4.2. Die Messung von Krankheit und Gesundheit
213
Wirkliche Gesundheit oder Krankheit kann im Gegensatz dazu stehen, wie ein Mensch glaubt, sich zu fühlen. Man kann sich »gesund« fühlen und doch nicht gesund sein. Nur wenn die Schlüsselindikatoren — Temperatur, Puls, Blutdruck und Hirnwellenmuster — minimalen Urschmerz widerspiegeln, ist ein Mensch tatsächlich gesund. Dann erst wissen wir, daß seine Aussage: »Ich fühle mich gut« eine zutreffende Beschreibung seines inneren Zustandes ist.
In der Primärtherapie messen wir die vitalen Körperfunktionen eines Menschen vor Beginn der Therapie und danach zu verschiedenen Zeiten. Häufig weisen Menschen erstaunliche Abnahmen der Körpertemperatur, des Herzschlags, Blutdrucks und der Hirnaktivität als Folge unserer Behandlung auf.
Die Körpertemperatur
Die Körpertemperatur gibt den Wärmegrad des Körpers während seiner Tätigkeit an. Schmerz zieht die Körpertemperatur in Mitleidenschaft. In der medizinischen Literatur ist diesem Gedanken jedoch wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Wenn sich ein Mensch seiner Urschmerzen bewußter wird, steigt die Körpertemperatur rapide an.
Nähert sich jemand von einem Primal-Feeling dem Urschmerz der ersten Ebene, steigt die Temperatur normalerweise über 102 Grad Fahrenheit*. Dies weist auf einen gesteigerten Stoffwechsel hin. Wenn Fieber ein zuverlässiges Zeichen von Krankheit ist, dann stützt die Tatsache, daß jemand in der Prä-Primal-Phase Fieber bekommt, das Argument, daß Neurose eine biologische Krankheit ist. Weitere Anhaltspunkte dafür finden sich bei Psychotikern, die häufig eine erhöhte Körpertemperatur haben. Ihre Organe entwickeln beim Unterdrücken von Primärschmerzen größere Hitze. Wer über eine unzulängliche Verdrängung und Abwehr verfügt, hat gewöhnlich höheres Fieber.
* 9 Grad Fahrenheit entsprechen 5 Grad Celsius; 95° F sind 35° C, 104° F sind 40° C usw.; alle weiteren Angaben im Text in Fahrenheit; AdÜ.
Mißt man einen Patienten mit einem elektronischen Thermometer, so steigt seine Temperatur mit tiefergehendem Zugang zu Urschmerz. Löst der Patient sein Feeling jedoch auf, beginnt die Temperatur unter den Ausgangspunkt vor der Sitzung zu fallen. Dies bedeutet, daß der Neurotiker leichtes Fieber hat und daß es so etwas wie einen »Chef« geben könnte, der alle vitalen Körperfunktionen im Interesse des Überlebens in kontrollierbaren Grenzen hält. Wäre dies nicht der Fall, entwickelten die meisten Neurotiker eine konstante Körpertemperatur von 100° F und darüber (und einen merklich erhöhten Herzschlag). Wenn wir in der Primärtherapie anfangen, das Abwehrsystem zu schwächen, und die Verdrängung weniger effektiv wird, entwickelt sich ein Fieber, das die ganze Zeit zutage treten würde, wenn das Abwehrsystem nicht tätig wäre.
Eine oral gemessene Temperatur von 98,6° F ist keine gültige Norm für eine gesunde Körpertemperatur; es ist bestenfalls die Norm für Neurotiker. Sie ist weniger ein genaues Zeichen für Gesundheit als vielmehr ein Anzeichen für die Fähigkeit des Körpers, die Temperatur unterhalb der tödlichen Höhe zu halten. Wenn der Organismus weniger Urschmerz zu verarbeiten hat, nimmt die Temperatur ständig zwischen einem halben und einem Grad ab.
Die Körpertemperatur wird, wie alle vitalen Körperfunktionen, vom Hypothalamus reguliert. Früher katastrophaler Urschmerz legt offensichtlich einen spezifischen Grad der Körpertemperatur fest, wobei einige von uns einen geringfügig anderen Ausgangsgrad haben als andere. (Viele Messungen, die rektal an Patienten nach einem tiefen Primal auf der ersten Ebene vorgenommen wurden, wiesen eine Temperatur von 96° auf.) Dieser Ausgangspunkt legt die durchschnittliche Körpertemperatur für das ganze Leben fest und basiert auf den Urschmerzen, die jemand erlebt hat.
Wenn das erste prototypische Trauma zum Beispiel eine Atembeklemmung war, die durch Medikamente, die der Mutter während der Geburt verabreicht wurden, verursacht worden war, kann dieser Ausgangspunkt niedrig sein; wenn dagegen das Trauma damit zu tun hat, daß man bei einer langwierigen Geburt nur mit großen Anstrengungen aus dem Geburtskanal gekommen ist, würde durch diesen Vorgang eine höhere Ausgangstemperatur eingeprägt.
214
Das soll nicht heißen, daß Konstitution und erbliche Faktoren keine Rolle spielten. Doch legen unsere Untersuchungen nahe, daß sie von untergeordneter Bedeutung sind.
Das Sinken der Körpertemperatur ist Index einer umfassenden Veränderung im Sinne verringerter Körpertätigkeit und einer Verlangsamung der Stoffwechselquote. Nach der Therapie wendet der Körper nicht mehr soviel Kraft auf. Er braucht es nicht mehr. Was sich kraft der Therapie geändert hat, ist der Urschmerz. Deshalb müssen wir annehmen, daß ein großer Teil der körperlichen Anstrengungen der Verdrängung dient. Verdrängung ist ein sehr aktiver, energieverzehrender Prozeß. Jemand, der sich wohl fühlt und »gut angepaßt« ist, jedoch eine konstante Temperatur von 100° F hat, während alles andere ausgeglichen ist, steht unter Streß. In diesem Sinne ist die Körpertemperatur ein ausgezeichneter biologischer Indikator für den Zustand der Neurose. Sie ist das Schlüsselzeichen gesteigerter zellulärer Tätigkeit des Gesamtorganismus.
Herzschlag
Eine wichtige Funktion des Herzens besteht darin, die Zellen aufzutanken, indem es jede Zelle des Körpers schneller mit Sauerstoff versorgt. Es hilft, den Organismus zum Kampf zu mobilisieren.
Der Herzschlag steht in direkter Beziehung zum Urschmerz und reagiert beständig auf eingeprägten, dauerhaften Schmerz. Unter dem Druck von Urschmerz steigert sich der Puls bis auf das Doppelte seiner »normalen« Frequenz von 72 Schlägen pro Minute. Im Falle katastrophalen Urschmerzes der ersten Ebene kann er 200 Schläge oder mehr pro Minute erreichen.1 Der Puls ist ein deutliches Zeichen von Krankheit. In fast jedem Fall veranlaßt Urschmerz das Herz dazu, schneller zu schlagen.
Unsere Patienten beginnen die Sitzungen oft mit schnellem Puls. Das Abwehrsystem, aufs höchste belastet, versagt jedoch schließlich. Nachdem man sich über eine oder anderthalb Stunden wiederholt auf ein Primal-Feeling eingelassen hat, ist der Puls am Ende der Sitzung typischerweise unterhalb der Ausgangsfrequenz.2) Mit fortgesetzten Feelings neigt der Puls zu beständiger Abnahme.3)
1) Der Körper eines Menschen in einem Primal wird sich nie für den Tod entscheiden. Ein Primal ist das Wiedererleben eines Traumas, das man bereits überlebt hat.
215
Blutdruck
Der Blutdruck ist ein sehr guter Indikator für die Belastung, unter der der Organismus steht, denn wenn wir den Organismus von Druck — oder Primärschmerz — befreien, fällt der Blutdruck automatisch — und dauerhaft.4 Der Blutdruck soll allen Zellen in Streßsituationen eine ausreichende Durchblutung garantieren.
Wir haben bei vielen Borderline-Hypertonikern nach einem Jahr Primärtherapie einen signifikanten Rückgang des Blutdrucks festgestellt. Die Beziehung zwischen Urschmerz und Blutdruck wird von der Medizin unterstrichen, da Pillen, die Schmerz unterdrücken sollen, auch den Blutdruck senken — und umgekehrt wirken viele Medikamente gegen zu hohen Blutdruck auch als Tranquilizer.
2) Das Trauma, das den Puls bis auf 200 Schläge pro Minute treibt, ist ein Trauma aus dem Säuglingsalter. Hätte ein Säugling einen solchen Puls auszuhalten, würde er gewiß bald sterben. Indem sie ansteigende Körperfunktionen unterdrückt, kann die Verdrängung ein Segen sein.
3) Es gibt Menschen, die mit sehr niedrigem Puls in die Primärtherapie kommen, manchmal liegt er in den 40ern oder 50ern. Normalerweise erleben sie in einem Primal einen erhöhten Herzschlag, kommen aber auf Ausgangspunkte zurück, die höher liegen als vor dem Fühlen eines Primais. Ihr allgemeiner Ausgangspunkt im Ruhezustand tendiert mit der Zeit dazu, ebenfalls auf einen Bereich zwischen 60-68 zu steigen.
4) Wir haben vor kurzem an sieben unserer Patienten, die erhöhten Blutdruck haben, eine Untersuchung durchgeführt. Die Gruppe wies einen durchschnittlichen Rückgang von 30 Millimetern auf der Quecksilbersäule auf, was einer Senkung von 24 Prozent entspricht. Die Gruppe als Ganzes bewegte sich von erhöhtem zu normalem Blutdruck. Das Sample ist zu klein, um als statistisch signifikant bezeichnet werden zu können, aber diese Überprüfung ist ein Hinweis auf den Trend, den wir seit Jahren in der Primärtherapie beobachtet haben. Vgl. auch den durchschnittlichen Rückgang des Blutdrucks um 23,5%, der für Primärpatienten in der Goodman-Sobel-Untersuchung angegeben wird.
216
Hirnwellenmessung
Hirnwellenmuster müssen den vitalen Körperfunktionen zugerechnet werden. Wir können die vitalen Körperfunktionen nicht verstehen, wenn wir keinen Bezug zu den Vorgängen im Gehirn haben. Seit mehr als sechs Jahren betreiben wir Hirnwellenforschung. Zusätzlich hat ein Wissenschaftler des Brain Research Institute der UCLA über ein Jahr Hirnwellenmuster unserer Patienten untersucht. Er bezog in seine Untersuchung Patienten ein, die bis zu fünf Jahren vorher ihre Primärtherapie begonnen hatten.5 Er entdeckte bei Patienten nach acht Monaten Primärtherapie einen dauerhaften Rückgang elektrischer Spannung (Amplitude). Nach drei bis fünf Jahren Primärtherapie fiel die Alpha-Amplitude um die Hälfte. Zusätzlich gab es Hinweise auf eine Abnahme der kortikalen Tätigkeit — und infolgedessen einen weniger geschäftigen »Geist«. Die Primärpatienten arbeiteten nicht mehr so schwer daran, Urschmerz zu unterdrücken. Dies gilt besonders für den linken Frontalbereich des Gehirns. Das ist der Bereich, der Vorstellungen auf eine neurale Grundlage überträgt.
Der beständige Rückgang der Alpha-Amplitude sagt uns, daß die Amplitude kein Zeichen der Entspannung, sondern eines der Verdrängung ist. Und sie ist in der Tat ein direktes Zeichen der Menge des Primärschmerzes. Bei Patienten mit Primals auf der ersten Ebene nimmt bekanntlich die EEG-Amplitude den Ausgangswerten gegenüber um das Zehnfache zu. Ein Anstieg um 300 bis 500 Prozent ist nicht ungewöhnlich. Dies ist ein beachtlicher Anstieg der wesentlichen vitalen Körperfunktionen. Nach der Auflösung von Urschmerz fällt die Amplitude typischerweise unter den Ausgangspunkt, um das Zehn- bis Zwanzigfache ihrer Spitzenwerte. Es besteht eine direkte Beziehung zwischen erhöhtem Zugang von Urschmerz zum Bewußtsein und der zusätzlichen Verstärkung mit kortikalen Neuronen zur Unterstützung der Verdrängung. Der beste Lügendetektor-Test könnte einer sein, der nur eine Dimension — die Hirnwellen-Amplituden — mißt, denn es bedarf einer Menge Neuronen, um die Wahrheit, die Realität oder den Urschmerz unten zu halten.6
5 Ein zusammenfassender Bericht erschien im Brain Information Bulletin der UCLA.
6 Eine Untersuchung von C. R. Chapman der Washington Medical School unterstützt diese Ansicht. In Experimenten, bei denen elektrische Reize benutzt wurden, um Schmerz zu erzeugen, entdeckte man, daß »der Umfang der Hirnwellen ausgezeichnet mit der Stärke des Schmerzes korrelierte, der von den Versuchspersonen berichtet wurde. Wir verfügen jetzt über ein physiologisches Korrelat von Schmerzen und über Mittel, die Wirksamkeit eines Schmerzmittels objektiv messen zu können.« Science News, 14. Oktober 1978, S. 267.
217
Es gibt charakteristische EEG-Spannungsstärken (Amplituden) ängstlicher oder leidender Menschen. Sie sind durchgängig höher als normal. Die Aktivierung unterer Ebenen durch Urschmerz erzeugt einen Durchbruch in den Kortex, was Aktivität auf der höheren Ebene zur Folge hat. Der Kortex, weniger imstande, aufsteigenden Urschmerz zu unterdrücken, hat deshalb das subjektive Gefühl des Leidens. Der Mensch kann seinen Schmerz nicht genau markieren, sondern fühlt sich erregt, irritiert und »wie auf Nadeln«. Diese hohen Meßwerte stellen wir gleichbleibend in der Prä-Primal-Phase fest, wobei die Meßwerte kontinuierlich ansteigen, je näher der Patient seinem Feeling kommt.
In der Primärtherapie verändert sich die Alpha-Amplitude nicht nur, sie ist in jenen Hirnbereichen auch größer, die sich mit Feelings beschäftigen. Die Auflösung schmerzhafter Feelings ruft Veränderungen auf der rechten Seite, der Gefühlsseite des Gehirns hervor. Eine neuere Studie von Erik Hoffman, Assistenzprofessor der Neurologie an der Universität von Kopenhagen, untersucht diese Veränderungen mit Hilfe von Messungen der Unterschiede in den hemisphärischen Beziehungen des Gehirns während der Primärtherapie.7 Die rechte Hirnseite ist hauptsächlich damit beschäftigt, bei Feelings zu vermitteln. Ob die Feelings nun schlecht oder gut, lustvoll oder unangenehm sind, Primais erzeugen eine bessere Balance der Amplituden zwischen den Hemisphären — ein Hinweis auf ein in höherem Maße integriertes Bewußtsein. Dies weist auf einen Prozeß der Normalisierung bei Primärpatienten hin.
Wenn der Urschmerz aus dem Organismus gewichen ist, ändert sich die Amplitude und gleichfalls die hemisphärischen Beziehungen. Es kommt zum Verschwinden neurotischer oder sogar psychotischer Vorstellungen — psychologische Konsequenzen der neurologischen Veränderungen. Verringerter Stoffwechsel im Gehirn wird schließlich in psychische Prozesse umgewandelt — weniger Philosophieren, intellektuelles Grübeln und zwanghaftes Lesen. Die Beziehungen der Energie im Gehirn haben psychische Konsequenzen — mehr Energie, mehr geistige Arbeit; weniger Energie, weniger geistige Tätigkeit.
7 In Zusammenarbeit mit Professor Leonide Goldstein, Leiter der psychiatrischen Abteilung am College of Medicine von New Jersey, Rutgers University.
218
Da die Hirnwellentätigkeit Urschmerz und seine Verdrängung reflektiert, können wir beginnen, spezifische pathologische oder neurotische Hirnwellenmuster auszumachen. Phobische und manische Patienten weisen ebenso charakteristische Hirnwellenmuster auf wie Patienten mit unzulänglicher Unterdrückung, zum Beispiel Menschen, die viele LSD-Trips genommen haben. An ihren EEG-Mustern (niedrige Spannung, schnell) erkennen wir Anzeichen des Versagens der Verdrängung, der Zerstörung ihres Abwehrsystems und eine Wirksamkeitsreduktion des Kortex als eines Abwehrbollwerks.8
Implikationen der Untersuchung vitaler Körperfunktionen
Unlängst kontrollierten wir eine junge Frau während eines Primals daraufhin, daß sie durch eine Schwester von der Geburt zurückgehalten wurde, bis der Arzt eintraf. Sie konnte kämpfen, soviel sie wollte, sie war nicht imstande, etwas zu ihrer eigenen Geburt beizutragen. Während des Primals schossen die Werte ihrer vitalen Körperfunktionen bis zu einem scheinbar kritischen Punkt hoch, an dem der Körper aufgab. Sie fiel in ein Primär-Feeling, für das es keine Bezeichnung gab, nur physiologische Begleitumstände und ein Gefühl vollständiger Aussichtslosigkeit.
Später gab es für die nonverbale Erfahrung Worte wie zum Beispiel »Verzweiflung«, mit denen man sie beschreiben konnte. Die Auflösung dieser Verzweiflung, die sie ihr Leben lang sporadisch gefühlt hatte, erforderte das Wiedererleben des Kampfes auf Leben und Tod mit all den bedrohlich hohen Werten der vitalen Körperfunktionen. Die ursprüngliche Erinnerung an die Geburt entwickelte sich später zu einem psychischen Zustand der Verzweiflung und beeinflußte einen Großteil ihres Verhaltens als Erwachsene — zwang sie zum Beispiel in prototypische Verhaltensmuster. Sowie sie sich einem bedeutsamen Hindernis gegenüber sah, hatte sie ein Gefühl der Aussichtslosigkeit. Diese Erfahrung veränderte ihre Körpertemperatur, ihre Durchblutung, ihren Muskeltonus und ihren Hormonausstoß. Das Wiedererleben der Erfahrung half ihr, sich von dem Hang zur Verzweiflung zu befreien, und senkte gleichzeitig die Werte der vitalen Körperfunktionen.
8 Die Messung der zerebralen Durchblutung bestätigt einige unserer Beobachtungen. Der Frontalbereich des Gehirns von Psychotikern ist weniger durchblutet, der parietale Bereich mehr. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, daß in bezug zur aktivierten Schmerzmenge die Unterdrückung nicht ausreicht. Stärkere Durchblutung im Frontalbereich ist bei Menschen zu finden, die körperlich schmerzhaften Reizen ausgesetzt sind, sie reflektiert frontal-kortikale Verdrängung von (Ur-) Schmerz.
219
Die Reaktion auf Streß und Primärschmerz ist immer die gleiche, ob nun der Stressor elterlicher Tadel oder eine bakterielle Infektion ist. Sowohl bei physischer als auch neurotischer Krankheit reagiert der Organismus auf einen Angriff mit erhöhten Werten der vitalen Körperfunktionen. Unter »Angriff« verstehe ich jede Störung des normalen Gleichgewichts des Systems.
Es könnte sein, daß wir bis heute den Normen der vitalen Körperfunktionen, die auf eine größtenteils neurotische Bevölkerung zutreffen, zugestimmt und sie zu unseren Standards für Gesundheit gemacht haben. Es kann sein, daß ein Großteil der Bevölkerung über unser Vorstellungsvermögen hinaus krank ist. Es kann auch sein, daß wir wegen unseres begrenzten Wissens eher den Durchschnitt einer ungesunden Bevölkerung messen als reale Gesundheit. Wir werden es erst dann erfahren, wenn wir eine andere Menschengruppe mit einer anderen Reihe von Werten zum Vergleich haben.
Den präzisesten Gesundheitsstandard, den wir entwickeln können, ist wahrscheinlich der einer zuträglichen Variationsbreite in den Werten der vitalen Körperfunktionen unserer fortgeschrittenen Patienten. Vor Therapiebeginn begegnen wir zum Beispiel einem sehr breiten Streuungsbereich bei Blutdruckmessungen von Patienten, zum Beispiel von 80/40 bis 180/120. Nach einiger Zeit in der Therapie vermindert sich der Bereich und legt nahe, daß ein gesunder Mensch einen Blutdruck zwischen 90/55 und 115/70, eine Körpertemperatur zwischen 97 und 98 Grad (mittags rektal gemessen)9 und einen Puls um 60 bis 64 Schläge pro Minute haben sollte. Es mag sein, daß kein bestimmter Blutdruck oder Puls als absolutes Zeichen von Gesundheit gelten kann, aber es gibt sicherlich einen gesunden Bereich. Der Abweichungsbereich bei Menschen ohne Primärschmerz ist wahrscheinlich ziemlich begrenzt.
Obwohl die Messungen der vitalen Körperfunktionen nach Abschluß der Therapie Standards reduzierter Urschmerzen anzeigen, sind sie wahrscheinlich nicht mit der Art von Meßergebnissen identisch, die ein Mensch aufzeigen würde, der eine gesunde, liebevolle Erziehung hatte.
9 Die gegenwärtige medizinische Norm der mittags rektal vorgenommenen Messung beträgt 99,6 Grad Fahrenheit.
220
Ungeachtet der niedrigen Meßwerte, die wir bei unseren Patienten feststellen, nachdem wir den Primärschmerz aus dem Organismus entfernt haben, sind diese Menschen immer noch Ex-Neurotiker. Sie sind nicht wie andere, die gesund, mit liebevollen Eltern aufgewachsen sind.
Die Biochemie von Streß
Eine systematische biochemische Analyse unserer Patienten wird uns ermöglichen festzustellen, welche chemischen Systeme mit Urschmerz assoziiert sind. Weiter unten werden wir Beweismaterial dafür erbringen, daß Wachstumshormone zu Streß in Beziehung stehen können. Das gilt auch für Sexualhormone. Dieses sich entwickelnde Profil wird nach und nach mit neuroelektrischen Daten und Informationen über die vitalen Körperfunktionen vervollständigt werden.
Die ersten biochemischen Experimente mit der Messung von Streßhormonspiegeln von Primärpatienten wurden 1976 in Verbindung mit Dr. Malcolm Carruthers vom Pathologie-Laboratorium des Mandsley Hospital in London durchgeführt. Diese Untersuchung, die sich nur über drei Monate erstreckte, erbrachte Informationen, die eine Abnahme der Adrenalin- und Noradrenalinspiegel — Streßhormone — erkennen ließen.10
Ein junger Mann in unserer Untersuchung, der wegen Vergewaltigung verurteilt worden war, erlebte einen Rückgang aller Streßhormonwerte um 90 Prozent. Dies läßt darauf schließen, unter welchem Streß er gestanden hatte und wie groß der Druck war, der ihn zu impulsivem Ausagieren gezwungen hatte. Über einen Therapiezeitraum von drei Jahren hat dieser Mann weder irgendeine Neigung zu Vergewaltigung ausagiert noch fühlte er einen Drang, es zu tun. Demnach könnte es Möglichkeiten geben, die Neigung, ein Verbrechen zu begehen, physiologisch zu messen.
Die Erweiterung um physiologische Faktoren beim Bewerten von innerem Streß ist sicher für jene eine Hilfe, die beauftragt sind, die Neigung, ein Verbrechen zu begehen, zu beurteilen, zum Beispiel in psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen.
10 Es gab auch eine verminderte Abweichung der Werte vom Mittelwert, was stark vermuten ließ, daß wir tatsächlich einen biologischen Prozeß gemessen haben. Die Patienten strebten unabhängig von den Ausgangswerten gegen einen einzelnen Wert.
221
Wenn wir bedenken, wie die Tendenz zu gefährlichem Verhalten in Rätsel und Mystizismus gehüllt wird, sehen wir, wie außerordentlich wichtig biologische Messungen von Streß sind. Harry L. Kozol, ein Psychiater aus Massachusetts, führte eine Untersuchung an 304 Männern, die wegen Sexualverbrechen inhaftiert waren durch, und kam zu folgendem Schluß: »Niemand kann gefährliches Verhalten eines Individuums ohne Vorgeschichte des gefährlichen Ausagierens voraussagen.«11 Das muß nicht so sein. Die Streßhormonspiegel zeigen aufgestauten Druck an, der zu impulsivem Verhalten zwingt.
Primärschmerz und biochemische Veränderungen
Zu Beginn des Jahres 1978 nahmen Dr. David A. Goodman, ein Neurobiologe, und Dr. Harry Sobel, Biochemiker vom New Port Neuroscience Center, eine Untersuchung der biochemischen Veränderungen bei Primärpatienten vor, die ein Jahr dauerte. Dr. Sobel wählte die folgenden Hormone für die Untersuchung von Primärpatienten aus, weil er der Ansicht war, sie könnten am ehesten auf Streß reagieren:12
Dessen Erhöhung im Plasma und im Urin ist das Kennzeichen einer allgemeinen Streßreaktion. Bei Säuglingen, die von ihren Müttern eine Stunde allein gelassen werden, steigt der Kortikosteronspiegel. Frühe Erfahrungen verändern die Reaktivität des Organismus auf Streß. Diese Früherfahrungen können auch Muster der sexuellen Reifung, der adrenalen Funktion und die Rhythmen der Freisetzung von Kortikosteron verändern.Kortikosteron —
Katecholamine — Zentrale Katecholamine regulieren die Essenseinnahme, Stimmung, Körpertemperatur, den systolischen Blutdruck und die motorische Aktivität. Veränderungen der Katecholamine haben schwerwiegende Auswirkungen auf das Verhalten.
Wachstumshormon — Man weiß, daß es durch eine Vielfalt stressender Aktivitäten verändert wird, wie etwa Leibesübungen, Fasten, chirurgische Eingriffe, Deprivation von mütterlicher Seite und Insulininjektion. Das Wachstumshormon wird in episodischen Wellen ausgestoßen, die mit den täglichen Körperrhythmen in Beziehung stehen. Chronischer Streß kann die Sekretionsrate verändern; falls von Dauer, senkt er die Spiegel.
11 Peter Schräg, Mind Control, Pantheon Books, New York 1978, S. 99-100.
12 Die folgenden Passagen sind aus Sobel und Goodmans Forschungsantrag zitiert.
222
Testosteron — Dies ist ein Steroid-Hormon, das für alle Phasen männlicher Entwicklung entscheidend ist. Streß kann die Testosteronsekretion unterbinden und das Verhalten ändern. Hinreichende Unterbindung kann zu einem Libidomangel und zur Atrophie der Sexualorgane führen.
Cholesterin — Cholesterinspiegel im Blut werden durch Diät und Streß in Mitleidenschaft gezogen. Verschiedene Forscher berichteten, daß akuter Streß, wie etwa im Falle einer Erkrankung, den Blut-Cholesterinspiegel erhöhen kann. Es gibt auch Berichte darüber, daß chronischer Streß, hervorgerufen zum Beispiel durch Kälte, die Cholesterinspiegel bei Versuchstieren anhob. Bei Cholesterin und den ACTH-aktivierten Kortikosteroiden (Streßhormone) gibt es gemeinsame strukturelle chemische Eigenschaften.13
Die Forscher sammelten biochemische, psychologische, physiologische und das Verhalten der Primärpatienten betreffende Daten, die gemäß ihres Beginns und der Häufigkeit, Tiefe und Muster der in der Therapie auftretenden Primais klassifiziert wurden.14
13) Die biochemische Untersuchung von Goodman und Sobel bestand aus fünfundzwanzig Patienten, achtzehn männlichen und sieben weiblichen, die den Versuch im Januar-Februar 1978 begannen. Die Forscher nahmen Blutprobenmessungen der verschiedenen biochemischen Substanzen wie folgt vor: zweimal in der Woche vor Beginn der Therapie und jeweils am Freitag der ersten, vierten, dreizehnten, sechsundzwanzigsten und schließlich der zweiundfünfzigsten Woche nach Therapiebeginn. Über die Ergebnisse wurde nach sechs Monaten Bericht erstattet. Die Resultate nach einem Jahr, die zur Zeit noch in Druck sind, bestätigen den Trend nach sechs Monaten.
14) Die Klassifizierung der Primais nach Beginn, Häufigkeit, Tiefe und Mustern führte zur Bildung von fünf Untergruppen. Diese wurden in zwei Hauptgruppen aufgeteilt und ihre Reaktionen verglichen. Im ersten Quintil waren die frühen Primaller und im fünften Quintil die späteren Primaller. (Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Anhang.) Die frühen Primaller hatten während des Anfangsjahres Primais. Patienten dieser Gruppe beschrieben ihre Primais sehr lebhaft. Die späteren Primaller begannen in den ersten sechs bis zwölf Monaten sehr langsam. Noch im zwölften Monat hatten sie keine tiefgehenden Primals.
223
Mit anderen Worten, die Patienten wurden gemäß ihres ersten Weinens in der Therapie unterschieden; wie oft sie weinten oder ein Feeling hatten; wann sie das erste Primal hatten; die Häufigkeit ihrer Primals und die Tiefe der Ebene ihrer Primals. Diese Variablen wurden von den Patienten, die ein Tagebuch führten, den Therapeuten der Patienten und einem unabhängigen Forscher, der ein erfahrener Primärtherapeut war und die biochemischen Befunde nicht kannte, bewertet.
Wachstumshormone
Seit über einem Jahrzehnt haben wir bei unseren Patienten Gewebewachstum beobachtet und hatten keine Möglichkeit, es ausreichend zu erklären. Die Befunde unserer Wachstumshormon-Untersuchung beginnen uns einige Antworten zu liefern.
Zu Beginn der Therapie fand sich zwischen frühen und späten Primallern kein Unterschied in den Wachstumshormonspiegeln. Nach sechsundzwanzig Wochen gab es bei jenen, die in der Therapie früh tiefe Feelings hatten, eine durchschnittliche Steigerung der Wachstumshormonwerte von 206 Prozent. Diese Steigerung war besonders bei den weiblichen Patienten offensichtlich. Zur selben Zeit wiesen jene Patienten, die erst später tiefgehende Feelings hatten, einen Rückgang des Hormons um 80 Prozent auf.
Der Unterschied zwischen denen, die tiefe Feelings hatten, und jenen, bei denen das nicht der Fall war, belief sich auf ein Verhältnis von zehn zu eins. Der Wachstumshormonspiegel bei Primärpatienten blieb bis zur zweiundfünfzigsten Woche auf einem hohen Stand. So setzten Feelings und die Auflösung von Primärschmerz eine Heilkraft (das Wachstumshormon) frei und lieferten eindrucksvolle Beweise dafür, daß, je mehr Schmerz gefühlt wurde, die Genesungsfortschritte um so größer waren. (Wir kennen eine Menge Forschungsmaterial, das das Wachstumshormon mit Erholungs- und Heilungsprozessen in Verbindung bringt.)
Interessanterweise begann nach zweiundfünfzig Wochen auch bei den Patienten, die erst spät zu fühlen und Urschmerz aufzulösen begannen, eine ähnliche Entwicklung zu höheren Wachstumshormonspiegeln — und eine Normalisierung der anderen untersuchten Hormone —, was nahelegt, daß die Primärtherapie der Hauptfaktor der Veränderung war.
224
Als Wachstumsmodell für Primärpatienten kann das Wachstum gelten, das wir bei von »Deprivations-Zwergwuchs« Betroffenen beobachten — Kindern, die sich nur normal entwickeln, wenn man sie aus Institutionen nimmt und ihnen ein richtiges Heim gibt. Das Wachstum dieser Kinder hängt von einer Veränderung ihrer Umwelt ab. Bei der Neurose wird dem Gehirn eine schmerzhafte Umwelt eingeprägt, so daß der Erwachsene noch immer in dieser Umgebung lebt. Wird der Urschmerz aufgelöst, ändert sich die Umwelt, und es kann zum Wachstum kommen.
Kortisol
Neun Primärpatienten, die zu Beginn einen hohen Kortisolspiegel hatten, wiesen zu allen Zeiten der Messungen einen deutlichen und bleibenden Rückgang auf. Der durchschnittliche Rückgang in dieser Gruppe um 19 Prozent wies auf verringerten Streß über die ganze Zeit der Feelings hin. Zur selben Zeit wiesen neun Patienten mit Primais, die zu Beginn die niedrigsten Kortisolwerte hatten, während der sechs Monate eine Zunahme um 21 Prozent auf. Es fängt an so auszusehen, als ob Kortisol nicht nur ein Streßhormon im neurotischen Sinne sein könnte, sondern auch ein Hormon, das Menschen hilft, mit der Welt umzugehen, so daß man möglicherweise bei unzureichender Anpassungsaktivierung an die Umwelt einfach nur einen zu niedrigen Kortisolspiegel hat.15
Bei den Patienten, die Primais und zu Beginn einen hohen Kortisolspiegel hatten, verringerten sich die Werte und näherten sich dem Gruppendurchschnitt an; jene mit niedrigen Werten verzeichneten einen Anstieg in Richtung des Durchschnitts. Der umfassende Wandel bei den Patienten betraf 20 Prozent, entweder nach oben oder nach unten in Richtung des Durchschnitts. Diese Normalisierung der Kortisolspiegel durch die Primärtherapie deutet die Möglichkeit an, daß frühe Traumata das Funktionieren der Hypothalamus-Hypophysen-Struktur in zwei Richtungen verschieben, den Hormonausstoß verändern — nach oben und nach unten.
15) Die späten Primaller wiesen einen merklichen Anstieg des Kortisolspiegels nach Beginn der Therapie auf, was zu erwarten war, wenn die Abwehr eines Patienten bedroht, doch nicht aufgegeben wird. Die späteren Primaller zeigten nach dreizehn Wochen gegenüber den Anfangswerten einen Anstieg um 41 Prozent.
225
Die Richtung der Veränderung des Hormonausstoßes (hoch oder niedrig) scheint von dem prototypischen Geburtstrauma abzuhängen. Wenn das Trauma der Art war, daß es gegen Bedrohungen keine Verhaltensmöglichkeiten gab, ist es wahrscheinlich, daß die Richtung eines niedrigen Hormonausstoßes eingeschlagen wird. Schloß das Trauma den Kampf, aus dem Geburtskanal herauszukommen, oder andere aktive Reaktionen mit ein, besteht die Wahrscheinlichkeit eines höheren Hormonausstoßes.
In der Psychotherapie gab es Untersuchungen verschiedener Streßhormone. Doch weisen diese Untersuchungen keine Korrelation zu bestimmten Stressoren auf. Deshalb ist bisher nie gesagt worden, daß »X die Ursache dieser bestimmten Streßreaktion ist«. Sogar wenn Psychotherapeuten herausfänden, daß die Streßhormonspiegel ihrer Patienten in der Psychotherapie sinken — was nicht der Fall gewesen ist —, würden sie immer noch nicht wissen, welcher besondere Stressor mit der Verringerung der Streßhormone zu tun hatte. Das liegt daran, daß der Therapeut die Quelle der Weisheit ist und dem Patienten sagt, was ihm fehlt. Deshalb sollten in bezug auf Stressoren Theorien erstellt werden. In der Primärtherapie werden die Stressoren gefühlt und erlebt. Die Patienten erkennen sie mit Gewißheit.
Überdurchschnittliche Kortisolspiegel deuten Abwehrmaßnahmen gegen Feelings an. Was wichtiger ist: Wenn bei einem leidenden Neurotiker das Kortisol ansteigt, nimmt das Wachstumshormon ab, was darauf hinweist, daß Streß und Heilung gegensätzliche Kräfte sind. Je höher der Kortisolspiegel oder der Streß — sobald er deutlich über dem Durchschnitt liegt —, desto niedriger die Konzentration des Wachstumshormons und umgekehrt.16
16 Zusätzlich zur ersten Untersuchung der Streßhormone Noradrenalin und Epinephrin am Mandsley Hospital führten Goodman und Sobel eine unabhängige Epinephrin-Untersuchung in der Primalgruppe durch. Vom dritten bis zum sechsten Therapiemonat gab es einen 25-40prozentigen Rückgang von Epinephrin bei Primallern, was wiederum darauf hinweist, daß sich Streßhormonspiegel als Folge sich auflösender Urschmerzen normalisieren. Meiner Meinung nach ist der Streßhormonrückgang auf einen Schlüssel zurückzuführen: den Rückgang der gespeicherten Urschmerzmenge.
226
Testosteron
Das Testosteron wurde nur bei männlichen Patienten gemessen.17 Späte männliche Primaller hatten zu Beginn der Therapie hohe Testosteronspiegel. Nach sechsundzwanzig Wochen verzeichnete diese Gruppe einen durchschnittlichen Rückgang von acht Prozent.
Die frühen Primaller, die anfangs einen hohen Testosteronwert aufwiesen — das heißt einen überdurchschnittlichen Wert —, zeigten nach sechsundzwanzig Wochen einen Rückgang von 32 Prozent.18
Primaller, die mit einem niedrigen Anfangswert von Testosteron begannen, steigerten ihren Spiegel am Ende der sechsundzwanzig Wochen um 16 Prozent.
Demnach stieg also der Testosteronspiegel bei jenen mit niedrigen Anfangswerten, während die Patienten mit höheren Anfangswerten auf den Durchschnitt zurückfielen. Zum Beispiel: Ein Patient mit 155 Einheiten unter dem Durchschnitt zu Beginn der Therapie steigerte den Wert auf 27 Testosteroneinheiten über dem Durchschnitt. Ein anderer Patient, mit 111 Einheiten darunter, steigerte ihn auf 32 über dem Durchschnitt. Ein Patient mit einem Anfangswert von 306 Testosteroneinheiten über dem Durchschnitt senkte ihn auf 66 Einheiten über dem Mittelwert. Ein weiterer Fall mit 211 Einheiten darüber fiel auf 73 Einheiten über dem Durchschnitt. Dies sind beachtliche Veränderungen, die eine Normalisierung der Testosteronwerte anzeigen.
In der Untergruppe, die noch keine Primals hatte, gab es in den sechsundzwanzig Wochen keine wesentlichen Veränderungen. In der Gesamtgruppe mit hohen Anfangswerten gab es am Ende der sechsundzwanzigsten Woche zwischen denen, die Primais hatten, und denen, die keine hatten, eine Reindifferenz von 39 Prozent.
17 Deshalb finden die gleichen Untergruppen, die auf der statistischen Gesamtzahl der Untersuchung basieren, hier keine Anwendung.
18 Die Forscher beeindruckte besonders der beständige Rückgang über alle Messungen hinweg - 21 Prozent nach der ersten Woche, 28 Prozent - unter dem Ausgangswert - nach vier Wochen, 26 Prozent nach dreizehn Wochen. Der durchschnittliche Rückgang über alle Messungen hinweg bis zur sechsundzwanzigsten Woche betrug 27 Prozent.
227
Da Testosteron für primäre und sekundäre sexuelle Charakteristika, für aggressives Verhalten sowie für das Sexualverhalten verantwortlich ist, sollten wir bei Veränderungen der Testosteronwerte auch einen Wandel dieser Dimensionen erwarten können. Und in der Tat, es ist einer zu beobachten. Jene, die »übersexualisiert« sind, normalisieren sich auf einen gemäßigteren Wert sexueller Aktivität hin, wohingegen jene, die »untersexualisiert« sind, sich nach oben auf einen ausgeglicheneren Stand der Sexualaktivitäten hin bewegen.
Hohe Testosteronwerte könnten durchaus gegen Feelings schützen und ein weiteres Zeichen der Abgewehrtheit sein. Stellen sich Feelings ein, kommt es zu einem Absinken dieser Hormonspiegel. Unsere Forschung gibt uns einigen Grund zur Annahme der Tatsache, daß Männer durch Weinen ihre Testosteronspiegel senken und somit weniger abgewehrt und »macho« sind. Ein Anhaltspunkt dafür, daß ein hoher Testosteronspiegel mit dem »Macho-Syndrom« in Beziehung steht, ist die Tatsache, daß Frauen sehr niedrige Testosteronwerte aufweisen.
Hinzu kommt noch, daß Macho-Gesellschaften gewalttätiger sind. Jede Gesellschaft, die in der Lage ist, systematisch die Testosteronwerte zu senken, könnte auch die Tendenz zu gewalttätigem Verhalten verringern.
Cholesterin19
Obwohl sie ihre Ernährungsweise nicht grundlegend veränderten, sanken die Cholesterinspiegel bei Patienten mit Primais und hohen Cholesterinwerten signifikant, wohingegen die niedrigsten Werte anstiegen. Wiederum steigerten sich niedrige Werte zum Durchschnitt hin, hohe Werte wiesen einen merklichen Rückgang zum Mittelwert auf. So ist auch Cholesterin eine weitere biochemische Substanz, die sich nicht einfach reduziert, wenn Urschmerz aus dem Organismus entfernt wird, sondern sich in Richtung eines begrenzteren Abweichungsbereichs normalisiert, als wir ihn bei Neurotikern oder Menschen vor Beginn der Therapie feststellen.
19 Cholesterin ist, anders als Wachstumshormone, Kortisol und Testosteron, kein Hormon. Es ist natürlich eine wichtige biochemische Substanz für die Forschung und steht wahrscheinlich in Beziehung zum Hormonausstoß.
228
Zu den Tests, die während der Untersuchung durchgeführt wurden, gehörten auch Blutdruckmessungen. Die frühen Primaler wiesen einen durchschnittlichen Rückgang des Blutdrucks um 23,5 Prozent bis zur sechsundzwanzigsten Woche auf, die späten Primaller vergleichsweise einen Rückgang um 5,2 Prozent. Jeder Patient bekam eine Checkliste mit Adjektiven und wurde aufgefordert, das Adjektiv anzukreuzen, das am ehesten die Art seines Empfindens beschreibt. Die Hälfte der Adjektive war positiv, die andere Hälfte negativ. Die Skala reichte von -4 bis +4, so daß +8 oder -8 die größte Veränderung darstellte, die während dieser Untersuchung stattfinden konnte. Die frühen Primaller wiesen eine Veränderung von +5,3 auf. Die späten Primaller zeigten keine signifikante Veränderung.
Die Resultate nach zweiundfünfzig Wochen zeigten eine Bestätigung des vorher erkannten Phänomens der Normalisierung — ein bisher beispielloses Untersuchungsergebnis in der Geschichte der Psychotherapie. Folglich das Postulat: Verknüpfte Primärerfahrung verändert den Organismus auf biochemische Weise.
Hohe Kortisolspiegel sind mit beeinträchtigten Funktionen der Lymphozyten assoziiert, jener Zellen, die Hauptproduzenten der Antikörper sind und welche die Wirksamkeit des Immunsystems gewährleisten. Wenn deshalb jemand an einer Infektion oder unter Streß leidet, ist er gesünder und besser in der Lage zu gesunden, wenn die Kortisolwerte normalisiert sind.20
Urschmerz und gestörter Hormonausstoß haben eine offensichtliche Beziehung zueinander. Die Vermutung, daß hormonbezogene Erkrankungen durch Urschmerz verursacht werden können, ist deshalb kein Produkt der Phantasie. Darüber hinaus haben viele Menschen einen zu hohen oder zu niedrigen Hormonausstoß, der zwar nicht deutlich erkennbar ist, doch könnten diese geringfügigen Abweichungen allgemeine Reizbarkeit, Impulsivität, Angst, Benommenheit, Depression und viele andere sogenannte »psychische« Eigentümlichkeiten hervorrufen.
20 Es ist allgemein bekannt, daß Lymphozyten eine »Überwachungs«-Funktion haben, die das Auftreten latenten Krebses auf ein Minimum herabsetzen. Ein Mensch mit hohen Kortisolwerten hätte also eine beeinträchtigte Lymphozytenfunktion, und das könnte ihn für die Entwicklung bestimmter Krebserkrankungen prädisponieren.
229
Thermographie und Hautdurchblutung
Die Thermographie, eine hochentwickelte wärmeempfindliche Photographie, die auf verschiedene Art in Industrie und Medizin, jedoch selten — wenn überhaupt — in der Psychotherapie angewendet wird, ist zur Messung der peripheren Gesichtsdurchblutung von Primärtherapeuten, Primärpatienten und einer Kontrollgruppe benutzt worden. Die Untersuchung, die von Dr. David A. Goodman vom Newport Neuroscience Center in Zusammenarbeit mit Dr. Michael Holden vom Primal Institute durchgeführt wurde, erbrachte signifikante Anhaltspunkte dafür, daß jene, die am längsten Primärfeelings hatten (die Therapeuten), auch die wärmsten Gesichter hatten und als Folgerung daraus die beste periphere Durchblutung und daß Menschen mit Primals (die Patienten) wärmere Gesichter hatten als die Kontrollgruppe ohne Primals.
Thermographie ist im wesentlichen das Messen von Wärmeausstrahlung und die Umwandlung der Messung in Bilder; sie ist eine Infrarot-Fototechnik. In der Medizin ist sie zur Projizierung von Brustkrebs, der Beobachtung der Hautdurchblutung nach plastischer Chirurgie und anderen Untersuchungen dieser Art benutzt worden.
Die Untersuchung umfaßte 52 Personen — 13 Therapeuten, 22 Patienten und 17 Kontrollpersonen. Die Tests wurden in bezug auf Außentemperatur, körperliche Bewegung und darauf, ob Primais stattgefunden hatten oder nicht, kontrolliert. Bewertungen der Helligkeitsskala (Helligkeit zeigt Wärme und den die Wärme verursachenden Grad der peripheren Durchblutung an) von elf sorgfältig festgelegten Gesichtsregionen wurden von unabhängigen Beobachtern, die nicht wußten, wen sie bewerteten, durchgeführt.
Bei einem Primärgefühl macht ein defensiv eingeengter Prozeß einem freier zirkulierenden »offenen« Blutkreislaufsystem Platz. Mit zunehmender Dauer der Therapie werden die Patienten entspannter und ihr Blutkreislauf ausgeglichener. Das übermäßig beanspruchte sympathische Nervensystem übermittelt die Verengung der peripheren Blutgefäße und macht das Gesicht kälter und dunkler. Wenn der Primärschmerz gefühlt und aufgelöst wird, sorgt der Parasympathikus für eine Vasodilatation, und das bringt ein helleres, wärmeres Bild auf dem Thermogramm mit sich.
230
Therapeuten waren heller und wärmer als Nicht-Patienten und hatten auch eine bessere Durchblutung als Patientengruppen. Mit der Zeit wird in der Primärtherapie das periphere Kreislaufsystem besser.21
Die Redensart: »Er bleibt kühl« könnte mehr als eine Metapher sein. Der Mensch, der seinen Urschmerz effektiv verdrängt, ist an der Außenseite kühler. Häufig kann man Anzeichen für die Verdrängung an der Gesichtsfarbe des Neurotikers erkennen; eine eingeschränkte periphere Durchblutung kann jemanden »kalt« aussehen lassen.
Ein Mensch, der äußerlich kälter ist, ist dafür innen heißer. Es ist anzunehmen, daß Verdrängung den Körper zu mehr Arbeit antreibt. Diese Tätigkeit spiegelt sich in einer höheren Körpertemperatur.
Die Ergebnisse der Thermographie, sofern mit den Veränderungen der vitalen Körperfunktionen und der Biochemie überprüft, weisen darauf hin, daß die Gefäßsysteme im Verlauf der Therapie normaler werden, so daß ein Mensch deutlich entspannter ist.
Die Fragebogenuntersuchung
Unsere Untersuchungen zur Biochemie und den vitalen Körperfunktionen liefern uns die ersten umfassenden Messungen psychophysiologischer Veränderungen in der Psychotherapie.22 Der Anfangsschritt unserer laufenden psychologischen Forschung ist die Fragebogenuntersuchung des Primal Institutes von 1979 gewesen.23
21 Thermographische Daten helfen uns, real verknüpfte Feelings von Abreaktionen zu unterscheiden. Obwohl die abreagierende Person »Luft abließ«, war ihr Thermogramm nach der Sitzung dunkler als vor der Sitzung. Feelings verbessern zweifelsfrei den Gesundheitszustand des Blutkreislaufsystems. Es ist gesünder, weil wärmere Hauttemperatur den Einfluß des parasympathischen Systems anzeigt, und das wiederum bedeutet bessere Gewebegesundung, Hauttönung und Heilung. Eine Dominanz des sympathischen Nervensystems kann die peripheren Blutgefäße auf der Hälfte ihres maximalen Durchmessers verengt halten. Wenn sich herausstellt, daß dies auch auf die innersten Gefäßsysteme zutrifft, sind bereits Folgen für hohen Blutdruck, Migräne und Herzkrankheiten abzusehen. Auf jeden Fall spielt der Kreislauf bei der Verdrängung von Primärschmerz eine aktive Rolle.
22 Laut einem Bericht, der für uns von der Biochemical Documentation Group, Carlsbad, California, angefertigt wurde: »In der Literatur taucht keine diskrete Matrix biochemischer und psychologischer Parameter auf.«
23 Vgl. Anhang B; er enthält Details des Fragebogens von 1979; die vollständigen Ergebnisse für alle Symptome sind in der Tabelle enthalten.
231
Die Untersuchung zeigt viele signifikante Anhaltspunkte für die Gesundung in vielen verschiedenen Symptombereichen. Diese umfassen zum Beispiel Symptome wie.....
.... Hautstörungen, Muskelverspannungen, Zähneknirschen, Nägelkauen, Hämorrhoiden, Spannungskopfschmerzen, Migräne-Kopfschmerzen, Magenstörungen, häufiges Urinieren, Sodbrennen, häufige Erkältungen, Spannungszustände, schrille Stimmlage, Halsstörungen, Allergien (die eine relativ geringe Besserungsrate aufwiesen), Rauchen, Alkoholismus, Arzneimittelmißbrauch, Fettleibigkeit und übermäßiges Essen, die Einnahme verschriebener Medikamente, rasendes Herzklopfen, Menstruationsbeschwerden (auch hier eine relativ niedrige Besserungsrate),
..... übermäßige Schreckhaftigkeit, Überempfindlichkeit bei Kälte und Wärme, wiederkehrende Alpträume, Schlaflosigkeit, ständiges Verschlafen, Impotenz, Frigidität, vorzeitige Ejakulation, übermäßiges Masturbieren, ständiges Verlangen nach Pornographie, homosexuelle Phantasien, homosexuelle Aktivität, unangemessene Wut, erregte Depression, melancholische Depression, Zwangsvorstellungen, Zwangshandlungen, Phobien, paranoide Vorstellungen, Schwierigkeiten, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Arbeitssucht, Introvertiertheit und Schüchternheit, Rückzug aus sozialen Zusammenhängen und Selbstisolierung, Schwierigkeiten, Bedürfnisse auszusprechen, Schwierigkeiten, weinen zu können, Schwierigkeiten, mit anderen Probleme zu diskutieren, und Schwierigkeiten, unabhängig zu werden.
Einige Ergebnisse in der Tabelle sind vielsagend bezogen auf die Art, in der die Primärtherapie Veränderungen bewirkt. So ist zum Beispiel der von den Patienten mitgeteilte Grad der Besserungen sexueller Symptome interessant, vorausgesetzt, die Trends bestätigen sich im Verlauf der weiteren Untersuchungen. In der Primärtherapie durchleben Patienten noch einmal nichtsexuelle Traumata, die aus einer Zeit lange vor dem Aufkommen der Sexualität datieren, nichtsdestoweniger aber tiefgehende Auswirkungen auf die Sexualität haben.
Die Zahl des Samples für homosexuelle Aktivität ist zugegebenermaßen klein, doch von denen, die über Feelings auf der ersten Ebene berichteten, gaben 70 Prozent ein Verschwinden homosexuellen Ausagierens an, während 56 Prozent derjenigen, die Feelings nur auf der zweiten Ebene hatten, von einem Verschwinden des Ausagierens berichteten. Veränderung ist eine Funktion erlebten Primärschmerzes.24
232
Die Durchschnittshäufigkeit sexueller Aktivität betrug vor der Therapie fünfzehnmal pro Monat. Nach der Therapie ging der Durchschnitt auf zehn pro Monat zurück — ein Rückgang von 33 Prozent. Unsere Unterhaltungen mit den Patienten legen den Gedanken nahe, daß sich mit der Primärtherapie nicht so sehr das Sexualverlangen vermindert, sondern daß ein allgemeiner Primärtrieb, welcher der Sexualaktivität zugrunde liegt, aufgelöst worden ist.
Mehr als 90 Prozent hatten das Gefühl, daß die Primärtherapie ihr Leben verändert hatte und daß sie mehr Kontrolle über ihr Leben hatten. 94 Prozent hatten sich seit der Primärtherapie auf keine andere Therapieform mehr eingelassen. Über 90 Prozent hatten das Gefühl, daß sich die Primärtherapie über die Zeit aufrechterhielt.
Ein ganzes Drittel der Antwortenden, die nach einem Jahr noch nicht in der Lage waren, ein Primal zu haben, ist vorher in einer Pseudo-Primärtherapie gewesen — Therapien, die von unausgebildeten Personen durchgeführt werden. In einer Pseudo-Primärtherapie wird der Patient in die Nähe seiner Urschmerzen gebracht, aber genau wie in der ursprünglichen Situation wird ihm keine richtige Chance gegeben, darauf in natürlicher Weise zu reagieren. Diese Umstände führen häufig zur Entwicklung einer zweiten oder verstärkten Neurose.
Ergebnisse der »Veteranen«
Eine der Verfahrensweisen, mit denen die Fragebogenaktion analysiert wurde, war ein Vergleich der Ergebnisse der Gesamtzahl der Untersuchung mit der Gruppe ehemaliger Patienten, die ihre Primärtherapie 1975 oder vorher begonnen hatten. Diese Gruppe bestand aus 62 der 200 Antwortenden. Ein Grund für diese spezielle Analyse war die Beantwortung der Frage, ob die durch die Primärtherapie bewirkten Veränderungen, wie von den Patienten berichtet, anhielten. Exakte Ergebnisse können der Tabelle entnommen werden.
24 In einigen der Fälle, die Primals auf der zweiten Ebene haben, wird von einer Verschlimmerung der Symptome berichtet und davon, daß man sich schlechter fühle. Diese Patienten haben oft »Übergriffe« von der ersten Ebene. Das heißt, Primärschmerz der ersten Ebene beginnt aufzusteigen, was bei den Patienten die allgemeine Angstebene erhöht und sie symptomatischer macht.
233
Für die meisten Symptome zeigten die »Veteranen« eine Verstärkung des Trends zur Besserung, wie er von der Gesamtzahl der an der Untersuchung Beteiligten berichtet wurde.25
Die Veteranenergebnisse unterstützen die Auffassung, daß Symptome zunehmend durch das Hinabsteigen auf den Bewußtseinsebenen aufgelöst werden, und dies besonders, wenn jemand Jahre hindurch Primais hat. Die Ergebnisse zeigen weiterhin, daß Patienten, nachdem sie die Therapie beendet haben, Fortschritte machen, was bedeutet, daß sie die Therapie zu einem Instrument für den eigenen Gebrauch umgesetzt haben. Die Resultate für die Veteranen-Primärpatienten zeigen einen anhaltenden Fortschritt an, je länger sie die Therapie hinter sich haben.
Die Untersuchung von 1979 schloß eine Kontrollgruppe von 50 zukünftigen Primärpatienten mit ein, welche die Ergebnisse im wesentlichen in jeder Hinsicht widerspiegelte, mit Ausnahme der Tatsache, daß sie sich der Primärtherapie noch nicht unterzogen hatten. Wir wollten wissen, ob die Primärtherapie tatsächlich die Veränderungen herbeiführt, von denen die Patienten berichten.
Seit fast drei Jahrzehnten hält sich in der Psychotherapie die Kontroverse, ob die Therapie Veränderungen herbeiführt oder nicht und speziell die Frage, ob Patienten nicht die gleichen Ergebnisse aufweisen könnten, ohne sich einer Therapie zu unterziehen. Die Kontroverse begann mit einer Untersuchung von H. Eysenck, der feststellte, daß Patienten eine vorübergehende Besserungsquote von zwei Dritteln aufwiesen, ganz gleich, ob sie in Behandlung waren oder einfach nur auf einer Warteliste standen.26
25 Die Signifikanz der Ergebnisse variiert entsprechend der Zahl der Antworten. Der geringe Umfang der Veteranenuntersuchung bedeutet, daß die angegebene Besserungsrate in den meisten Fällen einfach nur von Interesse ist und hauptsächlich heuristischen Wert hat, somit nur als Hinweis auf mögliche Trends, die weiterer Forschung bedürfen, verstanden werden kann.
26 Es ist natürlich wichtig, dabei im Auge zu behalten, daß die Besserungsrate von zwei Dritteln in Begriffen der von Eysenck ausgewählten Kriterien definiert war - »psychologischen« Kriterien, die die biopsychologische Dimension nicht mit einschlössen. H. J. Eysenck, »The Effects of Psychotherapy: An Evaluation«, in Journal of Consulting Psychology, Bd. 16, 1952, S. 319-24.
234
Sechsundzwanzig Jahre später und mindestens vierzehn diesbezügliche Untersuchungen danach war die Kontroverse immer noch nicht beigelegt. Die Verteidiger der Psychotherapie konnten vor allem vorbringen, daß die Besserungsquote von zwei Dritteln für Leute auf der Warteliste viel zu hoch angesetzt ist — daß die Besserungsquote für Leute ohne Psychotherapie viel niedriger ist, als Eysenck angab. Was die Besserungsquote für Leute in Therapie anbelangt, so ließ eine Überprüfung der Untersuchungen seit Eysenck erkennen, daß nur mäßige Veränderungen bei den Patienten in psychotherapeutischer Behandlung eintreten.27 Zusätzlich kam eine Überprüfung von 38 Untersuchungen zu dem Schluß, daß keine der traditionellen psychotherapeutischen Methoden erfolgreicher war als irgendeine andere.28
Die Untersuchung des Primal Institute zeigt nicht nur, daß Patienten über erhebliche Besserungen durch die Therapie berichten, sondern auch daß die Kontrollgruppe der zukünftigen Patienten angibt, ihre Symptome würden sich in der gleichen Zeit, ohne Therapie, verschlimmern. Dieser Befund bedeutet, daß die Primärtherapie für die in der Untersuchung berichteten Veränderungen verantwortlich ist.
Biochemie und die psychologische Dimension
Wir sonderten die Patienten der Fragebogenaktion aus, die auch Teil der biochemischen Untersuchung waren.29 Wir stellten signifikante Unterschiede fest zwischen denen, die schon früh in der Therapie Feelings hatten, und jenen, bei denen das nicht der Fall war.
Die Trends in dieser Untersuchung wiesen beständig darauf hin, daß bestimmte biologische Veränderungen mit psychischen Besserungen verbunden sind. Zum Beispiel hatten jene, die früh Feelings hatten, bedeutend seltener Depressionen als jene, die noch keinen Zugang zu ihren Feelings hatten. Sie wiesen auch weniger körperliche Symptome auf, wie etwa Durchfall und Ticks, und erfreuten sich eines allgemeinen Gefühls der Entspannung. Deshalb glauben wir, daß es möglich sein wird, allein durch biochemische Untersuchungen auf bestimmte psychische Veränderungen zu schließen.
27 Allen E. Bergin und Michael J. Lambert, »The Evaluation of Therapeutic Outcomes«, in Sol L. Garfield und Allen E. Bergin, Hrsg., Handbooks of Psychotherapy und Behavior Change, John Wirley & Sons, New York, 2. Aufl. 1978, S. 142-52.
28 Ebenda, S. 162.
29 Siehe Anhang A.
235
Als Resultat unserer und auch anderer Untersuchungen entwickeln wir einen Bezugsrahmen zum Studium der Psyche und der Biologie als einer Gesamtheit. Wir nähern uns dem Zeitpunkt, an dem wir bestimmte biochemische Zustände beobachten und darüber eine Vorstellung über die Art der Gefühle und Einstellungen des Menschen gewinnen können — einer Zeit, in der es uns möglich sein wird, die Neurose im Blut zu erkennen. Über spezifische Vorstellungen eines Menschen können wir wegen der Verschiedenartigkeit und Plastizität von Vorstellungen nichts sagen.
Aber wir wissen, daß die Vorstellungen auf dem Fundament einiger weniger Einstellungen beruhen. Wenn wir die Einstellungen sowohl durch biochemische als auch psychologische Analysen genau markieren können, sind wir in der Lage, einen Bereich zu beschreiben, innerhalb dessen sich die Vorstellungen eines Menschen wahrscheinlich bewegen. Wir könnten zum Beispiel den Kriminellen nicht nur in Begriffen seines »mentalen« Zustands analysieren, sondern es wird uns auch möglich sein, die Chemie seines Blutes zu »fragen«, ob sich seine Vorstellungen und Impulse gründlich geändert haben.
Die durch ein frühes Trauma verursachte Verschiebung der Biochemie schafft wahrscheinlich eine Prädisposition für assoziierte psychische Verzerrungen. Jemand könnte nicht nur neurotisch handeln, sondern auch eine »neurotische« Biochemie haben. Er könnte sowohl neurotisch aussehen — im Sinne seiner Knochenstruktur, Hautfarbe, Wachstumsmustern und Haarwuchs — als auch so handeln.
Die Biologie des Geistes
Primals sind weder infantile Regressionen, Schauspielereien, Rollenspiele, Hysterie, Katharsis noch Abreaktion. Jede der erwähnten Konditionen kann innerhalb bestimmter biologischer Grenzen definiert werden. Wir wissen, wie Hysterie psychologisch und auch biologisch aussieht. Aufspaltung ist nicht nur ein Begriff, mit dem Psychoanalytiker herumspielen — sie ist eine biologische Realität.30 Zur Erhärtung meiner Ansicht trägt bei, daß wir eine Korrelation von nahezu eins zu eins zwischen einem weiten Streuungsbereich von Stimmungsveränderung und Änderungen der Wachstumshormone entdeckt haben.
Über die ersten dreizehn Monate der Primärtherapie nimmt mit der Häufigkeit der Primals auch der Wachstumshormonausstoß zu. Es könnte sein, daß die biologische Bedeutung der psychischen Verfassung des »Sich-gut-Fühlens« ein System in einer Besserungs- und Heilungsphase mit einer richtigen Hormonausschüttung ist.
Je besser wir die Veränderungen, die in einer Psychotherapie stattfinden, biologisch quantifizieren können, desto präziser können wir die Auswirkungen dieser Therapie beurteilen. Wir sind dann besser in der Lage, den Fortschritt eines Patienten, unabhängig von persönlichen Vorurteilen und dem Glauben des Therapeuten, beobachten zu können.
Obwohl ich wissenschaftliche, objektive Methoden zum Verständnis der Neurose erörtert habe, beruht die letztendliche Wahrheit über die Neurose auf der Ebene der Erfahrung. Keine auch noch so große Menge wissenschaftlicher Beweise oder statistischer Daten wird Wissenschaftlern dabei helfen können zu begreifen, was Feelings sind. Feelings können in Form von Begriffen nicht adäquat verstanden werden, und je mehr jemand Begriffe zum Verständnis benutzt, desto weniger wird er verstehen. Jene, die nicht fühlen können, brauchen recht viele zerebrale, statistische Beweise. Doch die Beweise, die sie brauchen, können sie nicht anerkennen, weil sie immer noch keine Vorstellung von einem Feeling haben.
Hört ein Mensch auf, Gefangener seiner Geschichte zu sein, wird eine gewandelte individuelle Physiologie sichtbar. Die Formulierung »Gefangen im Schmerz« ist weder nur Semantik noch bloße Bildhaftigkeit. Die chemischen Ketten, die uns fesseln, sind genauso real wie die aus Stahl.
236-237
#
30) Zum Beispiel leidet das Hirn von Menschen, die Halluzinogene genommen haben, unter permanent geöffneten Schleusen. Die Hirnwellenmuster zeigen ein aufgelöstes Abwehrsystem - eine Amplitude, die zuerst »durch die Decke« geht, oft um das Zehnfache steigt, um dann zu einer permanent abwehrlosen niedrigen Amplitude schneller Muster zusammenzufallen.
#