T-2    Start      Weiter  

     13  Sex, Sinnlichkeit und Sexualität   Janov 1991

 

303-318

Ein Sexproblem ist kein Sexproblem, es sei denn, es ist ein Sexproblem. Das hört sich nach einem Widerspruch oder wie bloße Semantik an. Das ist nicht der Fall. Sexprobleme spiegeln wider, was wir als gesamte menschliche Wesen sind, und reflektieren unsere Neurosen. Das Sexproblem aus der conditio humana herauszulösen, würde bedeuten, in einem Menschen nicht mehr als eine Ansammlung von Teilen zu sehen, die hier und da reparatur­bedürftig sind — eine höchst mechanistische Sichtweise.

Sexprobleme ähneln sehr unseren Träumen — Verdichtungen unseres ganzen Lebens, umschrieben und dennoch tiefe unbewußte Prozesse wider­spiegelnd und symbolisierend. Ein Sexproblem ist selten bloß ein Sexproblem. Der Neurotiker, so fixiert er oder sie auch auf Sex sein mag, kann nicht wirklich sexuell sein, weil die Neurose mit ihrer Verdrängung des Fühlens entsexualisiert. Für den fühlenden Menschen ist jeder sexuelle Akt ein sexueller Akt. Für den Neurotiker ist der sexuelle Akt mit alten neurotischen Bedürfnissen befrachtet, die nie befriedigt werden können, und daher im Grunde eine erotisierte Spannungs­entladung. 

   Frigidität bei zwei Frauen   

Lassen Sie mich zwei Frauen beschreiben, die ich kürzlich gesehen habe. Beide waren in Primärtherapie. Die erste Frau konnte keinen Orgasmus haben. Sie galt als frigide. Sie hatte Sextherapeuten aufgesucht, um sexuelle Techniken zu erlernen, aber ohne Erfolg. Die Techniken veränderten ihren Gefühlszustand nicht. Sie wurde aufgeregt und machte dann einfach dicht. Als ihre Therapie voranschritt, veränderten sich die Dinge. Nach acht Monaten konnte sie eine gewisse sexuelle Erregung erreichen, bekam dann jedoch Hustenanfälle und oft das Gefühl, sie würde ersticken. Nach einem Jahr und zwei Monaten Therapie konnte sie eine größere Erregung erreichen und stellte dabei etwas Eigenartiges fest: daß sie bei einem gewissen Erregungsgrad in ein Geburts-Primärerlebnis geworfen wurde. Sie krümmte sich, bäumte sich auf, drehte und wand sich; schließlich fiel sie in Krämpfe, blieb aber bei Bewußtsein.

Sie erkannte, daß ihre Frigidität von einem tiefen Geburtstrauma herrührte, das massive Verdrängung und anschließend die Unfähigkeit hervorgerufen hatte, überhaupt etwas zu fühlen. Das schloß den Sex ein. Es handelte sich um eine so frühe und daher tiefe Verdrängung, daß sie alle vollen Gefühlserfahrungen abblockte. Es war, als sitze das verdrängte Geburtstrauma auf allen anderen Gefühls­erfahrungen, und beim Sex traten dieses Trauma und seine Verdrängung auf den Plan, bevor es zu irgendeinem anderen Gefühl kommen konnte. Sie konnte auf keine Weise die Konvulsionen des Orgasmus erleben, solange sie das konvulsive Trauma vom Beginn ihres Lebens niederhalten mußte.

Nach zwei Jahren Therapie begann sie, Geburts-Primärerlebnisse zu haben. Eines Tages, nach zweieinhalb Jahren und etwa fünfzig Geburts­primär­erlebnissen, stellte sie fest, daß ihre Genitalien nach einer der Wieder­erlebens­episoden stark sekretierten — einer Episode, die direkt nichts mit Sex zu tun hatte. Dennoch war es befreiend und blieb so. Nach drei Jahren war ihre Frigidität drastisch vermindert, und sie konnte Orgasmen haben. Sie hatte ein konvulsivisches, verkapptes Trauma wiedererlebt und konnte nun die Konvulsionen der Lust zulassen. Das war eine ungeheure Leistung, die zustande kam, ohne daß die Patientin das Sexualproblem direkt in Angriff genommen hätte.

Wer die vielen hundert qualvollen Stunden ihrer Primärerlebnisse gesehen hätte, hätte das Ausmaß von Schmerz und Verdrängung erkannt, das sexuelle Erfahrung blockieren kann. Er hätte erkannt, wie wenig Sexualtherapie in solchen Situationen ausrichten kann. Die zweite Frau lernte in der Therapie, daß sie einen Berg von Traurigkeit in sich trug. Immer, wenn sie einen Orgasmus hatte, weinte sie. Jedesmal, wenn sie sexuelle Gefühle zu erleben versuchte, kamen auch andere Gefühle hoch. Diese Gefühle waren alle aus einem Stück. Wenn sie Erregung spürte, erregte das auch die Traurigkeit; sie fühlte alles auf einmal.

Die einzig wirklichen Sexualprobleme sind die, die eine Folge mangelnder Aulklärung und Erfahrung sind. In solchen Fällen ist ein Sexproblem ein Sexproblem. Diese Fälle sind selten. Es trifft jedoch zu, daß bei denen, die nicht fühlen können und wenig Erfahrung haben. Aulklärung und Technik eine große Hilfe sind. Allerdings lernen fühlende Menschen ganz allein, das zu tun, was instinktiv und natürlich ist.

Widerlegt das die Erfahrung vieler von uns, bei denen die Atmosphäre zu Hause asexuell bis antisexuell war? Nein, das tut es nicht. Fühlende Eltern sind auch für Sex. Sie gestatten dem Kind all seine Gefühle und unterdrücken es nicht vom Krabbelalter an. Nicht-fühlende Eltern sind in allen Bereichen unterdrückend, wie man sich denken kann. Ein Elternteil, der Gehorsam und Respekt fordert, der dem Kind nicht gestattet, wütend oder eifersüchtig oder fordernd oder aufgeregt und begeistert zu sein, überträgt diese Unterdrückung auch auf den sexuellen Bereich, ohne daß über Sex ein Wort verloren wird.

304


Später, als Erwachsene, finden wir jene freundliche Großmutter, Dr. Ruth (Sexualberaterin in amerikanischen Medien; A.d.Ü.), die offen über Sex spricht und ihn gestattet. Auf ihre Art hilft sie mit, nach besten Kräften die Atmosphäre rund um den Sex zu verändern. Allerdings kann sie nur sehr wenig von dem verändern, was wir in der Kindheit gelernt haben; unser Sexualleben kann bloß aufgrund einer allgemein gefühlsfeindlichen Atmosphäre zu Hause ruiniert sein. Wenn Sie jedesmal, wenn Sie laut und begeistert wurden, von Ihren Eltern zurechtgewiesen wurden, ist es Ihnen später nicht mehr möglich, sich völlig loszulassen. Frühe Erinnerungen, die Sie geformt haben, machen sich störend bemerkbar.

Ein Mädchen hing sehr an seinem Vater, dem einzig gesunden Elternteil. Im Alter von sechs Jahren wurde es durch seinen Tod verheerend traumatisiert und »lernte« dabei, sich nie wieder emotional so tief auf jemanden einzulassen. Sie hielt gefühlsmäßig Distanz und konnte sich dem Sex nicht voll hingeben. In dem Augenblick, in dem sie sich zu sehr an jemanden band und zu erregt wurde, machte sie dicht; die alte Wunde kam hoch. Wenn ihr Körper sich wohl fühlte und Liebe erwartete, erinnerte er sich an den Fortgang des Vaters und die damit verbundene Qual. Dies hinderte sie am Fühlen, und keine bewußte Anstrengung konnte das überwinden. Natürlich erinnerte sie sich nicht an den Tod ihres Vaters, wenn sie Probleme mit ihrer sexuellen Erregung hatte, aber ihr Körper erinnerte sich. Sie mußte den Spuren der Geschichte in ihre Vergangenheit folgen und jene spezifische Erinnerung finden, um das körperliche Problem rückgängig zu machen. Das war durch nichts anderes zu ersetzen, denn in jener körperlichen Erinnerung lagen das Problem und die Lösung.

Sexualität strahlt von Menschen aus, wie auch fehlende Sexualität ausstrahlt. Man spürt, ob sie bei anderen vorhanden ist oder nicht. Der fühlende Mensch hat eine Aura um sich, die nichts mit dem Versuch zu tun hat, sexy sein zu wollen. Entweder man ist es, oder man ist es nicht.

    Sexprobleme sind menschliche Probleme   

Wenn ein Sexproblem also nicht wirklich ein Sexproblem ist, was ist es dann? Es ist ein menschliches Problem. Ehe wir zum sogenannten »Sexproblem« kommen, müssen wir von der conditio humana sprechen. Was bedeutet dieser Begriff? Er bedeutet, unter anderem, daß uns früh in unserem Leben Ereignisse zustoßen, die uns verbiegen. Die entscheidende Bedingung für diesen Verbiegungs­vorgang ist, was wir tun mußten, um Liebe zu bekommen, wie wir unser natürliches und spontanes Selbst verdrehen mußten, um etwas zu bekommen, das wenigstens wie Liebe aussah. Ich sage »wie Liebe aussah«, weil wirkliche Liebe keine Anstrengung erfordert.

305


In dem Augenblick, in dem Sie sich anstrengen, bewußt oder nicht, ist das, was Sie bekommen, keine wirkliche Liebe, sondern ein unbefriedigender Ersatz. Sobald wir einmal verbogen sind, sind wir völlig verbogen, nicht nur in diesem oder jenem Teil unserer selbst.

Dies spiegelt sich dann in unserem Sexualleben wider, das, wie ich Ihnen schon sagte, unseren Träumen ähnelt — Verdichtungen unserer gesamten vergangenen Erfahrung. Darum ist es unser Zentrum — der zentrale Kern, der uns sagen kann, was wir wirklich sind und wie wir verbogen wurden. Tatsächlich gibt es eine starke Äquivalenz zwischen Träumen und Sex. Bei beiden geht es um Gefühle, beide umfassen Verdichtungen unseres ganzen Lebens, beide wirken auf einer Ebene, wo Gefühle in Bilder umgesetzt werden.

 

Gefühle, Symbole und Perversion

Bei sexueller Erregung besteht eine allgemeine Erregung des ganzen Systems. Sexuelle Erregung bedeutet Erregung aller Gefühle: Alte Gefühle steigen auf und lösen die Schaffung von Symbolen aus. Bei bestimmten Perversionen können Gefühle ausgelöst und dann sofort in sexuelle Rituale umgewandelt werden. Der Primärschmerz wird dann erotisiert, so daß der Schmerz nie als das gefühlt wird, was er ist. Für einige ist er Sex; für andere kann er Nahrung sein. Der Impuls, Sex zu haben oder zu essen, ist ebenso stark wie der Schmerz. Wenn man nicht ausagieren kann, beginnt man zu leiden, nicht aus Mangel an Sex oder Nahrung, sondern unter dem realen Schmerz, den das Ritual verdeckt. Im Fall von Exhibitionismus berichten beispielsweise einige Individuen, daß sie sich, wenn sie in ihrem speziellen sexuellen Ritual gefangen waren, fühlten, als seien sie in einer anderen Welt. Die Exhibition war ein Symbol ihres Lebens, in dem ein altes Gefühl aus der Kindheit die Oberhand hatte. Dies gab den Betreff­enden das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein — der alten Welt der Kindheitsgefühle.

Ein Exhibitionist, den ich behandelte, mußte sich auf Parkplätzen in der Nähe von Frauen entblößen, die ihre Autos beluden. Versuchte er, seine Männlichkeit zu beweisen, wie die Psychoanalyse das sehen würde? Nein. Er versuchte, diese Frauen zu schockieren, nur damit sie einfach Emotion zeigten. Er mußte bei seiner Mutter alles übertreiben, denn sie war so »tot«, daß schlichte Emotion nichts in ihr auslöste. Er brauchte eine emotionale Frau, die auf ihn reagierte. Weil andere verbiegende Ereignisse in seinem Leben mit Sex zu tun hatten, kam es zu einer Kombination von Motiven und dazu, daß sein Problem im sexuellen Bereich seinen Brennpunkt hatte.

306


Ein anderer Mann, der die gleiche Art von Mutter gehabt hatte, wurde zum Pornofreak und sammelte einschlägige Magazine. Er war leitender Angestellter eines großen Konzerns, und es war ihm peinlich, daß er Pornoschuppen aufsuchen mußte, aber sein Intellekt konnte ihn nicht daran hindern. Worauf war er aus? Er wollte Lust im Gesicht einer Frau sehen. So einfach war das. Die Frauen in diesen Zeitschriften genossen den Sex. Sie zeigten sogar Ekstase, was ein Grund sein mag, warum diese Magazine oft verboten werden. Unsere Kultur schafft es in ihrer grandiosen Barmherzigkeit, Sexmagazine zu unterdrücken, wo immer sie kann, vielleicht weil die Frauen darin große Freude am Sex simulieren. Das paßt gewiß zu der alten kulturellen Norm, eine »gute« Frau sei für ihren Mann nur eine passive Teilnehmerin am Sexualakt, die ihn nie genießt oder aus eigenem Antrieb anstrebt.

Dieser Mann kaufte solche Magazine und masturbierte fortlaufend, während er die Gesichter der Frauen betrachtete, nicht ihre Genitalien oder Brüste. Es war in Wirklichkeit ein nicht-sexueller Akt, den er mit seinem Geschlechtsorgan ausführte. Er brauchte Linderung — Linderung seines grundlegenden Bedürfnisses.

Sex ist eine der wirksamsten Arten, wie Individuen, die Entbehrungen leiden mußten, sich selbst Wohlbefinden verschaffen können, da die Menschen, deren Aufgabe dies war — ihre Eltern —, das nicht konnten. Wenn man auf irgendeine andere Art Spannung so wirksam lösen könnte, dann würde dieses Ausagieren und nicht der Sex das Problem.

Aus Obigem sehen wir, daß der Perverse jemand ist, der pervertiert wurde, nicht sexuell, sondern auf jede Weise, insbesondere in seiner Suche nach Liebe. Als kleines Kind wurde er durch seine Umgebung verbogen; sexuell pervertiert wurde er erst, als er sexuell reif wurde. Es ist nicht möglich, daß jemand nur sexuell ein bißchen eigenartig ist, sonst aber in jeder Hinsicht vollkommen normal. Er mag normal erscheinen, aber wie alle Neurotiker hat er ein geheimes Innenleben, das nicht so offen­sichtlich ist. Erst wenn man emotional mit diesem Individuum in Berührung kommt, kann man diese Facette seiner Persön­lichkeit entdecken, die oft genausogut verborgen ist wie die sexuelle Perversion.

 

Gespaltenes Selbst und Sexualität

Was ist das Entscheidende an der Neurose? Es ist das gespaltene Selbst — ein fühlendes Selbst, das von einem verstehenden Selbst abgetrennt ist. Es kommt oft vor, daß jemand zu fühlen beginnen will, sich aber dann »spaltet«. Er beobachtet das Selbst, statt zu reagieren. Es ist das reale Selbst, das zu fühlen beginnt, aber das neurotische Selbst spaltet sich ab, unterbricht den Gefühls­vorgang und leitet das Verhalten in den symbolischen Kanal.

307


Alle möglichen Komplikationen gehen aus der neurotischen Spaltung hervor. Ich erinnere mich an einen meiner Patienten, der ein dramatisches Beispiel für die Spaltung in der Neurose ist. Er war ein bekannter Sportreporter, ein Bild der Eleganz, doch nach Einbruch der Dunkelheit fand er sich in Parkanlagen wieder, wo er junge Burschen für Sex suchte. Seine Homosexualität war nicht nur gut versteckt, sondern es war auch die Art von Homosexualität, die anzeigte, daß er das emotionale Niveau eines Zehnjährigen hatte. (Übrigens bringt Sex auch die emotionale Ebene an den Tag, auf der wir uns befinden.)

Dieser Sportreporter war mit einer reifen Frau verheiratet, aber seine unerfüllten Bedürfnisse hatten die Oberhand und trieben ihn zu Sexhandlungen. Sein Vater war kalt und distanziert. Sein älterer Bruder, an dem er stark hing, verließ das Haus, als der Patient erst zehn war. Dieses große Trauma brachte seine emotionale Entwicklung zum Stillstand und hinterließ eine klaffende Lücke, ein Bedürfnis, das er nie überwand. Er suchte symbolische Erfüllung. Er setzte sein Ausagieren fort, bis er sein quälendes Bedürfnis in seinem frühen Kontext fühlte.

Die Lebensumstände pervertierten ihn und seine sexuelle Orientierung. Er war der beste Sportler der Schule, und aufgrund seines Macho-Images konnte er seine Bedürfnisse nie ausagieren. Außerdem war zu Hause niemand, zu dem er mit seinen Gefühlen gehen konnte. Der Druck stieg, bis er sich nicht mehr beherrschen konnte. Da begann sein geheimes Leben. Weil er sich gezwungen fühlte, sein Image aufrechtzuerhalten, war die Spaltung unerträglich und sein Spannungspegel hoch. Er trank und rauchte, um die Spannung zu mildern. Diese selbst­zerstörerischen Gewohnheiten, die er benutzte, um seine Bürde zu verringern, waren im Begriff, ihn früh ins Grab zu bringen. Das ist die wirkliche Bedeutung des Sterbens aus Mangel an Liebe.

Die latenten Homosexuellen, die ich gesehen habe, sowohl Männer als auch Frauen, sind häufig starke Trinker und Drogen­konsumenten. Das ständige Verleugnen eines überwältigenden Bedürfnisses zwingt sie, sich etwas zu suchen, das ihnen Erleichterung verschafft. Solche Menschen werden dann Alkoholiker und wegen Alkoholismus behandelt, als sei er das Problem, während er doch in Wirklichkeit der Versuch einer Lösung ist. Es ist normal, den Schmerz abtöten zu wollen, wenn man leidet.

In mancher Hinsicht ist der Homosexuelle viel normaler als manche Heterosexuelle. Er oder sie hat Bedürfnisse und versucht, sie zu erfüllen, verbogen oder nicht verbogen. Zumindest ist der Homosexuelle auf der Suche nach Liebe. Ein Heterosexueller, der latent homosexuell ist (der seine wirklichen Bedürfnisse verleugnet), ist weiter von der Erfüllung des Grundproblems entfernt, weil er oder sie in den meisten Fällen nicht einmal mehr versucht, Liebe zu finden, und vielleicht sogar leugnet, daß ein solches Bedürfnis existiert.

308


Ein trunksüchtiger Footballspieler kam zu mir, weil er fürchtete, vielleicht homosexuell zu sein. Erst nach einem Jahr ständiger Behandlung wurde ihm bewußt, daß er die Liebe seines Vaters entbehrt hatte. Er hatte nicht so sehr Angst davor, homosexuell zu sein, als vielmehr vor seinem verzweifelten Bedürfnis, das Verlangen nach der Liebe eines Mannes auszuagieren. Er begann sich Sorgen zu machen, als er diese »komischen« Gefühle hatte, wenn er einen gegnerischen Spieler anfaßte und festhielt. Sein Bedürfnis nach Liebe trieb ihn, und als Erwachsener wurde das in Furcht vor Homosexualität umgewandelt.

Als er dieses Bedürfnis als das fühlte, was es war, als er mit ausgestreckten Armen immer wieder ausrief: »Halt mich, Papa, halt mich!«, waren seine Ängste nicht mehr da. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß er auch das Trinken radikal einschränkte.

Das Ausagieren wird kompliziert. Ich behandelte einen Mann, der Frauenkleidung anzog. Sein Vater starb, als er noch sehr klein war, und sein älterer Bruder übernahm die Führungsrolle in der Familie. Der ältere Bruder war im Alter den Schwestern näher, die er vorzuziehen schien; irgendwie begann der kleine Junge nicht ganz bewußt zu denken, ein Mädchen zu sein, bedeute, geliebt zu werden. Er war nach dem Tod seines Vaters so zerschmettert und so voller Bedürfnisse, daß die kleinsten Hinweise aus seiner Umgebung seine Einstellung und sein Verhalten änderten.

Ein anderer Patient zog Damenschlüpfer an und masturbierte dann. Er hätte gern mit einer Frau zusammengelebt, konnte das aber nicht, weil er fürchtete, sie werde seinen geheimen Zwang entdecken. Seine Mutter war berufstätig und hatte ihn während des größten Teils seiner Kindheit alleingelassen. Als er sechs war, begann er, sich an dem einzigen festzuhalten, was seine Mutter zurückgelassen hatte — ihrem Schlüpfer, den sie auf dem Fußboden des Schlafzimmers hatte liegen lassen. Später begann er, daran zu riechen, um sich emotional an ihren Geruch zu erinnern. In den Teenagerjahren ging er dazu über, die Schlüpfer zu tragen. Die Gewohnheit nahm ein Eigenleben an, und er hatte schon lange vergessen, wie er dazu gekommen war. Sie hatte ihre eigene Kraft, und er war ihrer Macht gegenüber hilflos. Schlüpfer erregten ihn, weil Bedürfnis erregt und nach Erfüllung strebt. Die Grundlage seines Ausagierens war noch immer sein Bedürfnis nach seiner Mutter — etwas, das er nie überwand. In seiner Erziehung gab es eine Lücke, die keine Krankheit war. Sie war real. Sie mußte gefühlt werden. Mehr war dagegen nicht zu tun.

Es gibt unzählige Arten, Sex symbolisch auszuagieren. Viele Männer interessieren sich nur für die Brüste von Frauen, weil sie, ob sie es wissen oder nicht, in den ersten Wochen ihres Lebens nicht angemessen gestillt wurden. Ich sah einen Homosexuellen, der nur dann große Erleichterung empfinden konnte, wenn er am Penis seines Partners saugte, während dieser seinen Orgasmus hatte. In seiner Vorstellung trank er (um nicht zu freudianisch zu sein) die Milch seiner Mutter.

309


Eine Patientin von mir wurde aus den offenkundigsten Gründen homosexuell — ihre Mutter war kalt und hart und berührte sie nie. Sie brauchte die Liebe einer Frau, und darüber hinaus wollte sie sie in einer einzigen Stellung, der »Löffelstellung«, bei der sie ihre Partnerin von hinten hielt. Erst nach Monaten Therapie erlebte sie das Trauma wieder, im Alter von zwei Jahren ihre Mutter so zu halten und mit dem Argument aus dem Bett geworfen zu werden, sie sei jetzt zu groß, um noch mit Mama zu schlafen. Die Erinnerung an dieses Trauma schockierte sie, weil sie erkannte, daß es sie am meisten tröstete, ihre Mama so zu halten (ihr Vater war ein gewalttätiger Alkoholiker), und daß das nie wieder so sein würde. Sie hatte ihr ganzes erwachsenes Leben mit der Suche danach zugebracht.

Nehmen wir an, wir bezeichnen ihr Problem als Perversion. In meinen analytischen Zeiten sagte man mir, jede sexuelle Neigung, die alle anderen ausschließe, sei eine Perversion, und wir müßten versuchen, diese »schlechte« Angewohnheit neu zu konditionieren. Verstehen Sie, wie albern und vergeblich das wäre? Es wäre ein nutzloses Unterfangen bei sämtlichen eingeschliffenen sexuellen Verhaltensweisen oder beim Mangel daran wie der Frigidität.

Ich erinnere mich an eine Frau, die Todesangst vor Männern hatte. Ihr Vater war schrecklich dominierend. Sie fühlte sich nur dann wohl und konnte einen partiellen Orgasmus erreichen, wenn sie die obere Position einnahm — bei der sie dominierte. Ist das eine schlichte Angewohnheit, die man mit Sexualtherapie behandeln kann? Sie spiegelte Tausende Erfahrungen mit ihrem Vater wider, tagaus, tagein, und auch ihre panische Angst vor ihm.

Die Furcht vor Männern war ein Teil ihrer allgemeinen Persönlichkeit. Sie heiratete einen Waschlappen, damit sie nicht so viel Angst haben mußte — natürlich ganz unbewußt. Sie war sich dieser Angst und ihres Einflusses auf die Wahl ihres Ehepartners niemals bewußt.

Dieselben Prinzipien sind gültig, wenn man überlegt, warum einige Frauen mit Masturbation zu einem Orgasmus kommen können, nicht aber beim Sex mit einem Partner. Es gibt viele Gründe, von denen nicht der geringste ist, daß sie sich selbst besser kennen als jeder andere. Sie können die Klitoris direkt massieren, was ein Partner nicht immer tut. Wichtiger noch, mit einem Sexual­partner gibt es notwendiger­weise eine Beziehung, die alles widerspiegelt, was früher in den Schlüssel­beziehungen zu den Eltern geschah. Masturbation schließt die Beziehung mitsamt den ihr innewohnenden Komplikationen aus. Die masturbierende Frau wird nicht beurteilt, keiner beobachtet, ob sie sexy ist, ob sie einen Orgasmus hat, ob sie gut im Bett ist etc. All dies ist überaus beruhigend und angstvermeidend.

310


In der Neurose ist der Liebespartner nur ein Ersatz für das Eigentliche, eine Situation, die einer der Hauptgründe für Untreue ist. Der Ersatz läßt immer Wünsche offen, weil er oder sie nicht das ist, wonach die Person wirklich sucht; also kommt es aufgrund eines massiven Bedürfnisses nach einer Mutter, das ein einziger Ehemann oder eine einzige Ehefrau vielleicht nicht befriedigt, zu anderen Partnern und anderen sexuellen Begegnungen. Bei diesen Mustern braucht der neurotische Mensch viele, viele Partner, alles in dem vergeblichen Versuch, seine innere Leere zu füllen. Man nennt das Untreue, aber in Wirklichkeit ist er schlicht ein kleines Kind, das die Liebe seiner Mutter sucht.

 

Die Behandlung von Sexproblemen ohne Sex 

Der Neurotiker verwechselt Lust mit der Entladung von Spannung. Wann immer eine Entladung erfolgt, etwa beim Orgasmus, handelt es sich um eine Entladung von Spannung. Diese Spannung wird sexualisiert, so daß sie sich anfühlt wie Sexualität.

Je umfassender die Verdrängung, desto geringer der Sexualtrieb. Deshalb ist bei tiefer Verdrängung der Sexualtrieb fast nicht vorhanden. Je mehr der Mensch von Angst ergriffen wird — wenn die Verdrängung unzulänglich ist —, desto mehr steigt der Sexualtrieb. Man hat festgestellt, daß bei älteren Menschen, wenn sie täglich mehrere Tassen Kaffee trinken, der Sexualtrieb ansteigt, und das ist keine Überraschung. Natürlich hat der Kaffee direkt nichts mit dem Sexualtrieb zu tun; er aktiviert nur das System gegen die Verdrängung.

In gewissem Maße scheint die Psychologie der Anatomie zu folgen, wenn es um Sex geht. Die Probleme einer Frau sind innere Irrtümer, bei denen etwas nicht stattfindet. Die Probleme eines Mannes, etwa vorzeitige Ejakulation, sind äußere Irrtümer, bei denen etwas stattfindet. Wenn der Körper des Neurotikers beim Orgasmus versucht, alte Gefühle zurückzuhalten und nicht loszulassen, klagt der Mann über schmerzhafte Ejakulation, die Frau spricht von Frigidität. Sie leidet innen, er leidet außen. Ich hatte einen Patienten, dessen Mutter ein Schreckgespenst war. Sie war unberechenbar, gewalttätig und impulsiv. Infolgedessen fürchtete er sich vor Frauen. Diese Furcht zeigte sich rasch in seinem Sexualleben (er ejakulierte in dem Augenblick, in dem er sexuell erregt war), aber auch in der Tatsache, daß er unter sehr frühen Schmerzen der Mittellinie litt. Wenn er losließ, kam alles gleichzeitig hoch und drängte nach außen. All seine Impulse schössen hervor und flössen über. In seiner Kindheit war er Bettnässer, ein häufiger Vorläufer des erwachsenen Sexproblems. Der Penis wurde zum Brennpunkt der Entladung von Spannung.

311


Im allgemeinen sind Probleme, die mit Sex zu tun haben, am schwierigsten zu behandeln und verschwinden als letzte. Weil sie im Zentrum des eigenen Selbst stehen und direkt Liebe und Zuneigung einbeziehen, erfordert ihre Besserung die vorherige Lösung vieler anderer Probleme. Wenn ein Mensch alle möglichen nicht sexuellen Traumata bewältigt hat, beginnt das Sexualproblem zu verschwinden.

Man kann nicht lebenslänglichen Mangel an Liebe oder lebenslängliche Mißhandlung und Vernachlässigung ignorieren und dann erwarten, man könne Sexualprobleme behandeln. Die Lösung sexueller Schwierigkeiten bedeutet die Lösung der eigenen traumatischen Geschichte.

In der Primärtherapie ermutigen wir die Patienten, sich ihren Phantasien zu stellen, und helfen ihnen dann in ihre Gefühle hinein. Sie werden nie angeregt, ihre Phantasien zu verändern. Jeder hat ein Recht auf seine Phantasien. Außerdem sind sie nur das Symbol der Bedürftigkeit.

Das sexuelle Muster folgt dem ursprünglichen Prototyp. Der Erregungszustand ist parasympathetisch kontrolliert. Der von Höhepunkt und Ejakulation wird vom sympathetischen Nervensystem kontrolliert. Der parasympathetische Typ gerät in Erregung, macht dann dicht und hat es sehr schwer, zum Höhepunkt zu kommen. Der Sympathetiker kann ejakulieren, gewöhnlich zu früh; er hat weniger Zeit für Vorspiel und langsame Erregungssteigerung. Er ist mehr daran interessiert, fertig zu werden (wie am Anfang) und zum Orgasmus zu kommen. Er ist in jeder Hinsicht schneller erregt, ob es sich nun um Sex, Wut oder sonstiges handelt.

Der Parasympathetiker kommt langsamer in Erregung und braucht daher mehr Zeit für Sex oder Wut. Das ganze sexuelle Muster ist also analog zum prototypischen Trauma und dessen Verlauf. Beim Parasympathetiker folgen auf Aktivierung und Erregung Abblocken und Taubheit (wie bei einer massiven Dosis Anästhetika). Beim Sympathetiker folgt auf die Aktivierung der Trieb, es hinter sich zu bringen, herauszukommen. Der Sympathetiker ist sexuell wesentlich aktiver als der Parasympathetiker, der die Dinge passiv mit sich geschehen läßt. Beim Parasympathetiker baut sich die Erregung langsam auf, und er braucht geduldige Aufmerksamkeit. Er ist derjenige, der geschlagen werden muß, um in Erregung zu kommen; der Sympathetiker ist der, der schlägt. Der Parasympathetiker hat die passiveren Perversionen wie Exhibitionismus; der Sympathetiker hat die aktiveren (bei Männern sind dies die Vergewaltiger).

312


Inzest 

Ich habe eine große Zahl von Inzestopfern behandelt. Das erste, was man über den Inzest wissen muß, ist, daß er im großen und ganzen Psychosen erzeugt. Seine Auswirkungen sind kaum auf spätere Sexualprobleme beschränkt, obwohl diese ebenfalls bestehen. Tatsächlich verbiegt Inzest die ganze Psyche sehr stark und fast unwiderruflich.

Je früher der Inzest, desto größer die Wahrscheinlichkeit schwerer psychischer Probleme. In meiner jahr­zehnte­langen Praxis habe ich beobachtet, daß er bei jungen Mädchen oder Knaben das Lebensereignis ist, das die meisten Psychosen auslöst. Annähernd starke Auswirkungen treten nur auf, wenn das Kind vor dem Alter von acht Jahren in ein Waisenhaus oder zu Pflegeeltern geschickt wird. 

Bei unseren Messungen der Vitalfunktionen und Gehirnwellen stellten wir fest, daß das einzige Ereignis, das die Nadel über den Rand hinaus ausschlagen läßt, der Inzest ist — das Äquivalent eines Geburtstraumas. Unter anderem erklärt diese Korrelation, warum Prä-Psychotiker, wenn sie in die Therapie kommen, sofort anfangen, ihre Geburt wiederzuerleben.

Viele der psychotischen Frauen, die ich gesehen habe, waren Fälle von Inzest, und viele waren sich des Inzests in den ersten ein oder zwei Jahren der Primär­therapie gar nicht bewußt, bis sie anfingen, plötzlich seltsame Geschehnisse wiederzuerleben.

Ich sah eine Frau, die zu halluzinieren begonnen hatte. Sie hatte genügend lichte Momente, um zu wissen, daß sie verrückt wurde, aber sie wußte nicht, warum. In der Therapie hatte sie folgende Serie von Primärerlebnissen: Zuerst fühlte sie einen dunklen Schatten, eine Gegenwart in ihrem Schlafzimmer, als sie sechs war. Sie fühlte dies zwei Wochen lang und litt namenlose Furcht, eine panische Angst, die unerklärlich war. Dann wurde der Schatten zu einer Person — jemand, der an der Tür stand. Sie erlebte dies mehrere Wochen lang und war verwirrt und ängstlich. Dann hörte sie Schritte durch den Gang kommen und hörte, wie quietschend die Tür geöffnet wurde. Weitere Wochen vergingen, und dann erlebte sie in krampfhafter Erregung die Erkenntnis, daß die Gegenwart, der Schatten, die Person ihr Vater war. Sie erlebte wieder, wie er zu ihr ins Bett stieg, sie berührte und sie trotz ihres stillen Entsetzens zu penetrieren versuchte. Er warnte sie, nicht zu schreien oder jemandem davon zu erzählen, sonst würde Gott sie bestrafen.

Wochen und Monate vergingen, in denen sie seine fast täglichen Schritte spät in der Nacht und seinen Eintritt in ihr Zimmer wiedererlebte. Ihr Leben war zu einem schlaflosen Alptraum geworden. 

Ihre Mutter schien nichts wissen zu wollen — wie es in diesen Fällen mit trauriger Regelmäßigkeit vorkommt. Sie hatte niemanden, an den sie sich wenden konnte. Endlich hörte der Vater auf. (Er hatte begonnen, das gleiche mit ihrer Schwester zu tun.)

313


Sie verdrängte die Erfahrung aus ihrer Existenz. Der Hinweis, daß eine solche Erfahrung im Begriff war, in den von ihr wiedererlebten Episoden hochzukommen, lag in den psychotischen Symptomen, die Vorzeichen heraufziehenden Schmerzes von höchster Wertigkeit sind.

Beim Inzest gibt es fast immer sexuelle Komplikationen. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, deren Sexualleben dadurch nicht ruiniert wurde. Weil ihr Selbstwertgefühl zerstört ist, wird sie entweder sexuell promisk und behandelt sich selbst als Hure, oder sie wird tatsächlich Prostituierte. Viele Prostituierte haben als Kinder Inzest erlitten. Der andere Weg für Inzestopfer ist äußerste und vollständige Frigidität. Auch die Homosexualität als möglicher Ausweg sollte nicht vernachlässigt werden — die völlige Abwendung von allen Beziehungen zu einem Angehörigen des anderen Geschlechts.

Es gibt seltene Inzestfälle, bei denen das sexuelle Funktionieren nicht beeinträchtigt wird. Ein über zwölf Jahre altes Mädchen mag die damit verbundene Erregung genießen, hat aber große Schuldgefühle deswegen und leidet daher unter anderen psychischen Abweichungen. Die spätere Beziehung zu Männern ist im allgemeinen gestört.

Am Inzest sehen wir, daß Frigidität ein Überlebensmechanismus ist und andauern wird, bis die Person bereit ist, die Traumata vollständig so zu fühlen, wie sie geschahen. Stellen Sie sich vor, wie schwierig es ist, eine frigide Frau, die Opfer eines Inzests war, aus diesem Zustand herauszuführen, vor allem, wenn der Inzest weder dem Therapeuten noch der Patientin bekannt ist.

Das, was man im Leben entbehrt hat, kann nicht gutgemacht werden. Therapeuten können die Liebe nicht geben, die jemand nie bekommen hat. Nicht das Bedürfnis ist krankhaft, sondern das, wozu das Bedürfnis uns treibt, und selbst das ist nicht real, sondern einfach der einzig gangbare Weg, ein Bedürfnis zu äußern, das auf natürliche Weise hätte erfüllt werden sollen.

 

Erforschung sexueller Abweichungen

Unsere eigenen Beobachtungen und Forschungen sowie gegenwärtige Untersuchungen über das intrauterine Leben zeigen, daß Sexualprobleme beginnen können, während wir noch im Mutterleib sind. Studien an Tieren weisen darauf hin, daß gewisse Streßfaktoren bei der werdenden Mutter ihre Sexualhormone und später die ihres Kindes verändern können. Diese Sexual­hormone können durch chemische Manipulationen vor und gleich nach der Geburt beeinflußt werden, und diese Veränderung bleibt bestehen.

314


In Westdeutschland hat Dorner entdeckt, daß die Manipulation von Sexualhormonen im Uterus ein Tier homosexuell machen kann. Außerdem stellte er fest, daß Tiere, denen der Kontakt zur Mutter oder sozialer Kontakt allgemein vorenthalten wurde, ebenfalls sehr früh im Leben homosexuell werden können.

Bei unseren Untersuchungen fanden wir, daß Sexualhormone dauerhaft verändert oder nach der Beseitigung eingeprägten Schmerzes normalisiert wurden. Unsere Hypothese lautete so: Wenn die Beseitigung von Schmerz den Spiegel der Sexual­hormone stabilisieren kann, kann das ursprüngliche Trauma ihn auf dieselbe Weise verändern oder beeinträchtigen. Bei einigen Personen kam es zu Veränderungen um fünfzig Prozent, was uns eine Vorstellung davon gibt, wie früher Schmerz unser Sexualleben beeinflussen kann. Diese hormonellen Veränderungen sind ein Grund, warum Sexualprobleme so schwer zu behandeln sind, vor allem durch sexuelle Techniken allein.

Ich sage nicht, daß Sexprobleme unbedingt hormonelle Ursachen haben. In Anbetracht gewisser Lebenserfahrungen — eine distanzierte Mutter oder ein tyrannischer Vater — glaube ich jedoch, daß hormonelle Veränderungen dazu beitragen können, die Reaktion des Patienten auf Erfahrungen in bestimmte Richtungen zu lenken. Eine distanzierte Mutter macht eine Frau vielleicht später nicht homosexuell, aber eine distanzierte Mutter und hormonelle Veränderungen zusammen scheinen stark genug, um die sexuelle Orientierung zu verändern.

Wir maßen den Testosteronspiegel (Sexualhormon) bei einer Person, welche die Strangulation bei der Geburt wiedererlebt hatte, und stellten fest, daß nach dieser Erfahrung der Spiegel erhöht war. Diese Veränderungen schienen die Person aggressiver und sexuell aktiver zu machen. Sexprobleme bieten wie viele neurotische Störungen einen Blick auf eine überaus komplexe Situation. Sie schließen alles ein, was wir bisher erörtert haben: Bedürfnisse, Schmerz, die Verdrängung von Schmerz, Prägungen, die Geburt und ihre Folgen, Angst und Streß und symbolisches Ausagieren. Viele Sexprobleme können behandelt werden, ohne daß man Sex auch nur ein einziges Mal erwähnt. Deshalb sagen wir, daß die Betrachtung von Sexproblemen direkt in den Kern der conditio humana führt.

Fortpflanzung, Sex, scheint der Zweck des Lebens zu sein. Auf diese Weise geben wir kodierte Überlebens­erinnerungen weiter. Wir müssen nicht nur die Saat am Leben erhalten, wir müssen auch dafür sorgen, daß diese Saat die Mechanismen enthält, sich selbst fortzusetzen. Fast alles andere ist belanglos. Schließlich hat die Spezies denselben Überlebensinstinkt wie die individuellen Angehörigen der Spezies. Das Fehlen von Sex kann eine Bedrohung dieses Überlebens sein. Welch seltsame Verrenkung, daß sogenanntes moralisches Verhalten überlebensfeindlich ist.

315


Phillip

»Im Alter von zehn Jahren fand ich auf einem unbebauten Grundstück einige pornographische Bilder. Zum erstenmal erkannte ich, daß Frauen Brustwarzen haben. Was für ein Schock! Ich dachte, da seien nur schöne Wölbungen am Körper einer Frau, köstlich und bezaubernd, aber immer außer Reichweite. Dieser Vorstellung traten nun die Brustwarzen in den Weg, aber ich konnte mir Frauen bald nicht mehr ohne sie denken. Ich weiß nicht, wie oft ich angesichts dieser Bilder masturbiert habe, von denen die Frauen meinen Blick erwiderten. Das erregte mich. Die Frauen mit den größeren Brüsten, die mich ebenfalls anschauten, waren am aufregendsten.

Meine Mutter hatte zufällig große Brüste, aber sie sah mich nie verständnisvoll an. So holte ich mir das, was ich brauchte, von Bildern; eine Mutter, die sich darbietet (was meine nie tat) und mich beachtet (was sie ebenfalls nie tat).

Kurz darauf fing ich an, mich zu entblößen, und wurde auch zum Voyeur. Ich probierte auch die Unterwäsche meiner Mutter an. All das war Teil meiner täglichen Routine und wurde während dreieinhalb Jahrzehnten Tausende von Malen wiederholt. Ich verbrachte jeden Tag viele Stunden mit meinen Ritualen. Auf diese destruktive Art verschwendete ich so viel Energie. Es war dieselbe Energie, die ich dazu hätte benutzen können, mir ein eigenes Leben zu schaffen.

Der Akt wurde so vollzogen, daß ich von den Frauen, die an meinem Fenster (oder meiner Tür oder meinem Auto) vorbeigingen, selten gesehen wurde. Wenn sie mich doch sahen, versteckte ich mich schnell. Die Erregung war zu intensiv, als daß ich mir hätte vorstellen können, länger als eine oder zwei Sekunden gesehen zu werden. Schließlich sah meine Mutter mich nie, und das war es, was ich so sehr brauchte. Da für mich alle Frauen <Mutter> wurden, wollte ich verzweifelt von ihnen gesehen werden und konnte es doch gleichzeitig nicht ertragen.

Es überstieg mein emotionales Fassungsvermögen, daß irgendeine Frau mich jemals sehen könne. Deshalb bin ich nie verhaftet worden. Ich war ein scheuer Exhibitionist. Selbst im krampfhaften Akt, mich zu entblößen, konnte ich mir nie vorstellen, von einer Frau akzeptiert zu werden.

Die Hauptszene aus meiner Kindheit, die zum Exhibitionismus führte, ist, wie ich von meinem älteren Bruder gezwungen wurde, einen Stift mit der rechten Hand statt mit meiner natürlichen linken Hand aufzunehmen. Meine Angstschreie, mein Flehen um Hilfe, meine gequälten Verrenkungen stießen auf taube Ohren und blinde Augen. Wochenlang passierte das immer wieder.

316


Mutter hielt es für richtig, meinem Bruder zu gestatten, auf mir zu sitzen, mit den Knien meine Arme auf den Boden zu pressen und den Stift in meine rechte Hand zu zwingen, während ich mit meinen vier Jahren um meine Existenz schrie. Sie sah mich nie. Ich habe diese Szene oft wiedererlebt, und allmählich befreit mich das von dem Drang, mich zu entblößen. Daß ich den Schmerz meiner Kindheitstraumata fühle, macht mich bewußter und weniger zwanghaft. Ich weiß, daß ich von innen her gesunde, und nur das kann beeinflussen, wie ich mich nach außen verhalte.«

 

 

Ted

»Meine ersten Erinnerungen (ungefähr im Alter von sieben Jahren) drehen sich darum, wie ich zur Wäscheschublade meiner Mutter gehe und mich von ihren Strümpfen angezogen fühle. Ich pflegte sie anzuziehen und zu genießen, wie sie sich auf meiner Haut anfühlten. Ich hatte auch gemischte Gefühle, einen Ekel, als stimme etwas nicht mit dem, was ich tat. Ich machte das immer, wenn ich allein im Haus war. Mit etwa zehn Jahren fing ich an, mich für die Freundinnen meiner Mutter zu interessieren; sie machten viel Wind um mich, und eine war besonders nett zu mir. Immer, wenn wir sie besuchten, schlich ich mich in ihr Schlafzimmer und sah mir ihre Unterwäsche an, roch an ihren Höschen und zog ihre Strümpfe über meine Haut.

Später, zu Beginn der Teenagerjahre, versuchte ich, einen Blick auf die weiblichen Angestellten im Geschäft meines Vaters zu erhaschen. Ich spähte über den Rand des Badezimmerfensters und hoffte, sie nackt oder auf der Toilette zu sehen, das war sehr aufregend für mich, und die ganze Zeit pochte mein Herz wie verrückt. Ich war ein scheues und zurückgezogenes Kind, und wenn eine dieser Angestellten mich irgendwie beachtete, war ich verlegen. Diese Aktivität war ganz von den Gelegenheiten abhängig, bis ich Anfang Zwanzig auf Farmen zu arbeiten begann. Meine Einsamkeit wurde in dieser Situation noch schlimmer. Ich hatte meine eigene Unterkunft und sehr wenig sozialen Kontakt. Regelmäßig versuchte ich, einen Blick auf die Frauen des Haushalts zu erhaschen.

Zwei oder drei Abende pro Woche spähte ich durch ihre Fenster, um sie beim Auskleiden zu sehen. Ich wurde dann sehr erregt und masturbierte, und ich konnte erst gehen, wenn ich einen Orgasmus gehabt hatte. Der Zwang war so stark, daß mich nicht einmal das Wissen davon abhalten konnte, daß ich meinen Job verlieren und vor Freunden blamiert werden könnte. Es ist mir immer schwergefallen, Frauen zu zeigen, daß ich etwas von ihnen brauche. Tatsächlich war das so schlimm, daß ich als Teenager und in den frühen Zwanzigern ganze Jahre allein verbrachte und mir die ganze Zeit verzweifelt wünschte, einer Frau nahe zu sein.

Voyeurismus ist für mich ein Weg, eine Art Zugang und Nähe (wenn auch völlig symbolisch) zu einer Frau zu erlangen, ohne ihr mich oder mein Bedürfnis zu zeigen. Ich kann nach dem Orgasmus auch den Schauplatz verlassen, ohne den Drang zu haben, etwas zurückzugeben. Der Impuls ist unterschiedlich in Häufigkeit und Intensität, je nachdem wie einsam ich mich fühle und welche Aktivitäten in meinem Leben mich ablenken. Ich sage das, weil der Druck konstant ist. Selbst wenn ich nicht offen ausagiere, schaue ich mir ständig Frauen an; wenn keine in der Nähe sind, habe ich das Gefühl, daß etwas fehlt.

Ich weiß, daß ich symbolisch nach meiner Mutter suche. Ich habe sie nie nackt gesehen und kann mich nicht erinnern, jemals von ihr gehalten oder liebkost worden zu sein. Noch heute spüre ich eine Art Ekel, wenn ich sie umarme. Ich kann nicht fühlen, daß sie es ist, die ich will. Ich weiß definitiv, daß ich in den ersten zehn Tagen meines Lebens keinen körperlichen Kontakt zu ihr hatte; wir verbrachten sie im Krankenhaus, wo ich im Säuglingszimmer lag und ihr zu festen Fütterungszeiten gebracht wurde. Bei diesen Gelegenheiten wickelte sie mich nicht aus meiner Decke. Ich habe nie ihren Körper gespürt. Im Grunde ist mein Gefühl die Hoffnungslosigkeit, jemals das bekommen zu können, was ich von einer Frau brauche, und mein Zwang ist ein Versuch, dem Fühlen dieser Hoffnungslosigkeit auszuweichen. Damit habe ich zumindest eine gewisse Kontrolle darüber, daß ich bekomme, was ich brauche, und muß nicht von der Frau abhängig sein, damit sie es mir gibt.«

317-318

#

 

 ^^^^