12 Krankheit als stiller Schrei Janov 1991
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Diskussion: Warum werden wir krank?
Weil wir bereits krank sind und es nicht wissen. — Neurose ist die Schlüsselkrankheit unserer Zeit. Sie hat so viele Erscheinungsformen, daß sie wie Dutzende von Krankheiten wirkt. Sie ist die ungreifbarste und heimtückischste aller Krankheiten, weil sie keinen einzelnen Sitz hat, keinen Brennpunkt, keinen Geruch, kein Aussehen, keine erkennbare Struktur; verschlimmert wird die Sache dadurch, daß die Person sich ihrer Krankheit nicht nur nicht bewußt ist, sondern ihre Existenz leugnet, wenn sie mit ihrer Möglichkeit konfrontiert wird. Sobald jedoch die Neurose einsetzt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Symptome erscheinen, entweder physisch oder psychisch.
Je besser die Krankheit verborgen ist, desto mehr Schaden richtet sie an. Die undurchschaubarsten und daher unglaublichsten Ereignisse wie die, die im Mutterschoß oder bei der Geburt vorkommen, haben die Tendenz, den größten Schaden zu verursachen, weil sie ein naives und verwundbares Gehirn treffen. Diese Ereignisse sind an vielen katastrophalen Krankheiten wie Krebs schuld, doch die Entfernung zwischen dem Auftreten von Krebs und dem Trauma, das an seinem Ursprung steht, ist so groß, daß sie fast jenseits der Logik zu stehen scheint.
Es ist teuflisch und ungerecht, daß das, was uns am meisten leiden läßt, gewöhnlich am schwersten zu finden ist. Der Behandlungsvorgang ist schwierig, weil die Wahrheit des Zustandes — der Zusammenhang zwischen einem vergangenen Trauma und einer gegenwärtigen Krankheit — nur im Patienten liegt, nicht im Kopf eines Experten. Tatsächlich versucht die Wahrheit sich in uns allen dauernd auszudrücken, nur um von der schweren Hand der Verdrängung zurückgeschlagen zu werden.
Wir dürfen nicht vergessen, daß das Verdrängungssystem im Laufe von Millionen Jahren vervollkommnet wurde; selbst der niedrigste Erdwurm hat den Mechanismus zur Verdrängung (indem er Endorphine herstellt).
Wir brauchen Unbewußtheit, um unsere Gesellschaft in Gang zu halten, und wir brauchen ein entsprechendes Sozialsystem, um die Unbewußtheit in Gang zu halten. Diese durchgehende Unbewußtheit wird schließlich unser Ende sein. Das Erbe des vervollkommneten Endorphin- und Schleusensystems wird uns von dieser Erde verbannen.
Der Körper lügt nicht, und er übertreibt nicht. Er ist das Tabernakel der Wahrheit. Die Erinnerungen des Körpers sind nicht ungefähr, sondern präzise. Ebenso wie der Schaden, den sie anrichten.
Die Schreie des Körpers werden erstickt durch das Symptom, das die Energie des Traumas absorbiert, filtert und läutert. Wie viele Menschen werden beispielsweise wegen Bluthochdrucks behandelt, einem lautlosen Mörder, ohne daß man auf ihre Geschichte Bezug nimmt? Wir haben bei unseren Forschungsarbeiten gesehen, daß eingeprägter Schmerz eine direkte Beziehung zur Höhe des Blutdrucks hat.
Wenn man die Geschichte eines Menschen nicht berücksichtigt, kann man in Diagnose und Behandlung nur zu leicht fehlgehen. Der Patient wird dann als ahistorisches Gebilde behandelt, das dieses oder jenes Symptom hat, seien es Migräne oder Zwänge, ohne vorhergehende Wurzeln und folglich ohne Kontext.
Es gibt noch immer die Tendenz, das Symptom mit der Krankheit zu verwechseln. Daher wird die Unterdrückung des Symptoms als gleichbedeutend mit Heilung angesehen; man begräbt das Symptom und stellt sich vor, die Krankheit existiere nicht mehr.
Wenn wir in unserer Therapie ein Symptom in seine Realität verwandeln, von seinem Schweigen zu seinem Schrei, sehen wir, welche Rolle Schmerz bei der Krankheit spielt. Die Erkrankung, wiederhole ich, ist Neurose.
Natürlich haben Symptome ihre eigene Realität und müssen behandelt werden. Das Problem ist, daß Spezialisten zu Experten in den winzigsten Einzelheiten der spezifischen Erkrankungen werden. Sie lernen mehr und mehr über das Symptom und weniger über seine Ursprünge und die Menschen, welche die Symptome aufweisen.
Ironischerweise kann eine wirksame Behandlung der scheinbaren Krankheit dennoch unser Leben verkürzen, denn es ist der Verrat der Neurose, der uns umbringt. So haben wir einen niedrigeren Blutdruck, dafür aber anderswo mehr Druck. Der Doktor, der die Krankheit betrachtet, sieht das Endprodukt von etwas, das vielleicht im Alter von sechs Monaten begonnen hat. Der Arzt ist also hier mit einem vierzigjährigen Patienten konfrontiert, dessen Krankheitsursache in den »Antipoden seines Unbewußten« liegt. Dieses Unbewußte gibt eine stille, aber beständige Energie ab. Der Patient wird dann Bluttests und verschiedenen Zelluntersuchungen unterzogen, um die Erkrankung zu verstehen, während in Wirklichkeit versteckte historische Kräfte die Zellen schon vor vielen Jahren deformiert haben.
Schlimmer noch, die Verdrängung hat die frühen Traumata in Vergessenheit geraten lassen. Wir haben jetzt also deformierte Zellen, verändert durch Geschehnisse, die weder erinnert noch zur Kenntnis genommen werden können.
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Der Arzt ist im Nachteil. Vor sich sieht er einen Fall von Bluthochdruck. Er sieht keinen sechsmonatigen Säugling, der in der Wiege schreit, ganz allein und voller Angst, und auch kein fünfjähriges Kind, das sich vor kritischen, tyrannischen Eltern verschlossen hat. In gewisser Weise ist der Arzt nicht allein; sogar der Patient selbst kann dieses Kind nicht sehen. Selbst wenn diese frühen Traumata erkannt und verstanden würden, wäre es für einen Spezialisten schwer zu begreifen, daß sie über Jahrzehnte und völlig unverändert im System geblieben sind.
Als genüge das noch nicht, können die Traumata, von denen ich gesprochen habe, ganz undramatische Ereignisse gewesen sein; tatsächlich sind sie das meistens. Sie bestehen im tagtäglichen Mangel an Zuneigung oder in einer ständig angespannten Mutter und einem wütenden Vater; kleine Geschehnisse, die sich nach Jahren zu größeren Traumata akkumulieren. »Hatten Sie eine glückliche Kindheit?« fragt der Arzt. Nur zu oft bejaht der verdrängende Patient das. Bedenken Sie daher, vor welcher ungeheuren Aufgabe der Arzt steht. Es ist schon genug Arbeit, das Symptom zu behandeln. Er wäre bereits sehr glücklich, wenn er das Symptom verschwinden sähe. Und nun stellen Sie sich vor, welche Arbeit es erst macht, das ganze Individuum zu behandeln, und, schlimmer noch, seine gesamte Geschichte.
Die Einheit von Schmerz und Symptom
Weil Schmerz mit seinen Symptomen eine Einheit bildet, ist es natürlich ein Fehler, ein Symptom aus seinem historischen Kontext herauszunehmen und als etwas Lebensfähiges zu betrachten, das eine separate Existenz besitzt. Denken Sie an die Selbsttötungen von Teenagern. Man kann alle möglichen gegenwärtigen soziologischen Prozesse untersuchen, um das Ansteigen der Suizidrate zu erklären, doch neue Nachweise deuten darauf hin, daß eine schwierige Geburt, bei der diese Kinder dem Tod sehr nahe waren, einer der Schlüsselindikatoren für spätere Selbsttötungsversuche ist. Das Wissenschaftsjournal <Lancet> fand »starke Verbindungen zwischen Teenagerselbsttötung und respiratorischer Belastung für mehr als eine Stunde bei der Geburt sowie dem Fehlen vorgeburtlicher Vorsorge«.
Diese Art von Forschung wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen, und doch ist sie genau das, was im Hinblick auf medizinische Erkrankungen notwendig ist.
Ich bin keineswegs gegen die Behandlung von Krankheit. Ich glaube, daß man bei Drogensucht oder Alkoholismus in Entwöhnungszentren Hilfe finden kann. Auch Beratung hilft im Umgang mit Alltagsproblemen. Man muß seine Ernährung kontrollieren, um Bluthochdruck zu verringern, und Medikamente einnehmen, um seine Schwankungen zu kontrollieren. Doch das ist eine endlose Aufgabe. Geschichte zurückzudrängen ist nicht das gleiche, wie sie zu lösen.
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Unter Brustkrebspatientinnen ist die Zahl derer, deren Eltern sich vor ihrem sechzehnten Lebensjahr scheiden ließen, höher als unter gesunden Frauen. Das ist eine einfache Statistik, aber denken Sie an die Implikationen. Etwas geschah außerhalb der Person und prädisponierte sie für eine potentiell tödliche Krankheit. Außerdem verweilte dieses Ereignis als höchst unwillkommener Gast im System, wenn es auch keinen Lärm machte und keine Schwierigkeiten zu verursachen schien. Darüber hinaus könnte seine Anwesenheit tödlich sein. Die Frage ist: »Durch welchen Vorgang werden zwei sich streitende und schließlich trennende Eltern in einem Tumor in der Brust ihrer Tochter umgesetzt, und zwar vielleicht ein oder zwei Jahrzehnte später?«
Die erste Implikation ist klar. Etwas, das außerhalb von uns passiert, schafft es, in uns einzudringen und unsere Physiologie genügend zu verändern, um uns später krank zu machen. Nicht nur krank, sondern so krank, daß wir möglicherweise sterben. Kurz gesagt, die Ehescheidung der Eltern kann töten. Implikation Nummer zwei: Ein psychologisches Ereignis wird in den Zellen (wie auch im Gehirn) registriert und durch diese Erinnerung schließlich in eine bösartige Erkrankung umgewandelt.
Beim jungen Mädchen wurde das Bedürfnis nach Stabilität, Vertrauen und Sicherheit erschüttert. Das Mädchen mag versuchen, »darüber hinwegzukommen«, doch so sehr sie sich auch bemüht und es überwunden zu haben glaubt, der Körper kommt nie darüber hinweg. Eines Tages findet sie einen Knoten in ihrer Brust. Versuchen Sie, sie davon zu überzeugen, daß die Scheidung ihrer Mutter vor zehn Jahren die Ursache ist.
Der Druck der Prägung
Der Neurotiker steht unter Belagerung; der Angriff erfolgt durch eine schmerzhafte, fremde Erinnerung, die in das Bewußtsein einzutreten versucht. Paradoxerweise wird das Bewußtsein, die höchste Errungenschaft der Menschheit, zum Feind. Der Neurotiker bringt sein ganzes Leben mit dem Versuch zu, unbewußt zu bleiben, selbst wenn er seine Bewußtheit erweitert. Einige der gelehrtesten Leute gehören zu den unbewußtesten. Sie benutzen ihr ganzes breites Wissen im Dienst der Verdrängung. Die ganze Palette der körperlichen Hilfsmittel wird benutzt, um uns unbewußt zu halten. Kein Wunder, daß Patienten Fieber und Bluthochdruck entwickeln, wenn sich das Bewußtsein nähert. Es handelt sich dabei um einen Versuch, die Krankheit des Fühlens zu bekämpfen. Bei einer Infektion hilft das Fieber, weiße Blutzellen an den Sitz der Krankheit zu schicken. Bei der Neurose behandelt der Körper das Bewußtsein, als sei es ein Virus. Er behandelt das Bewußtsein als Feind, weil es das in der Kindheit war.
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Bewußtsein ist daher die spezifische Medizin für ein breites Spektrum von Erkrankungen, während Unbewußtheit das wesentliche Element für Krankheit ist. Von Herzleiden bis Bluthochdruck, von Hämorrhoiden bis Diabetes, von Kolitis bis Migräne reagiert Krankheit auf Bewußtsein und wird durch Bewußtsein wirksam behandelt.
Das Fühlen von Gefühlen bringt die Unbewußtheit zutage, schließt die Erinnerung auf und erweitert das Bewußtsein. Mit diesen Gefühlen zeitlich zurück in die Vergangenheit zu gehen schließt die Gegenwart auf und eröffnet den Zugang zum Unbewußten. Ich zweifle ernstlich daran, daß ein signifikanter Anteil der meisten schwereren Krankheiten ohne ein Substrat verdrängter Gefühle manifest wäre. Für Bewußtsein gibt es keinen Ersatz.
Wenn man leidet, ist man versucht, sofort gesund werden zu wollen. Also probiert man es mit Hypnose (der Antithese von Bewußtsein), um sich von Rauchen, Trunksucht oder körperlicher Krankheit zu befreien. Wir sind dahin gekommen, daß wir Erleichterung als gleichbedeutend mit Heilung ansehen, was sie natürlich nicht ist. Wir suchen Magie — diese oder jene Pille, diese Sofortheilung oder jene, dieses oder jenes Vitamin, dieses Seminar oder Einkehrwochenende, jene Vorlesung oder Konfrontationsgruppe, diese Massage oder jene Dämpfe —, um eine sofortige Transformation zu erreichen. Wir nehmen Lithium als Allheilmittel gegen unsere Depression, ohne uns jemals selbst zu fragen: »Warum bin ich depressiv?« Da die Antwort so entlegen ist, ziehen die meisten Leute es vor, die Frage gar nicht erst zu stellen. Aus einer grundlegenden Hoffnungslosigkeit sprießt ewig Hoffnung und zwingt uns, etwas zu finden, auf das wir unseren Glauben setzen können, ob es sich nun um eine makrobiotische Diät oder einen Guru handelt.
Sicher, es ist ein weiter Weg zwischen einem Vater, der das Haus verläßt, wenn das Kind zwei Jahre alt ist, und dem Auftauchen von Arthritis drei Jahrzehnte später bei dieser selben Person.
Die Lücke zwischen Kettenrauchen mit vierzig und wiederholtem Eingesperrtwerden mit vier ist so groß, daß man Spott herausfordert, wenn man einen solchen Zusammenhang auch nur impliziert.
Doch zum Glück brauchen Experten den Zusammenhang nicht herzustellen; das tun die Patienten für sie, wenn die richtigen Umstände gegeben sind. Wenn genügend Patienten mit den gleichen oder ähnlichen Erkrankungen spezifische Traumata wiedererleben und von dieser Erkrankung genesen, dann wird der Zusammenhang zwischen vergangener Geschichte und gegenwärtigem Symptom evident.
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Die stille Verschwörung über unseren Schmerz
Über unsere Neurose scheint es eine stillschweigende Verschwörung zu geben. Die Hälfte der Werbespots im Fernsehen preist Schmerzmittel an. Niemand wagt der Öffentlichkeit zu sagen: »Ihr leidet.« Dies wird unausgesprochen vorausgesetzt und sotto voce verkündet. Die Schmerztöter sind für Kopfschmerzen, Magenbeschwerden oder Rückenschmerzen; die schlichte Tatsache ist, daß viele von uns leiden. Und wir wissen nicht, wie wir dieses Leiden benennen sollen. Es gibt nicht einmal einen Namen dafür. Wie nennen Sie das Leid an einer Mutter, die dauernd deprimiert war, oder einem Vater, der ungeduldig und anspruchsvoll war?
Schmerz ist heutzutage sozusagen eine Gegebenheit. Unsere tiefliegenden Schmerzen steigen an die Oberfläche, und obwohl sie verschiedene Kanäle finden, um sich zu äußern — von Angst und Phobien über Zwänge bis zu Migräne und Magenkrankheiten —, ist die Behandlung oft identisch: Schmerztöter. Alle Tranquilizer, von Alkohol bis Valium, sind letztlich Schmerztöter. Weil der Schmerz Teil des Körpers ist, bringen wir uns langsam um. Wir behandeln Unwohlsein, aber nicht die Krankheit.
Die Rolle der Primärtherapie
Braucht jedermann eine Therapie? Kann nur die Primärtherapie all dies rückgängig machen? — Ich habe unmißverständlich aufgezeigt, daß Schmerz an der Basis der Neurose steht, die wiederum eine Vielfalt von Erkrankungen speist. Jede wirksame Therapie muß sich daher an die Basis dieser weitverbreiteten Beschwerden wenden, und sie muß dies systematisch tun, Schmerz für Schmerz, und zwar in der umgekehrten Reihenfolge der ursprünglichen Anlage der Schmerzen. Die jüngsten und am leichtesten zu erlebenden kommen zuerst an die Reihe, die fernsten und katastrophalsten zuletzt.
Nicht jeder kann eine Primärtherapie machen. Nicht jeder braucht sie oder will sie auch nur. Eine große Population »kommt zurecht«. Die Menschen sind gesund und können sich ihrer Umgebung anpassen. Sich bei einem engen Freund auszuweinen, wenn das Bedürfnis danach entsteht, ist wichtig. Sich an eine warme Schulter anlehnen zu können ist wesentlich. Wir alle müssen von Zeit zu Zeit äußern, wie wir uns fühlen, selbst wenn wir kein altes Ereignis wiedererleben oder uns in Schmerzen auf dem Boden winden. Wir müssen über unsere Gefühle, unseren Groll, unsere Verletzungen und Demütigungen sprechen können. Wenn wir uns selbst isolieren, so daß wir keine Freunde haben, mit denen wir reden können, sind wir schlimmer dran. Leider sind diejenigen, die all das brauchen, gewöhnlich jene, die wenig Freunde haben.
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Es ist wichtig, von Zeit zu Zeit loszulassen. Wenn man nicht weinen kann, bringt vielleicht bloßes Schreien begrabene Tränen hoch. Der Neurotiker hat wirklich nur zwei Möglichkeiten: die, zu fühlen und mit seinen vergangenen Einprägungen in Verbindung zu treten, oder die, die Energie dieser Gefühle ohne entsprechende Verbindung zu entladen. Ersteres löst, letzteres bessert. Beides ist besser als fortgesetzte Verdrängung.
Primärtherapie ist ein Weg, Gefühle wieder einzufangen. Es gibt auch natürliche Wege, nämlich die Traumata des eigenen Lebens zu fühlen, wenn sie auftreten. Wenn das Trauma aber zu groß ist oder wenn die Gesellschaft das Fühlen verächtlich macht, dann kann meine Therapie nützlich sein.
Menschen können ohne die Therapie fühlen und taten das zweifellos schon lange vor der Existenz der Therapie. Wir sind nur deshalb gezwungen, Techniken zum Ausgraben von Gefühlen zu entwickeln, weil die Abwehrsysteme so labyrinthisch geworden sind. Wären sie dies nicht, könnte jeder Freund das gleiche leisten. Es wird von uns erwartet, daß wir weinen, wenn wir traurig sind, oder uns entsprechend verhalten, wenn wir Wut haben. Dazu sind wir ausgestattet.
Das Verdrängungssystem ist das Stützsystem, das übernimmt, wenn wir nicht natürlich handeln können. Es ist beauftragt, unsere natürlichen Gefühle zurückzuhalten. Wir handeln nicht nur unnatürlich oder auf irreale Weise, wir sind auf der fundamentalsten Ebene unnatürlich. Unnatürlich zu sein und gegen unsere biologische Natur zu handeln, führt zu Krankheit. Mit dem Wiedererlangen der Tränen wird die Fähigkeit des Systems wiedererlangt, es selbst zu sein.
Es gibt keine Abkürzung und keinen leichten Weg, so gern ich so etwas auch anbieten würde. Ich glaube, der einzigartige Beitrag der Primärtherapie besteht darin, Zugang zu den tiefsten Schichten des Unbewußten zu gewähren, die zuvor unerreichbar waren. Freud postulierte zwar unbewußte Kräfte, konnte aber weder spezifizieren, was sie waren, noch eine Methode finden, weit hinunter in ihre tieferen Schichten zu dringen. Das lag teilweise daran, daß er an ein zeitloses, unveränderliches Unbewußtes glaubte, das nicht von Lebenserfahrung abgeleitet war, sondern aus irgendeiner unterirdischen genetischen Höhle kam. Er meinte daher, es solle am besten in Ruhe gelassen, unterdrückt oder kontrolliert werden.
Für Freud und seine Anhänger wurde daher der befreiendste aller Faktoren, das Unbewußte, zu einem Anathema, das man vermeiden mußte, wenn die Person nicht desintegrieren oder irgendwie ihre persönliche Kohäsion verlieren sollte. Vor einem halben Jahrhundert hatten sie noch keine Ahnung, wie man erschütternde unbewußte Kräfte integriert, weil sie dachten, sie seien eine Art psychologischer Dämonen, die man nie verstehen könne.
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Heute wissen wir, daß wir, wenn wir das Unbewußte bewußt machen, in dialektischer Weise der Heilung den Boden bereiten. Obwohl Bewußtsein das Gegenmittel gegen schwere Krankheit ist, war Unbewußtheit ebenso ein Gegenmittel, und zwar früh in unserem Leben, als zuviel Schmerz tödlich hätte sein können.
Natur versus Erziehung: die Rolle der Heredität bei Krankheit
Das Vermächtnis der Verdrängung ist, daß wir an unseren eigenen Überlebensmechanismen sterben werden. Das liegt daran, daß diese Mechanismen für das Überleben der Spezies und nicht des Individuums bestimmt sind.
Der Streit darüber, was Natur oder genetisch und was durch unsere sozialen Umstände bedingt ist, tobt seit undenklichen Zeiten, meist aus philosophischer Perspektive. Der Zugang zu Geschehnissen im Mutterschoß aber erlaubt uns nun, zum erstenmal ein Teil dieses Dilemmas aus biologischer Sicht aufzuklären. Bis vor kurzem dachten wir, die lebensformenden Ereignisse begännen mit der Geburt. Alles übrige schrieben wir der Vererbung zu. Jetzt sehen wir, daß die kritischsten und am stärksten formenden Geschehnisse stattfinden, ehe wir geboren werden, und was wir für Vererbung hielten, könnte möglicherweise das Ergebnis dieser Geschehnisse im Mutterleib sein.
Wenn ein Kind für sein Alter klein ist (wir pflegten das mit einem Rückblick auf seine Großeltern oder Urgroßeltern zu erklären), dann wissen wir heute, daß dies vielleicht eine Folge dessen ist, daß seine Mutter geraucht hat. Ein hyperkinetisches Kind mag sich verhalten wie sein Vater im gleichen Alter, und das führt dann zu der Annahme, daß der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. In Wirklichkeit jedoch kann das Geburtstrauma das System des Kindes so elektrisiert haben, daß es hyperkinetisch geworden ist.
Damit sollen die Auswirkungen der Vererbung nicht geleugnet werden. Die bloße Tatsache, daß wir unserer Mutter oder unserem Vater gleichen, die gleiche Nase, die gleichen Augen oder die gleiche Haarfarbe haben, ist dafür ein klarer Beweis. Und es gibt keinen Grund, warum die Natur dabei haltmachen sollte. Wir können auch Tendenzen zu Herzkrankheit, Schilddrüsenunterfunktion, Migräne oder Bluthochdruck erben. Ob diese Krankheitsneigungen manifest werden oder nicht, hängt oft von der Prägung ab. Es ist klar, daß wir selbst bei ererbten Tendenzen nicht erkranken müssen, wenn das Leben nicht zu schwer ist. Wenn der Körper jedoch unter Streß steht, reagiert er da, wo er am verwundbarsten ist. So wird eine ererbte Tendenz zu Magenbeschwerden bei einem Menschen, der ständig unter Streß steht, zu Magengeschwüren führen.
* (d-2009:) Heredität: Erblichkeit, Veranlagung
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Allgemein können wir aufgrund unserer Erfahrung, daß wir durch den Wiedererlebensvorgang der Therapie eine Reihe von Krankheiten rückgängig gemacht haben, sagen, daß einige für vererbt gehaltene Krankheiten dies vielleicht nicht sind, sondern von Ereignissen herrühren, die wir bisher nicht als mitwirkende Faktoren angesehen haben, beispielsweise dem Leben im Mutterleib. Dazu würden Geisteskrankheiten wie Schizophrenie und das manisch-depressive Syndrom gehören.
Eine Reihe von Untersuchungen haben starke Korrelationen zwischen Geburtstrauma und späterer Psychose festgestellt. Eine neuere Untersuchung von Wilcox und Masallah kam zu dem Schluß, daß Schizophrene mit schlechter Behandlungsprognose eine signifikante Vorgeschichte perinataler Traumata hatten.
Bei Aufsteigen sehr frühen Schmerzes in unserer Therapie treten regelmäßig Migränen auf. Die Symptome werden akut, wenn der Schmerz sich dem Bewußtsein nähert, und hören auf, wenn der Schmerz tatsächlich zur Lösung ins Bewußtsein tritt. Wir sehen, wie der Migränepatient vor Sauerstoffmangel blau anläuft und minutenlang nach Luft ringt, scheinbar durch Atemnot in Lebensgefahr. Das kann man nicht spielen, und es widerfährt Migränepatienten mit solcher Regelmäßigkeit, daß man, wie wir es getan haben, begründete Hypothesen aufstellen kann. Eigentlich brauchen wir gar keine Hypothesen aufzustellen. Wir betrachten das Unbewußte und sehen, was es enthält. Migräne kann durch jede Situation ausgelöst werden, in der der Erwachsene das Gefühl hat, nicht atmen zu können - eine Stellung, die ihn unterdrückt und »erstickt«, eine Beziehung, die ihm »keinen Raum zum Atmen« läßt. Bei Frauen kann das in der Zeit unmittelbar vor der Periode auftreten, wenn hormonelle Veränderungen wie die unmittelbar vor der Geburt erfolgen. Der Auslöser kann nahezu jeder Streß sein, der den Körper an das ursprüngliche Trauma »erinnert«.
Migränekopfschmerzen unterscheiden sich sehr von Spannungskopfschmerzen, die im allgemeinen späteren Ursprungs sind. Bei der Migräne geht es um das Gefäßsystem und weniger um das Muskelsystem. Es gibt Fälle, in denen sogenannte Spannungskopfschmerzen von frühen Traumata stammen, beispielsweise schwerer Verdrehung des Halses bei der Geburt. Im allgemeinen haben sie eine starke Komponente der zweiten Linie. Diese Kopfschmerzen sind anders als eine Migräne, die sich anfühlt wie ein heißer Draht in der Schläfe oder hinter den Augen. Spannungskopfschmerzen beziehen Hals und Kopf auf globalere Weise ein — etwa wie ein enges Band um den Kopf. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie zu einem späteren Gehirnschlag führen, ist geringer als bei der Migräne, da der Druck muskulär ist und nicht vaskulär.
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Was in den Menschen überlebt, sind jene Eigenschaften, die der Spezies in der Vergangenheit zu überleben geholfen haben. Da unsere Gegenwart die Vergangenheit anderer sein wird, kann das, was mit uns geschieht, schließlich weitergegeben werden. Im allgemeinsten Sinne tritt Neurose deshalb auf, weil sie mit dem Gesamtziel des Lebens vereinbar ist — sich zu erhalten. Unter Streß überprüfen Gehirn und Körper die Vergangenheit, sowohl die persönliche als auch die der Spezies, um zu sehen, was früher gewirkt hat. Dann gräbt das System in seinen Archiven und holt das Verhalten wieder hervor. Es holt den Prototyp hervor. Wenn wir Symptome verstehen wollen, müssen wir den Prototyp verstehen.
Zugang zum »stillen Schrei«
Ohne Zugang zu den fernen Ursprüngen der Entwicklung sind wir gezwungen, uns mit dem zu befassen, was als Phänotyp oder Erscheinungsform bekannt ist. Deshalb formulieren phänotypische Therapien — Psychotherapie oder physikalische Therapie — ihre Ergebnisse in Erscheinungsbildern und nicht in tiefgreifenden physiologischen Zuständen.
Je eingeschränkter der Zugang, desto unwahrscheinlicher die Heilung. Rückgang der Symptome, ja. Zeitweilige Besserung, ja. Linderung, ja. Aber Heilung, nein. Noch so viele Monate ohne Drogen oder Wochen ohne Symptome sind nicht das gleiche wie Heilung.
Dies soll nur daran erinnern, daß ein Trauma nicht einfach als Idee registriert wird, sondern als Erfahrung, und es muß als Erfahrung gehandhabt werden — und nicht bloß diskutiert.
Schlußfolgerung
Neurose ist keine Perversion des Menschen, sondern ein notwendiger Bestandteil seiner Entwicklung. Die menschliche Struktur von heute ist das Produkt der gespeicherten (eingeprägten) Erinnerung der Menschheit. Die genetische Entwicklung eines Menschen während seines ganzen Lebens spiegelt die Entfaltung der Geschichte der Menschheit wider. Diese Rekapitulation der Spezies gestattet uns, unsere phylogenetische Vergangenheit zu verstehen, indem wir uns die individuelle Entwicklung genau ansehen. Die detaillierte Untersuchung eines Individuums ist auch die Beobachtung von Urgeschichte.
Wenn man sieht, wie übergroßer Schmerz die Menschen veranlaßt, zu ihrem Kortex Zuflucht zu nehmen und sich mit Ideenbildung zu verteidigen, bekommt man eine Vorstellung davon, wie und warum der Kortex sich überhaupt entwickelte.
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Wir brauchen uns nur Menschen anzusehen, die eine größere Dosis LSD eingenommen haben, das die Schleusen der niedrigeren Ebenen öffnet, um zu sehen, was sehr ungünstige Umstände bewirken. Sie bewirken das, was sie auch in der Geschichte taten — sie zwingen die Person, kortikale Neuronen der hohen Ebene zu Hilfe zu rufen und mystische Ideen heraufzubeschwören, um mit dem Ansturm fertig zu werden.
Es ist eine starke Vorstellung, daß man Jahrzehnte zurückreisen kann, um seine persönliche Geschichte zurückzuerobern und Aspekte dieser Geschichte rückgängig zu machen. Aber es ist so. Es ist möglich, die Leidenskomponente früher Traumata zusammen mit der spezifischen Erinnerung in das Bewußtsein freizusetzen und die Energie und den Druck dieser Erinnerung für immer zu entladen. Wenn dies geschehen ist, kommt es, wie wir gesehen haben, zu signifikanten, dauerhaften Veränderungen wichtiger physiologischer Parameter, darunter Wachstums-, Streß- und Sexualhormone, Cholesterinspiegel und Immunfunktion. Dasselbe, was uns krank macht — Schmerz —, macht uns auch gesund. Der Unterschied ist nur eine Frage der Integration. Keine Integration bedeutet Krankheit; Integration bedeutet Gesundheit.
Schließlich muß man erkennen, daß Neurose eine biologische Krankheit ist. Sie wird nicht durch rein biologische Wirkmechanismen verursacht, aber sie manifestiert sich gleichzeitig biologisch und psychologisch. Man kann an Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sterben. Und man kann an dem Versuch sterben, diese Gefühle zu unterdrücken.
Aufgegebene Hoffnung wird zu Verzweiflung, und Hoffnung ist entscheidend für das Überleben. Sogar irreale Hoffnung. Daher die Kulte und zahllosen Schulen der Psychotherapie. Es ist nicht möglich, in einem dauernden Zustand der Hoffnungslosigkeit zu leben, wie viele Depressive bestätigen werden. So suchen viele Menschen nach »der Antwort« — nicht wegen des Inhalts der Antworten, sondern weil die Suche mit Hoffnung verbunden ist. Deshalb tendieren einige Psychotherapien dazu, endlos zu sein. Der Patient möchte nicht, daß sie enden. Solange er die Tiefen der Hoffnungslosigkeit noch nicht erforscht hat, ist er entschlossen, die Hoffnung am Leben zu erhalten.
Geheimnisse erhalten Krankheit
Ich glaube, es gibt eine wirksame Behandlung katastrophaler Krankheit. Sie beinhaltet den Umgang mit jenen Kräften, die stark genug sind, um die natürliche Entwicklung zu unterbrechen und bittere, gebrochene und kränkliche Erwachsene aus den gesunden, lebhaften Kindern zu machen, die sie einst waren.
Wenn es Ihnen recht ist, möchte ich daher mit einigen »Janovschen Gesetzen« schließen:
Geheimnisse vor sich selbst zu haben, macht Sie krank. (Das Problem ist, daß kein Willensakt dazu beitragen kann, diese versteckten Geheimnisse zu enthüllen.)
Leiden ist heilsam, solange es auf einem Niveau erfolgt, das integriert werden kann.
Die Rettung liegt im Schmerz. (Wo haben wir das schon einmal gehört?)
Wer ausagiert, verewigt das Problem; wer abblockt, sperrt es weg.
Der Killer Nummer Eins in der heutigen Welt ist nicht Krebs oder Herzkrankheit, sondern Verdrängung. Unbewußtheit ist die wirkliche Gefahr und Neurose der wirkliche Mörder. Um zu lügen, müssen Sie die Wahrheit kennen. Der Körper sagt immer die Wahrheit, und überwältigende Wahrheiten zwingen die Psyche zu lügen.
Die Fähigkeit, Zugang zu den frühesten Ereignissen von Geburt und Säuglingszeit zu erlangen, ist, wie ich glaube, entscheidend für die endgültige Erklärung der Intensität, Qualität und Richtung vieler katastrophaler Krankheiten. Wir können die Ursprünge aufzeigen und antreibende Quellen bewältigen, statt abstrakt zu theoretisieren. Schließlich müssen Symptome kein Geheimnis sein, sie können eine präzise Landkarte sein, die zu präzisen Ursachen führt. Krankheit ist oft ein lautloser Schrei. Die Heilung besteht darin, ihm Stimme zu geben.
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