Teil 5 Im Alltagsleben Janov 1980
1 Das Haus der Schmerzen 02
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Alle Säugetiere durchleben Zyklen, bewegen sich zwischen zwei Zuständen: dem sympathischen und dem parasympathischen — Energieverausgabung im Gegensatz zu Energieerhaltung. Diese Befindlichkeiten, vom Hypothalamus gesteuert, sind Modi metabolischer Regulierung. Ein gesunder Mensch hält ein passendes Gleichgewicht zwischen ihnen aufrecht, so daß die Zyklen regelmäßig alternieren können. Dieses Gleichgewicht kann jedoch durch frühe schmerzhafte Ereignisse gestört werden, und danach wird der eine oder der andere Modus die Oberhand haben.
Das Sympathikussystem ist das Arbeitshaus. Es spornt an, mobilisiert, alarmiert, macht wachsam, verausgabt Energie und steigert die Tätigkeit der Organe. Es erhöht die Temperatur und andere vitale Körperfunktionen wie Herzschlag und Blutdruck. Es steigert die Urinproduktion, kann Darmkrämpfe erzeugen und die Eingeweide aufwühlen. Dieses System reguliert den peripheren Blutkreislauf, so daß bei Angst Hände und Füße kalt werden und das Gesicht blaß.
Es ist auch für die Auslösung der Streßhormone, die Steroidsekretion, verantwortlich. Es vermittelt nervöses Schwitzen und einen trockenen Mund, Muskelverspannungszustände, angespanntes Gesicht und Kiefer und eine höhere Stimmlage. Es ist die Vermittlungsstelle für impulsives Verhalten. Es veranlaßt zur Wachsamkeit und drängt mehr in Richtung äußerlicher Verhaltensweisen als zur Reflexion von Vorgängen.
Das parasympathische System ist als Energiehalter beim Fühlen, im Tiefschlaf und vollkommener Entspannung dominant. Es ist für den Anabolismus, also aufbauende Lebensvorgänge, verantwortlich und dient der Senkung vitaler Körperfunktionen. Es erweitert bestimmte Blutgefäße, so daß die Haut warm ist, Augen und Mund feucht werden, die Muskeln sich entspannen, die Stimmlage tiefer wird und es zu einer allgemeinen Verlangsamung der Bewegungen kommt. Parasympathische Reaktionen sind in Ruhezuständen und Erholungsperioden nach Streß vorherrschend.
Die zwei Systeme sind komplementär, doch wird das Gleichgewicht durch frühe Primärschmerzen verschoben. Diese Verletzungen, vor allem jene vor und während der Geburt, sind eine schmerzhafte Belastung des Hypothalamus und prägen uns lebenslang einen bestimmten Reaktionsmodus ein.
Der Grund, warum dieser besondere Reaktionsmodus wichtig ist, liegt darin, daß er nicht nur innere Reaktionen formt, sondern auch einen Persönlichkeitstypus. Das ursprüngliche katastrophale Trauma startet ein Konzert physiologischer Rückwirkungen, die als prototypische Reaktion bekannt ist. Jeder spätere ernsthafte Streß führt zum Einsatz der prototypischen Reaktion, die eine dauerhaft eingeprägte Erinnerung ist, welche die charakteristisch lebensrettende Reaktion mit einschließt, die zum Zeitpunkt des lebensbedrohenden Traumas auftrat.
War der Mutterleib zur Zeit der Geburt schrecklich einengend und der Fötus hatte zu kämpfen, um ans Leben zu kommen, wäre die charakteristisch lebensrettende Reaktion Kampf, Aggressivität, Wut und Antrieb. Stand der Fötus bei der Geburt stark unter Medikamenten und konnte absolut nichts anderes tun, als versuchen zu atmen, könnte die lebensrettende Reaktion Resignation, Passivität und — noch begriffslose — Empfindungen von Sinnlosigkeit und Verzweiflung sein. Die Kontinuität der Reaktionen bleibt wegen der Erinnerungsspur bestehen. Das prototypische Trauma ist in hohem Maße belastet, ist normalerweise eine Frage von Leben und Tod, verfügt über eine gewaltige Kraft und veranlaßt einen, immer wieder auf die alte Situation zu reagieren, sobald die Angst hervorrufenden Stressoren in der Gegenwart auftauchen.
Die Wichtigkeit sympathisch-parasympathischer Dominanz liegt darin, daß sie die Grundlage bildet, aus der Vorstellungen, Einstellungen, Werte, Interessen, Gefühlseinstellung, Antrieb, Ehrgeiz und viele andere psychische Charakteristika entstehen. Sie stellt die Grenzen her, innerhalb derer jemand auf charakteristische Weise reagiert. Der sympathisch dominierte Mensch verzweifelt selten und kommt sich selten leer vor, er ist voller Aggressivität und Antrieb. Die charakteristische Reaktion einer parasympathisch dominierten Person dagegen ist das Aufgeben, wenn ihr das Leben zuviel wird — nachgeben, sich abfinden, zurückweichen und resignieren.
Obwohl Ereignisse in der späteren Kindheit die Reaktionen eines Menschen stark prägen, wollen wir uns für den Augenblick auf das prototypische Geburtstrauma konzentrieren. Wann hört das Trauma auf? Noch während des Kampfes, oder erst wenn der Körper schwächer wird und stirbt? Endet es gleich nach Beginn oder erst nach vielen Stunden der Agonie? Wie hört es auf? Abrupt oder nach einer langen Zeit?
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Ebenso entscheidend ist die Natur des Traumas. Eine zu hohe Dosis Betäubungsmittel? Steißgeburt? Überlange, schwere Wehen? Die Frage heißt, wann beendet der Säugling oder das Neugeborene die traumatische Sequenz? Entsteigt er dem »Trauma-Zug«, fast von Arzneimitteln getötet, und muß er durch Eiswasser oder Medikamente und Klapse wieder belebt werden? Wird er durch Kaiserschnitt zur Welt gebracht? Oder wird er geboren, während er noch um sein Leben kämpft? Kurz, befindet sich das Baby in der sympathischen oder in der parasympathischen Phase, wenn das Trauma aufhört? All dies wird die Persönlichkeit eines Menschen determinieren. Hat er gekämpft und verloren, gekämpft und gesiegt, überhaupt nicht gekämpft? War er dem Tode nahe, oder ist er gar für einen Moment klinisch tot gewesen?
Wenn die Wehen lang und schwer waren, wenn der Fötus unaufhörlich kämpfen, wenn er ständig wachsam sein, wenn er sich herauskämpfen mußte, dann wird das dazu führen, daß das sympathische System vorherrscht. In Bewegung zu sein, ist für den »Sympathen« unbewußt lebensrettend. Zur Zeit der Geburt mußte er sich durchkämpfen, oder Tod wäre die Folge gewesen. Jede Sekunde war eine Frage von Leben und Tod. Der Organismus »erinnert« sich dieser lebensrettenden Reaktionsweise und fährt, ungeachtet der späteren Umstände, damit fort. Diese frühe lebenserhaltende Reaktion wird, da sie nicht mehr den augenblicklichen Umständen entspricht, neurotisch. Man kann überaggressiv, gehetzt und zu schnell wütend sein — alles unangemessene Reaktionen auf Situationen, die den Menschen nicht mehr bedrohen.
Stand der Fötus stark unter medikamentösem Einfluß — über die der Mutter verabreichten Narkotika, die durch den Kreislauf in die Plazenta gelangten —, könnte sein respiratorisches System unterdrückt und er dem Tode nahe gewesen sein. Auch diese Reaktion prägt sich dem Organismus ein und wird in Richtung parasympathischer Dominanz verschoben — der »Parasympath«. Diese Reaktionsform beginnt nicht nur die Persönlichkeit zu formen, sondern auch Physiologie und Anatomie.1
1) Es gibt nicht viele Parasympathen, zumindest nicht in der reinen Form, da viele die Geburt nicht überlebt haben. Die meisten von uns kämpften wie der Teufel ums Überleben und haben offensichtlich Erfolg gehabt. Jedoch die Nabelschnur um den Hals zu haben oder von der Schwester zurückgehalten zu werden, bis der Arzt eintrifft, oder stark unter Medikamenten zu stehen, nimmt dem Neugeborenen jede Möglichkeit, etwas zu seiner Rettung beizutragen.
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Der Sympath ist optimistisch. Er ist sich einer guten Zukunft gewiß, wenn er sich nur genug bemüht, ganz wie es ursprünglich war. Im Gegensatz dazu ist der Parasympath pessimistisch. Er hat ein nahezu ständiges Gefühl von Bedrohung und Verderben, weil am Ende seines »Trauma-Zuges« das Unglück stand. Ununterbrochen wartet er auf den Untergang, der, ohne daß er es weiß, schon stattgefunden hat.
Wir alle wachen morgens auf, sind noch auf den unteren Bewußtseinsebenen und damit auch unseren prototypischen Feelings näher. Infolgedessen kann der Sympath eher in einem mobilisierten, in einem Zustand des Bereit-der-Welt-Entgegentreten aufwachen als der Parasympath. Der Sympath schießt aus dem Bett, weil er, wie bei der Geburt, im sympathischen Modus erwacht. Seine ganzen Erregungshormone, die Kortisolwerte eingeschlossen, erhöhen sich schneller als beim Parasympathen, der seine Spitze erst spät am Tage erreicht — oft nicht einmal vor Einbruch der Nacht.
Der Parasympath wird »Hypochonder«, sowohl als Persönlichkeit als auch als physisches System. Er wird dazu neigen, »niedergeschlagen« aufzuwachen. Sein Körper »erinnert« sich, wie es war, und teilt ihm unbewußt mit, daß es keine Alternativen gibt, daß die Zukunft nicht rosig aussieht. Die physiologischen und psychologischen Systeme erzeugen eine Art »Was soll's«-Einstellung. Er ist nicht der Typ für körperliche Arbeit.
Unter Streß neigt der Parasympath zu niedrigem Blutdruck, langsamem Puls — eine Replik der eingeprägten Sterbereaktion. Für sich genommen könnten diese Anzeichen auf einen gesunden Organismus hinweisen. Doch zeigt die Hirnwellenaktivität Veränderungen in Richtung höherer Amplituden. Dies bedeutet, daß der Kortex unter Streß steht. Die Messungen bedeuten, daß der Parasympath wahrscheinlich unter Schwindel- und Ohnmachtsanfällen sowie Hypothyreose und Hypoglykämie leidet. Er ist anfälliger für Migräne. Er könnte wegen seiner energieerhaltenden Züge länger leben als der Sympath, doch trägt er eine große Last an Primärschmerzen und hat tief im Unbewußten eine konstante Erinnerung an physisches Leiden und Tod. Er könnte träumen, wirklich tot zu sein, etwas, was der Sympath nie tut.
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Wut baut sich im Parasympathen langsamer auf, weil sein Organismus nicht darauf eingestellt ist. Es ist nicht so, wie Freud dachte, daß er die Wut nach innen, zu Depressionen, umwandelt; es ist eher so, daß er nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, um so leicht wie der Sympath Wut aufzubauen. Das Ungleichgewicht seiner Neurotransmitter und Hormone verhindert ein leichtes Aufflackern von Wut, das bei Sympathen so verbreitet ist. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es sich nicht um Einstellungsunterschiede handelt, es sind tiefgehende biologische Verfassungen. Der Parasympath wird nicht einfach aufgrund einiger Entschlüsse »darüber hinwegkommen« und ehrgeiziger und weniger phlegmatisch werden.
Zusätzlich zu den biologischen Unterschieden gibt es auch Unterschiede in der Erscheinungsform.
Der passive Mensch wird eher körperlich weich erscheinen; seine Anatomie paßt sich der Form seiner Psyche an. Er sieht niedergeschlagen aus, geht und hält sich auch so. Sein Organismus ist in einer »Brems«stellung. Der Sympath dagegen hat eine aggressivere Haltung. Er ist bereit, im Falle der geringsten Provokation zu kämpfen, er hat einen festeren Schritt und ganz bestimmt eine schnellere Gangart. Der reine Sympath und Parasympath sind selten zu finden. Die Mehrzahl von uns kombiniert beide Qualitäten, aber neigt zum einen oder anderen Typus. Nichtsdestoweniger ist die Bestimmung des Hanges zu einem der beiden Typen mehr als bloße Klassifizierung. Sie impliziert, daß jemand wahrscheinlicher eine Krankheit nach der anderen bekommt, und sagt auch sehr viel darüber aus, wie der Mensch unter Streß abwehrt. Im großen und ganzen wird der Parasympath depressiv sein. Es bedarf einer weitaus hoffnungsloseren Situation, bevor der Sympath depressiv wird.
Die Depression und ihre Behandlung variieren gemäß dem Standort, den ein Mensch innerhalb des Kontinuums zwischen parasympathischer und sympathischer Dominanz einnimmt. Der Parasympath wacht morgens auf und fühlt sich von inneren Mächten total überwältigt. Die subjektive Erfahrung beinhaltet niedrigen Puls, verlangsamte Atmung und das Gefühl schwerer oder schlaffer Glieder, der Gedankenfluß ist konfus, undeutlich und nicht sehr wachsam. Dies sind bereits die Anlagen zur Depression. Die Vorstellung von Tod oder Selbstmord ist für den Parasympathen häufig ein Trost, weil sie wenigstens einen Ausweg bietet. Wenn alles andere versagt, kann der Parasympath die Schmerzen durch den Gedanken an den Tod unterdrücken.
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Das war und ist immer noch eine Antwort auf das qualvolle Leiden. Der Organismus bewegt sich ständig in Richtung auf den Gedanken an Selbstmord oder die Handlung zu, weil der Tod die einzig reale Alternative zu diesem Trauma ist. Erinnern wir uns: Auch die Lösung der Primärschmerzen ist als Erinnerung verschlüsselt. Wenn das Leben hart wird, taucht fast unverzüglich der Gedanke an Tod auf.
Sogar die Todesart, mit der sich jemand ausschließlich beschäftigt, scheint vom Geburtsprozeß abzuhängen. Ein Mensch, der zur Zeit der Geburt unter Medikamenten stand, könnte Tabletten nehmen, während die von der Nabelschnur strangulierte Person sich für das Aufhängen entschließen könnte. Jedoch bleibt diese »bewußt getroffene Wahl« eine Folge früh eingeprägter Erinnerung. Hinter jeder Wahl, die wir als Erwachsene treffen, stecken Ursachen oder Motivationen. Sicherlich sind Zufallsfaktoren bei der Wahl der Todesart wichtig, doch trifft der Mensch, der sich zum Selbstmord entschlossen hat, eine Entscheidung, wenn er sich einen Revolver kauft und sich in den Mund schießt, und die Entscheidung basiert im großen und ganzen auf einer früheren Erfahrung.
Das sympathisch-parasympathische Kontinuum hat für die Behandlung verschiedener depressiver Zustände wichtige Implikationen. Es ist notwendig, jeden Menschentypus in die Primal-Zone zu bringen, in der die Bedingungen für Feelings optimal sind. Der Sympath muß von seinem Erregungszustand herunterkommen, der Parasympath muß heraufkommen. Manchmal genügt ein wenig Kaffee, um den Parasympathen in die Primal-Zone zu bringen.
Die Wiedererlangung des Gleichgewichts zwischen parasympathischem und sympathischem Modus beginnt sich im Rahmen der primärtherapeutischen Sitzung zu ereignen. Der Sympath beginnt sie ängstlich und erregt, alle vitalen Körperfunktionen sind heraufgesetzt. Wenn die sympathische Abwehr bis auf das Äußerste belastet ist, kommt es zu einer Verschiebung, die Abwehr versagt, und der Patient sinkt in das Feeling, wo das parasympathische System übernimmt. Der Patient fühlt sich sehr entspannt, und der Organismus hat angefangen, harmonisch zu arbeiten. Die Daten vitaler Körperfunktionen des Sympathen nach der Sitzung zeigen, im Vergleich zu den Ausgangswerten, eine Verschiebung zum parasympathischen System hin an.
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Im Gegensatz dazu ist der Parasympath in der Lage, aus seinem allgemeinen Leidenszustand herauszukommen, und kann endlich auf die Primärschmerzen reagieren, die ihn verursacht haben. Zum Ausdruck seiner Urschmerzen nimmt er das sympathische System in Anspruch, und nach der Sitzung verlagern sich die Daten seiner vitalen Körperfunktionen, im Vergleich zu den Ausgangswerten, zur sympathischen Seite.
Auf psychischer Ebene verdeutlicht sich das normalisierte Gleichgewicht zwischen sympathischem und parasympathischem Modus durch eine geringere Anzahl depressiver Anfälle und Schwermut, die Hochs und Tiefs sind weniger extrem. Der Parasympath ist fähig, seine Wut und alle seine Gefühle ohne Zögern auszudrücken, während der Sympath über größere Möglichkeiten der Reflexion und Introspektion verfügt. Sein ganzer Organismus ist ruhiger. Nichts anderes als die Veränderung eingeprägter Primärschmerzen, die das Gleichgewicht verschoben haben, hätte die Balance wiederherstellen können. Sobald das erledigt ist, neigt der Mensch weder dazu, Sympath noch Parasympath zu sein. Er ist ein »stabilisiertes« menschliches Wesen. Man hat die Geisteskranken »geistig unausgeglichen« genannt. Jetzt sehen wir warum.
Die Natur der Depression
Was ist Depression? Sie ist eine andere Form der Neurose, keine andere Krankheit. Sie ist ein Verdrängungszustand. Sie tritt auf, weil jeder Urschmerz, der nicht gefühlt werden kann, ein gleiches Maß an Verdrängung hervorruft, um ihn zu kontrollieren. Die subjektive Erfahrung ist Erschöpfung, mühsame Bewegung, ein Gefühl der Schwere und Sinnlosigkeit, Seufzen und sich niedergeschlagen fühlen. Dies sind Folgen eines inneren Konfliktes, in dem Urschmerz gegen Kräfte kämpft, die ihn aus dem Bewußtsein fernhalten wollen. Der Mensch fühlt, wie die Verdrängung arbeitet, doch ist die subjektive Wahrnehmung Depression. Depression ist an und für sich kein Feeling, sie ist das Resultat vieler verdrängter und nicht geäußerter Feelings.
Depression ist im allgemeinen ein Resultat hoffnungsloser äußerer Umstände oder wenn jemand keine Möglichkeit mehr hat, seine Neurose auszuagieren. Diese Hoffnungslosigkeit löst das ursprüngliche Feeling auf, und Primärschmerz bewegt sich in Richtung Bewußtsein.
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Wenn der Urschmerz seinen Kreis nach oben abschließen könnte, gäbe es ein akutes Gefühl der Angst und möglicherweise impulsives Ausagieren, doch statt dessen kommt es zur Unterdrückung. Automatisch wird der Urschmerz nach unten gedrückt; Schauplatz dieses nach unten führenden Schubes ist der Stirnlappen. In diesem Bereich werden Auffassungen der Eltern und der Gesellschaft aufgenommen, die Feelings, Impulse, Wünsche und Bedürfnisse blockieren. Es ist das neurale Zentrum von Schuldgefühlen, Selbstdisziplin, Rigidität und Unnachgiebigkeit. Er ist der Hauptbereich von Hemmungen, die Verhaltensweisen betreffen, Hemmungen, die nach und nach zur Depression führen können. Es handelt sich nahezu mit Gewißheit um den Bereich von Freuds »Über-Ich«.
Der impulsive Mensch, der nach »außen« agiert, und der Depressive, der nach »innen« agiert, leiden nicht an zwei verschiedenen Krankheiten, sondern haben zwei verschiedene Arten, mit dem gleichen Urschmerz umzugehen. Der nur Ausagierende hat weniger wirksame Hemmungen im Stirnlappenbereich. Das kann mehrere Ursachen haben, aber im allgemeinen liegt es an immensen zusammengesetzten Primärschmerzen auf der ersten und zweiten Ebene.
Daraus folgt dann, daß was auch immer die Stirnlappenaktivierung verringert oder schwächt, dazu beitragen wird, die Depression zu lindern. Frontallobotomie, die Durchtrennung der Verbindung von Frontalbereichen und unteren Strukturen, beendet die Depression restlos. Anders ausgedrückt, Depression und Selbstmordvorstellungen bedürfen eines hohen Maßes der Frontalhirntätigkeit.
Depressive Zyklen beginnen gewöhnlicherweise in den späten Teenager-Jahren, nachdem sich die dritte Ebene gefestigt hat und ein Reifesprung vom Kinder- zum Erwachsenengehirn stattgefunden hat. Das Erwachsenengehirn ist nicht bloß größer, sondern unterscheidet sich auch qualitativ von dem des Kindes. Suchte jemand nach Freuds Über-Ich, müßte er auf die späten Teenage-Jahre warten — nicht, wie er glaubte, auf die Zeit zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr. Erst in den späten »Teens« könnten wir das Über-Ich im Frontalbereich des Gehirns, der neuralen Basis der Depression lokalisieren.2
Jede Substanz, die wie ein metabolisches Gift wirkt — Alkohol, Barbiturate und Kohlenmonoxyd —, wird die Verdrängung und damit die Depression verringern. Auch Elektroschockbehandlung gilt als Mittel zur Bekämpfung von Depression. Mit einem massiven Schlag auf das Gehirn legt sie buchstäblich das Bewußtsein still, während die Serotoninzufuhr radikal erhöht wird.
2 Eric Courchese untersuchte die Hirnwellenmuster von Teenagern und Kindern und stellte einen qualitativen Unterschied fest (aus: »Neurophysiological Correlates of Cognitive Development: Changes in the Long-Latency Event-Related Potentials from Childhood to Adulthood«, in Electroencephalograph und Ch. Neurophysiology, 1978, Bd. 45, S. 468-82.). Die Muster der 14- bis 17jährigen unterschieden sich wesentlich von denen jüngerer Kinder. Insbesondere die Wellenarten verschoben sich zunehmend auf die Frontalbereiche (geisteskranke Kinder ohne gutentwickelte kortikale Funktion werden nicht depressiv).
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Sie verhindert die Wiedererlangung des Erinnerungsvermögens und somit auch den Zugang zu Urschmerz. Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die kognitive Funktion der dritten Ebene zu manipulieren. Sie besteht darin, daß sich der Depressive mystischen, religiösen oder anderen »In-Group«-Dogmen zuwendet. Die Energie der Feelings kann nach außen fließen, so daß der Mensch sich leichter und weniger deprimiert fühlt. Diese Energie wird fanatisch an eine Reihe von Glaubensvorstellungen gebunden, die Erleichterung anbieten. Zwar ist der gleiche Druck vorhanden, doch gibt es jetzt ein Ventil.3 Es ist wirklich so, die Äußerung fast jeden Gefühls lindert die Depression. Wut und Weinen sind im kathartischen Sinne hilfreich. Dies hat wahrscheinlich zu der weitverbreiteten Theorie geführt, daß Depression nach innen gekehrte Wut sei, die Selbsthaß und Selbstverachtung nach sich zieht.
Zweifelsohne wird sich die Depression verstärken, wenn in der frühen Kindheit die Betätigungsmöglichkeiten ernsthaft eingeschränkt sind und wenn die allgemeine Atmosphäre außergewöhnlich repressiv ist — in strengen Schulen, rigiden Kirchen und einem Familienleben, in dem jede Bewegung des Kindes vorsichtig eingeschränkt wird. Wenn der Kopf des Kindes jede Minute seines Lebens mit Mahnungen, Warnungen und Verboten gefüllt wird, werden ihm früher oder später seine Gefühle und Impulse verdächtig sein.
Dies ist der Anfang realen »Selbsthasses«, bei dem das begriffliche oder kognitive Bewußtsein das fühlende nicht tolerieren kann. Das verleugnete fühlende Selbst wird von Alkohol und Drogen abhängig, und das intellektuelle Selbst »haßt« das süchtige. Das gehaßte Selbst ist paradoxerweise das, welches viele Bedürfnisse hat, und so kommt ein Mensch dazu, seine Bedürfnisse zu hassen.
Der Unterschied zwischen einem ängstlichen und einem depressiven Menschen besteht darin, daß der ängstliche Mensch weniger effektive Schleusen gegen Urschmerz hat. Der ängstliche Mensch hat mehr Zugang zur wütend qualvollen Komponente des Urschmerzes. In Wirklichkeit beschäftigen sich der sehr ängstliche Mensch und der Depressive häufig mit den gleichen durchgebrochenen Urschmerzen der ersten Ebene, doch kann ihn der Depressive, im Unterschied zum Ängstlichen, unterdrücken. Er nimmt ununterbrochen den Druck der Urschmerzen wahr, obwohl er ihn nicht in Worte fassen kann.
Depression ist akkumulierte Traurigkeit, eine Summierung aller kleinen Verletzungen, die nie zum Ausdruck gebracht worden sind. Bei dem Syndrom spielt die Verwirrung eine wichtige Rolle, da die motivierenden Kräfte nicht ausgesondert werden können. Es ist, als ob jemandem seine ganze Vergangenheit auf einmal überreicht würde.
Es hört sich paradox an, wenn ich sage, daß die Behandlung der Depression Primärschmerz ist. Aber es ist eine Tatsache. Das Erleben von Primärschmerzen ist das beste Gegenmittel bei Depression.
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3) Was in diesem Fall wirklich geschieht, ist, daß sich der Mensch in der manischen Phase eines manisch-depressiven Zyklus befindet. Der manische Aspekt dieses Zyklus repräsentiert einen Zusammenbruch der Verdrängung und einen Durchbruch der Primärschmerzen, die, in Vorstellungen gehüllt, Gestalt und Form bekommen. Der Mensch, der jetzt vor »Glückseligkeit ausflippt«, ist ein Beispiel dessen, was ich meine. Unbewußt hat er seine dritte Ebene umarrangiert, so daß sie nicht mehr der unnachgiebige, rigide Unterdrücker ist, der er vorher war.
2. Die Reise durch eine lange Nacht
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Der Schlaf jeder Nacht ist eine Reise in eine zurückliegende Zeit. Jede Nacht kehren wir in unsere Kindheit und die Kindheit der Menschheit zurück. Im Schlaf machen wir eine Rundreise durch das Gehirn und treten mit einem uralten Hirn in Verbindung, das älter als die Menschheit selbst ist, einem Gehirn, das, bis wir sterben, nie wirklich schläft.
Auf dem Weg hinab begegnen wir alten Urschmerzen der Säuglingszeit, die unter der Oberfläche liegen, so tief begraben, daß sie uns während des Tages nicht stören können — jedoch nicht gut genug versteckt, um uns vor angstvollen Träumen zu schützen.
Während des Schlafes sind wir nicht wirklich unbewußt; wir operieren nur auf einer anderen Ebene des Bewußtseins. Wenn wir Einsicht in diese Ebene bekommen, sind Träume und Alpträume nicht mehr so geheimnisvoll.
Der Verlauf im Gehirn geht von Instinkten über Emotionen zu Gedanken. Dies gilt sowohl für die Entwicklung eines einzelnen Gehirns als auch für die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Gehirns. In einem einzigen Schlafzyklus vollziehen wir diese Entwicklung nach. Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, erlangen wir unser vollständiges Bewußtsein über die Ebenen der Gehirnevolution wieder. Wir kommen aus den Tiefen des Unbewußten auf die zweite oder emotionale Ebene, um schließlich zur Wachsamkeit und dritten oder kognitiven Ebene zurückzukehren. In umgekehrter Reihenfolge sinken wir in den Schlaf.
Traumschlaf entwickelte sich erst nach fünfzig Millionen Jahren Tiefschlafs. In der gleichen Zeitspanne wurde der Sprung von primitiven Formen des Reptilienbewußtseins zum Säugetierbewußtsein vollzogen. Dieser Sprung zeigt, daß sie zwei verschiedene historische Phasen repräsentieren, zwei verschiedene Strukturen mit sehr unterschiedlichen Funktionen. Es bedeutet, daß Traumschlaf bei frühen Säugetierarten vor über hundert Millionen Jahren auftrat und daß wir erst Millionen Jahre später die Fähigkeit der Traumdeutung entwickelten. Diese Fähigkeit bezog neue Gehirnstrukturen mit ein und erklärt uns, warum in der Psychotherapie Trauminterpretationen im Sinne der Veränderung der grundlegenden Prozesse, die sie hervorbrachten, nicht wirksam sind.
Während der Schwangerschaft und dem Prozeß der Geburt macht der Mensch seine ganze Evolution vom Fisch über den Affen zum Menschen noch einmal durch. Für mich bedeutet dies, daß wir uns nie radikal ändern — oder »neu« werden —, wir entwickeln uns tatsächlich. Der Schlaf scheint die Zeit zu sein, in der die Spezies kollektiv ihre Erfahrungen assimiliert und ihr Wissen auf der allgemeinen hereditären Bank hinterlegt.
Man könnte sich fragen, warum wir jede Nacht im Schlaf durch die ganze Geschichte der Menschheit zurückgehen müssen. Ebenso leicht könnte man fragen, warum wir bei jeder Geburt eines Menschen durch die Phylogenese des Menschen zu gehen haben, bevor wir menschliche Wesen werden können.
Der Mensch selbst ist seine verschlüsselte Geschichte. Es gibt etwas in unserer Wesensart, das eine konstante Rückkehr zu unseren Ursprüngen erfordert. Wir haben diese Ursprünge nie ganz aufgegeben; in der Tat ist jede Ebene der Gehirnentwicklung fast intakt geblieben, jede hat ihre eigene Geschichte und ihre eigene historische Funktion. Während des Schlafes ist das als letztes erworbene Gehirn aktiv, gefolgt von einem tieferliegenden Gehirn, bis wir schließlich zum frühesten Gehirn der Menschheit zurückkehren. Es ist, als ob sich jede Gehirnebene der anderen Ebene »unbewußt« ist; jede macht einfach »ihre eigene Sache«.
Die Rückkehr, die Nervenachse hinunter, ist der zyklische Heilungsversuch des Körpers, denn es ist die ursprünglichste Gehirnstruktur, die für Heilung verantwortlich ist. Es ist während des Schlafes, daß das Wachstumshormon (das weitgehend für Heilung sorgt) freigesetzt wird.
Das Gehirn ist hierarchisch geordnet. Es ist des Menschen inhärente Fähigkeit, diese Hierarchie hinunterzugehen, welche die Heilungskräfte freisetzt, und sogar Alpträume sind immer Heilungsversuche, das heißt ein Versuch, die am tiefsten liegenden Erinnerungsspuren dem Bewußtsein zum Zweck der Verknüpfung und endgültiger Auflösung zugänglich zu machen. Es ist nicht der vor kurzem erworbene Kortex, der für Besserung und Heilung verantwortlich ist; er ist mit Anpassung beschäftigt. Dies trägt ein wenig zur Erklärung bei, warum kortikale Einsichten nicht die Wunden der Neurose heilen können.
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Tiere, denen systematisch der Traumschlaf entzogen wurde, entwickelten Verletzungen und Schädigungen bis auf die Zellebene der letzterworbenen Bereiche des Kortex hinunter. Dies impliziert, daß man periodisch in die tiefsten Gehirnbereiche, die mit Heilung verbunden sind, hinabsteigen muß, um die Integrität des ganzen Gehirns aufrechtzuerhalten. Interessanterweise entwickelten sich die oberen Ebenen des Gehirns aus Primärschmerzen heraus, und während Urschmerz die ganzen Veränderungen der neuralen Struktur hervorrief, brachte es zur gleichen Zeit auch die Mechanismen hervor, mit denen das Gehirn seine Traumata beseitigen kann.
Wir »beginnen immer am Anfang« im Sinne der Einprägung von Erfahrung. Normalerweise beginnen Primals am Anfang einer Szene oder Erinnerung, und der neurotische Kampf des Menschen ist nichts anderes als der symbolische Versuch, zu seinen Anfängen zurückzukehren und unerledigte Sachen aufzulösen.
Jedes unser früheren — oder tieferliegenden — Gehirnsysteme war charakteristisch für eine besondere Art tierischer Lebensform und diente den Erfordernissen dieser Art. Der elaborierte Kortex ist höchst speziell menschlich und dient menschlichen Bedürfnissen auf besondere Weise. Das kann er unter dem Druck von Urschmerz nicht. Wenn wir eine ruhige Nacht verbringen wollen, muß er gut schlafen.
Wenn der Kortex schläft, kommt es automatisch zur Regression — wir regredieren zu unserer Kindheit und dem Hirnsystem der Kindheit der Menschheit. Schlaf gibt uns die Möglichkeit, Regression zu verstehen.
Wenn wir einschlafen, geschieht dies in umgekehrter Reihenfolge in der Art und Weise, wie sich unser Gehirn entwickelt hat. In der Nacht gibt es keine Verwendung für Konzepte und Vorstellungen, deshalb schläft die dritte Bewußtseinsebene zuerst ein. Emotionale Beziehungen werden aufgeschoben, und die zweite Ebene ruht. Aber die erste Ebene schläft nie. Täte sie es, würden wir sterben. Wir müssen weiteratmen. Unser Herz muß schlagen. Wir müssen darüber wachen, ob wir ausreichend Sauerstoff haben, ob es zu warm oder zu kalt im Zimmer ist.
Die Qualität des Schlafs wird von den Bewußtseinsebenen begrenzt. Forscher haben sich auf das Phänomen des Schlafs konzentriert, als sei es etwas Besonderes und Abgetrenntes. Sie haben es nicht als Teil des allgemeinen Verhaltens angesehen. Sie haben Schlafebenen ohne Bezug zum Tagesverhalten gemessen. Wir können nicht auf Ebenen schlafen, die nicht existieren.
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Genau die gleichen Bewußtseinsebenen wie im Wachzustand bestimmen die Art unseres Schlafs und die Art der Erlebnisse, die wir auf bestimmten Ebenen haben können. Genausowenig wie verbale Geburts-Primals können wir komplex linguistische oder abstraktbegriffliche Alpträume haben.
Der Neuropsychologe Erik Hoffman beschreibt die Beziehung von Schlaf zu den Bewußtseinsebenen im Sinne von gespeichertem Urschmerz: »Wenn ein Mensch einschläft, schlägt sein Bewußtseinszustand einen regressiven Kurs ein, anders ausgedrückt, er steigt in die tieferen Ebenen des Bewußtseins hinab. Wenn er von der dritten zur zweiten Bewußtseinsebene wechselt, tritt er in leichten Schlaf ein. Die neokortikalen Funktionen sind reduziert, und das Limbische System (der Speicher der Kindheitserinnerungen) übernimmt die Kontrolle.
Wenn der Mensch in den Tiefschlaf eintaucht, lassen das Bewußtsein der ersten Ebene und die Aktivität des Limbischen Systems nach, und die vitalen Körperfunktionen werden jetzt vom Hirnstamm und dem inneren Gehirn reguliert. In diesem Stadium dominieren die langsamen Delta-Wellen auf dem EEG. Aktivierung des Limbischen Systems während des Traumschlafs trägt dazu bei, alte Feelings aufzurühren, die Träume brauchen, um sich vom Bewußtsein abzuschirmen.«
Da Schlaf für die Wiederherstellung unseres Organismus so wichtig ist, ist fortgesetzte Verdrängungsaktivität zum Schutz dieses lebensnotwendigen Prozesses notwendig. Wenn Primärschmerz aufgelöst ist, wird Schlaf zu dem, was er eigentlich ist — eine Art der Erholung ohne den Zwang, Urschmerz unterdrücken zu müssen.
Je tiefer der Schlaf ist, desto eher gerät man in die Nähe katastrophaler Urschmerzen und damit auch des Bedürfnisses nach stärkerer Verdrängung. Tiefschlaf bedingt ein aktives Gehirn, in dem tiefliegende Neuronen die frühesten Traumata unter Kontrolle halten. Hier erreicht die Verdrängung ihren Höhepunkt, und große, langsame Hirnwellenmuster deuten auf starke neurale Kräfte, die von unten heraufdrängen. Es scheint sich um Primärenergie zu handeln, weil bei Patienten mit Primais auf der ersten Ebene die gleichen Hirnwellenmuster auftreten.
Obwohl sich die drei verschiedenen Gehirne zu einer unterschiedlichen Zeit herausbildeten und verschiedene Schlafzyklen und -muster haben, kooperieren sie doch. So bleibt bei einem Menschen im Traumschlaf mit hohem Erregungsgrad das Muskelsystem inaktiv, so daß er nicht aufwacht und seine Träume ausagiert.
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Mit Hilfe elektrophysiologischer Technologie ist es möglich, sich ein Bild der verschiedenen Gehirnsegmente während des Schlafs zu machen. Wenn sich zum Beispiel das Gehirn vom Traumschlaf zum Tiefschlaf verlagert, »geht« auch der Hippokampus des Limbischen Systems durch einen Aktivitätsrückgang schlafen. Andererseits wird der Thalamus, der dem Kortex Feelings schickt, während des Traumschlafs recht geschäftig.
Graphisch gesehen, ähnelt Tief schlaf dem Hirnwellenmuster eines Säuglings. Von unserer Hypothese ausgehend, daß Tief schlaf uns in Berührung mit dem frühen präverbalen Bewußtsein bringt, sollte diese Feststellung nicht überraschen. Dieses Muster fängt an, einer schnelleren Hirnwellenaktivität Platz zu machen und weniger Verdrängung anzuzeigen, wenn jemand mit dem Traumschlaf beginnt. Es ist wie beim Schalten vom unteren in den zweiten Gang — von größerer zu geringerer Verdrängung.
Für den Verdrängungsprozeß ist der hemmende Neurotransmitter Serotonin von entscheidender Bedeutung. Er kommt im Limbischen System in großen Mengen vor, also dort, wo Urschmerz der Kindheit gespeichert ist. Im Tief schlaf ist der Serotoninspiegel am höchsten. Die niedrigsten weisen Psychotiker auf — die selten Tiefschlafperioden haben —, desgleichen Neurotiker, die triebhaft ausagieren, und erregte Depressive.
Anstieg der Serotoninwerte im Gehirn zieht zwei Dinge nach sich: Sie besänftigen Angst und steigern Tiefschlaf — sorgen also für einen Rückgang des Traumschlafs.1
Wird der Serotoninwert in der unteren Medulla künstlich gesenkt, kommt es zu verminderter Verdrängung, größerem Zugang zu Primärschmerz und weniger Tiefschlaf. Verdrängung erschöpft die Serotoninversorgung und verursacht einen Aufstieg urschmerzhafter Impulse während der Schlafphasen. Nach langem Tiefschlaf verringert sich das Serotonin, und das System macht dem Traumschlaf Platz. Rasche Serotoninerschöpfung während des Tiefschlafs macht Alpträume möglich. Es ist, als ob während des Tiefschlafs alle biochemischen Ressourcen ausgeschöpft werden, um Urschmerz der ersten Ebene unten zu halten, aber nur gewisse Zeit standhalten, bis sie dem Druck nachgeben müssen.
1) L-Tryptophan hat, oral eingenommen, eine ausgezeichnete Wirkung als Tranquilizer.
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Der Grund, warum eine solch hohe Prozentzahl von Schlaganfällen und Herzanfällen während der letzten, langen Traumphase der Nacht auftreten, liegt darin, daß der Organismus noch einmal alle Kräfte gegen Urschmerz aufbietet. Der Organismus bricht zusammen. Er hat wieder und wieder auf eine Erinnerung reagiert, Alarm geläutet, alle Systeme aufgeboten, doch hat sich der Feind nie ganz gezeigt. Er bleibt versteckt und greift an. Die Abwehrformen, die uns im frühen Leben dadurch retteten, daß sie den Urschmerz begruben, begraben am Ende uns.
Die Neurohormone des Traumschlafs sind vorwiegend von der Art der Streßhormone — den Katecholaminen. Traum- oder REM-Schlaf (rapid eye movement) herrscht bei Neugeborenen vor. Ich frage mich, ob das nicht viel weniger der Fall wäre, wenn die Neugeborenen nicht ein dermaßen überwältigendes Geburtserlebnis hätten. Wenn wir älter und unsere Gehirne und Abwehrformen reifer werden, nimmt der Anteil des Tiefschlafs zu.
In der Phase des Traumschlafs ist die Verdrängung weniger effektiv, und Feelings bewegen sich auf das Bewußtsein zu. Zu diesem Zeitpunkt wird Urschmerz symbolisiert, und es kommt zur Entladung eines Teils der Energie. Diese Katharsis der überschüssigen Energie ist lebenswichtig.
Da Träume den gleichen Quellen wie unser Verhalten im Wachzustand entspringen, kann der Schlafende gehen, reden, denken, sich etwas ausmalen, Unterhaltungen führen. Eine Bewußtseinsebene ist im Traum sehr aktiv.
Der Symbolismus eines Traums ist eine mehr beschreibende und verkürzte Form des Ausagierens eines Menschen im Wachzustand. Deshalb ist das Messen von Veränderungen während des Schlafes so wichtig. Traumerlebnisse gehen in relativ kurzer Zeit vor sich, sind begrenzt und tatsächlich im großen und ganzen derselbe Symbolismus, der in großem Rahmen während des Tages ausagiert wird.
Wir sollten jede Bewußtseinsebene als ein allgemeines Stützwerk unter sowohl dem Wach- als auch Schlafverhalten betrachten. Beide werden von den gleichen Kräften angetrieben; und die gleiche Auflösung dieser Kräfte beeinflußt beide.
Aus diesem Grund ist Schlaf ein so ausgezeichneter Index für Fortschritte in der Therapie. Menschen mit effektiver Verdrängung erleben nicht nur eine Distanz zu ihren Feelings, sondern auch, daß sie sogar ihrem Bewußtsein verschlossen bleiben. Dies wird in ihrer Unfähigkeit, sich ihrer Träume zu erinnern, sichtbar.
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Die zunehmende Fähigkeit, sich an Träume zu erinnern und ihre Feelings zu fühlen, ist einer der Standards, nach denen wir den Zugang eines Patienten zu sich selbst beurteilen. Veränderungen der Schlafmuster, Wandel der Traumformen und Symbolismen haben Implikationen für das Wachverhalten.
Die Auflösung großer Schrecken während eines Primals bedeutet, daß ein Mensch geringere nächtliche Schrecken und auch nachlassende Phobien während des Tages hat. Die Auflösung der Angst vor dem Vater durch ein Primal hat Einfluß darauf, wie jemand generell andere Erwachsene behandelt, und weist auf einen Rückgang von Träumen hin, in denen angstmachende männliche Gestalten der einen oder anderen Art vorkommen.
Wenn wir betrachten, wie die Bewußtseinsebenen einen Beitrag zu Träumen und zum Leben im Wachzustand liefern, wird dieser Punkt deutlicher. Träume fangen mit Empfindungen an; diesen Empfindungen werden bildhafte Vorstellungen und Emotionen hinzugefügt, dann eine Handlung und eine Bedeutung. Die Bedeutung liefert eine Erklärung der bildhaften Vorstellungen, und diese Imaginationen tragen dazu bei, die Empfindungen rational zu machen. All dies ist die Ausarbeitung eines grundlegenden verschlüsselten Feelings, Bedürfnisses oder Urschmerzes. Die zentrale Funktion eines Traumes besteht in einer Verdeckung der Realität, um den Schlaf zu schützen und das Bewußtsein vor einer Überflutung mit gespeicherter Realität zu bewahren. Der Zweck ist Verhinderung einer Verbindung mit höheren Zentren, so daß der Traum nicht in Primärschmerz umgewandelt werden kann, dem dann das Aufwachen folgte. Gäbe es keine Träume, wären wir alle sehr, sehr müde und ein wenig neurotischer.
Freud nahm an, daß Träume Ereignisse, vor allem störende Ereignisse des vergangenen Tages verarbeiten. Das kommt manchmal vor, doch hauptsächlich verarbeiten Träume alte Feelings, die während des vergangenen Tages von — manchmal nur kleinen — unerledigten Problemen aufgestört wurden. Je höher der Spannungswert des begrabenen Feelings und je näher es dem Bewußtsein ist, desto geringer kann der Reiz sein, der es während des Tages hervorhebt. Umgekehrt kann ein starkes Tageserlebnis auch das bestverdrängte Feeling auslösen. Es ist eine Frage des Gleichgewichts. Je größer der Urschmerz, desto weniger bedarf es, ihn auszulösen, und umgekehrt.
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Die Schwierigkeiten, die wir tagsüber mit Überreaktionen und unzulänglicher Unterscheidung von Gegenwart und Vergangenheit haben, bestehen auch während des Träumens. Wir erwachen aus irgendeinem Traum und sind überzeugt von seiner Realität. Alles scheint wirklich zu sein; in Wirklichkeit ist es das Feeling, das real ist.
Mit Primal-Feelings eng verbunden sind Hunderte von Szenen, Ereignissen und Erinnerungen. Im Traum werden sie miteinander verschmolzen. Sie vermischen und verdichten sich. Viele Zufallsereignisse können die Details eines Traums formen. Aber die Auflösung wird durch unsere Geschichte bestimmt. Es besteht die gleiche Vorhersagbarkeit, die für unser Leben im Wachzustand gilt. Feelings formen die Durchgängigkeit einer Persönlichkeit und damit auch die Durchgängigkeit von Träumen.
Träume machen unbewußte Feelings rational. Sie dämpfen Feelings ab, während sie eine Abfuhr eines Teils ihrer Energie zulassen. Jemand, der sich die meiste Zeit seines Lebens verloren gefühlt hat, könnte davon träumen, daß er Sachen verliert oder sich in fremden Ländern verläuft. Diese fremden Länder sind Erfindungen, um dem Feeling entgegenzutreten. Fühlte der Mensch wirklich: »Mammi, ich bin verloren. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Hilf mir!«, befände er sich in Agonie und nicht im Traumschlaf, und diese Feelings würden sein Traumleben verändern.
Im Gegensatz zu Freuds Auffassung können Träume keine universelle Bedeutung haben. Sie entströmen idiosynkratisch den ureigenen Erfahrungen eines Menschen. Bedeutung erlangen sie nur in Form des speziellen Feelings, das sie symbolisieren. Das gleiche Symbol, sogar desselben Menschen, kann in zwei verschiedenen Träumen zwei gänzlich unterschiedliche Bedeutungen haben. Symbole unterscheiden sich bei verschiedenen Leuten radikal in ihrer Bedeutung. So können zum Beispiel Bücher in einem Traum für einen Menschen die Bedeutung haben, etwas »herauszufinden«. Für einen anderen repräsentieren sie die Angst, gezwungen zu sein, etwas zu leisten. Im Wasser unterzugehen, kann für den einen bedeuten, überwältigt zu werden, für einen anderen hingegen die Wiedererschaffung eines tatsächlich stattgefundenen Ereignisses.
Da Träume verdichtete Ebenbilder eingeschlossener und widerhallender Botschaften sind, folgt daraus, daß das Feeling in einem Traum immer stimmt. Die Art, wie es unsere Vergangenheit widerspiegelt, ist immer wahrheitsgetreu. Darum kann das Fühlen der Feelings — eher als das Analysieren der Symbole — uns zu den unbewußten Urschmerzen führen.
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In gewissem Sinne sind Träume der leichte Weg zum Unbewußten — nicht durch ihre Analyse, wie Freud dachte, sondern durch ihr gefühlsmäßiges Erleben. Vergessen wir nicht, daß auch die Leidenskomponente einer Erinnerung wiedererlangt werden muß.2
Es kommt vor, daß jemand nicht nur wieder durch die Agonie hindurch muß, sondern auch durch den absoluten Terror, weil die ursprüngliche Situation terrorisierend war. Nacht-Terror unterscheidet sich von einem schlechten Traum. Ein schlechter Traum entwickelt sich langsam aus einer fortlaufenden Handlung. Im Gegensatz dazu kommt der Nacht-Terror plötzlich und unerwartet. Er bricht ins Bewußtsein ein und weckt uns auf. Er steigt aus dem Schlaf der untersten Ebene auf und wird häufig von Schreien, extrem schnellem Herzschlag und einem Gefühl namenlosen Schreckens begleitet. Es ist eine erschütternde Erfahrung. Die zerstörenden Primärkräfte sind für einen Augenblick aus ihrem Käfig ausgebrochen. Manchmal ist die zweite Ebene gezwungen, dem Terror mit Symbolen wie etwa einem Drachen oder einem Monster zu dienen, aber der Impuls kommt von der ersten Ebene.
Charles Fischer fand heraus, daß Nacht-Terrors oft durch das, von dem wir jetzt wissen, daß es Geburts-Terrors sind, begleitet werden: Gefühlen des Würgens, Erstickens, des Zerdrücktwerdens, des Fallens und Sterbens.3 Mit anderen Worten, was wir bei einem Menschen sehen, der ein Primal auf der ersten, tiefsten Bewußtseinsebene hat, ist genau das, was man bei Nacht-Terrors beobachten kann. Ein Mensch, der Nacht-Terrors hat, ist im großen und ganzen unzureichend verdrängt und hat eine schwache Abwehr.
2 Schlaf ist auf gewisse Weise dem Prozeß eines Primais analog. Der Unterschied besteht in höherer Verknüpfung. Obwohl Träume Urschmerz unterer Ebenen symbolisch ausdrücken, mangelt es ihnen an Verknüpfung. In der Primärtherapie kehren wir Träume in Primais um, indem wir das Feeling anzapfen und die Verknüpfung herstellen. Da Feelings sowohl den Traum als auch das Primal strukturieren, gilt die Regel, je stärker das Feeling, desto mehr Druck steckt hinter beiden. Die Art des Schlafs verändert sich mit der Auflösung von Urschmerz; unsere vorhergehende Beweisführung zeigt, daß die Gesamtmenge des Traumschlafs sich radikal verändert.
3) Charles Fischer, »A Psychophysiological Study of Nightmares and Night Terrors«, in The Journal of Nervous and Mental Disease, Bd. 157, 2.81973, S.75-96
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Nacht-Terrors sind formlos. Dies liegt daran, daß die Urschmerzen präverbal und nicht fest umrissen sind; sie traten auf, als der Kortex noch nicht ausreichend entwickelt war, sie zu intellektualisieren. Obwohl sich der Puls verdoppeln kann und der Terror zunimmt, hat der Mensch normalerweise keine Ahnung davon, was los ist oder woher der Terror kam.
Ein schlechter Traum ist gewöhnlich ein Primärschmerz der zweiten Ebene, wo der Druck nicht annähernd so groß ist wie bei dem Nacht-Terror. Wenn die zweite Ebene ausreicht, das Eindringen von der ersten Ebene zu kontrollieren, hat man einen schlechten Traum mit hohem Spannungsniveau, doch man schläft weiter. Wenn die zweite Ebene nicht in der Lage ist, den Druck von der ersten Ebene zu verarbeiten, kommt es zu Nacht-Terror oder Schlafwandeln, das auch häufig aus dem Tiefschlaf heraus vorkommt. Primärkräfte, die stark genug sind, jemand zu veranlassen, sich durch das Haus zu bewegen, müssen wirklich sehr mächtig sein.
Wiederkehrende Träume und Alpträume haben im Traumleben eine besondere Bedeutung, weil es den Anschein hat, als ob ein starkes Feeling oder Ereignis fixiert ist und im Kreislauf periodisch an die Oberfläche steigt. »Ich gehe durch den Wald«, träumte ein Patient, »werde von einer knochigen Hand gepackt, schwarze Augen und eine Kapuze. Ich werde brutal auf eine Lichtung geworfen und von sieben anderen Skeletten auf einem eiskalten Marmortisch festgebunden. Ich kann mich nicht bewegen. Plötzlich durchbohrt einer von ihnen meine Brust. Die Zeit steht still. Ich kann nicht atmen. Zeit vergeht. Plötzlich schnappe ich nach Luft, atme ein und bin wieder da.«
Dieser Traum dauerte Jahre an, bis der Patient zum Feeling des Traumes kam. Es war die Wiederbelebung eines Ereignisses aus dem zweiten Lebensjahr des Patienten: Er war vor einem chirurgischen Eingriff auf einem rostfreien Stahltisch betäubt worden. Ärzte mit Masken hatten ihm eine Gesichtsmaske angelegt. Er erinnert sich an ihre »knochigen Hände«. Das Erleben der verdrängten Feelings, die dieses Ereignis umgaben, befreite ihn schließlich von diesem Alptraum.
Viele von uns haben Alpträume, in denen wir weder sprechen noch schreien können, weil die Ebene des Gehirns, die Ebene, die den Traum oder Alptraum völlig strukturiert, keine Worte zur Verfügung hat. Obwohl die zweite Ebene in dem Sinne in einen Traum der ersten Ebene einbezogen ist, daß sie bildhafte Vorstellungen produziert, sorgt die erste Ebene dafür, daß wir weder schreien noch unseren Mund aufmachen können.
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Die Ursache dafür ist, daß das Trauma zu einer Zeit auftrat, als es noch keine Worte gab, und wir, wenn es zum Zeitpunkt der Geburt geschah, den Mund noch nicht öffnen konnten. Das Leiden im Schoß ist ein schweigendes Leiden. Teilweise erklärt das, warum wir uns nicht vorstellen können, daß das Ungeborene entsetzliche Qualen durchgemacht hat. Im Laufe der Jahre kann es dies in Form eines dauernden Wimmerns herauslassen, doch wird es die Agonie selten auf einmal zum Ausdruck bringen. Die Agonie kann später in Form sich wiederholender Alpträume auftauchen — eine Botschaft, die uns mitteilt, daß etwas Wichtiges unaufgelöst geblieben ist. Das ist die Botschaft jedes größeren Alptraums.
Der Grund, warum ein Alptraum so klar, einfach, direkt und frei von Symbolen ist, liegt darin, daß er gewöhnlich ein einziges katastrophales Ereignis widerspiegelt. Das Feeling kommt in reiner Form hoch. Träumen der zweiten Ebene liegt nicht nur ein Ereignis zugrunde. Sie verweben viele Ereignisse und Szenen miteinander und binden sie mit Symbolen zusammen. Nicht ein Ereignis macht ein Feeling so stark, sondern viele sich gleichende Ereignisse verbinden sich zu einem tiefgehenden Feeling. Patienten, die Traumata der ersten Ebene nahe sind, haben unmittelbare, direkte, unkomplizierte und frei schwebende Ängste. Sie erleben all die Feelings, die andere in Alpträumen erleben würden. Sie könnten fühlen zu ersticken, erdrückt zu werden und desorientiert zu sein, die Inhalte der Tagesängste und der Alpträume sind die gleichen.
Nicht nur der Urschmerz kommt während der Nacht hoch, sondern die ganze Lebensgeschichte. Der Versuch, einen Traum zu verstehen, ist so, als ob man versuchte jemandes Lebensgeschichte dadurch zu verstehen, daß man einige Symbole analysiert. Es ist weit besser, erst die Geschichte zu erleben, danach klären und erklären sich die Symbole von allein.4 Obwohl das ganze Land Tag und Nacht unter Tranquilizern steht, beachtet niemand diese Tatsache oder gibt sie wenigstens zu. Die Gesellschaft hat es uns leicht gemacht, nicht zu fühlen.
4) Schlaftabletten lassen uns schlafen, indem sie Verdrängungskräfte gegen unsere Geschichte einsetzen. Die Tabletten arbeiten auf bestimmten Bewußtseinsebenen. Einige sind in den Erregungszentren tätig, andere arbeiten am Muskelsystem. Schlaftabletten verstärken das Verdrängungssystem. Daß sie dem Schlaf dienlich sind, ist ein weiterer Hinweis auf die Bedeutsamkeit von Urschmerz bei Schlafstörungen.
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Wir haben Zigaretten, Tranquilizer, Anregungsmittel, Schlaftabletten, die uns dabei helfen, nicht-fühlende Menschen zu bleiben. Hierin liegt das Paradox. Wir können nicht schlafen, weil wir unter Primärschmerz leiden, den wir nicht fühlen können.
Wenn wir Urschmerz in der Nacht mit Tabletten unterdrücken, haben wir dafür einen Preis zu zahlen. Es wird zu einem Rückschlag kommen, vielleicht subtil und kaum bemerkbar, doch was man während der Nacht unterdrückt, wird am Tage wieder hervorkommen. Wir werden tagsüber etwas reizbarer, nervöser und ungeduldiger sein. Dann werden wir wieder Pillen und Tranquilizer nehmen, um die gleiche Geschichte zu unterdrücken, die uns des Nachts zu schaffen gemacht hat. Ein wahrhaft gefährlicher Kreis.
Ein Neurotiker muß in seinen Träumen neurotisch sein. Er hat keine andere Wahl. Ihn seiner Träume zu berauben, hieße, ihm sein primäres neurotisches Ventil zu nehmen. Traumschlaf ist ein Stadium der Erleichterung. Der Träumer führt mit ununterbrochenen Bewegungen, Schwitzen, Murmeln und mentaler Aktivität Energie ab. Hatte er ausreichend tiefen Schlaf, wird er erfrischt aufwachen und wenn er genug Traumschlaf hatte, neurotische Spannung abgeführt haben. Reicht der Tiefschlaf nicht aus, braucht er mehr Traumschlaf.
Unsere Geschichte versucht immer, sich zu erklären. Wir schreien im Schlaf und bilden uns ein, daß es eine Eigenart des Traumes gewesen sei: »Das bin ich nicht, das war im Traum.« Wir werden von wiederkehrenden Träumen und Alpträumen geplagt und begreifen nicht, daß ihnen eine Kraft zugrunde liegen muß, die nicht Bestandteil des Traums ist. Wir haben eine geheimnisvolle Vorstellung vom Traumleben, weil uns das Unbewußte ein Geheimnis ist. Schlaf ist zu irgendeiner eingekapselten Begebenheit geworden, die keinen Bezug zu dem hat, wer wir als Menschen sind.
Wenn wir uns verstehen wollen, müssen wir all unsere Erfahrungen verstehen — was möglich ist, wenn wir das ganze menschliche System betrachten, das sie vermittelt. Die Entdeckung, daß Urschmerz Schlafprozesse beeinflußt und daß die Auflösung von Urschmerz sie verändert, könnte dazu beitragen, die Untersuchungen des Schlafs zu entmystifizieren und sie davor bewahren, ein separates Gebiet der Psychologie zu sein. Wir müssen uns als ein Ganzes untersuchen.
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