträume, und er weiß, was seine Träume bedeuten, ebenso wie er weiß, warum er ein Symptom hat. Kurz gesagt, sein Körper ist ihm nicht länger ein Rätsel.
Der normale Mensch ist arglos. Er hat keine Fassade, nichts zu verbergen, nichts vorzuspiegeln. Er ist, was er ist. Deshalb erlaubt er anderen, in seiner Gegenwart sie selbst zu sein. Er steht sich selbst nicht so fern, daß er nur mit verdrängenden, distanzierten, emotionslosen Menschen umgehen kann. Er ist nicht so dominierend, daß er nur mit schwachen, passiven Seelen verkehren kann. Eine normale Frau ist nicht so ängstlich, daß sie das Haus nicht verlassen kann. Angst zu haben ist normal, wenn es Grund dazu gibt. Angst zu haben, wenn es keinen ersichtlichen Grund dafür gibt, ist neurotisch.
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Der Neurotiker ist in gewissem Sinne unvollständig. Er sucht nach dem Rest seiner selbst, sucht nach der anderen Hälfte seines Nervensystems. Der sehr verklemmte Mensch findet den lockeren, mit dem er umgehen kann. Der wilde, unkontrollierte Hysteriker findet den kontrollierenden Partner.
Früh im Leben verbogen zu werden bedeutet, daß neurotische Eltern Liebe mit einer Bedingung verbanden, der Bedingung, daß man das ist, was sie brauchen, und nicht das, was man selbst ist. Das wird immer gelten, solange Eltern bedürftig sind. Neurotiker meiden Normale. Sie sind ihnen keine Trinkkumpane und gehen auch nicht mit zum Glücksspiel. Sie schmeicheln ihrem Ego nicht und bauen auch nicht ihr Selbstwertgefühl auf. Man kann Normale nicht dazu benutzen, seine eigene Persönlichkeit zu errichten.
Das Prinzip lautet so: Realität umgibt sich mit Realität, wie Irrealität sich von Irrealität angezogen fühlt. Der normale Mensch braucht und schätzt Schmeichelei nicht. Der Neurotiker lebt dafür. Der Normale kann gesundes Lob akzeptieren; der Neurotiker ist ständig auf der Suche danach.
Der mystische Neurotiker kommt nicht gut mit denen aus, die nicht glauben. Wenn er sich einen Guru und Beschützer erwählt, bleibt er nicht bei jenen, die fühlen, daß seine Suche lächerlich ist. Seine irrealen Ideen brauchen Verstärkung, keine Herausforderung. Es geht darum, nicht mit denen umzugehen, die in der Realität leben, weil auch das zu schmerzlichen Erkenntnissen führen könnte.
Der normale Mensch ist durch seine Stabilität gekennzeichnet. Übrigens ist Stabilität kein Synonym für »Langeweile«. Der normale Mensch wirkt vielleicht nicht so aufregend wie der instabile Mensch, der reisen, Abenteuer suchen und sein Leben aufs Spiel setzen muß. Das Leben des Normalen ist vielleicht nicht so spannend wie das eines unkontrollierten Neurotikers, der bizarre und ungewöhnliche Dinge tut, aber das bedeutet nicht, daß der Normale nicht interessant ist. Er ist in einem inneren Zustand, der Gefühle vermittelt, und hat Zugang zum inneren Bereich. Er findet seinen Sinn nicht in pyrotechnischen Spielen, sondern in innerer Erfahrung.
Wer beurteilt Normalität?
Ist es normal, jeden Tag zehn Meilen zu laufen? Das kann es sein, wenn ein normaler Mensch dies tun möchte. Doch es gibt da draußen viele Besessene, die jeden Tag laufen müssen. Sie arbeiten Spannung ab und fühlen sich deshalb wohl dabei. Aber es ist nicht normal. Ist es normal, viel zu reden? Es gibt etliche Leute, die eine Menge zu sagen haben. Es gibt andere, die eine Menge sagen müssen, weil es sich gut anfühlt.
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Sie sind neurotisch-normal. Sie tun normale Dinge auf neurotische Weise. Einer meiner früheren Kollegen fuhr im Lande herum und hielt Vorträge. Er erhob seine Neurose zu einer Kunstform; »Vorträge halten« war das, worum es ihm ging.
Ist der normale Mensch energiegeladen? Ja Er ist es, weil seine Energie nicht in der Schlacht der Verdrängung verbraucht wird. Allzu energiegeladen zu sein ist jedoch nicht normal. Wie erkennt man den Unterschied? Das Zusammensein mit einem hyperenergischen Menschen ist ermüdend.
Kann man sich vorstellen, daß ein normaler Mensch eine Zigarette aus einer Packung nimmt, auf der geschrieben steht »Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit?« Es ist nicht normal, irrational zu sein. Wenn Sie rauchen und dabei wissen, daß sie ein hohes Krebsrisiko eingehen, ist das nicht rational. Doch Schmerz zwingt die Menschen, irrational zu sein. Rauchen und Trinken sind neurotische Verhaltensweisen und Versuche, normal zu sein — den Schmerz auf ein handhabbares Maß zu beschranken.
Der Normale versucht, sich das Leben leicht zu machen. Nicht so der Neurotiker, der sein Leben oft kompliziert. Oft kann er sich nicht genügend organisieren, um pünktlich zu sein. Vielleicht kommt er zu spät, weil er es nicht ertragen kann, auf andere zu warten. Unbewußt richtet er es so ein, daß sie auf ihn warten. Er muß unter Druck funktionieren (wobei er wieder und wieder den Druck von innen neu erzeugt), also wartet er bis zur letzten Sekunde, ehe er sich bereit macht, und kommt dann unweigerlich zu spät. »Ich werde um acht da sein«, bedeutet etwas anderes. Er wird nicht um acht da sein. Vielleicht ist er so zerstreut, daß er seine Verabredungen vergißt.
Der Normale kann lieben. Er kann geben. Er kann liebevoll sein, etwas, womit der Neurotiker Schwierigkeiten hat. Die neurotische Mutter versucht nur zu oft, die Liebe von ihren Kindern zu bekommen, die sie als Kind nicht erhalten hat. Der Normale kann seine Kinder in Frieden lassen, weil er sich keine alten Bedürfnisse erfüllen muß.
Es besteht immer eine Art emotionaler Barriere zwischen dem Neurotiker und anderen. Je näher er sich selbst und seinen Gefühlen kommt, desto näher kann er auch anderen kommen. Menschen, die emotional distanziert sind, stehen zuerst sich selbst fern.
Der Normale ist körperlich ungewöhnlich gesund. Sein System funktioniert ohne die alte, schmerzliche Bürde, die schließlich den Körper des Neurotikers abnutzt. Der Normale läuft nicht wegen dieser oder jener Beschwerden dauernd zum Arzt. Fast jeder Neurotiker hat etwas — Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Muskelverspannung, Sehnenentzündung. Rückenschmerzen etc. Der Normale verschwendet weder Zeit noch Geld auf die ständige Jagd nach Gesundheit.
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Der Neurotiker schafft einen Kokon, in dem er sich sicher fühlt. Die Zeitung, die er liest, die Leute, mit denen er verkehrt, die Musik, die er hört, alles tragt dazu bei, seine Überzeugungen und seine Weltsicht zu verstärken. Er erschafft seine Welt jeden Tag wieder, um neurotisch zu bleiben. Der Normale entdeckt die Welt ständig neu, um seinen Horizont zu erweitern. Was der Neurotiker am meisten genießt, ist eine Gelegenheit, neurotisch zu sein, seine Neurose voll auszudrücken.
Viele halten den Glauben an Gott für normal. Hier treffen sich der Durchschnitt und die Normen. Neunzig Prozent der Amerikaner glauben an Gott; natürlich betrachten sie ihren Glauben als normal. Wenn man Mitglied einer Kirche ist, wird die Überzeugung, Gott spreche zu uns und sende uns eine Botschaft, unter den Gläubigen ebenfalls für normal gehalten. Wenn man jedoch auf der Straße geht und glaubt, Gottes Stimme zu hören, die ebendiese Botschaft übermittelt, dann könnte man das als psychotisch ansehen. Das hängt auch vom Inhalt der Botschaft ab. Wenn man Gott sagen hört: »Der Teufel wird dich bestrafen«, dann wird man als weniger verrückt angesehen, als wenn man Gott sagen hört: »Der Teufel sagt, du sollst deinen Nachbarn bestrafen.«
Ist normal zu sein dasselbe wie glücklich zu sein? Ich weiß nicht genau, was »glücklich« ist.. Ich denke, daß es normal ist, zufrieden zu sein. Viele Neurotiker versuchen, Dinge zu tun, um sich selbst glücklich zu machen. Einige sind glücklich, wenn sie viel Sex haben, während andere befriedigt sind, wenn sie viel Geld haben. Sie sind nur deshalb glücklich, weil sie ihre Spannung reduziert haben. Das Verringern von Spannung aber ist nicht Glück. Sich wohlzufühlen ist daher nicht immer mit Normalität gleichzusetzen — es sei denn, Sie sind überhaupt normal.
Kann man seine Normalität fühlen?
Ist »Normalität« ein Gefühl? Kann man fühlen, ob man normal ist? Leider nicht. Es gibt kein Etikett, das dasteht und lautet »normal«. Wenn man sein gesamtes Selbst erleben kann, ist man normal. Wenn man es nicht kann, ist man nicht normal. Wenn Sie denken, Sie fühlten Ihre Normalität, sind Sie in Schwierigkeiten.
Wenn Sie sich zufrieden, entspannt, ungetrieben und wohl fühlen, sind Sie normal. Der Schlüsselsatz lautet hier »Wenn Sie sich fühlen.« Wenn Sie das nicht tun, geht Ihre Phantasie ans Werk, um Sie glauben zu machen, Sie seien normal. Der mystische Neurotiker fühlt sich nie einfach nur wohl. Er fühlt sich »geradezu wundervoll«.
Gibt es also wirklich keine objektiven Kriterien für Normalität? Unsere Untersuchungen der Hormonspiegel nach der Beseitigung des Schmerzes der Patienten sind hilfreich zur Beantwortung dieser Frage.
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Nachdem der Schmerz verringert war, wiesen alle unsere Patienten Hormonveränderungen auf, aber bei einigen Männern war der Testosteronspiegel erhöht, bei anderen gesunken. Normalität war keine Frage von Meinungen oder einvernehmlicher Validierung. Sie war für verschiedene Menschen verschieden.
Viele Angehörige psychiatrischer Berufe betrachten die Neurose nicht als biologisch, und so ist ihre Auffassung von Normalität natürlich auf die Psyche beschränkt. Sie handeln normal, ergo sind sie normal. Das Teuflische an der Normalität ist, daß wir für um so normaler gelten können, je besser unsere Abwehr ist. Wir leiden nicht sichtbar. Wir funktionieren, und wir kommen zurecht.
Schon der Begriff »psychiatrische Berufe« zeigt die Grenzen der Psychotherapie auf. Freud sah da klarer. Er sprach von den »Organneurosen« und postulierte, daß Organe Neurosen manifestieren. Diese Beobachtung war zwar in freudianisches Kauderwelsch über Es und Überich gekleidet, aber trotzdem sah Freud die Neurose in unserer Biologie.
Kann Psychotherapie uns normal machen? Nein. Eine Psychotherapie kann Ihre Psyche verändern, aber sie wird Sie nicht normal machen. Nur eine erfahrungsbezogene Therapie, die Körper und Psyche umfaßt, kann das bewirken. Und in Wirklichkeit kann keine Therapie Sie »normal« machen; sie kann Sie nur zu einem Ex-Neurotiker machen.
Eine Psychotherapie kann Ihnen beibringen, sich auf Arten zu verhalten, die als normal gelten. Sie können lernen. Ihre Impulse zu kontrollieren und weniger zwanghaft zu handeln. Aber Sie werden nicht normal sein.
Indem sie versucht Verhalten zu ändern, bemüht sich die moderne Psychotherapie, eine normale Fassade herzustellen. Dies treibt den Schmerz tiefer in den Körper und macht ihn noch unzugänglicher. Dann wird der Patient für »gebessert« erklärt, obwohl man so etwas wie »Besserung« gar nicht anvisieren kann. Bestenfalls können wir erreichen, daß jemand er selbst ist. Man kann nie besser sein als man selbst.
Es gibt zahlreiche Fachleute, die glauben, ein gewisses Maß an Spannung sei normal und notwendig. Sie sagen, man brauche Angst, um das System zu elektrisieren. Sie glauben, wenn es keine Spannung gäbe, gäbe es auch keinen Antrieb, erfolgreich zu sein. Sie nehmen einen neurotischen Zustand und erklären das Streben nach neurotischen Zielen zu einer Tugend. Ich glaube noch immer, daß neben der Neurose eine der größten Bedrängnisse der Menschheit ihre Behandlung ist.
Nach meiner Beobachtung haben Menschen mit wenig Spannung dennoch eine Motivation, sind dennoch produktiv und oft erfolgreich, aber nicht, weil sie getrieben sind. Das normale Gehirn ist nicht so geschäftig wie andere. Deswegen kann es etwas in den Brennpunkt stellen und sich darauf konzentrieren und hat eine lange Aufmerksamkeitsspanne.
Der Begriff des Normalen ist wichtig, weil die meisten Psychotherapien, bewußt oder nicht, auf einen Zustand abzielen, den sie für normal halten. Wie sie Normalität definieren, entscheidet über ihre Therapiemethoden und ihre Ziele für den Patienten. Wenn der Patient irreale Ziele anstrebt, selbst wenn er sie erreicht, bleibt er deswegen doch irreal. Die Therapie des Biofeedback beispielsweise entscheidet, daß Sie ein bestimmtes Gehirnwellenmuster haben sollten, das Entspannung anzeigt. Normalität ist an dieses Wellenmuster gebunden. Normal bedeutet jedoch nicht, daß Sie Ihre Gehirnwellen kontrollieren. Es bedeutet, daß Sie ohne Anstrengung oder Kontrolle bestimmte Wellenmuster aufweisen.
Andere Therapien geben sich damit zufrieden, daß Symptome verschwinden. Sie meinen, daß etwas nicht zu sehen Normalität bedeutet. Wir wissen, daß die Vertreibung eines Symptoms nicht unbedingt ein Indikator für Normalität ist. Wenn das Symptom mit der Lösung des Schmerzes verschwindet, ist das eine Sache; wenn man es jedoch so zu manipulieren versucht, daß es verschwindet, ist es eine ganz andere.
Wir müssen dem Patienten vertrauen — nicht nur dem, was er sagt, sondern auch dem, was sein Körper sagt. Es gibt keinen höheren Richter im Universum als den Körper. Kein Experte wird jemals mehr wissen.
Das bedeutet, daß jeder von uns die absoluten Kriterien für Normalität in sich trägt und auch die Mittel zu seiner eigenen Heilung. Therapeuten brauchen nicht länger »der Doktor« zu sein, der Feststellungen über Patienten trifft, und Patienten brauchen nicht mehr brillant oder angepaßt zu handeln. Auch sie können auf sich selbst vertrauen, weil der Körper der Doktor ist. Der Körper stellt seine eigene Diagnose. Das sieht aus wie ein Wunder, aber es ist nur normal.
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