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3  Der Gefangene der Sexualität  Janov 1980 

 

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Ein wirkliches »Sexual«-Problem ist eine Seltenheit. Das Sexualproblem ist ein Problem eines Menschen mit einer bestimmten Erziehung. Dies gilt auch für Menschen, die Sexualität genießen und Gefallen daran zu finden scheinen. Es gibt eine Qualität, die dem Akt fehlt, etwas, das denjenigen, die sich nur auf die Technik konzentrieren, fehlt.

Menschen sind nicht nur in dieser oder jener Hinsicht neurotisch. Alles, was ein Neurotiker macht, wird neurotisch sein. Die Neurose hat jedoch Grade, und die Auswirkungen können in einem Bereich mehr empfunden werden als in einem anderen. Jeder Grad der Verdrängung von Feelings bezieht die Unterdrückung von Sexualität, die ein Gefühlszustand ist, mit ein. Das erste große Trauma, das Geburtstrauma, kann bereits ein großes Ausmaß körperlicher Verdrängung bewirken. Sobald das Kind alt genug ist, Moralvorstellungen in den Kopf gehämmert zu bekommen, ereignen sich in bezug auf Sexualität weitere Verdrängungen.

Urschmerz wird im Hypothalamus in sexuelle Impulse umgeleitet; dieser Prozeß läuft unbewußt ab. Was durch Sex abgeführt wird, ist Spannung, doch ist sich der Mensch dessen nicht bewußt. Die Erleichterung schafft ein gutes Gefühl, wie es bei jeder erfolgreichen Erleichterung von Spannungen der Fall ist; dieses gute Gefühl wird oft mit Sexualität verwechselt. Viele sexuell aktive Menschen scheinen an »Sex« großen Gefallen zu finden, ohne jemals zu erkennen, daß sie kein sexuelles Erlebnis haben. Solange es noch starken Urschmerz gibt, der aufzulösen ist, ist es unwahrscheinlich, daß diese Menschen jemals weder die wahre Ekstase der Sexualität kennenlernen, noch werden sie sich jemals einer rein sexuellen Erfahrung erfreuen. 

Sexualität ist für Menschen, die auf diese Weise ausagieren, nur die Transformation von Primärschmerz in sexuelle Ausgänge: je mehr Urschmerz, desto größer der »Sexual«-Trieb.

Warum ist Sexualität ein so wirksames Gegenmittel gegen Urschmerz und solch ein Erreger desselben? Zum Beispiel kann ein Orgasmus für einige erleichternd, für andere hingegen höchst bedrohlich sein.

Auf der strikt emotionalen Ebene bietet Sex größere Möglichkeiten, Bedürfnisse zu befriedigen, als andere Ventile. Er schafft eine potentielle Befriedigung aller Sinne. Doch wird man beim Flirt mit der Befriedigung in die Nähe eingeprägter Feelings und unbefriedigter Bedürfnisse gebracht — und das aus einem einfachen Grund. Die Zentren im Gehirn, die Urschmerz und Lust vermitteln, liegen nahe beieinander.

Feeling ist ein Phänomen: die Verstärkung eines jeden Feelings zieht die Stimulation aller anderen Feelings nach sich. Die Wärme und Zärtlichkeit, die man mit Sex bekommt, bringt auch die Ablehnung, Kälte und den Mangel an körperlicher Nähe aus dem früheren Leben mit hoch. Allein das Feeling, gemocht zu werden, bringt all die Feelings des Unerwünschtseins der frühen Kindheit mit sich. Durch die Erregung all dieser Feelings und ihrer Verdrängung ist es einem verdrängten Menschen zweifelsfrei unmöglich, eine hohe Ebene total orgasmischer Ekstase zu erreichen. Das liegt daran, daß ein Teil seines Körpers schwer damit beschäftigt ist, Feelings unten zu halten. Der beim Sex aufgewühlte Urschmerz wird in den Aufbau sexueller Spannung umgeleitet, die schließlich im Orgasmus ihre Erleichterung findet.1)

Primärschmerz sucht immer nach einem Ventil. Wenn das sexuelle Ventil durch elterliche Moral oder Verbote früh im Leben blockiert worden ist, wird ein anderes gefunden. Es könnte intellektueller Art sein. Das Kind kann ganz in Büchern aufgehen. 

Wenn Eltern und Kirche mit ihrer Indoktrination erfolgreich sind, wird der Intellekt des Kindes mehr Bremse als Vermittler sexueller Impulse sein. Später kann das zu einem geringen Sexualtrieb führen. Schauen wir uns doch Eltern mit ihren Kindern an. Selten sieht man dauerhafte Zuneigung und Zärtlichkeit. Allzu häufig hat es den Anschein von Krieg. Da gibt es Warnungen, Gebote, Klapse, Tadel, wird Ruhe geboten und Besorgnis über diese oder jene Bewegung des Kindes geäußert. Dies sind die Ursachen von Urschmerz, die schließlich in einem »Sex«-Problem ihr Ende finden können. Nie ist es nur das, was Eltern über Sexualität sagten oder nicht sagten.

1)  Der Orgasmus ermöglicht eine massive Entladung von Primär-Energie. Er ist eine Konvulsion, die in ihrer Intensität und Wertigkeit auch den frühen Konvulsionen während der Geburt ähnelt. Daher kann sich ein Mensch vorübergehend durch den sexuellen Akt Erleichterung von gespeicherter konvulsiver Energie eines Traumas der ersten Ebene verschaffen.

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Wann immer sich ein Kind nicht frei bewegen kann, wenn es nicht sagen kann, was es will, spielen kann, mit wem es möchte, in den Arm genommen wird, wenn es weint, gestreichelt wird, wenn es sich verletzt hat, man sich nicht an ihm erfreut, so wie es ist, tritt die Verdrängung in Kraft. Sie kehrt das psychische Geschehen in körperlichen Schmerz um, speichert ihn und hält ihn fest. Dies sind die Ursachen sexueller Probleme.

 

VERA:

Vor kurzem habe ich einen Mann kennengelernt, den ich liebte, aber bei dem ich unfähig zum Orgasmus war. Das Problem hatte ich jahrelang nicht gehabt: mit meinem gegenwärtigen Ehemann und anderen Liebhabern habe ich sechs oder sieben Jahre lang erfolgreich Orgasmen gehabt. Ich brauchte keine starke emotionale Bindung an einen Mann, um mit ihm einen Orgasmus zu bekommen, und ich konnte allein wegen der körperlichen Lust, dem Gefühl der Erleichterung und dem warmen Gefühl der Nähe des Partners Spaß am Geschlechtsverkehr haben. Doch plötzlich fand ich mich vom Orgasmus blockiert, und das mit einem Mann, den ich unglaublich schön fand, sowohl als Mann als auch als Mensch und ganz abgesehen vom Sex, einem Mann, der mich stark anzog und mit dem ich gern schlief.

Eines Nachts, nachdem wir uns geliebt hatten und ich wieder mal nicht gekommen war, ließ ich einige der Feelings zu, die hochkamen; ich weinte, fluchte und schlug mit meinen Fäusten auf das Bett. Kurz danach schliefen wir ein, und ich hatte gleich einen Alptraum, von dem ich mit Entsetzen wach wurde. Ich ging zur Gruppensitzung, und obgleich ich noch mehr von dem Horror fühlte, war der Traum immer noch doppeldeutig und verwirrend. Ich hatte immer noch keine Vorstellung davon, worum es in dem Traum ging und welchen Bezug er zu dem ganzen sexuellen Kram hatte. Ich stand in der Gruppensitzung auf in der Hoffnung, etwas mehr darüber reden zu können. Aber als ich an die Reihe kam und die Sitzung fast vorbei war, war ich nervös und von dem Gefühl getrieben, mich zu beeilen, nicht zuviel Zeit zu beanspruchen, und wenn ich zu lange reden würde, würden sich die Leute über mich ärgern. Ich schoß also los, versuchte den Traum, so schnell ich konnte, zu erklären und dann in das Feeling zu kommen, als mich Art plötzlich unterbrach und sagte: »Deine Zeit ist vorbei.« Ungläubig starrte ich ihn an. »Schon vorbei?« fragte ich ungläubig, und er antwortete fröhlich: »Ja, die Zeit ist um.« Ich war vor Wut, Empörung und Verletztheit überwältigt.

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Die Frau vor mir hatte viel länger geredet als ich, wie konnte dann meine Zeit schon rum sein? Als ich an meinem Platz an der Wand ankam, schrie ich schon vor Wut und Schmerz. Keine Zeit für mich, keiner will mir zuhören, keiner kümmert sich um mich — ein Feeling, das dem nahekam, das ich hatte, als ich mit einem Mann schlief und schnell kommen wollte, um ihm seine Lust zu verschaffen, ohne sich noch weiter anstrengen zu müssen. Ich weinte vor Schmerz und Wut, daß man mir das Wort abgeschnitten hatte, mich gedemütigt hatte.

Als diese Feelings schwächer wurden, hatte ich das starke Verlangen, meinen Kopf an Arts Brust zu legen, und hörte, wie ich ihn anweinte: »Ich liebe dich, und du tust mir weh!« Ich erkannte es sofort als eines der großen Feelings in bezug auf meinen Vater und war dann fähig, es Art zu sagen. Dann erkannte ich, wie die Männer, die ich geliebt hatte, mich immer verletzt hatten — mit Ausnahme meines Ehemannes, der sich so um mich gekümmert hatte, daß ich mich zum erstenmal in meinem Leben entspannen konnte und mich geliebt wußte. Daher hatte meine Sperre bei Greg mit der Überzeugung zu tun, daß jeder Mann, den ich liebte, mich unvermeidlich verletzen würde. Weil mein Gefühl zu Greg so stark war, fühlte ich auf einer Ebene die Gewißheit, nicht geliebt zu werden, die alte Angst und die Erwartung von Schmerzen. Als ich mich nach dieser Gruppensitzung das nächste Mal mit ihm liebte, hatte ich einen Orgasmus, und unser Sexualleben ist seitdem immer lustvoller und ausgeprägter geworden.

 

Kinder, die sich ohne vorher eingeholte elterliche Zustimmung nicht spontan bewegen dürfen, werden später keine guten Sexualpartner. Man hat ihnen ihre Spontaneität genommen. Ihr Sex-Problem kann im vierten Lebensjahr seinen Verlauf genommen haben, als sie nicht rausgehen und mit den Nachbarkindern spielen durften; es setzte sich fort, als sie abends erst nach Verrichtung der ganzen Hausarbeiten hinaus durften, und zog sich bis in die späten Teenager-Jahre, als die überwachende Mutter oder der Vater jede Minute über den Verbleib des Kindes Bescheid wissen mußten. 

Kann jemand glauben, daß ein Mangel an Spontaneität im Sexualleben durch Konfrontations-sitzungen behandelt werden kann, in denen man dann »lernt«, wieder spontan zu sein? Die Wahrscheinlichkeit ist gering, da die unerledigten Forderungen immer noch einengende, verstümmelnde Faktoren sind. Die Vergangenheit ist immer noch eine innere physiologische Tatsache.

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FRAN:

In der Therapie erlebe ich wieder, was zwischen meinem Vater und mir passiert ist. Ich kämpfe mit ihm. Er drückt mich nieder. Er packt mich am Hals. Meine Hände tun weh. Ich habe das Gefühl, nicht zu wissen, was passiert, und weiß auch nicht warum. In meinen Genitalien habe ich dann Empfindungen und fühle, wie meine Vagina pulsiert und feucht wird. Mein Becken wird hoch und runtergestoßen. In einem Primal sah ich ihn einen Augenblick nackt über mir stehen und rief: »Ich bin zu klein« und fühlte einen Schmerz in meinem Unterleib und wie sich meine Vagina zusammenzog. Ich schrie »NEIN«, immer und immer wieder, aber es hört nicht auf. Ich rufe: »Ich verspreche, Mami nichts zu erzählen«, dann verspannen sich meine Kiefer, meine Zähne klappern, und mein ganzer Körper zittert. Die Intensität des Feelings hält an, bis ich zu denken beginne und manchmal rufe: »Irgendwas stimmt nicht mit mir. Es tut mir leid. Es ist meine Schuld. Ich werde lieb sein.«

In diesen Primals fühle ich den Schmerz, als mich mein Vater vergewaltigte, als ich fünf Jahre alt war. Ich erlebe auch wieder, wie ich den Schmerz anfangs abgewehrt habe. Ich habe geglaubt, ich hätte etwas falsch gemacht, etwas, für das ich mich hätte schämen und um Entschuldigung bitten müssen. Ich »vergaß«, was passiert war. Ich konnte die schmerzhafte Wahrheit nicht fühlen:

Mein Vati hat mir sehr wehgetan. Er liebt mich nicht. Ich halte den Schmerz immer noch nicht aus und benutze die gleichen alten Abwehrformen auf verschiedene Art. Ich vergesse unangenehme Wahrheiten. Ich habe Schuldgefühle wegen allem, was danebengeht, und habe das Gefühl, nichts Gutes zu verdienen. Es kommt mir vor, als sagte ich dauernd: »Etwas stimmt nicht mit mir. Es tut mir leid. Es ist meine Schuld. Ich werde lieb sein«, und ganz besonders, »Es ist nicht passiert.«

In der Folge dieser Primals habe ich viele Verknüpfungen gemacht. Eine der wichtigsten betrifft meine eigene Sexualität. Für mich sind Geschlechtsverkehr und Hilflosigkeit identisch. Um zu vermeiden, hilflos zu sein, habe ich Sexualität gemieden. Ich schäme mich meines Körpers und ziehe einem attraktiven Aussehen das Verstecken hinter Schlichtheit vor — trage Jeans und ein T-Shirt, kein Make-up.

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Sexualprobleme haben eine Geschichte. Die Impulse hinter sexuellen Problemen müssen nicht unbedingt mit sexuellen Traumatisierungen zu tun haben. Frühe Traumata, die vor der Zeit der sexuellen Reifung liegen, beeinflussen Feelings, was wiederum später die Fähigkeit, beim Sex zu fühlen, in Mitleidenschaft zieht. Tatsächlich ist es so, daß je tiefer jemand fühlt und je weiter man zurückgeht, desto befreiender ist das Feeling für die Sexualität des Erwachsenen. Sexualität ist keine unserer »Denk«-Aktivitäten. Ein Sexualproblem bekommen wir nicht über Nacht; und man wird es auch nicht mit ein paar Wochen Übung los. Diese Probleme sind in einem neurotischen Körper tief eingebettet. Neurose heißt das Problem, und seine Behandlung ist die Auflösung.

Da man sich beim vollen Erleben eines Orgasmus verwundbar durch Urschmerzen der ersten Ebene macht, muß neurotische Sexualität gedämpft und oberflächlich bleiben. Tiefgehende sexuelle Probleme, wie etwa Frigidität und Impotenz, können mit dem Geburtstrauma ihren Verlauf nehmen, das den Körper augenblicklich stillegt; infolgedessen liegt die endgültige Auflösung von, sagen wir Frigidität, im Wiedererleben von Primärschmerzen der ersten Ebene.

Frauen berichten häufig von tiefgreifenden sexuellen Veränderungen, nachdem sie eine Reihe von Primais der ersten Ebene gehabt hatten. Sie stellen eine andere Qualität ihrer Orgasmen fest, die tiefer und umfassender sind. Diese spontanen Äußerungen der Frauen helfen uns, die Beziehung zwischen frühesten Primärtraumata und Sexualität, die Jahrzehnte später auftritt, zu verstehen. Frauen, die in der Primärtherapie beginnen, sich zu öffnen, können die Still-Legung tatsächlich fühlen, sobald sie anfangen, mit jemandem zu schlafen. Sie erreichen einen bestimmten Punkt der Erregung und nicht mehr, bis der Urschmerz mit der Erregung anfängt hochzukommen. Dann setzt die Verdrängung ein, die die wachsende Erregung leider stillegt. Nach einiger Zeit in der Primärtherapie bemerken sie, wie sich mit dem Rückgang der Verdrängung der sexuelle Lustgewinn erhöht. Nach einigen Monaten Therapie ist es für einen Menschen nicht ungewöhnlich, den Beginn eines Orgasmus zu spüren und dann in ein Geburts-Primal zu rutschen. Die sexuellen Konvulsionen lösen die Erinnerung aus. Wir haben es hier mit einer weiteren Bestätigung der Beziehung zwischen Geburtskonvulsionen und Sexualität zu tun.

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Häufig können Primals, die nichts mit Sexualität zu tun haben, eine befreiende Wirkung haben. Eine Frau hatte das Gefühl, daß, wann auch immer sie als Kind ein großes Gefühl zeigte, sie von ihren Eltern gedämpft wurde und gesagt bekam, sie solle sich »wie eine Dame« benehmen. Beim Sex traute sie sich nicht, Erregung zu zeigen. Auch wenn sie wollte, sie konnte nicht. Ihre Eltern hatten ihr die Erregung genommen und ihr nur damen­haftes Benehmen gelassen. Sie war hübsch und sittsam, aber nicht sexuell. Ihr ganzer Körper paßte sich dem Urschmerz an. Sie war verspannt, steif und unbeweglich. Sie konnte sich nicht gehenlassen. Sobald sie lernte, den Urschmerz in ihrem Körper freizulassen, lernte sie auch, sich beim Sex gehenzulassen.

Als der Vater eines Mädchens in ihrem sechsten Lebensjahr starb, zerstörte das später ihr Sexualleben, obwohl das Ereignis nichts mit Sexualität zu tun hatte. Als sie in der Primärtherapie diese Erfahrung einige Male wiedererlebte, wurde ihr Sexualleben weit befriedigender. Es hat damit zu tun, einem Mann gegenüber vollständig offen zu sein — ihrem Vater —, der sie so plötzlich »verlassen« hatte, was zu der späteren Unfähigkeit führte, sich einem Mann zu öffnen und sich verwundbar zu machen. Sobald sie das Feeling aufgelöst hatte, konnte sie sich als sexuelles Wesen akzeptieren. Sie verstand jetzt, warum sie bis zum Orgasmus masturbieren konnte, aber in anderer Hinsicht total frigide war.

Es kann vorkommen, daß ein Kind fast ohne Ventile für seine Gefühle aufwächst. Wenn die Eltern kalt und abweisend sind, es jede Minute überwachen, all seine Gefühlsäußerungen blockieren, kann das zu einem unglaublichen Aufbau von Spannungen führen. Im allgemeinen kommt es durch sexuelle Aktivitäten zu einer Befreiung, doch wenn die Eltern in bezug auf Sexualität prüde Auffassungen haben, werden alle Abflüsse verstopft. Eine Folge dessen können krampfartige Anfälle, automatische, zufällige Spannungsentladungen, sein. In gewissem Sinn könnte die orgasmische Entlastung ein Vorbeugungsmittel gegen psychogene Anfälle sein.

Eine Patientin, die sexuell unersättlich und süchtig nach Orgien war, wurde von ihrem Ehemann durch Drohungen zur Aufgabe ihrer Aktivitäten gezwungen. Daraufhin entwickelte sie einen gefährlich hohen Blutdruck. Der Urschmerz schlug einen anderen Weg ein — eine dramatische Illustration des zugrunde liegenden Problems. Ihr Problem und ihre Triebquelle war, daß sie im frühen Leben nicht genug Liebe bekommen hatte. Ihre Spannungen waren nicht Folge sexueller Frustration, obwohl sie das subjektiv so wahrnahm. Als die sexuellen Ventile blockiert wurden, war sie wieder ihrem frühen Urschmerz ausgeliefert.

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Der sexuell ausagierende Mensch bittet höchstwahrscheinlich seltener um Hilfe als Menschen, die sich blockiert fühlen und entweder frigide oder impotent sind. Der Ausagierende handelt meistens zwanghaft, er muß es einfach tun. Er ist sexuell nicht freier, auch wenn er sich befreiter gibt. Solange er Partner findet, mag er kein belastendes Problem haben. Was ihm in seiner Sexualität fehlt, ist eine Beziehung, da der andere Mensch bloß Objekt seines Ausagierens ist.

Zum Beispiel werden einige ältere Männer durch junge Mädchen erregt. Diese Vorliebe sagt etwas über ihre emotionale Ebene aus. Sie fühlen sich nicht wirklich wie Männer. Sie sind immer noch kleine Jungen, die unfähig sind, mit richtigen Frauen eine Beziehung einzugehen.

Männer, denen von der Mutter nicht ausreichend Beachtung geschenkt wurde, brauchen mehr, als ihnen eine Frau geben kann. Diese Männer werden eines Tages untreu. Frauen, denen väterliche Liebe fehlte, können das gleiche Problem haben. Kein Mann wird jemals ausreichen. Sie sind ständig unbefriedigt, fühlen sich in ihrer Haut nicht wohl, suchen etwas Neues und Anderes. Niemand wird sie je zufriedenstellen können und sollte es auch nicht versuchen.

Sexuelle Erregbarkeit hat mit Sexualität per se nichts zu tun. Alle ursprünglichen Traumata werden in Form elektrischer Impulse ausgedrückt, und die Gesamtsumme der Spannung bewirkt die Erregbarkeit. Das Wiedererleben nicht-sexueller Traumata der ersten Ebene nimmt der sexuellen Erregbarkeit ihren Druck. Wir stellten einen hohen Grad wechselseitiger Beziehung zwischen von Patienten berichteter verminderter sexueller Erregbarkeit und radikal gesenkter elektrischer Gehirnaktivität fest.

Es gibt einen weiteren Anhaltspunkt für eine Beziehung zwischen Urschmerz und Streß und Veränderungen sexueller Aktivität und Sexualhormonen. A.S. Heritage2 entdeckte vor kurzem, daß männliche und weibliche Sexualhormone von Nervenzellen abgesondert werden, die den Zellen, die mit Streß zu tun haben, sehr nahe sind. Deshalb ist es wahrscheinlich, daß bei einem Menschen mit erhöhter Aktivität des sympathischen Nervensystems eine Regulierungsänderung männlicher und weiblicher Sexual­hormone auftritt.

2   A.S. Heritage, Science, 21. März 1980.

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Den weniger dramatischen Formen mangelnder Triebkontrolle, wie etwa vorzeitiger Ejakulation, liegen die gleichen Kräfte zugrunde. Frühe Urschmerz-Impulse setzen den Menschen ständig unter Druck.

Die Verdrehungen, die ein Kind anstellen mußte, um Liebe zu bekommen, spiegeln sich unausweichlich in der Sexualität. Die von ihm bevorzugte Perversion und die von ihm angenommenen Rituale werden ein Leben begrabener Feelings widerspiegeln. Perversionen sind das gleiche wie wiederkehrende Träume, in denen ein Symbol eines Feelings fixiert und eingefroren ist. Das Ritual (oder der Traum) ist ein Versuch, das Feeling wieder in Kraft zu setzen und sich mit ihm zu einigen. Es stammt nicht nur von Primär-Feelings ab, sondern ist eine Art, wieder in sie hineinzukommen. Wenn wir das Ritual lange genug unterbinden können, können wir dem Patienten wieder zu seinen Feelings verhelfen.

Es gibt Menschen, die Schmerz brauchen, um erregt zu werden. Je mehr sie geschlagen, gekniffen werden und so weiter, desto höher ist die Erregung. Die Verbindung zwischen Urschmerz und dem Gefühl ist unbewußt, aber eng.

Die unterdrückten Bedürfnisse geben den sexuellen Vorlieben ihre Richtung. Ein Mensch, dessen Urschmerz aus der späteren Kindheit stammt, hat normalerweise ein ganz spezielles Bedürfnis, das ihn erregt. Ein Patient hatte ein Primal, in dessen Brennpunkt seine Mutter stand, die nie Gefühle gezeigt hatte. Er ließ sich auf »tote«, ausdruckslose Frauen ein. Sie erregten ihn mehr, als es »lebendige« je taten. Sein symbolischer Kampf bestand darin, sie dazu zu bringen, Gefühle zu zeigen. An sich dachte er beim Sex kaum. Er war zu sehr mit den »Techniken« beschäftigt, sie zu dem zu machen, was er brauchte — eine fühlende Frau. Nach der Primärtherapie entdeckte er, daß er vorher nie wirklich Gefallen an Sexualität gehabt hatte. Es war für ihn eine Aufgabe.

In den seltensten Fällen von Ritualen ist es der Akt selbst, der zwingend ist. Schließlich ist es nicht von Natur aus lustvoll, sich Frauenwäsche anzuziehen oder sich in Leder zu kleiden. Das Bedürfnis ist das Überwältigende, und durch ein Ritual wird es weder gesteigert noch verringert. Seine Stärke bleibt absolut die gleiche. Unterbindet man das Ritual, leidet der Mensch unter Primärschmerz. Auf diese Weise haben wir erkannt, daß sexuellen Ritualen Urschmerz zugrunde liegt. Ein Mensch, der sich wünscht, daß man auf ihn uriniert, daß er ausgepeitscht oder gefesselt wird, versucht nichts anderes, als seine äußere Welt seinem inneren Feeling anzupassen. Er fühlt sich bereits erniedrigt und wertlos. Es ist wichtig, das Ritual nicht als lebensfähige Entität zu behandeln, als eine spezielle Krankheitsform getrennt vom Ausgangs-Feeling. Frühe Erfahrungen haben das Ritual geformt; Erfahrungen werden es beenden.

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Homosexualität

 

Homosexualität ist kein sexuelles Problem. Sie ist ein Existenzzustand, der sich in einer besonderen Physiologie reflektiert und in der Art manifestiert, wie ein Mensch denkt, geht, redet, aussieht und schließlich, mit wem er oder sie es vorzieht, Geschlechts­verkehr zu haben. Einen Homosexuellen bloß zu ermutigen, sein Verhalten zu ändern, das heißt einen anders­geschlechtlichen Partner zu wählen, ändert an dem Existenzzustand nicht das geringste. Die Veränderung muß aus einer Veränderung des Existenz­zustandes heraus erwachsen, um Bedeutung zu haben. Einen Mann dahingehend zu konditionieren, daß er mit einer Frau ins Bett geht, heißt ein tiefgehendes und allumfassendes Problem zu trivialisieren.

Homosexualität ist eine Neurose, und zwar eine schwerwiegende. Es ist eine andere Art, in der sich tiefer Urschmerz manifestiert. Sie Neurose zu nennen ist keine vorschnelle Feststellung; es ist eine Beobachtung, daß Homosexualität auf Urschmerz basiert. Wenn Urschmerz aufgelöst wird, wird auch Homosexualität aufgelöst, und bei den vitalen Körperfunktionen, dem hormonalen Gleichgewicht und neuroelektrischen Mustern, die auf Neurose hinwiesen, kommt es zu charakteristischen Veränderungen in Richtung der Norm. Nicht jeder Fall von Homosexualität wird mit dem Urschmerz aufgelöst.

Der Grund ist einfach darin zu suchen, daß die Urschmerzmenge der meisten Homosexuellen, die zu uns kommen, überwältigend und daß die Zeit, die eine Auflösung in Anspruch nehmen würde, beträchtlich ist. Zudem wollen einige Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung nicht ändern; sie wollen nur aus ihrem Elend heraus. Die Auflösung einer größeren Menge von Urschmerz macht das möglich — sie senkt die Ebene des Elends beträchtlich, läßt jedoch die Homosexualität intakt. Es handelt sich höchstens um ein schwieriges Behandlungsproblem.

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Dies liegt zweifellos an der Tatsache, daß wir eine große Menge Primärschmerz der ersten Ebene vorfinden und daß die Veränderungen, welche die spätere Entwicklung der Homosexualität mit einbezogen, wahrscheinlich in utero und um den Zeitpunkt der Geburt herum ihren Verlauf nahmen — die uns bekannten Homo­sexuellen weisen ein hohes Maß an ernsthaften Geburtstraumata auf.

Lange bevor das Baby das Licht der Welt erblickt, könnten diese sehr frühen Traumata seine Biochemie schon verändern. Wir haben ausreichendes Beweismaterial aus Tieruntersuchungen, das zeigt, daß auf die schwangere Mutter ausgeübter Streß die Biochemie der Nachkommenschaft, und damit wiederum die Sexualität, verändern kann. Einer schwangeren Ratte bestimmte Sexualhormone zu injizieren, kann die männliche Nachkommenschaft dauerhaft »femininisieren«. Das weibliche Hormon Proge-steron, im ersten Stadium der Schwangerschaft verabreicht, kann die Maskulinität oder Femininität des Kindes beeinflussen — laut einer Untersuchung eines Psychologen der Columbia University, der psychologische Tests auf Kinder im Alter zwischen acht und vierzehn Jahren anwendete, die pränatal dem Progesteron ausgesetzt worden waren.

Mit unserer Forschung haben wir gezeigt, daß sich das Sexual­hormon­gleichgewicht (Testosteron) mit der Auflösung von Urschmerz verändert, ein Hinweis darauf, daß Neurose ein Faktor bei der männlich-weiblichen Hormonbalance und der möglichen Determinierung der Homosexualität sein kann. Dies bedeutet nicht, daß jeder Homosexuelle eine Hormon­veränderung während des intrauterinen Lebens gehabt hat. Doch könnte es eine mögliche Erklärung für die sehr frühe Manifestation von Verweichlichung bei Knaben und Maskulinität bei Mädchen bedeuten und dafür, daß die Ursprünge der tief erliegenden Homosexualität der ersten Ebene in der Plazenta zu finden sind. Es gibt eine weitere Form der Homosexualität, die weniger tiefgehend ist — diese hat mehr mit Deprivation und Traumata während der frühen und späteren Kindheit zu tun. Diese Form ist leichter zu behandeln, wie jede Neurose der zweiten Ebene leichter zu behandeln ist als die, die ihren Ursprung in massivem Urschmerz der ersten Ebene haben.

Natürlich sind Traumata der ersten Ebene nicht für alles verantwortlich zu machen. Es müssen auch Traumata der zweiten Ebene, das heißt Kindheitstraumata, vorhanden sein, um die Situation zu erschweren und eine ausgeprägte Homosexualität hervorzurufen.

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Das Nicht-Vorhandensein eines Vaters, eine tyrannische Mutter und die anderen oft zitierten Umstände verstärken grundlegende Tendenzen, die schon vor der Geburt ihren Anfang genommen haben können. Auch spielen Zufallsfaktoren, wie etwa die Verführung durch einen älteren Menschen zu einem entscheidenden Entwicklungs­zeitpunkt, eine Rolle. Jemand, der jeglicher Liebe beraubt ist, ist für jede Liebe, die ihm angeboten wird, anfällig; besonders traumatisch ist es, wenn diese Liebe in Form von Sex angeboten wird, wenn das Kind gerade erst sexuelle Neigungen entwickelt.

Die Erfahrungen der Mutter sind auch die Erfahrungen des Fötus. Ihre Befürchtungen und Ängste werden über das Hormon­system an das Leben, das sie in sich trägt, vermittelt. Erlebt die Mutter ein großes Trauma — der Ehemann verläßt sie, ihre Mutter oder ihr Vater stirbt, der Ehemann verliert seine Arbeitsstelle —, hinterläßt das einen starken Eindruck auf ein Leben, das seine Eltern noch nie gesehen hat. Wenn der Vater tyrannisch und gefühlskalt ist, könnte sich der Junge total seiner Mutter zuwenden. Er fängt an, sich automatisch und unbewußt unmännlich zu bewegen. Eine Ausdrucksweise schlägt sich nieder, die Sprache des Körpers. Ein bestimmter Gesichtsausdruck entwickelt sich und wird durch früh eingeprägte Traumata fest­geschrieben.

Wie schon eingangs gesagt, ist Homosexualität nur eine andere Ausdrucksform der Neurose. Sie eine Krankheit zu nennen, ist weder ein vorschnelles Urteil, noch geht es darum, der Diskriminierung von Homosexuellen Vorschub zu leisten. Es handelt sich um eine Diagnose mit Implikationen für eine spezifische Behandlung, die auf eben dieser Diagnose basiert. Wenn man eine Krankheit nicht diagnostizieren kann, kann man sie auch nicht angemessen behandeln. Wenn wir uns vormachen, es sei überhaupt keine Krankheit, sondern ein natürlicher Zustand, dann gibt es wahrlich keine Hilfe.

Vor Tatsachen die Augen zu verschließen, wie es die American Psychiatrie Association getan hat, zu leugnen, daß es eine Form der Neurose ist, heißt den Homosexuellen, die von einer Behandlung profitieren könnten, einen Bärendienst zu erweisen. Was könnte lächerlicher sein als darüber abzustimmen, ob ein Symptom ein Symptom einer Krankheit ist oder nicht? Entweder gibt es Kriterien oder nicht. Die Psychiater trafen eine politische Entscheidung, keine medizinische, zum Teil aufgrund des Drucks homosexueller Gruppen. Die Entscheidung der Association ist teilweise eine Reaktion auf die ungerechtfertigte Diskriminierung der Homosexuellen. Sie verstehen nicht, daß die Klassifizierung einer Störung nicht das gleiche ist wie Diskriminierung.

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Da Abwehrformen bei jeder Art von Neurose funktionieren, muß sich der Homosexuelle nicht notwendiger­weise »krank« fühlen und würde sich häufig nie als neurotisch klassifizieren. Ich darf wohl sagen, daß sich Neurotiker in den seltensten Fällen als »neurotisch« empfinden. Wenn Homosexualität »funktioniert«, kann der Mensch natürlich nicht glauben, daß er krank ist. Fast seit seiner Geburt ist er so gewesen; man empfindet es wie einen natürlichen Zustand. Ihm zu sagen, es sei nicht natürlich, heißt, sich dem Risiko seines Zorns auszusetzen. Die Association wollte sich diesem Risiko nicht aussetzen.

Das Problem liegt darin, daß es sich um ein solch tiefgehendes Problem handelt, mit Ursprüngen, die weit über das hinausgehen, was sich ein gewöhnlicher Therapeut vorstellen kann. Daß es sich um etwas handelt, das als mit konventionellen Mitteln so gut wie unbehandelbar gilt und dessen Quelle in den geheimnisvollen Tiefen des Unterbewußten liegt. Deshalb war es einfacher zu glauben, es sei überhaupt keine Krankheit. Welch ironischer Syllogismus. Eine Krankheit, die so schwer ist, daß man sie kaum behandeln kann — da man sie nicht behandeln kann, darf sie keine Krankheit sein. In der Leugnung ihrer Existenz ist die Neurose unschlagbar.

Dem Homosexuellen ist im Verlauf der Geschichte seine tragische gesellschaftliche Stellung dadurch zugewiesen worden, daß man ihn ausschließlich durch sein Symptom kennt. Niedergedrückt von dem schweren moralischen Mühlstein, der besagt, wenn du krank bist, bist du schlecht, haben sie zurückgeschlagen.

Homosexuelle sind am Primal Institute nicht notwendigerweise deshalb stark vertreten, weil sie ihre Homosexualität loswerden wollen, sondern weil sie, wie jeder andere auch, ihre Spannungen und Ängste loswerden wollen. Sicher gibt es auch welche, die sich ändern wollen, doch geschieht das manchmal nur, weil sie die ständigen sozialen Verunglimpfungen leid sind. Der Versuch jedoch, die Sexualität wegen gesellschaftlicher Anerkennung ändern zu wollen, ist genauso neurotisch wie jeder andere Kampf darum zu gefallen.

Die Konzentration auf nur einen Aspekt des Homosexuellen, seine Haltung, Bewegung, Sprachverhalten und sexuelle Vorliebe, heißt nur einen Aspekt des Problems anzugehen. Ein Homosexueller könnte jeden Tag, und das für Jahre, auf Drängen seines Therapeuten seinen Penis in eine Frau einführen und immer noch ziemlich homosexuell sein.

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Es handelt sich nicht um die Frage, wer was in wen steckt. Es ist eine Frage verschlüsselter unbefriedigter Bedürfnisse. Man kann Bedürfnisse nie durch Ermahnung, Konditionierung oder Manipulation verändern. So hatte zum Beispiel ein Homosexueller nie einen Vater. Er hängte sich außergewöhnlich an seinen älteren Bruder, der in Wirklichkeit wie ein Vater auftrat. Als der ältere Bruder plötzlich von zu Hause wegging, wurde der Patient traumatisiert. Er wurde später nicht nur homosexuell, sondern suchte sich auch ununterbrochen Männer, die wie sein Bruder aussahen. Bis er in die Therapie kam, war er sich weder bewußt, warum er homosexuell geworden war, noch warum er sich diese Art von Partnern suchte. Doch trieben ihn seine Feelings und Bedürfnisse mit einer Zielstrebigkeit, die an Radar erinnert, zu dem, was er brauchte und vermißte.

 

STEVEN:

Ungefähr anderthalb Monate nach Beginn der Therapie hatte ich zum erstenmal Geschlechtsverkehr mit einem Mädchen. Die Tatsache, daß ich es überhaupt konnte, war wahrscheinlich die größte Überraschung meines Lebens. Um die Feelings, die ich in bezug auf meine homosexuellen Erfahrungen hatte, beschreiben zu können, muß ich etwas über meinen Familienhintergrund sagen.

Ich war das jüngste von fünf Kindern und der einzige Junge. Meine Mutter war eine hysterische, dominante Frau, und mein Vater war, so weit die Sache für mich von Wichtigkeit ist, ein unter dem Pantoffel stehendes Nichts. Ich wuchs in einer total weiblichen Umwelt auf, über-beschützt und vollständig unter der Kontrolle von Frauen.

Schon früh zu Beginn meiner drei Wochen (der Intensivphase der Therapie) weinte ich nach meinem Vater. Das war ein Schock, denn so weit ich mich erinnern konnte, wollte ich nie etwas von ihm. Sobald das Feeling, ihn zu brauchen, begonnen hatte, wollte ich einen Vater, der mich in den Arm nahm, sich um mich kümmerte, mich liebte und mich vor dem Haus voller schimpfender schreiender Frauen beschützte. Bei all meinen sexuellen Erlebnissen suchte ich einen Vater, der mich beschützte und liebte. Es hat nie geklappt.

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Ein weiterer Aspekt meines sexuellen Problems, der durch sehr starke Feelings in den Brennpunkt gerückt wurde, war mein Bedürfnis, ein Junge sein zu wollen, irgendein Junge. Ich wollte raus, rennen, springen, klettern, mich schmutzig machen. Statt dessen behielt man mich drinnen zum Lesen, Spielen mit Papierpuppen und anderen »ungefährlichen« Aktivitäten. Mein Leben war dermaßen lustlos, daß ich rauswollte und einfach irgendein Junge sein wollte. Ich hatte das Gefühl, deren Leben sei perfekt. Sie konnten alles machen, was ich nicht durfte. Ich habe viele lange Sitzungen damit verbracht, an die Wände zu hämmern und meine Wut und Frustration herauszubrüllen. Ich hatte keine Vorstellung davon, wieviel Wut ein Mensch in sich haben kann, und schon gar nicht ich, der so gefaßt und ruhig war, nie aus der Reihe tanzte und immer der liebe Junge gewesen ist.

Ich erkenne jetzt, daß ein großer Teil meines homosexuellen Antriebs darin bestand, ein anderer Kerl sein zu wollen. Wenn mich in der Vergangenheit jemand anzog, zerriß es mich innerlich. Nichts außer der flüchtigen Begegnung für ein paar Stunden konnte mich zur Ruhe bringen. Ich bin sehr dankbar dafür, daß dies der Vergangenheit angehört. Einige Männer ziehen mich immer noch an, doch es bereitet mir keine Qualen mehr. Ich nehme es als das wahr, was es ist. Ich bin noch nicht vollständig mit meiner Existenz in meinem eigenen Körper zufrieden und will noch einer von den anderen sein. Doch habe ich kein sexuelles Verlangen mehr nach ihnen. Ich will nur »sie« sein.

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Wenn jemand unbefriedigte Bedürfnisse in quälendem Ausmaß hat, sollte klar sein, daß jeder Versuch, sie auf irgendeine Weise später zu befriedigen, eine symbolische, irreale Befriedigung sein wird. Symbolische Befriedigung unterliegt dem Wieder­holungs­zwang, weil sie leer ist. Gleich, wieviel Liebe, Sex und Zärtlichkeit der Homosexuelle bekommt, er braucht mehr — weil er ein Bedürfnis hat. Das gleiche trifft auf einige neurotische Heterosexuelle zu.

Symbolische Befriedigung kommt nicht an das Bedürfnis heran. Sie beeinflußt den »Wunsch«, der ein späterer Abkömmling des Bedürfnisses, mit ihm jedoch nicht gleichbedeutend ist. Normalerweise wird das frühe unbefriedigte Bedürfnis nach Liebe in einen Sexualdrang umgewandelt. Es besteht ein »Wunsch« nach Sex. Die starke Energie der Urschmerzen wird später in drängende sexuelle Lust umgeleitet, die selten nachläßt. Der Mensch wünscht sich dann, was er nicht braucht; und je mehr er bekommt, was er sich wünscht, desto weniger befriedigt und desto gehetzter fühlt er sich.

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Wenn er sein reales Bedürfnis fühlt, ist er nicht sexuell; er ist in Agonie. So hält der »Wunsch« den Urschmerz der Bedürfnisse fern. Er lenkt die Energie in etwas Erhältliches um; elterliche Liebe zu bekommen, ist für den ehemaligen Säugling jetzt eine Unmöglichkeit. Es ist ein endloses Ritual. Wenn der Homosexuelle in der Gegenwart einige Befriedigung findet, ist er glücklich und glaubt, daß er nicht krank oder neurotisch ist. Wenn es ihm an symbolischer Befriedigung fehlt, fühlt er sich elend. Es unterscheidet sich von keiner anderen Neurose, ausgenommen durch den Grad des Bedürfnisses, dem nur der entsprechende Grad des Elends gleichkommt.

Ich glaube, daß unter annehmbaren Bedingungen vorgeburtlicher und geburtlicher Erfahrungen, dazu einem warmen und liebevollen Zuhause, ein Kind natürlicherweise heterosexuell aufwachsen wird. Ich habe ernsthafte Zweifel daran, daß irgendein geliebtes Kind mit einer guten Vergangenheit zu einem Homosexuellen heranwachsen wird.

 

GUILLAUME:

Ich heiße Guillaume. Ich wurde 1951 als Kind von Kleinbauern geboren. Wegen meiner Homosexualität begann ich vor vier Jahren mit der Primärtherapie und arbeite jetzt als Wirtschafts- und Sozialkundelehrer in Europa.

Als ich ungefähr vier Jahre alt war, fragte ich meine Großmutter bei einem Spaziergang nach dem Unterschied zwischen Männern und Frauen. Während sie es mir erklärte, erkannte ich irgendwie, daß ich nicht in das Muster paßte, daß da in meinem Kopf irgendwas nicht stimmte: Ich brauchte etwas von einem Mann, das man eigentlich von einer Frau bekommen sollte. Damals wußte ich natürlich noch nicht, daß es dafür einen besonderen Ausdruck gab, und ich machte mir nicht allzu viele Gedanken darüber.

Als ich in die Schule kam, habe ich Mädchen einfach gemieden. Das war nicht schwer, weil es uns in der Klasse nicht erlaubt war zusammenzusitzen. Spielen mußten wir auch in verschiedenen Bereichen. Ich war sehr am Unterricht interessiert und wollte, um meinen Eltern zu gefallen, der Klassenbeste sein. Mit anderen Jungens habe ich mich nicht sehr angefreundet; ich fühlte mich anders, als etwas »Besonderes«. Sie sprachen viel über Mädchen, und ich war nicht interessiert; auf diesem Gebiet hielten sie mich für minderwertiger.

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Als ich zehn Jahre alt war, entdeckte ich ein Buch über sexuelle Abweichungen mit dem ungefähren Titel »Das dritte Geschlecht«, und ich fing an, etwas mehr zu begreifen, was mit mir nicht stimmte. Ich machte mir Sorgen. In der Schule wollte ich, daß ältere Schüler zu mir hielten und sich um mich kümmerten. Außer in der Klasse kam ich mir verloren vor. Mit zehn steckten mich meine Eltern in ein Internat; ich fühlte mich, als müsse ich sterben.

Während der Pausen ging ich in die Erholungsräume, wenn die älteren Jungens da waren, und es faszinierte mich, ihre Genitalien anzusehen. Von dieser Zeit an war ich Männertoiletten verfallen. Ich ging dahin, schaute mir Penisse an, ging hinaus, lief ein bißchen herum und ging dann wieder rein. Ich war ein »Penis-Süchtiger«.

Ich hatte gelegentlich Freundinnen, aber wir kamen uns nie zu nahe. Mit 18 hatte ich einige Wochen lang eine Freundin. Ich mochte sie, mein Körper reagierte auf sie, aber ich bekam Angst und ließ die Beziehung fallen. Dann begann ich in einer Großstadt zu studieren.

Als ich 21 war, beging mein Vater Selbstmord. Der Hof ging drauf, und die Familie löste sich auf. Ich fing an, mit Männern sowohl auf emotionaler wie auch sexueller Ebene Beziehungen zu haben. Meine Wunschvorstellung dreht sich darum, einem 40 bis 45 Jahre alten, körperlich starken, maskulin-aussehenden und gesellschaftlich einflußreichen Mann zu begegnen. Es war sehr leicht für mich, viele Männer zu treffen, ich fühlte mich bei homosexuellen Männern wohl und hatte viele verschiedene Liebhaber. 

Ich war immer auf der Suche nach einem Mann, meistens in Männertoiletten und Parks. Manchmal dauerte die Beziehung nur eine Nacht, manchmal Wochen oder Monate, sehr wenige auch länger.

Als ich zum drittenmal einen Penis lutschte, war ich sehr aufgeregt, und es verschaffte mir ein gutes Gefühl. Am Anfang waren diese Erlebnisse phantastisch, ich fühlte mich so befreit. Mit einem Mann zusammenzusein verschaffte mir ein Gefühl des Friedens, und davon hatte ich schon so lange Zeit geträumt. Später war es nicht mehr so gut, und irgendwas tief in mir sagte mir, daß etwas nicht stimmte, daß ich mich zerstörte. Aber ich konnte es nicht ändern, ich war davon abhängig. Dann hatte ich zwei Jahre lang einen Geliebten, Daniel. Wir mochten uns wirklich, aber zwischen uns gab es immer Spannungen. Wir wollten uns trennen, aber unser Bedürfnis führte uns dann wieder zusammen.

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Er war ein netter und freundlicher Mensch; er war mir wie ein Vater. Aber ich schien von ihm nie zu kriegen, was ich wollte: Er konnte mir natürlich nicht geben, was mein Vater mir in der Vergangenheit nicht gegeben hatte. Mir wurde klar, daß falls ich das, was ich von Männern wollte, nicht von Daniel bekommen würde, ich es nie von irgendeinem Mann bekommen würde, weil Daniel der freundlichste Mann war, mit dem ich bis dahin zusammengewesen war.

Irgendwie habe ich mich nie für wirklich homosexuell gehalten, aber ich lebte ein doppeltes Leben: Während des Tages studierte ich, nachts war ich mit Männern zusammen. Ich folgte nur einem sehr spontanen Bedürfnis und wollte nicht der anderen, der homosexuellen Welt angehören. Es hätte für mich geheißen, das Leben, das ich führen wollte, aufzugeben: »richtiges Leben« wie das meiner Kommilitonen.

Durch eine Art Selbstanalyse mußte ich darauf kommen, daß etwas an meinem Leben nicht stimmte und daß es so nicht funktionieren konnte. Ich war in einem Paradox gefangen, das mich hoffnungslos stimmte: Ich suchte einen Mann, der maskulin und fähig war, mir Zuneigung zu schenken, und ich mußte mich an einen homosexuellen Mann wenden. Homosexuell hieß natürlich, daß er das Bedürfnis nicht befriedigen konnte, er war genauso bedürftig wie ich und erwartete von mir, daß ich das gleiche Bedürfnis bei ihm stillen würde.

Ich entschloß mich, sexuelle Beziehungen zu Männern aufzugeben, und litt unter dieser Entscheidung, obgleich Daniel und ich Freunde blieben. Dann las ich den Urschrei; ich weinte und bekam ein tiefgehendes Verständnis dafür, warum ich homosexuell geworden bin. Monate später kam ich wegen einer Therapie zum Primal Institute.

Die ersten zwei Jahre in der Therapie waren extrem schwierig. Zu der Zeit hatte ich keine homosexuellen Beziehungen und war entschlossen, an meiner Entscheidung festzuhalten. Ich fühlte mich oft von Männern angezogen, wußte aber, daß es nicht das war, was ich wirklich wollte, weil ich es so oft und auf alle möglichen Arten versucht hatte und nicht befriedigt wurde. Nach den zwei Jahren kehrte ich nach Europa zurück und fuhr fort, Primais zu haben, entweder allein oder mit Freunden.

Ich habe viele Feelings in bezug auf meine Eltern gefühlt, fühlte, daß sie mich nicht liebten und kein Interesse an mir hatten. Meine Mutter war immer distanziert und behandelte mich sehr grob,

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obwohl sie ängstlich darauf achtete, daß die Nachbarn sie als gute Mutter wahrnahmen. So hatte ich zwar nette Sachen zum Anziehen für die Schule, aber zu Hause gab es keine Zuneigung. Ich rebellierte häufig, sie schlug mich und nannte mich »kleines Dreckstück« und ähnliches.

Eines Tages weinte ich im Primal Institute in einer Sitzung über meine Mutter. Es war ein ziemlich starkes körperliches Feeling und meine Hand bewegte sich zu meinem Mund, als masturbiere ich einen Mann, um dessen Sperma zu bekommen. Plötzlich verwandelte der Penis sich in meiner Vorstellung in die Brüste meiner Mutter; über diese Einsicht verwundert, hörte ich auf zu weinen. Ein oder zwei Tage hatte ich die Brust gekriegt, danach die Flasche.

Ein anderes Mal, als ein Freund (während eines Primals) bei mir saß, fühlte ich die Sequenz eines in die Länge gezogenen physischen Kampfes. Es fühlte sich an, als würde ich geboren, und in meinem Mund hatte ich ein schreckliches Bedürfnis danach, etwas zu saugen. Das Feeling war überwältigend. Ich griff nach meinem Freund und wollte ihn ganz ablutschen, was ich oft wollte, wenn ich mit Männern schlief. Das Feeling war: Ich habe ein solch starkes Bedürfnis, daß ich alles ablutschen könnte. Neulich bekam ich in der Schule einen schlechten Zeitplan, der ganz anders war als der, um den ich gebeten hatte. Ich fühlte mich von der Verwaltung abgelehnt. Ich ging in mein Zimmer, um es zu fühlen. Bald wurden daraus meine Eltern, die in der Kindheit gegen mich waren, und dann meine Mutter gegen mich, diesmal im rein körperlichen Sinne, während der Wehen im Geburtskanal. Mein ganzes Leben lang habe ich die Außenwelt — andere Menschen, Ereignisse, Umstände — als gegen mich, als Druck empfunden.

Es wird mir langsam klar, daß ich mich auf die gleiche Art durchs Leben bewege wie damals durch den Geburtskanal, alles als eine Quelle von Druck wahrnehme und sogar Druck »um mich herum« schaffe, wenn gar keiner da ist. Es ist fast so, als hätte ich diesen ganzen Druck gebraucht, um mich vor dem Gefühl des realen, ursprünglichen Drucks zu schützen. Als meine Mutter schwanger war, hegten sie große Erwartungen in bezug auf mich - ich sollte den Hof übernehmen. Es war sehr wichtig für sie — als Europäer —, einen Sohn zu haben, dem sie den von den Vorfahren hinterlassenen Hof übergeben konnten. Und da war ich nun: weinend und fordernd von Anfang an. Sie dachten, ich sei kein normales Kind — und sagten mir das auch meine ganze Kindheit hindurch.

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Sie lehnten mich ab, was mich noch fordernder machte und das Gefühl in mir schuf, alles sei »gegen mich«. Als mein Bruder anderthalb Jahre später geboren wurde, zogen sie ihn mir vor, weil er ruhiger war. Dieses Vorziehen verstärkte mein Feeling noch.

Den größten Teil der Aufmerksamkeit, die mir meine Mutter schenkte, als ich klein war, bekam ich beim Füttern — da ich keinen Appetit hatte, bestand es meist darin, mir Nahrung in den Mund zu zwängen — und wenn sie meine Windeln wechselte und mich saubermachte. Ich hatte Feelings über meinen Wunsch, daß mich meine Mutter in den Arm nehmen und mich überall berühren sollte, nicht nur meinen Hintern. Dort berührt zu werden, erregte mich in meinen homosexuellen Beziehungen sehr. Ich begann mich auf meinen Mund und meinen Arsch zu konzentrieren, was nicht verwunderlich ist, da man mich eher wie eine Tube als wie ein menschliches Wesen behandelte.

Als ich klein war, schenkte mein Vater mir seine Aufmerksamkeit. Er spielte und unterhielt sich mit mir und trug mich auf seinen Schultern. Aber als sich seine Ehe verschlechterte, was sehr bald geschah, zog er sich in sich selbst zurück. Er wurde depressiv, geistig abwesend, verlor seine gesellschaftlichen Interessen und besuchte seine Freunde nicht mehr. Und er schenkte mir keine Aufmerksamkeit mehr. Als ich im Internat war, sah ich ihn nur noch am Wochenende. Mein Bruder blieb zu Hause und half ihm auf dem Hof. Eines Sonntags morgens stand er sehr früh auf, um meinen Bruder mit zum Angeln zu nehmen und ließ mich in der Dunkelheit meines Schlafzimmers zurück. Über diese Szene habe ich oft geweint, weil sie viele Feelings zusammenfaßt.

Obwohl ich von meinem Vater wenig bekommen hatte, sehnte ich mich nach der Zuneigung, die er mir gezeigt hatte, als ich klein war. Und meine Mutter war so kalt, daß von ihrer Seite nichts zu erwarten war. Später wurde die Botschaft so deutlich, als hätte man sie mir in den Kopf geschrieben: Diese Nähe und Liebe ist nur mit einem Mann möglich, niemals mit einer Frau. Als sich mein Vater umbrachte, war ich verloren, traurig und in Not, und erst von da an begann ich, homosexuell auszuagieren.

In meinem jetzigen Leben fühle ich kein Bedürfnis mehr nach einer homosexuellen Beziehung. In meinen Beziehungen zu Frauen habe ich viel von der Therapie profitiert. Ich hatte noch nie in meinem Leben mit einer Frau Sex gehabt. Ich hatte Angst, die Nähe nicht ertragen zu können und das Bewußtsein zu verlieren.

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Jede Art näheren Kontakts mit Frauen machte mir Angst. Ich hatte so wenig Bezug zu meinem Körper, daß ich kaum tanzen konnte, und schon gar nicht mit einer Frau. Frauen gegenüber war ich wie hermetisch abgeschlossen, wann auch immer eine nett zu mir war, zog ich mich zurück. Ich war ein freundliches, engelsgleiches, bisexuelles oder nicht-sexuelles Wesen.

Nach zwei Jahren der Therapie fing ich sexuelle Beziehungen zu Frauen an und fand Spaß daran. Jetzt sind soziale und sexuelle Beziehungen zu Frauen für mich alltägliche Begebenheiten. Ich wußte, daß es etwas Reales war, was ich wollte. Ich fange an, mich täglich mit meiner Freundin zu treffen — ein Umstand, der mir immer wie ein unmöglicher Traum vorgekommen war. Es mag sein, daß meine Beziehungen zu Frauen noch lange schwierig sein werden, ganz besonders in bezug auf das Gehenlassen beim Sex, aber diese Schwierigkeiten nehmen in dem Maße ab, in dem ich die damit verbundenen Feelings fühle. Ich kann jetzt wenigstens meine Zeit und Energie zur Befriedigung gegenwärtiger Bedürfnisse einsetzen. Ich muß nicht mehr hinter Männern her sein, die mir geben sollen, was mir mein Vater nicht gegeben hat, oder muß Frauen meiden, weil mir meine Mutter wehgetan hat. Meine Homosexualität ist nur der Weg, mit dem ich einen Mangel an Liebe überlebt habe.

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Wenn eine Patientin ein Primal hat, in dem sie die tiefe Sehnsucht fühlt, gleich nach der Geburt nah bei ihrer Mutter zu sein, ihre Wärme und ihren Schutz zu spüren, und wenn sie dann die Verknüpfung zu ihrer lebenslangen Sehnsucht nach weiblicher Wärme herstellt, so ist das der beste Beweis für die primären Ursprünge der Homosexualität, den ich kenne. Es erfordert keine Theorien. Man muß nur das Ereignis akkurat aufzeichnen. Diese Frau erkannte sofort, warum sie es liebte, eine Frau in der »Löffel«-Stellung im Arm zu halten, um soviel körperlichen Kontakt wie nur möglich zu bekommen.

Statt von ihrer Mutter nach der Geburt getröstet und in den Arm genommen zu werden, wurde sie in ein steriles Bettchen gelegt. Wegen des Zeitpunkts des Ereignisses war dies eine der größten Traumatisierungen. Diese Minuten waren wichtiger als Millionen von Minuten, die darauf folgten, denn nur zu diesem Zeitpunkt hätte das Bedürfnis angemessen befriedigt werden können. Das soll nicht heißen, daß nur dieses eine Ereignis die Homosexualität »hervorgerufen« hat. Aber dadurch behielt sie eine tiefe und später unzugängliche, unbewußte Sehnsucht zurück.

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Es prägte die Art, wie sie mit späteren Erfahrungen umging. Wenn sie eine liebevolle Mutter gehabt hätte, wäre sie später vielleicht nicht homosexuell geworden. Sie hatte nicht nur eine kalte, gefühllose Mutter, sondern wurde in eine katholische Schule geschickt, die den Rest erledigte. Es war eine Kombination aller Faktoren, nicht eines einzigen, die sie homosexuell werden ließ.

Die Patientin hatte eine Mutter, die sich mit ihr unterhielt, an ihr interessiert zu sein schien und von der sie glaubte, sie sehr zu lieben. Es war »einfach nur« so, daß die Mutter keine Gefühle zeigen konnte. Die tiefe, physische Sehnsucht war da, jedoch total unbewußt. Man kann nur schwerlich auf ihre Familie deuten, nach allen objektiven Standards eine »gute Familie«, und sagen, daß »genug« Pathologie vorhanden war, um eine Homosexuelle zu schaffen. Obwohl ihre Mutter an ihrem Wohlergehen, ihrer ordentlichen Ausbildung, Kleidung und an ihren Freunden interessiert war, hatte sie die wirkliche Nähe, die ihre Tochter brauchte, vernachlässigt.

Wenn die Ursprünge der Homosexualität eines Menschen in den Urschmerzen des frühen Lebens zu finden sind — und das sind sie fast immer —, dann findet er auch dort eine Chance, sich zu verändern. Es ist die einzige Möglichkeit, die einzige letzte Chance. Nichtsdestoweniger hören viele Homosexuelle auf, nachdem sie genug der Kindheitsschmerzen gefühlt haben, um ein Leben zu führen, bei dem sie sich recht wohl fühlen. Doch das ist eine Entscheidung, die jeder Patient zu treffen hat. Wir sind keine Puristen. Kein Homosexueller muß heterosexuell werden.

Die Primärtherapie hat sich nicht das Ziel gesetzt, Patienten zu helfen, mit ihren Problemen zu leben. Wir versuchen nicht, die »Schuldgefühle« eines Homosexuellen zu erleichtern. Wir rationalisieren nicht mit ihm oder ihr herum oder bieten ihnen eine Reihe von angenehmen Vorstellungen an, mit denen sie dann leben (»Schließlich bist du genausoviel wert wie andere auch.«). Tatsächlich diskutieren wir das Problem als solches nur selten. 

Wir beschäftigen uns mit Bedürfnis und Primärschmerz, und danach gibt es keine Schuldfrage mehr. Der Patient versteht besser als jeder andere, warum er so ist, wie er ist. Er braucht keinen Trost und keine Vorstellungen, die ihm im Leben weiterhelfen. Vorstellungen und Ideen sind in jedem Fall nur Produkte des Intellekts. Der Patient weiß besser als jeder andere, daß er an dem, was er getan hat, nichts ändern konnte, und warum er gerade diesen Weg der Sexualität gewählt hat. Hat er sein Unbewußtes erlebt, dann kennt er die hinter der Neurose stehende Kraft.

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Was ist gesunde Sexualität? All das, was gesunde Menschen tun. Was ist ein gesunder Mensch? Jemand ohne überwältigenden Primärschmerz. Sexuelle Abwechslungen sind nicht notwendigerweise ungesund. Schließlich sind weder alle Menschen gleich, noch werden sie von den gleichen Sachen erregt. Aber Peitschen und Ketten haben mit Sexualität nichts zu tun. An ihnen ist nichts Erotisches; sie spiegeln bei manchen Menschen nur eine Primär-Macht. Jede länger praktizierte Art von Sexualität, die den direkten Geschlechtsverkehr meidet, reflektiert die Verdrängung von Urschmerz.

Sogar die Wahl eines Sexualpartners kann manchmal als Perversion betrachtet werden. Wir sahen einen Mann, dessen Mutter außergewöhnlich verführerisch mit ihm umgegangen war. Sie rieb sich an ihm, schmiegte sich an ihn und sagte: »Du gehörst mir allein.« Sie war blond. Um Sex mit irgendeiner Frau zu haben, brauchte dieser Mann eine Dunkelhaarige, vorzugsweise schwarz oder orientalisch. Um inzestuöse Gefühle zu vermeiden, mußte er sich so weit als möglich von dem entfernen, was ihn unbewußt an seine Mutter hätte erinnern können. Bei hellen, blonden Frauen war er impotent. Es sah aus wie eine einfache, unschuldige Wahl des Sexualpartners; war es aber nicht. Er hatte immer gewußt, daß seine Mutter verführerisch war. Das Verständnis half ihm aber überhaupt nicht. Als er fühlte, was sie ihm angetan hatte, wie sie sexuelle Gefühle in ihm erweckt hatte, Gefühle, die ihn als kleinen Jungen schrecklich verwirrt hatten, konnte er die Wahl seiner Sexualpartnerinnen als den Versuch erkennen, diese Feelings zu meiden. Daraufhin war er in der Lage, eine reale Wahl zu treffen.

Die Möglichkeiten für Perversionen sind endlos. Verhalten ist an und für sich weder gesund noch ungesund. Es kann normal sein, sich einen dunkel- oder hellhäutigen Partner zu wünschen, oder total ungesund. Auch ist das Etikett »ungesund« oder »anormal« nicht wichtig, außer daß es begrabenen Urschmerz reflektiert.

Die ernsthaften Sexualprobleme der meisten Menschen sind nicht offen ersichtlich; sie sind in der Qualität ihrer sexuellen Erfahrungen zu finden. Bis jetzt haben wir kein geeignetes Maß gehabt, das etwas über gesunde Sexualität ausgesagt hätte. Früher haben wir einen Durchschnitt errechnet und ihn für eine Richtschnur für Gesundheit gehalten. Doch mit vollem Zugang zum Selbst begreifen wir jetzt, was normale Sexualität ist. Wir wissen, was hinter Perversionen, Frigidität und Impotenz steckt. Nach der Loslösung des Urschmerzes vom Sex bekommen wir einen Einblick in die Natur realer sexueller Erfahrung.

Das Wichtigste, was man über den Geschlechtsakt sagen kann, ist, daß er kein Akt ist.

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